2. KAPITEL

Cash checkte zunächst in seinem Hotel ein, dann brachte er Rory zu Tippys kleinem Apartment im Lower East Village von Manhattan.

Tippy drückte auf den elektrischen Türöffner und wartete an der Wohnungstür auf Cash und Rory, während sie die Treppe zum ersten Stock hinaufstiegen. In ihren Jeans, ihrem gelben Sweater und dem rotgoldenen Haar, das in üppigen Wellen über ihre Schultern fiel, kam sie ihm ganz fremd vor. Lässig gekleidet und ohne Make-up sah sie überhaupt nicht aus wie die elegante, wunderschöne Frau, die Cash vor einem Monat anlässlich der Premiere ihres Films kennengelernt hatte.

Sichtlich nervös stand sie in der Tür und lächelte. “Kommt herein”, sagte sie rasch. “Ich hoffe, ihr seid beide hungrig. Ich habe Bœuf Stroganoff gemacht.”

Cash zog die dunklen Augenbrauen hoch. “Mein Lieblingsessen. Woher hast du das gewusst?”, sagte er, während er ihr einen schelmischen Blick aus seinen dunklen Augen zuwarf.

Sie räusperte sich.

“Es ist auch mein Lieblingsessen”, ersparte Rory ihr lachend die Antwort. “Sie macht es immer für mich, wenn ich nach Hause komme.”

Cash grinste. “Damit wäre ich nur noch Zweiter.”

Sie sah an ihm vorbei. “Kein Gepäck?”, fragte sie. “Ich habe das Gästezimmer vorbereitet.”

“Vielen Dank, aber ich habe ein Zimmer im Hilton in der Stadt gebucht”, erklärte er mit einem warmen Lächeln. “Ich bin gerne für mich.”

“Verstehe.” Sie lachte unsicher, ehe sie sich abwandte und Rory umarmte. “Schön, dass du wieder hier bist”, begrüßte sie ihn. “Ich habe gehört, dass du gute Noten bekommen hast.”

“Das stimmt”, bestätigte er.

“Und Hausarrest für eine Schlägerei”, ergänzte sie mit Nachdruck.

Er räusperte sich. “Ein Junge, der älter ist als ich, hat mich beschimpft. Das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen.”

“Wirklich?” Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn durchdringend.

Rorys Augen funkelten wütend. “Es hat mich einen Bastard genannt.”

Jetzt blitzten auch ihre grünen Augen. “Ich hoffe, du hast ihn k. o. geschlagen.”

Er grinste. “Na klar. Und jetzt sind wir Freunde.” Er warf Cash einen Blick zu, der die Unterhaltung interessiert verfolgte. “Keiner hatte sich vorher an ihn herangetraut. Alle hielten ihn für einen Schlägertypen, aber ich habe allen bewiesen, dass er gar nicht so schlimm ist.”

Cash lächelte. “Ein Punkt für dich.”

Tippy schob ihr Haar zurück. “Lasst uns essen. Ich habe nämlich keinen Lunch gehabt”, erklärte sie und führte sie in eine kleine, aber gemütliche Küche. Der Tisch war mit einem bestickten Tuch, bunt gemusterten Tellern, Schüsseln, Weingläsern und elegantem Besteck gedeckt. Sie holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und füllte zwei Kristallgläser.

“Hast du auch ein Glas für mich?”, fragte Cash. “Ich hätte auch gern Wasser.”

Sie sah ihn erstaunt an. “Ich wollte dir aber eigentlich gerade einen Whiskey anbieten …”

Seine Miene wurde abweisend. “Nein, danke. Ich trinke keine harten Sachen.”

“Oh.” Verlegen wandte sie sich ab. Alles, was sie seit seiner Ankunft gesagt oder getan hatte, war falsch gewesen. Sie kam sich wie eine Närrin vor, während sie ein weiteres Kristallglas holte und es bis zum Rand mit Wasser füllte.

Er wartete, bis sie das Essen aufgetragen hatte und setzte sich erst, nachdem sie Platz genommen hatte. Seine Höflichkeit machte sie etwas lockerer.

“Siehst du”, erklärte sie Rory. “Gute Manieren haben noch niemandem geschadet. Deine Mutter muss eine sehr liebenswürdige Frau gewesen sein”, wandte sie sich an Cash.

Cash trank einen Schluck Wasser, ehe er antwortete. “Das stimmt.” Weiter ließ er sich nicht zu diesem Thema aus.

Tippy musste schlucken. Das konnte ja heiter werden, wenn er den ganzen Abend über so wortkarg blieb. Sie erinnerte sich daran, was Christabel Gaines ihr über Cashs Eltern erzählt hatte. Sein Vater hatte Cashs Mutter für ein junges Fotomodell verlassen. Offenbar verursachte ihm die Erinnerung daran immer noch Schmerzen.

“Rory, sprich das Gebet”, sagte sie rasch, womit sie Cash überraschte.

