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Was, so fragen sie, ist also das Spiel? Am einfachsten ausgedrückt ist es eine rekursive Abfolge von Zustandsänderungen, welche von den Spielern in Übereinstimmung mit den Regeln variiert werden. Es kann etwas so Einfaches wie eine Abfolge von digitalen Daten oder Zahlen sein; es kann auch komplexere Formen annehmen wie Reihen sich wiederholender Elemente, die über eine zweidimensionale Fläche verteilt sind; es kann in dreidimensionalen Matrizes vorkommen, ja und noch mehr. Es kann mit Blöcken, auf einem Schachbrett, innerhalb eines Rahmens gespielt werden; auf Papier oder mit einem Computer oder, was am allerbesten wäre, gänzlich im Geiste. Nun fragen sie, wozu ist es gut? Und wir sagen, daß wir durch das Spiel lernen, die Wirkungen und rekursiven Muster des Lebens und des Universums zu verstehen. Und durch das Spiel lernen wir, wieviel wir nicht wissen.

Die Spieltexte

 

Morlenden erwachte; er vollzog den Übergang vom Tiefschlaf zum Bewußtsein ohne die äußeren Anzeichen einer Veränderung. Neben ihm spürte er die Wärme von Fellirians Körper und an seinem Hals den Gegensatz der nachtkühlen Luft des yos im Winter. An den durchscheinenden Scheiben der schmalen Fenster zeigte sich Licht, ein gedämpftes morgendliches Pfirsichlicht, aber auch ein Licht, das einen harten, stahlblauen Unterton an sich hatte, etwas von der reinen Luft des Winters, des Morgens und des klaren Himmels. Er bewegte sich langsam, kostete vorsichtig und wie bei einem Versuch die Luft, prüfte sie sozusagen, bevor er sich ihr überließ. Er streckte sich, vernahm sanftes Knarren und Quietschen, als er sich langsam und behutsam von Fellirian löste, ohne sie aufzuwecken. Sie bewegte sich, veränderte ihre Lage, aber der Rhythmus ihres Atmens änderte sich nicht.

Morlenden schlüpfte unter der Decke hervor, lauschte: Das einzige, was er hören konnte, waren die Geräusche des Waldes zu Beginn des Winters. Draußen die Tiere waren schon munter in ihren Verschlägen und Ställen und beklagten sich wie gewöhnlich darüber, daß niemand zu ihnen gekommen war. Auf der anderen Seite des yos, hinter dem Kinderschlafraum, gluckste und rauschte der Bach zufrieden vor sich hin … es gab kein Regengeräusch, nicht einmal das leiseste Tropfen von den Bäumen über ihm.

Jetzt begann er das Stechen der Kälte zu spüren; er holte tief Luft, zitterte heftig, stand auf und fing an, auf dem Wandbrett nach einem frischen Winterüberhemd zu wühlen, nachdem er die Kälte abgeschätzt hatte. Nicht so schlimm heute, dachte er, wählte ein mittelschweres Pleth, zog es über den Kopf.

Morlenden rieb sich die Augen und kletterte aus dem Schlafraum nach unten in den Kaminraum, wobei er sorgfältig lauschte, ob außer ihm noch jemand wach war. Es war nichts zu hören außer Kaldhermans leichtem Schnarchen im Schlafraum. Er mußte sich bewegt haben, dachte er. Er hatte Lust, einen Tiegel oder irgend etwas anderes umzustoßen, damit noch jemand wach würde. Er bezähmte sich: Er wollte Sanjirmil nicht aufwecken … aber so sehr er schlechte Nachrichten verabscheute, wollte er es doch endlich hinter sich bringen und mit der Perwathwiy sprechen. Aber nein, es war niemand wach außer ihm selbst, nicht einmal der Jüngste, ihr kleiner Nachkömmling Stheflannai, der immer als erster alles mitbekam. Morlenden zuckte mit den Achseln und begann, das Feuer im Kamin wieder zu entfachen; nach einer Weile, als er sehen konnte, daß in der Asche und den Kohlen der vorherigen Nacht wieder etwas zum Leben erwachte, setzte er seinen Weg zum Eingang fort, um seine Stiefel zu holen. Als er sie anzog, stellte er fest, daß sie steif und kalt waren.

Als er hinaustrat, hielt er inne, um die Luft zu prüfen, den Morgen zu lesen, wie man bei ihnen sagte. Der Himmel war in der Tat klar, von erstaunlich klarem, tiefem Blau; im Osten ging die Sonne auf aus den letzten Resten einer zerfetzten Nebelbank, schien durch das spinnwebartige Geflecht kahler Stämme und Äste, machte sich daran, der Kälte wieder etwas Leben zurückzugeben. Es würde den ganzen Tag über frisch bleiben. Sehr frisch, wie er zu sagen beliebte, ein Ausdruck, mit dem Fellirian ihn immer dann aufzog, wenn das Wetter ganz besonders schlecht war. Er ging die Stufen hinunter; er fühlte sich jetzt schon besser und schlug den Weg quer über den Hof ein, der zum Toilettenhäuschen hinüberführte, während er wie immer über die Dinge nachdachte, die getan werden mußten. Als erstes würde all das Material, das er auf seinen Gängen über die Felder gesammelt hatte, aufgezeichnet und mit Querverweisen versehen, dann richtig in die Bücher eingeordnet, mit Register und Aufkleber versehen werden müssen. Auch würden sie mit einem neuen Stapel Papier beginnen müssen. Der Vorrat war ein wenig geschrumpft, erinnerte er sich, und das war eine ihrer Webverpflichtungen – die Papierkonzession. Wie unangenehm! Würden wahrscheinlich mindestens zwei Stöße brauchen, falls Kai nicht einen Stapel von Nummer drei (einfach) fertiggemacht hatte, während er draußen auf dem Felde gewesen war. Und natürlich mit der Perwathwiy sprechen, was immer es war, was sie wollte. Vielleicht würde das ja nicht so lange dauern, und sie konnten mit den Angelegenheiten, die zu erledigen waren, weitermachen.

Ihm fiel ein, daß er auf die Wurzel aufpassen mußte, über die er auf dem Wege zum Toilettenhäuschen mehrere Jahre hindurch immer wieder gestolpert war, wenn er den kleinen Hügel hinter dem yos hinaufkletterte. Er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig; er sah sie, als er gerade wieder kurz davor war, darüber zu stolpern.

