11. KAPITEL

Sandie Jewell war etwa Mitte fünfzig, groß und schlank. Sie hatte dunkle Augen, kurz geschnittene braune Locken und ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Tippy mochte sie sofort. Sie war das genaue Gegenteil einer matronenhaften Krankenschwester.

Sie kontrollierte Tippys Medikamente und achtete darauf, dass sie sie zu den vorgeschriebenen Zeiten einnahm, obwohl es sich nur um Antibiotika und eine Tablette für ihre Lunge handelte. Nach dem Abendessen kümmerte sie sich darum, dass Tippy sofort ins Bett ging, weil sie sich nach der langen Reise ausruhen musste.

Als Tippy versorgt war, schloss Sandie die Tür und ging in die Küche, um mit Cash zu reden.

“Schläft sie?”, fragte Cash und bot ihr einen Kaffee an, den sie dankend akzeptierte.

“Sie ist müde”, erwiderte Sandie, “und in ihren Lungen ist noch ein Nässestau. Morgen früh werde ich mit ihr einen Spaziergang machen und ihr viel Flüssigkeit zu trinken geben, damit sich die Sekrete verdünnen. Mein Gott, sie sieht aus, als hätte sie einen schweren Verkehrsunfall gehabt”, setzte sie kopfschüttelnd hinzu. “Ich werde nie verstehen, wie ein Mann so etwas einer Frau antun kann.”

“Wir haben doch beide genügend Fälle von häuslicher Gewalt kennengelernt”, erwiderte Cash. “Sie muss rund um die Uhr bewacht werden. Falls Stanton ihr einen Killer auf den Hals hetzt, dürfen wir uns nicht kalt erwischen lassen. Ich habe Ihre 45er samt Futteral vorsichtshalber im Badezimmerschrank versteckt, oberstes Fach, hinter den großen Handtüchern. Sie ist geladen.”

“Danke. Wenn ich sie gebrauchen muss, werde ich nicht danebenschießen”, versprach sie.

Er lächelte. “Ich weiß. Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie bei ihr bleiben, Sandie. Es gibt niemanden, dem ich mehr vertraue.”

“Gehen Sie heute noch zum Dienst?”

“Ich hatte es schon vor …”

In dem Moment klingelte das Telefon. Schnell nahm er den Hörer ab, ehe Tippy durch das Läuten geweckt werden konnte. “Grier”, meldete er sich.

“Hallo Chef, Sie sollten besser sofort kommen”, sagte einer seiner Officer. “Wir haben hier ein paar Probleme.”

“Was ist denn los?”, wollte er wissen.

“Zwei unserer Streifenbeamten haben gerade einen Mann wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen. Sie haben den Typen in Handschellen reingebracht und ihn pusten lassen. Das Ergebnis war eindeutig. Jetzt bereiten sie gerade die Vorladung vors Gericht vor. Er tobt wie ein Wilder und droht ihnen, dass sie ihren Job verlieren.”

“Wer ist es?”

Eine Pause entstand. “Senator Merrill.”

Cash holte tief Luft. Das war der Albtraum eines jeden Polizisten. Die meisten Politiker würden einen Beamten feuern, wenn er es wagte, sie festzunehmen. Zumindest würden sie alles unternehmen, dass es zu einer Suspendierung kam. Cash hatte es in den vergangenen Jahren in zahlreichen Städten miterlebt.

“Der Bürgermeister hat angerufen und mir befohlen, die beiden Kollegen sofort zu entlassen”, erzählte der Dienst habende Beamte.

“Sie entlassen niemanden ohne meine Anweisung”, sagte Cash sofort. “Ich bin in zehn Minuten da. Sagen Sie Brady, dass er mit mir zu reden hat, ehe irgendwelche Kollegen geopfert werden. Und das gilt erst recht für Senator Merrill.”

“Die Tochter des Senators ist ebenfalls auf dem Weg hierher. Sie ist eine enge Freundin von Jordan Powell.”

Powell war ein wohlhabender Viehzüchter. Er hatte Geld wie Heu und ein aufbrausendes Temperament. Im Stillen dachte Cash, dass es wahrscheinlich einfacher wäre, einen Auftragskiller dingfest zu machen, als sich in diese Schlangengrube zu begeben.

“Ich bin schon unterwegs. Behalten Sie die Nerven”, wies Cash den Mann an.

Sandie schüttelte den Kopf, als er den Hörer auflegte. “Sie brauchen mir nicht zu erzählen, was passiert ist. Einer unserer Hilfssheriffs wurde mal gefeuert, weil er einen Politiker bei einer Verkehrskontrolle angehalten hatte. Er stand auf verlorenem Posten.”

“Diese Polizisten werden nicht entlassen”, sagte er fest entschlossen.

Schnell zog er seine Uniform an, nahm seine Dienstpistole und das Holster aus seiner Schreibtischschublade und schnallte sie sich um.

