15

Obwohl sie wieder erste Klasse flogen, empfand Reacher den Rückflug als trostlos. Dies war dasselbe Flugzeug wie auf dem Hinflug, das jetzt nach New York zurückkehrte. Man hatte es gereinigt und überprüft, betankt, mit Essen und Getränken beliefert und mit einer neuen Besatzung bestückt. Jodie und Reacher hatten dieselben Sitze. Reacher saß wieder am Gang, aber diesmal fühlte der breite Sessel sich anders an, und es machte ihm keinen Spaß mehr, darin zu sitzen.

Man hatte die Kabinenbeleuchtung gedämpft, weil es inzwischen Nacht war. Das Kabinenpersonal gab sich unaufdringlich zuvorkommend. Außer ihnen befand sich nur noch ein Passagier in der ersten Klasse, zwei Reihen vor ihnen auf der anderen Seite des Mittelgangs. Er war ein großer, hagerer Mann, der ein pastellfarben gestreiftes Hemd aus kreppähnlichem Baumwollgewebe mit kurzen Ärmeln trug. Sein rechter Arm ruhte auf der Sessellehne, und die Hand hing schlaff und entspannt herab. Seine Augen waren geschlossen.

»Wie groß ist er?«, flüsterte Jodie.

Reacher sah kurz nach vorn. »Etwas über einsachtzig.«

»Genau wie Victor Hobie«, sagte sie. »Du erinnerst dich an seine Akte?«

Reacher nickte. Sah zu dem auf der Sessellehne ruhenden Arm hinüber. Der Mann war hager, und er konnte im Halbdunkel den stark hervortretenden Knochen am Handgelenk sehen, die sommersprossige Haut und die von der Sonne ausgebleichten Haare. Auch die Speiche seines Unterarms war fast bis zum Ellbogen hinauf sichtbar. Hobie hatte fünfzehn Zentimeter seiner Speiche am Absturzort zurückgelassen. Reacher griff dieses Stück in Gedanken vom Handgelenk des Hageren beginnend nach oben ab. Nach fünfzehn Zentimetern war er halb am Ellbogen angelangt.

»Ungefähr halb und halb, stimmt’s?«, fragte Jodie. 

»Etwas mehr als die Hälfte«, antwortete Reacher. »Die Ärzte haben den Stumpf bestimmt kürzen müssen. Ich denke, dass sie die Knochen bis dorthin abgefeilt haben, wo sie zersplittert waren. Falls er überlebt hat.«

Der Mann zwei Reihen vor ihnen bewegte sich und zog seinen Arm an den Körper, wo er nicht mehr zu sehen war, als wisse er, dass die beiden von ihm redeten.

»Er hat überlebt«, beharrte Jodie. »Er lebt und hält sich in New York versteckt.«

Reacher zuckte unglücklich mit den Schultern.

»Ich hätte gewettet, dass das nicht so ist.«

Jodie betrachtete ihn nachdenklich. »Warum stört dich das so sehr?«, fragte sie ruhig.

Er wich ihrem Blick aus und starrte auf die Rückenlehne des Sitzes vor ihm.

»Das hat viele Gründe«, sagte er.

»Zum Beispiel?«

Er zuckte wieder mit den Schultern. »Ich habe mein fachmännisches Urteil abgegeben. Meine Intuition hat mir etwas gesagt, und nun sieht’s so aus, als hätte ich mich geirrt.«

Sie legte ihre Hand sanft auf seinen Arm, wo er über dem Handgelenk etwas schmaler wurde. »Sich mal zu irren, bedeutet nicht gleich das Ende der Welt.«

Er schüttelte den Kopf. »Manchmal nicht, manchmal schon. Hängt davon ab, worum es geht. Irgendwer fragt mich, wer die World Series gewinnen wird, und ich tippe auf die Yankees - das spielt keine Rolle, stimmt’s? Denn woher, zum Teufel, soll ich das als Laie wissen? Aber nehmen wir mal an, ich wäre ein Sportjournalist, der solche Dinge wissen müsste? Oder ein professioneller Glücksspieler? Und Baseball wäre mein Leben? Dann ist’s das Ende der Welt, wenn ich grob danebentippe.«

