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Je mehr Dimensionen ein Spiel hat, um so komplexer werden die Faktoren der näheren Umgebung, die die Beschaffenheit einer bestimmten Zelle beeinflussen. Dies wird dann bedeutsam, wenn wir uns erinnern, daß es von nur zwei Dingen abhängt, wie der Zustand einer Zelle sein wird: wie sie im letzten zeitlichen Rahmen war und wie die nähere Umgebung ist. Wenn wir uns jetzt vorstellen, daß unser vertrautes Universum mit seinen drei Dimensionen statt dessen eine dreidimensionale Projektion eines n-dimensionalen Spiels wäre, wäre die vordringliche vor uns liegende Aufgabe die, die dimensionale Matrix zu bestimmen. Ist dies nicht offensichtlich?

Die Spieltexte

 

Fellirian schien sofort in Schlaf zu fallen, sobald sie sich ein wenig hin und her bewegt und die richtige Stellung gefunden hatte. Ihre Atmung wurde tief, langsam und regelmäßig. Morlenden schlief nicht ein. Obwohl er nicht weniger müde als Fellirian war, störte ihn tief in seinem Inneren irgend etwas, etwas grundsätzlich Verkehrtes. Verkehrt? Das war nicht ganz das richtige Wort. Unrichtig war vielleicht besser. Er konnte die Ursache für dieses Gefühl nirgendwo unterbringen. Eine Zeitlang untersuchte er es, aber er konnte die Stelle, an der es sich hätte auflösen lassen, nicht finden, so ließ er allmählich wieder davon ab. Er sann über seine Vergangenheit nach, auf die er durch die Ereignisse dieses Abends eingestimmt worden war, und durch die Besucherinnen, die zu ihrem Anwesen gekommen waren. Perwathwiy. Sanjirmil. Ja, Sanjirmil. Morlenden sann über die Vergangenheit nach. Über seine und die Sanjirmils.

Es war schon lange her. Zwei und einmal vierzehn Jahre. 2534 nach dem menschlichen Kalender. Im frühen Herbst. Er war eins und zweimal vierzehn gewesen, neunundzwanzig also, und sie dreizehn. In jener Zeit hatten auf höchst merkwürdige Art, die ihm nie aus dem Sinn gegangen war, zwei separate Bräuche oder Konventionen begonnen, ineinanderzuspielen.

Der erste war der Grundsatz der Zulässigkeit gewesen: es gab wenige Regeln, die für die sexuellen Aktivitäten unter den heranreifenden Ler maßgebend waren, und unter denen, die es gab, waren die, die sie einschränkten, noch seltener. So hieß es, daß unter Personen der Reifezeit das Alter an sich kein Hindernis sein sollte, vorausgesetzt, daß alle dem eigenen Wünschen und Wollen entsprechend handelten. In der Praxis tat man sich meistens mit einem etwa gleichaltrigen Partner zusammen, aber Ausnahmen kamen auch vor, und man wurde weder im einen noch im anderen Falle gelobt oder geschmäht.

Der andere Brauch war restriktiver, denn er bezog sich nur auf innenverwandte Geschwister. Während sie sich normalerweise ein wenig aus dem Weg gingen, wenn sie heranreiften, verbrachten die innenverwandten Geschwister mehr und mehr Zeit miteinander, wenn die Fruchtbarkeitsperiode näher rückte. Aber gleichzeitig begannen die Rivalitäten und Spannungen, die sich während der langen Kindheit und Jugend summiert hatten, zu gären und an die Oberfläche zu kommen. Da sie wußten, wie gespannt diese Periode sein konnte, und da sie außerdem wußten, wie wichtig es war, daß die innenverwandten Geschwister zusammenblieben, hatten die Ler in den allerletzten Teil der Jugend eine Entlastungsperiode eingeschaltet, damit eine feindliche Beziehung nicht die über Hunderte von Jahren sorgsam gepflegten Weblinien auflöste. So war es also Sitte, daß der oder dem Innenverwandten irgendwann während des letzten Jahres ein vayyon gestattet wurde, eine Wanderung, ein träges Umherschlendern, ein letztes Abenteuer, eine große Liebschaft. Es war selbstverständlich, daß diese Wanderungen mehr oder weniger zu dem Zwecke unternommen wurden, sich noch ein letztes Mal auszutoben, etwas zu erleben, woran man sich für den Rest seines Lebens gern erinnern würde.

Herbst 2534. Fellirian hatte ihr Abenteuer, ihr vayyon, bereits hinter sich; im Frühling jenes Jahres hatte sie sich gemäß dem Brauch eines Regentages einfach davongemacht. Drei Monate später, im Sommer, war sie zurückgekehrt und hatte niemandem etwas gesagt, keine Andeutung fallengelassen, keine vertraulichen Mitteilungen gemacht. Sie war zuvor angespannt gewesen, für sie ganz uncharakteristisch, scharfzüngig und voller ätzender Bemerkungen. Nun wirkte sie ruhig, gelassen, entspannt, als fühlte sie sich wieder wohl in der eigenen Haut; der Großteil der vorherigen nervösen Unruhe des Heranreifenden in der Spätphase war verschwunden, ihre Schwierigkeiten waren gelöst. Oder nicht? Morlenden wußte es nicht. Er hatte es nie gewußt. Sie hatte nie darüber gesprochen, was sie getan hatte und mit wem, wenn es überhaupt jemanden gegeben hatte. Auch das gehörte zum Brauch: Was man während des vayyon tat, war für immer ein Geheimnis. Und so war Fellirian zurückgekehrt, ruhig wie ein stiller Bach, schweigend, rätselhaft.

Während dieser ganzen Zeit hatte Morlenden gespürt, wie der Drang zum Unbekannten hin sich in ihm verstärkt hatte und wie ihm die Umgegend der Deren-Webe in zunehmendem Maße fade und unbefriedigend vorgekommen war. Fellirian war nicht nur die künftige Klandorh gewesen, sondern auch die älteste Innenverwandte, daher war es ihr Recht, als erste zu gehen. Aber nachdem ein paar Tage seit ihrer Rückkehr vergangen waren, packte Morlenden ein paar Sachen und ging ebenso ruhig von dannen, wie es seine innenverwandte Schwester getan hatte. Auf dem Wege zum Hauptpfad waren sie wortlos aneinander vorbeigegangen. Es gab nichts, was sie ihm hätte sagen können. Man fand seine eigene Wahrheit, und die Worte keines anderen konnten sie einem sagen.

Zuerst, an den ersten Tagen, war es furchtbar aufregend gewesen; nie zuvor hatte er solche Freiheit, solche totale Verantwortungslosigkeit empfunden. Morlenden wanderte zunächst nach Norden, dann nach Nordwesten; er schlief unter freiem Himmel, fühlte die Kälte der Nacht, die jetzt in der Luft lag, verrichtete für irgendein yos irgendeine Arbeit als Entgelt für ein Essen und ein Bad oder ein paar Münzen vielleicht, manchmal auch für eine Ältestengemeinde, wo die schweigenden Bewohner ihm wissende Seitenblicke zuwarfen, aber nichts sagten, keine verächtlichen Bemerkungen machten. Diejenigen, die in einem früheren Leben Innenverwandte gewesen waren, kannten das vayyon. Sie wußten Bescheid.

Die große Liebschaft hatte sich nicht eingestellt. Morlenden konnte nicht genau in Worte fassen, was es eigentlich war, wonach er suchte, aber was immer es gewesen war, die Möglichkeit, es zu finden, schien in immer weitere Ferne zu rücken. Es war nicht so, daß keine Mädchen dagewesen wären; es gab jede Menge Mädchen, und seine Tage und Nächte waren im großen und ganzen nicht bar von Schäkereien, Tändeleien, Blumenkämpfen. Aber irgendwie schien es die Beziehung, die er wünschte, nicht zu geben. Die eine war beschäftigt, ans Haus gebunden und wollte nicht mit ihm weggehen, obwohl sie durchaus in Frage gekommen wäre. Eine, die dazu bereit war, war mehr als ein hoffnungsloser Fall; Fellirian schien noch an ihren schlimmsten Tagen vorzuziehen zu sein, selbst als bloße Kameradin. Andere hatte er nur flüchtig gesehen. In früheren Zeiten hatte sich Morlenden am eifrigen Zusammenspiel von Auge und Gestik, am suggestiven Wort entzückt. Jetzt, da er frei war, wirklich frei, schien jene ganze Welt weggefallen und verschwunden zu sein; welche Ironie – jetzt da er zu haben war, war niemand interessiert. Die Aussichten waren gering, und er schien immer zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, zu früh, zu spät. Er fing an, von einem Ort zum andern zu ziehen; er langweilte sich und wurde unzufrieden, frustriert und von einem Gefühl erfüllt, das er nicht benennen konnte. Mehr als einmal ertappte er sich bei dem Zweifel, ob dies wirklich das große Abenteuer war. Ließ sich am Ende etwa alles auf nichts weiter als auf den Gegenwert eines langen Spazierganges bringen? Eine unerfüllte Erwartung? Waren es die umgebenden Schichten des alltäglichen Lebens, die die flüchtigen Ausnahmen so aufregend machten? Ja, war es vielleicht die Seltenheit, die den Wert verlieh? Und bestand die Lektion des vayyon vielleicht darin, daß es das Abenteuer nicht gab, nie gegeben hatte, nie geben konnte, sondern statt dessen etwas mit dem langsameren Ablauf des Durchschnittslebens zu tun hatte, in dem man sein Gut bewirtschaftete, die Kinder aufzog? Sicher, er spürte, daß dies die ständigen Prüfungen der Wirklichkeit waren, die alle lernen mußten, jeder einzelne, immer und immer wieder, der Mensch wie der Ler, aber wie jeder andere war er überrascht über den Schmerz, den der Verlust vieler seiner liebsten Illusionen verursachte.