Sie neigten den Kopf. Eine Minute später sah sie auf und warf Cash einen schelmischen Blick zu. “Es geht eben nichts über Traditionen. Zu Hause haben wir keine kennengelernt. Deshalb haben Rory und ich beschlossen, unsere eigenen Traditionen zu machen. Das ist eine davon.”

Auffordernd nickte sie ihm zu, als er sich noch eine Portion Stroganoff aus der Schüssel auf seinen Teller lud. “Und was ist mit den anderen?”

Das schüchterne Lächeln, das sie ihm zuwarf, ließ sie jünger erscheinen. Abgesehen von einem hellen Lippenstift hatte sie kein Make-up aufgelegt, und das üppige Haar fiel ihr locker über die Schultern. “Jedes Jahr kommt ein neues Schmuckstück an den Tannenbaum – und außerdem eine Gewürzgurke.”

Seine Gabel verharrte auf halbem Weg zwischen Teller und Mund. “Wie bitte?”

“Eine Gewürzgurke”, erklärte sie Cash. “Ich glaube, es ist ein polnischer Brauch, und er bedeutet Glück. Unser Großvater mütterlicherseits war ein Pole.” Er spülte einen Bissen Fleisch mit Wasser hinunter. “Woher kommt deine Familie, Cash?”

“Vom Mars, glaube ich”, erwiderte er ganz ernsthaft.

Tippy zog die Augenbrauen hoch.

“Irre”, kicherte Rory.

Cash grinste. “Die Mutter meiner Mutter stammt aus Andalusien in Spanien”, erklärte er. “Die Verwandten von meinem Vater stammen teils aus der Schweiz und teils von den Cherokees.”

“Eine tolle Kombination”, kommentierte Tippy und musterte ihn aufmerksam.

Er sah sie neugierig an. “Deine Vorfahren müssen Iren oder Schotten gewesen sein”, meinte er in Anspielung auf ihre Haarfarbe.

“Das stimmt”, erwiderte sie, wobei sie seinem Blick verlegen auswich.

“Unsere Mutter hat rote Haare”, schaltete Rory sich ein. “Tippys Haare sind auch echt, obwohl viele Leute glauben, dass sie sie färbt.”

Tippy nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und sagte nichts.

“Ich wollte meine Haare rot färben, aber mein Cousin, der früher unser Boss war, meinte, die Leute könnten sich daran stören”, seufzte Cash. “Außerdem hat er darauf bestanden, dass ich meinen Ohrring ablegte”, fügte er resigniert hinzu.

Fast hätte Tippy sich an ihrem Wasser verschluckt.

“Du hast einen Ohrring getragen?”, rief Rory hocherfreut aus.

“Nur einen einfachen goldenen Ring”, erklärte Cash. “Damals habe ich noch für die Regierung gearbeitet, und mein Chef verhielt sich politisch so korrekt, dass er eine Plakette trug, auf der er sich dafür entschuldigte, auf Bakterien zu treten und sie zu töten.” Er nickte heftig. “Die Geschichte stimmt wirklich.”

Tippy lachte laut auf. Schon ewig hatte sie sich nicht mehr so unbeschwert in Gegenwart anderer Menschen gefühlt. Es war ein weiter Weg von ihrem problematischen Kennenlernen bis zu diesem unbekümmerten Lachen gewesen.

“Sie lacht nicht oft”, meinte Rory grinsend. “Vor allem nicht bei Dreharbeiten an Originalschauplätzen. Sie hasst Fotografen, weil einer sie mal dazu überredet hat, sich im Bikini auf einen Felsen zu setzen, wo sie von einer Seeschwalbe angegriffen wurde.”

“Dieser blöde Vogel ist fünfmal im Sturzflug auf mich losgegangen”, erklärte Tippy. “Und bei der letzten Attacke hat er mir einen Teil von meinem Skalp abgerissen.”

“Erzähl ihm doch mal, was du bei dem Dreh in Italien mit den Tauben erlebt hast”, forderte Rory sie auf.

Sie schauderte. “Ich versuche noch immer, es zu vergessen. Früher mochte ich Tauben.”

“Ich mag sie auch”, grinste Cash. “Vor allem in Blätterteig und in Olivenöl gebraten …”

“Du Barbar”, rief Tippy.

“Na gut, ich esse auch Schlangen und Eidechsen. Es müssen nicht immer Tauben sein.”

Rory lag fast auf dem Boden vor Lachen. “Meine Güte, Cash, das wird bestimmt das tollste Weihnachten, das wir bisher erlebt haben.”

Tippy stimmte ihm insgeheim zu. Der Mann, der ihr gegenüber saß, hatte kaum Ähnlichkeiten mit dem aggressiven und dickköpfigen Gesetzeshüter, den sie bei ihren Dreharbeiten in Jacobsville, Texas, kennengelernt hatte. Jeder behauptete, Cash Grier sei geheimnisvoll und gefährlich. Niemand hatte gesagt, dass er einen ausgeprägten Sinn für Humor hatte.