»Was willst du damit sagen?«

»Damit will ich sagen, dass solche Beurteilungen mein Leben sind. Um beruflich etwas zu taugen, muss ich auf diesem Gebiet gut sein. Ich war bisher immer gut. Auf meine Intuition konnte ich mich verlassen.«

»Aber du hattest nicht genügend Informationen für ein Urteil.«

»Bockmist, Jodie. Ich hatte reichlich Informationen. Sehr viel mehr als in manchen anderen Fällen. Ich habe die Eltern von Hobie besucht, seine Briefe gelesen, mit seinem Jugendfreund gesprochen, seine Militärakte gelesen, mit seinem alten Kriegskameraden gesprochen - und alles hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dieser Kerl könne sich unmöglich so verhalten haben, wie er’s offenbar getan hat. Also habe ich mich schlicht und einfach geirrt, und das macht mich fertig, denn wo stehe ich jetzt?«

»In welcher Beziehung?«

»Ich muss es den Hobies sagen«, antwortete er. »Das überleben sie nicht. Du hättest sie sehen sollen! Sie haben ihren Jungen vergöttert. Das Militär, den ganzen damaligen Patriotismus, den Dienst fürs Vaterland, diesen ganzen Scheiß. Jetzt muss ich ihnen mitteilen, dass ihr Junge ein Mörder und Deserteur ist. Und ein grausamer Sohn, der sie dreißig Jahre lang in schrecklicher Ungewissheit gelassen hat. Erfahren sie das, kippen sie wahrscheinlich tot um, Jodie.«

Er verfiel in Schweigen.

»Und?«, fragte sie.

Er wandte sich ihr zu. »Und die Zukunft. Was soll ich machen? Ich habe ein Haus, ich brauche einen Job. Was für eine Art Job? Meine Dienste als Ermittler kann ich nicht mehr anbieten, seit ich plötzlich angefangen habe, Fälle völlig falsch zu beurteilen. Der Zeitpunkt ist ideal gewählt, nicht? Meine Fähigkeiten lassen mich genau in dem Augenblick im Stich, in dem ich dringend Arbeit brauche. Am besten gehe ich wieder auf die Keys zurück und hebe den Rest meines Lebens Gräben für Swimmingpools aus.«

»Du bist viel zu streng mit dir. Das war nur ein Gefühl. Eine Intuition, die sich als falsch herausgestellt hat.«

»Intuitionen sollten sich als richtig erweisen«, erklärte er. »Meine waren bisher immer zutreffend. Ich könnte dir von einem Dutzend Fällen erzählen, in denen ich mich auf meine Intuition verlassen habe. Sie hat mir mehrmals das Leben gerettet.«

Jodie nickte, ohne sich dazu zu äußern.

»Und statistisch gesehen hätte ich Recht haben müssen«, begann er wieder. »Weißt du, wie viele Amerikaner nach dem Vietnamkrieg offiziell als unauffindbar gelten? Ungefähr fünf. Zweitausendzweihundert werden vermisst, aber die sind tot, das weiß jeder. Im Lauf der Zeit wird Nash sie alle aufspüren, alle ihre Namen abhaken. Aber fünf Männer lassen sich in keine der bekannten Kategorien einordnen. Drei haben die Seite gewechselt, sind dort geblieben und haben nach dem Krieg in Vietnam auf dem Land gelebt. Zwei sind in Thailand untergetaucht. Einer von ihnen hat später in Bangkok in einer Hütte unter einer Brücke gehaust. Fünf faule Eier unter einer Million Männer, und Victor Hobie ist eines davon, und ich habe ihn völlig falsch beurteilt.«

»Aber du hast dich nicht wirklich getäuscht«, wandte Jodie ein. »Du hast den früheren Victor Hobie beurteilt, das war alles. Alle deine Informationen haben sich auf Victor Hobie vor dem Krieg und vor dem Absturz bezogen. Der einzige Zeuge, der irgendwelche Veränderungen hätte bemerken können, war DeWitt, der sich größte Mühe gegeben hat, sie nicht wahrzunehmen.«

Er schüttelte erneut den Kopf. »Auch das habe ich berücksichtigt oder in Betracht zu ziehen versucht. Ich habe nicht geglaubt, dass er sich so grundlegend verändern könnte.«