Verdammtes Ding! Über die eine Wurzel stolpere ich nun schon seit den Tagen als Fünfjähriger, und, totales Gedächtnis oder kein totales Gedächtnis, jedesmal schwöre ich, daß ich das Ding eines Tages abschneiden werde, Wurzel mitsamt Ast, den ganzen verdammten Baum. Aber ich habe es nie getan, dachte er nachdenklich. Es ist ein Sauerholzbaum, und die sind selten … und was will diese Perwathwiy eigentlich? Diese verdammten Ältesten immer! Sie hätte schließlich auch Sanjir allein schicken können; will uns wahrscheinlich dazu bringen, daß wir auch noch über die Hütten Buch führen, als ob wir noch nicht genug mit den Weben zu tun hätten. Jetzt würde er noch einmal mit der ganzen lästigen Erörterung anfangen müssen. Ja, mit der ganzen Erörterung. Perwathwiy würde ein schlichtes Nein nicht durchgehen lassen. Und selbst wenn es nur ihre eigene Hütte war, die Libelle, würde das nichts daran ändern: Wenn man einmal damit anfinge, für sie Buch zu führen, würden alle das gleiche wollen. Gefälligkeit. Zum Gänsepenis! Laß sie doch selber Buch führen! Er erreichte das Klohäuschen, eine einfache, kleine, gut inmitten von überalterten Fliederbüschen versteckte Hütte.

Als Morlenden langsam zum yos zurückspazierte und über den Hügelkamm kam, konnte er nun sehen, daß eine feine Rauchwolke von dem größten Ellipsoid aufstieg, dem mit dem Kaminraum. Es war niemand zu sehen, aber der Rauch war deutlich genug; irgend jemand war munter geworden; er vermutete, daß eines von den Kindern aufgestanden war, nach dem Feuer gesehen und einen Kessel für den Wurzeltee aufgesetzt hatte, eine Pfanne mit grobem Mehl, ein paar von den schönen Würsten, die er und Kai zu Beginn dieses Herbstes eingekocht hatten.

Weiter oben in der Senke, in Richtung Wasserscheide, sah er, wie die Älteste, Perwathwiy, auf dem Pfad auf ihn zukam, indem sie sich auf gemessene, umsichtige Weise vorwärts bewegte, aber gleichzeitig nicht die geringste Behinderung durch ihr Alter verriet. Er hatte sie am Abend zuvor nicht gesehen, seit Jahren nicht und sowieso nie aus der Nähe. Aber er kannte Perwathwiy gut genug; sie änderte sich nie. Er konnte sich nicht entsinnen, sie je anders gesehen zu haben als jetzt, als gestrenge, rege Alte mit eisengrauem Haar und dem sauertöpfischsten Wesen diesseits des Grünen Meeres – aber mindestens. Es hieß, daß sie niemals lächelte, und die kleinen Kinder riefen hinter ihr her, daß sie schon bei ihrer Geburt so gewesen sei wie heute.

Die starsrith kam näher, blieb stehen, nickte höflich. Morlenden erwiderte den Gruß und erkannte ihre Hochachtung vor dem Gehöft an. Das also war die Perwathwiy. „Erster Geist des Adler-Schreis“, wie der Name unter dem Aspekt Feuer lautete. Morlenden wußte diese Dinge, ohne sie sich bewußt ins Gedächtnis zurückrufen zu müssen. Ein Leben der Buchführung, der gewöhnlichen vollständigen Erinnerung (oder war es der überwältigende Sinn der Ältesten für die Gegenwart – mit Sicherheit ein Feuer-Charakteristikum), aber es war immer noch etwas mehr an der Perwathwiy gewesen als der bloße Aspekt. Sanjirmil schien dieses Charakteristikum auch zu haben. Perwathwiy war seit Jahren gewählter Oberhetman der Libellenhütte, der zweifellos mächtigsten unter den Ältestenhütten. Es gingen auch Gerüchte über geheime Einflüsse um, aber über solche Theorien hatte sich Morlenden nie sonderlich Gedanken gemacht; die Libelle war seiner Ansicht nach schon ohne zusätzliche Verstärkung durch finstere, heimliche Machenschaften mächtig genug. Aber sie waren verschlossen und außerdem diejenigen, die am meisten von sich selbst überzeugt waren: mächtige, selbstsichere, beinahe arrogante Leute, die ihre Angelegenheiten in geheimnisvolles Dunkel und geheimnisvolle Manierismen hüllten.

Die Perwathwiy war von der Statur her klein, dünn, mit einer Haut, die durch den jahrzehntelangen Wettereinfluß runzelig und dunkel geworden war. Wie es sich für eine Älteste geziemte, war ihr Haar in zwei langen Zöpfen zusammengefaßt, die vorn ordentlich herabhingen. Das Haar war vollkommen grau, ohne den leisesten Hauch von Farbe. Grau, nicht weiß. Er konnte sich nicht erinnern, je gehört zu haben, von welcher Farbe ihr Haar einst gewesen war. Rund um die Augen waren tiefe Falten eingegraben, aber die Augen selbst waren hell, klar, vogelartig und von keiner bestimmten Farbe. Morlenden kannte ihr Alter und war überrascht, daß die alte Frau immer noch in so guter Verfassung war.

Sie sprach als erste. „Ich komme soeben von meiner Meditation. Die Buchstaben sind frühmorgens immer klarer, wie es heißt, aber man muß schon aufstehen, wenn man sie sehen will, was? Du kennst die Buchstaben nicht? Die Heilige Schrift der alten Hebräer, der Kabbalisten: Hm. Das ist ein Mangel, dem du abhelfen solltest. Ich hätte lieber mit euch allen letzten Abend gesprochen, Morlenden Deren, aber da ich die feine Essenz der reiflichen Überlegung schätze, halte ich mehr von der Morgenstunde. Ich hätte vielleicht mehr gesagt, als es meine Absicht war. Ja. Ich war in Eile, ermüdet. In einem solchen Zustand macht man Fehler, und bei dieser Angelegenheit darf es nicht noch mehr Fehler geben.“

„Bei der Angelegenheit handelt es sich um …?“

„Eine, die euch allen offenbart werden soll. Es handelt sich um keine Kleinigkeit, sondern um etwas, worüber alle Erwachsenen bei euch entscheiden müssen. Sie wird euch zuerst gering erscheinen, aber ich fürchte, daß sie zu einer unerträglichen Last werden wird, noch bevor ihr damit fertig seid, falls ihr bereit seid, euch damit zu befassen. Die Angelegenheit birgt ungeahnte Tiefen, und wenn ihr euch einmal darauf eingelassen habt, müßt ihr unbedingtes Schweigen bewahren. Aber laß uns jetzt einstweilen zum yos der Derens zurückkehren und ein gutes Mahl zu uns nehmen. Ich bin hungrig und kann gern das schlimme Märchen widerlegen, demzufolge Älteste sich lediglich von gekochter Sauermilch, Linsen, Hafergrütze und Wolfsmilch ernähren.“

Morlenden wies ihr mit einer ausladenden Geste den Weg, und sie gingen den Pfad zum yos hinunter. Als sie sich der Treppe auf der abschüssigen Seite des yos näherten, tauchte Kaldherman auf, der sich die Augen rieb.