Eine Weile wurde Morlenden lustlos, scheu, ja ein wenig feindselig; sein Blick schien kristallklar, durchdringend, mächtig, zersetzend zu werden. Er sah die Dinge aus einer Distanz, aber im Geiste wurde die Distanz für ihn noch größer; er sah die Ler der Elternphase, die rodhosi, bei der Arbeit, auf dem Feld und im Geschäft; jüngere Heranreifende, die didhosi, beim Lernen, bei den eigenen Angelegenheiten. Und nach alldem die Ältesten, die sich in ihre abgeschlossenen Hütten zurückgezogen hatten, sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt waren. Er hatte sein ganzes Leben lang darauf gewartet, von diesem endlosen Kreislauf befreit zu sein, aber jetzt, da er frei war, gab es für ihn wenig genug, für das es sich gelohnt hätte zu verweilen. Das wirkliche Leben war dort, nicht hier.

Das waren bittere Gedanken; Morlenden verbrachte jetzt mehr Zeit auf den leeren Waldwegen, verlor das Interesse am Essen, nahm ab. Mit den Wochen wurde er recht hager und wirkte hungrig; seine scharfen und wie gemeißelten Gesichtszüge wurden geschliffener und schärfer. Einmal versuchte er zu fasten, damit ihm eine Vision erscheinen möge; dies war eine Methode, von der er gehört hatte. Aber auch das blieb ergebnislos; er bekam es bald satt. Entweder mangelte es ihm an einem eingeborenen Sinn für Ehrfurcht, der für die religiöse Erfahrung erforderlich war, oder vielleicht mangelte es ihm an einer grundlegenden Fähigkeit zur Disziplin, die für das Zustandekommen der Vision notwendig war. Jedenfalls stellte sich nie eine ein. Er wurde nur noch ein klein wenig dünner und eine ganze Menge hungriger.

Er kehrte wieder zu den alten Gewohnheiten zurück und nahm versuchsweise die alten Arbeits- und Eßgewohnheiten wieder auf. Und wehmütig dachte er bei sich, daß er tatsächlich die letzte Lektion gelernt hatte. Und in dieser Zeit geschah es, daß er sich wieder gen Süden wandte und mit seiner Heimreise begann. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es wohl sein würde, wenn er tatsächlich heimkehrte: Fellirian würde wissen wollen, was er gemacht hatte, und er würde sie wissend anlächeln und sie ihre eigenen Schlüsse ziehen, sich ihre eigenen Gedanken machen lassen. Vielleicht konnte er ab und zu eine rätselhafte Bemerkung fallenlassen, etwas andeuten, nie etwas direkt, offen heraussagen. Es würde ihr recht geschehen. Sie selbst hatte wahrscheinlich die gleiche Leere gesehen, die er entdeckt hatte, deren Kern in ihm selber war, die ständige Einsamkeit, die im Herzen aller denkenden Wesen des Universums ruht. Er wußte jetzt, daß alle diejenigen, die den Vorzug gehabt hatten, zum vayyon zugelassen zu sein, an diesem Geheimnis teilhatten.

Er kehrte langsam zurück. Es gab jetzt keine Eile. Er hatte den größten Teil der Entfernung zurückgelegt, und es blieben ihm nur noch einige Tage des gemächlichen Reisens und Arbeitens, als er zufällig an einem Ort vorbeikam, der Lamkleth hieß, was „harzduftend“ bedeutete, und der eine Kombination aus vielerlei war: unauffälliger Erholungsort, Herberge, Ältestenhütte für eine Hüttenorganisation, die von den meisten Ältesten vergessen zu sein schien. Er trug den Namen einer Ansiedlung oder Stadt, schien aber nicht mehr zu sein als eine zufällige Ansammlung von Hütten, verschachtelten Holzbauten in einem hochgiebeligen, ausgefallenen Stil, verschachtelten Arbeitsschuppen und schäbigen Zelten entlang des Sees, alles halb versteckt und übergangslos mit den Nadelbäumen des Waldes verschmolzen. Er lag an einem finsteren Hohlweg, an einem felsigen, engen Tal, das sich plötzlich auf eine weite Niederung hin öffnete. An der Mündung des Tales war ein stiller, dunkler See, der im Osten, auf der Talseite, von einem gemischten Sand- und Felsstrand und im Westen von einem feuchten, baumverstopften Sumpf begrenzt war. Das Gebiet rund um den Hohlweg und den See herum war dicht mit Kiefer und Zeder, Sumpftanne und Lebensbaum, Deodara und Chamaephyte, Bodeneibe und Retinispora bewachsen. Ein beißender Harzgeruch hing in der Luft, und der Rauch der Feuer duftete köstlich. Ein düsterer Ort, was zweifellos viel damit zu tun hatte, warum er sich allgemein nie großer Beliebtheit erfreut hatte.

Nichtsdestotrotz war Lamkleth für eines bekannt; hier kamen die Heranreifenden zusammen, hinter denen der Zwang der Konvention stand, um sich mit anderen Gleichgesinnten zu treffen, um zu verführen und sich verführen zu lassen, um des Nachts unter den bunten Laternen zu tanzen, um zu singen und den letzten herzzerreißenden Liedern der Sehnsucht zu lauschen, bevor ihnen schließlich die Zügel angelegt wurden. Persönlich hatte Morlenden nie viel um den Ort gegeben, und es war eine Tatsache, daß er, obwohl er oft daran vorbeigekommen war, nie kürzere oder längere Zeit in ihm verweilt hatte. Aber dieses Mal – als er an Lamkleth auf der Hügelkette über dem Tal und dem See, über dem dunklen Gewässer, den tiefen Schatten und hellen Laternen vorbeikam – dachte er wieder an die letzte Gelegenheit … Er wanderte langsam zu der Siedlung hinunter. Er spürte in sich die letzten Spuren der Hoffnung darauf, hier endlich die eine zu finden, sie, eine Innenverwandte wie er selbst, ebenfalls in der letzten Periode des vayyon und ähnlich erleuchtet. Er stellte sich etwas vor. Er projizierte Bilder.

Mit dem Geld, das er angehäuft hatte, sicherte sich Morlenden eine kleine, aber bequeme Hütte mit Bad und Holzofen. Ein Haufen Reisigbündel lag praktischerweise draußen vor der Tür. Die Hütte war nicht in der Nähe des Seeufers, sondern weiter ab gelegen, hoch oben im Tal, unterhalb des Bergkamms, halb unsichtbar zwischen den Bäumen, verborgen in einem Hain uralter Lebensbäume, deren federartige Wedel über das bemooste Dach hingen. Der Duft des Harz war in allem. Der Älteste, der ihn zu der Hütte hin begleitete, sagte wenig, machte nur die Feststellung, daß die Jahreszeit anscheinend vorüber sei, und daß die meisten schon wieder weg seien. Übriggeblieben waren nur ein paar vereinzelte Nachzügler und Unermüdliche. Die Nächte waren jetzt schon recht kühl, und dies habe anscheinend die meisten der späten Sommergäste abgehalten. Morlenden, der daran dachte, wie bunt und fröhlich die Laternen und ihre Lichtreflexe auf dem Wasser ausgesehen hatten, vernahm diese Nachricht mit beklommenem Herzen.

Nichtsdestoweniger war er müde vom Wandern, und eine schöne Ruhepause hier in dieser bequemen kleinen Hütte war schon ein Fortschritt gegenüber dem Schlafen unter einem Baum im Wald. So nahm er ein Bad und zog das letzte Überhemd an, das er noch hatte; vorsichtig holte er es aus dem Rucksack und drückte es mit den Händen glatt. Es war sein Lieblingshemd und geschmackvoll mit dem Wappen seines Aspektzeichens verziert – das Feuer, der Salamander. Es hatte gedämmert, als er von den Höhen heruntergewandert war; es war vollkommen dunkel, als Morlenden die Hütte verließ und den Hügel bis zum Seeufer hinunterging. Der Weg war eben und gut gepflegt, Zweige und Kiesel hatte man weggekehrt, Wurzeln und Knorren entfernt.

Aus der Entfernung sah es so aus, als sei die Sommerszeit immer noch in vollem Gange: Die Laternen schaukelten immer noch über den Zelten und sandten hellfarbige, tanzende Reflexe über das Wasser. Auch Musik lag in der Luft, die einer unsichtbaren Quelle entschwebte und ihrerseits zu einer gewissen Vorfreude beitrug. Aber all das waren nur verblichene Licht- und Schattenbilder; die meisten der lackierten Tische waren leer, die meisten der Lauben und Terrassen verlassen, und die Musik wirkte beim genaueren Hinhören eher langsam und nachdenklich als aufregend und fröhlich. Als Morlenden aus den Kiefern heraustrat und das große Zelt am Ufer betrat, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Der Ort war fast ausgestorben. In Sichtweite war auf einer Fläche, die mit Leichtigkeit eine Menge von terzhan{20} jungen, abenteuerlustigen Körpern hätte aufnehmen können, anscheinend nur eine Handvoll, von denen die meisten sich schon für die Nacht zu Paaren zusammengefunden hatten oder die still und ziemlich unbeteiligt aussehend herumsaßen und über das Wasser in die Dunkelheit hineinsahen.