»Vielleicht war der Absturz an allem schuld«, sagte sie. »Überleg doch mal, Reacher. Wie alt war er damals - einundzwanzig oder zweiundzwanzig. Sieben Männer sind gestorben, und vielleicht hat er sich dafür verantwortlich gefühlt. Schließlich war er der Pilot des Hubschraubers, stimmt’s? Und er war entstellt. Er hatte seine rechte Hand verloren und wahrscheinlich auch schlimme Brandwunden, Körperlich entstellt zu sein ist ein Trauma für einen jungen Mann, oder? Und im Feldlazarett stand er vermutlich unter Medikamenten und hatte einfach Angst vor dem angekündigten Rücktransport.«

»Er wäre nicht in den Kampf zurückgeschickt worden«, bemerkte Reacher.

Jodie nickte. »Natürlich nicht, aber vielleicht konnte er nicht klar denken. Von Morphium wird man high. Vielleicht hat er geglaubt, sie würden ihn sofort zurückschicken oder er würde für den Verlust seines Hubschraubers bestraft werden. Wir wissen einfach nicht, in welchem Geisteszustand er sich damals befunden hat. Jedenfalls ist er geflüchtet und hat dabei einen Krankenpfleger niedergeschlagen. Bestimmt war ihm später bei diesem Gedanken ganz schrecklich zumute. Er hält sich seit damals versteckt, weil er ein schlechtes Gewissen hat. In Wirklichkeit hätte er sich längst stellen sollen, weil er niemals verurteilt worden wäre. Aber er hat sich versteckt, und je länger er im Verborgenen gelebt hat, desto schlimmer ist alles geworden. Das Ganze war eine Art Schneeballeffekt.«

»Trotzdem habe ich Unrecht«, entgegnete Reacher. »Du hast gerade einen irrationalen Mann beschrieben. Ängstlich, unrealistisch, leicht hysterisch. Ich hatte ihn als pflichtbewusstes Arbeitstier eingeschätzt. Sehr nüchtern, sehr vernünftig, sehr normal. Das zeigt, wie sehr ich mich in ihm getäuscht habe.«

»Was hast du also vor?«, fragte Jodie.

»In welcher Beziehung?«

»In Bezug auf die Zukunft?«

Er zuckte erneut mit den Schultern. »Weiß ich nicht.«

»Was ist mit den Hobies?«

»Weiß ich nicht«, wiederholte er,

»Du solltest versuchen, ihn zu finden, denke ich«, sagte sie. »Ihn davon überzeugen, dass er jetzt keine Strafverfolgung mehr zu befürchten hat. Ihn zur Vernunft bringen. Vielleicht könntest du erreichen, dass er sich wieder bei seinen Eltern meldet.«

»Wie soll ich ihn finden? Im Augenblick kommt’s mir vor, als könnte ich nicht mal meine eigene Nase finden. Und du vergisst etwas anderes.«

»Was?«

»Er will nicht gefunden werden. Wie du ganz richtig vermutest, will er im Verborgenen leben. Selbst wenn er sich anfangs nur aus Verwirrung verkrochen hat, ist er später offenbar auf den Geschmack gekommen. Er hat Costello ermorden lassen, Jodie. Er hat seine Leute auf uns gehetzt. Damit er weiter versteckt leben kann.«

Eine Stewardess dimmte die Kabinenbeleuchtung noch weiter herunter, und Reacher kippte seinen Sitz nach hinten und versuchte zu schlafen, während sein letzter Gedanke ihn weiter beschäftigte: Victor Hobie hat Costello ermorden lassen, um versteckt leben zu können.


