… gibt es denn keinen Raum mehr für Reue, keinen für Vergebung mehr? Nichts gibt es mehr denn durch Unterwerfung; und jenes Wort verbietet mir die Würde und meine Furcht vor Schande unter den Geistern dort unten, die ich mit anderen Versprechungen verführte als der, mich zu unterwerfen, als ich mich rühmte, den Allmächtigen besiegen zu können. Ja, ich! Wenig wissen sie davon, wie sehr ich an jenem so eitlen Schwur festhalte, unter welchen Qualen innerlich ich seufze.
Milton, Das Verlorene Paradies
Sie waren alle in dem einschüchternden Büro des Vorsitzenden Parleau und plauderten noch, bevor die Konferenz begann; Eykor hatte gerade einen seiner endlosen Dispute mit Plattsman wegen der unterschiedlichen Funktionen von Sicherheit und Aufsicht wie auch der historischen Gründe für den Aufstieg letzterer weitgehend auf Kosten ersterer. Parleau nahm keine aktive Rolle bei dem Disput ein, obwohl er von Zeit zu Zeit den einen zu einem kühnen Ausfall anzustacheln beliebte, auf den sich dann sofort der andere stürzte.
Den Kern der Diskussion nahm in diesem Moment Eykors Anschuldigung ein, daß die Aufsicht mit den Jahren im Grunde viel vom Besten der Sicherheit an sich gerissen habe, namentlich, wie man Ereignisse, die den Einsatz brutaler Gewalt rechtfertigten, voraussah und ihnen zuvorkam. Plattsman folgte dem Gegenargument, daß es in Wahrheit das Ziel der Aufsicht mit ihrem verfeinerten statistischen Analysen, Überwachungsanlagen und dem zur Meldung über den Status des einzelnen dienenden Netz war, so gut und genau Vorhersagen zu machen, daß regulierende Aktionen durch eine regulierende, aber auch übermächtige Kraft in Schach gehalten wurden. Es wäre vielleicht strittig gewesen, wenn einer gesagt hätte, daß das ursprüngliche Ziel des gesamten Aufsichtssystems darin lag, Probleme aufzuzeigen und sie zu beseitigen, eine echte Brücke zwischen der geschäftsführenden Regierung und reiner Machtpolitik zu bilden.
Plattsman sagte soeben: „Und außerdem konnten wir die Sicherheit gar nicht an uns reißen, weil wir, und das ist eine Tatsache, keine Truppen haben.“
„Wir sind Ihre Truppen, jedenfalls die meiste Zeit“, entgegnete Eykor.
„Dann also Symbiose. Die Hände und die Augen, die zusammenarbeiten. Die Fähigkeit der Hand, ihr Aktionsfeld zu erkennen, ist auf die nahe Feldarbeit begrenzt – auf Berührung, das Erkennen von Wärme. Andererseits sieht und integriert zwar das Auge, aber kann von sich aus nichts tun, um seine Schätzungen in die Praxis umzusetzen. Es kann nicht einmal einer Gefahr ausweichen.“
Sie hätten noch viel länger weitermachen können und hätten es wohl auch getan, aber Parleau wurde unruhig und bedeutete ihnen innezuhalten. Er wußte natürlich, daß Plattsman mit seiner Analogie von Hand und Auge im Grunde recht hatte, aber daß er mehrere Faktoren außer acht gelassen hatte. Einer davon war der, daß die Aufsicht, wenn sie erst einmal fest etabliert war, sich von der anfänglichen Position einer eher altruistischen Professionalität zu einer sich selbst perpetuierenden klassischen Bürokratie hin zu entwickeln begann und dadurch ihr eigentliches funktionales Wachstum verringerte. Zweitens hatte sich die Aufsicht mit den Jahren tief in die Manipulation von Meinungen um ihrer selbst willen verstrickt und war bei mehreren Gelegenheiten gefährlich nahe daran herangekommen, sich mittels ihrer eigenen internen Verkehrsprobleme und Störungen zu erdrosseln. Sie hatten diese Krisen erstaunlich gut gemeistert, und ihre Integrität war zu einem Losungswort innerhalb der verschiedenen regionalen Abteilungen geworden. Aber Parleau war der Meinung, daß man zu großes Vertrauen in sie setzte. Parleau selbst hätte es vielleicht so ausgedrückt, wie er manchmal in Gegenwart seiner engsten Vertrauten aus den guten alten Zeiten zu sagen beliebte: „Ganz unten wird man immer irgendeinen harten Burschen brauchen, der die anderen in den Arsch tritt und sich dafür beschimpfen läßt. Es gibt einfach keinen Ersatz für einen guten Gummiknüppel oder -schlauch oder auch für einen Kleiderbügel, wenn er mit Lust und Liebe eingesetzt wird, und wenn man sich ohne Zögern entschließt, ihn einzusetzen.“ Die Sicherheit kam dieser Forderung auf ganz passable Weise nach, wenn sie auch oft wegen Übereifrigkeit gebrandmarkt werden konnte. Und die Menge an Arbeitskräften, die sie verschlang, war einfach unglaublich!
Parleau bedeutete ihnen, daß sie anfangen sollten. Alle, die anwesend waren, raschelten mit den Papieren, schoben ihre Notizen hin und her, bewegten sich ruhelos auf ihren Sitzen hin und her, wurden dann still. Plattsman würde natürlich als erster an der Reihe sein. Er hatte die Daten, auf die sie alle gewartet hatten, oder so hofften sie jedenfalls, und das hatte man sie glauben gemacht. Plattsman besaß wahre Bündel maschinengedruckter Berichte und Resümees, Analysen und Schlußfolgerungen.
Plattsman fing also an. „Nun denn. Abhörgeräte im Büro eines gewissen W. Vance, Institutsdirektor, haben eine Unterhaltung zwischen Vance und einem gewissen Hando Errat aufgezeichnet, anscheinend von Kontinental, in der es um eine Vorführung des Mädchens ging, das in dem Vandalismus-Fall aufgegriffen wurde.“
Bei Parleau rührte sich etwas bei der Erwähnung dieses Errat. Er hatte den Namen schon mal gehört, aber er wußte nicht, wo er ihn hinstecken sollte. War das in Kontinental gewesen? Er versuchte sich zu erinnern, aber der Ausdruck auf Eykors Gesicht lenkte ihn ab, und es war wieder weg. Machte nichts, dem konnten sie später nachgehen. Was für ein Interesse hatte Kontinental an dieser Sache?
Plattsman machte eine leichte Pause, um sicherzugehen, daß sie den Gebrauch des Wortes „Vandalismus“ auch richtig mitbekamen, wo Eykor doch von Anfang an von „Terrorismus“ gesprochen hatte. Dann fuhr er fort: „Kurz darauf bat Vance eine gewisse Frau Doktor Harkle um Hilfe, die Direktorin der Abteilung Forschung und Entwicklung. Sie erinnerte sich sofort an das Mädchen, und diese Tatsache wurde nach oben weitergegeben. Auch konnten wir einen Disprint der Repro ausfindig machen, und der paßt genau auf das Mädchen.“
Parleau warf ein: „Ist das aufgezeichnet worden? Haben Sie diesen Errat überprüft?“
Plattsman zögerte und sagte dann: „Nein, Herr Vorsitzender, eine Aufzeichnung fand nicht statt. Wir hatten Vance bereits etwas früher überwachen lassen, und die Leitung war schon entfernt worden. Es wurde zwar noch eine Musterung durchgeführt, aber auf der Basis von Priorität fünf, was eben bedeutet: ‚keine Aufzeichnungen’. Wir hatten schon enormes Glück, daß wir dieses hier bekommen haben. Ja, wenn wir nicht ganz schnell geschaltet hätten, was die Disprint-Anlage angeht, hätten wir uns nicht einmal den Disprint des Mädchens ansehen können. Das Ganze hat nur ein paar Minuten gedauert.“
„Von Errat gibt es natürlich auch keinen Disprint.“
„Wir haben keinen bekommen. Als es soweit war, daß unsere Überwachungsanlage merkte, was sich abspielte, war Errat schon wieder verschwunden. Wir haben natürlich bei der Aufsicht von Kontinental nachgefragt, aber bei offener Leitung konnten die über die Angelegenheit nicht sprechen. Verwiesen uns an Sektion Q, Denver. Wir haben nicht weiter auf der Angelegenheit bestanden.“
„Ich verstehe.“ Parleau verstand in der Tat. Leute, die die Sektion Q etwas fragten, wurden ihrerseits von besagtem „Q“ befragt und gerieten dann außer Sichtweite.
