10. KAPITEL

Täglich untersuchten die Ärzte Tippys Lunge, bis sie ganz sicher waren, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand. Folgsam nahm sie ihre Antibiotika und vermied es sorgfältig, in einen Spiegel zu schauen. Sie kam sich vor wie eine Gestalt aus einem billigen Horrorfilm und war heilfroh, dass sie sich fürs Erste nicht in der Öffentlichkeit zeigen musste.

Sie machte sich Sorgen, weil der dritte Entführer immer noch frei herumlief. Außerdem bestand weiterhin die Gefahr, dass Stanton oder sein Verwandter einen Auftragskiller auf sie hetzten.

“Glaubst du, dass Mr. Carrera recht hatte, was diesen Cousin von Stanton angeht, der mich umbringen lassen will?”, fragte sie Cash eines Abends im Krankenhaus.

Cash zögerte. Seit Carreras Besuch vor zwei Tagen war er auffallend schweigsam geworden. “Möglich ist alles”, meinte er schließlich. “Aber du bist ja in Jacobsville.”

“Ich habe mal gehört, dass ein Auftragsmörder überall zuschlagen kann.”

Er zog die Augenbrauen hoch. “Jacobsville hat knapp zweitausend Einwohner. Der Vizepräsident war im vergangenen Jahr da. Er blieb ein paar Nächte bei einem der Hart-Brüder. Das sind seine Cousins. Die Leute vom Geheimdienst waren mit dabei und haben versucht, ihren Job zu machen.”

Aufmerksam hörte sie zu.

Er lachte leise. “Das sind schon tolle Kerle. Ich kenne ein paar von ihnen, und sie versuchten wirklich, gute Arbeit zu leisten. Aber sie glaubten, die könnten sie in diesem Fall am besten erledigen, wenn sie wie Cowboys aussehen.” Er schüttelte den Kopf. “Da standen sie dann in ihrer Kostümierung aus dem Kaufhaus herum: Cowboyhüte, brandneue Jeans und Stiefel und piekfeine Westernhemden. Einer der Cowboys von den Harts hat einen der Agenten gefragt, ob er mit ihm zur Ranch kommen wolle, um ein paar Rinder aufzuteilen. Darauf sagte der Beamte, er hätte keine Ahnung, wie man einen Ochsen schlachtet.”

Sogar Tippy wusste, dass es in diesem Fall nicht ums Schlachten, sondern darum ging, gewisse Tiere von der Herde zu trennen. Sie lachte amüsiert.

“Danach haben sie die Cowboy-Verkleidung schnell wieder gegen ihre Anzüge getauscht, um sich im Dienst nicht lächerlich zu machen.” Er schüttelte den Kopf. “Was ich damit sagen will: In einem kleinen Ort, wo die Leute sich seit Generationen kennen, bist du als Fremder immer ein Außenseiter. In einer Stadt mit einer halben Million Einwohner mag das gehen. Aber in einem Ort so groß wie Jacobsville fällst du sofort auf.”

“Das klingt ja schon ein bisschen beruhigender”, pflichtete sie ihm bei.

“Ich sorge dafür, dass dir nicht noch mal etwas passiert”, wiederholte er entschlossen. “Das verspreche ich dir. Und ich gebe mein Wort nicht leichtfertig.”

Sie bewegte sich und zuckte zusammen. Die Rippen schmerzten immer noch, aber wenigstens hatte sie keine Kopfschmerzen mehr.

“Hast du einen Fernseher?”, fragte sie.

“Ja. Fernseher, Radio, CD-Spieler und zwei Regale voller Kriminalromane und Detektivgeschichten, dazu eine Menge Bücher über Geschichte und ein paar Science-Fiction-Storys. Und wenn das nicht reicht”, fügte er grinsend hinzu, “habe ich auch noch ein paar tolle Videos. Die ganze ‘Star Trek’- und ‘Star Wars’-Serie, zwei Filme von der ‘Herr der Ringe’-Trilogie und die Harry-Potter-Filme.”

“Das sind Rorys Lieblingsfilme”, rief sie.

“Und was gefällt dir am besten?”

Sie überlegte eine Weile. “Sherlock Holmes, alte Bette-Davis-Filme, alles mit John Wayne und die Fantasy- und Science-Fiction-Sachen, die du in deiner Sammlung hast.”

“Bette Davis finde ich auch toll”, gestand er. Er trat näher ans Bett und betrachtete sie mit fachmännischem Blick. “Die Schnitte sehen schon viel besser aus. Im Gegensatz zu den Prellungen”, ergänzte er mit einem Seufzer. “Die sind blau und grün geworden. Man könnte denken, du wärst in eine heftige Schlägerei geraten.”

