18

Er wusste, dass er im Sterben lag, weil Gesichter auf ihn zukamen - Gesichter, die er wiedererkannte. Sie kamen in einem endlos langen Strom, einzeln oder paarweise. Er sah keine Fremden zwischen ihnen. Er hatte gehört, dass es so sein würde. Angeblich sah man sein gesamtes Leben blitzschnell an sich vorüberziehen. Das sagten alle. Also lag er im Sterben.

Erschienen irgendwann keine Gesichter mehr, war es vermutlich aus mit ihm. Er fragte sich, welches Gesicht er als Letztes sehen würde. Wer entschied darüber? Er war leicht ungehalten, weil er das nicht selbst bestimmen konnte. Und was würde passieren, wenn das letzte Gesicht verschwunden war?

Aber irgendetwas klappte nicht richtig. Vor ihm tauchte ein Gesicht auf, das er nicht kannte. Dann wurde ihm klar, dass die Army für diese Parade zuständig war. So musste es sein. Nur die Army würde versehentlich jemanden eingliedern, den er noch nie gesehen hatte. Einen völlig Unbekannten, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Er hatte den größten Teil seines Lebens in der Army verbracht. Da war es durchaus angemessen, dass sie auch die Organisation seines Ablebens übernahm. Und ein Fehler war annehmbar. Für die Army normal, sogar akzeptabel.

Aber dieser Kerl berührte ihn. Packte ihn grob an. Tat ihm weh. Plötzlich wurde ihm klar, dass die Parade vor diesem Kerl geendet hatte. Dieser Kerl gehörte überhaupt nicht zu ihr. Er war erst nach der Parade aufgetaucht. Vielleicht hatte er den Auftrag, ihn zu erledigen. Ja, das war’s. So musste es sein. Dieser Typ war hier, um dafür zu sorgen, dass er plangemäß starb. Die Parade war vorbei, und die Army konnte nicht zulassen, dass er sie überlebte. Wozu sollte sie sich all die Mühe machen, sie zu veranstalten, wenn er sie dann überlebte? Das durfte nicht sein. Das wäre ein grober Verstoß gegen die Vorschriften gewesen. Er versuchte sich daran zu erinnern, wer vor diesem Kerl vorbeigekommen war. Wer war der Vorletzte gewesen, der in Wirklichkeit der Letzte war? Er konnte sich nicht daran erinnern. Er hatte nicht aufgepasst. Er hatte sich davongestohlen und war gestorben, ohne zu wissen, wem das letzte Gesicht in seiner Parade gehört hatte.

Er war tot, aber er dachte noch immer. War das okay? War dies das Leben nach dem Tod. Das wäre ungeheuerlich gewesen. Er hatte fast neununddreißig Jahre geglaubt, es gebe kein Leben nach dem Tod. Manche Leute hatten ihm zugestimmt, andere widersprochen. Aber er hatte stets auf seiner Überzeugung beharrt. Jetzt befand er sich auf einmal mittendrin. Bald würde jemand auftauchen und ihm hämisch grinsend erklären: Siehst du, ich hab’s dir gesagt. Das hätte er zumindest getan, wenn der Fall umgekehrt gelegen hätte.

Er sah Jodie Garber. Sie würde es ihm sagen. Nein, das war unmöglich. Sie war nicht tot. Bestimmt konnte einen doch nur eine Tote im Leben nach dem Tod belehren? Das lag auf der Hand. Eine Lebende war nicht im Leben nach dem Tod. Und Jodie Garber gehörte zu den Lebenden. Dafür hatte er gesorgt. Das war der ganze verdammte Zweck der Übung gewesen. Und außerdem wusste er ziemlich sicher, dass er mit Jodie Garber niemals über ein Leben nach dem Tod diskutiert hatte. Oder vielleicht doch? Vielleicht vor vielen Jahren, als sie noch klein gewesen war. Aber das war Jodie Garber. Und sie wollte mit ihm sprechen. Sie saß vor ihm und strich ihr Haar nach hinten. Langes blondes Haar, kleine Ohren.