Da war immer noch etwas, was Parleau irgendwie störte, aber jetzt fuhr Plattsman fort: „Wichtige Daten folgen: Das Subjekt ist eine gewisse Maellenkleth Srith Perklaren, zwanzig Jahre; Geschlecht weiblich. Sie hat halbtags als Forschungsassistentin in der Abteilung Mathematik gearbeitet, damals noch F und E. Laut den Gutachten, die zu bekommen es uns gelungen ist, neigte sie zu Zerstreutheit und Geistesabwesenheit, aber sie war kompetent. Sie scheint zurückhaltend und verschlossen gewesen zu sein, aber alles in allem hilfsbereit und von angenehmer Wesensart. Es gibt einen unbestätigten Eintrag über Familienprobleme, aber wir konnten nicht herausfinden, welcher Art sie waren. In den Personalakten des Instituts wird sie innerhalb ihres Familiensystems als Innenverwandte geführt.“
Plattsman hielt inne, und Parleau sah auf, da er noch mehr erwartete. Für so etwas berief Plattsman eine Konferenz ein? Er fragte Eykor: „Ist das alles? Was gibt es denn bei der Abteilung Sicherheit?“
Eykor antwortete: „Wir nahmen an, daß wir nichts gefunden hätten, weil wir nicht an die Angelegenheiten des Reservats herangekommen sind. Ich wäre sehr dafür, daß wir ihren familiären Beziehungen nachgingen und so weiter, aber wir haben nur unser eigenes Zeug routinemäßig gecheckt, um herauszufinden, ob es da irgendeine Entsprechung gibt. Wir haben dabei nichts gefunden, aber was wir in den Unterlagen fanden, war ein Hinweis, ja eine Akte über eine andere, die nur mit ihren Initialen als Perklaren, M. S. verzeichnet war, und zwar beim Raumprogramm, ob Sie es glauben oder nicht. Wir haben uns dann näher damit beschäftigt und schließlich sogar die Ordner mit den Fiches ausgegraben. Diese zweite nannte sich Mevlannen Srith Perklaren, und nach dem Foto zu urteilen kamen wir zu dem Schluß, daß es sich nicht um dieselbe Person handelt. Die Perklaren, die die Aufsichtsbehörde ausgegraben hat, ist ebenfalls eine weibliche Ler und hat jetzt Sicherheitsabstand Ebene vier, Zugangstypus B, Noten hervorragend. Ihre Leistung wurde als ‚außerordentlich und innovativ’ eingestuft. Wurde dem Team Trojanisches Auge zugewiesen. Normalerweise ist sie im Testgebiet der Westküste stationiert oder auch im Raum. Ich habe mich mit der Aufsicht in Verbindung gesetzt, und wir konnten ihren Aufenthaltsort als gegenwärtig am Boden ausmachen. Zusätzlich konnten wir ein Gesuch einschalten, sie dort noch für eine Weile zu belassen. Wir könnten sie nur allzu leicht mit hineinziehen.“
„Was macht diese Perklaren?“
„Sie ist als Konstruktionstechnikerin im freien Fall und als Spezialistin für Optik ausgebildet.“
Klyten lachte. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Eine Ler in der Optik. Demnächst stoßen wir noch auf einen Amputierten als Bauarbeiter, wie er gerade mit dem Preßlufthammer das Pflaster aufreißt!“
Alles drehte sich um und starrte Klyten an. Er gewann wieder seine vorherige Haltung zurück und erklärte: „Sie sind ziemlich berüchtigt dafür, das zu haben, was wir als schlechte Augen bezeichnen. Die Netzhaut des Ler besteht fast ausschließlich aus Stäbchenzellen. Ihre Fähigkeit, Farben zu erkennen, ist enorm hoch, aber die zur Rasterung ist weniger stark; und natürlich sind sie bei leichteren Graden von Halbdunkel da schwer benachteiligt, wo ein Mensch ganz gut sehen würde, wenn auch vornehmlich Grau in Grau. Zum Ausgleich besitzen sie mehr Arten von Stäbchenzellen und ein erweitertes Spektrum, das, wenn ich es recht verstehe, zwei deutlich erkennbare ‚Farben’ unterhalb dessen beinhaltet, was wir Rot nennen, und eine in der Nähe des uns bekannten Ultravioletts, aber das nützt ihnen auch nicht viel. Daher ist eine von ihnen, die als Optikerin arbeitet und an einem Teleskop baut, schon etwas Besonderes. Wissen Sie, am Boden, hier auf der Erde, heißt es, daß sie große Schwierigkeiten haben, irgend etwas am nächtlichen Himmel unter Größe drei, ganz selten vier, zu erkennen. Deshalb habe ich gelacht: Sie arbeitet unter einem schweren Handicap.“
Parleau bemerkte: „Sie muß aber schon sehr gut sein, wenn sie unter diesem Handicap arbeitet und trotzdem zu Ergebnissen kommt. Gibt es irgendeine Verbindung zwischen ihr und dem Mädchen, das wir festgenommen haben?“
Klyten antwortete: „Bei der Namensgebung gibt es die Sitte, daß Namen sich nicht wiederholen dürfen. Jeder trägt einen einmaligen und sinnvollen Namen, wenn sie auch für meinen Geschmack etwas zu ausgefallen und exotisch sind. Sie wollen sieben Generationen durchlaufen, bevor sie einen Eigennamen wiederholen. Und was die Nachnamen betrifft, so wiederholen sie auch diese nicht. Der Nachname einer Familiengruppe bezieht sich jeweils auf einen Beruf, und wenn sie bei einer Tätigkeit mehr als eine solche Gruppe haben, dann stellen sie der Namenswurzel eine Zahl voran. Meinen Unterlagen zufolge würde der Name ‚Klaren’, nun, mit ‚Spieler’ zu übersetzen sein. Aber sie haben zwei von diesen Familiengruppen, und so wird die ältere Perklaren genannt, ‚Erst-Spieler’, und die zweite Terklaren, also ‚Zweit-Spieler’. Da sich also nun kein Name wiederholt und wir es mit zweien zu tun haben, die den gleichen tragen, sind sie folglich in der gleichen Gruppe. Strenggenommen verwenden sie die Nachnamen nicht mehr, wenn sie einmal den Ältestenstatus erlangt haben, so daß diese beiden der gleichen Generation angehören müßten. Eykor, wie alt war Ihr Mädchen?“
„Zwanzig.“
„Dann sind sie Innenverwandte. Hm … Aber das würde heißen, daß ihre Familiengruppe oder Webe, wie sie es nennen, zwei Innenverwandte des gleichen Geschlechts hätte, falls es nicht noch Zwillinge gibt, von denen wir nichts wissen. Das könnte der Grund für die familiären Probleme sein.“
Parleau fragte: „Wie das? Ich verstehe nicht.“
Klyten erwiderte: „Laut Tradition sollen sich die Innenverwandten miteinander verheiraten oder, wenn Sie so wollen, verweben.“
„Das wäre doch Inzest“, bemerkte Parleau.
„Vielleicht. Das hängt von Ihrer Definition ab. Aber genetisch gesehen ist es das nicht; die Innenverwandten haben vollkommen verschiedene Eltern und sind überhaupt nicht miteinander ‚verwandt’, wie wir sagen würden, obwohl sie gemeinsam aufgezogen werden und enger zusammenleben, als es bei der üblichen Bruder-Schwester-Beziehung der Fall ist. Aber hier, in diesem Falle, sieht es ganz so aus, als ob der Zustand eintreten müßte, den sie als Polhovemosi bezeichnen: Man ist ‚aus dem Geschlecht gefallen’. Wenn die Innenverwandten das gleiche Geschlecht haben, dann endet die Webe, und alle Mitglieder müssen sich in andere Weben hineinverweben lassen, wo sie die Stellung des Außenverwandten einnehmen. Sie verlieren eine ganze Menge dabei: den Status, die Verbindung mit der Vergangenheit, die Tradition. All diese Dinge werden bei ihnen sehr hochgeschätzt. Die Rolle innerhalb der Familiengruppe zu verlieren ist ein ganz schwerer Schlag.“
Eykor bemerkte: „Nun, ich finde das ja recht interessant, aber das Ganze ist für uns hier nicht von allzu großem Nutzen. Hat es irgendeinen Sinn, in ihren Nachnamen herumzugraben?“
Und Parleau fügte noch hinzu, als sei ihm dies gerade erst eingefallen: „Und was ist mit der Verbindung zwischen Maellenkleth der Spielerin und Maellenkleth der Vandalin? Wenn sie mit ihrer Situation nicht einverstanden war, und das könnte ja sehr gut sein, nach dem, was Sie sagen, warum hat sie dann nicht etwas bei ihrem eigenen Volk kaputtgemacht? Schließlich haben wir ihre kulturellen Beschränkungen ja nicht erfunden.“
„Es sieht so aus, als ob zumindest eine von ihnen keine Ressentiments gehabt hätte, jedenfalls nicht so, daß sie sichtbar gewesen wären“, sagte Eykor. „Ihre Noten waren beeindruckend, und das um so mehr, wenn man Klytens Ausführungen über das Sehvermögen des Ler in Betracht zieht.“
„Es stimmt, was Sie instinktmäßig vermuten“, antwortete Klyten, „daß nämlich ihre Familiengruppen in ihren Wertsystemen zur Homogenität neigen; daß die eine von ihnen eine Könnerin ist, bedeutet vermutlich nicht, daß die andere auch eine ist, aber es spricht dagegen, daß sie eine Vandalin ist … Aber das sind nur Vermutungen, keine Orakel oder Vorhersagen. Was sagen Sie dazu, Plattsman, was sagt die Aufsicht?“
„Wie immer brauchen wir mehr Daten. Grundsätzlich stimme ich zu, aber der Vandalismus ist ein kompliziertes Ding, und ich hätte gerne mehr über das Mädchen, ihre Matrix, die inneren Werte der Klasse gewußt, zu der sie gehört. Ich weiß auch nicht, ob wir die menschliche Familienstruktur oder die menschlichen Werte genau auf sie projizieren können. Das bedarf noch einiger Arbeit da hinten in den Kulissen.“
Klyten nickte, als ob seine Vermutungen bestärkt worden seien, und begann sich an Eykors Frage heranzutasten, die beinahe vergessen worden war. Was war denn nun eigentlich an den Nachnamen dran? „Ich sagte, daß jede Webe eine Rolle oder einen Beruf hat, auf die oder den durch den Namen verwiesen wird. In dem Falle der beiden Spielergruppen machen sie genau das – sie spielen. Das ist eine ganz merkwürdige Sache, wieder so eine von ihren Kuriositäten.“
Bis jetzt hatte Parleau irgendwie außerhalb gestanden, abseits vom Fluß der Redebeiträge, aber jetzt wurde sein Interesse lebhafter. „Sie spielen?“
„Nun ja, es ist eigenartig, es kommen da alle möglichen Abnormitäten vor; es scheint, als hätten sie innerhalb ihrer Gesellschaftsordnung zwei Familien, deren Rolle genau darin besteht, öffentlich Spiele vorzuführen. Aber nach dem, was wir unter dem Begriff verstehen, scheint mir der Ausdruck ‚Berufsspieler’ irgendwie nicht ausreichend dafür. Sehen Sie, es ist zufällig der einzige organisierte Sport, den sie haben, der einzige, der nach formellen Regeln und mit organisierten Mannschaften gespielt wird. Ohne Ausnahme sind alle ihre übrigen Spiele nicht formell und ganz unstrukturiert, mehr wie traditionelle Kinderspiele als irgend etwas anderes. Jedoch scheinen sie den Spielern irgendeine Genugtuung zu geben. Überdies wird eben dieses Spiel nicht auf einem Spielfeld oder Platz gespielt, sondern auf einer tragbaren elektronischen Schautafel. Das, wohlbemerkt, in einer Kultur, die fast nie elektrische Energie oder Elektronik benutzt.“
Parleau zog die Augenbrauen hoch und machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber Plattsman lieferte einen Beitrag, bevor er soweit kam: „Wir von der Aufsicht haben uns ebenfalls mit diesem Spiel beschäftigt, und was Klyten da sagt, ist wahr. Ihre Schautafel ist sowohl tragbar als auch dauerhaft, wird anscheinend von einer unabhängigen Energiequelle gespeist und ist extrem zuverlässig. Zumindest hat es nie während eines öffentlichen Spiels eine Panne gegeben. Von alldem können wir ableiten, daß in die Konstruktion ein Computer eingebaut ist, wenn wir bis jetzt auch noch nicht sagen können, wo genau er innerhalb der Maschine liegt.“
Parleau lehnte sich nachdenklich in seinem Sessel zurück. Er überlegte laut: „Pannen in der Öffentlichkeit zu vermeiden ist nicht so schwer, wenn man gute Mechaniker und Ingenieure hat und ein gutes Timing. Und was die Stellen betrifft, an denen die Schaltungen und der Logiksektor und die Gedächtniseinheiten sitzen müßten – bei einer gut durchdachten Konstruktion könnte das überall eingebaut sein.“
Plattsman entgegnete etwas, wobei er auf die glänzende Stirn des Vorsitzenden sah. „Ich verstehe, Herr Vorsitzender. Das ist alles richtig. Was Klyten versuchte, deutlich zu machen, und was auch mir wichtig erscheint, ist die Tatsache, daß dies, über einige Generationen hinweg, in einer Kultur geschieht, die die Technologie, insbesondere die elektronische Technologie, wie wir sie kennen, unterdrückt.“
Klyten fügte noch hinzu, bevor Parleau an irgendwelche vernünftigen Argumente denken konnte: „Und es ist ein formelles Spiel mit komplizierten Regeln und strengen Operationen – in einer Kultur, in der spontane, unstrukturierte Kinderspiele gemacht werden. Nun beachten Sie auch das Folgende: Dies findet statt innerhalb einer begrifflichen Umgebung, in der jede Familiengruppe eine funktionale Beschäftigung hat, die für die Gesellschaft notwendig ist. Die Spieler tun nichts, außer einigen niederen Dingen, die der Selbsterhaltung dienen, außer dieses Spiel zu spielen.“
Parleau kehrte wieder zu seiner normalen Stellung zurück und beugte sich dann vor, wobei er seine schweren Arme und Hände flach auf die Platte seines Schreibtisches preßte. „Jede Webe dient dem Ganzen“, sagte er, „aber die Spieler werden sozusagen subventioniert?“
„Genau“, sagte Klyten.