“Ach, sieht man mir das etwa an?”, entgegnete sie spöttisch. “Ich bin noch nie so heftig geschlagen worden, selbst damals auf der Straße nicht, als ich zwölf war.”

Er runzelte die Stirn. “Man hat dich geschlagen?”

Sie wandte den Blick ab. “Ich hatte ein paar ziemlich unangenehme Begegnungen, bevor Cullen mich unter seine Fittiche nahm”, sagte sie. “Aber darüber möchte ich jetzt nicht reden”, fügte sie barsch hinzu.

Er steckte die Hände in die Taschen. Sein Blick war finster. “Du vertraust mir immer noch nicht, was?”

“Ich trau dir zu, dass du Mitgefühl hast”, erwiderte sie. “Die meisten Menschen empfinden mit einem, wenn man Schmerzen hat. Sobald es einem aber dann besser geht, hört das in der Regel wieder auf.”

Ihr Zynismus überraschte ihn. Im Grunde vertrat er die gleiche Einstellung, doch bislang hatte er sich nicht viele Gedanken darüber gemacht. Während ihm Carreras Warnung durch den Kopf ging, beschlichen ihn leise Zweifel, ob er auch wirklich in der Lage war, Tippy zu beschützen. Er konnte schließlich nicht den ganzen Tag zu Hause bleiben. Außerdem bestand durchaus die Möglichkeit, dass ein Auftragskiller nachts unbemerkt in die Stadt kam. Diese Erfahrung hatte er in seiner gefahrvollen Vergangenheit schließlich oft genug selbst gemacht.

“Du siehst besorgt aus”, bemerkte Tippy leise.

Er blinzelte, und seine Gesichtszüge verhärteten sich. “Du bist hier die Patientin, nicht ich.”

Sie legte den Kopf schräg und betrachtete ihn schweigend. “Du gibst auch nichts von dir preis, nicht wahr? Deine Vergangenheit ist ein Buch mit sieben Siegeln. Du willst allein sein mit deinen Albträumen, die dich nachts heimsuchen.”

In seinen Augen blitzte es. “Ich vertraue niemandem so sehr, dass ich ihm oder ihr davon erzählen würde. Das betrifft auch dich”, stieß er unwillkürlich hervor.

“Mich wohl besonders”, meinte sie. “Ich sehe zu viel, stimmt’s? Das ist es, was dich wirklich irritiert hat an dem Abend, bevor du aus New York abgereist bist.”

Er wandte ihr den Rücken zu und starrte aus dem Fenster. Es regnete wieder – typisches Aprilwetter in New York. Er mochte es nicht, wenn Tippy seine Gedanken las. Es war beunruhigend, weil es ihm bewusst machte, dass zwischen ihnen bereits mehr Intimität herrschte, als ihm lieb war.

“Okay, ich werde nicht mehr deine Gedanken lesen, wenn du mich nicht ansiehst”, meinte sie trocken.

“Ich bin gern für mich allein”, sagte er, ohne sie anzuschauen.

“Das habe ich gleich gemerkt, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Aber das gilt offenbar nicht für jeden. Ich erinnere mich noch an den Tag, als du dich mit Christabel auf ihrer Ranch unterhalten hast”, fuhr sie fort, und ihr Tonfall änderte sich. “Deine Stimme klang ganz zärtlich – fast so, als würdest du mit einem kleinen Kind reden. Du hast ihr angeboten, mit ihr in die Stadt zu fahren, um einen Hamburger zu essen. Du würdest sie im Streifenwagen mitnehmen und die Sirene einschalten, hast du gesagt.”

Er drehte sich um. Er war verblüfft, dass sie sich noch daran erinnerte.

Sie wich seinem Blick aus. Sein Verhalten Christabel gegenüber hatte sie gekränkt. Bis vor Kurzem war sie sich über den Grund nicht im Klaren gewesen. Es war Eifersucht. Eine törichte Reaktion, denn er war ein Mann, der zu niemandem gehörte. Er war immer ein Außenseiter und einsamer Wolf gewesen. Er hielt alle Menschen auf Distanz. Mit Ausnahme von Christabel. Man musste keine Gedanken lesen können, um zu sehen, dass er für sie jedes Opfer bringen und sogar sein eigenes Leben aufs Spiel setzen würde.

“Sie hat sich viel von mir gefallen lassen müssen”, sagte Tippy unwillkürlich. “Ich war ziemlich unfair ihr gegenüber. Das ist mir nie klarer geworden als in dem Moment, als sie niedergeschossen wurde. Ich habe ihr etwas sehr Verletzendes über Judd erzählt. Wenn sie gestorben wäre, hätte ich mir lebenslänglich Vorwürfe gemacht.”