Dreißig Stockwerke über der Fifth Avenue wachte er kurz nach sechs Uhr morgens auf, die normale Zeit, je nachdem wie schlimm der Feuertraum gewesen war. Dreißig Jahre sind fast elftausend Tage, und zu elftausend Tagen gehören elftausend Nächte, und in jeder einzelnen dieser Nächte hatte er von dem Aufschlagbrand geträumt. Der Heckausleger brach ab, und die Kabine wurde von den Baumwipfeln herumgeschleudert. Beim Auseinanderbrechen der Maschine wurde der Treibstofftank leck. Treibstoff spritzte heraus. Er sah ihn Nacht für Nacht in grässlichem Zeitlupentempo herausspritzen. Der Treibstoff glänzte und schimmerte in der grauen Dschungelluft, während er sich zu großen Tropfen zusammenklumpte. Sie verdrehten sich und änderten ihre Form und wuchsen dabei wie langsam durch die Luft schwebende Lebewesen. Das Licht brach sich in ihnen und ließ sie fremdartig schön erscheinen. In den Tropfen waren Regenbogen zu sehen. Sie erreichten ihn, bevor das Rotorblatt seinen Arm traf. Jede Nacht drehte er mit genau derselben ruckartigen Bewegung den Kopf weg, aber sie erreichten ihn trotzdem. Sie klatschten ihm ins Gesicht. Die Flüssigkeit war warm. Das verwirrte ihn. Sie sah wie Wasser aus. Wasser sollte kalt sein. Er hätte erfrischende Kühle spüren sollen. Aber dieses Nass war warm. Es war klebrig. Dicker als Wasser. Es roch nach Chemie. Es klatschte auf seine linke Kopfseite. Es ließ sein Haar zusammenkleben. Es lief ihm langsam über die Stirn und ins Auge.

Dann sah er sich um und stellte fest, dass die Luft in Flammen stand. Sie verschlangen die in ihr schwebenden flüssigen Formen und ließen sie noch größer und feuriger werden. Und unabhängig voneinander gingen die einzelnen Tropfen in Flammen auf. Es gab keine Verbindung mehr. Keine Reihenfolge. Sie explodierten einfach. Er zog elftausendmal ruckartig den Kopf ein, aber das Feuer erfasste ihn jedes Mal. Es roch heiß, als verbrenne etwas, aber es fühlte sich kalt an. Ein plötzlicher eiskalter Schock, der sein Haar, seine linke Gesichtshälfte erfasste. Dann die schwarzen Umrisse des herabfallenden Rotorblatts. Es zerbrach an der Brust von Crew Chief Bamford, und ein großer Splitter der Vorderkante traf genau die Mitte seines Unterarms.

Er sah, wie seine Hand abgetrennt wurde. Das beobachtete er in allen Einzelheiten. Dieser Teil gehörte nie zu seinem Traum, denn der handelte vom Feuer, und er brauchte nicht zu träumen, wie er seine Hand verlor, weil er sich daran erinnern konnte, es gesehen zu haben. Die Vorderkante des Rotorblatts wies ein schmales aerodynamisches Profil auf und war mattschwarz. Sie zertrennte die Knochen des Unterarms und blieb auf dem Oberschenkel liegen, weil ihre Energie bereits erschöpft war. Sein Unterarm zerbrach einfach in zwei Teile. Seine Armbanduhr befand sich noch am Handgelenk. Die Hand und das Handgelenk fielen zu Boden. Er hob den Stumpf seines Unterarms und berührte damit sein Gesicht, um herauszufinden, warum sich die Haut dort oben so kalt anfühlte, aber so verbrannt roch.

Irgendwann später, als er wieder klar denken konnte, erkannte er, dass diese Reaktion ihm das Leben gerettet hatte. Die heißen Flammen hatten seinen verwundeten Unterarm kauterisiert. Ihre Hitze hatte die Wunde versengt und die Arterien versiegelt. Hätte er damit nicht sein brennendes Gesicht berührt, wäre er verblutet. Das war ein Triumph. Selbst in äußerster Gefahr und Verwirrung hatte er das Richtige getan. Er hatte clever gehandelt. Er verstand sich darauf zu überleben. Das verlieh ihm eine Selbstsicherheit, die er nie mehr verlor.

Er blieb etwa zwanzig Minuten bei Bewusstsein. Er tat, was er im Cockpit zu tun hatte, und kroch dann vom Wrack der Huey weg. Er wusste, dass außer ihm niemand überlebt hatte. Er verschwand im Unterholz und arbeitete sich weiter vor. Er rutschte auf den Knien, wobei er sich mit seiner unverletzten Hand abstützte. Als er nicht mehr weiterkonnte, blieb er auf dem Bauch liegen, ließ den Kopf sinken und drückte sein verbranntes Gesicht in die feuchte Erde. Dann wurden die Schmerzen unerträglich. Er verlor das Bewusstsein.