Er blickte sie verschlafen an und sagte unter Gähnen: „Wie ich sehe, seid ihr beide hier die Frühaufsteher. Aber die Mädchen sind noch im Bett. Ayali schnarcht soeben auf höchst mädchenhafte Weise, aber ihr braucht nicht zu sagen, daß ich euch das erzählt habe. Es war absolut unmöglich, die beiden zu wecken. Peth und Sanjirmil haben vorübergehend ihre Fehde begraben und sind am Kamin zugange. Ich nehme an, daß wir am Ende um so ärmer sein werden, aber wenigstens bekommen wir etwas Gutes zu essen.“

Im yos ließ sich jetzt eine körperlose Stimme vernehmen: „Ich komme ja schon, ich komme ja schon, nur noch eine Minute!“

Morlenden fragte die Perwathwiy: „Wo willst du dein Essen einnehmen?“

„Muß ich das wirklich noch sagen? Hier auf der Treppe natürlich. Iß du nur schnell deins auf und komm dann zu mir in den Hof, ohne die Kinder. Nur Sanjirmil wird als Zeugin für das Zanklaron{26} zugegen sein.“

Morlenden dachte einen Augenblick nach und fragte dann: „Dann bist du nicht den ganzen Weg bis hier heruntergekommen, um mir vorzuhalten, daß die Derens für die Ältesten über Neueintritte und Übergänge Buch führen sollen?“

„Kaum. Deswegen muß ich Fellirian sowieso irgendwann ansprechen. Sie ist doch eine Klandorh, nicht wahr? Aber was das Thema betrifft, ja, ich weiß, daß ich euch deswegen seit Jahren tyrannisiere, und das werde ich zweifellos auch weiterhin tun. Ihr Derens seid alle stur, ob ihr in die Rolle hineingeboren oder ob ihr hineinverwoben seid. Das ist eine äußerst wichtige Angelegenheit, die uns dauernd beschäftigt, aber sei versichert, daß ich nicht Meilen durch den Regen gehen würde, um euch deswegen erneut zu tyrannisieren. Diese Sache hier könnte sogar alles ändern … aber wie dem auch sei, sieh jetzt zu, daß alle etwas zu essen kriegen. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, und es könnte sein, daß einer von euch noch einen weiteren vor sich hat.“

 

Und nicht lange danach, als alle aufgestanden und gefüttert waren (wie Kaldherman vorausgesagt hatte, mit etlichen von den Würsten, die er und Morlenden eingekocht hatten), gesellten sich die erwachsenen Derens zu der Ältesten Perwathwiy und Sanjirmil, die schweigend an dem Bach etwas unterhalb des yos warteten, außer Hörweite – wie sie jedenfalls hofften – der neugierigen Heranreifenden, die zurückbleiben mußten.

Als die Derens auf sie zukamen, bewahrte die Perwathwiy weiterhin ihr Schweigen. Es schien, als lausche sie dem Bach, als meditiere sie, als sei sie gerade dabei, sich ihre Worte zu überlegen. Das Geräusch des plätschernden Wassers erfüllte die kühle Luft. Dann wandte sich die Perwathwiy um, sah sie mit aller Eindringlichkeit an und begann endlich zu sprechen.

„Die Libellenhütte hat mich in Zusammenarbeit mit den Weben Reven, Perklaren und Terklaren und mit deren Unterstützung ermächtigt, die Archivare unseres Gemeinwesens zu ersuchen, den Aufenthaltsort einer Person herauszufinden. Dies ist als thayd{27} von allerhöchster Wichtigkeit, für die der Klanderen entschädigt werden wird. Mielhaltalon{28} für die Ermittlung des Verbleibs dieser Person, ihres Schicksals oder die Bestätigung ihres Dahinscheidens und die Rückführung der genannten Person an uns, genau an die Libellenhütte, falls am Leben. Mehr als das kann ich nicht sagen. Wir befinden uns hier auf äußerst gefährlichem Boden, und da wir keine Polizei im üblichen Sinne haben, wurde der Beschluß gefaßt, zu euch zu gehen. Ihr kennt jeden, ihr betreibt Webforschung und seid außerdem für euren Mut und Erfindungsreichtum bekannt.“

Bei der letzten Bemerkung, gewiß einer ausgezeichneten Beschreibung, zogen alle außer Cannialin die Augenbrauen hoch. Ja, außer Cannialin. Sie lebte voll und ganz in der Gegenwart, erwartete nie etwas und war darum fast nie überrascht, weder über das, was Leute sagten, noch über das, was sie taten. Ihr war alles gleich.

Perwathwiy hielt inne. Dann sagte sie: „Wenn ihr euch einverstanden erklärt, werdet ihr von mir ein Päckchen erhalten, in dem sich auf einem Zettel ein Name befindet. Was sagt ihr?“

Sie antworteten nicht. Der Hinweis auf eine Gefahr, die Geheimhaltungspflicht, all das brachte sie aus der Fassung; aber die für den Dienst gebotene Summe war noch verblüffender als das übrige, denn nichts, was sich auch nur einer von ihnen vorzustellen vermochte, konnte mehr als ein tal Gold kosten, und hier wurden ihnen nach dem Dezimalsystem 2744 davon geboten. Fellirian war von den Derens am meisten schockiert, denn sie war zum Teil an die Standwelleninflation der Menschenwelt und an die entsprechende Geldabwertung gewöhnt. 2550 hätte Fellirian mit einer solchen Summe in reinem Gold sich glatt das Recht auf jedes Gebäude des Bezirks Südküste erkaufen können.