»Hi, Reacher«, sagte sie.

Ihre Stimme. Ganz ohne Zweifel. Kein Irrtum möglich.

Also war sie wahrscheinlich doch tot. Vielleicht bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Das wäre eine grausame Ironie des Schicksals gewesen.

»Hi, Jodie«, sagte er.

Sie lächelte. Es gab Kommunikation. Also war sie tot. Bestimmt konnten sich nur Tote untereinander reden hören. Aber er musste es sicher wissen.

»Wo sind wir?«, fragte er.

»St. Vincent’s«, antwortete sie.

St. Petrus kannte er. Das war der Kerl am Himmelstor. Er hatte schon Bilder von ihm gesehen. Nun, keine richtigen Bilder, sondern Cartoons. Er war ein alter Mann mit Bart und langem Gewand, stand an einem Pult und fragte einen, aus welchen Gründen man eingelassen werden wollte. Aber er konnte sich nicht daran erinnern, dass St. Petrus ihm irgendwelche Fragen gestellt hatte. Vielleicht kam das später. Vielleicht musste man den Himmel wieder verlassen und dann versuchen reinzukommen.

Aber wer war St. Vincent? Vielleicht war er derjenige, der den Ort verwaltete, in dem man wartete, bis man vor St. Petrus geführt wurde. Eine Art Rekrutenlager. Nun, das würde kein Problem sein. Im Rekrutenlager war er mühelos zurechtgekommen. Er würde auch diesmal damit klarkommen. Aber er ärgerte sich darüber. Er war zuletzt Major gewesen, verdammt noch mal - ein Star. Er hatte Orden vorzuweisen. Warum, zum Teufel, sollte er noch mal eine Rekrutenausbildung absolvieren müssen?

Und warum war Jodie hier? Sie sollte am Leben sein. Er spürte, dass seine linke Hand zur Faust geballt und er äußerst ungehalten war. Er hatte ihr das Leben gerettet, weil er sie liebte. Wieso war sie dann tot? Was, verdammt noch mal, wurde hier gespielt? Er versuchte sich aufzusetzen. Irgendetwas hielt ihn fest. Was war das wieder? Er wollte ein paar Antworten bekommen, sonst würde er’s ihnen zeigen.

»Ganz ruhig«, sagte Jodie.

»Ich will St. Vincent sprechen«, erklärte er. »Und zwar sofort! Sag ihm, er soll seinen faulen Arsch binnen fünf Minuten hier reinwuchten, sonst bin ich echt sauer.«

Sie betrachtete ihn forschend, dann nickte sie.

»Okay«, meinte sie.

Dann stand sie auf. Sie verschwand aus seinem Blickfeld, und er ließ sich zurücksinken. Dies war bestimmt kein Rekrutenlager. Viel zu ruhig dafür, und die Kissen zu weich.

Im Nachhinein betrachtet hätte es ein Schock sein müssen. Aber es war keiner. Das Zimmer um ihn herum wurde scharf, und er erkannte die weißen Möbel und die blitzenden Geräte und dachte: Krankenhaus. Den Wechsel vom Toten zum Lebenden tat er mit dem gleichen innerlichen Schulterzucken ab, mit dem ein viel beschäftigter Mann erkennt, dass er sich im Wochentag geirrt hat.

Das Zimmer war sonnenhell. Er drehte den Kopf zur Seite und sah, dass es ein Fenster besaß. Dort saß Jodie in einem Sessel und las. Er atmete bewusst leise und beobachtete sie. Ihr frisch gewaschenes Haar glänzte. Es fiel ihr bis auf die Schultern herab, und sie spielte mit einer Strähne, die sie zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte. Sie trug ein gelbes, ärmelloses Kleid. Ihre Schultern waren sommerlich gebräunt, die Arme lang und schlank. Sie trug zu ihrem Kleid passende beige Slipper.

»Hey, Jodie«, sagte er.

Sie drehte den Kopf zur Seite und sah ihn an. Forschte in seinem Gesicht nach etwas, und als sie es fand, lächelte sie.