Er ging zurück zum Bett und runzelte die Stirn. “Davon wusste ich ja gar nichts.”

Sie spielte nervös mit der Decke, die ihren Baumwollbademantel mit dem verblichenen Muster bis zur Taille bedeckte. “Joels Regieassistent war ein ziemlicher Tyrann, und er erinnerte mich an Sam Stanton. Ich hatte Angst vor ihm. Judd war mein Verbündeter, mein Schutzengel. Ich befürchtete, dass ich allein auf mich gestellt wäre, wenn er etwas Ernstes mit Christabel angefangen hätte.” Reumütig schaute sie zu ihm empor. “Das war ich ja dann auch, abgesehen von dir.” Ihre Augen schauten ins Leere. “Ich konnte es nicht glauben, als du ihn zur Rede gestellt und ihm gesagt hast, er solle aufhören, mich andauernd zu schikanieren.”

“Ich kann solche Leuteschinder nicht ausstehen”, meinte er nur.

“Schon, aber ich war doch der Feind”, erinnerte sie ihn.

“Nicht mehr, nachdem Christabel angeschossen wurde”, erwiderte er. “Du wusstest genau, was man bei einer Schusswunde beachten muss. Das war mir damals gar nicht so richtig bewusst.” Seine Augen wurden schmal. “Woher eigentlich?”

Sie lächelte flüchtig. “Ich habe mein Leben lang Arztserien im Fernsehen angeschaut.” Sie gähnte. “Ich bin ziemlich müde. Ich glaube, ich muss jetzt ein bisschen schlafen.”

Ihre Augenlider mit den unglaublich langen Wimpern schlossen sich, und er betrachtete sie sehnsüchtig. Sie war der ungewöhnlichste Mensch, den er jemals kennengelernt hatte. Er war froh, dass er genug Zeit haben würde, seinen schrecklichen Fehler wiedergutzumachen, wenn sie erst einmal in Jacobsville waren.

Er hatte bereits in seinem Büro angerufen, um Judd von Tippys Fortschritten zu berichten und ihm zu sagen, wann er ungefähr wieder zurückkommen würde. Er rechnete nicht damit, dass es noch lange dauerte. Da sich ihr Zustand von Tag zu Tag verbesserte, würde es bald so weit sein.

Er sollte recht behalten. Drei Tage später konnte sie das Krankenhaus verlassen, und Cash packte ihren Koffer.

Ihr entging nicht, dass er sich in ihrem Schlafzimmmer, in dem sie eine Nacht voller Leidenschaft verbracht hatten, unbehaglich fühlte. Aber weder sie noch er erwähnten den Vorfall auch nur mit einem Wort.

Als ihre Sachen zusammengepackt waren, räumte er den Kühlschrank leer und gab die Lebensmittel der Familie von Rorys Freund Don. Dann schaltete er sämtliche elektrische Geräte ab und versicherte dem Hauseigentümer, dass Tippy zurückkommen werde und er die Wohnung auf keinen Fall weitervermieten sollte.

Tippy war sich im Klaren darüber, dass Cash sie nicht für immer zu sich holen wollte. Trotzdem versetzte ihr seine Sorge, der Vertrag könnte während ihrer Abwesenheit auslaufen, einen Stich ins Herz.

Er plante eben nur Tag für Tag und nicht für die ferne Zukunft. Er kümmerte sich um alle Einzelheiten ebenso sorgfältig, wie er jeden seiner Schritte bedachte: genau, geschickt und zügig. Verstohlen beobachtete Tippy sein attraktives Gesicht und verspürte ein großes Verlangen nach seinem kräftigen Körper, während er ihre Schubladen öffnete und Blusen zusammenfaltete.

“Du kannst aber gut packen”, meinte sie anerkennend.

Er warf ihr einen Blick zu und grinste. “Ich habe die meiste Zeit meines Lebens aus dem Koffer gelebt. Erst in der Kadettenschule und dann beim Militär. Da lernt man mit der Zeit rationelles Packen.”

“Das habe ich bemerkt.” Sie blickte sich um und stieß einen Seufzer aus. “Ich werde meine Wohnung vermissen”, gestand sie. “Das ist mein erstes eigenes Apartment. Vorher habe ich in Cullens Penthouse gewohnt, und danach habe ich mir eine Wohnung mit einem anderen Model geteilt. Aber das hier gehört mir ganz allein.”

Er lächelte. “Mein Haus wird dir bestimmt gefallen. Die Leute sagen, es sei verzaubert.”

Sie riss die Augen auf. “Wirklich?”