Als Cash sah, wie verblüfft sie war, beugte er sich zu Rory und flüsterte laut: “Sie ist etwas verwirrt. In Texas haben sie ihr nämlich erzählt, dass ich militärische Geheimnisse über fliegende Untertassen in einem verschlossenen Aktenschrank aufbewahre.”

“Ich habe gehört, es waren Aliens”, murmelte Tippy ohne die Spur eines Lächelns.

“Ich bewahre keine Aliens in meinem Aktenschrank auf”, erwiderte er empört. Kurz darauf blitzten seine dunklen Augen spitzbübisch. “Die sind nämlich bei mir im Wohnzimmerschrank.”

Rory gluckste. Tippy lachte ebenfalls.

“Und ich habe geglaubt, nur Schauspieler wären verrückt”, seufzte Tippy.

Nach dem Mittagessen verkündete Cash, dass er mit ihnen in den Central Park fahren wollte. Tippy schlüpfte in einen smaragdgrünen Hosenanzug, flocht ihr Haar zu einem Zopf und legte nur einen Hauch von Make-up auf, was die feinen Züge ihres schmalen Gesichts besonders betonte.

Ihre Wohnung lag an einer ruhigen, mit Bäumen bewachsenen Straße. Das Viertel befand sich im Wandel; es hatte gerade den Wechsel von einer ziemlich gefährlichen Gegend zu einem Mittelklasse-Bezirk hinter sich gebracht. Die Verschönerungen sprangen sofort ins Auge – besonders an dem Haus, in dem Tippy wohnte. Schmiedeeiserne Geländer säumten die Steintreppe, die zu Tippys Maisonette-Wohnung führte.

Während ihrer Glanzzeit als Model hatte sie Geld wie Heu gehabt, und eine kurze Zeit lang wohnte sie in einer Seitenstraße der Park Avenue. Doch nach einer einjährigen Pause, die sie zur Erholung brauchte, hatte sie immer weniger Aufträge zum Modeln bekommen und anfangen müssen zu sparen. Damals war sie in diese Wohnung gezogen. Kurz danach begann sie in Jacobsville mit den Dreharbeiten zu dem Film, der ihre Karriere unerwarteterweise wieder in Schwung brachte. Sicher konnte sie sich inzwischen etwas Besseres leisten, aber sie hatte die Nachbarschaft und die ruhige Straße schätzen gelernt. An der Ecke war ein Buchladen und gleich daneben ein Lebensmittelgeschäft. Außerdem gab es einen gemütlichen Coffeeshop, in dem der beste Kaffee weit und breit serviert wurde. Im Frühling war es bezaubernd. Aber jetzt im Winter waren die Bäume kahl, und die Stadt wirkte kalt und grau.

Cashs roter Jaguar parkte genau vor den Stufen, die zu ihrem Haus führten. Sie war überrascht, als sie ihn sah, sagte aber nichts. Rory kletterte auf den Rücksitz und überließ Tippy den Platz neben Cash.

“Ich dachte, im Central Park sei es gefährlich”, sagte Rory, als sie nach einer kurzen Fahrt über den Gehweg spazierten. Er betrachtete die Pferdekutschen, die auf Kundschaft warteten. “Willst du dein Auto wirklich hier stehen lassen?”, fragte er, während er sich noch einmal zu dem schnittigen Wagen umsah.

Cash zuckte mit den Achseln. “Der Central Park ist viel sicherer geworden. Und jeder, der mit meiner kleinen Klapperschlange fertig wird, kann gerne eine Runde mit meinem Wagen fahren.”

“Deine was …?”, rief Tippy entsetzt und schaute unwillkürlich zu Boden.

Er grinste. “Meine Alarmanlage. Ich nenne sie so. Irgendwo im Wagen habe ich eine elektronische Diebstahlsicherung installiert. Wenn jemand versucht, ihn kurzzuschließen oder zu stehlen, hat die Polizei ihn innerhalb von zehn Minuten gefunden. Sogar in New York”, ergänzte er ein wenig hochmütig.

“Kein Wunder, dass du so sorglos bist”, meinte Rory. “Es ist wirklich ein tolles Auto”, fügte er sehnsüchtig hinzu.

Mit einer Handbewegung zu den Taxis, die in einem endlosen Strom an ihnen vorbeifuhren, meinte Tippy: “Na ja, ich kann zwar fahren, aber in dieser Stadt ist ein Auto nur ein Klotz am Bein. Wenn ich einen Job als Model hatte, blieb mir keine Zeit, nach einem Parkplatz zu suchen. Es gibt sowieso viel zu wenig davon. Taxis und Subways sind einfach schneller, wenn man es eilig hat.”

“Da hast du recht”, pflichtete er ihr bei. Unauffällig musterte er sie von Kopf bis Fuß und war fasziniert von ihrer jugendlichen Schönheit, die durch den fast vollkommenen Verzicht auf Make-up nur noch betont wurde.