Die Hektik im Erdgeschoss hatte Tippys Neugier geweckt. Sie kroch aus dem Bett und ging hinunter. Als sie Cash in seiner Uniform sah, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen. Obwohl sie ihn während der Dreharbeiten in Jacobsville bereits so gesehen hatte, war der Anblick ein Schock für sie. Doch das war schon sehr lange her.

“Du siehst gut aus. Gehst du jetzt noch zur Arbeit?”, fragte sie.

Er sah sie kurz an. “Geh wieder schlafen. Du brauchst deine Ruhe. Es gibt ein kleines Problem in der Stadt. Ich bin sobald wie möglich zurück.”

Tippy musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: “Sei vorsichtig.” Schlagartig wurde es ihr klar, wie es wäre, wenn sie miteinander verheiratet wären und sie ihn jeden Tag zur Arbeit gehen sähe, ohne zu wissen, ob er wieder zurückkäme. Die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Ihre Gedanken standen ihr ins Gesicht geschrieben. Cash bemerkte es und war verwirrt. Er kontrollierte seine Waffe und sein Holster, ehe er zu Tippy ging und sie sanft bei den Schultern fasste.

“Das ist mein Beruf”, sagte er nachsichtig. “Ich kenne keine Arbeit oder Art zu leben, in der es nicht irgendeine Art von Gefahr gibt. Ich glaube sogar, dass ich ohne dieses Bewusstsein gar nicht leben könnte.”

In ihren Ohren klangen seine Worte wie eine Erklärung über ihre gemeinsame Zukunft. Sie lächelte mühsam. “Ich weiß, dass du gut bist in deinem Job. Judd hat es mir gesagt.”

Seine großen Hände umfassten ihr Gesicht. “Ich bin immer vorsichtig, und ich gehe grundsätzlich nur kalkulierte Risiken ein. Ich bin nicht selbstmörderisch veranlagt, nicht im Geringsten. Es ist Unvorsichtigkeit, die dich in diesem Geschäft umbringt.”

Sie holte tief Luft und hob die Hände, um seine Krawatte zu richten. Unwillkürlich musste sie lächeln, weil es eine so intime, so hausfrauliche Geste war. “Pass auf, dass dir nichts passiert”, sagte sie nur.

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Er beugte sich vor und küsste sanft ihre vollen Lippen. Sie hatte kein Make-up aufgelegt, um ihre Verletzungen zu kaschieren, aber sie sah trotzdem wunderschön aus. Er nahm einen leichten Rosenduft wahr.

Sie beugte ihr Gesicht näher zu seinem. Die Augen hatte sie geschlossen, und auf ihren Lippen lag ein Lächeln. Ihre Hände ruhten auf seiner Brust, weil es ihr Schmerzen bereitet hatte, seine Krawatte zurechtzuzupfen. Sie ließ sich gerne von ihm küssen. Es war ein langer, sanfter Kuss, ganz anders als jene, die sie zuvor ausgetauscht hatten. Dieser war weder drängend noch leidenschaftlich noch hitzig. Er war zärtlich. Er steckte voller Verheißungen.

“Geh zurück ins Bett”, sagte er, als er sich von ihr trennte. Seine dunklen Augen blickten nervös. “Es kann eine Weile dauern.”

“Okay.”

Er hob eine Augenbraue. “Das klingt ja richtig gefügig”, sagte er ironisch, während er ihr aufrichtiges Lächeln sah. “Und sobald ich aus dem Haus bin, fängst du an, die Küche zu putzen oder die Schränke umzuräumen.”

“Noch nicht. Dafür tut es noch zu weh.” Sie lächelte ein wenig gequält. “Ich warte mindestens noch bis nächste Woche, versprochen.”

Er lachte leise. “Richte es dir nicht zu gemütlich ein”, murmelte er. “Ich bin ein glücklicher Junggeselle.”

“So was gibt es nicht”, antwortete sie neckend.

Er warf ihr einen einschüchternden Blick zu, aber das Lächeln verschwand nicht aus ihrem Gesicht.

“Hat jemand eine Bank ausgeraubt?”, fragte sie ihn.

“Man versucht, zwei meiner Beamten zu feuern, die einen betrunkenen Politiker am Steuer erwischt haben”, erklärte er ihr geduldig.

Ihre Augen wurden groß. “Warum?”

“Weil er ein reicher Politiker ist.”

“Warum regst du dich auf?”, meinte sie beiläufig. “Gesetz ist Gesetz.”

“Darling!”, rief er und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Dann machte er sich frei und lachte, als er ihre verdutzte Miene sah. “Mach dir bloß keine falschen Hoffnungen. Das war ein Versehen.”

Neugierig legte sie den Kopf schräg.

Er zuckte mit den Schultern. “Ich mag es, wenn du mit mir einer Meinung bist.”

Sie grinste schelmisch. “Ich weiß, wo wir Ringe kaufen könnten”, sagte sie unvermittelt.

Er verzog den Mund. “Ich auch, aber wir werden keine kaufen.”

Tippy entdeckte Mrs. Jewell an der Küchentür. “Mrs. Jewell, er spielt mit meinen Gefühlen und weigert sich, mich zu heiraten.”