Er stellte auch fest, als er das ganze Zelt überblickte, daß die noch übriggebliebenen Gäste im Alter sehr stark variierten, so als ob die geringere Dichte dies mehr zum Ausdruck brächte. Manche waren späte Heranreifende wie er selbst, also in vergleichbarem Alter. Andere waren offensichtlich jünger, immer noch tief in der ersten Phase, Bauernlümmel, die in der Zeit zwischen dem Ende der Saat und dem Beginn der Erntezeit vom Hof gegangen waren. Einige wenige waren wesentlich jünger, regelrechte kleine Rabauken, die zwischen den alten getünchten Verkaufsständen und unter den Bäumen wild Kriegen spielten; einige von diesen waren kaum Jugendliche, während einige wenige andere noch kleine Kinder waren. Diese ignorierte er.

Eine Zeitlang ging Morlenden am Zelt auf und ab, um die Lage zu prüfen, in der Hoffnung, daß unter denen, die er in näheren Augenschein nahm, einige vielleicht ähnliche Gedanken hegen mochten. Aber falls dem so war, zeigte es nach außen hin jedenfalls keiner. Alle, die er sah, schienen tief in die eigenen Gedanken versunken zu sein, in die eigenen Projektionen der heiklen Erscheinungen des Lebens, die am Ende des Sommers im Bereich eines schon wieder weitgehend verlassenen Erholungsortes aufkommen. Verfall und die Atmosphäre revidierter Überlegungen lagen wie ein Beigeschmack im Lampenlicht.

Morlenden, der diese Atmosphäre in sich einsog, verlor währenddessen nicht den Mut und versuchte, die Bekanntschaft zweier Mädchen zu machen, die über zwei Glas Glühwein schüchtern an einem der Tische im Zelt herumsaßen. Die erste war auf überzeugende Weise uninteressiert und die zweite kaum weniger, obwohl sie ihm ihren Namen sagte, Meydhellin. Sie erwähnte auch einen gewissen jungen Mann, mit dem sie alsbald eine Verabredung habe.

Morlenden entschuldigte sich nach einer taktvollen und taktischen Pause und begab sich ein Stück weiter weg allein an einen Tisch, wo er sich setzte und vor sich hin brütete, während er beobachtete, wie die spärliche Menge sich noch weiter verflüchtigte, als einzelne Sommerfrischler und Vergnügungssüchtige einer nach dem anderen abwanderten. Der Lärm von den kleinen Rabauken hinter ihm ließ nach. Nach gewisser Zeit beobachtete er, daß das Mädchen Meydhellin wenigstens die Wahrheit gesagt hatte; ein Junge erschien und setzte sich zu ihr an den Tisch. Das andere Mädchen äußerte etwas, das durch die Entfernung verrätselt wurde und ging. Meydhellin und ihr Freund begrüßten einander mit einer gewissen zögernden Steifheit. Morlendens Interesse schwand.

Aus der nahen Küche, die sich hinter ihm befand, kam ein Ältester, um Morlenden diskret darauf hinzuweisen, daß die Küche gleich geschlossen werde und ob der kritische junge Herr nicht vielleicht noch etwas von den Resten bestellen wolle, zu herabgesetzten Preisen. Morlenden nickte begeistert, denn ihm wurde ganz plötzlich bewußt, daß er den ganzen Tag nichts gegessen und einen Bärenhunger hatte. Er fragte nach der Speisekarte; unglücklicherweise war nichts mehr übrig außer etwas Dner, einem Gericht, das dadurch zubereitet wurde, indem man hauchdünne Scheiben verschiedenartigen Fleisches auf einen senkrechten Spieß legte, das Fleisch an der Außenseite anbriet, indem man den Spieß an dem Rost eines Holzkohlengrills vorbeirotieren ließ und dann kleine Stücke davon abschnitt. Es war ein schweres, mehr als fettes Abendessen, und Morlenden bestellte es ohne sonderliche Begeisterung und nahm sich vor, es mit einem kleinen Krug des in der Gegend angebauten Weines hinunterzuspülen, mit Shrav Bel-lamosi, herb und harzig. Kurz darauf und ohne weitere Umstände kam das Essen zusammen mit einer Schale voller wildwachsender Gemüsesorten aus der Gegend. Morlenden aß, weil er immer noch Hunger hatte, aber es war für ihn kein besonderer kulinarischer Genuß. Das ist nun wirklich das Ende, dachte er. Morgen gehe ich nach Hause.

Nach und nach ergab es sich, daß durch den Wein und seine düsteren Grübeleien seine unmittelbare Umgebung zurücktrat und er das Kommen und Gehen der wenigen Patrone und Eigentümer nicht mehr beachtete. Sie alle traten in einen gemeinsamen Hintergrund. Er hörte den Lärm der kleinen Bengel nicht mehr.

Während Morlenden aß und sich zufälligen und etwas trüben Gedanken hingab, kam ihm allmählich der Verdacht, daß er von jemandem, jemandem ganz in der Nähe, scharf beobachtet wurde; ja, von jemandem, der an seinem eigenen Tisch stand und sich vorsichtig zu seiner Rechten und hinter ihm, gerade außerhalb seines Gesichtsfeldes, postiert hatte. Morlenden hielt mit der Gabel auf halbem Wege zwischen Teller und Mund inne und blickte auf.

Es schien eines von den Kindern zu sein, die er schon zuvor bemerkt hatte, einer dieser schwer zu beschreibenden, laut schnatternden Bengel, die entlang der Schattenlinie unter den jenseits gelegenen Bäumen Fangen gespielt hatten. Dieser hier, so dachte er, schien weiblich{21} zu sein und vielleicht sogar eine Heranreifende, die wenig mehr als ein zerlumptes Pleth trug, das schon bessere und sauberere Tage gesehen hatte. Er sah das Mädchen nochmals an; es war auf den ersten Blick etwas Forsches an ihm, etwas Schneidiges lag in seinem Ausdruck, etwas Abenteuerliches, etwas Rücksichtsloses. Morlenden dachte, daß die Kleine ziemlich gut einen erfolgreichen Banditen hätte abgeben können, aber einen Banditen, der wegen seiner leichtsinnigen Geldausgaben ständig arm ist. Ja, im Grunde hatte sie fast etwas Verzweifeltes an sich. Ein richtiges Gör. Ein Balg mit dunkler Haut, großen Augen, scharfen, raubtierhaften Zügen.

Ihre Augen fingen seinen Blick sofort auf; sie bewegten sich nicht hin und her, um dieses oder jenes anzusehen, sondern schienen glasig vor sich hin zu starren, ohne auf etwas Bestimmtes gerichtet zu sein, aber gleichzeitig waren sie gespannt. Ihr Gesicht zeigte an, daß ihr nichts entging. Morlenden betrachtete den bestürzenden Ausdruck in ihren Augen noch genauer. Er sah Bewegung in dem eckig eingefaßten Gesicht. Sie schien nicht direkt zu schauen, sondern ihre Umgebung in regelmäßigen Abständen zu mustern, wozu sie die peripherische Vision einsetzte. Dies verlieh ihrem Ausdruck eine zweifache Qualität, die glasig und doch auch zutiefst lebendig war.

Morlenden hatte seine Gabel völlig vergessen. Das Mädchen beobachtete, daß Morlenden sie bemerkt hatte. In einem flachen Ton mit einem Hauch von Nasalität sagte sie: „Amüsierst du dich?“

Morlenden fand die Frage flegelhaft. Er erinnerte sich wieder an die Gabel, nahm gedankenvoll einen Mundvoll von dem Dner und antwortete ebenso flegelhaft: „Eigentlich nicht.“

„Wie nennt man dich?“

„Ich habe zu meiner Zeit auf Kosenamen und Verwünschungen, auf die Pfiffe von Unbekannten und auf heiseres Flüstern gehört. Ich war bekannt als einer, der auf ein ‚He, du’ reagiert, obwohl ich die Praxis bedauerlich finde. Man nennt mich Morlenden Tlanh Deren.“

„Ich bin Sanjirmil Srith Terklaren. Auch ich höre noch auf andere Namen.“

Morlenden dachte, als er die Form ihres Namens hörte: Aha! Also doch eine Heranreifende, wenn sie auch noch so dreckig und abgerissen aussieht.

„Was machst du hier in Lamkleth?“ fügte sie hinzu.

„Bin auf der Heimreise“, sagte er und versuchte sie zu ignorieren, in der Hoffnung, daß sie begreifen und verschwinden würde. Ein Gör …

„Kann ich etwas von dem Bel-lamosi haben?“

„Bist du denn schon alt genug für Alkohol?“ fragte er aggressiv.