“Es heißt, ein Mann habe es für seine Frau gebaut, die schottisch-irische Vorfahren hatte. Ihre Verwandtschaft stammt von der Isle of Skye.” Er legte eine weitere Bluse zusammen und verstaute sie im Koffer. “In Jacobsville erzählen sie sich, dass man diese Lady besser nicht gegen sich aufbrachte, weil dann unangenehme Dinge passierten. Sie war keine boshafte Person, sie hatte nur ‘das böse Auge’. Außerdem soll sie das zweite Gesicht gehabt haben.”

“Genau wie ich”, murmelte sie. “Aber ich kann das böse Auge nicht gegen Menschen einsetzen. Da bin ich mir ziemlich sicher, denn wenn ich es könnte, läge Sam schon längst unter der Erde.”

Er lachte. “Du würdest es niemals mit deinem Gewissen vereinbaren können, für den Tod eines Menschen verantwortlich zu sein.”

Ein bedeutungsvolles Schweigen entstand. Neugierig drehte er sich um, aber sie war damit beschäftigt, Bücher aus dem Regal zu räumen und würdigte ihn keines Blickes.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie war froh, dass er es nicht mitbekam. Es gab noch immer einige Dinge aus ihrer Vergangenheit, von denen er nichts wissen sollte. Jedenfalls jetzt noch nicht.

“Was sind das für Bücher?”, wollte er wissen und deutete auf die Bände in ihrer Hand.

Sie musste lachen. “Eins ist von Plinius dem Älteren. Er hat über die Natur geschrieben. Ich finde seine Schriften faszinierend. Beim Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 vor Christus ist er ums Leben gekommen, als er versuchte, Menschen auf einem Boot in Sicherheit zu bringen. Das zweite Buch ist von seinem Neffen, Plinius dem Jüngeren. Er hat den einzigen überlieferten Augenzeugenbericht von der Katastrophe verfasst. Es ist wirklich spannend.”

“Ich habe noch nichts von den ‘Pliniussen’ gelesen.”

“Ich kann sie dir ja mal leihen, solange ich bei dir wohne”, schlug sie gönnerhaft vor. Dann fuhr sie mit gespieltem Hochmut fort: “Irgendwie fühle ich mich verpflichtet, die Unwissenden an meinem Wissen teilhaben zu lassen. Warum solltest nicht auch du von meiner Konvaleszenz profitieren?” Mit einer theatralischen Geste fasste sie sich an die Stirn. “Noblesse oblige.”

Er prustete vor Lachen.

Sie schaute ihn an, und ihre langen Wimpern flatterten. Der Klang seines Lachens faszinierte sie. Sie hatte das Gefühl, dass er nicht oft lachte. Er hatte sich Weihnachten in der Gesellschaft von Rory und Tippy zwar sehr wohl gefühlt, aber selbst da hatte er eine spürbare Zurückhaltung an den Tag gelegt. Im Augenblick jedoch schien er rundherum glücklich zu sein.

Er bemerkte ihren gedankenverlorenen Blick und musterte sie neugierig.

Sie lächelte. “Ich höre dich gerne lachen”, sagte sie nur.

Diese Bemerkung schien ihn in Verlegenheit zu bringen, denn sofort widmete er sich wieder seiner Tätigkeit.

Es ist zumindest ein Anfang, dachte sie im Stillen. Vielleicht sollte sie ihm einmal erklären, dass ein Lächeln weniger Muskeln beanspruchte als ein Stirnrunzeln und dass Lachen gut für die Seele war. Es konnte sein Leben ändern.

Er flog mit ihr über Houston nach Jacobsville. Der Flug war unangenehm, obwohl sie gegen ihren ausdrücklichen Wunsch in der ersten Klasse saßen. Er wollte vermeiden, dass sie von den Leuten angestarrt wurde. Im vorderen Teil des Flugzeugs saßen weniger Passagiere, und die Stewards und Stewardessen verhielten sich taktvoll.

Tippy litt noch immer unter den Nachwirkungen der Gehirnerschütterung – Schwindelgefühle und Kopfschmerzen – und spürte einen schmerzhaften Druck im Brustkorb, der von den gequetschten Rippen herrührte. Cash hatte zunächst Bedenken gehabt, ob sie den Flug vertragen würde, aber nach der letzten Untersuchung hatte der Doktor ihm versichert, ein Flug wäre besser für sie als eine lange Autofahrt, selbst wenn sie viele Pause einlegen würden.

Judd Dunn holte sie am Flughafen von Jacobsville ab. Als er Tippy entdeckte, verzog er mitleidig das Gesicht. Dann lächelte er.

“Ich weiß, dass du glaubst, du siehst schrecklich aus, aber du wirst bald wieder ganz die Alte sein”, versicherte er ihr und schaute sie aufmunternd mit seinen dunklen Augen an. Cash fiel auf, dass er keine Uniform trug. “Heute ist mein freier Tag”, erinnerte er ihn. “Lieutenant Palmer kümmert sich um die Geschäfte.”

