10
»Harger ist der Mann, der im Zeugenstand gelogen hat?«, fragte Ashley und warf Harger einen giftigen Blick zu. »Warum? Was hat er sich davon erhofft, einen unschuldigen Mann ins Gefängnis zu bringen?«
»Das kann ich beantworten«, stieß Harger wütend hervor. »Ihr Bruder und seine Schnüffler waren mir dicht auf den Fersen. Ich hatte ein florierendes Geschäft aufgezogen, indem ich Waffen aus Armeebestand klaute und sie bei den Roten gegen erstklassige Pelze und Büffelfelle eintauschte. Der Verkauf der Pelze und Felle im Osten brachte mir ein hübsches Sümmchen ein. Sergeants verdienen heutzutage nicht viel bei der Armee. Dann bekamen Leutnant Webster und Captain Kimball Wind von meiner kleinen Operation und begannen mit einer Ermittlung. Ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste, um den Druck von mir zu nehmen.«
»So haben Sie Kimball umgebracht«, warf Cole ihm hitzig vor, »und alles darangesetzt, mir den Mord anzuhängen.«
»Es war ein hervorragender Plan«, sagte Harger höhnisch. »Besonders weil Sie sich mit Kimball vor dem Kasernengebäude heftig gestritten haben.«
»Was Sie als Streit bezeichnen, war einfach eine Diskussion. Wir versuchten, zu entscheiden, ob wir Anklage gegen Sie erheben sollten oder nicht. Ich wollte es sofort tun, doch Kimball sagte, wir hätten keine handfesten Beweise gegen Sie. Er wollte Sie beim Klauen der Waffen auf frischer Tat ertappen.«
»Für viele Leute, die euch sahen, sah es nach einen Streit aus. Natürlich haben meine Andeutungen, dass Sie neidisch wegen Kimballs kürzlicher Beförderung waren, mir nicht geschadet.«
»Ebenso wenig wie das Verstecken gestohlener Waffen in meinem Quartier.«
»Aber wieso hat man einem verlogenen Kerl wie Harger geglaubt statt einem angesehenen Offizier wie dir?«, fragte Ashley verwundert.
»Brent Kimball war tot, und sie brauchten einen Sündenbock«, erklärte Cole. »Sie hatten bereits den Verdacht gehabt, dass Waffen aus dem Fort geschmuggelt worden waren, und Hargers Beschuldigungen machten Sinn. Besonders, als bei einer Durchsuchung geschmuggelte Waffen in meinem Quartier gefunden wurden.«
»Hast du ihnen denn nicht erzählt, was passiert ist?«, wollte Ashley wissen.
»Selbst mir war klar, dass dies eine schwache Verteidigung war. Kimball und ich hatten unseren Verdacht offiziell noch nicht gemeldet, und jetzt war es zu spät. Washington verlangte wütend eine schnelle Verurteilung, und so dürftig das Beweismaterial auch war, es war zur Hand. Der Rest ist Geschichte.«
»Wie sind Sie aus dem Gefängnis herausgekommen, Webster?«, fragte Harger. »Ich bin kurz nach dem Prozess aus der Armee ausgetreten. Die Dinge wurden zu heiß für mich, um sie aus dem Fort heraus zu betreiben. Ich habe jetzt eine bessere Operationsbasis. Ich habe reguläre Lieferanten aus dem Osten, die Waffen zu mir transportieren. Einige der Gewehre sind alt und taugen nicht mehr viel, aber diese blöden Rothäute sind eine leichtgläubige Horde.«
»Cole, alles in Ordnung?« Morgennebel brach durch das Unterholz und verharrt abrupt, als sie Cole und Ashley sah. Sie schaute von ihnen zu Harger, dessen Hände gefesselt waren.