„Vierzehn weniger eins und didhosi? Selbstverständlich! Für andere didhosi-Sachen übrigens auch.“

„Das kann ich mir vorstellen … also gut, hier. Nimm von dem Wein.“ Er bot ihr den Krug dar, den sie trotz all ihrer vorhergegangenen Streitlustigkeit auf scheue Art annahm und hochhielt, um lange zu trinken. Er betrachtete das Mädchen genau – Sanjirmil. Auf den zweiten Blick wirkte sie vielleicht nicht ganz so kindlich, wie er zuerst gedacht hatte. Ihre Figur unter dem schlechtsitzenden Überhemd, das sie trug, war schon voll ausgereift; nein, überhaupt nicht kindlich. Sie hatte einen dunklen Teint, eine olivfarbene Haut und kräftiges, schwarzes, zerzaustes Haar, das unbekümmert über ein flächiges, knochiges Gesicht fiel, ein Gesicht, das hart und entschieden sein konnte, und doch auch ein Gesicht, das eine gewisse Schönheit hatte. Die merkwürdigen Augen waren von unbestimmter Farbe, dunkel und grübelnd, und ihre Nase war zart und fein. Der Mund war dünnlippig und bestimmt, das Kinn fest, aber gleichzeitig hatten ihre Lippen etwas verführerisch Schmollendes. In der schlechten Beleuchtung des Zeltes wirkte ihre Haut dunkel genug, um kaum einen Kontrast zwischen Lippen und Gesicht entstehen zu lassen; ihr Gesicht bekam dadurch eine eigentümliche Ausdruckskraft. Man mußte auf die Schatten achten. Diese Sanjirmil konnte sehr gut ganz einfach das ungewaschene und minderjährige Gör sein, das sie zu sein schien. Aber da war noch etwas, eine unbekannte Größe.

Als sie den Krug wieder auf den Tisch stellte, fragte er: „Hast du schon gegessen?“

„Nein.“

„Die Küche ist schon geschlossen.“

„Ich weiß.“

„Meine Portion ist mir viel zu groß. Sie haben für die Nacht aufgeräumt. Du kannst davon haben, was du willst. Und was macht wohl einer, der ohne Geld auf Abenteuer aus ist – um ein Essen betteln? Oder singst du auch?“

Sanjirmil nahm das angebotene Essen zögernd an, aber sie konnte ihren Hunger nicht verbergen und aß in raschen, katzenartigen Bissen. Zwischendurch sagte sie stockend: „Kein Singen, kein Tanzen. Hatte etwas Geld, aber es war nicht genug. Wollte morgen nach Hause … vielleicht heute abend, wenn mir danach gewesen wäre. Kennst du die Terklarens?“

„Die Zweiten-Spieler? Natürlich kenne ich sie. Aber ich habe noch nie einen persönlich kennengelernt.“

„Nordwesten. Anderthalb Tage.“

„Ein weiter Weg. Du bist ziemlich jung dafür, daß du so weit in den Wald hineingegangen bist.“

„Nein, wir nicht. Wir sind abenteuerlustig … außerdem haben wir keinen vayyon, im Gegensatz zu euch.“

„Woher wußtest du, was mit mir los ist?“

„Habe dich beobachtet. Mavayyonamoni, die sind alle gleich, suchen nach etwas und finden es nicht. Ich habe geraten; und ich habe recht behalten. Ich komme oft hierher, in diesem Jahr jedenfalls.“

„Hast du viele Leute kennengelernt?“

„Ein paar. Nicht immer die, die ich wollte. Wann verwebst du dich?“

„Bald, noch dieses Jahr. Wahrscheinlich irgendwann um die Wintersonnenwende. Meine Toorh hat ihren vayyon schon hinter sich. Die Lage war ziemlich gespannt zu Hause.“

„Hm. Und ich bin noch eine ganze Weile frei … so wenig mir das auch nützen wird. So – wenn du auf vayyon bist, dann bist du also auch ein Toorh.“

„Genau: vom Aspekt Feuer. Und du, Sanjirmil?“

„Ich auch – beides, genau wie du. Das ist sehr gut.“

„Für dich nicht unbedingt. Du bist noch zu jung.“

„Ach ja? Für was denn? Woran hättest du gedacht?“

Morlenden sah für einen Augenblick von dem angespannten Gesicht weg. Während der ganzen Zeit, die er auf seiner langen Wanderung gewesen war, hatte er jede Möglichkeit gedreht und gewendet, hatte er nach dem Erguß, dem Strömen, dem Ansturm der einen wundersamen Bewegung gesucht. Jetzt spürte er den Sog allerdings, die Ziehkraft einer starken Strömung; und beide vom Aspekt Feuer, mit einem starken Willen begabt. Er konnte diese treibende Kraft nur in einer Weise interpretieren: Daß sie beide für etwas, das da kommen sollte, kämpften, ob sie es nun vor sich selbst zugaben oder nicht. Er warf abermals einen flüchtigen Blick auf sie, aus dem Augenwinkel heraus, sah die warme Honigfarbe ihrer Haut, die Maserung dort, wo darunter die Muskeln verliefen. Sie war dünn, aber drahtig, knochig und stark; er konnte ihre Schönheit, ihre erdhafte, sinnliche Sexualität nicht leugnen; es war etwas Wildes in ihr, etwas Verzweifeltes. Das zerknitterte, ungeflickte Überhemd. Im Gegensatz dazu glaubte er aber auch, daß diese Sanjirmil nicht genau das war, wofür er auf dem ganzen Reservat herumgelaufen war. Verschlagen fügte er bei sich selbst noch hinzu, daß er, wenn er schon soweit war, daß er Dreizehnjährige belästigte, einige, die es viel näher bei Hause gab, vielleicht vorgezogen hätte. Dieser Gedanke kam ihm nach reiflicher Überlegung. Es kamen ihm auch noch andere Gedanken. Morlenden sagte sich, daß sie eigentlich nicht sein Typ war, daß er amouröse Abenteuer mit Mädchen vorzog, die sich zu ihrem Rendezvous Blumen ins Haar steckten, die weicher und runder waren … aber er wußte wirklich nicht, wie er sich auf taktvolle Weise von dem eifrigen, ernsten Gesicht vor ihm befreien sollte.

„Nein“, sagte er, „ich hatte an nichts Spezielles gedacht; außer selbst morgen nach Hause zu gehen. Wie du zweifellos bereits erraten hast, führt das vayyon zu wenigen der Abenteuer, die es zu versprechen scheint. Das wirst du auch noch merken; aber vielleicht bist du ja auch auf dem Gebiet frühreif.“

Jetzt sah sie zur Seite, traurig, wie er fand, als ließe sie noch einmal irgendein schmerzliches inneres Wissen an sich vorüberziehen. Dann wandte sie sich wieder ihm zu und fixierte ihn noch einmal mit diesem merkwürdigen blinden und doch durchdringenden Blick. „Nein …“, sagte sie, „frühreif nicht. Aber ich kenne das. Deshalb machen wir es nicht; keiner von den Spielern. Es gibt Dinge, die wir aufgeben müssen. Das vayyon ist eines von ihnen. So bekommen wir unseren kleinen Schuß Freiheit früher, Morlenden.“

„Und später?“

„Wir sind die Spieler des Großen Lebensspiels; wir tun Dinge, von denen andere nicht einmal träumen … sogar jetzt kann ich einige davon tun …“ Ihre Stimme verlor sich; mit den Händen machte sie merkwürdige, fingernde Bewegungen. Sie wurde befangen und rieb sich nervös die Hände, als sei sie im Begriff, zuviel zu sagen.

Morlenden wußte nur zu gut, daß es in der Welt der Ler zwei Weben mit den berühmten Spielern gab und daß ihre Linie von Anfang an zu einem ganz bestimmten Zweck aufrechterhalten worden war, der aller Vernunft Hohn sprach, denn die Spieler taten nichts, um sich in das kunstvolle Beziehungsgefüge der Ler-Gesellschaft zu integrieren, außer daß sie gelegentlich mit ein paar Gartenerzeugnissen Tauschhandel trieben. Sie taten nichts, als mit der konkurrierenden Webe das Große Spiel zu spielen. Sie waren wunderlich und verschlossen, und auf Fragen antworteten sie nicht. Die meisten verdrängten sie aus ihren Gedanken, denn das Spiel war geistiger Natur und hatte wenige Partisanen. Plötzlich fühlte er sich sehr unsicher.

Sanjirmil fuhr fort: „Ja, und wir …“ Sie hielt inne und biß sich auf die Unterlippe. „Ja, so ist das. Das also machen wir. Aber ich darf darüber nicht mit dir sprechen. Bitte verstehe das, es ist nicht wegen dir; du gehörst nur nicht zu den Auserwählten, und du gehörst nicht zum Schatten. Ich darf nicht mit dir darüber sprechen. Aber persönlich … glaube ich, daß ich dich mag. Zum Beispiel“, fügte sie fröhlich und nüchtern, mit entwaffnender Offenheit hinzu, „würde ich lieber heute nacht mit dir schlafen als kostenlos woanders übernachten.“

Morlenden betrachtete das harte, bestimmte Gesicht, den dünnen Mund mit der feinsten, bebenden Andeutung eines sich eben darauf formenden Lächelns. Nach einer Weile sagte er: „Ich hatte eigentlich noch nicht so weit vorausgedacht …“

„Ich weiß.“

„Also gut. Wie du gesehen hast, bin ich frei und ohne irgendwelche Verpflichtungen. Ich lade dich ein in meine Hütte, die ich dort drüben in dem Wäldchen gemietet habe.“

Als er den Schritt getan hatte, war er plötzlich verlegen, unsicher darüber, wie kühn er sein konnte. Er fügte hinzu: „Ich kenne dich kaum, nicht mehr als jetzt gerade, und ich möchte nicht, daß du dich beleidigt fühlst.“

„Ich habe es mir vorher überlegt, und ich wußte, daß es so sein würde. Ich habe dich beobachtet; darum kam ich zu dir.“

Morlenden schob seinen Stuhl zurück. „Dann willst du also mit mir kommen?“

„Ich will, aber später. Ich muß mich erst noch waschen. Ich bin eine Menge gelaufen und sollte nicht so zu dir kommen.“

„Das ist nicht so schlimm. Ich habe eine besondere Hütte genommen, eine mit Bad. Du kannst dich dort waschen.“ Er hielt inne und fügte dann, da er nunmehr voll mit der Strömung schwamm, der er sich selbst überantwortet hatte, impulsiv hinzu: „Und wenn du willst, werde ich dich selbst waschen.“

„Oh, sehr gut! Welches Mädchen könnte einer solchen Einladung auch nur im geringsten widerstehen. Ich komme ganz bestimmt.“

„Mußt du deine Sachen noch holen?“

Sie zeigte auf sich selbst. „Das sind meine Sachen“, sagte sie. Die Gebärde umfaßte ein ziemlich schmutziges, zerlumptes Mädchen, barfüßig, dessen einziger sichtbarer Besitz ein ziemlich kleiner Beutel war, der achtlos an einer Hüfte auflag.