“Nicht Barrett?”, hakte Cash nach, denn beide Männer waren schon lange im Dienst und ausgesprochen kompetent.

“Der hat heute auch frei”, antwortete Judd und räusperte sich verlegen. “Er hat etwas zu erledigen.”

Wie vom Donner gerührt blieb Cash neben Judds großem Geländewagen stehen und stellte Tippys Koffer mit Nachdruck ab. “Nein”, sagte er sofort. “Das kannst du unmöglich getan haben. Du hast Barrett doch nicht etwa freigestellt, damit er mein Haus tapeziert?”

Judd sah tief beleidigt aus. “Ich bin Polizeibeamter. Genau genommen bin ich der stellvertretende Polizeichef”, ergänzte er hochmütig und grinste Tippy zu. “Ich würde nie etwas Unrechtmäßiges tun.”

“Wenn ich auch nur einen Fetzen Papier auf dem frisch eingesäten Rasen entdecke …”, drohte Cash.

“Hast du eigentlich gewusst, dass er so misstrauisch ist?”, erkundigte Judd sich bei Tippy, während er ihr beim Einsteigen half und sie vorsichtig auf den Beifahrersitz platzierte.

“Wenn du darauf antwortest, gibt’s Leber und Zwiebeln zum Abendessen”, warnte Cash sie, während er das Gepäck im Kofferraum verstaute und auf die Rückbank sprang.

Tippy schaute sich nach ihm um und zuckte zusammen, weil die Bewegung ihr wehtat. “Ich hasse Leber mit Zwiebeln wie die Pest.”

“Ich weiß.” Cash lächelte sie unschuldig an.

Judd lachte, als er den Motor des großen schwarzen Vans startete und vom Flughafenparkplatz rollte.

Wenig später bogen sie in die kiesbestreute Einfahrt von Cashs Haus ein. Es war ein schlichtes, weiß gestrichenes Gebäude mit schwarzen Fensterläden und einem Schindeldach. Vor dem Haus war eine ausladende, von Rosenbüschen gesäumte Veranda mit einer Schaukel und einem Schaukelstuhl. Aus zahlreichen Blumenbeeten lugten erste Sämlinge hervor.

Cash half Tippy beim Aussteigen, während Judd die Koffer zum Eingang trug.

“Trampel mir bloß nicht in die Beete”, warnte Cash ihn.

Judd, der gerade einen Schritt machen wollte, blieb stehen und sah ihn verdutzt an. “Welche Beete?”

“Zum Beispiel die, auf die du gerade treten willst”, erwiderte Cash gereizt. “In einem habe ich Zinnien gepflanzt und in das andere Kornblumen, Löwenmaul, Ringelblumen und Margeriten.”

“Du magst Gartenarbeit?”, fragte Tippy erstaunt.

Er schaute in ihre grünen Augen und hatte das Gefühl, der Boden würde ihm unter den Füßen weggezogen. Sie hatte wunderschöne Augen. Selbst in ihrem durch Wunden entstellten Gesicht wirkten sie exotisch und faszinierend. “Ich habe gerne Erde an den Händen.”

Tippy, die ebenfalls von seinen Augen fasziniert war, wurde ganz nervös, als sie seinen intensiven Blick auf sich spürte. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen, damit er seine Arme um sie legen konnte. Ihren Rippen hätte das zwar nicht gut getan, aber im Zweifelsfall hätte sie dieser Versuchung gewiss nicht widerstanden.

“Genau das hat auch der Drogendealer gesagt, als wir ihn im vergangenen Jahr festgenommen haben”, meinte Judd, ohne die beiden anzuschauen. Er ging um die Blumenbeete herum und stellte die Koffer am Rand der Veranda ab. “Er hatte gerade zwei Kilo Kokain in seinem Blumenbeet vergraben.” Er grinste. “Wahrscheinlich hoffte er, dass es sich vermehren würde.”

Cash riss sich von Tippys Anblick los. “Ein fataler Fehler. Er hat zehn Jahre bekommen.”

“Leider wird es einen Ersatzmann für ihn geben. Das heißt, es gibt ihn schon. Unser neuer Crackdealer hat einflussreiche Verwandte in der Stadt. Davon weißt du natürlich nichts”, sagte Judd warnend zu Tippy.

“Ich weiß gar nichts”, entgegnete Tippy sofort. “Das wird dir jeder bestätigen.”

“Hört auf damit”, schalt Cash und berührte mit dem Finger ihre Nasenspitze. “Du weißt ohnehin schon viel zu viel.”

Sie lächelte und errötete leicht, ohne den Blick von Cash abwenden zu können.