»Morgennebel, ich habe dir gesagt, du sollt bleiben, wo es sicher ist.«
»Ich habe mir Sorgen um dich gemacht«, sagte Morgennebel. »Du bist so lange fort gewesen.«
»He, wenn das nicht Rasender Elchs kleine Schwester ist.«
Morgennebel starrte Harger an. »Das ist unser Händler. Warum sind seine Hände gefesselt? Was hat er getan?« Ihre Augen weiteten sich in plötzlichem Verstehen, als sie Ashleys aufgelöste Verfassung bemerkte. Ashleys Kleid war an der rechten Schulter aufgerissen, und der Saum war bis zum Oberschenkel eingerissen. Morgennebel brauchte nur einen Moment, um zu erkennen, das an diesem Platz etwas Schlimmes geschehen war. »Hat der Händler dir etwas angetan, Flamme?«
»Ashley hat gesagt, der Händler traf ein, während wir vom Dorf weg waren«, erklärte ihr Cole. »Der Dreckskerl ist meiner Schwester vom Dorf aus gefolgt und wollte sie hier vergewaltigen. Ich traf gerade noch rechtzeitig ein.«
Morgennebel schrie vor Mitleid auf und eilte sofort zu ihrer neuen Schwägerin. »Bist du verletzt?«
»Der Händler hat es nicht geschafft, mir Gewalt anzutun, Morgennebel.«
»Ich werde Rasender Elch erzählen, was er versucht hat.«
Harger lachte hart. »Dein Bruder braucht, was ich ihm bringe. Zähle nicht darauf, dass er irgendetwas tun wird, was unseren Geschäften schaden könnte.«
»Vergiss Rasender Elch!«, blaffte Cole. Und zu Morgennebel gewandt: »Dies ist der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass ich ins Gefängnis gekommen bin, Morgennebel. Ich habe vor, ihn nach Fort Bridger zu bringen und zu zwingen, das Verbrechen zu gestehen, dessen man mich angeklagt hat. Er hat kaltblütig einen Mann ermordet.«
»Ich gehe nirgendwo mit dir hin, Webster. Ich gebe zu, dass es ein ziemlicher Schock ist, dich in diesem Dorf anzutreffen, aber ich weiß aus Erfahrung, dass der Häuptling tun wird, was das Beste für sein Volk ist.«
»Schattenmann ist mein Ehemann«, sagte Morgennebel mit einer Spur von Stolz.
»Tja, so ein falscher Fuffziger kann überall auftauchen. Ich nehme an, dass du als Verurteilter herumläufst. Wie bist du überhaupt aus dem Knast ausgebrochen?«
»Ich schulde dir keine Erklärung, Harger. Ich bringe dich zum Dorf zurück und dann nach Fort Bridger. Dreh dich um und geh!«
Scheinbar gelassen schritt Harger durch den Wald zum Dorf. Cole folgte dichtauf und hielt Harger das Messer ins Kreuz. Ashley und Morgennebel gingen dahinter. Im Dorf fesselte Cole Harger an den Pfosten in der Mitte des Lagers, während Morgennebel Traumdeuter und dem Rat erklärte, was der Händler getan hatte, um eine solche Behandlung zu verdienen.
Während des ziemlich langen Gesprächs kehrte Tanner mit dem Jagdtrupp ins Dorf zurück. Er bemerkte die Menschentraube in der Mitte des Dorfes, und Furcht stieg in ihm auf. War Rasender Elch zurückgekehrt? War Ashley etwas zugestoßen? Dann sah er Cole, und seine Sorge legte sich etwas. Er bahnte sich schnell einen Weg durch die Versammelten zu Ashley und musterte sie prüfend, als er sah, dass Harger an den Pfosten gebunden war und Morgennebel ein ziemlich hitziges Gespräch mit Traunideuter führte.
»Was ist passiert? Was hat Harger getan? Ich kann den Mann nicht ausstehen, aber ich dachte, er genießt Rasender Elchs Wertschätzung. Ist der Häuptling von seiner Suche nach einer Vision zurückgekehrt?«
Bevor Ashley eine Antwort geben konnte, schaltete sich Cole ein. »Wo bist du gewesen, als deine Frau dich brauchte, MacTavish? Wenn ich nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre, hätte Harger meine Schwester vergewaltigt. Menschenskind, Tanner, hast du dich nicht erinnert, dass der Mann, der mir den Mord angehängt hat, Harger heißt: Ich habe es dir doch gesagt! Es hätte dir klar sein müssen, wer der Kerl ist, als er hier eingetroffen ist und du seinen Namen erfahren hast.«
Tanner war wie betäubt. Er wandte sich Ashley zu und bemerkte erst jetzt den Zustand ihrer Kleidung. Er ballte die Hände zu Fäusten und musste sich beherrschen, um sich nicht auf Harger zu stürzen. Aber zuerst musste er herausfinden, wie schlimm Ashley verletzt war. »Was hat er dir angetan, Yankee?«, fragte er, und seine Stimme klang kalt und drohend.