Die ganze Zeit über, während der sie sich unterhalten hatten, war das Mädchen stehengeblieben; jetzt stand Morlenden unsicher von seinem Stuhl auf. Er zögerte und bot ihr dann zögernd seine Hand an. Sie nahm sie mit einer übertrieben höflichen Geste in die ihre, beinahe so, als spiele sie Theater. Morlenden sah sich um, ob sie vielleicht irgend jemand beobachtete. Aber es war niemand da; das Zelt war jetzt völlig leer. Weit unten am Ufer des Sees löschte einer der Ältesten die Lampen, indem er vorsichtig die farbigen Papierlaternen hin und her drehte, die längs des Ufers hingen und ihren Lichterschein auf die Wasseroberfläche und in die Nacht hineinwarfen. Eine Laterne nach der anderen ging aus und mit ihr auch der letzte Rest sommerlichen Frohsinns. Bald würde nichts mehr da sein außer ein paar abgesperrten Schuppen und Hütten und der winterlichen Dunkelheit. Er lauschte und hörte, wie in den Kiefern und Lebensbäumen ein Wind aufkam, der an den spitzen Nadeln und den kleineren Zweigen feingeschuppter kleiner Äste entlangfuhr. Es kam ein kurzer, kalter Regenguß, der bald darauf verschwunden war. Er drehte sich um und machte sich auf den Weg zur Hütte; das Mädchen, das seine Hand sehr fest umklammerte, folgte ihm.

Unterwegs blieben sie still und sprachen nicht mehr miteinander. Morlenden lauschte auf den Wind, der jetzt die Bäume rund um sie herum voll aufgeladen hatte; in der scharfen, harzigen Luft war eine Eiseskälte. Impulsiv legte er seinen Arm um Sanjirmils Schultern. Sie zitterte, wenn auch nur ein wenig.

Als sie erst einmal in der von ihm gemieteten Hütte waren, machte Morlenden sich daran, sowohl an der Feuerstelle wie auch im Warmwasserbereiter ein Feuer zu entfachen, während Sanjirmil mit den Armen voll Holz hereinkam. Sie redeten nicht, während sie darauf warteten, daß das Wasser warm würde, sondern saßen ruhig da und blickten ins Feuer. Einmal, vielleicht auch zweimal, sah ihn Sanjirmil unter ihren Augenbrauen schüchtern an, und ein leises, provisorisches Lächeln formte sich auf ihrem Gesicht in dem sich hin und her bewegenden, tanzenden Schein des Feuers. Dies rührte Morlenden; denn er hatte einst erwartet, daß er sein großes Abenteuer mit einer brillanten Gesellschafterin erleben würde, einer, die ihn total fesseln würde, während sie die letzte Gelegenheit bis zum letzten Rest auskosteten; aber hier saßen sie nun und sagten nichts außer dem, was ihre Augen in raschen, flüchtigen Blicken aussprachen. Das war alles. Ja. Ihm begann der Gedanke allmählich zu gefallen.

Das Wasser in seinem Behälter begann zu zischen, und nachdem Morlenden es geprüft hatte, erklärte er es für heiß genug und begann die Wanne zu füllen, eine riesige runde Holzwanne auf einem niedrigen Gestell. Sanjirmil stand auf, streckte sich, nahm ihren Beutel ab und legte ihn sorgfältig auf die rauhe Rampe, auf der die Schlafsäcke waren. Dann schob sie ihr Pleth nach oben und über die Schultern; ihre Bewegung war graziös, aber auch erschöpft. Sie warf es ins Wasser und, indem sie sich langsam vortastete, folgte ihm nach.

Das einzige Licht in der Hütte kam von dem Feuer im Ofen, und in diesem schwachen Licht, das in seinen Augen sogar noch schwächer war, betrachtete Morlenden den Körper des Mädchens, das die Nacht mit ihm verbringen sollte. Ihr Körper war kräftig und muskulös, aber dünn, ein wenig heller als das sonnengebräunte Gesicht, aber immer noch von tiefem Oliv, das im Schein des Feuers dort gestreift und verschattet war, wo die Muskeln und Sehnen zu sehen waren; Sanjirmil war dünn und drahtig, und doch war sie auch weich und geschmeidig und absolut weiblich. Sie setzte sich langsam, behutsam in das heiße Wasser; sie zuckte wegen der Hitze zusammen. Als sie sich schließlich richtig in dem Wasser niedergelassen hatte, schob Morlenden seine Ärmel zurück, seifte sich die Hände ein und fing an, ihr den Rücken zu schrubben. Sanjirmil lehnte sich unter dem Druck seiner Hände zurück und wandte ihr Gesicht mit geschlossenen Augen nach oben zur Decke.

Und nachdem noch mehr Zeit vergangen und sie kräftig abgeschrubbt worden war, als ihre Haut rosig geworden war, sagte sie schließlich sehr sanft: „Du sollst wissen, daß ich dich drüben beim Zelt ein klein wenig belogen habe; ich wollte nicht, daß du mich für so eine kleine Bettlerin hieltest. Die Wahrheit ist die, daß mir das bißchen Geld, das ich für meine Abenteuer hatte, schon vor ein paar Tagen ausgegangen ist. Aber ich bin geblieben, so lange ich konnte, länger, indem ich arbeitete, borgte, ein wenig stahl … weil … weil, wenn ich zurückgehe, es keine Ferien mehr für mich geben wird, keine Abenteuer mehr. Ich bin fast vierzehn, und das ist das Alter, in dem die innenverwandten Geschwister bei den Terklarens initiiert werden. Diesen Herbst. Ein paar Dinge weiß ich schon; man kann sie sich vorstellen, wenn man genau zusieht … es gibt im Grunde gar keine andere Möglichkeit, oder das glaube ich jedenfalls. Aber nach der Initiation fängt die richtige Arbeit an, und man muß lernen, lernen, lernen, sie meistern, beherrschen, sie sich unterwerfen. Einmal vierzehn und zwei Jahre alt muß man sein, um Meister des Spiels zu werden, und noch einmal vierzehn, bis der nächste Haufen Gören soweit ist. Und dann kann man lehren und lenken, und schließlich gehört man dann zum Schatten, als Altmeister. Die Leute denken, daß wir faul sind, daß wir nichts tun, aber so ist es nicht. Es ist die schwerste aller Webrollen. Ich kann schon fühlen, wie sie mich anzieht. Und so ist unsere Zeit für Abenteuer sehr kurz, und gewöhnlich haben wir nicht viel davon. Und ich will alles, das Spiel und das Leben; ja, die Macht, aber auch die Liebhaber und die Träume, die die anderen alle haben, die ich beobachtet habe. Ich hoffte, daß du mich begehren würdest.“

„Das war zuerst nicht so. Ich dachte, du wärst nur eine von diesen Gören; aber jetzt gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen uns, und ich sehe durch die Jahre hindurch, die uns trennen.“

„Sprich nicht mehr von Trennendem und Trennungen; ich möchte, daß du von Verbindungen und von Zusammenkünften redest.“

„So will ich es denn tun: von unserer Zusammenkunft jetzt und heute nacht.“ Er erhob sich von seinem Platz neben der Wanne und bot Sanjirmil die Hand.

Sie stand triefend naß da, jetzt nichts als weiche und fließende Linie und der Schein des Feuers glänzend auf nackter Haut. Sie sagte beinahe flüsternd: „Du bist vielleicht liebevoller und großzügiger als du selber weißt; ich hoffe, daß du dich für eine lange Nacht gewappnet hast.“

„Ich habe geradezu Wunder vollbracht in den letzten Wochen, was Enthaltsamkeit betrifft.“ Während er nach einem Handtuch suchte, fischte Sanjirmil wieder das grausam behandelte Überhemd heraus und wrang es aus. Morlenden brachte ihr das Handtuch, und sie rieb sich geistesabwesend damit ab. Sie schwankte ein wenig, da sie auf einem Bein balancierte, und Morlenden griff nach ihr, um sie zu stützen.