Mrs. Jewell starrte sie mit offenem Mund an.

“Genau”, stimmte Cash fröhlich zu. “Aber ich spiele nicht mit deinen Gefühlen. Ich habe dich nur geküsst, weil du glaubst, dass ich recht habe.”

“Das stimmt nicht. Du hast mich geküsst, weil du gar nicht anders konntest.” Sie stellte sich in Positur, obwohl es ihr Schmerzen bereitete. “Ich bin nun mal unwiderstehlich.”

“Jetzt brauchst du nur noch eine Gitarre und eine Band, und dann kannst du das den Leuten vorsingen”, schlug er vor.

Sie wusste, auf welches Lied er anspielte, dessen wunderbarer Komponist gestorben war. “Das war wirklich ein toller Song.”

“Das finde ich auch”, sagte er. Dann warf er ihr einen spitzbübischen Blick zu. “Jetzt aber ab ins Bett.”

Kokett zog sie die Augenbrauen hoch.

“Hör auf damit”, sagte er streng. “Mrs. Jewell wird mich sonst vor dir beschützen. Halt dich also lieber in Zukunft ein bisschen zurück!”

“Würden Sie das wirklich tun?”, fragte Tippy die Frau. “Mögen Sie mich denn nicht?”

Mrs. Jewell musste lachen, und Cash nutzte die Gelegenheit zu verschwinden, bevor Tippy ihn in weitere Wortgefechte verwickeln konnte.

“Ich kenne ihn nun schon fast ein Jahr”, erzählte sie Tippy, während sie hörten, wie er den Wagen startete und losfuhr. “Aber ich habe ihn noch nie so vergnügt gesehen wie in den letzten Minuten. Ich glaube, er hat sich in Sie verguckt.”

“Das ist nur Mitleid. Weil ich verletzt bin”, erwiderte Tippy gleichgültig. “Aber er ist nicht so brummig, wenn ich ihn aufziehe.”

Mrs. Jewells dunklen Augen entging nichts so leicht. “Sie lieben ihn sehr, stimmt’s?”, forschte sie.

Nach kurzem Zögern seufzte Tippy und lächelte. “Was nützt das schon? Er ist nicht für die Ehe gemacht, und er betrachtet mich als Risiko.”

“Das, was Sie auf der Leinwand darstellen, hat doch nichts mit der Person zu tun, die Sie im Privatleben sind”, meinte Mrs. Jewell.

“Da haben Sie vollkommen recht”, stellte Tippy fest. “Die meisten Menschen sehen das allerdings nicht so.”

“In den letzten Jahren habe ich einiges an Menschenkenntnis gewonnen”, erklärte Mrs. Jewell. “Jetzt gehen Sie aber besser wieder ins Bett, Tippy. Sie brauchen viel Ruhe, damit Sie wieder auf die Beine kommen.”

Tippy berührte ihr Gesicht. Die Wunden waren noch gerötet und brannten. “Ich muss ziemlich schrecklich aussehen”, meinte sie.

“Sie sehen aus wie jemand, der verletzt worden ist, meine Liebe”, antwortete Miss Jewell nachsichtig. “Die Verletzungen werden heilen und die blauen Flecken verschwinden, und Ihre Rippen werden bald auch wiederhergestellt sein. Aber Sie müssen sich ausruhen und viel trinken, damit Sie keine Lungenentzündung bekommen. In Ihrem Zustand ist das Fliegen auch nicht gerade empfehlenswert.”

“Ich weiß”, gab Tippy zu. “Aber diese Strecke mit dem Auto zu fahren wäre noch schlimmer gewesen. Ich verspreche Ihnen auch, dass ich brav meine Medikamente nehme. Ich möchte nämlich diesen Film wirklich gerne zu Ende bringen, damit ich wieder etwas verdiene.” Mrs. Jewells forschender Blick entging ihr nicht, und der Ärger auf die Klatschblätter und deren Artikel über ihren Unfall flammte erneut in ihr auf.

“Der Regieassistent hat geschworen, dass der Sprung vollkommen harmlos und ein Double deshalb nicht nötig sei”, erklärte sie. “Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl, aber ich wollte natürlich den Job nicht verlieren, weil sie mich wegen meiner Schwangerschaft womöglich für überängstlich hielten. Ich hatte keine andere Einnahmequelle, und schließlich musste ich die Miete und die Schulgebühren für meinen kleinen Bruder zahlen. Ich hatte solche Stunts schon gemacht, ohne einen Unfall zu haben. Deshalb habe ich dummerweise dem Regieassistenten vertraut und hab’s drauf ankommen lassen. Das war ein Fehler, denn ich habe den Halt verloren und bin gestürzt. Und habe mein Baby verloren”, brachte sie mühsam heraus.

Mrs. Jewell sah sie mitfühlend an. “Ich habe zwei verloren”, sagte sie leise. “Ich weiß, wie das ist.”

Schweigend sahen sich die Frauen an. Sie verstanden sich auch ohne Worte.

“Gehen Sie wieder zu Bett”, schlug Mrs. Jewell schließlich vor. “Ich bringe Ihnen noch etwas zu trinken. Dann können Sie vielleicht besser schlafen.”