Fast hätte Judd zugestimmt, dass Tippy gewiss keine Närrin war, aber er spürte sehr deutlich, dass er sich in Dinge mischte, die ihn nichts angingen. Tippy und Cash schienen ja recht gut miteinander auszukommen. Das war immerhin ein Anfang.

“Ich soll euch von Christabel ausrichten, dass ihr jederzeit zum Abendessen kommen könnt, wenn euch danach ist”, bot Judd an. “Wie wär’s mit heute Abend?”

Tippy zögerte und sah Cash an.

“Sie hat ein paar schwere Tage hinter sich, und der Flug war auch nicht gerade angenehm, auch wenn es keine Turbulenzen gegeben hat”, antwortete Cash. “Aber nächste Woche kommen wir gern auf dein Angebot zurück.”

“Sag Christabel auch von mir Danke”, schloss Tippy sich an. “Mit zwei Säuglingen kann Besuch sicher ganz schön lästig sein.”

“Es sind keine Säuglinge mehr”, korrigierte Judd grinsend. “Sie sind bereits im Krabbelalter.”

“Jessamina?”, rief Cash aus. “Was, jetzt schon?”

Judd funkelte ihn an. “Sie hat auch einen Bruder. Er heißt Jared.”

“Das weiß ich”, erwiderte Cash. “Aber der gehört dir. Im Gegensatz zu Jessamina. Du wirst es schon noch sehen”, fügte er selbstbewusst hinzu.

Judd wollte Cash gerade vorschlagen, Tippy um eine eigene Tochter zu bitten. Im letzten Moment biss er sich auf die Zunge. Der Verlust ihres Babys hatte Cash am Boden zerstört. Aber auch Tippy schien darunter zu leiden, denn ihre Augen umwölkten sich, als sie von Judds Kindern sprachen.

Ihre Traurigkeit verflog im Nu, als sie sich an Cashs Haustier erinnerte. “Deine Schlange!”, rief sie besorgt. “Ist sie etwa … da drin?”

“Du brauchst keine Angst zu haben”, beruhigte er sie. “Ich habe mir gedacht, dass du in Panik gerätst, wenn eine Schlange im Haus ist. Deshalb habe ich Mikey wieder zu Bill Harris gebracht.”

“Gott sei Dank”, sagte sie erleichtert.

“Ich muss zurück. Lass uns doch mal ins Haus gehen”, drängte Judd.

“Alle drei?”, fragte Cash zweifelnd.

“Aber sicher.”

Judd stieg die Stufen zur Veranda hinauf und öffnete die Tür.

“Das ist unrechtmäßiges Eindringen in ein Haus, Dunn”, ermahnte Cash ihn.

“Nicht, wenn du die Erlaubnis des Besitzers hast.”

“Ich bin der Besitzer, und ich habe sie dir nicht gegeben”, konterte Cash.

Judd lachte.

Sie stießen gegen einen Esszimmertisch, der beladen war mit Lebensmitteln. Es gab eine Kasserolle mit Schmorbraten, Tabletts mit Schinken und Käse, einen riesigen Salat, selbst gemachte Plätzchen und bestimmt fünf verschiedene Desserts.

Vor ihnen stand Lieutenant Barrett, ein schlanker und dunkelhaariger Mann, der eine große Tüte in der Hand hielt. “Ich hab’s gerade noch rechtzeitig geschafft, Boss”, sagte er zu Cash. “Wir haben unsere besseren Hälften überredet, etwas für Sie vorzubereiten, damit Sie nicht gleich kochen müssen, wenn Sie nach Hause kommen. Und da wir wussten, wie sehr Sie Julia Garcias Kekse und ihre selbst gemachte Marmelade mögen, hat sie Brombeermarmelade und Traubengelee gemacht und eine ganze Schüssel Plätzchen gebacken. Er ist nicht ganz so schlimm wie die Hart-Brüder”, erklärte er an Tippy gewandt, “aber auch dieser Mann ist ein Schleckermaul.”

“Und die Frau von Lieutenant Garcia macht weit und breit die besten Kekse”, ergänzte Judd.

“Danke schön”, sagte Cash überwältigt. “Damit habe ich natürlich überhaupt nicht gerechnet.”

“Du hast eine anstrengende Woche hinter dir”, meinte Judd. “Da haben wir uns gedacht, dass du bestimmt zu müde zum Kochen bist.”

“Das kann man wohl sagen. Was ist denn nun mit Miss Jewell?”, fragte er.