An die folgenden drei Wochen erinnerte er sich kaum. Nicht, wohin er unterwegs war oder was er aß und trank. Zwischendurch hatte er lichte Momente, die schlimmer waren als die Zeiten des Nichterinnerns. Sein ganzer Körper war voller Blutegel. Die verbrannte Haut löste sich ab, und das Fleisch darunter stank nach Fäulnis. In seinem Armstumpf wimmelte es von Maden. Dann war er plötzlich in einem Feldlazarett. Eines Morgens wachte er, von einer Morphiumwolke getragen, auf und fühlte sich so gut wie nie zuvor in seinem Leben. Aber er tat so, als leide er weiter starke Schmerzen. So konnte er seine Verlegung nach Saigon immer wieder hinauszögern.

Die Ärzte behandelten sein verbranntes Gesicht. Sie säuberten seinen Armstumpf von den Maden. Jahre später wurde ihm klar, dass auch die Maden dazu beigetragen hatten, ihm das Leben zu retten. Er las einen Zeitungsbericht über neue medizinische Forschungsergebnisse. Eine revolutionäre Therapie setzte Maden gegen Wundbrand ein. Die unermüdlichen Fresser vertilgten das von Wundbrand befallene Fleisch, bevor Fäulnis einsetzen konnte. Erste Versuche waren erfolgreich gewesen. Er lächelte, als er das las. Er wusste Bescheid.

Die Zurückverlegung des Lazaretts kam überraschend. Niemand hatte ihm ein Wort davon gesagt. Er hörte nur zufällig, wie zwei Krankenpfleger sich über den für den nächsten Morgen geplanten Abtransport unterhielten. Ihm war klar, dass er sofort abhauen musste. Wachen gab es hier keine. Er begegnete nur einem Krankenpfleger, der sich zufällig am Stacheldrahtzaun herumtrieb. Dieser Mann kostete ihn eine wertvolle Flasche Wasser, die auf seinem Kopf zersplitterte, aber er konnte ihn nicht länger als ein paar Sekunden aufhalten.

Seine lange Heimreise begann mit dem ersten Schritt in den Dschungel außerhalb des Stacheldrahtzauns, der das Lazarett umgab. Als Erstes musste er sich sein Geld holen. Es lag fünf Tagesmärsche von hier entfernt in einem Geheimversteck außerhalb seines letzten Stützpunkts - in einem Sarg vergraben. Das mit dem Sarg - der einzige ausreichend große Behälter, den er hatte auftreiben können war ein glücklicher Zufall gewesen, der sich später als absoluter Geniestreich erweisen sollte. Das Geld, lauter Hunderter, Fünfziger, Zwanziger und Zehner, wog etwa fünfundsiebzig Kilo. Das richtige Gewicht für den Inhalt eines Sargs. Knapp zwei Millionen Dollar.

Der Stützpunkt war längst aufgegeben und lag jetzt weit hinter den feindlichen Linien. Aber er schaffte es, ihn zu erreichen, und stand dort vor dem ersten großen Problem. Wie gräbt ein kranker, einarmiger Mann einen Sarg aus? Anfangs mit sturer Beharrlichkeit, später mit Hilfe von Einheimischen. Er hatte den Sarg schon fast freigelegt, als er entdeckt wurde. Der Deckel war in dem flachen Grab deutlich zu sehen, als die vietnamesische Militärstreife ihn überraschte. Er rechnete damit, erschossen zu werden. Doch das geschah nicht, und er machte eine Entdeckung, die zu den größten seines Lebens zählte. Die Soldaten wichen ängstlich vor ihm zurück. Sie wussten nicht, wer er war. Was er war. Die schrecklichen Verbrennungen hatten ihm seine Identität geraubt. Er trug ein schmutziges, zerrissenes Nachthemd aus dem Lazarett und sah nicht wie ein Amerikaner aus. Er sah überhaupt nicht wie ein Mensch aus. Er erkannte, dass sein schreckliches Aussehen und sein wildes Benehmen in Kombination mit einem Sarg einen starken Eindruck auf jeden machten, der ihn zu Gesicht bekam. Angst vor Tod, Leichen und Wahnsinn machte die Menschen passiv. Er begriff sofort, dass diese Leute alles für ihn tun würden, solange er den Verrückten spielte und sich an seinen Sarg klammerte. Ihr traditioneller Aberglaube wirkte sich zu seinen Gunsten aus. Die Militärstreife grub seinen Sarg ganz aus und lud ihn auf einen Büffelkarren. Er saß hoch oben auf dem Sarg, redete wirres Zeug und deutete nach Westen, während sie ihn gehorsam in Richtung Kambodscha brachten.