“Wo drehst du denn deinen Film?”, fragte er.

“Überwiegend hier in der Stadt”, antwortete sie. “Es ist eine Komödie mit Elementen von einem Spionagedrama. In einer Szene muss ich mit einem ausländischen Agenten kämpfen und in einer anderen vor einem Scharfschützen fliehen.” Sie zog eine Grimasse. “Wir hatten kaum mit dem Drehen begonnen, da gab’s schon Weihnachtsferien. Allein vom Training mit dem Kampflehrer habe ich Schrammen und blaue Flecken am ganzen Körper. Für den Film muss ich sogar Aikido üben.”

“Eine sinnvolle Kampfsportart”, bemerkte Cash. “Die habe ich auch als erste gelernt.”

“Wie viele kennst du denn?”, wollte Rory sofort wissen.

Cash zuckte mit den Achseln. “Karate, Taekwondo, Hapkido, Kung-Fu und ein paar Disziplinen, die nicht in den Lehrbüchern stehen. Man weiß nie, wann man sie gebrauchen kann. Auf jeden Fall ist es ein guter Ausgleich zur Polizeiarbeit – jetzt, wo ich den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitze.”

“Judd hat erzählt, dass du in Houston mit dem Büro des Staatsanwalts zusammengearbeitet hast”, sagte Tippy.

Cash nickte. “Ich war Spezialist für Computerkriminalität. Aber das war keine große Herausforderung für mich. Ich habe es lieber, wenn es nicht zu routiniert und vorhersehbar zugeht.”

“Was machst du denn in Jacobsville?”, fragte Rory.

Cash lachte. “Ich laufe vor meinen Sekretärinnen weg”, antwortete er ein wenig schuldbewusst. “Kurz bevor ich deine Schwester angerufen und ihr gesagt habe, dass ich in den Ferien vorbeikomme, hat die Neue gekündigt und den Papierkorb über mich ausgeleert.” Er verzog das Gesicht und fuhr sich mit der Hand über den dunklen Schopf. “Ich habe immer noch Kaffeepulver in den Haaren.”

Tippys grüne Augen wurden groß. Sie blieb stehen und sah Cash zweifelnd an, denn sie konnte nicht glauben, dass er die Wahrheit sagte. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, wie er den Regieassistenten bei ihrem ersten Film daran gehindert hatte, zu aufdringlich zu werden, nachdem sie dem Assistenten zu verstehen gegeben hatte, dass sie nichts von ihm wissen wollte.

Rory lachte. “Echt?”

“Eigentlich war sie auch gar nicht für Polizeiarbeit geeignet”, erklärte er. “Sie konnte nicht gleichzeitig telefonieren und tippen. Deshalb hat sie auch nicht allzu viele Briefe geschrieben.”

“Warum …”, begann Tippy.

“… sie den Papierkorb über mich ausgeschüttet hat?”, beendete er die Frage für sie. “Wenn ich das wüsste. Ich habe ihr gesagt, sie soll das Schloss an meinem Aktenschrank nicht gewaltsam öffnen, aber sie wollte nicht auf mich hören. Ist es etwa meine Schuld, dass mein kleiner Python Mikey ihr aus der Schublade entgegengesprungen ist? Sie hat ihn erschreckt. Er ist sehr empfindlich.”

Jetzt blieben beide stehen und starrten ihn an.

Er seufzte. “Ist es nicht seltsam, wie schrecklich nervös manche Leute beim Anblick von Schlangen werden?”, fragte er nachdenklich.

“Du hast eine Schlange, die Mikey heißt?”, rief Tippy.

“Cag Hart hatte einen Albino-Python, den er nach seiner Hochzeit einem Züchter gegeben hat. Das Weibchen hatte dann einen Wurf von diesen niedlichen kleinen Dingern, und ich habe um einen gebeten. An dem Tag, als er mir Mikey gegeben hat, hatte ich keine Zeit, ihn nach Hause zu bringen. Deshalb habe ich ihn vorübergehend in einem Plastikbehälter im Aktenschrank aufbewahrt – mit etwas Wasser und einem Ast darin. Es war auch alles in Ordnung, bis meine Sekretärin das Schloss aufgebrochen hat. Dummerweise war Mikey aus dem Behälter gekrochen und hatte es sich auf den Akten bequem gemacht.”

“Und was ist dann passiert?”, fragte Rory gespannt.

Sein Blick wurde finster. “Sie hat das arme Tier fast zu Tode erschreckt”, knurrte er. “Ich bin sicher, dass er für den Rest seines Lebens psychisch gestört …”

“Und dann?”, unterbrach Rory ihn.

Er zog seine dunklen Augenbrauen hoch. “Du meinst, nachdem sie wie am Spieß geschrien und die Handschellen nach mir geworfen hat?”

Tippy schlug die Hand vor den Mund und blinzelte ungläubig mit ihren grünen Augen.