»Selber hey«, erwiderte sie. Dann legte sie ihr Buch beiseite, stand auf, machte drei Schritte, beugte sich über ihn und gab ihm einen sanften Kuss.

»St. Vincent’s«, bemerkte er. »Du hast’s mir gesagt, aber ich war verwirrt.«

Sie nickte.

»Du warst voller Morphium«, sagte sie. »Sie haben dich damit vollgepumpt. Was du im Blut hattest, hätte alle Süchtigen von New York glücklich gemacht.«

Er nickte. Sah zum Fenster hinüber. Es schien Nachmittag zu sein.

»Welcher Tag ist heute?«

»Wir haben Juli. Du warst drei Wochen bewusstlos.«

»O Gott, dann müsste ich ausgehungert sein.«

Sie ging ums Fußende des Betts herum und trat an die linke Seite. Legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Er sah, dass dünne Plastikschläuche in die Armvenen an seinem Ellbogen führten.

»Man hat dich künstlich ernährt«, erklärte sie. »Ich habe aufgepasst, damit du bekommst, was du am liebsten magst. Du weißt schon, viel Traubenzucker und Vitamine.«

Er nickte.

»Nichts geht über Vitamine«, sagte er.

Sie schwieg.

»Was?«, fragte er.

»Du erinnerst dich?«

Er nickte wieder.

»An alles«, antwortete er.

Sie schluckte.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, flüsterte sie. »Du hast eine Kugel aufgefangen, um mich zu retten.«

»Mein Fehler«, sagte er. »Ich war zu langsam, das war alles. Ich wollte ihn austricksen und als Erster schießen. Aber ich hab’s offenbar überlebt. Reden wir also nicht mehr davon. Das ist mein Ernst.«

»Aber ich muss dir danken«, flüsterte sie.

»Vielleicht sollte ich dir danken«, sagte er. »Ein schönes Gefühl, eine Frau zu kennen, die es wert ist, dass man ihretwegen eine Kugel auffängt.«

Sie nickte, aber das hieß nicht, dass sie ihm zustimmte. Es war nur eine willkürliche Bewegung, die verhindern sollte, dass sie in Tränen ausbrach.

»Also, wie geht’s mir?«, wollte er wissen.

Sie machte eine lange Pause.

»Ich hol den Arzt«, sagte sie ruhig. »Der kann’s dir besser erklären als ich.«

Sie verließ den Raum, und ein Mann im weißen Arztmantel kam herein. Reacher musste lächeln, als er ihn sah. Das war der Kerl, den die Army geschickt hatte, damit er ihn nach dem Ende seiner Parade erledigte. Ein kleiner, breitschultriger, stark behaarter Mann, der sich sein Geld auch als Catcher hätte verdienen können.

»Verstehen Sie etwas von Computern?«, fragte er.

Reacher zuckte mit den Schultern und befürchtete schon, dies sei eine verschlüsselte Einleitung zu schlechten Nachrichten über seinen Gesundheitszustand.

»Von Computern?«, antwortete er. »Nicht sehr viel.«

»Okay, stellen Sie sich Folgendes vor«, sagte der Arzt. »Stellen Sie sich einen Cray-Supercomputer vor, der zufrieden summend arbeitet. Wir füttern ihn mit allem, was wir über die Physiologie des Menschen und über Schussverletzungen wissen, und fordern ihn dann auf, einen Mann zu kreieren, der am besten dafür geeignet ist, einen Brustschuss aus einem Revolver Kaliber 38 zu überleben. Stellen Sie sich vor, er würde eine Woche lang arbeiten. Was würde er dann wohl ausspucken?«

Reacher zuckte erneut mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

»Ein Bild von Ihnen, mein Freund«, sagte der Arzt. »Die Kugel ist nicht mal in Ihre Brust eingedrungen. Ihr Brustmuskel ist so kräftig und fest, dass er sie aufgehalten hat. Wie eine drei Zoll dicke Kevlarweste. Die Kugel hat den Muskel durchschlagen und eine Rippe zertrümmert, aber sie ist nicht tiefer eingedrungen.«

»Wieso war ich dann drei Wochen bewusstlos«, fragte Reacher. »Nicht wegen einer Fleischwunde oder einer gebrochenen Rippe, das steht fest. Ist mein Kopf in Ordnung?«

Der Arzt reagierte höchst merkwürdig. Er boxte mit den Fäusten mehrmals in die Luft. Dann trat er übers ganze Gesicht grinsend näher ans Bett.

»Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht«, sagte er. »Große Sorgen. Ihre Kopfverletzung war wirklich ernst. Ich hätte auf einen Tacker getippt, bis jemand mir sagte, dass Sie bei einem Schrotschuss durch herumfliegende Trümmer verletzt wurden. Der Nagel hat ihre Stirn durchschlagen und ist ungefähr drei Millimeter ins Gehirn eingedrungen. In den Großhirnlappen, mein Lieber, kein guter Platz für einen Nagel. Aber Ihr Schädel ist dicker als der eines Neandertalers. Bei jedem anderen wäre der Nagel ganz eingedrungen, und das wär’s dann gewesen.«

»Mir fehlt also nichts?«, hakte Reacher nach.

»Sie haben uns gerade zehntausend Dollar für Tests gespart«, erwiderte der Arzt zufrieden. »Ich habe Ihnen von Ihrer Brustwunde berichtet, und was haben Sie getan? Analytisch? Sie haben das mit den in Ihrer Datenbank gespeicherten Informationen verglichen und erkannt, dass dies keine sehr schwere Verletzung ist, erkannt, dass sie kein dreiwöchiges Koma bewirkt haben kann, sich an ihre andere Verletzung erinnert, zwei und zwei zusammengezählt und die Frage von vorhin gestellt. Sofort. Ohne Zögern. Schnell, logische Überlegungen, Sammeln einschlägiger Informationen, rasche Verarbeitung und vernünftige Fragen an jemanden, der sie beantworten kann. Mit Ihrem Kopf ist alles in Ordnung, mein Freund. Auf dieses fachliche Urteil können Sie vertrauen.«

Reacher nickte. »Okay, wann darf ich hier raus?«

Der Arzt nahm ein Klemmbrett mit einem Packen Papier aus dem Fach am Fußende des Betts und blätterte darin. »Nun, Ihr Allgemeinzustand ist ausgezeichnet, aber wir müssen Sie noch etwas länger beobachten. Vielleicht in ein paar Tagen.«

»Auf gar keinen Fall«, widersprach Reacher. »Ich verschwinde heute Abend.«

Der Arzt nickte. »Schön, warten wir ab, wie Sie sich in einer Stunde fühlen.«

Er trat ans Kopfende des Betts und streckte seine Hand nach dem Ventil am unteren Ende eines der Tropfe aus. Verstellte es klickend und schnippte mit dem Zeigefinger gegen den dünnen Schlauch. Beobachtete ihn kurz, nickte und verließ das Zimmer. An der Tür begegnete er Jodie. Sie kam mit einem Mann in einem Leinensakko herein. Er war ungefähr fünfzig, blass und hatte kurz geschnittenes graues Haar. Reacher dachte: Jede Wette, dass dieser Typ aus dem Pentagon kommt.

»Reacher, das hier ist General Mead«, stellte Jodie den Mann vor.

»Vom Heeresministerium«, sagte Reacher.

Der andere sah ihn überrascht an. »Kennen wir uns?«

Reacher schüttelte den Kopf. »Nein, aber mir war klar, dass jemand von Ihnen vorbeischauen würde, sobald ich wieder auf den Beinen bin.«

Mead lächelte. »Wir haben praktisch draußen auf dem Flur kampiert. Um es im Klartext zu sagen: Wir möchten, dass Sie über die Sache mit Carl Allen schweigen.«

»Kommt nicht in Frage«, widersprach Reacher.

