9
Marilyn Stone ließ das Mittagessen ausfallen, weil sie keine Zeit dafür hatte, aber das machte ihr nichts aus, weil sie sehr zufrieden damit war, wie das Haus auszusehen begann. Sie stellte fest, dass sie die ganze Sache ziemlich leidenschaftslos sah, was sie ein bisschen überraschte, denn schließlich war dies ihr Heim, das sie verkaufen wollte - ihr eigenes Haus, das sie vor nicht allzu vielen Jahren sorgfältig und überlegt ausgesucht hatte. Dies war ihr Traumhaus gewesen. Viel größer und luxuriöser, als sie sich jemals hatte träumen lassen. Beim Einzug war es für sie gewesen, als sei sie gestorben und in den Himmel gekommen. Jetzt betrachtete sie das Haus nur als Objekt, das einen möglichst guten Preis erzielen sollte. Sie sah keine Räume, die sie eingerichtet, in denen sie gewohnt und sich wohl gefühlt hatte. Keine bedauernden Blicke für Bereiche, in denen Chester und sie glücklich gewesen waren, in denen sie gelacht, gegessen und geschlafen hatten. Da war nur eine energische Entschlossenheit, alles so zu perfektionieren, dass das Haus für einen potentiellen Käufer unwiderstehlich wurde.
Die Möbelpacker waren wie geplant als Erste gekommen. Marilyn ließ sie die Anrichte aus der Diele abtransportieren, dann folgte Chesters Lehnsessel aus dem Wohnzimmer. Nicht etwa, weil der Sessel schäbig war, sondern weil er dem Raum eine besondere Note verlieh. Dies war sein Lieblingsstuhl, den er ausgesucht hatte, wie Männer eben Möbel aussuchen: nach Bequemlichkeit, nicht unbedingt nach Eleganz und Kombinierbarkeit. Er war das einzige Möbelstück aus ihrem früheren Haus, und Chester hatte ihn leicht schräg zum Kamin aufgestellt. Er gefiel Marilyn, weil er dem Raum eine behagliche Atmosphäre verlieh. Und genau aus diesem Grund musste er weg.
Sie ließ die Möbelpacker auch den als Arbeitstisch dienenden massiven Hackklotz aus der Küche mitnehmen. Über diesen Tisch hatte sie lange nachgedacht. Natürlich verlieh er der Küche die nüchterne Atmosphäre eines Arbeitsraums, in dem Mahlzeiten geplant und zubereitet wurden. Aber ohne ihn erstreckte sich der geflieste Küchenboden über zehn Meter weit bis zum Erkerfenster. Marilyn wusste, dass das durchs Fenster einfallende Licht sich auf den frisch geputzten Fliesen spiegeln und den Raum noch größer erscheinen lassen würde. Sie war in die Rolle eines möglichen Interessenten geschlüpft und hatte sich gefragt: Was würde dich mehr beeindrucken? Eine nüchterne Arbeitsküche? Oder eine imponierend geräumige Küche? Deshalb befand sich der Hackklotz im Möbelwagen.
Dort stand jetzt auch der Fernseher aus dem Arbeitszimmer, Chester hatte ein Problem mit Fernsehern. Die Videotechnik hatte dem Schmalfilmsektor seines Unternehmens den Todesstoß versetzt, und er war nicht gerade erpicht darauf, die neuesten Produkte der Konkurrenz zu kaufen. Deshalb war ihr Fernseher ein uraltes Gerät ohne Videorekorder. Sein Bildschirm hatte eine scheußliche Chromumrahmung, aus der er sich hervorwölbte wie ein graues Goldfischglas. Marilyn hatte bessere Geräte auf dem Gehsteig gesehen, wo ausrangierte Modelle für jedermann zum Mitnehmen abgestellt wurden. Also ließ sie die Möbelpacker den Fernseher hinausschaffen und durch das Bücherregal aus dem Gästezimmer ersetzen. Sie fand, der Raum sehe nun viel besser aus. Mit dem Bücherregal, der Sitzgarnitur aus Leder und den dunklen Lampenschirmen wirkte er kultiviert. Ein zum Nachdenken anregender Raum. Als erwerbe der Käufer hier einen Lebensstil, nicht nur ein Haus.
Sie verbrachte einige Zeit damit, die Bücher auszuwählen, die scheinbar zufällig auf den Couchtischen liegen sollten. Dann kam die Floristin, die flache Kartons voller Blumen brachte. Marilyn zeigte ihr, wo die Vasen standen, drückte ihr eine französische Zeitschrift in die Hand und gab ihr den Auftrag, die Blumenarrangements zu kopieren. Ein Mann, den Sheryl geschickt hatte, brachte das Schild Zu verkaufen, und sie ließ es ihn auf dem Rasen vor dem Haus aufstellen. Als die Möbelpacker wegfahren wollten, trafen die Gärtner ein, was einiges Rangieren in der Einfahrt erforderte. Sie machte mit dem Vorarbeiter einen Rundgang durch den Garten, um ihm zu zeigen, welche Arbeiten zu erledigen waren, und verschwand dann wieder im Haus, bevor die Rasenmäher zu knattern begannen. Der junge Mann, der den Swimmingpool säubern sollte, traf gleichzeitig mit den Gebäudereinigern ein. Marilyn stand zwischen ihnen und wusste im ersten Augenblick nicht recht, mit wem sie anfangen sollte. Aber dann nickte sie entschlossen, wies die Gebäudereiniger an, kurz zu warten, ging mit dem jungen Mann zum Pool und erklärte ihm, was zu tun sei. Als sie danach ins Haus zurücklief, verspürte sie plötzlich Hunger, freute sich jedoch über das, was sie an diesem Vormittag geleistet hatte.
Die beiden schafften es bis zur Haustür, um Reacher zu verabschieden. Der Alte erhöhte die Sauerstoffzufuhr, bis es ihm gelang, sich aus seinem Sessel hochzustemmen; dann schob er das Wägelchen mit der Sauerstoffflasche langsam vor sich her, stützte sich darauf und benutzte es als Gehhilfe. Seine Frau ging vor ihm her, wobei ihr Rock über dem Petticoat an beiden Seiten des schmalen Korridors entlangstreifte. Reacher folgte ihnen mit der abgewetzten Ledermappe unter dem Arm. Während Mrs. Hobie die Haustür aufschloss, stand ihr Mann keuchend da und hielt die Griffe seines Wägelchens umklammert. Dann ging die Tür auf und ließ wohltuend frische Luft herein.
»Leben in Brighton noch welche von Victors alten Freunden?«, fragte Reacher.
»Ist das wichtig, Major?«
Reacher zuckte mit den Schultern. Aus Erfahrung wusste er, dass man Leute am besten dadurch auf schlechte Nachrichten vorbereiten konnte, wenn man von Anfang an sehr gründlich vorging. Die Leute hörten einem aufmerksamer zu, wenn sie glaubten, man habe alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
»Ich brauche nur ein paar Hintergrundinformationen«, sagte er.
Sie starrten ihn verständnislos an, schienen aber doch bereit zu sein, darüber nachzudenken, weil er ihre letzte Hoffnung war. Er hielt das Leben ihres Sohns buchstäblich in seinen Händen.
»Ed Steven, glaub ich, in der Eisenwarenhandlung«, sagte Mr. Hobie schließlich. »Vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse dick mit Victor befreundet. Aber das war vor fünfunddreißig Jahren, Major. Kann mir nicht vorstellen, dass das jetzt noch wichtig sein soll.«
Reacher nickte, weil das tatsächlich nicht mehr wichtig war.
»Ich habe Ihre Telefonnummer«, sagte er. »Ich rufe Sie an, sobald ich etwas weiß.«
»Wir verlassen uns auf Sie«, meinte die alte Dame.
Reacher nickte erneut.
»Es war mir ein Vergnügen, Sie beide kennen zu lernen«, sagte er. »Vielen Dank für den Kaffee und den Kuchen. Und ich bedaure Ihre Situation sehr.«
Sie äußerten sich nicht dazu. Reacher war es peinlich, das gesagt zu haben. Dreißig Jahre voller Qualen, und er bedauerte ihre Situation! Er schüttelte ihre Hände, wandte sich ab und trat auf den fast zugewachsenen Weg hinaus. Marschierte mit der Ledermappe unter dem Arm zu seinem Taurus und blickte dabei entschlossen nach vorn.
Er fuhr rückwärts aus der Zufahrt und bog, als er die Asphaltstraße erreichte, rechts ab auf die ruhige Straße, die er verlassen hatte, um das Haus zu finden. Vor ihm, in südlicher Richtung, tauchte die Kleinstadt Brighton auf. Die Straße wurde breiter und war weniger holprig. Er sah eine Tankstelle und das Feuerwehrhaus. Einen kleinen Stadtpark mit einem Little-League-Spielfeld. Einen Supermarkt mit großem Parkplatz, eine Bank und etwas von der Straße zurückversetzt eine Ladenzeile mit mehreren kleinen Geschäften.
Der Parkplatz des Supermarkts schien der geografische Mittelpunkt der Kleinstadt zu sein. Er fuhr langsam daran vorbei und erkannte eine Gärtnerei mit langen Reihen von Stauden unter einer Berieselungsanlage, über der sich in der Sonne kleine Regenbogen bildeten. Dann kam eine in stumpfem Rot gestrichene niedrige Halle auf einem eigenen Grundstück: Steven’s Hardware. Er bog von der Straße ab und parkte hinter der Halle bei der Schnittholzabteilung.