“Nun, danach hat sie den Papierkorb über meinem Kopf ausgeleert. Aber es war die Sache wert. Sie hatte kurze Stoppelhaare, schwarzen Lippenstift und schwarzen Nagellack, trug silberne Ringe als Bodypiercings am ganzen Körper – jedenfalls soweit ich das sehen konnte. Aber ich denke, Mikey wird über das Erlebnis hinwegkommen. Jetzt wohnt er bei mir zu Hause.”

Vor lauter Lachen bekam Tippy kein Wort heraus.

Rory schüttelte den Kopf. “Ich hätte auch fast mal eine Schlange gehabt.”

“Und warum nur fast?”, fragte Cash.

“Sie hat mir nicht erlaubt, sie aus der Zoohandlung mitzunehmen.” Vorwurfsvoll deutete er auf seine Schwester.

“Sie mag wohl keine Schlangen, was?”, sagte er gedehnt und warf Tippy einen schalkhaften Blick zu.

“Es lag nicht daran, dass ich Angst vor ihr hatte. Sondern weil er sie nicht mit in die Schule nehmen konnte und ich zu selten zu Hause bin, um mich um ein Tier zu kümmern. Aber wenn du wirklich eine Sekretärin brauchst, lasse ich mir ein Nasenpiercing machen und meine Haare abrasieren, sobald der Film abgedreht ist”, neckte sie ihn.

Cashs weiße Zähne blitzten, als er sie anlachte. “Ich weiß nicht recht. Kannst du denn tippen und gleichzeitig Kaugummi kauen?”

“Sie kann kein einziges Wort tippen. Und sie hat Angst vor Schlangen”, fiel Rory ihm begeistert ins Wort.

“Halt den Mund.” Tippy warf ihrem Bruder einen strafenden Blick zu. “Und lass dich bloß nicht von ihm anstecken”, warnte sie ihn. “Sonst erzähle ich ihm nämlich etwas über deine schwachen Stellen.”

Abwehrend hob Rory die Hände. “Entschuldige bitte. Tut mir leid. Ehrlich.”

Sie zog einen Schmollmund. “Na gut.”

“Sieh mal. Da ist wieder der Mann mit dem Dudelsack. Gib mir einen Zwanziger, ja?”, rief Rory und deutete mit dem Kopf auf einen Mann im Kilt, der mit einem Dudelsack vor einem Hotel in der Nähe des Parks stand. Er spielte gerade “Amazing Grace”.

Tippy zog einen großen Schein aus ihrer Umhängetasche und gab ihn Rory. “Bitte sehr. Wir warten hier auf dich”, sagte sie mit einem nachsichtigen Lächeln.

Cash beobachtete ihn, während er zu dem Dudelsackspieler lief. “Er spielt gar nicht schlecht”, meinte er.

“Rory wünscht sich einen Dudelsack, aber ich bezweifle, dass der Kommandant ihn in seinem Zimmer üben lässt.”

“Wahrscheinlich nicht.” Cash lächelte wehmütig, während er der klagenden Melodie lauschte. “Ist er öfter hier?”, fragte er sie.

“Wir sehen ihn andauernd in der Gegend”, antwortete Tippy langsam. “Er gehört zu den netteren Leuten, denen man auf der Straße begegnet. Natürlich ist er obdachlos. Wenn ich etwas Geld übrig habe, stecke ich ihm einen Schein zu, damit er sich eine Decke oder einen heißen Kaffee kaufen kann. Viele meiner Nachbarn geben ihm regelmäßig etwas. Er hat Talent, findest du nicht?”

“Oh ja. Weißt du mehr über ihn?” Ihr Mitgefühl für einen Fremden beeindruckte ihn.

“Nicht viel. Man sagt, seine ganze Familie sei umgekommen, aber niemand weiß, wann und unter welchen Umständen. Er redet nicht viel mit den Leuten”, murmelte sie, während sie zusah, wie Rory ihm den Geldschein gab. Der Dudelsackpfeifer hielt einen kurzen Moment inne und bedankte sich mit einem flüchtigen Lächeln. “In New York wimmelt es von Obdachlosen. Die meisten haben irgendein Talent oder finden sonst eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen. Sie schlafen in ihren Pappkartons und durchwühlen Müllcontainer, um etwas Brauchbares zu finden.” Sie schüttelte den Kopf. “Und da heißt es immer, wir seien das reichste Land der Welt.”

“Du wärst erstaunt, wenn du sehen könntest, wie die Menschen in der Dritten Welt leben”, erwiderte er.

Sie sah zu ihm auf. “Ich hatte mal einen Fototermin auf Jamaika in der Nähe von Montego Bay”, erzählte sie. “Da gab es ein Fünf-Sterne-Hotel auf einem Hügel mit Papageien in Käfigen, einem riesigen Swimmingpool und allen Annehmlichkeiten, die du dir nur denken kannst. Am Fuße des Hügels, nur ein paar hundert Meter weit entfernt, war ein Dorf aus Wellblechhütten, die im Schlamm standen und in denen tatsächlich Menschen wohnten.”