Plattsman fügte hinzu: „Wir haben keinen Zugang zu ihrer Makroökonomie, aber nach den Modellen in den Untersuchungen zu urteilen, die man angestellt hat und in denen mit simulierten Geräten gearbeitet wurde, sieht es ganz so aus, als ob damit beträchtliche Kosten verbunden seien.“
Klyten sagte noch mehr. „Und das wird durch ihr gesamtes Wertsystem bestätigt. Am Rande liegende Aktivitäten – zum Beispiel die Künste – existieren zwar, aber nur unter ferner liefen. Es gibt sogar auf volkstümlicher Ebene ein außerordentlich ausgeklügeltes Management-System, nach dem Gewerbe, die nichts zum Wohl der Allgemeinheit beitragen, einfach eliminiert werden, ganz gleich, wie attraktiv sie sein mögen. Und dieses System ist genauso schwer auszumachen wie die Lage des Computers im Falle der Schautafel ihres Spiels. Wir wissen, daß dieses Ding existiert, aber bis jetzt hat noch keiner herausgefunden, wo. Es gibt auch Überlegungen in der Richtung, daß die große Mehrheit des Ler-Volkes sich dieses Systems nicht bewußt sein kann. Sie fügen sich auf so harmonische Weise ein …“
Parleau runzelte die Stirn. „Es fällt mir schwer, dies zu sagen, weil ich es nie für möglich gehalten hätte, daß ich mich je dabei ertappen würde, daß ich so etwas sage. Aber was Sie mit all Ihren Bemerkungen ausdrücken wollen, ist doch wohl, daß diese bäuerlichen Hinterwäldler in Wirklichkeit eine … Nation darstellen mit einer so gut wie unsichtbaren Regierung, die weit effizienter und weitaus reibungsloser läuft als unsere eigene.“
„So scheint es zu sein“, antwortete Klyten. „Diese Tatsachen sind natürlich seit Jahren bekannt, aber das Ganze geht so unauffällig vonstatten, daß sich noch nie jemand ausführlicher damit beschäftigt hat. Das erklärt einiges – wie sie den Reservatsbetrieb mit Gewinn aufrechterhalten können, nicht eingerechnet das, was das Institut abwirft, und es erklärt auch die eigentliche Quelle des Institutsprodukts und der Daten, die sie uns eingeben.“
Parleau überlegte und sagte dann: „Dann speisen sie uns also im Grunde von der Spitze ihres Systems aus?“
Eykor rief wütend dazwischen: „Sie programmieren uns, würde ich sagen!“
Parleau blickte den Sicherheitschef ausdruckslos und ohne Groll an. „Es läßt sich nicht leugnen, daß sie, wenn sie das tun, es zum Wohl der Allgemeinheit tun. Ich sage, wenn es läuft, dann sollen sie ruhig. Falls nicht die Aufsichtsbehörde irgendeinen schändlichen Zweck bei diesen Machenschaften entdeckt.“
„Bis zu dieser Minute war sich die Aufsichtsbehörde dieser Machenschaften nicht bewußt“, sagte Plattsman. „Und ich sehe kaum einen Hinweis auf detailliertere Arbeit, von der Art etwa, die nötig wäre, um uns dahin zu bringen, wohin sie uns haben wollen. Aber ich werde dies ganz gewiß in die Forschung geben, damit wir sehen, ob wir irgend etwas beweisen können, und damit wir, wenn ja, herausfinden, in welche Richtung die Sache sich bewegt.“ Er sprach langsam, als ob er nicht willens sei, die eigentlich Bedeutung dessen, was sie hier entdeckt hatten, zu glauben: Die Aufsicht war sich vollkommen in Unkenntnis der Tatsache gewesen, daß ihnen allen wahrscheinlich ein raffinierteres System auferlegt worden war, ein Makrosystem – und hier tat Plattsmans Verstand einen gewaltigen, risikoreichen Sprung über die normale deduktive Logik hinweg –, das höchstwahrscheinlich die Kontrolle über den gesamten verfluchten Planeten einschloß! Und zu welchem Zweck? Wie Parleau es höchst zutreffend formuliert hatte, „zum Wohl der Allgemeinheit“. Das ließ sich nicht leugnen. Nachträglich fügte er hinzu: „Ja, ich werde die Burschen da drüben in der Abteilung Spieltheorie gleich loslegen lassen.“
Parleau nickte zustimmend und sagte: „Ich möchte noch etwas über dieses Mädchen und das Spiel, das sie spielen, hören. Wie alt ist es?“
Klyten antwortete: „Den Berichten zufolge fällt das erste Auftauchen des Spiels mit dem Umzug ins Reservat zusammen. Es scheint sehr eng mit ihrer Religion verknüpft zu sein, so eine Art bewegliche Moralität. Sie haben dabei Parteienstreitigkeiten, Rivalitäten, all das. Es ist ausgesprochen byzantinisch, und die Feinheiten haben sie in Schichten aus allegorischem Blödsinn eingekleidet.“
Parleau bemerkte daraufhin: „Sie sublimieren also ihre Aggressionen im Sport? Das ist ja nicht eben neu. Das haben wir selber auch gemacht, eine halbe Ewigkeit lang.“
Klyten blieb unbeirrt: „Nein, nein, die Sache ist die, daß innerhalb des Spiels eine Aggressivität erscheint, die nirgendwo sonst vorkommt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und sie erreicht bei weitem nicht alle Leute. Ja, im großen und ganzen sind die Leute sogar ziemlich wenig interessiert daran. Weniger als die Hälfte kümmert sich in irgendeiner Weise darum, und die Zahl der echten Anhänger beträgt wahrscheinlich weniger als zehn Prozent, die Spieler selbst eingerechnet.“
Die Daten hatten für Parleau ebensowenig Sinn wie für irgend jemand anders. Er dachte eine Weile darüber nach und fragte dann: „Also, was zum Teufel ist das denn nun für ein Spiel? Wir reden hier wieder über so eine Sache, die wir nicht richtig sehen können, oder fischen wir auch da mal wieder im trüben?“ Parleau war plötzlich ein Licht aufgegangen. Wenn er nur dieses System durchschauen könnte, welches seinem Gespür nach Teil eines größeren, komplizierteren Plans war, würde er, wenn er es aufdeckte, ein gemachter Mann sein, weit über Denver hinaus. Wenn er diese Vollidioten nur dazu bringen konnte, die Antworten zu finden. Jawohl. Plötzlich schien ihm die Aussicht, seinen Posten an der Südküste lediglich zu überleben, unbedeutend, perspektivlos, beschränkt.