Er wurde von einer Gruppe zur anderen weitergereicht und gelangte in nur vier Tagen nach Kambodscha. Um ihn zu besänftigen und ihre Urängste zu bekämpfen, fütterten sie ihn mit Reis, gaben ihm Wasser zu trinken und kleideten ihn in eine Art schwarzen Schlafanzug. Dann beförderten die Kambodschaner ihn weiter. Er hockte auf schwankenden Karren, plapperte wie ein Äffchen und wies nach Westen. Zwei Monate später war er in Thailand. Die Kambodschaner hievten seinen Sarg über die Grenze, machten kehrt und hasteten eilig davon.

Thailand war anders. Als er die Grenze überschritt, hatte er das Gefühl, aus der Steinzeit in die Moderne zu treten. Hier gab es Straßen und Fahrzeuge. Auch die Menschen waren anders. Der brabbelnde, von Brandwunden entstellte Einarmige mit dem Sarg weckte Sorge und Mitgefühl. Er stellte keine Bedrohung dar. Er wurde von alten Chevrolet-Pick-ups und Peugeot-Lastwagen mitgenommen und innerhalb von zwei Wochen mit allem sonstigen Treibgut aus dem Fernen Osten in die Kloake namens Bangkok geschwemmt.

Dort lebte er ein Jahr. Er vergrub den Sarg auf dem winzigen Grundstück hinter der Hütte, die er sich mietete, mit einem auf dem schwarzen Markt erstandenen Klappspaten der U.S. Army Mit dem Schanzzeug kam er zurecht. Es war dafür konstruiert, einhändig benutzt zu werden, während die andere Hand ein Gewehr hielt.

Sobald sein Geld wieder in Sicherheit war, machte er sich auf die Suche nach Ärzten, die es in Bangkok zur Genüge gab. Gin trinkende Relikte des britischen Kolonialreichs, die keine Arbeit mehr hatten, aber an nüchternen Tagen ausreichend kompetent waren. Für sein Gesicht konnten sie nicht allzu viel tun. Ein Chirurg stellte sein Augenlid so weit wieder her, dass es sich fast schließen ließ, und damit hatte es sich. Aber sie nahmen sich seinen Arm gründlich vor. Schnitten den Stumpf wieder auf und feilten die Knochen glatt und rund. Beschnitten die Muskeln und zogen die Haut straff darüber. Nähten alles wieder zu. Ließen die Wunde einen Monat abheilen und schickten ihn anschließend zu einem Mann, der Prothesen anfertigte.

Dieser bot ihm verschiedene Modelle zur Auswahl an. Zu allen gehörten ein um den Bizeps zu tragendes Lederkorsett, angenietete Lederriemen und ein Lederformstück, das seinen Armstumpf eng umschloss. Aber es gab verschiedene Anhängsel: eine hölzerne Hand, kunstvoll geschnitzt und von der Tochter ebenso kunstvoll bemalt; ein dreizinkiges Ding, das an irgendeine Art Gartengerät erinnerte. Aber er entschied sich für den schlichten Haken, obwohl er das nicht hätte begründen können. Der Mann schmiedete ihn aus rostfreiem Stahl und polierte ihn tagelang. Er schweißte ihn an eine Art Stahltrichter, um den herum er ein Formstück aus schwerem Leder anfertigte. Dann schnitzte er den Armstumpf aus Holz nach, hämmerte das Leder darüber, bis es dessen Form annahm, und tränkte es mit Harzen, damit es steif wurde. Er nähte das Lederkorsett, brachte die Riemen und Schnallen an, passte es sorgfältig an und verlangte fünfhundert Dollar dafür.

Er verbrachte den Rest dieses Jahres in Bangkok. Anfangs rieb die Prothese ihm den Armstumpf wund und war lästig. Aber er lernte, mit ihr umzugehen, und kam mit der Zeit immer besser mit ihr zurecht. Als er dann seinen Sarg wieder ausgrub und eine Passage auf dem Trampfrachter nach San Francisco buchte, konnte er sich schon fast nicht mehr daran erinnern, jemals zwei Hände besessen zu haben. Aber sein Gesicht störte ihn weiterhin.