»Zum Glück nichts«, erwiderte Ashley und erschauerte in der Erinnerung. Es war nahe dran gewesen. Zu nahe.
Tanner erkannte an Ashleys Reaktion, dass sie immer noch erschüttert war, und das trug nicht dazu bei, sein Gewissen zu beruhigen. Er hätte bei ihr sein müssen, besonders weil klar gewesen war, dass Harger scharf auf sie gewesen war. »Es tut mir Leid.«
»Du hast es nicht wissen können. Wenn jemand Schuld hat, dann ich. Ich hätte nicht allein auf die Suche nach wilden Zwiebeln gehen sollen. Harger ist mir gefolgt. Gott sei Dank bin ich in Richtung von Coles und Morgennebels Flitterwochen-Tipi gewandert. Sie hörten meine Schreie, und Cole rettete mich.«
Tanner machte einen drohenden Schritt auf Harger zu. »Ich sollte dich umlegen. Aber ich weiß, dass Cole dich zum Fort bringen will, und so beherrsche ich mich. Gott weiß, dass du für das, was du Cole und Ashley angetan hast, den Tod verdient hast.«
»Rasender Elch wird da ein Wörtchen mitsprechen«, behauptete Harger. »Er braucht mich. Er wird nicht zulassen, das mich ein Weißer ins Gefängnis bringt.«
»Traumdeuter und der Rat haben zugestimmt, dass der Händler bis zur Rückkehr von Rasender Elch ein Gefangener bleibt«, sagte Morgennebel, als sie an Coles Seite zurückkehrte. Sie sagte nicht, dass Rasender Elch den Händler sehr schätzte, weil er ihm Waffen und Munition verkaufte, und ihn vermutlich nicht an Cole ausliefern würde.
»Meinst du, er lässt mich Harger zum Fort bringen, wenn ich ihm erzähle, was der verlogene Hundesohn mir angetan hat?«
»Wir werden nicht auf die Entscheidung des Häuptlings warten«, sagte Tanner ruhig. »Ich beschäftige mich bereits einige Zeit mit dem Gedanken an Flucht. Es ist vermutlich das Beste, vor Rasender Elchs Rückkehr abzuhauen. Indianer halten sich nicht an die Gesetze des Weißen Mannes.«
Cole warf Morgennebel einen Blick zu, der deutlicher war als alle Worte. All seine Gefühle lagen in diesem Blick. Seine grünen Augen drückten aus, wie sehr es ihm widerstrebte, sie zu verlassen. Sie sagten, dass er sie liebte, dass er aber fortgehen musste, um seinen Namen reinzuwaschen. Es brach Morgennebel fast das Herz, doch sie verstand seine stumme Bitte und nickte. Sie hatte gewusst, dass sie Cole eines Tages verlieren würde, jedoch gehofft, dass es nicht so bald sein würde. Sie fragte sich, was sie getan hatte, um die Götter zu verärgern. Warum nahmen sie ihr Cole so schnell fort, nachdem sie ihn gefunden hatte?
An diesem Abend teilten Cole und Morgennebel mit Tanner und Ashley die Mahlzeit. Sie saßen im Tipi und aßen und unterhielten sich flüsternd, ungestört von lauschenden Wachtposten, die draußen postiert waren.
»Wann hauen wir ab?«, fragte Cole, begierig darauf, Tanners Plan für eine nächtliche Flucht durchzuführen. »Wie lautet dein Plan?«
»Wird Morgennebel uns begleiten?«, wollte Ashley wissen.