Seine dunklen Augen verengten sich, und er nickte bedächtig. “Ich war mal im Nahen Osten. Da wohnen auch viele Leute in Lehmhäusern ohne Strom, fließendes Wasser, ohne Bad, Toilette oder Küche. Sie nähen sich ihre Kleider selbst und fahren mit Wagen, die von Eseln gezogen werden. Wenn sie sehen könnten, wie wir hier leben, wären sie wahrscheinlich zutiefst schockiert.”

Sie holte tief Luft. “Das ist ja unvorstellbar.”

Er ließ seinen Blick über die Straße schweifen. “Wo ich auch hinkam, wurde ich freundlich empfangen. Die ärmsten Familien bestanden darauf, das Wenige, das sie hatten, mit mir zu teilen. Die meisten sind sehr nette Menschen. Ausgesprochen freundlich.” Er warf ihr einen Blick zu. “Aber man sollte sie sich besser nicht zu Feinden machen.”

Tippy betrachtete die Narben auf seinem langen, markanten Gesicht. “Rorys Kommandant hat erzählt, dass sie dich gefoltert haben”, sagte sie leise.

Er nickte und sah sie mit seinen dunklen Augen unverwandt an. “Ich rede nicht gern darüber. Manchmal habe ich noch immer Albträume – nach all den Jahren.”

Aufmerksam betrachtete sie ihn. “Ich habe auch Albträume”, sagte sie geistesabwesend.

In ihren Augen versuchte er das Geheimnis zu ergründen, das sie verbarg. “Du hast lange Zeit mit einem älteren Schauspieler zusammengelebt, der dafür bekannt war, der zügelloseste Mann von ganz Hollywood zu sein”, sagte er plötzlich ganz unverblümt.

Sie schaute zu Rory hinüber, der auf einer Bank saß und dem Dudelsackpfeifer lauschte. Sie schlang die Arme um ihren Körper und sah zu Boden.

Cash stellte sich dicht vor sie, und sie schien seltsamerweise nichts dagegen zu haben. Schließlich erwiderte sie seinen Blick, der so intensiv war, dass ihr beinahe der Atem stockte.

“Erzähl’s mir”, sagte er leise.

Seine sanfte Stimme war unwiderstehlich. Sie holte tief Luft und begann. “Ich bin von zu Hause fortgelaufen, als ich zwölf war. Sie wollten mich in ein Waisenhaus stecken, und ich hatte Angst, dass meine Mutter mich wieder herausholen würde, um sich dafür zu rächen, dass ich die Polizei gerufen hatte, nachdem er mich …” Sie zögerte.

“Ja?”, drängte er sie sanft.

“Nachdem er mich mehrfach vergewaltigt hatte”, fuhr sie fort, wobei sie seinem Blick auswich. “Um nichts in der Welt wäre ich zu ihr zurückgegangen. Deshalb bin ich in Atlanta auf die Straße gegangen, weil ich keine andere Möglichkeit hatte, mir Geld fürs Essen zu verdienen.” Ihre Gesichtszüge wurden hart, als sie sich daran erinnerte. Cashs Miene war versteinert. Er hatte mit so etwas gerechnet, nach all den Informationen, die er über sie erhalten und wie Puzzlesteine zusammengefügt hatte.

Ruhig fuhr sie fort: “Der erste Mann sah recht gut aus und war ziemlich draufgängerisch. Er wollte mich mit nach Hause nehmen.” Sie schloss die Augen. “Ich hatte Hunger und ich fror, und ich hatte eine Todesangst. Ich wollte nicht mit ihm gehen. Aber er hatte so freundliche Augen …” Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter.

“Er hat mich mit in sein Hotel mitgenommen. Er hatte eine riesige Suite, luxuriös, wie für einen König. Er lachte, als wir hineingingen, weil ich so ängstlich war. Er versprach, mir nicht wehzutun, sondern dass er mir nur helfen wollte. Ich war so nervös, dass ich mir ein Glas Wasser über mein T-Shirt goss.” Sie lächelte. “Seinen schockierten Gesichtsausdruck werde ich im Leben nicht vergessen. Ich hatte kurze Haare und sah alles andere als verführerisch aus, selbst damals nicht, aber das nasse T-Shirt …” Sie schaute Cash an, der aufmerksam zuhörte. “Natürlich war er nicht auf diese Weise an mir interessiert …”

Hörbar stieß Cash den Atem aus. “Cullen Cannon, der weltberühmte Liebhaber, war schwul?”

Sie nickte. “Ja. Aber dank vieler Freundinnen konnte er das gut vertuschen. Er war ein lieber und sehr freundlicher Mann”, erinnerte sie sich sehnsüchtig. “Ich wollte wieder gehen, aber davon wollte er nichts hören. Er erzählte mir, dass er einsam sei. Seine Familie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er hatte niemanden. Also bin ich geblieben. Er kaufte mir Kleider, hat mich wieder in die Schule geschickt, hat mich vor meiner eigenen Vergangenheit beschützt, damit meine Mutter mich nicht finden konnte.”