Er ging in Kalifornien an Land, erwarb einen gebrauchten Kombi und holte seinen Sarg aus einem der Lagerhäuser am Hafen. Zwei verängstigte Schauerleute luden ihn in seinen Wagen, und er fuhr damit quer durch Amerika bis nach New York City, wo er neunundzwanzig Jahre später noch immer lebte - mit dem Werk des Prothesenbauers aus Bangkok auf dem Fußboden neben seinem Bett, wo es sich in den vergangenen elftausend Nächten jede Nacht befunden hatte.

Er wälzte sich auf den Bauch, griff mit der linken Hand nach unten und hob die Prothese auf. Setzte sich im Bett auf, legte sie über die Knie und nahm die Babysocke vom Nachttisch. Zehn nach sechs Uhr morgens. Ein weiterer Tag in seinem Leben.


William Curry wachte um sechs Uhr fünfzehn auf. Das war eine alte Angewohnheit aus der Zeit, in der er als Kriminalbeamter für die Tagschicht eingeteilt gewesen war. Nach der Scheidung von seiner Frau und dem Tod seiner Großmutter war er als Nachmieter in deren Wohnung zwei Stockwerke über der Beckman Street eingezogen. Das Apartment war nichts Besonderes, aber billig, und er hatte es nicht weit zu den meisten Polizeirevieren südlich der Canal Street. Auch nach der Pensionierung war er dort geblieben. Von seiner Polizeipension konnte er gerade so die Miete und die laufenden Unkosten sowie die Miete für sein winziges Büro in der Fletcher Street bezahlen. Also mussten die Einnahmen seines noch neuen Detektivbüros für Essen, Kleidung und Unterhaltszahlungen reichen. Und sie sollten ihn sogar reich machen, wenn er erst mal etabliert und groß heraus gekommen war.

So früh am Morgen war es in der Wohnung angenehm kühl. Die benachbarten höheren Gebäude schirmten sie von der Morgensonne ab. Er stand auf und reckte sich. Ging zur Kochnische und schaltete die Kaffeemaschine ein. Verschwand dann im Bad, um zu duschen und sich zu rasieren. Dank dieser Routine war er immer pünktlich um sieben Uhr zum Dienst gekommen, also hatte er sie beibehalten.

Er trat mit dem Kaffeebecher in der Hand an den Kleiderschrank und begutachtete seinen Inhalt. Als Cop hatte er immer Sakko und Hose getragen. Graue Flanellhose, kariertes Sportsakko. Er bevorzugte Tweed, obwohl er eigentlich kein Ire war. Im Sommer versuchte er es mit Leinenjacken, aber sie knitterten zu leicht, sodass er sich für dünne Polyestermischgewebe entschied. Aber keine dieser Kombinationen war dafür geeignet, den erfolgreichen, teuren Anwalt David Forster zu spielen. Er würde seinen Hochzeitsanzug nehmen müssen. Ein schlichter Anzug, den er für feierliche Anlässe wie Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen angeschafft hatte. Der Anzug war fünfzehn Jahre alt, aber da er von Brooks Brothers stammte, sah er ziemlich zeitlos aus. Er saß etwas locker, denn seit er geschieden war, hatte er abgenommen. Die Hosenbeine waren nach heutiger Mode etwas weit, aber das schadete nichts, denn er wollte zwei Knöchelhalfter tragen. William Curry war ein Mann, der gern auf alles vorbereitet war. Die Sache müsste glatt und ohne Schwierigkeiten ablaufen, hatte David Forster gesagt. Und wenn das stimmte, sollte es ihm nur recht sein, aber ein Mann mit seiner Erfahrung neigte zur Vorsicht, wenn er so etwas hörte. Deshalb die beiden Knöchelhalfter und seine Magnum Kaliber 357 unter der Anzugjacke.