Aber sie war die erste, die die Sprache wiederfand. „Und warum wir? Oder vielleicht sollte ich besser fragen, warum nicht ihr selbst oder die von dir vertretenen Parteien?“

Die Perwathwiy antwortete frei heraus: „Irgend jemand wird irgendwann diesen Dingen nachgehen müssen. Ihr habt alle Unterlagen und seid überdies daran gewöhnt, mit Leuten zusammenzukommen, euch unter ihnen zu bewegen, Beziehungen ausfindig zu machen. Euch kennt man überall, und man vertraut euch, und von daher werdet ihr diskret Erkundigungen einziehen können. Und was besonders wichtig ist, ihr wißt jetzt zu Anfang noch nichts von gewissen Aspekten dieser Angelegenheit, Aspekte, die sich gut als Überlebensfragen herausstellen könnten. Unseres Überlebens. Wir glauben, daß ihr im Laufe der Zeit nach draußen gehen müßt, was Fellirian jede Woche sowieso tut, und so würdet ihr kein sonderliches Mißtrauen erregen. Und warum nicht einer von uns? Wir wünschen nicht, daß bekannt wird, daß wir es sind, die an dieser Person interessiert sind. Wir befürchten falsches Spiel.“

Kaldherman sagte: „Dann ist es also gefährlich, wie? Für euch, aber nicht für uns?“

Die Perwathwiy sah weg und zur Sonne hin, die sich jetzt aus den Ästen der Bäume befreite und goldenes Morgenlicht in den Hof hinter dem yos warf. Dann sah sie wieder zurück. „Natürlich kann es auch für euch Gefahr geben. Möglich. Aber es gibt sie ganz bestimmt, wenn zum Beispiel ich durch das Tor des Instituts nach draußen marschiere. Aber andererseits ist Gefahr in allen Dingen; selbst ein harmloser Ausflug zum Klohäuschen kann voller Risiken sein: nehmt nur die unbeschnittene Wurzel auf dem Pfade der Derens.“

Fellirian sagte: „Also komm. Wir fragen nach genauen Einzelheiten, und als Antwort bekommen wir die Parabeln eines hermetischen Philosophen erzählt, den wir in diesem Falle genausogut kennen wie du. Vor allem die berühmte Wurzel, die nicht so sehr ein Risiko für die Derens ist als vielmehr eine Vorliebe Morlendens. Sprich geradeheraus oder gar nicht: Gefahr oder nicht Gefahr?“

Sie antwortete: „Ja.“ Aber ihre Antwort wurde mit ruhiger und plötzlich respektvoller Stimme gegeben. Fellirian war sogar in den Kreisen, in denen sich die Perwathwiy bewegte, hochgeachtet, und das sowohl aus allseits bekannten als auch aus für manchen nicht so sehr gut bekannten Gründen, und sie selbst kannte beide gut. „Ja, so ist es. Sehr wahrscheinlich. Die Person, die ihr suchen werdet, war ein Eingeweihter, einer von uns. Ihr werdet diskret vorgehen müssen … ja, verschlossen wäre keine falsche Bezeichnung dafür. Und über das, was ihr enthüllen werdet, sollt ihr mit keinem sprechen, außer im Flüsterton untereinander. Und Bericht sollt ihr den Revens erstatten, die euch korrigieren werden, wenn ihr zu weit vom rechten Wege abgekommen seid. Und ihr müßt bald beginnen, denn gestern ist schon fast zu spät. Wir haben allzulange gezögert, und ich gebe zu, daß dafür ich verantwortlich bin.“

Morlenden empfand ein plötzliches Schwächegefühl, aber er ließ nicht von ihr ab, sondern verfolgte sie weiter, wobei sein hartes, knochiges Gesicht streng und seine Stimme schneidend und entschieden wurde: „Wir sind keine gepanzerten Ritter wie ehedem die Menschen, die auf diesen fürchterlichen Pferden bis ans Ende der Welt zogen. Wir wissen, daß dieses kleine Reservat sehr groß ist, wenn man es zu Fuß durchmessen muß, und daß man unter jeden Blitzbeerbusch schauen muß. Und draußen?“

„Da sage ich, daß das Ende der Welt vielleicht nicht weit genug entfernt ist. Wenn wir zu spät kommen, könnte es das Ende des Universums sein … Aber sagt mir jetzt dies: Wollt ihr tun, was wir von euch verlangen? Allein der Preis sollte euch von unserer Ernsthaftigkeit überzeugen. Es ist die größte Summe, die in unserer Geschichte je für etwas gezahlt wurde.“

Fellirian fragte schlau: „Werden wir hiersein, um sie in Empfang zu nehmen? Und wenn wir sie in Empfang genommen haben, werden wir das überleben können?“

Die Perwathwiy sah sie direkt an. „Das erste, ja. Das zweite … darauf wißt nur ihr die Antwort.“

Sie sprach nicht weiter, und um ihre Bemerkung zu unterstreichen, zog sie sich ein wenig von der Gruppe zurück und drehte sich um, um nachdenklich das Wasser des Bachs zu betrachten. Auch Sanjirmil drehte sich um. Die diesen Gesten innewohnende Botschaft entging ihnen nicht. So gering die Angaben auch waren, sie mußten nun auf dieser Grundlage entscheiden. Sie traten instinktiv näher an den yos heran und sprachen im Flüsterton miteinander.

Zuerst, um die Diskussion zu eröffnen, umriß jeder einzelne klar seine Position. Cannialin war ruhig, aber aus ehrlicher Besorgnis dagegen. Kaldherman war spöttisch und skeptisch, von offener Feindseligkeit. Sie konnten ablehnen, und das wußte er. Er war dafür, die alte Frau zurückzuschicken, versehen mit einem ganzen Haufen allgemeiner Ratschläge, von denen die meisten ohnehin für sie unannehmbar sein würden. Fellirian war mißtrauisch, trug sich jedoch auch mit der anderen Seite der Münze Mißtrauen, der Kehrseite der Neugier. Ihr war bewußt, wie schwer es für eine der stolzen und weitab liegenden Libellenhütte gewesen sein mußte, in Demut über das halbe Reservat zu gehen und etwas in Gang zu setzen, was mit Sicherheit dazu führen würde, daß die Derens in eines der Geheimnisse der Spieler einbezogen werden müßten. Sie wußte nicht, ob sie wirklich etwas davon wissen wollte. Aber die Verzweiflung der alten Frau war unbestreitbar. Die Wichtigkeit der Sache ebenfalls. Man konnte sich nicht vorstellen, was sie dazu bringen konnte, soviel zu bieten – für das Auffinden einer Person. Was hatte diese Person getan? Was war geschehen?