“Ich werde sowieso kein Auge zu tun, bis Cash zurückkommt”, meinte sie besorgt.

Die Frau lächelte, als sie Tippy mit sanftem Nachdruck aus dem Zimmer führte. “Um diesen Mann brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Er kann selbst auf sich aufpassen. Das werden Sie noch sehen.”

Normalerweise konnte die Spätschicht im Polizeirevier eine ruhige Kugel schieben. Doch in dieser Nacht herrschte eine Hektik wie in einem Bienenstock. Drei Streifenbeamte standen um den Schreibtisch herum, an dem die Sekretärin eifrig arbeitete. Ein älterer Mann, der nicht mehr ganz sicher auf den Beinen war, drohte mit sofortigen Konsequenzen für zwei Polizisten. Die Beamten – ein Mann und eine Frau – sagten kein Wort. Sie wirkten sehr eingeschüchtert. Eine schöne, sehr teuer gekleidete junge Frau erzählte jedem, was passieren würde, wenn die beiden die Vorwürfe gegen ihren Vater nicht sofort fallen ließen.

In dem Moment kam Cash herein, und sein Auftritt hatte etwas Respekt einflößendes. “Also, was ist hier los?”, wollte er wissen.

Und nun redeten alle gleichzeitig.

Cash hob die Hand. “Wer ist denn eigentlich für die Festnahme verantwortlich?”

Lieutenant Carlos Garcia, ein altgedienter Polizist und der verantwortliche Schichtleiter, sowie Officer Dana Hall, eine neue Kollegin, traten einen Schritt vor. Cash kannte beide sehr gut. Garcias Frau war als Krankenpflegerin zuständig für den gesamten Bezirk, und die Menschen liebten sie. Danas verstorbener Vater war einer der angesehensten Richter im Bezirk gewesen.

“Hall fuhr mit mir”, erklärte Garcia ruhig. “Wir bemerkten einen Wagen, der Schlangenlinien fuhr und immer wieder auf die Standspur geriet. Wir haben ihn ungefähr eine Meile verfolgt, um sicherzugehen, dass eine Kontrolle gerechtfertigt wäre. Fast hätte er einen vor ihm fahrenden Wagen gerammt. Da habe ich sofort Blaulicht und Sirenen eingeschaltet und ihn überholt.”

“Erzählen Sie weiter”, forderte Cash ihn auf.

“Hall und ich näherten uns dem Wagen in der vorgeschriebenen Weise, also von zwei Seiten, für den Fall, dass der Fahrer bewaffnet war. Ich habe nach seinem Führerschein und den Fahrzeugpapieren gefragt, aber der Mann stieg sofort aus und begann, uns zu bedrohen. Ich habe seine Alkoholfahne bemerkt und deshalb die üblichen Tests gemacht. Ich bat ihn, die Augen zu schließen und mit der Fingerspitze seine Nase zu berühren und eine gerade Strecke zu laufen. Zu beidem war er nicht in der Lage.”

“Was ist dann passiert?”, fragte Cash.

“Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn für einen Atemtest mit aufs Revier nehmen würde. In dem Moment begann er, uns zu beschimpfen und handgreiflich zu werden. Ich hielt ihm die Arme fest, damit Hall ihm Handschellen anlegen konnte. Anschließend haben wir ihn hierher gebracht und den Test durchgeführt. Er hatte 1,5 Promille und lag damit weit über dem erlaubten Limit. Ich habe eine Vorladung veranlasst, ihn eingesperrt und unsere Sekretärin, Miss Phibbs, beauftragt, seine Tochter zu verständigen, worum er gebeten hatte. Sie sollte eine Kaution hinterlegen, damit er sich bis zu seiner Vernehmung frei bewegen kann.”

“Sie können meinen Vater nicht einen Monat vor den Vorwahlen wegen Trunkenheit am Steuer festnehmen”, protestierte die Tochter des Senators, eine hübsche blonde Frau. “Ich verlange, dass diese Polizisten gefeuert werden. Mein Vater ist nicht betrunken.”

“D…das bin ich auch nicht”, murmelte der Senator. “Ihr seid alle gefeuert”, fügte er dann hinzu.

“Da eine Kaution für Sie hinterlegt wurde, können Sie nach Hause gehen. Ihre Tochter wird auf Sie aufpassen”, erläuterte Cash dem Mann freundlich. “Sie müssen vor Gericht erscheinen und zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Dann wird der Richter darüber entscheiden, ob Sie Ihren Führerschein zurückbekommen.”

“Darum wird sich unser Anwalt kümmern. Ich werde mich sofort mit ihm in Verbindung setzen, das versichere ich Ihnen”, antwortete die junge Frau herablassend.

“Sie können mir meinen Führerschein nicht wegnehmen. Schließlich bin ich Senator”, fuhr der Mann angriffslustig dazwischen.

“Das wird das Gericht entscheiden.”

“Das kostet Sie Ihren Job”, tobte der Senator.