Ein Schleier legte sich über ihre Augen, als sie fortfuhr: “Ich habe ihn geliebt”, flüsterte sie. “Ich hätte ihm alles gegeben. Aber alles, was er wollte, war, für mich zu sorgen.” Sie lachte. “Später, als er mich in der Model-Schule in New York anmeldete, hat es ihm wohl gefallen, der Welt zu zeigen, dass er mit einer hübschen jungen Frau zusammenlebte. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bin ich bis zu seinem Tod bei ihm geblieben.”

“In den Zeitungen stand, es war ein Herzanfall.”

Sie schüttelte den Kopf. “Er hatte Aids. Zum Schluss sind seine Kinder doch noch zu ihm gekommen und haben sich mit ihm versöhnt. Zuerst konnten sie mich nicht leiden, weil sie glaubten, ich hätte es auf sein Geld abgesehen. Aber ich glaube, schließlich haben sie doch gemerkt, dass ich verrückt nach ihm war.” Sie lächelte. “Sie wollten, dass ich nach seinem Tod seine Wohnung behielt und mir von ihrem Erbe ein Treuhandkonto einrichten. Ich habe es abgelehnt. Ich habe ihn in seinem letzten Jahr gepflegt.”

“Deshalb also hast du ein Jahr lang nicht als Model gearbeitet, ehe sie dir den ersten Filmvertrag angeboten haben. Es hieß, du hättest einen Unfall gehabt, von dem du dich erholen müsstest”, erinnerte Cash sich.

Es schmeichelte ihr, dass er all das noch wusste, obwohl sie in Jacobsville buchstäblich Luft für ihn gewesen war. “Das stimmt”, bestätigte sie. “Er wollte nicht, dass jemand wusste, wie es um ihn stand. Selbst damals nicht.”

“Armer Kerl.”

“Er war der netteste Mensch, den ich jemals gekannt habe”, sagte sie traurig. “Ich stelle immer noch Blumen auf sein Grab. Er hat mich gerettet.”

“Und was ist mit dem Mann, der dich vergewaltigt hat?”, fragte er geradeheraus.

Sie schaute zu Rory hinüber, der sich mit dem Dudelsackpfeifer unterhielt. Ihr Gesichtsausdruck war gequält. “Meine Mutter hat behauptet, es sei Rorys Vater gewesen.” Es fiel ihr sichtlich schwer zu sprechen.

Hörbar sog er die Luft ein. “Und du liebst Rory.”

Sie sah ihn an. “Von ganzem Herzen”, sagte sie. “Meine Mutter ist immer noch mit Sam Stanton, Rorys Vater, zusammen. Mal geht’s gut, mal weniger gut. Sie sind beide drogensüchtig. Sam und meine Mutter streiten andauernd. Manchmal schlägt er sie, und dann ruft sie die Polizei. Aber er kommt immer wieder zu ihr zurück.”

“Wieso kümmerst du dich eigentlich so liebevoll um Rory?”, wollte er wissen.

“Der Polizist, der mich in der letzten Nacht, in der ich zu Hause war, gerettet hat – in der Nacht, als Sam mich vergewaltigte – hat mich angerufen, als Rory vier Jahre alt war. Damals lebte ich noch mit Cullen zusammen. Er hatte viel Geld und viele Verbindungen. Cullen ist mit mir ins Krankenhaus zu Rory gegangen, nachdem sein Vater ihn brutal geschlagen hatte. Meine Mutter war ganz vernarrt in Cullen”, sagte sie kalt. “Deshalb hat sie Rory, als er entlassen wurde, in das Hotel gebracht, in dem wir wohnten. Sie wollte Geld. Cullen hat ihr angeboten, das Kind zu kaufen. Und sie hat ihn uns verkauft”, sagte sie tonlos. “Für fünfzigtausend Dollar.”

“Mein Gott”, sagte er entsetzt. “Und ich habe geglaubt, mich könnte nichts mehr schockieren.”

“Seitdem lebt Rory mit mir zusammen”, fuhr sie fort. “Er ist für mich wie mein eigenes Kind.”

“Du bist nie schwanger gewesen …?”

Sie schüttelte den Kopf. “Ich bin ein Spätzünder. Sogar meine Periode habe ich erst mit fünfzehn bekommen. Ich bin ein Glückspilz, was?” Sie strich sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. “Ein echter Glückspilz.”

“Und jetzt will deine Mutter Rory zurückhaben.”

“Sie ist schon seit Jahren knapp bei Kasse. Um ihren Drogenkonsum zu finanzieren, muss sie in einem Supermarkt arbeiten, und das gefällt ihr überhaupt nicht. Sam arbeitet nur, wenn er Lust dazu hat, und ich glaube auch nicht, dass das, was er tut, legal ist. Mein Anwalt hat meiner Mutter im vergangenen Jahr Geld gegeben, als sie drohte, den Klatschblättern zu erzählen, ich würde sie grausam behandeln”, erzählte sie verächtlich. “Reicher Filmstar fährt in Stretchlimousinen durch die Gegend und lässt Mutter in Armut leben.” Ihr Lächeln war zynisch. “Kannst du dir das vorstellen?”