Morlenden, zuerst dagegen, ging dazu über, den Vorschlag zu akzeptieren, und führte sogar Gründe dafür an. Aber er blieb fast genauso feindselig wie Kaldherman, indem er viele Vorbehalte geltend machte, damit sie alle sich ein Bild machen und eine klare Entscheidung treffen konnten. Während sie redeten, warf er einen flüchtigen Blick in die Richtung von Sanjirmil und der Perwathwiy, um zu versuchen, in ihren Gesichtern zu lesen, einen kleinen Hinweis zu erhalten. Aber ihre Gesichter waren ausdruckslos und leer. Morlenden hatte einmal in einem Buch Bilder gesehen, von Menschen geschnitzte Statuen auf irgendeiner unbewohnten und fernen Insel. Die Osterinsel. So sahen ihre Gesichter jetzt aus. Ausdruckslos standen sie starr am ebenen Horizont des endlosen Meeres, furchtbar in ihrer Gefühllosigkeit. Eigentlich war nur das der Perwathwiy so. Sanjirmils sah zwar genauso aus, aber es war nur der äußere Anstrich, und darunter war zuviel anderes. Panik, Verzweiflung, Furcht? Er konnte es nicht erraten. Sie wollte ihm nicht in die Augen sehen, kein Zeichen geben, nicht einmal das des Wiedererkennens.

Er wußte, daß sie es wußten. Die Derens konnten dies ablehnen, wenngleich auch die Revens beteiligt waren, weil in der Sprache des Vorschlags das Wort thayd gelautet hatte … Suche, nicht Auftrag. Eine Hoffnung und kein Befehl. Aber wenn sie es befohlen hätten, wäre ihr Einfluß doch allzu gering gewesen, um ihn ohne die Unterstützung der Derens durchzusetzen, denn außer reinen körperlichen Züchtigungen war die Hauptstrafe die Entziehung der Bürgerrechte, und man konnte nicht gut die Bürgerrechte demjenigen entziehen, der sie selbst verlieh … Er blickte zurück zu Sanjirmil. Er sah nur das stolze, anmaßende Gesicht mit den spitzen Kanten und feinen Linien. Stark und raubtierhaft. Das dunkle Oliv ihrer Haut, die tiefliegenden Augen, von tiefschwarzem Haar umrahmt, das für eine Heranreifende lang war, bis beträchtlich unterhalb des Ohrs ging, mit dem blauen Schimmer in der Sonne. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Gruppe zu, wo sich das Blatt zugunsten des Vorschlags der Perwathwiy gewendet hatte. Sie stimmten nicht mit Freuden oder voller Begeisterung zu. Aber sie stimmten am Ende zu.

Fellirian entfernte sich von der Gruppe. Feierlich, wie es dem Oberhaupt einer Webe geziemte, das für die ganze Webe sprach, dorthin, wo die Perwathwiy stand, abseits am Bach. Sie sagte: „Wir werden es tun. Rathaydhoya. Wir werden uns auf die Suche begeben.“ Sie hatte ihre Zustimmung bewußt in die Form eines Bewegungsverbs gekleidet und das Substantiv somit in einer Weise umgeformt, die keinen Zweifel daran ließ, wie sie darüber dachte. Perwathwiy nickte und stimmte so Fellirians Wortwahl zu. Ein Bewegungsverb würde es in der Tat sein, noch bevor sie mit der ganzen Angelegenheit fertig wären.

Es wurden keine Formalitäten, keine Reden ausgetauscht, und dem Gesicht der Ältesten war keine spürbare Veränderung anzusehen. Ja, wenn da überhaupt etwas war, dann schien es ein Bedauern auf dem Gesicht der Perwathwiy zu sein. Auf Sanjirmils Gesicht zeigte sich ganz kurz etwas, was zu schnell da war, eine Grimasse, ein heftiges Zittern vielleicht, aber es kam und ging zu schnell, als daß man hätte sicher sein können. Es war verschwunden, bevor auch nur einer von ihnen darin lesen konnte. Morlenden, der dieses Gesicht besser und aus größerer Nähe als irgendein anderer von ihnen gesehen hatte, sah nichts Vertrautes darin, sondern einen Augenblick lang etwas Fremdartiges, das dann weggenommen wurde.

Perwathwiy sprach. „Gut denn, wenn es mich auch schmerzt. Ihr werdet nach Ausführung des Auftrages die volle Summe ausbezahlt bekommen. Bei Übergabe oder nach dem Bericht. Ich muß jetzt zurück zur Libelle und der Versammlung Bericht erstatten, dem Dunklen Rat. Hier ist das Päckchen. Ich wünsche euch Glück bei der Jagd.“

Sie wandte sich um und begann rasch auf den Schuppen zuzugehen, wo sie ihr schmales Bündel irdischer Reisegüter zurückgelassen hatte. Sanjirmil stürmte ganz plötzlich, wie ein aufgescheuchtes Tier, zum yos, um ihre eigenen Sachen zu holen, und schoß die Stufen hinauf. Fast unmittelbar darauf kam sie wieder, rannte atemlos die Stufen hinunter und machte sich auf den gleichen Weg wie die Perwathwiy, die sich bereits auf den nach oben führenden Pfad begeben hatte. Als sie die Älteste eingeholt hatte, drehte sich die Jüngere nur einmal um und sah Morlenden noch einmal mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, mit einem gespannten, mit jenem merkwürdigen, mit dem prüfenden Ausdruck in ihren Augen vermischten Blick, welchen die älteren Spieler anscheinend nicht mehr hatten. Aber ob es nun ein Ausdruck der Sorge, des Bedauerns oder vielleicht des Zorns war, konnte er nicht sagen. Sie gingen über die höchste Stelle des Pfades und den Kamm, und dann waren sie verschwunden

Fellirian hielt das Päckchen – das was enthielt? – in der Hand. Nachdenklich sagte sie: „Wißt ihr, ich habe irgendwie das Gefühl, daß sie persönlich gar nicht wollten, daß wir diese Sache auf uns nehmen. Besonders diese Sanjirmil.“

Morlenden war der gleichen Meinung. „Ich auch. Ein Grund mehr, sie auf uns zu nehmen“, fügte er mit rauher Stimme hinzu.