Sanjirmil lachte, als sie sich ihm zuwandte. „Du solltest dieses schöne, alte Erbstück der Derens, das du da trägst, lieber ausziehen, denn wenn du es anläßt, werde ich es dir ganz bestimmt naß machen.“

Er zog sein Überhemd über den Kopf und legte es beiseite und stand entblößt im Feuerschein und in der nach Harz duftenden Luft, genau wie sie zuvor; sie betrachtete ihn, genau wie er sie zuvor betrachtet hatte. Morlenden empfand durch die Intensität ihrer beider aufwallenden Gefühle eine merkwürdige Zeitverzerrung, als habe sich seine gesamte Vergangenheit oder doch das meiste davon innerhalb dieser Hütte ereignet, mit dem Wasser und der Wanne und Sanjirmils nacktem, drahtigem Körper vor ihm, und als erstrecke sich seine Zukunft nur so weit wie die nächsten wenigen Augenblicke. Dieses Gefühl einer Verzerrung war nicht statisch, unveränderlich, sondern ein wachsender, dynamischer Prozeß, der jetzt eben geschah und immer noch seine Alchimie auf seine Empfindung einwirken ließ; es herrschte eine gespannte Stille, in der er seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Er griff nach vorn, mit ausgestreckten Handflächen, und streichelte sanft Sanjirmils Schultern, folgte der eckigen Linie ihres Schlüsselbeins bis zu ihrem Hals, folgte mit den Augen dem sanften Schimmer ihrer Haut im Dämmerlicht. Sie trat schwankend aus der Wanne und zu ihm hin und berührte ihn mit allem auf einmal, mit Lippen, Armen, Körper. Morlenden fühlte den vom Bade heißen, starken, vor Leben sprühenden Körper, der ihn so berührte, die weiche Haut und spürte einen Wahnsinn in seinem Herzen, ein verheerendes Feuer, die Zeit fiel in eine dimensionslose Gegenwart zusammen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit vorwärts bewegte. Der salzige Geschmack ihres Mundes, der kindliche Moschusduft ihres so nahen Leibes. Sie bewegte ihren Körper, preßte ihn fest gegen ihn. Ihre Beine bewegten sich.

Ihr Mund bewegte sich bis zu seinem Ohr, und sie sagte, fast so leise, daß er es unter dem Brausen in seinen Ohren nicht hörte: „Jetzt.“

„Ja, Sanjir, jetzt“, sagte er, während er sein Gesicht in ihrem kräftigen, dunklen, wirren Haar verbarg und das Mädchen halb zu dem Schlafsack hintrug, halb auf die Rampe hinauffiel, während sie sich nicht einmal so weit voneinander lösten, um die Decken zu holen, während sie das taten, was eins macht, wo vorher zwei waren. Das Feuer ging aus, und die Luft in der kleinen Hütte war kühl geworden, bevor sie es merkten …

Und einige Zeit später, als das Feuer nur noch ein Häufchen glühender Kohlen war, schlüpften sie unter die Decken, der Wärme wegen, Seite an Seite und doch immer noch miteinander beschäftigt, ihre Nasen berührten sich. Morlenden fühlte sich endlich vollständig, vollkommen, am Ziel; aber in dieser Vollendung und diesem Ende spürte er auch Anfange. Viele Anfänge. Vor allem spürte er, daß er und Sanjirmil nicht miteinander fertig waren und daß sie es nicht sein würden, wenn ihre Zeit im Jetzt abgelaufen wäre. Sie atmete tief, gleichmäßig, scheinbar entspannt neben ihm, und doch wußte er, daß sie nicht schlief.

„Wahrhaftig, du bist für mich jetzt Sanjir“, sagte er.

Sie antwortete darauf: „Ich wünschte, daß wir Ajimi und Olede wären, wenn du es auch willst. Wir sind mehr als ein zufällig auf dem Wege kopulierendes Liebespaar.“

Morlenden lag ruhig da und fühlte, wie sich ihre Schenkel aneinander rieben, eine ferne Wärme, ein Knistern in der ruhigen Dunkelheit, einen harten Fuß. Er prüfte in Gedanken, wie sich der Körper-Name des Mädchens anfühlte, versetzte sich dort hinein und fragte sich, ob es wirklich soweit gekommen war. Er konnte es nicht sagen; er hatte gleichzeitig das Gefühl, daß sie nicht bis dahin gekommen waren und daß sie weit darüber hinausgekommen waren. Ja, das war in diesem Falle das große Geheimnis – sie waren darüber hinausgegangen und befanden sich in einem Bereich der Lust, in dem es keine Wegweiser und keine Orientierungspunkte gab außer den Monumenten, die sie errichten wollten.

„Ajimi …“ träumte er laut vor sich hin, „und doch kennen wir uns erst seit Stunden und werden von Strömungen in der Zeit mitgerissen, die nicht zu leugnen sind.“

„Und werden auch davon angezogen“, fügte Sanjirmil hinzu.

„Ich weiß, und denk nur – sind wir nicht beide vom Feueraspekt? Waren wir nicht beide aus dem gleichen Grunde hier? Und müssen wir uns beide nicht bald verändern?“

„Mein Leben durchläuft seine Stadien mehr oder weniger auf die übliche Weise, die durch den mechanischen Ablauf der orthodoxen Bräuche vorgeschrieben ist. Meine persönlichen Abweichungen sind meine Sache, aber ich glaube nicht, daß irgend jemand anders so handeln würde … das weißt du ganz gut, gut genug, um mich zu kennen. Aber ich weiß nichts von dem, was du tun wirst.“

„Es ist ganz einfach, nicht mehr, als ich dir hier sagen kann: Wir gehen zum Zauberberg und lernen die Feinheiten des Spiels, entwickeln es weiter, vertiefen uns mehr darin. Es hat kein Ende, keine Grenzen, weißt du.“

„Nein. Ich weiß nichts darüber.“

„Es ist etwas, das ich auch noch gerne mit dir teilen würde, aber selbst das wenige, was ich weiß, kann ich dir nicht geben, wenn ich dich auch Olede nenne und immer unter diesem Namen an dich denken werde. Ich weiß, daß ich bei der Initiationsfeier sonst der Vormutter meiner Vormutter nicht ins Auge sehen kann, wenn sie mich fragen wird, ob ich anderen gegenüber, die nicht zum Schatten gehören, über das Spiel gesprochen habe.“

Morlenden mußte über ihren plötzlichen Ernst lachen. „Du könntest doch lügen.“

Jäh legte sie ihm ihre Finger auf die Lippen. „Nein, nein, über so etwas dürfen wir nicht einmal sprechen! Sie wird es in meinem Gesicht lesen, jeden Schritt, den ich je getan habe. Sie ist die Große Altmeisterin: Sie liest die Wahrheit in den Spuren und Wellen, die eine Tat hinterläßt. Du und ich, selbst Leute wie wir, wir können im schuldigen Gesicht direkt nach der Sünde lesen, in der Qual nach dem Verbrechen, nicht wahr? Aber sie kann in Gesichtern lesen und in ihnen Dinge sehen – buchstäblich sehen, mit dem Auge der Projektion –, die vor langer Zeit geschehen sind. Und so werde ich dir heute nacht aus Liebe sagen, was ich weiß, um dich zu behalten, und sechzehn Jahre später werde ich in der rauchigen Hütte der Ältesten des Spiels vor ihr stehen und hören, wie sie mich brandmarkt und beschreibt, wie wir miteinander geschlafen haben.“

„Was wäre daran so schändlich, Ajimi? Dies hier ist süßer als es meine wildesten Träume waren.“

„Du verstehst nicht. Es gibt auch noch andere, die Macht über den Teil unseres Lebens haben, der nicht zum Spiel gehört. Ich verliere nicht nur das Spiel; ich verliere Rang, Webe. Wie Fremde durch einen Schiedsspruch zu innenverwandten Ehrenmitgliedern, zu shartoorh werden, so entstehen auch die sharhifzeron, jene, die als aus der Webe ausgeschlossene Bastarde gekennzeichnet sein sollen’. Ich könnte, wenn so über mich entschieden würde, mein Leben verlieren. Wir Spieler kennen sehr gut den Ausspruch, und Tarneysmith sprach auf dem Marktplatz laut über das Spiel, und wer erinnert sich heute noch an Tarneysmith? Es{22} hat das getan, weshalb sein1 Name aus den Stammbäumen und den Urkunden und den Totems gestrichen wurde. Wo einst ein Lächeln von enthülltem Wissen war, da sind jetzt zwei.“

„Ajimi, da komme ich nicht mehr mit. Ich verstehe nicht.“

Sanjirmil holte tief Luft und schauderte. „Auf gut gerdeskris{23} heißt das, jedenfalls denke ich mir das, daß einer mit Namen Tarneysmith, von dem heute niemand mehr weiß, ob er Tlanh oder Srith war, offen oder vielleicht leichtsinnig über das Spiel sprach oder sein Wissen hervorkehrte, um andere zu beeindrucken – wer weiß es? Sie schnitten ihm die Kehle durch. Dann tilgten sie seinen Namen aus allen Urkunden und machten ihn alle vergessen. Nur der Name ist zur Mahnung übriggeblieben. Es ist hart zu sterben, aber schrecklich ist es, ausradiert zu werden.“

„Und deine Angst ist echt.“

„Meine Angst ist echt.“

„Dann bin auch ich in Gefahr. Ich habe mit einer …“

Sie unterbrach ihn. „Nein, sage das nicht! Es ist nicht wahr! Denn ich habe dir keine Geheimnisse verraten. Die Gefahr betrifft mich und die anderen Spieler alle. Bei uns gibt es etwas, das mehr als alles andere begehrt wird, sogar mehr als die Liebe. Aber wir sehen auch andere wie dich und beneiden euch um euer Leben, euch, die ihr eure ganzen didhosi-Jahre für eure Liebhaber und Träume habt, um Beziehungen einzugehen, die gewöhnlichen Dinge des Lebens in euch aufzunehmen. Aber für uns hört der Spaß mit vierzehn auf. Und ich möchte etwas Angenehmes zur Erinnerung haben.“

Morlenden fühlte, wie sich ein warmer Arm über den seinen legte, auf seinen Rücken preßte. Er suchte nach Sanjirmils schmalem Mund, küßte ihn leicht. „Ja, und ich auch.“