Plattsman sagte: „Es handelt sich um ein rekursives System …“ Klyten fügte noch hinzu, indem er den Aufsichtsbeamten unterbrach: „Ja, rekursiv. Das Spiel selbst, wie wir es sehen, scheint sehr entfernt mit dem Schachspiel verwandt zu sein, oder mit dem Damespiel, aber natürlich ist es fast unvorstellbar komplexer als jedes dieser beiden Beispiele. Selbst der Versuch einer Beschreibung ist offenkundig schwierig … Sie spielen normalerweise auf einem zweidimensionalen Feld, das nach Belieben in eine der folgenden Musterreihen eingeteilt sein kann: Dreiecke, Quadrate und Sechsecke, wobei diese gleichseitig und regelmäßig sind, und außerdem in eine ganze Reihe von unregelmäßigen Fünf- und Sechsecken. Diese zerlegen das Feld in Zellen. In jeder Zelle kann eine Reihe von Zuständen eintreten, angefangen bei binären An-aus-Zuständen. Ich glaube nicht, daß die Reihe der Zustände, in die eine Zelle geraten kann, begrenzt ist, obwohl es offensichtlich einige praktische Grenzen gibt. Das Spiel beginnt mit einigen einfachen, und ich gebrauche das Wort in diesem Zusammenhang mit einiger Zurückhaltung, Mustern von Zellzuständen … ein Zug in dem Spiel oder eine Zeitkomponente bildende Einheit ist die Summe all der Veränderungen, die dadurch hervorgerufen werden, daß jede Zelle nacheinander in Beziehung zu einer umgebenden Menge von Zellen betrachtet wird, und zwar manchmal durch einfache Addition und manchmal durch die Gruppierung von Zellen in verschiedenen Zuständen um die als Bezugspunkt dienende Zelle herum. Diese nachbarliche Umgebung kann auch verschiedenartig sein; sie kann von nahe bis fern reichen. Dann wenden sie Übergangsregeln an, einige davon statistischer, andere willkürlicher Art, und führen die Änderungen durch. Wenn alle Zellen programmgemäß behandelt worden sind, dann ändert sich das Ganze, und man beginnt von Neuem. Das Ziel des Spiels scheint darin zu bestehen, gewisse wünschenswerte Konfigurationen in bezug auf Form, Farbe und Kräfteverteilung zu erreichen, während die gegnerische Mannschaft versucht, bestimmte Teile der Regeln und andere Faktoren zu beeinflussen, um dies zu verhindern; aber auch sie handeln nach komplizierten Regeln, die ihr Tun decken.“
Plattsman meinte: „Man muß sich in der rekursiven Mathematik auskennen, um das Spiel zu verstehen.“
Klyten fügte noch einen Gedanken hinzu: „Wir meinen, daß dies der Grund ist, weshalb sie dieses schwerfällige Zahlensystem mit den variablen Zahlen entwickelt haben, bei dem es keine unveränderliche Basiszahl gibt wie bei unserem Dezimalsystem. Das Spiel wird dadurch leichter verständlich, wenn man es verstehen muß beziehungsweise will, wie im Falle der Zuschauer.“
Plattsman fuhr fort: „Wir von der Aufsichtsbehörde haben versucht, ebenfalls rekursive Systeme zu erforschen, weil das Konzept eng mit dem Fassen von Beschlüssen, mit Kontrollfunktionen und der Programmierung verknüpft ist. Das Konzept wurde zum ersten Mal im zwanzigsten Jahrhundert erarbeitet, so um die Mitte herum, wenn mich meine Geschichtskenntnisse da nicht täuschen. Es hat bis weit ins einundzwanzigste Jahrhundert eine umfassende Literatur zu dem Thema gegeben.“
„Selbst damals haben sie“, sagte Klyten, „zufällige Eröffnungsspiele durchgeführt: einfach mehr oder weniger etwas angefangen und zugesehen, wie es sich weiterentwickelte.“
Plattsman fügte kontrapunktisch hinzu: „Aber einfache Spiele mit unveränderlichen Regeln und Nachbarschaften. Die meisten spielten auf Computern, wenn sie daran herankommen konnten, aber von ein paar Fanatikern war bekannt, daß sie auf Millimeterpapier spielten, von dem sie einiges speziell für den Zweck hatten drucken lassen. Richtige Irre müssen das gewesen sein!“
Parleau fragte: „Worin besteht da der Unterschied?“
Plattsman antwortete darauf: „Die Computer-Spieler konnten das Fortschreiten und die abgewandelten Muster sehen und ergiebige Muster rascher erkennen, aber die Spieler mit dem Millimeterpapier waren, während sie durch den Zwang, jeden einzelnen Schritt im Programm manuell auszuführen, in ihrer Geschwindigkeit stark eingeschränkt waren, imstande, tiefere Einblicke in das Spiel und in die Dinge zu gewinnen, zu denen es führen würde. Mit der Zeit wurden jedoch auch sie allein durch das Ausmaß der Tranksaktionen an die Computer gezwungen, aber sie benutzten die Computer dann nur als Arbeitshilfen. Sämtliche Vorgänge bei dem Spiel leiteten sich ursprünglich von der Minderheit derer her, die mit dem Papier arbeiteten, und was wir aus dem Archiv wissen, deutet darauf hin, daß die Ler auf einer ganz besonders aktiven Papierfraktion aufbauten – man könnte es fast einen Kult nennen –, die im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts aktiv war.“
Parleau schüttelte übertrieben heftig den Kopf. Er seufzte, blickte zur Decke, kratzte sich am Hals und widmete seine Aufmerksamkeit abermals der Gruppe. „Hören Sie bloß auf! Ich will hier nicht Spieler werden – ich will ja bloß wissen, wie dieses unbekannte Mädchen mit dem, was sie gemacht hat, in Beziehung steht, und warum sie darauf bestand, sich lieber in sich selbst zurückzuziehen, als ein paar einfache Fragen zu beantworten. Ich akzeptiere Ihre Beschreibung als einstweilen im wesentlichen korrekt, obwohl ich zugebe, einiges nicht verstanden zu haben. Wodurch steuern sie die Vorführung?“
Klyten antwortete: „Mittels eines Tasteninstruments, das in etwa der Orgel von früher ähnelt.“
„Ich sehe nicht, wieso sie soviel Energie auf etwas verwenden sollten, das nachweislich keinerlei Ergebnisse bringt. Was ist denn nun der Zweck des Ganzen?“
Klyten bemerkte: „Wir haben das bisher nicht feststellen können. Offensichtlich ist es für sie von allergrößter Wichtigkeit, und niemand glaubt, daß sein einziger Sinn in der Unterhaltung liegt. Ich würde sagen, daß die Spieler im Volk eine gewisse Achtung, eine Exklusivität genießen, aber sie werden kaum als Helden angesehen.“
Plattsman äußerte: „Herr Vorsitzender, wir haben ein paar Bänder von dem Spiel gemacht, falls Sie sie sich einmal ansehen möchten. Man versteht es besser, wenn man es aufgeführt sieht, die einzelnen Schritte genauer mitbekommt.“
„Ja, auf jeden Fall“, sagte Parleau. „Ich möchte mir dieses Spiel sehr gern ansehen. Vielleicht können wir noch etwas daraus lernen. Haben Sie besonders geeignete Aufnahmen zur Verfügung?“
Plattsman entgegnete: „Wir haben eine umfassende Sammlung, Herr Vorsitzender. Bei der Aufsicht studiert man das Spiel schon seit vielen Jahren. Von daher haben wir etwas ausgewählt, das uns als typisch für eine Spielrunde zu sein scheint, wenn sie auch kurz ist.“
Klyten fügte hinzu: „Diese Aufnahme wurde vor ein paar Jahren gemacht, und zwar bei ihrem Turnier zur Sonnenwende. Leute, die auf diesem Gebiet Anspruch auf Autorität erheben, haben mir glaubhaft versichert, daß dieses spezifische Spiel ein klassisches Beispiel seines Typs ist, aber es ist ziemlich kurz. Als Vergleichspunkt für die Aufmachung böte sich die Kammermusik an, eher als Oratorien, Symphonien oder die Große Oper. Plattsman und ich, wir müssen uns gemeinsam entschuldigen wegen des fehlenden Tons, aber wir hatten ihn nicht für nötig gehalten, da das Spiel fast ausschließlich das visuelle Medium verwendet.“
Plattsman winkte einem unsichtbaren Filmvorführer. Im Büro wurde es dunkel, ein Teil in der gegenüberliegenden Wand öffnete sich, die Wandtafeln glitten in geschickt versteckte Nischen in den Wänden zurück und enthüllten einen gedämpft leuchtenden Schirm, der den größten Teil des Raumes zwischen Boden und Decke einnahm. Nach einer ungewissen Pause flimmerte es auf dem Schirm, blitzte für einen Moment hell auf, wurde dann vollkommen dunkel. Dann begann nach und nach eine bewegliche Serie von Bildern aufzublenden, die an Helligkeit und Kontrast gewannen, bis beides dem sich an die Dunkelheit anpassenden Sehvermögen des Betrachters natürlich schien.