Die Indianerin schüttelte traurig den Kopf. »Ich gehöre hierhin. Mein Herz geht mit Cole, aber ich muss bei meinem Volk bleiben. Ich werde euch nicht verraten, aber ihr müsst bald gehen, bevor mein Bruder zurückkehrt.«
»Morgen Nacht«, sagte Tanner ohne Zögern. »Es wird nicht leicht sein, Harger aus dem Lager herauszuschleppen. Das überlasse ich dir, Cole. Ich kümmere mich um unsere beiden Wächter. Wir treffen uns kurz nach Mitternacht beim Pferch, wenn alle im Camp höchstwahrscheinlich schlafen. Morgennebel und Ashley können zwei Pferde für uns aussuchen. Wenn Morgennebel sich entscheidet, uns zu begleiten, werden wir sie gern mitnehmen.«
Morgennebel lächelte unter Tränen. »Ich kann nicht mitkommen.« Sie erhob sich ernst und ergriff Coles Hand. »Komm, Mann; wir haben noch heute Nacht.«
»Es tut mir Leid für Cole und Morgennebel«, sagte Ashley, nachdem sich die beiden auf den Weg zu ihrem Tipi gemacht hatten. »Ich glaube, Cole liebt Morgennebel wirklich, und es ist offenkundig, dass sie ihn liebt. Es ist nicht fair, Tanner. Sie sollten die Freiheit haben, sich zu lieben.«
Sie sollten die Freiheit haben, sich zu lieben, dachte Tanner, als Ashleys Worte verklangen. Wenn das nur wahr wäre. Er würde niemals die Freiheit haben, zu lieben. Was mit Ellen geschehen war, hatte es ihm versagt, wieder zu lieben. Die Dinge, an die er geglaubt hatte, für die er gekämpft hatte, hatten letztendlich diejenigen zerstört, die er am meisten geliebt hatte. Wenn er es nur rechtzeitig erkannt hätte, dann hätte er versuchen können, Ellen vor sich selbst zu schützen, aber er hatte nicht gewusst, dass ihre seelische Verfassung so instabil gewesen war.
»Tanner, ist etwas nicht in Ordnung? Du bist so still.«
Tanner erschrak heftig beim Klang von Ashleys Stimme. »Ich habe nur nachgedacht.«
»Über morgen Nacht?«
»Unter anderem. Was hast du vor, wenn die Flucht gelingt? Ich habe allmählich den Verdacht, dass Cole zu Morgennebel zurückehren wird, wenn er rehabilitiert ist. Was wird dann aus dir?«
»Mit oder ohne Cole, ich fahre nach Oregon City«, sagte Ashley ohne Zögern. »Ich bin Lehrerin. Mein Beruf wird mir immer ein angemessenes Einkommen sichern. Außerdem habe ich etwas Geld vom Verkauf des Hauses meiner Tante übrig und zudem meine Erbschaft. Für meinen Lebensunterhalt ist also bestens gesorgt.« Sie blickte Tanner forschend an. »Du kannst die Ehe in der nächsten Stadt annullieren lassen. Vielleicht in Denver. Ich werde dir nicht im Wege stehen.«
»Hast du bedacht, dass wir gesetzmäßig keinen Grund mehr für eine Annullierung haben? Wir haben bereits miteinander geschlafen, und zwar mehrmals. Oder hast du das vergessen?«
Ashley schoss das Blut in die Wangen, und sie blickte fort. Wie konnte sie etwas vergessen, das ihr so viel Glückseligkeit gebracht hatte? »Ich habe es nicht vergessen. Wenn das für dich ein Problem ist, sollte eine Scheidung auch reichen. Das willst du doch, oder?« Sie hielt den Atem an und stieß in langsam wieder aus, als er keine Antwort gab.
Tanner starrte in die letzte Glut des Feuers und grübelte über Ashleys Worte nach, als ihm ein ungebetener Gedanke kam, der ihn entsetzte. »Und wenn wir ein Kind gezeugt haben? Ich wollte nie, dass es geschieht, aber wir können die Möglichkeit nicht einfach ignorieren.«
»Es ist nicht nötig, sich in dieser Hinsicht Sorgen zu machen«, sagte Ashley gespielt munter. »Ich kann für mich selbst sorgen.«
Tanner stöhnte auf. Verdammt, dachte er verzagt. Er war nicht der Typ Mann, der eine Frau im Stich lassen würde, wenn sie ein Kind von ihm bekam. Andererseits hätte er ihr nichts zu bieten außer einen leeren Geldbeutel und Hass auf Yankees. Ashley verdiente etwas Besseres. Ohne seinen Kampf gegen die Yankees wäre sein Leben leer und ohne Ziel. Männer wie Slater und Harger verdienten es nicht, auf der Welt zu sein, und Tanner hatte sich selbst als Richter und Jury ernannt, obwohl er zugeben musste, dass seine Beziehung zu Ashley und Cole seine Einstellung zu Yankees ein wenig gemildert hatte.