Fellirian sagte: „Ich meine, Morlenden und ich sollten uns das jetzt einmal ansehen und uns über ein paar Dinge klarwerden, wenigstens schon mal mit der Arbeit beginnen. Seid ihr alle einverstanden?“

Kaldherman sagte: „Von mir aus, ja.“ Cannialin nickte beifällig. Und fügte schelmisch hinzu: „Ruft mich, wenn Perwathwiys Gefahr in Sicht ist. Dann komme ich mit meiner Geflügelschere.“

Dies war durchaus nicht nur im Spaß gemeint, denn sie war fürchterlich geschickt im Umgang mit der schmalen Klinge, mit der sie die Hühner der Webe ins Jenseits beförderte. Die beiden stiegen die Stufen empor und gingen ins yos.

Fellirian atmete tief aus und öffnete das Päckchen. Innen befand sich ein Zettel, auf dem ein Wort stand. Ein Name; in kindlichen, beinahe holperigen Großbuchstaben: MAELLENKLETH. Das war alles. Nichts sonst. Kein Ehrentitel, der das Geschlecht, kein Webname, der die Familie näher bestimmt hätte. Fellirian murmelte etwas vor sich hin und gab den Zettel an Morlenden weiter.

Er nahm den Zettel und blinzelte ihn für einen Moment wie eine Eule an, als würde er erwarten, daß er zu ihm redete. Er blickte Fellirian an und sagte dann: „Weiblich, innenverwandt, Webe Terklaren. Habe ich recht, Klandorh?“ Sie nickte. „Das werden wir natürlich noch überprüfen. Ich will alles auf sie hin durchsehen, aber ich glaube schon, daß sie es ist. Eine Heranreifende, soweit ich mich entsinne.“

Fellirian stimmte zu. „Etwa zwanzig. Ich kenne sie allerdings nicht gut. Sie war eine ganze Weile am Institut, an dem gleichen wie ich. Irgendwo in der Forschung. Ich habe keine Ahnung, was sie gemacht hat. Aber wir sollten uns wirklich alles über sie genau ansehen, um ganz sicherzugehen. Ich möchte wissen, ob wir … wissen, worauf wir uns da einlassen.“

„Einverstanden. Sollen wir heute beginnen?“

„Du hast die Perwathwiy gehört genau wie ich. Bist du bereit?“

„Aber sicher! Sie war ja aufgeregt genug. Mal sehen, was wir hier haben.“

 

Das Archiv lag in einem dritten Schlafraum, der in den yos der Derens eingebaut war. Man hatte ihn zwischen den Schlafraum der Kinder und den der Elterngeneration eingefügt. Er lag nicht, wie die wirklichen Schlafräume, auf einer höheren Ebene als der Kaminraum, sondern niedriger, ja im Grunde fast unter der Erde; man erreichte ihn über eine kurze Kellertreppe. Er war auch der einzige Ort innerhalb des yos, zu dem es eine Tür gab. Eine verschlossene Tür. Innen standen Regale mit kleinen und großen Büchern, Fächern, die verschiedene Schriftrollen, Webkarten, ausführlichste Stammbäume enthielten, die alle entsprechend dem, was zu beurkunden gewesen war, mehr oder weniger gleich beurkundet, aber während dreier Jahrhunderte durch den individuellen Stil der jeweiligen Derens ausgeschmückt worden waren, wobei sich jeder mit anderem Talent und anderen Interessen dem Problem gewidmet hatte. Morlenden kramte geistesabwesend in Regalen und Fächern, wobei er irgendein Lied vor sich hin summte und Fellirian die Laterne hielt. In der Luft hing ein moderiger Geruch nach altem Papier und Staub.

„Hm … dum-di-dum-di-dum … m-mha! Ja. Das ist es, glaube ich“, sagte er und zog einen großen, ziemlich neuen Band heraus, öffnete ihn, blätterte durch die Seiten, hielt schließlich inne, fuhr mit dem Mittelfinger die Seite hinunter, wobei er noch immer halb zu sich selber redete, was eine Angewohnheit von ihm war, die Fellirian erboste. Er grübelte. „… May, Maen … ja, Mael. Mael Len-Kleth, ‚Apfelschalen-Duft’, Aspekt Sanh, Wasser. Geboren im Sommer, ja, das ist es, nach dem menschlichen Kalender im Jahre 2530, am fünften Juli. Mal sehen, das Generationstotem ist … jawohl, da ist es, ganz da drüben.“ Er sah Fellirian von der Seite her an. „Wer hat das hier aufgezeichnet? Alles ist durcheinander, über die ganze Seite verstreut. Aber macht nichts, ich finde das schon. Das Generationstotem ist Muth, der Kondor. Sie haben lauter Vögel als Totemzeichen, was? Das ist die letzte, die hier eingetragen ist.“

Fellirian sagte: „Ja, das ist die letzte. Und was sollte sie davon abhalten, Vögel als Generationstotems zu benutzen? Wir bei den Derens haben doch auch Baumnamen, und keiner findet etwas dabei.“

„Nichts, nichts. Es kommt mir nur merkwürdig vor, das ist alles, besonders weil sie so streng daran festhalten. War das schon immer so?“

„Ich glaube, ja. Bei den Terklarens auch. In irgendeinem der Bände befindet sich ein Vertragsschreiben, in dem sie dahingehend übereinkommen, daß sie jeweils eine andere Reihenfolge übernehmen, damit sie nicht in beiden Weben gleichzeitig das gleiche Totemzeichen in Gebrauch haben.“

„Was ich meinte, war, warum die Vogelsymbolik? Wir gebrauchen die Baumsymbolik, weil wir von den Bäumen unser Papier bekommen, von der Schonung drüben hinter dem Hügel. Aber was, zum Teufel, haben Vögel mit dem Spielen zu tun?“

„Meine Güte, woher soll ich das wissen, Morlenden? Wir haben ja kein Mitspracherecht. Sie wählen einfach aus, was sie wollen.“

„Ich habe ja nur gefragt, nichts weiter. Du sagtest, ‚die letzte’. Wie meintest du das?“

„Ich erinnere mich jetzt wieder, da war irgend etwas anders als sonst bei dieser Generation. So etwas wie zwei weibliche Innenverwandte. Der Name der anderen war Mev irgendwas. Es steht sicher im Webbuch. Mev-Larnan vielleicht. Ich bin mir nicht sicher. Ich habe die Eintragung nicht gemacht. Ich war einmal dabei, als Kadh’Elagi darüber sprach, aber ich habe nicht richtig zugehört.“

Morlenden stellte das Buch vorsichtig wieder auf sein Brett zurück. Dann wandte er sich einem weiteren Regalbrett zu, auf dem noch weitere Bände standen, kramte wieder eine ganze Weile, dieses Mal allerdings nicht geistesabwesend, sondern eher zielstrebig. Er fand den Band schnell. Der Rücken war säuberlich mit dem Namen PERKLAREN beschriftet. Per Klarh (Gh)en. Als Aspekt vermutete er Erde – und dachte an die allgemeine Assoziation mit dem Namen der Spieler.