Der Eingang war eine unscheinbare Tür in der rückwärtigen Wand der Halle. Dahinter lag ein Labyrinth aus schmalen Gängen zwischen Regalen, die mit Dingen vollgestopft waren, die Reacher nie hatte kaufen müssen: Nägel, Schrauben, Dübel, Muttern, Werkzeug, Elektrowerkzeug, Mülltonnen, Briefkästen, Glasscheiben, Dachfenster, Türelemente, Lacke und Farben. Das Labyrinth führte zu einem Kern, in dem vier Ladentheken unter hellen Neonleuchten ein Quadrat bildeten. In diesem Viereck standen ein Mann und zwei Jungen, alle in Jeans, karierten Hemden und roten Leinenschürzen. Der Mann war klein und schlank, ungefähr fünfzig, und die ihm sehr ähnlichen Jungen von etwa achtzehn und zwanzig Jahren schienen seine Söhne zu sein.
»Ed Steven?«, fragte Reacher.
Der Mann nickte, hielt den Kopf leicht schief und zog die Augenbrauen hoch wie jemand, der dreißig Jahre Erfahrung im Umgang mit den Fragen von Kunden und Vertretern hat.
»Kann ich mit Ihnen über Victor Hobie reden?«
Der andere wirkte ein paar Sekunden lang verblüfft; dann sah er aus dem Augenwinkel zu seinen Söhnen, als gehe er in Gedanken durch ihr ganzes Leben und noch viel weiter bis zu einer Zeit zurück, in der er Victor Hobie gekannt hatte.
»Der ist in Vietnam gefallen, stimmt’s?«, fragte er.
»Ich brauche ein paar Hintergrundinformationen.«
»Stellen Sie auch Nachforschungen im Auftrag seiner Eltern an?« Das klang nicht erstaunt, aber ein gewisser Überdruss war nicht zu überhören. Als seien die Probleme der Hobies in Brighton allgemein bekannt und würden auch toleriert, ohne noch Mitgefühl hervorzurufen.
Reacher nickte. »Ich möchte wissen, was für eine Person er war. Und Sie sollen ihn ziemlich gut gekannt haben.«
Steven zuckte mit den Schultern. »Na ja, das stimmt schon. Aber wir waren damals noch Kinder. Nach der Highschool habe ich ihn nur einmal wiedergesehen.«
»Wollen Sie mir von ihm erzählen?«
»Im Moment geht’s nicht, weil ich einen Wagen abladen muss.«
»Wenn ich Ihnen dabei helfe, könnten wir bei der Arbeit reden.«
Steven wollte gewohnheitsmäßig nein sagen, aber dann betrachtete er Reacher genauer, sah seine Muskeln und grinste wie ein Arbeiter, dem die kostenlose Benutzung eines Gabelstaplers angeboten wird.
»Okay«, sagte er. »Hinten raus.«
Er kam zwischen den Ladentheken hervor und führte Reacher zu einem Hinterausgang. Dort stand neben einem offenen Wellblechschuppen ein staubiger Pick-up. Das Fahrzeug war mit Zementsäcken beladen. Die Regale in dem offenen Schuppen waren leer, Reacher zog sein Sakko aus und legte es auf den Fahrersitz des Wagens.
Die Zementsäcke bestanden aus mehreren Lagen Kraftpapier. Aus seiner Zeit als Swimmingpoolausschachter wusste er, dass sie zusammenklappten und rissen, wenn man sie mit zwei Händen in der Mitte packte. Am besten fasste man nur eine Ecke und hob den Sack mit einer Hand hoch. Da die Säcke fünfundvierzig Kilo wogen, nahm er in jede Hand einen und balancierte sie so vor dem Körper, dass seine Kleidung sauber blieb. Steven beobachtete ihn so fasziniert wie einen Zirkusartisten.
»Erzählen Sie mir von Victor Hobie«, grunzte Reacher.
Steven zuckte mit den Schultern. Er lehnte im Schatten unter dem Vordach am Türpfosten.
»Alles schon lange her«, sagte er. »Was kann ich Ihnen erzählen? Unsere Väter waren in der Industrie- und Handelskammer beisammen. Seiner war Drucker. Meiner hat dieses Geschäft geführt, damals nur eine Holzhandlung. Victor und ich waren in unserer ganzen Schulzeit zusammen. Wir sind am selben Tag in den Kindergarten gekommen, haben am selben Tag die Highschool abgeschlossen. Danach habe ich ihn nur noch einmal gesehen, bei einem Heimaturlaub. Er war ein Jahr in Vietnam gewesen und wollte wieder dorthin zurück.«
»Was für ein Mensch war er also?«
Steven zuckte nochmals mit den Schultern. »Mir ist nicht recht wohl dabei, wenn ich mich dazu äußern soll.«
»Warum? Gibt’s irgendwas Negatives zu berichten?«
»Nein, nein, nichts dergleichen«, antwortete Steven rasch. »Victor war in Ordnung. Aber ich würde Ihnen mit fünfunddreißig Jahren Abstand erzählen, wie ein Junge einen anderen gesehen hat, stimmt’s? Das wäre vielleicht kein verlässliches Urteil.«
Reacher blieb stehen, sah sich nach Steven um. Der lehnte mit seiner roten Schürze am Torpfosten, hager und fit, nach Reachers Vorstellung geradezu der Prototyp eines umsichtigen Yankee-Geschäftsmanns aus einer Kleinstadt. Und bestimmt ein Mann, auf dessen Urteil man sich verlassen konnte. Reacher nickte.
»Okay, das sehe ich ein. Ich werde es berücksichtigen.«
Steven nickte ebenfalls, als seien die Grundregeln damit klar. »Wie alt sind Sie?«
»Achtunddreißig«, erwiderte Reacher.
»Aus der hiesigen Gegend?«
Reacher schüttelte den Kopf. »Eigentlich von nirgends her.«
»Okay, es gibt ein paar Dinge, die Sie verstehen müssen«, sagte Steven. »Dies ist eine Kleinstadt auf dem Land, und Victor und ich sind 1948 hier geboren. Wir waren schon fünfzehn, als man Kennedy erschossen hat, sechzehn, als die Beatles berühmt wurden, und zwanzig, als es in Chicago und L. A. zu Rassenunruhen gekommen ist. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«
»Eine andere Welt«, antwortete Reacher.
»Darauf können Sie Gift nehmen«, bestätigte Steven. »Wir sind in einer anderen Welt aufgewachsen. Das gilt für unsere ganze Kindheit. Für uns war ein wagemutiger Kerl ein Junge, der Baseballkarten in die Speichen seines Rads klemmte. Das müssen Sie bei meiner Erzählung berücksichtigen.«
Reacher nickte. Hob den neunten und zehnten Sack von der Ladefläche des Pick-up. Er schwitzte leicht und machte sich Sorgen darüber, wie sein Hemd aussehen würde, wenn Jodie es das nächste Mal zu Gesicht bekam.
»Victor war ein durchschnittlicher Junge«, fuhr Steven fort. »Ein völlig normaler, durchschnittlicher Junge. Und zu Vergleichszwecken sollte man wissen, dass das zu einer Zeit war, als wir anderen uns für tolle Hechte hielten, wenn wir am Samstagabend bis halb neun weggeblieben sind und Milchshakes getrunken haben.«
»Wofür hat er sich interessiert?«, fragte Reacher.
Steven blies seine Backen auf und zuckte mit den Schultern. »Was soll ich sagen? Für die gleichen Dinge wie wir anderen, denke ich. Baseball, Mickey Mantle. Wir waren auch Elvis-Fans. Eiscreme und der Lone Ranger. Solches Zeug.«
»Sein Vater sagt, er habe schon immer Soldat werden wollen.«
»Das wollten wir alle. Erst haben wir Cowboys und Indianer gespielt, dann waren wir Soldaten.«
»Waren Sie auch in Vietnam?«
Steven schüttelte den Kopf. »Nein, mir hat die Idee, Soldat zu sein, keinen Spaß mehr gemacht. Nicht dass ich etwas gegen den Krieg gehabt hätte. Das war lange bevor all das Gedankengut dieser Langhaarigen sich auch bei uns verbreitet hat. Niemand hatte etwas gegen das Militär. Ich hatte auch keine Angst davor. Damals gab es nichts, wovor man Angst haben musste. Wir waren die Vereinigten Staaten, richtig? Wir würden’s diesen Schlitzaugen schon zeigen. Das würde kein halbes Jahr dauern. Niemand machte sich Sorgen bei dem Gedanken, nach Vietnam zu müssen. Es kam einem nur altmodisch vor. Wir respektierten es, wir hörten uns gern die Storys an, aber irgendwie war das eine Sache von gestern, verstehen Sie? Ich wollte Geschäftsmann werden. Wollte die Holzhandlung meines Vaters zu einem Riesenunternehmen ausbauen. Das erschien mir als das richtige Ziel. Irgendwie noch amerikanischer, als zur Army zu gehen.«
»Sie haben sich also um den Wehrdienst gedrückt?«, fragte Reacher.