Der Schirm zeigte eine offene Fläche im Wald, eine angenehme, ländlich-idyllische Umgebung, eine natürliche Vertiefung, die kaum merklich in ein Amphitheater verwandelt worden war. Die Aufführung erfolgte in Farbe, und obwohl es wegen des Lichts wie Abend aussah, war nichts farbstichig oder überbelichtet; man sah es so, als ob man selber dort sei. Sie sahen hin und wurden vollkommen gefesselt. Es war ein Sommerabend, tiefe abendliche Schatten lagen über dem kleinen Versammlungsort der Spieler und ihrer Zuschauer; sie fühlten mehr, als daß sie es sahen, daß irgendwo außerhalb des Schirms noch die Sonne am Himmel stand; nichtsdestoweniger war es Abend, nicht nur später Nachmittag. Eine überwältigte, ziemlich große Menge, war anwesend, lauter Ler, jedenfalls soweit man dies erkennen konnte. Einige waren sommerlich gekleidet, trugen leichte Überhemden, lose robenartige Sachen, die das alltägliche, zum allgemeinem Gebrauch bestimmte Kleidungsstück des Ler darstellten; andere wiederum trugen ein Gewand, das an einen Kimono hätte denken lassen, wäre nicht der Gürtel oder die Schärpe gewesen, die lose geschlungen über der einen oder anderen Hüfte herabhing. Viele der jüngeren, die anwesend waren, trugen nur ein sarongartiges Tuch, das um den Unterleib gewickelt war und Brust und Bauch freiließ, während die Enden bis zu den Knöcheln herabfielen. Selbst bei diesen war es bei den identischen Haartrachten auf den ersten Blick schwierig, Jungen von Mädchen zu unterscheiden, fand Parleau. Man konnte sie einfach nicht auseinanderhalten … Nur wenn er sich einen herauspickte und eine Weile beobachtete, konnte er bestimmen, welchem Geschlecht derjenige angehörte. Es war, als ob das ganze Geheimnis der genauen Bestimmung mehr in der Bewegung läge als in den Zuständen, eine wahrhaft beunruhigende Vorstellung. Er beobachtete jemanden, den er für einen Jungen hielt, der damit beschäftigt war, ein Wesen, das wie ein Mädchen wirkte, ganz leicht zu necken. Worin lag er, der Unterschied? Sie schien ihm vielleicht etwas weicher, zarter, geschmeidiger zu sein. Er konnte einfach nicht sagen, was es war. Ihre Art, sich zu bewegen, zu lächeln? Sie beide versuchten, äußerst ernsthaft und höflich zu wirken, aber natürlich war es ein Sommerabend, warm und duftend, und im Geiste waren sie anderswo, wo sie leicht auch wirklich hätten sein können, bei den weichen Schatten, die quer über das kleine grüne Tal fielen. Derjenige, der dieses kleine Schauspiel unbewußt mit aufgenommen hatte, hatte den Jungen und das Mädchen nicht einmal beobachtet, denn in dem Bild waren beide weit außerhalb des Zentrums, und als das Spiel näher heranrückte, verlor er sie völlig, da er das Bild erweiterte und mit Hilfe der Gummilinse näher heranging, um die Schautafel und die Spieler aufzunehmen.
Die Tafel selbst war eine große, quadratische Anlage auf einem einfachen, breiten Sockel und vollkommen schmucklos. Sie sah einfach aus, aber diese Schautafel ließ in keiner Weise an etwas Primitives denken oder an etwas Grobes; ganz im Gegenteil wirkte sie wie das Produkt einer höchst ausgebildeten technologischen Zivilisation. Davor befand sich ein kleines, schreibtischähnliches Steuerpult, das mit zwei verschiedenen Reihen von Knöpfen ausgestattet war, während auf jeder Seite noch zwei größere Pulte mit imposanten komplizierten Tastaturen standen, die in ihrem Aussehen dem Gehäuse einer Orgel noch am nächsten kamen. Die Spieler waren schon auf ihren Plätzen, die Roten rechts und die Blauen links, zwei Spieler an jedem Pult und zwei weitere hinter ihnen. Ein Ansager wandte sich auf anscheinend ausgesprochen lockere und entspannte Weise gestenreich an die anscheinend interessiert lauschende Menge, als ob er (oder sie – Parleau konnte es nicht sagen) unter Freunden und Bekannten sei. Der Ansager beendete, was immer an Bemerkungen nötig gewesen war, und zog sich dann mit einer koketten, schnörkelhaften, kurzen Bewegung hinter die Bühne zurück, um durch ein strenges und beeindruckendes Paar ersetzt zu werden, bei dem es sich, dem Aussehen und den beiden langen Zöpfen aus eisengrauem Haar nach zu urteilen, die ihnen vorn über die Gewänder hingen, um Älteste handelte. Die Gewänder waren von dunkler Farbe; Parleau hielt es für Schwarz, obwohl er nicht sicher sein konnte … das Licht verblaßte langsam auf der Aufnahme. Sie würden die Schiedsrichter sein. Sie hielten keine Reden vor den Zuschauern und machten auch keine Bewegung zu ihnen hin, sondern wandten sich dem mittleren Pult zu, und einer von ihnen machte mit der Hand eine abgehackte Bewegung. Und auf der Tafel erschien unmittelbar darauf eine Eröffnungsfigur, eine geometrische Figur von geringer Komplexität in fünf Farben. Sie verharrte einen Augenblick auf der Stelle, flackerte aus und verschwand dann. Die gesamte Tafel leuchtete, erwachte zum Leben, verwandelte sich in eine sechseckige Anordnung von Zellen und bewahrte die Figur, so gut dies ging, während sie sie in die neue Matrix einpaßte; eine Reihe nicht zu entziffernder Symbole begann über die obere Hälfte des Schirms zu fließen, und die Figur begann sich rasch zu verändern, indem sie sich zu verschiedenen Formen entwickelte, während die Eingangszüge des Spiels weiter abliefen. Ein in seinem Plüschsessel wie festgenagelter Parleau sah mit aufmerksamem Erstaunen zu, wie die Figur zunächst alle Farbe verlor, dann vor dem erleuchteten Hintergrund schwarz wurde und schließlich abrupt die Form zu ändern begann, wobei Farben über sie dahinhuschten wie das Licht eines Feuers, das über eine Wand flackerte, oder vielleicht wie ein sommerliches Gewitter. Die eigentliche Grundfarbe schien Grün zu sein, und es sah so aus, als ob die Roten versuchten, die Figur zu steuern und sie in andere Formen, gewünschte Konfigurationen zu zwingen, während gleichzeitig die Blauen den ebenso hartnäckigen Versuch machten, dieses Vorhaben zu behindern und es soweit kommen zu lassen, daß die sich entwickelnde Figur auseinanderflog und sich selbst demontierte. Die über die obere Hälfte des Bildschirms fließenden Symbole wandelten sich unablässig; die Spielergebnisse; ein laufender Kommentar, solange das Spiel im Gange war?
Zunächst schienen die Roten trotz der Störversuche durch die Blauen die Oberhand zu gewinnen; sie zwangen die pulsierende Figur in eine größere Form, die unempfindlicher gegen Angriffe schien, aber das dauerte nur Minuten. Bald griff Blau mit erhöhtem Eifer und erhöhter Hingabe an, wobei die Spieler in der Mitte sich gewaltig auf der Tastatur abmühten, Arme und Köpfe bei der Bewegung verschwammen, da sie sich schneller bewegten, als das Registriergerät registrieren konnte. Bald darauf wurde der Vormarsch der Roten eingedämmt, zersplittert, zum Halten gebracht. Parleau sah nach den Roten: Sie spielten sogar mit noch mehr Schwung als die Blauen, und wenn sie sich gelegentlich umdrehten, konnte er sehen, daß sie außerordentlich konzentriert wirkten, ja vor Anstrengung die Gesichter verzogen.
Plötzlich hieß es, Blau habe eine Regelwidrigkeit begangen, und die Schiedsrichter blockierten ihre Steuervorrichtung; die Blauen wurden so gezwungen, für eine angemessene Zeit hilflos dazusitzen, ihre Tastaturen gesperrt, während die Roten vorrückten und ihre Figur wieder zu einer eindrucksvollen komplexen Konfiguration aufbauten. Aber als sie ins Spiel zurückkehrten, waren sie rasend vor Eifer und zwangen kraft extrem hoher Anstrengungen und eines brilliant geführten Angriffs die Roten dazu, viel von dem, was sie gewonnen hatten, aufzugeben und sogar, wie Parleau sich erinnerte, zu einer früheren Konfiguration zurückzukehren. Jetzt hieß es, daß Rot die Regeln verletzt habe, und nun mußten auch sie hilflos zusehen, wie Blau fröhlich die komplexe Figur auseinandernahm. Aber als sie wieder zurückgekehrt waren, gaben sie nicht auf, gaben sich nicht geschlagen und machten wild entschlossen weiter. Die Roten rückten abermals vor, jetzt langsamer als vorher, aber unaufhaltsam wie die hereinströmende Flut. Die Blauen spürten, daß durch weiteres Verzögern nichts mehr zu gewinnen war, und sie änderten die Schlachtordnung zunächst in quadratische Zellen um und nach einem weiteren Augenblick in ein dreieckiges Gitter, alles anscheinend in dem Bemühen, Rot abzulenken und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zuerst schienen sie Erfolg zu haben. Rot schien an Schwung zu verlieren und, unsicher über das, was als nächstes zu tun sei, sich jetzt nur noch treiben zu lassen.
Parleau, der nun von der rasanten Konzeption des Spiels wirklich gefangen war, merkte, daß dies ein vernünftiger Zug auf der Seite von Blau gewesen war, denn Rot hätte, so spürte er, gewonnen, wenn auch langsam. Vielleicht konnte dies noch zu einem Unentschieden führen, welches natürlich die verteidigenden Blauen begünstigen würde. Aber bald wurde deutlich, daß das Manöver nicht erfolgreich sein sollte, denn Rot gewann immer noch. Sie waren mit dem Angriff mitgegangen, mit der wechselnden Strömung mitgetrieben und jetzt wieder im vollen Besitz des Feldes. Blau erwiderte mit einem Zug der Verzweiflung, indem sie das Feld in eine schöne, merkwürdige, fünfeckige Tesselierung verwandelten, wobei die Zellen zu unregelmäßigen Polygonen wurden und nach einer Weile wieder in das quadratische Gitter umkippten. Aber sie kam anscheinend zu spät, diese Nachzügleraktion; die Zuschauer winkten schon mit kleinen roten Fahnen, während die Anhänger der Blauen verdrießlich, mit gesenkten Köpfen herumstanden und das Schlimmste befürchteten.
Es dauerte nicht einmal mehr lange, bis es soweit war: Mit einer unglaublichen tour de force zwang Rot die Figur schließlich irgendwie in eine verblüffende und rätselhafte Form, die lange auf dem Vorführschirm erhalten blieb, deutlich sichtbar Funken und Einzelteile versprühte, die zum Rand hin flogen und verschwanden. In der oberen Hälfte des Schirms flossen die kryptischen Zeichen noch einen Augenblick weiter, als ob sie hinter den ganzen Vorgängen zurückgeblieben seien, und dann hielten sie an, ganz plötzlich, und die Schautafel ging ohne Vorwarnung einfach aus. Die Anhänger der Roten und ihre Freunde schwenkten ihre Fahnen und applaudierten, allerdings eher zurückhaltend, während die der Blauen niedergeschlagen und ausdruckslos abzuwandern begannen. Einige jedoch schlossen sich trotz der Niederlage dem gedämpften Beifall an und bewiesen somit, daß sie ein gutes Spiel selbst dann zu würdigen wußten, wenn die eigene Mannschaft verloren hatte. Einer von den Spielern an der Flanke der roten Mannschaft wandte sich von dem Pult ab und hielt eine kurze Rede. Die Sicht wurde breiter, so als habe der Filmer noch mehr von der Menge zeigen wollen; Parleau suchte das Mädchen und den Jungen, die er zuvor bemerkt hatte, aber sie glänzten geradezu durch Abwesenheit. Der Schirm leerte sich …
Parleau tat einen tiefen Atemzug. Die anderen sagten und taten nichts.