»Du musst eine ziemlich miese Meinung von mir haben, wenn du denkst, ich würde dich schwanger mit meinem Kind verlassen«, sagte er angespannt. »Mir ist klar, dass ich nicht das bin, was du dir als Ehemann vorstellst, aber bevor ich nicht sicher bin, dass du kein Kind von mir bekommst, werde ich bei dir bleiben.«
Ashley schluckte schwer. »Ich dachte, wir wären beide mit einer Annullierung der Ehe einverstanden gewesen. Unsere Ehe wurde nur zum Schein geschlossen.« Sie sagte nicht, dass sie ihn freigab, damit er zu Ellen zurückkehren konnte, wenn ihre Ehe erst beendet war; sie hoffte, dass sich das von selber verstehen würde. Sie würde keine Forderungen an ihn stellen. Irgendwie musste sie ihn davon überzeugen, dass sie ihn nicht für verantwortlich hielt.
»Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, Rebell. Deine Besorgnis ist bemerkenswert, jedoch unnötig. Ich kann sowohl für mich als auch für ein Kind sorgen, sollte ich eins bekommen. Vielleicht kann ich aber auch gar keine Kinder kriegen«, fügte sie hinzu.
Tanner starrte sie an. »Du willst wirklich unbedingt aus dieser Ehe raus, nicht wahr?«
Ashley zucke scheinbar gleichmütig mit den Schultern. »Das war unsere Abmachung.«
O Gott, sie starb innerlich. Wenn Tanner gesagt hätte, dass er sie liebte oder auch nur das kleinste bisschen für sie empfand, hätte sie zugegeben, dass sie nichts weniger wollte als eine Scheidung oder eine Annullierung der Ehe. Aber es war Ellen, die er liebte, Ellen, die er begehrte. Das Beste, was sie für Tanner tun konnte, war, ihn freizugeben, damit er zu der Frau zurückkehren konnte, deren Name er in der Nacht schrie.
»Welcher Bastard würde eine Frau verlassen, die sein Kind trägt?«, fragte Tanner. Seine Miene war finster. »Ich gehe nicht weg, bevor ich es mit Sicherheit weiß.«
Soweit Ashley wusste, konnte sie wie jede andere Frau Kinder kriegen. Sie hatte jedoch nie geahnt, dass sie zu der Art Leidenschaft fähig war, die Tanner in ihr geweckt hatte. Als Chet ihre Verlobung gelöst hatte, hatte er sie beschuldigt, kalt und frigide zu sein. Bald danach hatte er Barbara Harrison, eine Bankierstochter, geheiratet. Es hatte zuerst geschmerzt, und danach hatte Ashley jahrelang geglaubt, dass es ihr an irgendetwas mangelte. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt und zurückgezogen gelebt. Kein anderer Mann hatte ihr Interesse wecken können, und im Laufe der Jahre hatte sie sich damit abgefunden, unverheiratet zu bleiben.
Die Begegnung mit Tanner aber hatte ihr bewiesen, dass sie keine leidenschaftslose alte Jungfer war. Tanner brachte ihr Blut in Wallung und ihren Körper zum Brennen. Er brachte sie dazu, zu fühlen. Wer hätte gedacht, dass ein Sklaven haltender Rebell eine solch verheerende Wirkung auf sie haben würde? Sie war stets entschieden gegen die Sklavenhaltung gewesen, hatte für Freiheit und Gleichheit in jeder Form gekämpft. Warum also in Gottes Namen war sie hilflos einem Mann verfallen, der sie wegen ihrer Überzeugung hasste?
»Andere Männer würden keinen Gedanken an eine Schwangerschaft verschwenden.«, sagte Ashley.
Tanner sah sie angewidert an. »Aber ich.«
Ashley errötete. »Sollten wir nicht lieber über unsere Flucht morgen Nacht reden?« wechselte sie abrupt das Thema.
»Es ist ein einfacher Plan. Cole wird Harger übernehmen, und ich kümmere mich um die Wächter. Du und Morgennebel braucht nur zu den Pferden zu gehen und dort auf uns zu warten. Wenn sich Morgennebel entscheidet, hier zu bleiben, kann sie einfach zu ihrem Tipi zurückkehren.«
»Der arme Cole. Das Leben ist so schwer für ihn gewesen... für uns beide.«
»Wieso?«, fragte Tanner leise.