Steven nickte. »Ich sollte zur Musterung, aber ich hatte noch Bewerbungen bei verschiedenen Colleges laufen, und der Ausschuss hat mich einfach übergangen. Sein Vorsitzender war ein guter Freund meines Vaters, was vermutlich nicht geschadet hat.«
»Wie reagierte Victor darauf?«
»Das hat ihn nicht weiter gestört. Deswegen gab’s keinen Streit. Ich war kein Kriegsgegner oder so etwas. Ich habe den amerikanischen Einsatz in Vietnam genauso unterstützt wie alle anderen. Das war nur meine persönliche Entscheidung zwischen einer Sache von gestern und einer von morgen. Ich wollte die von morgen. Victor wollte zur Army Er hat natürlich gewusst, dass dieser Weg, na ja, etwas bieder war. Tatsächlich hat Victors Vater die Entscheidung des Jungen ziemlich stark beeinflusst. Er war im Zweiten Weltkrieg nur bedingt tauglich gewesen. Mein Vater hat als Infanterist im Pazifik gekämpft. Victor meinte, seine Familie habe nicht genug geleistet. Deshalb hat er’s für seine Pflicht gehalten, nach Vietnam zu gehen. Das klingt heutzutage spießig, oder? Pflichterfüllung? Aber so haben wir damals eben gedacht. Kein Vergleich zur Denkweise der Kids von heute. Wir waren ziemlich ernsthaft und altmodisch, Victor vielleicht etwas mehr als wir anderen. Sehr ernsthaft, sehr pflichtbewusst. Aber nicht wirklich aus dem Rahmen fallend.«
Reacher hatte drei Viertel der Säcke in den Schuppen geschleppt. Er machte eine Pause und lehnte sich an die Fahrertür des Pick-up. »War er intelligent?«
»Durchschnittlich, denke ich«, antwortete Steven. »Er war in der Schule gut, aber nicht herausragend. Wir hatten im Lauf der Jahre ein paar Kinder an der Schule, die später Anwälte, Ärzte oder dergleichen geworden sind. Einer, etwas jünger als Victor und ich, ist zur NASA gegangen. Victor war intelligent, aber er musste für seine Noten was tun, daran erinnere ich mich noch.«
Reacher schleppte weiter Säcke. Er war froh, dass er die hintersten Regale zuerst gefüllt hatte, weil seine Arme jetzt langsam weh taten.
»Hat er jemals Ärger mit der Polizei gehabt?«
Steven starrte ihn ungeduldig an. »Ärger mit der Polizei? Sie haben mir nicht zugehört, Mister. Victor war ein grundanständiger Junge - und das in einer Zeit, deren schlimmste Kids heutzutage wie die Engel aussehen würden.«
Noch sechs Zementsäcke. Reacher wischte sich die Handflächen an der Hose ab.
»Wie war er, als Sie ihn zuletzt gesehen haben? Zwischen seinen beiden Dienstzeiten in Vietnam?«
Steven überlegte. »Gealtert, würde ich sagen. Ich war ein Jahr älter geworden, Victor hat fünf Jahre älter gewirkt. Trotzdem hatte er sich nicht verändert. Weiterhin ernsthaft, weiterhin pflichtbewusst. Als er hier war, wurde zu seinen Ehren ein Festzug veranstaltet, weil er einen Orden bekommen hatte. Victor war wirklich verlegen, hat immer wieder gesagt, sein Orden sei nicht der Rede wert. Dann ist er fortgegangen und nie wieder aufgetaucht.«
»Wie war Ihnen dabei zu Mute?«
Wieder eine nachdenkliche Pause. »Ich war ziemlich betroffen, glaube ich. Schließlich hatte ich ihn mein ganzes Leben lang gekannt. Mir war’s natürlich lieber gewesen, wenn er heimgekehrt wäre, aber ich war froh, dass er nicht wie so viele im Rollstuhl oder noch schlimmer verwundet zurückgekommen ist.«
Reacher war mit dem Abladen fertig und lehnte sich an den Torpfosten gegenüber von Steven.
»Was ist mit dem Geheimnis? Mit seinem geheimnisumwitterten Verschwinden?«
Steven schüttelte den Kopf und lächelte traurig. »Da gibt’s kein Geheimnis. Victor ist gefallen. Hier geht’s nur um zwei alte Leute, die sich weigern, drei unangenehme Wahrheiten zu akzeptieren, das ist alles.«
»Und die wären?«
»Ganz einfach«, sagte Steven, »die Wahrheit Nummer eins ist, dass ihr Junge nicht mehr lebt. Die Wahrheit Nummer zwei ist, dass er in irgendeinem gottverlassenen, undurchdringlichen Dschungel gestorben ist, wo ihn kein Mensch jemals finden wird. Die Wahrheit Nummer drei ist, dass die Regierung damals zu schummeln begonnen und aufgehört hat, Vermisste als Verluste zu melden, damit die Zahlen nicht allzu hoch wurden. Das waren in diesem Fall - wie viele? Als Victors Hubschrauber abgeschossen wurde, waren vielleicht zehn Mann an Bord. Zehn Namen, die nicht in den Abendnachrichten erwähnt wurden. Das war damals offizielle Politik, was heute niemand mehr eingestehen will.«
»Das ist Ihre Überzeugung?«
»Allerdings«, erwiderte Steven. »Das Kriegsglück hat uns verlassen, und gleichzeitig hat die Regierung Zuflucht zu Lügen genommen. Für meine Generation war das schwer zu akzeptieren. Ihr Jüngeren seid so was vielleicht eher gewöhnt, aber alte Leute wie die Hobies werden sich nie damit abfinden, das können Sie mir glauben!«
Er verfiel in Schweigen, während sein Blick geistesabwesend zwischen dem leeren Pick-up und den vollen Regalen hin und her wanderte. »Hey, Sie haben eine ganze Tonne Zement bewegt. Wollen Sie mit reinkommen, sich die Hände waschen und sich von mir ein Mineralwasser spendieren lassen?«
»Ich muss was essen«, antwortete Reacher. »Ich habe noch kein Mittagessen gehabt.«
Steven nickte, dann lächelte er. »Am besten fahren Sie nach Süden weiter. Gleich hinter dem Bahnhof finden Sie einen Schnellimbiss. Dort haben wir am Samstagabend um halb neun unsere Milkshakes getrunken und sind uns praktisch wie Frank Sinatra vorgekommen.«
Der Schnellimbiss hatte sich offenbar viele Male verändert, seit wagemutige Jungen mit Baseballkarten in den Speichen ihrer Fahrräder dort an Samstagabenden ihre Milkshakes schlürften. Jetzt war er ein Billiglokal aus den siebziger Jahren - niedrig, quadratisch, Klinkerfassade, grünes Dach -, das im Stil der Neunziger mit grellrosa und blauen Leuchtreklamen in sämtlichen Fenstern aufgepeppt war. Reacher nahm die Ledermappe mit, zog die Tür auf und trat in eiskalte Luft, die nach Hamburger und einem starken Desinfektionsmittel roch, mit dem in solchen Lokalen die Tische abgewischt werden. Er setzte sich an die Theke. Eine fröhliche Mittzwanzigerin brachte ihm Besteck, Papierserviette und eine Speisekarte von der Größe einer Reklametafel, auf der alle Gerichte auch farbig abgebildet waren. Er bestellte einen Halbpfünder, englisch gebraten, mit Schweizer Käse, Kohlsalat und Zwiebelringen, und wäre jede Wette eingegangen, dass der Hamburger nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Farbfoto aufweisen würde. Dann trank er sein Eiswasser und ließ sich nachschenken, bevor er die Ledermappe aufklappte.
Er konzentrierte sich auf Victors Briefe an seine Eltern. Insgesamt enthielt die Mappe siebenundzwanzig: dreizehn aus seiner Ausbildungszeit, vierzehn aus Vietnam. Sie bestätigten alles, was er von Ed Steven gehört hatte. Grammatikalisch korrekt, orthografisch richtig, schlichte, klare Ausdrucksweise. In der Schrift geschrieben, die alle amerikanischen Schülergenerationen zwischen den zwanziger und sechziger Jahren gelernt hatten - allerdings leicht rückwärts geneigt. Die Schrift eines Linkshänders. Keiner der siebenundzwanzig Briefe war länger als knapp eineinviertel Seiten. Ein Mensch, der wusste, dass es als unhöflich galt, einen Privatbrief auf der ersten Seite zu beenden. Ein höflicher, pflichtbewusster, linkshändiger, langweiliger, konventioneller, normaler Mensch mit solider Ausbildung, aber bestimmt kein Uberflieger.
Die Bedienung servierte ihm den bestellten Hamburger. Er war an sich ausreichend groß, unterschied sich aber sehr von der riesigen Mahlzeit auf dem Farbfoto in der Speisekarte. Der Kohlsalat schwamm in einer Pappschale in weißem Essig; die Zwiebelringe waren aufgedunsen und gleichmäßig geformt wie kleine braune Autoreifen. Der Schweizer Käse war so dünn geschnitten, dass man hindurchsehen konnte, aber immerhin schmeckte er nach Käse.