Kurz bevor die Situation zu eskalieren drohte, traf Bürgermeister Ben Brady im Polizeirevier ein. Sein T-Shirt und seine Hose schien er in aller Eile angezogen zu haben. “Was geht hier vor?”, wollte er wissen, und die beiden Polizisten wiederholten ihre Geschichte.

“Quatsch”, sagte Brady aufgebracht. “Mein Onkel rührt keinen Alkohol an, wenn er fährt. Lassen Sie die Vorwürfe fallen und schmeißen Sie die Bürgschaft in den Papierkorb. Das alles ist nur ein Versehen.”

“Ich sehe das etwas anders”, schaltete Cash sich mit fester Stimme ein. Er ging zu dem Bürgermeister, den er gut und gern um einen Kopf überragte, und blickte drohend auf ihn herab. “Die Vorgehensweise meiner Kollegen ist absolut gerechtfertigt. Das beweist das Ergebnis des Alkoholtests. Der Senator hat das vorgeschriebene Limit überschritten. Er wird vor Gericht erscheinen müssen. So verlangt es das Gesetz.”

Brady wurde puterrot. “Wir werden ja sehen, was unser Anwalt dazu zu sagen hat.”

“Er wird hoffentlich ebenfalls der Meinung sein, dass diese Polizisten dafür verantwortlich sind, dass die Gesetze nicht übertreten werden”, gab Cash zurück. “Und ehe Sie das in Frage stellen”, fügte er hinzu, als Brady etwas erwidern wollte, “sollten Sie sich besser daran erinnern, dass Simon Hart der Generalstaatsanwalt ist.”

“Das wird Ihnen nichts nützen”, schnaubte Brady.

“Die Harts sind meine Cousins”, fuhr Cash gelassen fort, und plötzlich wurde es ganz still im Raum. Das hatte niemand gewusst, weil er nie zuvor darüber gesprochen hatte.

Brady wandte sich zum Senator. “Onkel, ich bin sicher, dass das alles nur ein Versehen ist. Tu fürs Erste, was sie von dir wollen. Ich werde ein Disziplinarverfahren für die beiden Polizisten beantragen, die dich festgenommen haben, und wir werden die Sache bis zum Ende durchziehen. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?”, fragte er den Polizeichef.

Cash lächelte. “Warum sollte ich? Meine Kollegen haben schließlich nichts Falsches getan.” Das Lächeln verschwand. “Aber sie werden nicht eher suspendiert, bis sie formell wegen Fehlverhaltens im Dienst angeklagt werden und Gelegenheit erhalten, zu dem Fall Stellung zu nehmen.”

Brady hatte ausgesehen, als könnte er es gar nicht abwarten, das Verfahren gegen die beiden auf den Weg zu bringen, aber Cashs Haltung schüchterte ihn ein. “Na gut”, sagte er mürrisch. “Ihre Leute werden benachrichtigt, wann sie vor Gericht erscheinen sollen.”

“Sie sollten sich besser nach einem anderen Job umsehen”, zischte Julie Merrill hasserfüllt.

“Aber ich habe doch einen Job, Miss Merrill”, erwiderte Cash vergnügt. “Und ich habe nicht vor, mich in nächster Zeit zu verändern.”

“Das werden wir ja sehen”, meinte sie spöttisch.

Cash lächelte sie an. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück und verließ das Revier mit ihrem Vater und dem Bürgermeister, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Kurze Zeit später war wieder Ruhe im Polizeirevier eingekehrt. Jetzt waren nur noch die Sekretärin, die zufrieden vor sich hin lächelte, Cash und die beiden Streifenbeamten im Gebäude. Er warf den Beamten einen Blick zu. “Was ist denn?”, fragte er, als er ihre bedrückte Miene sah.

Garcia machte eine linkische Bewegung. “Ich dachte, Sie wollten, dass wir kündigen.”

“Genau”, pflichtete Hall ihm bei.

“Glaubt ihr wirklich, dass ich in einer Stadt mit zweitausend Einwohnern sofort Ersatz für zwei kompetente Streifenbeamten finde?”, fragte Cash.

“Das ist ein ganz schöner Schlamassel”, meinte Garcia. “Ich habe das schon mal erlebt. Vor ein paar Jahren hat der alte Sergeant Manley mal ein Stadtratsmitglied wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen, und sie haben ihn gefeuert. Und Blake, sein Vorgesetzter, hat kein Wort dazu gesagt.”

Cash sah den Mann ruhig an. “Ich bin aber nicht Chet Blake.”

Sergeant Garcia gelang ein Lächeln. “Ja, Sir. Das haben wir bemerkt.”

Cash erhob sich, und Hall machte einen großen Schritt auf ihn zu.

“Danke, dass Sie auf unserer Seite waren, Chef”, sagte Officer Hall. “Aber wir werden kündigen, wenn es sein muss.”

“Ich werde es nicht tun”, sagte Cash beiläufig. “Und das wird auch sonst keiner tun, nur weil er seinen Job ordentlich macht. Oder ihren Job”, wandte er sich mit einem Lächeln an Hall.