Nach einer Weile sagte er: „Was kann die Aufsicht uns über dieses spezielle Spiel sagen?“
„Wir können simplexe Sequenzen im Labor aufbauen; das heißt, Spiele mit unveränderlichen Parametern. Dieses hier, was Sie gerade gesehen haben“, erwiderte Plattsman, „entzieht sich der ausführlichen Analyse. Unserer Meinung nach hat man dieses hier absichtlich minimal gehalten; die Variationsbreite liegt wahrscheinlich bei zwischen drei und, na, fünfzehn bis zwanzig Zuständen als oberster Grenze. Sie nehmen Farben, um Zustände anzugeben; bei einigen Spielen der höheren Ordnung kann das bedenklich werden, weil sie Farben besser unterscheiden können als wir. Die Veränderungen bei dem Gitter sahen Sie selbst. Im großen und ganzen sind die meisten Zellformationen recht deutlich zu erkennen – gleichseitige Dreiecke, Quadrate, Sechsecke. Aber die Formationen der Fünfecke sind alle unregelmäßig und nach einigen kniffligen Regeln ausgerichtet; die Umgebung kann variieren, selbst wenn sie sich im kleinstmöglichen Abstand zur Bezugsquelle befindet. Und die Regeln! Das ist nun etwas, wo wir wirklich absolut schwimmen! Unserer Meinung nach ist keine davon mehr als ein paar Züge, vielleicht zwei bis drei Züge lang, stabil geblieben. Das müssen wir von der Wirkung her ableiten. In den guten alten Zeiten pflegte man zu sagen, daß ein Aufrührer zehn Getreue an sich binden könne; hier haben wir das gleiche: Wenn wir rückwärts rechnen, brauchen wir etwa zehnmal soviel Zeit wie Rechendurchgänge, und ohne lange andauernde, gleichbleibende Regelzustände haben wir nichts davon. Die Regeln sind hinsichtlich der Zeit nie symmetrisch – als Regeln funktionieren sie nur in einer Richtung. Wenn man versucht, sie rückwärts wirken zu lassen und rückwärts zu rechnen, bekommt man einen Unsicherheitsfaktor hinein …“
Parleau rief aus: „Großer Gott!“ Er verfiel wieder in die alten Flüche, und sie stellten sich leicht ein, obwohl die meisten Leute schon den Grund dafür, weshalb sie ursprünglich ausgesprochen worden waren, vergessen hatten. „Warum hat sich damit nicht jemand länger befaßt und das Thema mal in der Direktion zur Sprache gebracht? Man braucht sich doch nur diese Anlage anzusehen und was sie damit machen! Diese Leute sind ungefähr so primitiv wie Buckminster Fuller!“
Plattsman sagte: „Wir haben schon versucht, uns einigermaßen darüber klarzuwerden, wohin diese Aktivitäten führen sollten … aber bislang haben sie sich allen Versuchen widersetzt, sie in begriffliche Bahnen zu leiten.“
„Wie lange?“ insistierte Parleau.
„Etwa … na ja, seit das Spiel zum ersten Mal aufgetaucht ist, Herr Vorsitzender.“
„Und dabei ist nichts herausgekommen?“
„Nichts. Es ändert sich in keiner Weise, die wir messen könnten. Es tauchte auf, und wir haben Probeaufnahmen davon gemacht und versucht, sie zu analysieren. Soweit wir das bisher bestimmen konnten, ist der einzige Unterschied zwischen einem Spiel von, na, dem letzten Sommer und einem von vor hundert Jahren der gleiche wie der zwischen zwei beliebig herausgegriffenen Spielen des gleichen Zyklus: Es handelt sich immer um die individuelle Variation und den aus dem Augenblick erwachsenen Stil, wissen Sie, um ganz persönliche Variationen.“
„Und daraus können Sie keinerlei Schlüsse ziehen?“
Plattsman antwortete beschämt: „Nein, Herr Vorsitzender, bis jetzt noch nicht.“
Parleau beugte sich vor und verlieh seiner Stimme noch mehr Volumen: „Nun, ich bin kein Aufsichtsbeamter, aber ich kann aus dieser Bemerkung immerhin schließen, daß, wenn sie stimmt, das, was Sie da eben gesehen haben, ein fertiges Produkt ist, ein Artefakt! Sportarten, wie wir sie kennen, entwickeln und verändern sich ständig, weil sie auf die sich ändernden Bedürfnisse derer reagieren, die spielen und zuschauen. Aber Ihre Leute, die Meister der Wissenschaft vom Wandel sind, können keine Veränderung bei diesem Spiel erkennen, und Sie sind matt! Das ist das große Geheimnis! Das Spiel verändert sich nicht! Ihr Schwachköpfe, was steckt dahinter?“
Plattsman zögerte. „Ich verstehe nicht …“
„Deshalb bin ich auch der Vorsitzende und Sie sind der Aufsichtsbeamte! Ein Artefakt verändert sich nicht – es stellt den Abschluß eines Prozesses dar! Sie machen irgend etwas damit, das nichts mit Sport oder Unterhaltung oder dem Ablassen von Aggressionen zu tun hat. Was also ist es?“
Plattsman sagte: „Den Aspekt haben wir schon ganz zu Anfang untersucht, Herr Vorsitzender. Das war das erste, woran wir dachten, genau wie Sie. Nun bietet dieses Spiel einem System ausgezeichnete Möglichkeiten, um Informationen weiterzugeben, aber es scheint reichlich hochentwickelt zu sein, und außerdem zieht es gerade da eine ganze Menge Aufmerksamkeit auf sich, wo man sicher weit zurückhaltender vorgehen sollte. Ich meine, es ist so, als würde man einen Code benutzen – der unter gewissen Umständen die Leute gerade darauf stößt, daß man etwas zu verbergen hat. Nun kann ein Code einem natürlich Sicherheit geben, aber die Faktoren Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit will man ja auch in einem jeden Informationsflußsystem haben, und die Verwendung von Codes verringert beides, in manchen Fällen sogar beträchtlich.“
Klyten kam Plattsman zu Hilfe. „Die Geschwindigkeit, mit der die Reaktionen der Spieler kamen, und die Handlungen, die darauf folgten, deutet darauf hin, daß, welche Botschaften auch immer dahinterstecken, sie auf sie zutreffen. Die Menge sieht anscheinend auch nicht mehr als wir, nämlich wie die eine oder die andere Seite Kontrolle über die Form der Figur gewinnt oder verliert, an der beide arbeiten.“
Plattsman stimmte zu, indem er heftig nickte, und Klyten fuhr fort: „Und Sie müssen bedenken, daß diese Spieler praktisch von Geburt an mit solchen Dingen leben müssen. Ernst wird es für sie so etwa, wenn sie vierzehn sind, wenn ich das richtig verstehe. Wenn sie dann soweit sind, daß sie bei Turnieren mitspielen, dann haben sie mindestens zwanzig Jahre davon hinter sich, ja mehr noch. Plus einen Haufen Theorie, von dem wir nie etwas zu sehen bekommen; sie geben am Institut nichts über das Spiel oder die rekursive Mathematik heraus … sie wollen nicht einmal zugeben, daß es so etwas gibt.“
Parleaus frühere Attacke schien jetzt an Richtung zu verlieren. Er schien durch die Tatsache, daß die Aufsichtsbeamten sich die gleiche Frage wie er schon vor Jahren gestellt und nichts weiter darin gesehen hatten als ein unveränderliches Spiel, wie festgenagelt … Er sagte: „Da ist noch ein anderer Aspekt, der mir zu denken gibt; genau das nämlich. Die lange Zeit, die sie damit zubringen, es zu lernen. Wie halten sie die Motivation dazu aufrecht? Sagen Sie, was Sie wollen über Training, über Fähigkeiten, über Privilegien, aber es ist für mich ganz klar, daß ihnen das alles nicht zufliegt, genausowenig wie es uns zufliegen würde. Diese Spieler in der Aufnahme haben Schwerstarbeit geleistet! Wie oft treten sie damit an die Öffentlichkeit?“
Klyten antwortete: „Sie halten die großen Turniere jeweils zur Sommersonnenwende ab. Weniger wichtige Spiele werden die warmen Monate hindurch absolviert. Rein technisch läuft das Spiel von der Tagundnachtgleiche im Frühjahr bis zu der im Herbst.“
„Und mehr brauchen sie nicht zu machen?“
„Das ist richtig, Herr Vorsitzender.“
„Dann sind sie also nur sechs Monate im Jahr beschäftigt? Das ist das Unglaublichste, was ich je gehört habe!“
Klyten sagte: „Nun ja, es ist nicht ganz so, als ob das so beispiellos sei: Die regierende Webe, die der Revens, tut auch fast überhaupt nichts. Ihre Rolle besteht darin, Streitigkeiten zu schlichten, aber bei ihnen wird wenig überhaupt vorgebracht, so daß die Revens tatsächlich fast nichts tun …“
„Aber sie stellen doch eine Autorität dar, die Nation und all das, wie die Erbkönige von früher.“
„Ja, Herr Vorsitzender, das stimmt, aber Sie müssen auch bedenken, daß, falls sie dem Modell des königlichen Herrscherhauses folgten, sie dies ohne eines der herkömmlichen Königssymbole täten; sie haben keine Zeremonie, keinen ‚Hof, keine Akte der Ehrerbietigkeit. Wenn er noch nicht ‚in der Rolle’ steckt, wie man bei ihnen sagt, ist der höchste Reven genauso ein einfacher Bauer wie der niedrigste.“
Parleau sagte: „Also diese Maellenkleth …“
„Maellenkleth“, verbesserte Klyten, indem er das breite, offene ah, das Parleau benutzt hatte, zu einem kürzeren, flacheren Laut hin abänderte, zu etwas, das auf halbem Wege zwischen einem „A“ und einem „E“ lag, aber ohne die nasale Qualität des nordamerikanischen modanglischen „ae“.