Das in Fort Rucker nach der Verleihung des Pilotenabzeichens aufgenommene Foto war schwieriger zu interpretieren. Es war nicht ganz scharf, und unter dem Mützenschirm lagen Victors Augen in tiefem Schatten. Er hielt die Schultern gestrafft, und sein Körper war sichtbar angespannt. Vor Stolz fast platzend oder seiner Mutter wegen verlegen? Das war schwer zu beurteilen. Aufgrund der Mundform entschied Reacher sich zuletzt für Stolz. Er war mit leicht herabgezogenen Mundwinkeln zu einer schmalen Linie zusammengepresst, um ein freudiges Grinsen zu unterdrücken. Dieses Foto zeigte einen jungen Mann auf dem Höhepunkt seines bisherigen Lebens. Alle Ziele erreicht, alle Träume verwirklicht. Zwei Wochen später war er nach Übersee unterwegs. Reacher blätterte in den Briefen, um den aus Mobile zu suchen. Kurz vor dem Auslaufen in einer Koje sitzend geschrieben. Nach dem Ablegen des Schiffs von einem Marineschreiber aufgegeben. Nüchterne Sätze, eineinviertel Seiten lang. Rigoros im Zaum gehaltene Emotionen. Dieser Brief sagte überhaupt nichts aus.
Reacher zahlte und gab der Bedienung zwei Dollar Trinkgeld, weil sie so fröhlich war. Hätte sie an dem Tag, an dem sie in den Krieg zog, eineinviertel Seiten Belanglosigkeiten nach Hause geschrieben? Nein, sie wäre niemals in den Krieg gezogen. Victors Hubschrauber war sechs oder sieben Jahre vor ihrer Geburt abgeschossen worden, und den Vietnamkrieg kannte sie nur aus dem Geschichtsunterricht.
Es war noch viel zu früh, um direkt in die Wall Street zurückzufahren. Jodie hatte sieben Uhr gesagt. Also musste er sich noch mindestens zwei Stunden die Zeit vertreiben. Er setzte sich in den Taurus und schaltete die Lüftung ein, um die Hitze zu vertreiben. Dann strich er die Straßenkarte auf der Ledermappe glatt und fuhr mit dem Zeigefinger die Strecke nach, die er von Brighton aus fahren wollte. Auf der Route 9 zum Bear Mountain Parkway, auf ihm nach Osten zum Taconic Parkway und dann nach Süden zum Sprain Parkway, der ihn zum Bronx River Parkway bringen würde. Dieser Parkway führte zum Botanischen Garten New Yorks, den er noch nie gesehen hatte und auf den er nun gespannt war.
Marilyn bekam ihren Lunch kurz nach drei Uhr. Sie hatte die Arbeit der Gebäudereiniger kontrolliert, bevor die Kolonne wieder abzog, und war sehr zufrieden damit. Für den Teppichboden in der Diele hatten sie einen Dampfreiniger benutzt - nicht wegen starker Verschmutzung, sondern weil das die beste Methode war, um den durch die Anrichte niedergedrückten Teppichflor wieder aufzurichten. Der Dampf ließ die Wollfasern leicht aufquellen, und nach gründlichem Staubsaugen war nicht mehr zu sehen, dass dort ein schweres Möbelstück gestanden hatte.
Sie duschte ausgiebig und wischte die Armaturen und Fliesen der Duschkabine mit einem Handtuch trocken, damit sie fleckenlos glänzten. Dann kämmte sie sich und ließ ihr Haar an der Luft trocknen. Es würde sich später wegen der im Juni hohen Luftfeuchtigkeit leicht kräuseln. Dann zog sie sich an, was schnell ging, weil sie nur ein Kleidungsstück überzustreifen brauchte. Sie schlüpfte in Chesters Lieblingskleid, ein Seidenkleid in Dunkelrosa, das am besten aussah, wenn sie nichts darunter trug. Es ließ ihre Knie gerade noch frei, und obwohl nicht hauteng, betonte es ihre Figur, als sei es maßgeschneidert - was es auch war, obwohl Chester das nicht wusste. Er dachte, sie habe es durch Zufall in einem Kaufhaus entdeckt. Sie ließ ihn gern in diesem Glauben, nicht wegen des Preises, sondern weil es ihr, nun, etwas verrucht vorkam, dass sie sich eigens ein sexy Kleid hatte nähen lassen. Und seine Wirkung auf Chester war garantiert. Es wirkte wie ein Aufputschmittel, und sie trug es nur, wenn sie glaubte, er habe eine Belohnung verdient. Oder um ihn abzulenken. Und heute Abend würde er Ablenkung brauchen, wenn er beim Heimkommen feststellen musste, dass sein Haus zum Verkauf stand und seine Frau die Initiative ergriffen hatte. Dieser Abend würde bestimmt schwierig werden, und Marilyn war entschlossen, jeden Vorteil zu nutzen, der ihr dabei half, ihn besser zu überstehen.
Marilyn wählte die Gucci-Sandalen, die in der Farbe genau zum Kleid passten und ihre Beine lang erscheinen ließen. Dann ging sie nach unten in die Küche, aß ihren Lunch, der aus einem Apfel und einer Scheibe Magerkäse bestand, und kehrte nach oben zurück, um sich nochmals die Zähne zu putzen und über ihr Make-up nachzudenken. Da sie unter dem Kleid nackt war und ihr Haar auf natürliche Art unfrisiert trug, wäre es am besten gewesen, jegliche Schminke wegzulassen, aber sie war selbstkritisch genug, um zu wissen, dass sie sich das in ihrem Alter nicht mehr erlauben konnte. Deshalb machte sie sich an die Arbeit, sich sorgfältig so herzurichten, dass es aussah, als habe sie sich nicht die Mühe gemacht, Make-up aufzulegen.
Das dauerte gut zwanzig Minuten. Anschließend lackierte sie sich die Nägel, auch die Fußnägel, für den Fall, dass sie ihre Sandalen nicht lange tragen würde. Und während sie sich etwas von ihrem Lieblingsparfüm hinter die Ohren tupfte, klingelte das Telefon. Sheryl rief an.
»Marilyn?«, sagte sie, »erst sechs Stunden auf dem Markt, und schon hast du einen Interessenten!«
»Tatsächlich? Aber wen? Und wie?«
»Gleich am ersten Tag, bevor du auf irgendeiner Liste stehst, ist das nicht wundervoll? Der Interessent ist ein Gentleman, der mit seiner Familie herziehen will. Er ist durch die Gegend gefahren, um sie ein wenig kennen zu lernen, und hat dein Schild gesehen. Er ist schnurstracks zu mir gekommen, um sich über die Einzelheiten zu informieren. Bist du so weit? Kann ich gleich mit ihm rüberkommen?«
»Wow, gleich jetzt? Sofort? Das geht schnell, was? Aber ich bin so weit. Sheryl? Glaubst du, dass er es ernst meint?«
»Ja, da bin ich mir ganz sicher. Er ist nur heute hier und muss am Abend wieder nach Chicago zurückfliegen.«
»Also gut, bring ihn rüber. Ich erwarte euch.«
Marilyn legte den Hörer auf, lief in die Küche und schaltete den Backofen ein. Kippte ein Häufchen Kaffeebohnen auf eine Untertasse und stellte sie aufs mittlere Blech. Dann warf sie das Kerngehäuse ihres Apfels in den Mülleimer und stellte den benutzten Teller in die Spülmaschine. Ließ Wasser in den Ausguss laufen, wischte ihn mit Küchenkrepp sauber und trat dann zurück, um den Raum zu inspizieren. Sie ging ans Fenster und verstellte die Jalousie etwas, damit Sonnenlicht auf die glänzend polierten Fliesen fiel.
»Perfekt«, sagte sie zu sich selbst.
Sie lief wieder die Treppe hinauf und fing mit dem Obergeschoss an. Nahm sich ein Zimmer nach dem anderen vor, begutachtete, kontrollierte, rückte Vasen zurecht, verstellte Jalousien, schüttelte Kissen auf. Und sie machte überall Licht. Irgendwo hatte sie gelesen, erst in Anwesenheit des Käufers eingeschaltete Lampen signalisierten, das Haus sei düster. Sie sollten deshalb schon vorher brennen, um zu vermitteln, dass der Interessent willkommen sei.
Dann rannte sie wieder nach unten. Im Familienzimmer zog sie die Jalousien hoch, damit der Pool richtig zur Geltung kam. Im Arbeitszimmer schaltete sie die Leselampen ein und schloss die Jalousie fast ganz, damit der Raum behaglich wirkte. Dann ging sie ins Wohnzimmer. Scheiße, Chesters Beistelltisch stand noch dort, wo sein Sessel sich befunden hatte. Sie hob ihn hoch und eilte damit zur Kellertreppe. Draußen knirschten Reifen über den Kies. Sie riss die Kellertür auf, lief die Treppe hinunter, stellte den Tisch ab, hastete wieder nach oben, schloss die Kellertür und verschwand auf der Toilette. Strich das Gästehandtuch glatt, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und betrachtete sich im Spiegel. Gott! Sie trug ihr Seidenkleid. Mit nichts darunter. Das feine Gewebe klebte an ihrem Körper. Was zum Teufel würde dieser arme Mensch von ihr denken?