Mead lächelte wieder und wartete. Als erfahrener Bürokrat wusste er, was als Nächstes kommen würde. Im Leben ist nichts umsonst, hatte Leon oft gesagt.

»Das Ehepaar Hobie«, begann Reacher. »Lassen Sie die beiden erster Klasse nach Washington fliegen, bringen Sie sie in einem Fünfsternehotel unter, zeigen Sie ihnen den Namen ihres Sohns auf dem Denkmal für die in Vietnam Gefallenen, und sorgen Sie dafür, dass sie dabei von einer Horde ständig salutierender Stabsoffiziere begleitet werden. Dann halte ich dicht.«

Mead nickte.

»Wird gemacht«, sagte er, stand unaufgefordert auf und verließ den Raum. Jodie setzte sich ans Fußende des Betts.

»Was ist mit der Polizei?«, fragte Reacher. »Muss ich irgendwelche Fragen beantworten?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Allen war ein Polizistenmörder«, antwortete sie. »Bleibst du in New York, bekommst du vom NYPD dein Leben lang keinen Strafzettel mehr. Das war eindeutig Notwehr, das stellt niemand in Frage.«

»Was ist mit meiner Pistole? Die war gestohlen.«

»Nein, sie hat Allen gehört. Du hast sie ihm entrissen. Das hat ein ganzer Raum voller Zeugen beobachtet.«

Er nickte. Sah wieder die Wolke aus Blut, Knochen und Gehirnmasse, in die Aliens Kopf sich auflöste. Ein ziemlich guter Schuss, dachte er. Schlechtes Licht, Stress, ein Nagel im Kopf, eine Kugel Kaliber 38 in der Brust - und trotzdem genau ins Schwarze. Dann sah er wieder den Haken, der an Jodies Gesicht lag: polierter Stahl auf dem Honigbraun ihres Teints.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.

»Ja, ich bin okay«, erwiderte sie.

»Bestimmt? Keine Albträume?«

»Keine. Ich bin schon ein großes Mädchen.«

Er nickte wieder. Erinnerte sich an seine erste Nacht mit Jodie. Ein großes Mädchen. Das schien Millionen Jahre her zu sein.

»Aber ist mit dir alles in Ordnung?«, wollte sie wissen.

»Nach Ansicht des Arztes schon. Er hat mich einen Neandertaler genannt.«

»Tatsächlich?«

»Wie sehe ich aus?«

»Warte, ich zeig’s dir.«

Sie verschwand in der Toilette und kam mit dem Wandspiegel zurück; rund mit weißem Kunststoffrahmen. Sie stellte ihn auf Reachers Beine. Er hielt ihn mit der rechten Hand fest und betrachtete sich darin. Er war noch immer braun gebrannt. Blaue Augen. Weiße Zähne. Auf seinem kahl geschorenen Schädel war das Haar schon wieder ein wenig nachgewachsen. Die linke Hälfte seines Gesichts war mit Narben übersät. Das Loch in seiner Stirn fiel deshalb kaum auf. Es sah nur röter aus als die anderen Verletzungen, war aber nicht größer als die zwei Zentimeter davon entfernte Narbe, wo sein Bruder Joe ihn bei einem längst vergessenen Kinderstreit mit einer Glasscherbe aufgeritzt hatte. Als er den Spiegel leicht kippte, stellte er fest, dass seine Brust dick mit weißen Binden bandagiert war. Er hatte schätzungsweise zehn bis zwölf Kilo abgenommen und war jetzt wieder bei seinem Normalgewicht von hundert Kilogramm. Er gab Jodie den Spiegel, wollte sich aufsetzen und fühlte sich plötzlich schwindlig.

»Ich will hier raus«, sagte er.

»Bist du sicher?«, fragte sie.