„Was ist da der Unterschied?“
„‚Mal’ bedeutet ‚schlecht’, ‚Mael’ bedeutet ‚Apfel’. Das ist der Unterschied.“
„Also diese Innenverwandte einer Spielerwebe.“
Plattsman und Eykor antworteten beide zusammen: „Richtig!“
Parleau fuhr fort. „Und eine Mathematikerin in der Abteilung für Forschung und Entwicklung am Institut und eine festgenommene ‚Vandalin’, die es aus irgendeinem Grunde vorzieht, lieber in sich selbst zu verschwinden als auch nur ein einziges Wort zu verraten. Und jetzt ist sie weg, und wir können sie nichts mehr fragen? Verdammt noch mal! Ich möchte doch zu gern wissen, ob es da eine Verbindung gibt. Bis jetzt wissen wir also ein paar Sachen, aber nicht, was bei ihnen wichtig ist.“
Klyten sagte: „Wir hatten gehofft, daß diese Aufnahmen des Spielphänomens Sie vielleicht auf irgend etwas stoßen würden, was keiner von uns bisher gesehen hat. Wir alle haben es auf unsere Weise versucht, vor Zeiten schon, aber es kam nichts dabei heraus … Niemand hat dem Spiel bisher sonderliche Aufmerksamkeit gewidmet, die über ein oberflächliches Interesse hinausgegangen wäre. Und hier haben wir den Verbrecher, wie sie es ausdrücken, auf frischer Tat ertappt. Aber es gibt kein Motiv. Völlig abnorm. Es ist offensichtlich, daß …“
„Offensichtlich“, warf Eykor dazwischen, „daß sie irgend etwas vorhaben. Andernfalls ergibt all das, was wir gehört haben, einfach keinen Sinn. Es kann gar nicht anders sein! Und jetzt muß ich doch dem gelehrten Doktor der Mysterien der Neuen Menschen noch eine Frage stellen: Was genau ist denn nun eigentlich dieses Ding, das sie als ‚Multisprache’ bezeichnen?“
Klyten sah ihn scharf an. „Warum fragen Sie?“
„Unsere Überwachungsanlagen schienen in letzter Zeit erheblich mehr davon aufzunehmen, so daß wir besonders aufmerksam waren. Die Zunahme war statistisch auffällig.“
Klyten sagte: „Man weiß darüber wenig genug. Sie reden ja frei genug in ihrer Alltagssprache. In der Singlesprache. Dies ist einfach eine andere Sprache, soweit ich weiß, wenn auch ein bißchen regelmäßiger als die meisten anderen, und natürlich hat sie auch ihre Schwierigkeiten für den, der sie lernen will. Aber nun zur Multisprache … vielleicht wäre Multikanal-Sprache ein besserer Ausdruck. Sie ist irgendwie anders; sie stellt ein neues Konzept dar. Nun drücken auch wir uns in multiplexer Weise aus, aber die Mittel sind unterschiedlich; gewöhnliche Stimme, ein offenes, harmonisches System. Dann gibt es auch noch die Körpersprache. Und es gibt das ständig gegenwärtige Alarmsystem in unserer Stimme, das mit Hilfe der Frequenzmodulation funktioniert. Das ist einfach ein Ton, der ständig in der Stimme gegenwärtig ist, hören werden Sie ihn nie. Nervensystem an Nervensystem, ganz direkt. Bis Sie es mit der Angst zu tun haben. Dann fällt der Ton heraus, und die Stimme flacht für das Ohr hörbar ein wenig ab. Wenn Sie hören, daß Sie den Sicherheitston verloren haben, verlieren Sie den Sicherheitston gleichzeitig so lange, bis Sie die Quelle der Angst entdeckt haben. Selbst kleine Kinder reagieren darauf. Es findet bei Interviews Verwendung, bei denen etwas verifiziert werden soll. Was nun anscheinend mit dem Ler-Gehirn passiert ist, ist das, daß bei ihnen alle drei Systeme in einem einzigen Kommunikationsweg miteinander verbunden werden, und zwar über Schallwellen, die durch den Kehlkopf moduliert werden, und die Schwingungen sind so angeordnet, daß sie die jeweiligen Harmoniebänder des Schalls kontrollieren und individuell modulieren können. Wir wissen, daß sie damit kommunizieren, aber wir wissen so gut wie nichts darüber, was sie alles damit machen können … wir haben lediglich ein paar Untersuchungen, die besagen, daß in der Multisprache die Quote der Daten sinkt. Mit anderen Worten, es dauert länger, um das gleiche zu sagen. Erheblich länger. So können wir daraus ableiten, daß die Geschwindigkeit kein Grund dafür ist, warum sie verwendet wird.“
Plattsman kommentierte: „Falsch, Klyten, wenn ich das auch wirklich nicht gern sage. Kommunikationssysteme sind das Herz der Kontrolle, und wir wissen nur zu gut, daß wir die Geschwindigkeit mit Freuden für die Genauigkeit opfern würden, weil in einem System, das Geräusche und semantische Verzerrungen ‚herausprogrammiert’, der daraus resultierende Mangel an Mißverständnissen und die Zunahme an Klarheit letztlich eine äußerste Geschwindigkeitszunahme bedeutet.“
„Das ist aber nicht gerade neu! Wir wissen bereits, daß das Prinzip auf die Singlesprache zutrifft, welche eher eine langsamere Datenquote hat als jede andere moderne, historisch bedeutsame Sprache. Sie ist weitaus langsamer als das Modanglische.“
„Warum haben sie diese Fähigkeit dann soweit ausgebaut? Die Sprache muß einfach genauer sein. Und sie kann noch weitere Verwendungsmöglichkeiten haben. Kommunikationssysteme geben mehr als nur Worte weiter, wie Sie wissen.“
„Wir wissen wenig darüber. Sie sagen uns nicht mehr, als daß sie zu drei Leuten gleichzeitig reden und dabei verschiedene Dinge sagen können … wir wissen nicht einmal, wie verschieden die Inhalte sind.“
„Haben Sie die Multisprache mit bestimmten Aktivitäten in Verbindung bringen können?“
Klyten erwiderte: „Sie wird in großem Umfang benutzt, wenn die Spiele abgehalten werden, aber welche Rolle sie nun genau spielt, können wir nicht sagen.“
Parleau schnaubte: „Hmm! Je weiter wir gehen, um so deutlicher wird, daß jemand sich damit intensiver hätte beschäftigen müssen. Was haben Sie bloß getan die ganzen Jahre? Auswertungen ausgewertet?“
Klyten sagte nach einer Pause nachdenklich: „Vielleicht, Herr Vorsitzender, passen diese Sachen, die wir soeben hier ausgegraben haben, irgendwie in ein Bild, das wir nie für möglich gehalten hätten, und vielleicht ist das auch der Grund, warum das Mädchen es zuließ, daß sie in den Zustand geriet, in dem man sie in dem Kasten vorfand.“
Parleau antwortete: „Das ist möglich. Aber im wesentlichen ist es doch so, daß wir beobachten, was einer macht, und daß wir von da aus Vorhersagen treffen; nicht, warum er es macht. Schließlich ist es doch so, daß sich, wenn man erst einmal damit anfängt, nach dem Warum zu fragen, alle möglichen spekulativen Büchsen der Pandora öffnen … Aber wenn wir annehmen, daß es eine Verschwörung gibt, kann es nur so sein, daß auch noch andere daran beteiligt sind; und wenn das Mädchen sich auf das Niveau einer Unsinn brabbelnden, sabbernden Schwachsinnigen erniedrigen läßt, um uns davon abzuhalten, gewisse Verbindungen zu sehen … dann müssen diese Verbindungen existieren. Ich glaube, wir haben die Teile des Bildes jetzt.“
Plattsman warf ein: „Oder einer unvollständigen Karte.“
„Ein sehr bedeutsamer Unterschied“, stimmte Parleau zu. „Aber wir sind hierbei selber in gewisser Weise gebunden. Wir können nicht voreilig handeln. Man hält die Zügel in diesem Bezirk fester in der Hand, als ich das je in Mojave gesehen habe. Wir könnten natürlich den ersten Schritt tun. Ich meine, wir könnten einmal Zwei-zwölf vollstrecken, die totale Okkupation, morgen schon. Aber wir wissen zur Zeit nicht, wonach wir nun eigentlich genau suchen und wo wir danach suchen müssen. Ja, Gott, es ist vielleicht nicht greifbarer als ein Gedanke; und die Okkupation unter solchen Umständen und bei solcher Unkenntnis durchzuführen, läuft auf die Zerstörung oder Entfernung jeglicher Beweise oder Artefakte hinaus. Man würde uns die Mühe nicht lohnen, und wir würden unsere restlichen Tage damit zubringen zu erklären, wieso wir die Angelegenheit bis zur Sektion Q gebracht haben. Darum können wir jetzt nichts machen, so verlockend es vielleicht scheinen mag, weil wir nun mal nicht von mehr ausgehen können als wir haben. Das wäre sonst paranoisch.“
Eykor fügte düster hinzu: „Manchmal haben sogar Paranoiker Feinde aus Fleisch und Blut.“ Er hielt einen Moment inne und meinte dann: „Wir von der Sicherheit wissen, daß es da etwas zu verbergen gibt. Geben Sie mir nur etwas Zeit, und ich kann dieses Etwas belegen und möglicherweise auch sagen, wo es ist.“
Parleau starrte Eykor an, als habe er ihn nicht gehört.
„So wird es sein.“
Plattsman unterbrach ihn. „Entschuldigen Sie bitte, aber ich bekomme gerade ein Zeichen. Darf ich mich für einen Augenblick zurückziehen?“
„Gewiß“, sagte Parleau.