“Die werden nicht aufgeben”, meinte Garcia. “Und wir haben keine Rechtsabteilung. Unser Polizeirevier ist so klein, dass wir keinen eigenen Rechtsanwalt beschäftigen.”

“Wir könnten Mr. Kemp fragen”, schlug Hall vor.

“Ich kümmere mich um den Anwalt”, versprach Cash ihnen. “Sie werden sehen, dass eine Menge Bürger die Nase voll haben von Politikern, die glauben, für sie gälten die Gesetze nicht. Wir werden ein Exempel statuieren. Und keiner wird kündigen. Ist das klar?”

Sie lächelten, obwohl sie ihm nicht wirklich glaubten. Aber sie waren wieder etwas zuversichtlicher als noch vor einer Stunde.

Müde, aber zufrieden, fuhr Cash abends nach Hause. Überrascht stellte er fest, dass Tippy noch wach war und im Wohnzimmer auf ihn wartete.

“Ich habe Sandie doch gesagt, dass sie dich ins Bett schicken soll”, brummte er.

“Sie kann nichts dafür”, antwortete Tippy, die sich in einen gequilteten Bademantel gekuschelt hatte, der nur Kopf, Hände und Füße sehen ließ. “Sie kann nicht lange aufbleiben. Als sie eingeschlafen ist, bin ich wieder aufgestanden. Ich hatte einfach Lust, hier ein wenig zu sitzen”, log sie. In Wirklichkeit hatte sie befürchtet, dass Cash etwas zugestoßen war. Sie hätte unmöglich schlafen können, ehe er wieder zu Hause war.

Cash hatte ein ganz seltsames Gefühl, wie er es noch nie zuvor empfunden hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass seine Frau jemals auf ihn gewartet hatte, selbst zu der Zeit, als er glaubte, sie würde ihn abgöttisch lieben. Er war immer allein gewesen. Und nun saß diese fantastische Frau mit rotgoldenem Haar und grünen Augen auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, eine Frau, die von Männern im ganzen Land begehrt und verehrt wurde. Und sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht.

Schweigend legte er die Pistole und das Holster ab und runzelte verwirrt die Stirn.

“Du bist wütend”, sagte sie.

Er sah sie nicht an. “Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll.”

“Du könntest dich auf die Couch legen und mir von deiner Kindheit erzählen”, schlug sie mit einem listigen Lächeln vor.

Er hob eine Augenbraue und musterte sie lange und forschend. “Wenn ich mich auf eine Couch lege, liegst du aber zuerst da.”

Ihre Verlegenheit war kaum zu spüren. “Denk an meine Rippen”, erinnerte sie ihn.

“Die werden wieder”, sagte er. “Und dann pass bloß auf!”

“Gib dir keine Mühe. Du hast doch schon gesagt, dass du mich nicht heiraten wirst”, erwiderte sie schnippisch. “Ich setze mich nie neben eingefleischte Junggesellen aufs Sofa.”

“Spielverderber.”

Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in den Sessel neben der Couch fallen, lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines blauen Hemds, unter dem ein schneeweißes T-Shirt zum Vorschein kam.

“Möchtest du reden?”, fragte sie so beiläufig wie möglich, damit er sich nicht gedrängt fühlte.

Er runzelte die Stirn. “Ich habe nie jemanden gehabt, mit dem ich über persönliche Dinge reden konnte”, meinte er beiläufig. “Und als ich einmal verheiratet war, hat meine Frau den Job gehasst.”

Sie sah ihn aufmerksam an. “Du hast dich also über etwas geärgert.”

“Hör bitte auf, meine Gedanken zu lesen”, sagte er, während er seine Krawatte auf den Couchtisch warf.

“Das tue ich nicht absichtlich”, entschuldigte sie sich. “Und es ist auch mehr als ein Fluch als eine Gabe, das kann ich dir versichern. Ich sehe nur negative Sachen wie Gefahr und seelische Verstimmungen.”

Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. “Du kannst sagen, wenn etwas mit Rory ist, stimmt’s?”

Sie nickte. “Seitdem er klein war. Das habe ich von meiner Großmutter geerbt. Ich wusste, wann sie sterben würde und auf welche Weise.” Sie schauderte und schlang die Arme um ihren schlanken Leib. “Ich habe alles in einem Traum gesehen, wirklich alles.”

“Es muss die Leute verunsichern, wenn du ihnen davon erzählst”, meinte er.

Sie sah ihm fest in die Augen. “Ich habe nie zu jemandem darüber gesprochen. Nicht einmal zu Rory.”

“Warum nicht?”

“Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht. Ich bin sicher, dass er das Talent nicht geerbt hat. Und ganz bestimmt auch meine Mutter nicht”, fügte sie hinzu. “Was wird nun mit ihr geschehen?”

“Wenn sie in die Sache verwickelt ist, kommt sie ins Gefängnis”, antwortete er. “Entführung ist ein Verbrechen.”

Lange sagte sie nichts. “Vielleicht wird sie clean, wenn sie ins Gefängnis muss.”