Das Schrillen der Türklingel. Marilyn stand wie erstarrt. Hatte sie noch Zeit, sich umzuziehen? Natürlich nicht. Sie waren da, warteten vor der Haustür und klingelten. Wenigstens eine Jacke oder irgendwas? Wieder ein Klingeln. Sie atmete tief durch, wackelte mit den Hüften, damit die Seide lockerer fiel, und ging den Flur entlang. Holte erneut tief Luft und öffnete die Haustür.
Sheryl strahlte sie an, aber Marilyn hatte nur Augen für den Interessenten. Er war ziemlich groß, Anfang bis Mitte fünfzig, grauhaarig, trug einen dunklen Anzug und stand halb zur Seite gedreht da, als begutachte er die Stauden entlang der Einfahrt. Sie warf einen Blick auf seine Schuhe, weil Chester immer sagte, Wohlstand und gute Kinderstube zeigten sich an den Füßen. Die hier sahen ziemlich gut aus. Schwere, auf Hochglanz polierte Oxfords. Marilyn lächelte. War das möglich? Binnen sechs Stunden verkauft? Das wäre ein toller Erfolg. Sie wechselte rasch einen Verschwörerblick mit Sheryl, dann wandte sie sich dem Mann zu.
»Bitte kommen Sie herein«, sagte sie herzlich und streckte ihm die Hand hin.
Er wandte sich ihr langsam zu, starrte sie an, ganz offen und unverhohlen. Unter seinem Blick fühlte sie sich nackt. Sie war praktisch nackt. Aber sie starrte ihn ebenfalls an, weil eine Hälfte seines Kopfs mit leuchtend rosa Brandnarben bedeckt war. Marilyns Lächeln gefror zu einer Grimasse, sie ließ aber weiterhin ihre Hand ausgestreckt. Er schien kurz zu zögern, hob dann seine Hand, als wolle er die ihre erfassen. Aber das war keine Hand, sondern ein glänzender Metallhaken. Keine künstliche Hand, keine kunstvolle Prothese, nur ein schrecklicher Haken aus blankem Stahl.
Reacher hielt um achtzehn Uhr fünfzig am Randstein vor dem sechzigstöckigen Gebäude in der Wall Street. Er ließ den Motor laufen und suchte mit den Augen einen Bereich ab, dessen Spitze am Ausgang des Gebäudes lag und der sich nach beiden Seiten so weit über die Plaza erstreckte, wie die Gefahrenzone reichte, in der jemand sie vor ihm erreichen konnte. In diesem Dreieck hielt sich niemand auf, der ihn beunruhigte. Niemand, der dort herumlungerte, niemand, der die Drehtür beobachtete; nur ein dünner Strom von Angestellten, die mit Jacketts oder Kostümjacken über dem Arm und schweren Aktenkoffern in der Hand aus dem Gebäude kamen. Die meisten bogen nach links ab, um zur U-Bahn zu gehen. Manche traten zwischen die am Randstein geparkten Wagen, um im Verkehrsstrom nach einem freien Taxi Ausschau zu halten.
Die Autos am Randstein sahen unverdächtig aus. Der Wagen vor ihm war ein UPS-Fahrzeug; hinter ihm parkten mehrere Limousinen, deren Chauffeure auf dem Gehsteig stehend auf ihre Fahrgäste warteten. Harmlose Geschäftigkeit, der Ausklang eines anstrengenden Tages. Reacher lehnte sich auf dem Fahrersitz zurück, um zu warten, während seine Augen ruhelos die Gefahrenzone absuchten und dabei immer wieder zu der Drehtür zurückkehrten.
Jodie tauchte einige Minuten vor sieben Uhr auf - früher als erwartet. Er entdeckte sie durchs Glas, im Foyer, als sie zum Ausgang hastete. Einen Augenblick lang fragte er sich, ob sie bereits auf seine Ankunft gewartet hatte. Zeitlich kam das ungefähr hin. Sie konnte den Taurus von ihrem Bürofenster aus gesehen haben und gleich zum Aufzug gegangen sein. Jetzt kam sie durch die Drehtür auf die Plaza. Er stieg aus und blieb wartend auf dem Gehsteig stehen. Sie trug wieder ihren Pilotenkoffer.
»Hallo, Reacher!«, rief sie.
»Hallo, Jodie«, sagte er.
Sie wusste etwas. Das las er in ihrem Gesicht. Sie hatte eine wichtige Nachricht für ihn, aber sie lächelte, als habe sie vor, ihn noch etwas zappeln zu lassen.
»Was?«, fragte er.
Jodie schüttelte den Kopf. »Du zuerst, okay?«
Sie stiegen ins Auto, und er berichtete von seinem Besuch bei dem alten Ehepaar. Ihr Lächeln verschwand, sie wurde zusehends ernster. Dann gab er ihr die abgewetzte Ledermappe und ließ sie den Inhalt durchblättern, während er sich entgegen dem Uhrzeigersinn durch den abendlichen Berufsverkehr kämpfte und einen engen Kreis beschrieb, der auf dem Broadway zwei Blocks nördlich von ihrer Wohnung endete. Dort hielt er vor einer Espressobar. Jodie hatte Rutters Bericht gelesen und studierte nun das Foto, das den ausgezehrten Grauhaarigen mit dem asiatischen Soldaten zeigte.
»Unglaublich«, sagte sie leise.
»Gib mir deine Schlüssel«, verlangte er. »Du trinkst inzwischen einen Kaffee, und ich komme zu Fuß zurück, wenn ich weiß, dass in deinem Haus alles in Ordnung ist.«
Sie erhob keine Einwände, gab ihm einfach die Schlüssel, stieg aus, huschte über den Gehsteig und betrat den Coffeeshop. Er wartete, bis sie darin verschwand, und fuhr dann nach Süden weiter. Er lenkte den Taurus direkt in die Tiefgarage. Dies war ein anderer Wagen, und falls unten jemand lauerte, würde er lange genug zögern, um ihm den Vorsprung zu verschaffen, den er brauchte. Aber die Garage war menschenleer. Hier standen nur dieselben Fahrzeuge wie am Tag zuvor. Er parkte den Wagen auf Jodies Stellplatz und ging die Metalltreppe zur Eingangshalle hinauf. Auch dort begegnete ihm niemand. Niemand im Aufzug, niemand auf dem Flur im dritten Stock. Die Wohnungstür war unbeschädigt. Er schloss auf und trat über die Schwelle. Auch hier niemand.
Reacher lief die Treppe hinunter und trat auf die Straße hinaus. Ging die zwei Blocks weit nach Norden, betrat den Coffeeshop und fand Jodie allein an einem verchromten Tisch sitzen, an dem sie, neben sich einen unberührten Espresso, Victor Hobies Briefe las.
»Trinkst du den noch?«, fragte er.
Sie legte das Dschungelfoto sorgfältig auf den Briefstapel.
»Dies alles hat weitreichende Auswirkungen«, sagte sie.
Er deutete das als Verneinung, zog die Tasse zu sich heran und leerte sie mit einem einzigen Schluck. Der Espresso war nur noch lauwarm, aber sehr stark.
»Komm, wir gehen«, sagte sie. Sie ließ zu, dass er ihren Aktenkoffer trug, und hakte sich bei ihm ein. An der Glastür gab Reacher ihr die Schlüssel zurück, dann durchquerten sie das Foyer und fuhren schweigend mit dem Lift nach oben. Jodie sperrte ihre Wohnungstür auf und trat vor ihm über die Schwelle.
»Also sind irgendwelche staatlichen Stellen hinter uns her«, sagte sie.
Er äußerte sich nicht dazu, zog nur sein Sakko aus und warf es aufs Sofa unter der Mondrian-Kopie.
»So muss es sein«, sagte sie.
Er trat ans Fenster und verstellte die Jalousie. Helles Tageslicht fiel durch die Lamellen und ließ den weißen Raum erstrahlen.
»Wir sind den Geheimnissen dieser Lager auf der Spur«, fuhr sie fort. »Deshalb versucht die Regierung, uns zum Schweigen zu bringen. Durch die CIA oder sonst wen.«
Er ging an ihr vorbei in die Küche. Zog die Kühlschranktür auf und holte eine Flasche Mineralwasser heraus.
»Wir sind in ernster Gefahr«, stellte sie fest. »Dir scheint das keine großen Sorgen zu machen.«
Er zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck Wasser. Es war ihm viel zu kalt. Er mochte es lieber, wenn es Zimmertemperatur hatte.
»Das Leben ist zu kurz, um es mit Sorgen zu vertun«, erwiderte er.