Natürlich besaß jedes Wurzelwort in der Single-Sprache mindestens vier Bedeutungen, meistens gemäß dem Aspekt, und viele besaßen mehr als das. Etwas ließ Morlenden keine Ruhe – das Vogeltotem, das ihn einen Augenblick zuvor beschäftigt hatte. Bei der Wurzel klarh war es nicht anders. „Spielen“ war wie bei so manchem Spiel nur eine seiner Bedeutungen. Unter dem Erdaspekt. Unter dem Feueraspekt bedeutete die Wurzel „Fliegen“, daher die Assoziation mit den Vögeln … Nichts paßte zusammen. Auch Insekten flogen, und Fledermäuse ebenso, und, was das anging, auch Luftschiffe und ähnliches, und die hätten sie genausogut nehmen können. Komische Leute, diese Spieler, allesamt. Verschlossen und exzentrisch. Er ließ von der Spekulation ab. Es hatte gewiß mehr mit den Spielerweben auf sich als Wortspiele mit den Bedeutungen von Namen, die sowieso nur noch wenige ernst nahmen, selbst von denen, die sich von Berufs wegen dafür interessierten. Und was machten sie denn überhaupt? Sie allein hatten keine funktionelle Beziehung zu irgend jemand anders – nur zueinander, wenngleich sie mit verschiedenen Dingen Tauschhandel trieben. Alles, was sie zu tun brauchten, war, öffentlich ihr Spiel zu spielen, mehrmals im Jahr, und an einer ausgetüftelten Disziplin, genannt „Spieldenken“, mitzuwirken, die niemand außerhalb ihres Milieus kannte und für die sich auch niemand sonst interessierte.

Morlenden nahm an, daß sich schon einige dafür interessierten, aber er selbst nie. Es war natürlich interessant, dieses Spiel, wenn auch etwas zu abstrakt für Morlendes Geschmack und für Fellirians ebenso. Cannialin hatte, wie er wußte, gar keine Ahnung davon; andererseits war bekannt, daß Kaldherman schon auf Spielerergebnisse gewettet hatte. Aber seit seiner Verwebung in den Haushalt der Derens hielt er sein Laster in Schach, oder er versteckte es. Und er war sicher, daß Kal auch nicht mehr darüber wußte als er selbst, ganz gleich, wie genau er es in der Vergangenheit verfolgt hatte. Das war es eben – selbst die, die es verfolgten, wußten nur wenig darüber. Sie sahen, wie sich auf einem von einigen kontrollierten Schirm Muster bildeten, während andere das entstandene Muster und seine dauerhaften Nachbilder zu stören versuchten.

Es war weiterhin allgemein bekannt, daß die Perklarens meistens den Sieg auf ihrer Seite hatten, außer in ungewöhnlich schlechten Jahren, aber die Terklarens schienen die meisten Anhänger unter den Zuschauern um sich zu versammeln. Sie bezogen ihre Stärke sozusagen aus der Menge, während die Perklarens aus irgendeinem inneren Feuer heraus spielten. Menschen, die von außen kamen, besuchten manchmal die wichtigsten Turniere, aber Morlenden hatte den Verdacht, daß sie auch nicht mehr davon mitbekamen als das Ler-Publikum.

Er stellte das Buch, das er in Händen hielt, zurück. Im Webbuch der Perklarens ermittelte er rasch die jüngste Generationsseite, die letzten Einträge. Die Stelle des Nerh, des ältesten Außenverwandten in der Generation der Heranreifenden, war mit einem gewissen Klervondaf, Tlanh ausgefüllt. Der Thes war ebenfalls ein Tlanh, und zwar war er als ein gewisser Taskellan aufgeführt. Die innenverwandten Geschwister waren beide Srith, aufgeführt als Maellenkleth Srith und Mevlannen Srith. Längs ihrer Namen war am Rand ein großes Sternchen hingekritzelt, zusammen mit einer Notiz, erscheinend in Belargirs Schrift, des Inhalts, daß hier besondere Aufmerksamkeit geboten sei, da, wenn nichts dazwischenkäme, diese Mädchen die letzten sein würden, die den Namen der Perklarens tragen würden.

Morlenden betrachtete noch einmal den Vermerk, drehte sich dann um und zeigte ihn Fellirian. „Einen Moment mal jetzt“, sagte er. „Diese Maellenkleth müssen wir ausfindig machen: Sie ist eine Innenverwandte der Erst-Spieler, aber ihre Webe läuft aus. Und sie geht auch zum Institut? Wieviel weiß Vance von alldem?“

„So gut wie nichts, nehme ich an. Sie ist nur ein- oder zweimal für mich eingesprungen. Er wußte bestimmt, daß sie in der Forschung arbeitete, wenn sie überhaupt kam. Sie war nie regelmäßig da. Vergiß nicht, Vance ist einer von ihren reinen Managertypen: zieht es vor, nichts mit den Fachleuten zu tun zu haben, wie sie es ausdrücken. Also, Morlenden, jetzt sieh mich nicht so an, als ob ich gar nicht richtig hierwäre; so machen sie es eben dort.“

Morlendens Geist schweifte plötzlich ab; die Gebräuche des menschlichen Managements traten plötzlich in den Hintergrund. „Was hat sie in der Forschung gemacht?“

„Die Bezeichnung für das Ganze lautet ‚Forschung und Entwicklung’. Hat irgendwas mit der Raumfahrt zu tun, glaube ich.“

„Was für ein Interesse könnte sie daran haben? Wenn es nicht gerade noch eine von diesen üblichen Verschrobenheiten der Spieler ist. Oder der Wahn einer aussterbenden Generation. Wir haben es hier mit wirklich sprunghaftem Verhalten zu tun.“

Gedankenverloren und nachdenklich stellte er das Perklaren-Buch zurück auf sein Brett. Lange Zeit verharrte er in dieser Haltung, eine Hand auf dem Brett, sich mit der anderen nachdenklich das Kinn kratzend, die Augen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum gerichtet.