Sie forschte in seinem Gesicht. »Es tut mir Leid, dass ich dein Leben durcheinander gebracht habe.«
Tanner lachte bitter. »Mein Leben hat schon lange keine Ordnung mehr. Du hast mich im Gefängnis gefunden, erinnerst du dich? Leg dich schlafen, Yankee. Diese Nacht wird wahrscheinlich für eine Weile die letzte sein, in der wir durchschlafen können. Wenigstens bis wir in Fort Bridger sind. Wo sind meine Satteltaschen?«
»Sie hegen hinten im Zelt.«
»Dein Geld und deine Wertsachen sind darin. Ich wollte sie nicht zurücklassen, als ich den Treck verließ, und so habe ich sie in meine Satteltaschen gesteckt und mitgenommen. Der Wagen sollte im Fort auf uns warten. Ich habe für Unterbringung der Ochsen und des Wagens im Mietstall bezahlt.« Er plauderte weiter, versuchte verzweifelt, sein Verlangen nach ihr zu überwinden. Mit einem Ruck wandte er sich ab, denn er hielt es für leichter, sich zu trennen, wenn sie sich nicht noch einmal liebten.
»Danke.« Sie schaute schweigend zu, wie Tanner die Decken zu beiden Seiten des Feuers ausbreitete. Als er sich auf seine Decke legte und von ihr fortdrehte, fand Ashley plötzlich den Mut, um seinen Namen auszusprechen. »Tanner.«
Er drehte sich zu ihr, und der goldene Feuerschein fiel auf sein Gesicht. In diesem Moment war er der schönste Mann, den sie jemals gesehen hatte. »Was ist, Yankee?«
Fasziniert beobachtete Tanner, wie sie mit der Zungenspitze ihre trockenen Lippen befeuchtete. »Dies könnte das letzte Mal sein, an dem wir so zusammen sind.«
Tanner unterdrückte ein Aufstöhnen. Meinte sie, was er dachte? »Glaubst du, mir wäre das nicht klar?«
»Wir mögen in vielem nicht einig sein, aber ich habe erfahren, dass wir auf einem oder zwei Gebieten im Einklang sind.« Gott, warum machte er es ihr so schwer?
Die Andeutung eines Lächelns spielte um Tanners Mundwinkel. »Was versuchst du mir zu sagen, Yankee?«
»Verdammt, Rebell, bist du einfach blöde oder willst du mich nicht?«
Er stemmte sich auf einen Ellenbogen und starrte sie über die Feuerstelle hinweg an. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Wenn du jetzt noch nicht schwanger bist, würdest du es morgen früh bestimmt sein. Und wenn wir unserer Wege gehen, könnten wir außerdem diese Zweisamkeit vermissen.
»Umso mehr Grund, um...«Ihre Stimme zitterte vor Angst, dass er sie abweisen würde, »... um diese letzte Nacht zu einer unvergesslichen zu machen. Das heißt, wenn du mich willst.«
Das Blut wallte in ihm auf, als er aufstand und sich neben sie kniete. »Wenn ich dich will? Wie kannst du nur so etwas sagen? Ich dachte bloß, es wäre leichter für uns, wenn ich dich heute Nacht in Frieden lasse.« Er streifte ihr das Kleid über den Kopf und warf es in eine dunkle Ecke des Tipis. Der Blick, den er ihr zuwarf, war fast gequält. »Wir werden dies nie vergessen, Yankee.«
Ashley schloss die Augen und schluckte hart. »Ganz gleich, wie kurz oder turbulent unsere Beziehung auch ist, dieses Zusammensein mit dir werde ich immer in Erinnerung behalten.«
»Merk dir das, wenn du dir einen anderen Liebhaber oder einen Ehemann nimmst«, sagte Tanner leichthin.
Ich werde mir nie einen anderen Liebhaber oder Ehemann nehmen, dachte Ashley. Du bist der Einzige, der Mann, den ich jemals haben will. Dieser verlorene Gedanke wurde von Tanners Küssen hinweggefegt. Sie streichelte über sein Haar und dann über sein Gesicht.