Er verließ eilig das Büro, aber er blieb nicht lange weg. Plattsman kehrte zurück und sagte: „Hören Sie, es gibt eine Neuigkeit. Nicht das, was wir vielleicht erwartet haben, aber immerhin.“
„Schießen Sie los.“
„Unsere Monitoren zeigen an, daß Vance soeben eine Gruppe von Leuten in seinem Büro empfangen hat. Es wurde dabei einmal auf ein früheres Gespräch angespielt, das uns entgangen sein muß; man konnte keine Aufzeichnung davon finden. Wahrscheinlich fand es in einem desensitivierten Gebiet statt. Wie dem auch sei, diese Leute behaupten, damit beauftragt zu sein, ein Mädchen ausfindig zu machen. Mit Namen Maellenkleth. Und sie baten darum, der regionalen Sicherheitsbehörde vorgestellt zu werden, um dort Hilfe zu erbitten. Vance hat sie hierhergeschickt, nach Rückfrage bei uns.“
Eykor fragte: „Die Rückfrage war auftragsgemäß?“
„Oh, ja. Vance ist recht gefügig geworden und arbeitet jetzt sehr schön mit.“
Eykor lachte. „Wunderbar, wunderbar! Der Fisch hat tatsächlich angebissen – und so früh. Man macht sich ziemliche Sorgen unter den Mitgliedern der Verschwörung. Und wer sind unsere Fische?“
„Im Laufe des Gesprächs mit Vance wurden sie identifiziert, anscheinend kannte er einige persönlich. Es sind ihrer drei: eine Fellirian Deren, ein Morlenden Deren, und der dritte wurde nur als ein gewisser Krisshantem identifiziert. Kein Nachname. Vance kannte ihn nicht.“
Klyten fragte: „Er hat keinen Nachnamen angegeben? Überhaupt keinen?“
Plattsman antwortete: „Nun, ich kann nur nach dem Bericht gehen, aber es wurde keiner aufgezeichnet. Sie sind ziemlich gründlich, und wenn er einen angegeben hätte, wäre er bestimmt weiterbefördert worden.“
„Komische Sache, keinen Nachnamen anzugeben. Jeder benutzt doch einen, selbst Älteste, die sich mit den Zunamen Tlanh oder Srith betiteln, je nach Geschlecht oder besser, je nach dem früheren Geschlecht. Wir übersetzen das gewöhnlich als ‚Herr’ oder ‚Dame’, je nachdem, aber ich vermute, daß uns dabei etwas von der Besonderheit dieser Titel entgeht … Könnte sein, daß er nicht wollte, daß jemand erfuhr, wie er lautet.“
Eykor sagte: „Vielleicht, weil er ein Spieler ist …“
Parleau fragte: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß Vance mit ihnen unter einer Decke steckt?“
Plattsman erwiderte: „Gering. Geringer als zwanzig Prozent. Was die anderen anbetrifft, da sind wir nicht so sicher. Die Frau Fellirian Deren wurde vorher für sauber erklärt; sie ist eine langjährige Mitarbeiterin von Vance am Institut.“
Klyten ergänzte: „Dem Namen nach zu urteilen ist der, der sich Morlenden nennt, der familiäre Mitgatte von Fellirian, obgleich die Beziehung nicht ganz deutlich wird. Wenn sie sauber ist, dann ist er es wahrscheinlich auch. Aber dieser andere, dieser Krisshantem … Er könnte alles mögliche sein. Sicher ist es möglich, daß er, wie Eykor meint, ein Spieler ist oder zu dem Komplott gehört, aber es mag auch sein, daß er in einer anderen Beziehung zu den anderen steht, entweder zu dem Mädchen oder zu den Derens, oder daß er ganz woanders hingehört, irgendein Spezialist oder so was ist. Ohne Verhör kann man das nicht wissen.“
Parleau sagte: „Das kann ich zur Zeit nicht gestatten, nicht, nachdem wir das Mädchen verloren haben.“
Eykor sagte dazu: „Verloren vielleicht, aber sehen Sie doch, wohin uns das geführt hat.“
„Ja“, antwortete Parleau, „ich sehe schon, wohin uns das geführt hat: zu Abnormitäten und mehr Fragen, als wir anfangs gestellt haben! Darum ordne ich hiermit an, daß ihnen das Mädchen ohne weitere Behinderungen ausgehändigt wird. Aber nicht ohne schärfste Überwachung. Die Ärzte sollen aussagen, daß wir sie in diesem Zustand gefunden und eine dringend gebotene Untersuchung eingeleitet haben.“
„Ist das wirklich klug, Herr Vorsitzender?“ fragte Eykor. „Schließlich könnten sie einiges von ihr erfahren. Und hier haben wir noch mal drei …“
„Nein, nein, nein, lassen Sie sie in Ruhe. Falls sie nicht selbst Anlaß zu etwas anderem geben, und dann gehen Sie ja vorsichtig vor – noch drei Fälle dieser Art können wir nicht gebrauchen. Was immer auch geschieht! Plattsman, können Ihre Leute ihnen folgen?“
„Nicht so leicht, Herr Vorsitzender, aber ich glaube, daß uns schon etwas einfallen wird.“
„Also dann – tun Sie Ihr Bestes. Ich wünsche, daß jeder einzelne Zug aufgezeichnet und analysiert wird. Soviel wie möglich. Klyten, Sie gehen nach unten zu den Aufsichtsleuten und arbeiten mit denen zusammen, dolmetschen Sie. Und außerdem werden wir einige Ersatzleute brauchen, die rasch bei der Hand sind.“
„Gar kein Problem, Herr Vorsitzender. Ich kann jederzeit ein Tak-Kommando aufstellen.“
„Also gut! Machen Sie sich an die Arbeit und halten Sie mich auf dem laufenden.“
Parleau winkte ihnen nörgelig, hastig, sich zu entfernen, so als verscheuche er eine Gruppe von Schuljungen von einer wertvollen Statue oder von einem Baum, auf den sie nicht klettern sollten. Der Rest sammelte seine Aktenmappen wieder ein und ging. Parleau blieb allein in dem jetzt stillen Büro. Er lehnte sich in seinem Sessel weit zurück, seufzte nachdenklich und legte schließlich seine schweren Füße auf den Schreibtisch. Zuerst placierte er seine Hände auf dem Bauch, faltete sie jedoch später hinter dem Kopf zusammen und überlegte. Er versuchte, die Teile zusammenzusetzen, aber zu vieles fehlte, und es gelang ihm nicht. Er dachte darüber nach, daß Eykor es als erster bei dem Mädchen versucht hatte und daß es ihm nicht gelungen war, irgend etwas herauszubekommen; gleiches galt für die Leute von der Aufsicht. Klyten gab zu, die Gründe nicht zu kennen, steuerte aber beträchtliche Daten bei, unter denen viele waren, die ihn noch mehr störten als der ursprüngliche Vorfall, die Zerstörung der Instrumente. Das schien jetzt schon weit zurückzuliegen, ein lächerliches, geringes Problem, das es nicht wert war, von ihm gelöst zu werden. Ja. Da war vieles, da waren ganze Stränge von Zufällen … irgend etwas störte ihn irgendwo im Hinterkopf. Was war es nur? Er versuchte, sich zu entspannen und frei zu assoziieren. Ja, etwas, das mit Familien zu tun hatte. Sie waren sicher stark familienorientiert und erhielten ihre Linie mit Hilfe eines Systems aufrecht, das Parleau höchst künstlich erschien. Familien. Und dann diese aristokratischen Spieler, zwei Familiengruppen seit den frühesten Anfängern, die etwas taten, das keinerlei Funktion hatte.
Ein stiller Alarm ging in seinem Hinterkopf los. Ja, jetzt war er der Sache auf der Spur. Ja, die Spielerfamilien. Und er lehnte sich innerlich zurück, als ihm aufging, was ihnen allen entgangen war. Es paßte alles wunderschön zusammen. Sie hatten die Kontrolle, sie hatten die Führungsmacht, selbst wenn niemand sie beschreiben und lokalisieren konnte. Und sie besaßen ein elektronisches Spiel in einer gegen die Technik gerichteten Kultur, sie konkurrierten miteinander in einer kooperativen, urkommunistischen Gesellschaft. Und eine Familie, nein, zwei, die dafür unterstützt wurden, daß sie etwas taten, was keine Funktion hatte außer der zu unterhalten – und das in einer ökonomischen Umgebung, die sich als streng praktisch ausgerichtet verstand. Das war alles sehr merkwürdig. Aber nicht halb so merkwürdig wie der Gedanke, der von der Seite her, sozusagen tief in den Nischen von Parleaus Geist entstand: daß einer von diesen Spielern den Menschen geopfert wurde und daß der andere ein Spion war, offensichtlich mit dem Spiel zu tun hatte, und daß man es duldete, daß die Webe, die Familiengruppe, erlosch. Und Klyten hatte es nicht einmal bemerkt. Parleau fühlte plötzlichen Stolz: Er hatte etwas bemerkt, das ihr Ler-Experte nicht bemerkt hatte, nicht einmal, als er darüber geredet hatte. „Aus dem Geschlecht gefallen“, hatte er gesagt; sie mußten sich eine neue Identität suchen. Aber das Spiel, wie er es gesehen hatte, verlangte zwei Seiten, und sehr bald, in wenigen Jahren, würde nur noch eine vorhanden sein. Sie waren dabei, etwas aus der Hand zu geben, das sie dreihundert Jahre lang oder länger sorgfältig gepflegt hatten, kommentarlos! Parleau setzte sich jäh aufrecht hin. Aller Anschein von Entspannung war verschwunden. Und aus einem Fach im Schreibtisch holte er einen Vocoder heraus und begann, ein paar Gedanken und Anweisungen zu transkribieren, so schnell, wie sie ihm in den Sinn kamen. Ja. Alles hing irgendwie miteinander zusammen, und er würde die Antwort bekommen, und wenn er sie dafür allesamt in Grund und Boden stampfen mußte.