Reacher nickte. Er war sich sicher, doch er fühlte sich sehr müde. Er ließ den Kopf aufs Kissen sinken. Ihm war warm, und das Kissen war weich. Sein Kopf wog plötzlich eine Tonne, und die Nackenmuskeln konnten ihn nicht mehr bewegen. Um ihn herum wurde es dunkel. Er verdrehte die Augen und sah unerreichbar hoch über sich die Tropfe hängen. Das Ventil, das der Arzt verstellt hatte. Er hörte es wieder klicken. Dieses leise Geräusch hatte er deutlich vernommen. Der Klarsichtbeutel des Tropfs war mit einem grünen Wort beschriftet. Es stand auf dem Kopf. Er kniff die Augen zusammen, um es lesen zu können. Konzentrierte sich ganz darauf. Es lautete Morphium.

»Scheiße«, flüsterte er, und der Raum versank in Dunkelheit.


Als er seine Augen wieder öffnete, war es früher am Tag. Vormittag, nicht Nachmittag. Jodie saß in dem Sessel am Fenster und las. Dasselbe Buch. Ihr Kleid war blau, nicht gelb.

»Es ist morgen«, sagte er.

Sie klappte ihr Buch zu, stand auf, trat ans Bett, beugte sich über ihn und küsste ihn. Er erwiderte ihren Kuss, dann biss er die Zähne zusammen, zog die IV-Nadeln aus seinem Arm und ließ sie über die Bettkante fallen. Aus den dünnen Schläuchen tropfte es auf den Fußboden. Er setzte sich auf und fuhr sich mit einer Hand über seinen stacheligen Kopf.

»Wie fühlst du dich?«, fragte sie.

Er saß reglos im Bett und konzentrierte sich auf eine gründliche Inspektion seines Körpers, die mit den Zehen begann und an der Schädeldecke aufhörte.

»Gut«, antwortete er.

»Du hast Besuch«, sagte Jodie. »Sie haben gehört, dass du wieder bei Bewusstsein bist.«

Er nickte, dann streckte er sich. Er konnte die Brustwunde spüren. Sie saß links. Dort war eine gewisse Schwäche fühlbar. Er griff mit der linken Hand nach oben zum Ständer mit den Tropfen. Der senkrechte Stab aus rostfreiem Stahl war am oberen Ende zu einer runden Spirale gebogen, die als Halterung für die Klarsichtbeutel diente. Er legte die Hand über die Spirale und drückte kräftig zu. Er spürte kleine Blutergüsse im Ellbogen, wo die IV-Nadeln gesteckt hatten, und ein Ziehen in der Brust, wo die Kugel eingedrungen war. Aber trotzdem verformte sich die Stahlspirale unter seinen Fingern zu einem Oval. Er lächelte.

»Okay, schick sie rein«, sagte er.

Er wusste, wer die Besucher waren, noch bevor sie sein Zimmer betraten. Das verriet ihm das Geräusch. Die Räder des Wägelchens mit der Sauerstoffflasche quietschten. Die alte Mrs. Hobie trat zur Seite und ließ ihren Mann zuerst eintreten. Sie trug ein hübsches neues Kleid, er seinen alten Sergeanzug. Er schob das Wägelchen an ihr vorbei und blieb stehen, umklammerte den Griff mit der linken Hand und hob seine zitternde Rechte, um militärisch zu grüßen. Reacher erwiderte den Gruß auf gleiche Weise. Als er ihn zackig beendet hatte, schob der alte Mann sein Wägelchen langsam zum Bett, während seine Frau hinter ihm hertrippelte.

Die Hobies waren wie verwandelt. Immer noch alt und gebrechlich, aber von heiterer Ruhe erfüllt. Er dachte an Newmans fensterloses Labor auf Hawaii und erinnerte sich an Allens Sarg mit Victor Hobies Skelett. Victor Hobies alte Knochen. Er hatte sie noch deutlich vor Augen. Sie waren unverwechselbar. Die hohe, breite Stirn, der gut geformte Schädel. Die gleichmäßigen weißen Zähne. Die langen Gliedmaßen. Ein edles Skelett.

»Er war ein Held, wissen Sie.«

Der alte Mann nickte.