»Dad hat sich Sorgen gemacht. Davon ist sein Herzleiden schlimmer geworden.«
Er nickte. »Ja, ich weiß. Tut mir Leid.«
»Warum nimmst du die Sache dann nicht ernst? Glaubst du ihnen nicht?«
»Doch, ich glaube ihnen«, sagte er. »Jedes Wort.«
»Und das Foto ist der Beweis, richtig? Dieser Ort existiert offenbar wirklich.«
»Ich weiß, dass er existiert«, sagte er. »Ich bin selbst dort gewesen.«
Sie starrte ihn an. »Du warst dort? Wann? Wie?«
»Das ist noch nicht lange her«, antwortete er. »Ich bin ungefähr so nahe rangekommen wie dieser Rutter.«
»O Gott, Reacher«, sagte sie. »Was willst du wegen dieser Sache unternehmen?«
»Ich werde mir eine Pistole beschaffen.«
»Nein, wir sollten zur Polizei gehen. Oder uns vielleicht an die Presse wenden. Damit darf die Regierung nicht durchkommen.«
»Du wartest hier auf mich, okay?«
»Wohin willst du?«
»Ich gehe mir eine Pistole kaufen. Dann besorge ich uns eine Pizza. Die bringe ich mit.«
»Du kannst keine Pistole kaufen, nicht in New York City, verdammt noch mal! Das ist alles gesetzlich geregelt. Als Käufer musst du dich ausweisen und außerdem fünf Tage warten, bis du die Waffe bekommst.«
»Eine Pistole kann man überall kriegen«, sagte er. »Besonders in New York City Was möchtest du auf deiner Pizza?«
»Hast du genug Geld?«
»Für die Pizza?«
»Für die Pistole«, entgegnete sie.
»Die kostet weniger als die Pizza«, sagte er. »Sperr hinter mir ab, ja? Und mach nicht auf, ohne vorher durch den Spion zu schauen.«
Er ließ sie mitten in der Küche stehen. Ging die Treppe hinunter, verweilte einen Moment auf dem Gehsteig, um sich zu orientieren. In der nächsten Querstraße in südlicher Richtung hatte er eine Pizzeria entdeckt. Dort bestellte er eine große Pizza, halb mit Anchovis und Kapern, halb mit Peperoni belegt, die in einer halben Stunde fertig sein sollte. Dann marschierte er auf dem Broadway ostwärts. Er kannte New York gut genug, um zu wissen, dass sich hier alles rasch veränderte - zeitlich wie räumlich. Innerhalb weniger Blocks ging ein Stadtviertel ins andere über. Manchmal war ein Gebäude vorn ein Mittelstandsparadies, während dahinter Stadtstreicher schliefen. Er wusste, dass ein flotter zehnminütiger Fußmarsch ihn in eine Gegend bringen würde, die Welten von Jodies Luxusapartment entfernt war.
Was er suchte, fand er unter der Auffahrt zur Brooklyn Bridge. Dort lag ein Gewirr von Straßen, in denen es ein paar schäbige kleine Läden mit übervollen Schaufenstern und ein Basketballfeld mit Ketten statt Netzen unter den Korbringen gab. Die schwüle Luft war voller Lärm und Abgase. Reacher bog um eine Ecke, blieb an den Maschendrahtzaun des Basketballfelds gelehnt stehen und beobachtete, wie zwei Welten aufeinandertrafen. Einerseits floss der Verkehr zügig, und die Fußgänger waren eilig unterwegs; andererseits parkten viele Autos mit laufendem Motor, und Leute standen in kleinen Gruppen beisammen. Der Verkehr musste den stehenden Wagen ausweichen, und die Fußgänger schubsten und beschwerten sich über die Herumlungerer, die ihnen den Weg versperrten. Manchmal hielt ein Auto am Randstein, und ein Junge stürzte nach vorn ans Fahrerfenster. Ein kurzes Gespräch, dann wurde Geld übergeben und verschwand wie durch einen Zaubertrick. Der Junge flitzte zu einer Haustür zurück und verschwand. Im nächsten Augenblick tauchte er wieder auf und kam erneut zu dem Wagen. Der Fahrer blickte sich kurz um, griff hastig nach einem Drogenbriefchen und fuhr mit aufheulendem Motor unter wildem Gehupe anderer Verkehrsteilnehmer davon. Der Junge nahm wieder seinen Posten auf dem Gehsteig ein und wartete.
Manche Kunden kamen zu Fuß, aber das System blieb immer das gleiche. Die Jungen dienten als Sicherung. Sie brachten das Geld hinein und die Päckchen heraus, und sie waren zu jung, um strafmündig zu sein. Reacher beobachtete, wie sie von drei über den gesamten Block verteilten Eingängen aus operierten. Das lebhafteste Geschäft lief vor dem mittleren Hauseingang ab - ungefähr zwei zu eins, was den Umsatz betraf. Dies war das elfte Gebäude, wenn man von Süden aus zählte. Reacher stieß sich vom Zaun ab und ging nach Osten davon. Vor ihm lag ein unbebautes Grundstück, über das hinweg er kurz den Fluss sehen konnte. Hoch über ihm spannte sich die Brooklyn Bridge. Er wandte sich nach Norden und folgte einer schmalen Gasse hinter den Gebäuden. Zählte elf an ihren Rückseiten angebrachte eiserne Feuertreppen und sah die schwarze Limousine, die in einer engen Lücke neben dem elften Hintereingang parkte. Auf dem Kofferraumdeckel saß ein Junge von achtzehn oder neunzehn Jahren mit einem Handy in der Hand. Als Bewacher des Hintereingangs stand er auf der Karriereleiter eine Stufe höher als seine kleinen Brüder, die vorn über den Gehsteig flitzten.
Sonst war niemand zu sehen. Der Junge war auf sich allein gestellt. Für Reacher kam es jetzt darauf an, schnell zu gehen und sich scheinbar auf etwas weit jenseits der Zielperson zu konzentrieren. Der Typ musste den Eindruck haben, er werde kaum wahrgenommen. Reacher sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. Er ging eilig, rannte fast. Den Wagen beachtete er erst im letzten Augenblick, als werde er durch ihn plötzlich in die Gegenwart zurückgeholt. Der Junge beobachtete ihn. Reacher wich nach links aus, obwohl er wusste, dass er dort nicht an der Limousine vorbeikommen würde. Dann blieb er irritiert stehen und machte mit der angestauten Wut eines Mannes, der es eilig hat und durch ein lästiges Hindernis aufgehalten wird, auf dem Absatz kehrt. Aus dieser Bewegung heraus traf sein linker Arm den Jungen seitlich am Kopf. Als der Junge wegkippte, verpasste er ihm einen verhältnismäßig sanften rechten Haken. Schließlich wollte er ihn nicht gleich krankenhausreif schlagen.
Er ließ ihn vom Kofferraumdeckel fallen, ohne ihn aufzufangen, weil er sehen wollte, ob er wirklich außer Gefecht war. Wer bei Bewusstsein ist, versucht immer, seinen Sturz etwas abzumildern. Das tat dieser Junge nicht. Er schlug mit dumpfem Aufprall aufs Pflaster. Reacher drehte ihn auf den Rücken und durchsuchte seine Taschen. Der Junge besaß eine Waffe, aber die war nichts, was er triumphierend hätte vorzeigen können. Eine chinesische Kleinkaliberpistole, vermutlich ein Nachbau eines russischen Nachbaus einer Waffe, die von Anfang an wertlos gewesen war. Er beförderte sie mit einem Tritt außer Reichweite unter den Wagen.
Reacher wusste, dass die Hintertür des Mietshauses unverschlossen sein würde, denn das war der Zweck eines Hinterausgangs, wenn man etwa hundertfünfzig Meter südlich der Police Plaza einen schwunghaften Drogenhandel betrieb. Kommen sie vorn herein, muss man durch die Hintertür abhauen können, ohne nach dem Schlüssel fummeln zu müssen. Er stieß sie mit der Fußspitze auf und warf einen Blick ins Halbdunkel des Flurs. Rechts vor sich erkannte er eine Tür, unter der sich ein heller Streifen Licht abzeichnete. Bis dorthin waren es ungefähr zehn Schritte.
Hier zu warten, war zwecklos. Dort würde niemand herauskommen, um zum Abendessen zu gehen. Er setzte sich in Bewegung, machte zehn Schritte und blieb an der Tür stehen. Das Gebäude stank nach Verfall, Schweiß und Urin. Es war auffällig still. Ein unbewohntes Gebäude. Reacher horchte. Aus dem Raum war eine halblaute Stimme zu hören. Dann antwortete jemand. Also mindestens zwei Männer.
Die Tür aufzustoßen und dazustehen, um sich ein Bild von der Situation zu machen, ist nicht die richtige Methode. Der Kerl, der auch nur eine Sekunde zögert, ist derjenige, der früher stirbt. Nach Reachers Schätzung war das Gebäude rechts und links des Korridors, in dem er stand, vier bis fünf Meter breit. Also würde er die wenigen Meter in den Raum hineinstürmen, bevor die Männer überhaupt begriffen, was da geschah. Sie würden die Tür anstarren und sich fragen, ob noch weitere Eindringlinge folgten.
Er holte tief Luft und katapultierte sich durch die Tür, als sei sie überhaupt nicht da. Sie knallte an die Wand, und Reacher durchquerte den Raum mit drei, vier riesigen Schritten. Trübes Licht. Eine einzelne nackte Glühbirne. Zwei Männer. Drogenbriefchen auf dem Tisch, Geld und eine Schusswaffe. Er traf den ersten Kerl mit einem gewaltigen Schlag genau an der Schläfe. Der Mann fiel zur Seite, und Reacher setzte ihn mit einem Kniestoß in den Unterleib außer Gefecht, während er zu dem zweiten Kerl unterwegs war, der mit vor Angst geweiteten Augen und aufgerissenem Mund von seinem Stuhl aufstehen wollte. Reacher traf ihn mit seinem Unterarm genau zwischen Augenbrauen und Haaransatz. Wurde der Schlag kräftig genug geführt, war der Betroffene eine halbe Stunde lang bewusstlos, aber sein Schädel blieb heil. Schließlich sollte dies eine Einkaufstour und keine Hinrichtung sein.