Er lächelte ironisch. “Glaubst du etwa, dass Gefangene keinen Zugang zu Alkohol und Drogen haben?”

“Nicht im Gefängnis”, behauptete sie.

Er lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen. Plötzlich war er sehr müde. “Honey, im Knast kriegst du alles, was du willst. Das ist eine Gesellschaft für sich, mit ihrer eigenen Hierarchie. Jeder kann bestochen werden, wenn das Geld und der Anlass stimmen.”

“Du bist sehr zynisch”, stellte sie fest. In ihren Ohren klang das Kosewort nach, mit dem er sie angeredet hatte. Vermutlich hatte er es unbewusst benutzt. Sie waren ganz allein auf der Welt und unterhielten sich wie ein Ehepaar. Sie fühlte sich ganz warm und geborgen.

“Ich weiß, wie es da draußen zugeht”, sagte er müde. “Meistens ist es ein freudloser, gefährlicher Ort mit wenig Entschädigung für das Leid, das man im Leben durchmacht.”

“Eine Familie ist eine großartige Entschädigung”, bemerkte sie.

Er öffnete die Augen. Sein Blick war kalt. “Die Familie ist noch gefährlicher als die Welt da draußen.”

Das wusste sie. Ihr ruhiger Blick verriet es.

Er zog eine Grimasse. Er hatte sie nicht angreifen wollen. Es störte ihn, dass sie seinen Zorn mitbekam. Er sprach nie über seine Arbeit – höchstens mit den Kollegen im Polizeirevier. Tippy wusste zu viel über ihn, und er vertraute ihr nicht. Er vertraute niemandem.

Sie konnte die Zukunft in seinem Gesicht sehen. Er würde alles daran setzen, sie von sich fernzuhalten, sowohl körperlich als auch in Gedanken. Er glaubte nicht, dass sie ihn nicht verletzen wollte.

“Du weißt sogar jetzt, was ich gerade denke, stimmt’s?”, grollte er.

Sie blinzelte und wandte den Blick ab. “Ich vermute, bei deiner Arbeit ist etwas passiert, das dich aufgebracht hat, und du sprichst nicht darüber, weil du niemanden hast, mit dem du reden kannst. Es betrifft nicht dich persönlich”, fügte sie hinzu, “aber jemanden, den du magst.”

Er sprang auf, und es klang wie eine kleine Explosion, als er mit seinen Schuhen den Parkettboden berührte. Dann stürmte er aus dem Zimmer.

Tippy seufzte. Sie hatte sich vorgenommen, ihn nicht mehr zu verärgern, aber es war nicht gut für ihn, wenn er alles hinunterschluckte. Stress war gefährlich – selbst für einen Mann, der so gesund und fit war wie Cash. Wenn er doch nur über seine Probleme reden würde! Sie erinnerte sich daran, was er über seine Eltern und ihre turbulente Scheidung erzählt hatte. Erst hatte ihn seine Stiefmutter und dann seine Ehefrau aufs Gemeinste hintergangen. Einem Mann würde er viel eher Vertrauen entgegenbringen als einer Frau.

Langsam stand sie auf. So viel zu ihren Hoffnungen. Er würde sie die ganze Zeit auf Distanz halten, während sie sich in seinem Haus erholte. Damit hatte sie zwar gerechnet, aber es tat ihr dennoch weh. Ohne Vertrauen würde niemals eine tiefere Beziehung zwischen ihnen zustande kommen.

Langsam ging sie über den Korridor zu ihrem Zimmer und schloss leise die Tür. Sie streifte den Bademantel ab, stieg ins Bett und widmete sich ihrem Buch von Plinius, denn sie war immer noch nicht müde.

Fünf Minuten später klopfte es kurz an ihrer Tür, und Cash betrat das Zimmer. Er hatte ein Tablett in der Hand mit einer Tasse heißer Schokolade und einigen köstlichen Ingwer-Plätzchen.

“Mach dir nur keine falschen Hoffnungen”, murmelte er, während er die Tür hinter sich schloss und das Tablett auf den Nachttisch stellte. “Ich gebe mich nicht geschlagen, und ich werde nicht mit dir über meine Arbeit reden.”

“Wie du willst”, meinte sie beiläufig. “Danke für das Betthupferl.”

Er erhob sich und betrachtete sie mit distanziertem Interesse. Ihre cremefarbenen Schultern waren frei – abgesehen von den schmalen Trägern ihres Nachthemds, unter dem sich ihre hohen, festen Brüste abzeichneten. Unwillkürlich erinnerte er sich daran, wie es war, als er sie mit ihrem Mund berührt und Tippy vor Vergnügen gestöhnt hatte.

Tippy tat, als ob sie seinen sehnsüchtigen Blick nicht bemerkte. Sie nahm einen Schluck von der heißen Schokolade. “Das schmeckt ja köstlich”, sagte sie.

“Es ist eine Fertigmischung. Geht schneller und ist bequemer.” Er trug jetzt nur noch ein T-Shirt und seine Hose und sah sehr müde aus.