“Sie kommt her, sobald sie alles Notwendige zusammengepackt hat”, erwiderte Judd. “Sie sagte, es würde noch etwa eine Stunde dauern. Sie ist eine ausgebildete Krankenschwester, die Hausbesuche macht”, erklärte er Tippy. “Sandy Jewell ist etwa Mitte fünfzig, und sie kocht für ihr Leben gern. Du wirst sie mögen. Sie hat deinen Film gesehen, und er hat ihr sehr gut gefallen. Sie wird dich über deinen Partner sicher Löcher in den Bauch fragen, denn sie ist ganz vernarrt in Rance Wayne.”

Tippy lächelte. “Na gut”, sagte sie, “ich werde mich bemühen, ihr nicht allzu viel zu erzählen, damit sie sich ihre Illusionen bewahren kann.” Unsicher betastete sie ihr Gesicht. “Keiner wird glauben, dass ich in einem Film mitgewirkt habe, wenn man mich so sieht.”

“Wunden und Schrammen heilen, Miss Tippy”, tröstete Lieutenant Barrett sie. “Sie werden bestimmt schon sehr bald wieder ganz toll aussehen.”

“Danke”, sagte sie verlegen.

“Jetzt sollten wir aber mal verschwinden”, sagte Judd zu Barrett.

“Ich habe Ihren Wagen gar nicht gesehen”, meinte Cash.

“Weil ich ihn mit den Lebensmitteln abgesetzt habe, bevor ich zum Flughafen gefahren bin”, erklärte Judd grinsend. “Sein Wagen sollte ihn schließlich nicht verraten.”

“Die Überraschung ist euch wirklich gelungen”, gab Cash lächelnd zu. “Nochmals Danke. Sagen Sie Mrs. Garcia, dass ihre Marmeladen hier nicht lange halten werden, und die Kekse auch nicht. Ich werde sie mir schmecken lassen.”

“Wenn du schnell genug bist”, meinte Tippy spitzbübisch. “Ich mag nämlich auch Kekse und Brombeermarmelade. Meine Großmutter hat sie immer für mich gemacht, als ich noch klein war.”

“Wir gehen besser, ehe es hier zu offenen Feindseligkeiten kommt”, meinte Judd. Er zwinkerte beiden zu. “Und dass uns keine Beschwerden von den Nachbarn wegen lautstarker Auseinandersetzungen zu Ohren kommen.”

“Ich streite mich niemals”, sagte Cash todernst. “Ich habe gehört, dass man davon blind werden kann.”

Tippy musste sich den Bauch halten, damit ihre Rippen nicht zu sehr schmerzten, während ihr vor Lachen Tränen in die Augen traten.

Cash zwinkerte ihr zu und begleitete Judd und Barrett hinaus zum Wagen.

Knapp fünf Minuten später kehrte er ins Haus zurück. Er erzählte ihr nicht, was er den beiden gesagt hatte – dass Carreras ehemaliger Angestellter Drohungen ausgestoßen hatte und durchaus die Möglichkeit bestand, dass ein Auftragskiller hinter Tippy her war. Sie versprachen, das Haus im Auge zu behalten, wenn er unterwegs war. Außerdem wollte er an einigen Stellen im Haus, wo es nicht auffiel, geladene Schusswaffen deponieren. Er würde Tippy auch nicht erzählen, dass Mrs. Jewell sich nicht nur in der Krankenpflege auskannte, sondern früher als Polizistin für Spezialeinsätze im Büro des örtlichen Sheriffs tätig war. Ihr Sohn arbeitete als Polizist für Cash. Die Frau verstand fast ebenso gut mit Waffen umzugehen wie Cash, und sie fürchtete sich vor nichts und niemandem. Wenn es während seiner Abwesenheit Probleme geben sollte, war sie durchaus in der Lage, Tippy so lange zu beschützen, bis Verstärkung kam.

“Das ist wirklich nett von ihnen”, sagte Tippy, während sie den beladenen Tisch begutachtete. “Ich bin gar nicht daran gewöhnt, so viel auf einmal zu essen.”

“Du brauchst Proteine für deine Genesung”, stellte er klar. “Mach dir keine Gedanken über ein paar Pfunde zu viel. In den letzten Wochen hast du so viele verloren, dass du ruhig ein bisschen zunehmen kannst.”

Sie wandte sich zu ihm um und schaute ihn an wie ein kleines Vögelchen. “Glaubst du wirklich, dass ich zu dünn bin?”

Er holte tief Luft. “Deine Figur ist deine Sache”, antwortete er schließlich so freundlich wie möglich. “Ich habe dich hierher gebracht, um dich zu beschützen …”

Noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, klappte sie zu wie eine Auster und war meilenweit von ihm entfernt. Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. “Ich weiß”, erwiderte sie. “Ich wollte nur ein wenig Small Talk machen. Wo ist denn nun die berühmt-berüchtigte Marmelade?”