Reacher stand still und horchte durch die offene Tür nach draußen. Nichts. Der Typ am Hinterausgang schlief, und der Straßenlärm lenkte die Jungen auf dem Gehsteig ab. Er warf einen Blick auf den Tisch und sah wieder weg, weil die dort liegende Schusswaffe ein Colt Detective Special war. Ein sechsschüssiger Revolver Kaliber 38 aus brüniertem Stahl mit Griffschalen aus schwarzem Kunststoff. Mit gedrungenem, kaum fünf Zentimeter langem Lauf. Keine brauchbare Waffe. Nicht mal andeutungsweise das, was er suchte. Der kurze Lauf war ein Manko, und das Kaliber enttäuschend. Er erinnerte sich an einen Cop aus Louisiana, Captain einer kleinen Polizeistation im Bayou, den er einmal kennen gelernt hatte. Der Kerl war zur Militärpolizei gekommen, um sich in Bezug auf Schusswaffen beraten zu lassen, und Reacher hatte den Auftrag erhalten, sich um ihn zu kümmern. Der Captain hatte alle möglichen traurigen Geschichten über die Revolver Kaliber 38 erzählt, mit denen seine Männer bewaffnet waren. Man kann sich einfach nicht darauf verlassen, dass die einen Kerl umlegen, nicht wenn er mit Engelstaub vollgepumpt auf einen zustürmt, war sein Kommentar. Und er hatte von einem Selbstmord berichtet, bei dem sich das arme Opfer mit einem solchen Revolver fünfmal in den Kopf schießen musste, um sein Ziel zu erreichen. Reacher war so beeindruckt davon, dass er beschlossen hatte, dieses Kaliber in Zukunft zu meiden, und von diesem Vorsatz wollte er auch jetzt nicht abweichen. Deshalb kehrte er dem Tisch den Rücken zu und horchte erneut nach draußen. Nichts. Er ging neben dem Mann, den er an der Stirn getroffen hatte, in die Hocke und tastete seinen Oberkörper ab.
Die umsatzstärksten Dealer verdienten das meiste Geld, und damit konnten sie sich die besten Spielsachen leisten - deshalb war Reacher hier. Genau die Waffe, die er suchte, entdeckte er in der linken Brusttasche des Kerls. Etwas weit Besseres als einen kümmerlichen Revolver Kaliber 38. Eine große schwarze Steyr GB, eine attraktive Neunmillimeterpistole, von der Reachers alte Freunde bei den Special Forces immer geschwärmt hatten. Er zog sie heraus und überprüfte sie. Das Magazin enthielt alle achtzehn Patronen, und die Kammer roch, als sei aus ihr noch nie geschossen worden. Er betätigte den Abzug und beobachtete, wie der Mechanismus sich bewegte. Dann setzte er die Pistole wieder zusammen, steckte sie hinten in seinen Hosenbund und lächelte zufrieden. Er beugte sich zu dem Bewusstlosen hinunter und flüsterte: »Ich kaufe dir deine Steyr für einen Dollar ab. Passt dir das nicht, brauchst du bloß den Kopf zu schütteln, okay?«
Dann stand er auf, nahm einen Eindollarschein von dem Packen Geld in seiner Hosentasche und ließ ihn mit dem Detective Special beschwert auf dem Tisch liegen. Trat wieder auf den Korridor hinaus. Alles war ruhig. Er ging die zehn Schritte zurück und kam wieder ins Helle. Sah nach beiden Seiten der Gasse, bevor er die Fahrertür der schwarzen Limousine öffnete und den Hebel betätigte, der den Kofferraumdeckel aufspringen ließ. Im Kofferraum fand er eine leere Sporttasche aus schwarzem Nylon und unter dem rot-schwarzen Geschlängel eines Starthilfekabels eine kleine Schachtel Neunmillimeterpatronen. Er nahm die Sporttasche, legte die Patronenschachtel hinein und verschwand. Die Pizza wartete schon auf ihn, als er wieder den Broadway erreichte.
Es passierte ganz plötzlich. Ohne Vorwarnung. Sobald sie im Haus waren und die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, schlug der Mann mit dem zu, was sich in seinem leeren Ärmel verbarg, und traf Sheryls Gesicht. Marilyn war vor Entsetzen wie gelähmt. Sie sah, wie der Mann ausholte und der Haken einen Bogen beschrieb, und sie hörte den dumpfen Aufprall, mit dem er Sheryls Gesicht traf. Sie schlug beide Hände vor den Mund, als sei es entscheidend wichtig, jetzt nicht aufzuschreien. Sie sah, wie der Mann zu ihr herumwirbelte, unter seine rechte Achsel griff und mit der linken Hand eine Pistole zog. Sie sah Sheryl rückwärts zu Boden sinken und auf dem Teppichboden liegen bleiben, der von der Dampfreinigung noch feucht war. Sie sah die Pistole einen Bogen beschreiben, der dem vorigen entgegengesetzt war, bis sie genau auf sie zielte. Die Waffe war grau, mit einem Ölfilm überzogen. Ein stumpfes Grau, das jedoch glänzte. Sie machte auf ihre Brust zielend Halt, und Marilyn starrte sie an und konnte nur denken: Das meinen die Leute also, wenn sie von Metallgrau reden.
»Herkommen!«, befahl der Mann.
Marilyn war wie gelähmt. Ihre Hände bedeckten den Mund, und ihre Augen waren so weit aufgerissen, dass sie fürchtete, ihre Gesichtshaut könnte reißen.
»Herkommen!«, wiederholte der Mann.
Sie starrte auf Sheryl hinunter, die sich auf den Bauch gewälzt hatte und sich auf ihren Ellbogen aufzurichten versuchte. Sie schielte und hatte starkes Nasenbluten. Ihre Oberlippe begann anzuschwellen, und von ihrem Kinn tropfte Blut. Ihr Rock war so weit hochgerutscht, dass Marilyn sehen konnte, wo ihre Strumpfhose in den blickdichten Teil überging. Sie atmete keuchend. Dann gaben ihre Ellbogen wieder nach, und sie rutschte mit gespreizten Knien nach vorn. Ihr Kopf knallte mit einem dumpfen Schlag auf den Teppichboden und rollte zur Seite.
»Herkommen!«, befahl der Mann noch einmal.
Marilyn starrte sein Gesicht an. Es war völlig unbeweglich. Die Narben sahen wie harter Kunststoff aus. Ein Auge lag unter einem Lid, das dick und grob wie Schwielen zu sein schien. Das andere musterte sie kalt und ohne zu blinzeln. Sie fixierte die Pistole. Die kaum einen halben Meter von ihrer Brust entfernte Waffe bewegte sich nicht. Die Hand, die sie hielt, war glatt und gepflegt. Die Fingernägel waren manikürt. Marilyn trat einen winzigen Schritt vor.
»Näher.«
Sie schob ihre Füße vor, bis die Mündung der Pistole ihr Kleid berührte. Durch die dünne Seide hindurch konnte sie die Härte und Kälte des grauen Metalls spüren.
»Näher.«
Sie starrte ihn an. Sein Gesicht befand sich nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Die Haut links war grau und von Runzeln durchzogen, das gesunde Auge von Fältchen umgeben. Das rechte Auge blinzelte. Sein Lid bewegte sich langsam und schwerfällig. Es senkte und hob sich dann wieder - bedächtig, wie eine Maschine. Sie lehnte sich etwas weiter vor. Die Pistolenmündung drückte gegen ihre Brust.
»Näher.«
Marilyn bewegte die Füße. Er erhöhte den Druck auf die Waffe. Das Metall presste sich in ihr weiches Fleisch, bohrte sich in ihre Brust. In der Seide bildete sich ein tiefer Krater. Es tat ihr weh. Der Mann hob seinen rechten Arm, den mit dem Haken. Er hielt ihn ihr vor die Augen. Der Haken bestand aus blank poliertem Stahl. Der Mann drehte ihn mit einer unbeholfenen Bewegung seines rechten Unterarms. Sie hörte in seinem Ärmel Leder knarren. Der Haken lief vorn spitz aus. Er drehte die Spitze weg und legte den flachen Teil der Rundung an ihre Stirn. Sie zuckte zusammen. Der Stahl war kalt. Er ließ ihn über Stirn und Nase tiefer gleiten. Drückte ihn gegen ihre Oberlippe. Presste ihn gegen ihren Mund, bis er sich öffnete. Tippte leicht an ihre Vorderzähne. Der Haken verfing sich an der Unterlippe, weil sie trocken war. Der Mann zog ihre Lippe mit dem Stahl herab. Er fuhr mit dem Haken über ihr Kinn und von dort aus zu ihrer Kehle. Dann wieder hinauf, bis er unter Marilyns Unterkiefer zu liegen kam. Er zwang sie durch die Kraft seiner Schulter, den Kopf zu heben, und starrte ihr in die Augen.
»Mein Name ist Hobie«, sagte er.