“Oh ja, sehr gut”, antwortete er grimmig.

“Jetzt hat sie also beschlossen, dass sie Rory zurückhaben will. Sie hat seinen Vater zur Kadettenschule geschickt, und er hat versucht, ihn dort herauszuholen. Rory hat dem Kommandanten erzählt, was sein Vater ihm – und mir – angetan hatte, und daraufhin hat der Kommandant die Polizei gerufen. Dieser Mistkerl ist getürmt, ehe sie eintrafen.”

“Ein Punkt für den Kommandanten.”

“Aber die Gefahr, dass er entführt wird, besteht immer noch. Ich würde jede Summe zahlen, um Rory zurückzubekommen, und das wissen sie. In letzter Zeit schlafe ich überhaupt nicht mehr gut”, setzte sie hinzu. “Rorys Vater hat einen Cousin, der in der Nähe wohnt – es ist eine wirklich üble Gegend. Die beiden stecken oft zusammen, und dieser Cousin hat seine Finger in einer Menge illegaler Geschäfte.”

Cashs Gedanken überschlugen sich. “Wie ist denn das Verhältnis zwischen Rory und seinen Eltern?”

“Er hasst meine Mutter”, erwiderte sie. “Und er hat keine Ahnung, dass Sam sein leiblicher Vater ist.”

“Du hast es ihm nicht erzählt?”, forschte er.

“Ich habe es nicht übers Herz bringen können”, erklärte sie. “Sam hat ihn wirklich brutal verprügelt. Der Therapeut meint, dass ihn dieses Erlebnis sein Leben lang verfolgen wird.”

“Und was ist mit dir?”

“Mich haben die Ereignisse hart gemacht – mal abgesehen von einigen Rückfällen. Aber ich bin schon ziemlich zäh”, sagte sie leise.

Er steckte die Hände in die Taschen und musterte sie mit einem forschenden Blick. Hinter ihnen rauschte der Straßenverkehr New Yorks vorbei. “Ich will ehrlich sein. Ich halte nicht viel von Bindungen. Ich verspreche nichts. Solange ich hier bin, möchte ich mit dir zusammen sein. Punkt.”

“Du redest nicht lange um den heißen Brei herum, nicht wahr?”

Er nickte.

Sie schaute in seine dunklen Augen. “Ich finde dich nicht unsympathisch”, gestand sie freimütig. “Das ist eine neue Erfahrung für mich. Aber ich habe mir ein paar ziemliche Narben geholt. Wenn ich mit Männern zusammen bin, kann ich durchaus den Vamp spielen. Aber das ist nur eine Finte. Ich habe nämlich noch nie einvernehmlichen Sex mit einem Mann gehabt.”

Er stieß einen leisen Pfiff aus. “Das spricht nicht gerade für die Männer.”

Sie nickte.

“Also bleibt’s am besten beim unverbindlichen Händchenhalten”, lächelte er.

Sie lachte. “So habe ich das noch gar nicht gesehen.”

“Wir lassen’s langsam angehen”, sagte er, als er Rory unvermittelt zurückkommen sah. “Du warst aber ganz schön lange weg”, meinte er, als der Junge lachend neben ihnen stehen blieb.

“Er wollte alles über die Kadettenschule wissen. Stellt euch mal vor, er war Soldat in Vietnam.” Rory zog eine Grimasse. “Echt krass, dass es so mit ihm endet.”

Mit einem sorgenvollen Blick musterte Cash den Mann, der ihnen zuwinkte, ehe er wieder zu seinem Dudelsack griff. Cash winkte zurück. “Viel zu viele Kriegsveteranen enden auf diese Weise”, meinte er bedrückt.

“Du aber nicht”, sagte Rory stolz.

Cash lächelte ihm zu und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. “Nein. Ich nicht. Wie wär’s, wenn wir jetzt zur Freiheitsstatue fahren? Wir können zwar nicht hinein, weil sie noch geschlossen ist, aber wir können sie uns zumindest ansehen. Habt ihr Lust?”

“Nichts wie hin”, rief Rory ausgelassen.

Cash griff nach Tippys schmaler Hand und umschloss ihre Finger. Sie waren kalt und zitterten ein wenig. Plötzlich war es, als würden elektrische Funken zwischen ihnen hin und herfliegen. Tippy hielt den Atem an. Fasziniert schaute sie ihn aus großen Augen an, während sie das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es war wie ein Zauber.

Er schaute ihr in die Augen. “Seite eins, Lektion eins: Händchen halten”, flüsterte er, als Rory vor einem Schaufenster stehen blieb.

Sie lachte atemlos. Es klang, als ob tausend kleine Glocken läuteten.