Endlich sagte er: „Ich glaube nicht, daß unsere Chance, sie zu finden, hier drinnen groß wäre. Sie muß irgendwo da draußen sein. Das macht alles erheblich schwieriger: Das ist eine große Welt da draußen, wenn wir da nachsehen sollen. Haben diese Leute so etwas wie ein Suchsystem?“

„O ja, das haben sie. Ein schlimmes, ausgedehntes noch dazu. Aber man kann es schlagen, wenn man bereit ist, etwas Mühe auf sich zu nehmen und ohne es auszukommen. Ich könnte es leicht schlagen.“

„Du kennst es auch gut. Aber wieviel konnte sie davon wissen?“

„Wieso glaubst du, daß sie draußen ist?“

„Wenn sie ein Jedermann wäre, jemand wie du und ich, dann wäre sie drinnen geblieben wie alle anderen auch. Was für einen Grund hätten wir dazu? Aber sie wird vermißt, und das seit einiger Zeit. Denk daran, was die Perwathwiy sagte: ‚Morgen kann es für die Suche schon zu spät sein’. Und sie können sie nicht finden – was bedeutet, daß sie drinnen schon selbst nachgesehen haben, an den Stellen, an denen man sie vermuten konnte. Und sie haben eine Menge Zeit darauf verwendet, ja? Aber sie wird vermißt, und bei der Belohnung ist sie offensichtlich wichtig.“

„Also gut, soweit stimme ich mit dir überein. Aber man muß immer noch drinnen anfangen.“

„O ja. Und wenn es nur darum wäre, etwas über sie herauszubekommen. Ich weiß nicht mal, wie sie aussieht.“

„Ich kann dir ein Multi-Sprachen-Bild von ihr geben, aber gut ist es nicht, weil ich, wie du weißt, die Multisprache nicht so gut beherrsche, und auch weil ich sie nie aus der Nähe gesehen oder ihr sonderliche Aufmerksamkeit geschenkt habe. Du mußt dir ein gutes Bild von ihr ansehen. Was ich dir übermitteln könnte, würde sie wahrscheinlich durch nichts von Sanjirmil unterscheiden.“

„Wieso Sanjirmil?“

„Sie sind sich eigentlich gar nicht ähnlich, aber es sind genug grundsätzliche Ähnlichkeiten vorhanden, so daß du sie auf einem Nebel-Bild miteinander verwechseln würdest.“

„Hm. Nein, danke, Fel, keine Multi-Sprache, bitte schön. Wenn es schon unbedingt sein muß, möchte ich für die Schmach wenigstens etwas Gutes haben. Wir brauchen schon ein gutes Bild, von jemandem, der sie gut gekannt hat. In letzter Zeit. Ich finde, wir sollten bei den Perklarens anfangen und dann mit ihren Freunden, Liebhabern und ähnlichem weitermachen … Fellir, ich rieche hier wirklich etwas Unangenehmes, und ich möchte mit einigen von ihnen als erstes sprechen, um vielleicht herauszufinden, auf was wir uns da einlassen. Die Perwathwiy sprach von Gefahr und wehrte ab, als von uns die Rede war.“

„In der Tat. Ich habe ein ähnliches Gefühl. Das könnte noch eine heikle Angelegenheit werden, eine, mit der du und ich im Grunde nichts zu schaffen haben. Und …“

„Ich weiß gar nicht, warum das Ganze so geheimnisvoll sein muß. Ich meine von Seiten der Perwathwiy. Und warum nicht ihre eigene Webe, Morlenden?“

„Ja, sprich weiter.“

„Das Ganze ist eine … Irreführung. Man hat uns nicht alles gesagt.“

„Man hat uns so gut wie gar nichts gesagt.“

„Wie heißt das Wort, nach dem ich suche? Ich meine etwas, das die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, aber es ist nicht das, worum es wirklich geht.“

„Es lenkt ab“, sagte er nach einer Pause. „Wie nennst du es also?“

„Ich würde sagen, fang drinnen an; bald, noch heute, wenn du dich stark genug fühlst. Mindestens morgen, nicht später. Ich werde auf dich warten und zum Institut zurückgehen und mich dort umsehen.“

Morlenden stöhnte laut auf. „Wieder auf Reisen! Wie abscheulich du geworden bist!“

„Du solltest dich nicht so beklagen. Ich muß ohnehin noch mal hin, und wenn man vom Marschieren absieht, hast du den leichteren Teil.“

„Das sagst du immer, Fel, aber die Mono kommt anscheinend nie dahin, wo ich hingehen muß. Wenigstens kannst du fahren.“

„Das Milieu würde dir nicht gefallen. Ich bin schon draußen gewesen, und ich weiß Bescheid. Mir gefällt es jedenfalls nicht.“

„Also gut, in Ordnung.“ Er hielt einen Moment inne und bedeutete ihr, das Archiv allmählich zu verlassen. Als sie sich umdrehte und die Tür öffnete, sagte er, halb zu sich selbst: „Und wenn ich mich jetzt auf den Weg mache, kann ich heute abend noch dort sein.“

Fellirian drehte sich um. „Wo?“

„Bei den Perklarens natürlich.“

Die beiden verließen das Archiv und schlossen die Tür fest ab. Dann begannen sie mit Hilfe von Kaldherman und Cannialin alles, was Morlenden für eine kurzfristig geplante Tour ins Landesinnere benötigen würde, zusammenzusuchen. Etwas zum Essen, Kleider zum Wechseln, ein Unterhemd für den Winter. Sein abgenutzter Rucksack. Kaldherman begleitete ihn in den Hof hinaus, wo sich der Morgen allmählich in Mittag verwandelte.

„Bist du sicher, daß du nicht irgendwelche Hilfe brauchst?“

„Nein, jedenfalls im Moment nicht. Das hier sollte eigentlich nur ein flotter Spaziergang werden, ein kleines Gespräch und noch ein kleiner Spaziergang. Keine Angst, Kal. Später wird diese Angelegenheit vielleicht alles von uns fordern.“

„Ein paar kräftige Hiebe vielleicht?“

„Augen und Ohren und einen scharfen Verstand, was du ja im gleichen Maße besitzt wie Fäuste und Knüppel. Halte dich bereit! In ein, zwei Tagen bin ich wieder da.“

„Es wird sein, wie du sagst …, halte du nur selber die Augen auf, Mor. Es hat ganz den Anschein, als ob da etwas im Gange sei. Es könnte Leute geben, die deine Fragen nicht unbedingt mögen.“

„Das werde ich tun.“ Er winkte Kaldherman zu und machte sich auf den Weg.