Sie probierte genussvoll ein Ingwer-Plätzchen und fand es ausgezeichnet.

“Die sind auch von Mrs. Garcia – wie alles, was wir zum Abendessen hatten.”

“Sie sind wirklich gut.”

Er holte tief Luft. “Zwei Streifenpolizisten haben einen Politiker wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen. Er will sie feuern lassen, und sein Neffe, der Bürgermeister, versucht, mich unter Druck zu setzen. Er hat es auch auf meinen Job abgesehen.”

Sie schluckte den letzten Bissen des Gebäcks hinunter. Plötzlich war sie ganz aufgeregt. Er wollte tatsächlich mit ihr über seine Arbeit sprechen. Es war ein Meilenstein in ihrer Beziehung, und sie musste gegen die Tränen kämpfen. “Da hat er sich aber was vorgenommen”, meinte sie leichthin.

Er war angenehm überrascht, dass sie so von ihm überzeugt war. “Das kann man wohl sagen”, pflichtete er ihr bei. “Ich weiß inzwischen, wie das hier in Jacobsville läuft. Selbst wenn ich immer noch so etwas wie ein Außenseiter bin, habe ich mich doch ganz gut eingewöhnt.”

“Es gefällt dir hier”, stellte sie fest.

Er lächelte schwach. “Sehr sogar.” Er sah ihr zu, wie sie ein weiteres Plätzchen aß. “Pink steht dir gut. Ich dachte, das sei keine Farbe für Rothaarige.”

Sie erwiderte sein Lächeln. “Normalerweise trage ich sie auch nicht, aber Rory hat es mir zu Weihnachten geschenkt – zusammen mit dem Bademantel.”

“Das habe ich mir gedacht.”

“Ich vermisse ihn.”

“Das glaube ich”, erwiderte er. “Aber in der Kadettenschule ist er viel sicherer als in New York. Sobald die Ferien beginnen, holen wir ihn hierher.”

“Danke”, sagte sie mit belegter Stimme. “Er mag dich wirklich gern.”

“Er ist ein sehr netter junger Mann.”

“Und ein glühender Heldenverehrer”, betonte sie.

Er lachte. “Er wird schon noch lernen, dass Helden auch nur Menschen aus Fleisch und Blut sind.”

“Seiner nicht”, entgegnete sie, ohne ihn anzusehen. “Seiner ist echt.”

Eine Minute lang schwieg er. Er wusste, dass sie es aufrichtig meinte. Aber er wollte nicht, dass sie ihn ebenso sah. Sie war überwältigt von ihrer ersten angenehmen Erfahrung mit Intimität. Sie mochte die Gefühle, die er in ihr weckte. Das hatte er schon oft erlebt. Seiner Ex-Frau hatte er im Bett auch sehr gut gefallen. Aber als sie alles von ihm wusste und jede Einzelheit aus seinem Leben kannte, konnte sie es nicht mehr ertragen, dass er sie berührte. So würde es auch mit Tippy sein. Sie war von einer Illusion fasziniert, nicht von einem wirklichen Menschen.

“Ich gehe jetzt schlafen. Brauchst du noch irgendwas?”, fragte er.

Sie sah auf. Er wirkte sehr ernst. Fragen wären jetzt fehl am Platze gewesen. Deshalb lächelte sie nur. “Nein. Vielen Dank für die heiße Schokolade und die Kekse.”

“Keine Ursache. Also dann bis morgen.” Er zögerte. “Wenn du heute Nacht etwas brauchst …”

“Ich weiß. Mrs. Jewell schläft auf der anderen Seite des Korridors, und da ist die Wechselsprechanlage.” Sie deutete auf das Gerät, das auf dem Nachttisch lag. “Sie hat es mir gesagt, bevor sie schlafen gegangen ist.”

Er nickte und blieb unschlüssig stehen, als hätte er etwas vergessen, das er ihr noch mitteilen wollte. Dann ging er zur Tür.

Die Hand auf dem Türknauf, zögerte er erneut. Er sah sie nicht an. “Danke, dass du gewartet hast, bis ich zurückgekommen bin”, stieß er hervor. Ehe sie sich von der Überraschung erholen und ihm antworten konnte, hatte sich die Tür bereits hinter ihm geschlossen.

Am nächsten Tag war es bereits wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen. Die gesamte Polizei und die Feuerwehr hatte erfahren, dass der Chef sich vor seine Leute gestellt hatte – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Quasi über Nacht gehörte Cash, der Außenseiter, zur Familie.

Er war überrascht über die Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wurde, denn er hatte ja nur getan, was er für seine Aufgabe hielt. Sein Verhalten ließ keinen unberührt. Wenn Bekannte sich auf der Straße trafen, kam das Thema sofort auf Cashs vehemente Verteidigung seiner Polizisten.

Sandie erzählte Tippy, dass Cash in den Augen der Einwohner zum Helden geworden war. Vermutlich wusste er es selbst noch gar nicht. Tippy lächelte und hatte plötzlich ebenfalls das Gefühl, ein Teil der großen Familie von Jacobsville zu sein.