Sanjirmil bewegte ihren Körper, ihre Glieder, um sich noch enger an ihn zu schmiegen. Muskeln bewegten sich unsichtbar unter warmer Haut. Morlenden, der sich in postkoitaler Zufriedenheit entspannt hatte, spürte plötzlich etwas in sich erwachen, ganz tief drinnen, unlogisch, unpersönlich, animalisch. Und sie spürte es auch. Er spürte scharfe weiße Zähne an seinem Hals, seinen Schultern und hörte sie flüstern: „Noch einmal, ja?“

Sie bewegten sich langsam, bedächtig; wieder erfuhren sie das heftige Aufwallen der freudigen Erwartung. Er flüsterte zurück: „Langsam, langsam. Wir haben Zeit. Und was wir nicht haben, können wir uns für ein Weilchen machen.“

Sie erwiderte von weit her, als sei sie Meilen entfernt: „Du weißt nicht, wieviel wir in welch kurzer Zeit machen müssen.“

„Aber wir brauchen auch nicht schon morgen unserer Wege zu gehen, Ajimi.“

Und Sanjirmil antwortete nicht sofort, sondern schmiegte sich noch enger an Morlenden, falls das noch möglich war, um ihn noch fester zu umarmen. Und sie sagte: „Nein, Olede. Aber bald.“

„Und bis dahin …“

Dann waren ihre Sinne hellwach, und in dieser Nacht sprachen sie nicht mehr weiter. Auf jeden Fall sagten sie nicht mehr viel über Erklärungen und Vorgeschichten und Legenden.

Sie blieben noch ein paar Tage in Lamkleth. Sie schliefen, aßen, stürzten sich zu einem kurzen, wild spritzenden Bad in das erfrischende Wasser des Sees und liebten sich, wann immer sie die Lust dazu überkam, manchmal träge und besinnlich, wie die Jünger einer Kunst, der jeder von ihnen bald so oder so verlustig gehen würde; bei anderen Malen stürzten sie sich plötzlich in einem wilden Ausbruch von Leidenschaft und Lust aufeinander, als ob jeder Augenblick ihr letzter sei. Bis der kleine Geldvorrat, den Morlenden während seiner Wanderungen mühsam angelegt hatte, schließlich zur Neige ging.

Unterdessen sann Morlenden, der durchaus nicht zu Anfällen von brütenden Selbstprüfungen neigte, über die merkwürdigen Umstände seiner Begegnung mit dem Mädchen nach. Er hatte genau wie sie ihre Unterschiede bald aus den Augen verloren, und sie beide hatten begonnen, den anderen jeweils als Altersgenossen anzusehen, zumindest was die unmittelbar folgenden Tage betraf. Getreu ihrem Alter war Sanjirmil etwas abrupt, unberechenbar und verantwortungslos; aber sie hatte auch eine ganze Ladung voller Einsichten in ihrem Kopf, die ihren Jahren weit voraus waren, und er lernte, mit ihren Eigenheiten auszukommen. Es kam ihm schließlich sogar fast so vor, als ob das meiste ihres sonderbaren Verhaltens nicht ihrem im Verhältnis zu ihm jugendlichen Alter entspränge, sondern einer angeborenen, allen Spielern gemeinsamen Veranlagung. Auf jeden Fall war der Abstand zwischen ihnen geringer, als die Jahre vielleicht denken ließen, denn immerhin waren sie ja beide noch Jugendliche, und in der stark gegliederten Umwelt, in der sie lebten, war ihr Verhalten mehr ähnlich als unterschiedlich.

Sie beschlossen, noch eine Weile zusammenzubleiben, und verließen Lamkleth, um von einem Webgut zum anderen zu ziehen, von Dorf zu Dorf, von Ältestenhütte zu Ältestenhütte, und um bei Gelegenheitsarbeiten und bei der Ernte zu helfen, die soeben begann. Sie wanderten über die Wege im Wald, an bebauten wie auch brachliegenden Feldern entlang; und wenn das Wetter es erlaubte, schliefen sie engumschlungen, um es warm zu haben, im Freien. Nach der ersten gemeinsamen Nacht in der Hütte sprachen sie wenig, und wenn sie es doch taten, betraf ihre Rede nur kleine Dinge, unbedeutende Dinge, Dinge, die sie unmittelbar vor sich sehen konnten. So lange es ihnen möglich war, übergingen sie die Zeit und lebten in der Gegenwart, von einem Augenblick zum anderen, liebten sich, wenn sie Zeitpunkt und Ort und Stimmung dafür geeignet hielten, und saßen ruhig beisammen, wenn das nicht der Fall war.

Aber alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende, manchmal früher als sonst; und nach einer gewissen Zeit wurden sich Morlenden und Sanjirmil bewußt, daß die Wochen zu Monaten geworden waren, gerade als seien sie die ganze Zeit über betäubt gewesen. Die Nächte wurden immer kühler und dann kalt, und dann wurde es an einigen Tagen überhaupt nicht mehr richtig warm, nicht einmal in der Sonne. Das Dach des Waldes fing an, sich abzutun, und helle Farbbäder flossen über das Antlitz des Morgens. Sie verbrachten immer weniger Nächte im Freien. Und nach und nach begannen sie doch wieder, die Zeit zwischen sich zu lassen; sie sprachen über das hinter und vor ihnen liegende Leben, von Veränderungen; Morlenden über die auf ihn zukommende Rolle als Elternteil, als Gutsverwalter. Sanjirmil sprach über die Spieler und ihr abgesondertes und doch leidenschaftliches Inseldasein. Sie sprach nicht mehr über das Spiel selbst. Er fragte auch nicht. Sie lauschten nicht wirklich den Worten, obwohl sie genau genug hinhörten, denn es war nicht so sehr das, was sie in Worten ausdrückten, in der Single-Sprache oder in der Multi-Sprache, sondern vielmehr das, was die unausgesprochenen Worte unter den ausgesprochenen von ihrer inneren Unruhe und ihrem Wissen um das Ende aller Dinge erzählten. Denn Morlenden begann nun allmählich, eine Veränderung in sich zu spüren, eine merkwürdige Ansammlung ungewohnter, neuer Empfindungen, als ob die fortgesetzte Liaison mit Sanjirmil das Einsetzen seiner Fruchtbarkeit stimuliert hätte. Er wußte, daß es noch nicht soweit war. Aber es würde bald soweit sein. Sehr bald. Die uralte kultivierte Paarbeziehung der Webe zwischen ihm selbst und Fellirian begann sich wieder geltend zu machen, indem sie ihn, den auf den sonderbaren, drahtigen Wildfang Sanjirmil Ausgerichteten, vom Fleisch weg und mehr auf das Herz hin lenkte.

Und sie fing ihrerseits an, sich wegen ihrer Rückkehr Gedanken zu machen, die nun schon lange überfällig war. Die Spieler, so schien es, hatten es nicht so gern, wenn man lange Besuche außerhalb der eigenen Umgebung abstattete. Gewisse Älteste, die sie nicht beim Namen nennen wollte, würden ungehalten über sie sein, weil sie so lange weggeblieben war. Es gab Strafen, von denen sie nicht sprechen wollte.

Sie ließen sich auf ihrer Wanderung umhertreiben, wieder nach Nordwesten, mehr in die Richtung auf Sanjirmils Heimatgebiet zu, durch eine stille Übereinkunft. Und ihre letzte gemeinsame Nacht verbrachten sie in der Ruine einer uralten, aus der Zeit vor den Ler stammenden, mit Wasser betriebenen Kornmühle irgendwo weit am Oberlauf des Hvar-Flusses, an einem Ort, wo die alten Stein- und Ziegelgebäude von wildem Wein, Klettertrompeten und Kudzu überwuchert waren und wo sich gewaltige bejahrte Buchen über die spiegelnde Oberfläche des Mühlteichs hinter dem aus Steinen angehäuften Damm beugten und ihre gelben Blätter ins trübe Wasser fallen ließen. Es war regnerisch und traurig an dem Abend, an dem sie die Mühle fanden, aber am Morgen war es hell und klar, kalt und windig.

Eine aus wechselnder Richtung kommende, eigensinnige Brise spielte in den Blättern und überzog den flachen Teich mit kleinen gekräuselten Wellen. Sie sprachen von nichts, weder vom Ende noch vom Abschiednehmen, sondern standen lange Zeit an dem Damm, standen eng nebeneinander mit ineinandergeschlungenen Händen. Sanjirmil sah Morlenden einmal an mit dem beunruhigenden blinden, starren Blick, den sie an sich hatte und bei dem aus solcher Nähe die prüfende Bewegung der Augen leicht zu erkennen war. Und danach drehte sie sich jäh um und ging rasch fort über den Damm, wobei sie geschickt das Treibholz übersprang, das sich über Jahre hinweg entlang der stromaufwärts gelegenen Seite angesammelt hatte. Erst als sie schon ganz auf der anderen Seite war, von dem steinernen Damm herunter und auf der entgegengesetzten Seite unter den Bäumen, da sah sie zurück. Morlenden beobachtete sie für einen Moment, sah, wie der Wind an ihrem kurzen, kräftigen schwarzen Haar zupfte, an ihrem Oberhemd riß, dem gleichen, oft geflickten, in dem sie ihn kennengelernt hatte, und er winkte ihr so ungezwungen wie möglich nach. Sanjirmil winkte zurück. Morlenden sah weg; und als er wieder hinsehen konnte, war Sanjirmil verschwunden. Die Wälder am anderen Ufer waren leer.