Ashleys Finger fühlten sich kühl auf seiner erhitzten Stirn und seinen Wagen an, und Tanner stöhnte auf, als ihre Hand abwärts glitt, über seine Brust und hinab zu seinen Schenkeln, um schließlich auf seiner Hose zu verweilen.
Mit zitternden Händen streifte er die Hose über seine Hüften hinab. Einen Augenblick später lag sie neben ihrem Kleid, und er berührte sie, tastete mit zitternden Finger durch das weiche gekräuselte Haar ihres Venushügels, zu der feuchten Wärme ihrer Weiblichkeit.
Ashley stieß ein lang gezogenes Seufzen aus und wölbte sich seinen suchenden Fingern entgegen. Seine Augen glänzten, als er den Blick auf ihre Brüste richtete, die in süßer Einladung vor ihm aufragten. Er senkte seinen Mund darauf und umschmeichelte die Spitzen mit der Zungenspitze. Mit sanfter Beharrlichkeit setzte er seinen Ansturm unten fort, während er mit dem Mund ihre Brüste liebkoste. Kreisend und streichelnd erregte und erkundete er sie mit Mund, Zunge und Fingern, bis ihre Leidenschaft übermächtig wurde.
Sie wünschte, ihm die gleiche Art Lust zu schenken, die er ihr verschaffte, und griff nach seinem Glied. Es erhob sich groß und pulsierte an ihrem Oberschenkel, und ein halb erstickter Aufschrei kam über seine Lippen, als sie es fest umfasste. Sie spürte, wie sich seine Bauchmuskeln spannten, und er seine Hand um ihre legte, ihr wortlos die Bewegung zeigte, die er wünschte.
Es war Qual. Pure, süße Folter. Doch Tanner hätte sie nicht stoppen können, selbst wenn es sein Ende bedeutet hätte. Er warf den Kopf zurück und schloss die Augen. Er presste die Zähne zusammen, halb verrückt von ihrem Streicheln, und ertrug es, bis sein Körper zu vibrieren begann und er befürchtete, sich nicht mehr unter Kontrolle halten zu können.
»Genug!«, schrie er und schob ihre Hand beiseite. Es ging zu schnell, viel zu schnell. Er packte ihre Hände und hielt sie zu beiden Seiten ihres Kopfes fest. Dann beugte er sich zurück, um sie zu betrachten.
Er fand sie perfekt. Die Größe ihrer Brüste passte ideal zu der seiner Hände. Er senkte den Kopf und beobachtete fasziniert, wie sich die kleinen Knospen aufrichteten und hart wurden. Sie begann heftig und schnell zu atmen.
»Tanner!«
Sein Herz hämmerte. Er rang keuchend um Atem. Seine Männlichkeit pulsierte vor Erregung, doch er war noch nicht bereit, sie zu nehmen. Sein Mund glitt hinab von den Brüsten über den flachen Bauch bis zu den süßen, rosigen Falten ihrer Weiblichkeit. Ihr ganzer Körper zuckte, als er über die winzige, verborgene Knospe rieb. Sie schrie auf in hilfloser Kapitulation, als er die heiße Spalte ihrer Weiblichkeit berührte und sie empfand ein fast unerträgliches Lustgefühl.
»Tanner, bitte!«
Endlich erbarmte er sich. Er drang tief in sie ein, schien bis in ihre Seele vorzustoßen. Er füllte sie ganz aus, und sie wölbte sich ihm entgegen, als die Flammen ihrer Erregung über ihr zusammenschlugen. Sie schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals, klammerte sich an ihn, gefangen im wilden Rhythmus seiner Leidenschaft. Die kleinen Wellen schwollen an zu Wogen der Lust, die sie in die Glückseligkeit hinwegzutragen schienen. Sie stöhnte auf, und ihre Ekstase löste Tanners Höhepunkt aus. Er bewegte sich noch einmal kraftvoll, schrie auf, und sie hatte das Gefühl von einer letzten heißen Woge erfasst und hinweggetrieben zu werden.
Schwer atmend presste er die Stirn gegen ihre. »Allmächtiger, Yankee, näher an den Himmel werde ich niemals kommen.«
Seine Arme zitterten, als er sich aufstemmte und von ihr wälzte. Er atmete stoßweise, und sein Körper zitterte noch, als er neben sie sank und sie in die Arme nahm.