Sie stand auf Zehenspitzen, um den Druck auf ihre Kehle zu verringern, und begann zu würgen. Sie konnte sich nicht erinnern, Atem geholt zu haben, seit sie die Haustür geöffnet hatte.
»Hat Chester Ihnen von mir erzählt?«
Marilyns Kopf wurde nach hinten gedrückt. Sie starrte die Decke an. Die Pistolenmündung bohrte sich weiter in ihre Brust. Sie war nicht mehr kalt. Die Hitze ihres Körpers hatte sie angewärmt. Sie schüttelte den Kopf - eine kleine hastige Bewegung, die durch den Druck des Hakens begrenzt wurde.
»Er hat Ihnen nicht von mir erzählt?«
»Nein«, keuchte sie. »Wieso? Hätte er’s tun sollen?«
»Ist er ein verschlossener Mann?«
Sie schüttelte nochmals den Kopf. Wieder diese hastige kleine Bewegung, bei der die Haut unter ihrem Kinn sich an dem blanken Stahl rieb.
»Hat er Ihnen von seinen finanziellen Problemen erzählt?«
Sie blinzelte. Schüttelte erneut den Kopf.
»Dann ist er also verschlossen.«
»Schon möglich«, keuchte sie. »Aber ich hab’s trotzdem gewusst.«
»Hat er eine Freundin?«
Sie blinzelte wieder. Schüttelte den Kopf.
»Wie wollen Sie das wissen?«, fragte Hobie. »Wenn er doch verschlossen ist?«
»Was wollen Sie?«, keuchte Marilyn.
»Aber er braucht keine Freundin, denke ich. Sie sind eine sehr schöne Frau.«
Sie blinzelte, stand auf Zehenspitzen. Die Absätze ihrer Gucci-Sandalen berührten den Teppichboden nicht mehr.
»Ich habe Ihnen gerade ein Kompliment gemacht«, stellte Hobie fest. »Sollten Sie sich nicht irgendwie dazu äußern? Höflich?«
Er verstärkte den Druck. Der Stahl grub sich ins Fleisch ihrer Kehle. Ihr linker Fuß stand nicht mehr auf dem Boden.
»Danke«, keuchte sie.
Der Druck des Hakens ließ nach. Ihr Blick kehrte in die Horizontale zurück, ihre Absätze berührten wieder den Boden. Sie keuchte laut, atmete heftig ein und aus.
»Eine sehr schöne Frau.«
Er nahm den Haken von ihrer Kehle. Der Stahl berührte ihre Taille. Folgte der Kurve ihrer Hüfte, glitt über ihren Oberschenkel tiefer. Hobie starrte ihr weiter ins Gesicht. Die Pistole blieb gegen ihre Brust gedrückt. Der Haken drehte sich, und die flache Seite des Bogens verließ ihren Oberschenkel, den jetzt nur noch die Spitze berührte. Sie wanderte langsam tiefer. Marilyn spürte, wie sie von der Seide auf ihr nacktes Bein glitt. Sie war spitz. Nicht wie eine Nadel, sondern wie ein Bleistift. Sie hielt inne. Dann bewegte sie sich wieder nach oben. Er verstärkte den Druck etwas. Die Stahlspitze ritzte ihre Haut nicht. Das wusste Marilyn. Aber sie hinterließ eine Furche in ihrem festen Fleisch. Sie glitt höher, verhakte sich unter der Seide. Marilyn fühlte das kalte Metall auf der Haut ihres Oberschenkels. Der Haken bewegte sich weiter nach oben. Sie spürte, wie die dünne Seide sich im Stahlbogen des Hakens zusammenrollte. Der Haken glitt höher. Hinten rutschte der Kleidersaum über die Rückseite ihrer Oberschenkel hinauf. Sheryl regte sich auf dem Teppichboden. Der Haken bewegte sich nicht weiter, und Hobies schreckliches rechtes Auge blickte langsam zur Seite und nach unten.
»Greifen Sie in meine Jackentasche!«, befahl er.
Sie starrte ihn an.
»Mit Ihrer linken Hand in meine rechte Tasche.«
Sie musste dichter an ihn herantreten und zwischen seinen Armen nach unten greifen. Dabei kam sie seinem Gesicht nahe. Es roch nach Seife. Sie tastete nach seiner Jackentasche. Steckte ihre Hand hinein und schloss sie um einen kleinen Zylinder. Zog ihn heraus. Der Zylinder war eine angebrochene Rolle Gewebeband. Silbern. Schätzungsweise noch fünf Meter. Hobie trat von ihr zurück.
»Fesseln Sie Sheryl damit die Arme«, sagte er.
Sie bewegte ihre Hüften, damit der Kleidersaum wieder herunterrutschte. Hobie beobachtete sie dabei und lächelte. Sie sah zwischen der silbernen Rolle Gewebeband und der auf dem Teppichboden Liegenden hin und her.
»Drehen Sie sie um«, sagte er.
Das aus dem Wohnzimmer in die Diele fallende Licht ließ den Pistolenlauf glänzen. Sie kniete neben Sheryl nieder. Zog an der einen Schulter, drückte gegen die andere, bis sie wieder auf dem Bauch lag.
»Drücken Sie ihre Ellbogen zusammen«, sagte er.
Marilyn zögerte. Er hob erst die Pistole, dann den Haken und breitete dabei die Arme aus, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Sie verzog das Gesicht. Sheryl bewegte sich erneut. Ihr Blut bildete eine Lache auf dem Teppichboden. Es war dunkelbraun und klebrig. Marilyn benutzte beide Hände, um ihr die Ellbogen hinter dem Rücken zusammenzudrücken. Hobie beobachtete sie dabei.
»Richtig eng zusammen«, sagte er.
Mit einem Fingernagel löste sie das festgeklebte Ende des Gewebebands. Dann wickelte sie es knapp unterhalb der Ellbogen mehrmals um Sheryls Unterarme.
»Enger«, sagte er. »Um die ganzen Arme.«
Sie wickelte das Klebeband wieder und wieder um Sheryls Arme, bis die Fessel von den Handgelenken bis zu den Ellbogen reichte. Sheryl fing an, sich zu regen und schwache Abwehrbewegungen zu machen.
»Okay, setzen Sie sie auf«, sagte Hobie.
Marilyn zog sie in eine sitzende Position hoch. Ihr Gesicht war voller Blut. Ihre Nase sah unförmig aus und verfärbte sich blau. Ihre Lippen waren geschwollen.
»Kleben Sie ihr einen Streifen über den Mund«, sagte Hobie.
Sie benutzte ihre Zähne, um einen fünfzehn Zentimeter langen Streifen abzureißen. Sheryl blinzelte, schien ihre Umgebung wieder wahrzunehmen. Marilyn erwiderte ihren Blick mit einem unglücklichen Schulterzucken, in dem eine hilflose Bitte um Verzeihung lag, und klebte ihr das Band über den Mund. Das dicke silberne Klebeband war mit eingelegtem Gewebe verstärkt. Es glänzte, ohne rutschig zu sein. Marilyn rieb mit den Fingern darüber, damit es richtig klebte. Sheryls Nase begann zu blubbern, und sie riss in Panik die Augen auf.
»Gott, sie bekommt keine Luft!«, keuchte Marilyn.
Sie wollte das Klebeband wieder entfernen, aber Hobie trat ihre Hand weg.
»Sie haben ihr das Nasenbein gebrochen«, sagte Marilyn. »Sie bekommt keine Luft.«
Die Pistole zielte nach unten auf ihren Kopf. Mit ruhiger Hand gehalten. Aus kaum einem halben Meter Entfernung.
»So stirbt sie!«, sagte Marilyn.
»Das ist verdammt sicher«, bestätigte Hobie.
Sie starrte entsetzt zu ihm auf. In Sheryls zertrümmerten Nasengängen blubberte und gluckste Blut. Ihre Augen drohten aus ihren Höhlen zu quellen. Ihre Brust hob und senkte sich krampfhaft. Hobie sah weiter Marilyn an.
»Soll ich nett sein?«, fragte er.
Sie nickte wild.
»Sind Sie dann auch nett?«
Sie hatte nur Augen für ihre Freundin. Sheryl wurde von Krämpfen geschüttelt, während sie nach Luft rang. Sie warf ihren Kopf hin und her. Hobie beugte sich zu ihr hinab und setzte seinen Haken so an, dass die Spitze übers Klebeband scharrte, als Sheryl ihren Kopf von einer Seite zur anderen warf. Dann stieß er zu und drückte die Spitze durch das silberne Gewebeband. Bewegte seinen Arm von links nach rechts. Zog den Haken wieder heraus. Im Klebeband blieb ein gezackter Schlitz zurück, durch den Luft eindrang. Der Streifen wurde eingesaugt und wieder ausgeblasen, während Sheryl keuchend nach Luft rang.
»Ich war nett«, sagte Hobie. »Also sind Sie mir jetzt was schuldig, okay?«
Sheryls Atemzüge pfiffen laut durch den Schlitz. Sie konzentrierte sich darauf. Sie starrte mit zusammengekniffenen Augen nach unten, als wolle sie sich davon überzeugen, dass sie wirklich Luft bekam. Marilyn beobachtete sie, neben ihr kauernd, starr vor Entsetzen.
»Helfen Sie ihr in den Wagen«, sagte Hobie.