»Er hat seine Pflicht getan.«

»Viel mehr als das«, sagte Reacher. »Ich habe seine Akte gelesen und mit General DeWitt gesprochen. Er war ein mutiger Flieger, der mehr als nur seine Pflicht erfüllt hat. Durch seine Tapferkeit hat er vielen Kameraden das Leben gerettet. Wäre er nicht gefallen, besäße er jetzt drei Sterne. Er wäre entweder General Victor Truman Hobie mit einem bedeutenden Posten in der Army oder einem wichtigen Job im Pentagon.«

Die alte Dame legte ihre magere, blasse Hand in die ihres Mannes, und beide hatten feuchte Augen. Sie stellten sich vor, was alles hätte sein können.

»Jetzt kann ich glücklich sterben«, sagte er.

Reacher schüttelte den Kopf.

»Nein, das können Sie noch nicht«, meinte er. »Sie müssen das Denkmal für die Gefallenen des Vietnamkriegs besichtigen und seinen Namen darauf lesen. Ich möchte, dass Sie mir ein Foto davon mitbringen.«

Der alte Mann nickte, und seine Frau lächelte.

»Miss Garber hat uns erzählt, dass Sie vielleicht nach Garrison ziehen«, bemerkte sie. »Dann wären wir praktisch Nachbarn.«

Reacher nickte.

»Vielleicht«, sagte er.

»Miss Garber ist eine feine junge Frau.«

»Ja, Ma’am, das stimmt.«

»Hör auf mit dem Unsinn«, ermahnte ihr Mann sie. Dann erklärten sie Reacher, dass sie nicht länger bleiben könnten, weil ihre Nachbarin, die sie hergebracht hatte, nach Brighton zurück müsse. Er sah ihnen nach, als sie langsam auf den Korridor hinausgingen. Sobald sie verschwunden waren, kam Jodie herein. Sie lächelte.

»Der Arzt sagt, du darfst nach Hause!«

»Könntest du mich fahren? Hast du schon einen neuen Wagen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nur einen Mietwagen. Keine Zeit, ein Auto zu kaufen. Hertz hat mir einen Mercury mit Satellitennavigation zur Verfügung gestellt.«

Er reckte die Arme in die Luft und ließ seine Schultermuskeln spielen. Sie fühlten sich erstaunlich gut an. Auch die Rippen waren in Ordnung. Keine Schmerzen.

»Ich brauche Klamotten«, sagte er. »Meine alten Sachen sind hinüber, denke ich.«

Sie nickte. »Die Krankenschwestern haben sie dir vom Leib geschnitten.«

»Du warst dabei?«

»Ich bin die ganze Zeit hier gewesen«, erwiderte sie. »Ich wohne in einem Zimmer am Ende des Korridors.«

»Was ist mit deiner Arbeit?«

»Unbezahlter Urlaub«, antwortete sie. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich kündige, wenn ich keinen bekomme.«

Sie nahm einen Stapel Kleidungsstücke aus einem Fach des Wandschranks. Neue Jeans, neues Hemd, neues Sakko, neue Socken und neue Boxershorts, alles ordentlich zusammengelegt. Seine alten Schuhe obendrauf. Wie in der Army

»Die Sachen sind nichts Besonderes«, sagte sie entschuldigend. »Ich wollte nicht zu lange wegbleiben und bei dir sein, wenn du aufwachst.«

»Du hast drei Wochen hier herumgesessen?«

»Die sind mir wie drei Jahre vorgekommen«, sagte sie. »Du warst überhaupt nicht ansprechbar und hast schrecklich ausgesehen. Wirklich schlimm!«

»Dieses Satellitending«, sagte er. »Findet das auch nach Garrison?«

»Du willst dorthin?«

»Ich denke schon. Zum Erholen, stimmt’s? Vielleicht tut Landluft mir gut.«

Dann wandte er den Blick von ihr ab.

»Vielleicht könntest du eine Weile bei mir bleiben und mir helfen, mich zu erholen.«

Er schlug die Bettdecke zurück und stand auf. Langsam und unsicher. Fing an, sich anzuziehen, während Jodie ihn stützte, damit er nicht umkippte.