»Das war... himmlisch, Rebell.« Ashley seufzte, noch erfüllt von Verzückung. Sie bezweifelte, dass irgendetwas in ihrem Leben das jemals übertreffen konnte, was sie und Tanner soeben geteilt hatten.
»Ja. Sexuell sind wir unschlagbar.«
Ihr stockte der Atem. Sexuell. Zählte denn nichts als Befriedigung für ihn? Wusste er nicht, dass sie so bei keinem anderen Mann reagieren könnte. Plötzlich war Ashley neugierig auf die andere Frau, mit der Tanner diese Leidenschaft geteilt hatte. Das Verlangen, etwas über die Frau namens Ellen zu erfahren, war so groß, dass Ashley schließlich fragte.
»Tanner, wer ist Ellen?«
Tanner erstarrte. »Wo hast du diesen Namen gehört?« Seine Stimme verriet eine Spur von Ärger.
»Du hast mal im Schlaf von ihr gesprochen. Du musst sie sehr lieben. Was ist passiert? Warum bist du jetzt nicht bei Ellen?«
Er presste die Lippen zusammen. »Frag nicht nach Dingen, die dich nichts angehen.«
»Liebst du sie?«, forschte Ashley.
»Lass das Thema, ja? Ich kann nicht über Ellen reden. Weder jetzt noch sonst wann, und schon gar nicht mit dir.«
»Ich verstehe.« Eigentlich verstand sie nur eines: Tanner liebte Ellen so sehr, dass für eine andere Frau kein Platz in seinem Herzen war. Ashley war nicht dumm. Sie wusste, dass er sie des Geldes wegen geheiratet hatte. Was auch immer zwischen Tanner und Ellen geschehen war, es war so verheerend, dass er nicht darüber sprechen konnte. Ashley wusste, das sein Zuhause von Yankees zerstört worden und dass seine Mutter gestorben war, aber was war mit Ellen passiert?
Tanners Hass auf Yankees war so stark, dass er sie, Ashley, niemals mit ganzem Herzen lieben können würde. So unglaublich der Sex mit Tanner auch war, sie wollte mehr als seinen Körper. Und offensichtlich war sein Herz für diese Frau namens Ellen reserviert.
»Du verstehst verdammt gar nichts«, murmelte Tanner.
Er wollte nicht über Ellen reden, nicht, wenn Ashley so süß an ihn geschmiegt war, ihre nackte Haut an seiner. Er wusste, dass sie es kaum erwarten konnte, ihn als Ehemann loszuwerden, aber sie konnte nicht leugnen, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Wenn er mit Ashley zusammen war, zog sich der Schmerz, den er wegen Ellen empfand, in die ferne Vergangenheit zurück. Er musste zugeben, dass Ashley sein Leben erträglicher gemacht hatte. Aber er wusste, dass er nach der Trennung von ihr wieder in die dunkle Welt zurückkehren würde, die ihn zur Selbstzerstörung geführt hatte. Und es war ihm beinahe gleichgültig.
»Lass mich dich verstehen, Tanner. Was hat Ellen mit deinem Hass auf die Yankees zu tun? Hat sie dich wegen eines Yankees verlassen?«
»Es reicht, zu sagen, dass sie fort ist«, sagte Tanner angespannt. »Mehr brauchst du nicht zu wissen.«
»Ich kann den Schmerz tief in dir spüren. Er war da, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, und er ist noch stets dort. Es ist wie eine Wunde, die nicht heilen will. Vielleicht hilft es, wenn du darüber redest...«
Tanner zwang sich zu einem Lachen. Es klang bitter. »Du hast keine Ahnung, Yankee. Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen. Ich will dich wieder. Wenn mir etwas helfen kann, dann ist es der Sex mit dir. Gott, Yankee, ich hätte nie gedacht, dass ich je wieder so bei einer Frau empfinden könnte. Dich zu begehren, ist die einzige helle Stelle in meinem Leben. Verdirb das jetzt nicht.«
Die Spur von Verzweiflung in seiner Stimme ließ Ashley stumm schwören, Tanner zu helfen, selbst wenn es bedeutete, ihn wegzuschicken, damit er seine verlorene Liebe wiedergewann. Als sie ihn in sich aufnahm, erkannte sie, das sie ihn genug liebte, um ihn für eine andere Frau aufzugeben.