Cash sah ihr zu, wie sie Pappteller und Besteck aus der Tasche holte, die Lieutenant Barrett mitgebracht hatte, und die Deckel von den Plastikschüsseln entfernte, in denen das Essen war.

“Das sieht ja köstlich aus”, murmelte sie abwesend. Insgeheim war sie am Boden zerstört. Sie hatte sich Hoffnungen gemacht, hatte Träume von Cash gehegt, die sie um den Schlaf gebracht hatten. Aber sie musste sich damit abfinden, dass er sie nicht für immer bei sich haben wollte. Möglicherweise fand er sie ja anziehend, begehrenswert, doch das waren nur oberflächliche Gefühle. Er wollte sich zu nichts verpflichten. Im Gegensatz zu ihr.

“Das hier sieht wie Kürbis aus”, mutmaßte sie.

Cash zog eine Grimasse. “Wo ist der Abfalleimer?”

Sie musterte ihn überheblich. “Kürbis ist ein edles Gemüse. Die Indianer haben es dem weißen Mann gegeben. Deine Vorfahren waren Amerikaner. Deshalb müsstest du Kürbis eigentlich mögen.”

“Die Indianer haben es dem weißen Mann nur gegeben, weil sie es loswerden wollten”, konterte er.

Lachend nahm sie eine Kostprobe aus dem dampfenden Schmortopf und schnupperte daran. “Mmmm”, murmelte sie.

“Igitt”, rief er und tat so, als würde er sich höchst angewidert abwenden.

Schweigend füllten sie ihre Teller. Cash goss gesüßten Tee aus einem Krug in zwei mit Eiswürfeln gefüllte Gläser. Den Krug stellte er in den Eisschrank zurück.

“Schön, dass sie Tee für uns gemacht haben. Ich trinke ihn sehr gerne”, sagte er, als sie sich zum Essen auf zwei nebeneinanderstehende Stühle setzten.

“Wenn ich arbeite, darf ich keinen gesüßten Tee trinken”, sagte sie. “Wegen der Kalorien.”

“Jedes Essen hat Kalorien”, erwiderte er.

“Ja, aber Zucker hat den Nährwert von Pappe.”

“Kein Wunder, dass du so schlank bist.”

“Das liegt nicht am wenigen Essen, sondern am Stress.” Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Die Bewegung schmerzte noch immer. “Filmen ist eine anstrengende Sache. Ein Actionfilm wie meiner verlangt ungeheuren körperlichen Einsatz – von Kampfsportarten bis zu Stunts …” Kaum hatte sie das gesagt, erinnerte sie sich an ihren Sturz sowie den damit verbundenen Verlust ihres Babys und ließ ihren Satz unvollendet.

Er bemerkte ihren leeren Blick. “Lass es”, sagte er sanft. “Man löst keine Probleme, wenn man zurückschaut. Es verursacht nur neue. An der Vergangenheit kannst du sowieso nichts ändern.”

Sie schob ein wenig Kartoffelsalat auf ihre Gabel und hob sie vorsichtig an die Lippen. “Ich bin noch nie zuvor schwanger gewesen.”

“Es hätte das Ende deiner Karriere bedeutet”, entgegnete er knapp.

“Sie hätten es in die Handlung einbauen können”, erklärte sie. “Das wäre nicht sehr schwer gewesen. Joel hat einmal sogar nachträglich eine Schwangerschaft ins Drehbuch geschrieben, nachdem die Hauptdarstellerin mitten in den Dreharbeiten ihre freudige Nachricht bekannt gemacht hatte.”

Er betrachtete sie neugierig. Sie machte nicht den Eindruck einer Frau, die Arbeit und Mutterpflichten nicht miteinander verbinden konnte. So, wie sie es sagte, klang es sogar sehr überzeugend.

Sie bemerkte seinen bohrenden Blick und lachte. “Keine Bange, du hast nichts zu befürchten. Ich kann mich nicht einmal mehr an das letzte Mal erinnern, als ich versucht habe, einen Mann zu schwängern.”

Sie hatte mit ihrer Antwort gewartet, bis er einen großen Schluck Tee genommen hatte. Wie vorherzusehen, prustete er ihn sofort wieder aus.

Sie lachte, während er fluchte, reichte ihm zwei Servietten und sah ihm zu, wie er sein weißes T-Shirt trocknete. “Tut mir leid”, sagte sie. “Aber ich musste es einfach sagen. Du hast so ernst ausgesehen.”

Er betrachtete sie lange. “Ich bin nicht sauer. Aber ich werde mich rächen.”

Sie unterdrückte ein Lachen. “Das riskiere ich. Es war die Sache wert.”

Er hob die Tasse erneut an seine Lippen und lächelte verstohlen. Was immer passieren mochte, während sie bei ihm wohnte – langweilig würde es bestimmt nicht werden.