 

Er kehrte direkt nach Hause zurück, suchte keine Abenteuer mehr und trödelte auch nicht mehr herum; er nahm Abkürzungen und verschwendete auch keine Zeit. Es dauerte den ganzen Tag bis weit nach Einbruch der Dunkelheit, aber er schaffte es tatsächlich in einem einzigen Tag. Und als er schließlich an seinem eigenen yos angekommen war, dem alten, gemütlichen, verwitterten Ellipsoid der Derens, da sah er, nachdem er sich lange und nachdenklich in das eisige Wasser des draußen stehenden Waschtrogs getaucht hatte, daß Fellirian im Kaminraum auf ihn wartete.

Sie sah ihn eine Weile fragend an, sagte aber nichts, was über eine kurze Begrüßung hinausgegangen wäre, so als habe er sich nur kurz nach draußen begeben, um vom Bach einen Eimer Wasser zu holen. Und obwohl er tatsächlich sehr froh darüber war, seine innenverwandte Schwester wiederzusehen, sagte er nicht mehr, als wenn er wirklich nur das getan hätte: eben Wasser geholt. Er stellte fest, daß sein früherer Wunsch, eine geschickte Anspielung auf sein großes Abenteuer zu machen, vollkommen verschwunden war; was ihm widerfahren war, ließ sich nicht erzählen. Und er wußte um ein tieferes Geheimnis des vayyon: daß unter der Ebene der ersten Offenbarung kein großes Abenteuer war, daß dort eine zweite, verborgene Ebene des Herzens war – daß es vielleicht besser war, wenn man das, wonach man suchte, nicht fand. Er fragte sich, ob sie das wohl auch so empfunden hatte.

Sie sprachen nicht von solchen Dingen. Aber als sie an jenem Abend zusammensaßen und sich einen Teller Eintopf teilten, plauderten sie auf die übliche unverbindliche Art von Familienmitgliedern und klatschten über die Nachbarn. Wer was und mit wem. Geburten. Sterbefälle. Erst als sie das Kaminfeuer für die Nacht drosselten und die Lampen löschten, sagte ihm Fellirian, daß sie in den letzten Tagen fruchtbar geworden war.

„Das überrascht mich nicht, Eliya“, antwortete Morlenden quer durch den Kaminraum, ohne sie anzusehen. „Ich habe auch schon so etwas gespürt. Ich glaube nicht, daß ich es jetzt schon bin, aber es wird wohl bald soweit sein, wenn es bei dir schon anfängt.“

„Kadh’Elagi und Madh’Abedra haben einen Termin für die Verwebung festgesetzt.“

„Wann?“

„Zur Wintersonnenwende. Und sie haben sich auch schon mit einer Hütte in Verbindung gesetzt.“

„So früh?“

„Ja. Wir waren gespannt, ob du rechtzeitig zurück sein würdest …“

„Ich war leider verhindert durch, äh, die Ernte.“

„Freilich. Es heißt, es sei dieses Jahr eine gute Ernte gewesen. Hast du hart gearbeitet?“

„Ja. Das war auch gut für mich.“

„Es sieht so aus … du siehst etwas besser aus. Und von deinem Aussehen her zu urteilen hat es obendrein den Anschein, als ob du auch zur Wintersonnenwende fruchtbar sein würdest.“

„Das vermute ich auch.“ Morlenden und Fellirian blieben an dem mit Vorhängen abgeschlossenen Einlaß zum Schlafraum der Kinder stehen und warfen sich gegenseitig einen merkwürdigen, verschwörerischen Blick zu. „Nun denn, Eliya, nach dir.“

„Also gut, ich gehe als erster. Aber lange werden wir nicht mehr da drin schlafen, nicht wahr.“

Fellirian kletterte in den Schlafraum. Als sie hinter dem Vorhang verschwand, langte Morlenden nach oben und gab ihr einen liebevollen Klaps aufs Hinterteil. Als er selbst den Vorhang zur Seite geschoben hatte, flüsterte ihm eine grimmige Fellirian zu: „Du geiler hifzer-Bock! Du weißt doch, daß du mich jetzt nicht anfassen sollst. Du weißt nicht, wie das ist.“ Sie beruhigte sich wieder ein wenig. „Im Ernst, das ist kein Spaß. Da vergeht einem die Lust aufs dhainaz. Ich habe regelrecht Angst davor. Und ich habe noch mehr Angst davor, noch lange weiterzuleben, ohne das zu tun, was wir tun müssen.“

„Ich halte mich fern, wenn du willst.“

„Nein, das will ich auch nicht … Hast du dich amüsiert, Olede?“

„Ich habe eine Menge gelernt in den letzten Wochen, Monaten … waren es wirklich Monate? Eines Tages werde ich dir davon erzählen.“

Fellirian war dabei, eine große doppelte Decke auf dem weichen Boden des Schlafraums auszubreiten. Morlenden faltete sein Kif zusammen und tastete nach dem richtigen Brett. „Und wo ist meine?“ fragte er.

Fellirian ließ ihr Kif von den Schultern und zu Boden gleiten. Sie wies auf die Decke, die sie ausgebreitet hatte. Morlenden nickte. Sie war fruchtbar, und nichts anderes war jetzt von Bedeutung. Er konnte sie nicht abweisen, selbst wenn er es gewollt hätte.

Weich sagte sie: „Jetzt sind wir ganz auf uns angewiesen … ich habe alles Vergangene abgelegt. Du mußt das gleiche tun und mich beruhigen.“ Das Licht in dem Schlafraum war gedämpft, aber es war hell genug, daß er die liebliche Gestalt auf der anderen Seite der Decke erkennen konnte. Vertraut, so gewohnt wie ein Arm oder Bein, Fellirian … sie war von lieblicher und feiner Gestalt, verlockend. Er beugte sich über sie und berührte leicht ihr Gesicht. Ihr Duft hatte sich verändert, war nicht mehr der herbe, blumige, leicht beißende Duft eines heranreifenden Mädchens, sondern irgendwie wärmer, schwerer, reifer. Er hatte eine eigenartige und sofortige Wirkung auf ihn, und die Geschwindigkeit, mit der dies vor sich ging, überraschte Morlenden sehr. Bald sollte er selbst die Zwänge der Fruchtbarkeit erfahren.

 

Schließlich endete die Szene, und der nun schläfrige Morlenden kehrte in die Gegenwart zurück. Neben ihm vernahm er Fellirians tiefes, gleichmäßiges Atmen, spürte er die vertraute Wärme ihres Körpers. All die Jahre, dachte er. Und heute haben wir ein Mädchen, das ein Jahr oder mehr älter ist als Sanjirmil damals … unglaublich!

Er hatte mit Fellirian nicht über sein Abenteuer gesprochen, genau wie sie nie über das ihre gesprochen hatte. Und in den dazwischenliegenden Jahren hatte er Sanjirmils Werdegang nicht sehr gut verfolgen können; die Derens waren fleißige Leute, und Morlenden hatte das meiste der Feldarbeit getan, und natürlich blieben sämtliche Spieler beider Weben größtenteils unter sich. Er und Sanjirmil hatten sich selten bei irgendwelchen Besorgungsgängen getroffen, und gesagt hatten sie nichts. Einmal hatte er so etwas gehört, als sei ihr etwas zugestoßen, irgendein schlimmer Unfall, den sie irgendwie überlebt hatte … an diesem Punkt war die Überlieferung unklar. Und auf jeden Fall hatte er sie nicht allzu lange danach, ein paar Wochen später, gesehen, und sie hatte nicht anders als sonst ausgesehen. Keine Verletzungen, keine Entstellungen.

Aber die beunruhigenden Geschichten wurden weiter erzählt, und es hieß, daß Sanjirmil sich in einer Weise verändert habe, die man nicht erzählen könne. Aber auch was das betraf, hatte er keinerlei Anzeichen einer Veränderung erkennen können.

So lag er nun wach im Dunkeln und erinnerte sich, durchlebte alles noch einmal, und sein Geist kam mit unangenehmer Beharrlichkeit immer wieder auf die gleichen Fragen zurück, die er sich schon vorher gestellt und auf die er keine Antwort gefunden hatte. Warum sollte die Perwathwiy Srith, eine Älteste, es so eilig haben, zum Gut der Derens zu kommen; und warum sollte sie Sanjirmil, eine ihrer eigenen innenverwandten Nachkommen, die zwei Generationen von ihr entfernt war, mitbringen? Und bekanntlich war die Perwathwiy selbst eine Terklaren gewesen, die Klandorh der Terklarens, genau wie es Sanjirmil einst sein würde. Nächstes Jahr. Vielleicht schon früher.

Sanjirmil. Morlenden hatte sich gern wieder an das Verhältnis erinnert, das sie gehabt hatten, dieses Verhältnis mit seinen starken Emotionen und der überspannten Erotik; ja, ein Teil von ihm war für immer an jene Zeit gekettet, wenn er sich auch mit den Jahren an das Wissen gewöhnt hatte, daß ihre Beziehung durch die Jahre, die sie trennten, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. So ging jeder seines Weges. Ein leises Lachen überkam ihn, das nicht ganz ein Lachen war; bald würde sie ihre eigenen Kinder mit dem gleichen Erstaunen betrachten wie er die seinen. Es schien ständig zu kommen, und dann war es auch schon vorbei. Ja, da war etwas wie ein Bedauern. Aber jetzt …, er mochte die unwiderlegten Spekulationen, die der Besuch andeutete, nicht besonders.