Er nahm den Anzug in dem Plastiksack, in dem er aus der Reinigung gekommen war, legte ein weißes Oberhemd und eine dezente Krawatte dazu und verstaute alles in einer Reisetasche. Das Halfter der Magnum, den breiten schwarzen Ledergürtel und die beiden Knöchelhalfter legte er obendrauf. Die drei Faustfeuerwaffen - die Pistole Kaliber 357 mit langem Lauf und die beiden kurzläufigen Revolver Smith & Wesson Kaliber 38 - kamen in seinen Aktenkoffer. Danach zählte er zwölf Schuss Munition für jede Waffe in eine Patronenschachtel, die er ebenfalls in den Aktenkoffer legte. Er stopfte jeweils eine schwarze Socke in seine schwarzen Schuhe und packte sie zu den Halftern. Umziehen würde er sich nach einem frühen Mittagessen. Es hatte keinen Zweck, die Klamotten den ganzen Vormittag zu tragen und dann ungepflegt und verschwitzt aufzukreuzen.

Er sperrte die Wohnungstür ab und ging mit seiner Tasche zu seinem Büro in der Fletcher Street. Unterwegs machte er nur einmal Halt, um sich einen Muffin zu besorgen: Banane und Walnuss, fettarm.


Marilyn Stone wachte kurz vor sieben mit verschwollenen Augen und todmüde auf. Chester und sie waren erst lange nach Mitternacht wieder in der Toilette eingesperrt worden. Der Raum hatte erst von dem stämmigen Kerl in dem dunklen Anzug geputzt werden müssen. Er war übel gelaunt herausgekommen und hatte sie warten lassen, bis der Boden trocken war. Tony hatte Marilyn gezwungen, Kissen aufzuschütteln. Sie vermutete, dass er hier übernachten wollte. Sich in ihrem kurzen Kleid übers Sofa beugen und sein Bett herrichten zu müssen, war eine Demütigung. Sie tat diese Arbeit widerwillig, während Tony sie grinsend beobachtete.

In der Toilette war es kalt und feucht, und es roch nach Desinfektionsmittel. Die Frotteetücher lagen gefaltet neben dem Waschbecken. Marilyn breitete sie zum Schlafen auf dem Boden aus. Aus dem Büro hinter der Tür drang kein Laut. Sie erwartete nicht, auch nur ein Auge zutun zu können. Trotzdem musste sie irgendwann eingeschlafen sein, denn als sie aufwachte, hatte sie das deutliche Gefühl, ein neuer Tag sei angebrochen.

Aus dem Büro drangen Geräusche. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen und tupfte es vor dem Spiegel ab, als der stämmige Kerl ihnen Kaffee brachte. Sie nahm ihren Becher wortlos entgegen; den von Chester, der noch auf dem Fußboden lag - wach, passiv, bewegungslos -, stellte er auf die Spiegelablage. Dann stieg er achtlos über Chester hinweg und ging hinaus.

»Fast vorbei«, sagte sie aufmunternd.

»Es fängt erst an, meinst du«, murmelte Chester. »Wohin gehen wir, wenn wir hier rauskommen? Wo schlafen wir heute Nacht?«

Zu Hause, Gott sei Dank!, wollte sie sagen, aber dann erinnerte sie sich daran, dass er schon begriffen hatte, dass sie nach vierzehn Uhr dreißig kein Haus mehr besitzen würden.

»In einem Hotel, vermute ich«, erwiderte sie.

»Sie haben mir meine Kreditkarten weggenommen.«

Chester schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann verstummte er.

Sie sah ihn forschend an. »Was?«

»Es ist nie vorbei«, sagte er. »Begreifst du das nicht? Wir sind Zeugen. Wir haben gesehen, was sie diesen Cops angetan haben. Und Sheryl. Wie können sie uns da einfach laufen lassen?«

Sie nickte, eine kleine, vage Kopfbewegung. Sie war enttäuscht, weil er endlich den Ernst ihrer Lage begriffen hatte. Nun würde er sich den ganzen Tag Sorgen machen und vor lauter Angst die Situation noch verschlimmern.


Es dauerte fünf Minuten, die Krawatte ordentlich zu binden. Dann schlüpfte er in sein Jackett. Das Anziehen verlief in genau umgekehrter Reihenfolge wie das Ausziehen, was bedeutete, dass die Schuhe zuletzt drankamen. Er konnte seine Schnürsenkel genauso schnell binden wie jemand mit zwei gesunden Händen. Der Trick bestand nur darin, das freie Ende unter dem Haken auf dem Fußboden festzuhalten.

Dann begann er im Bad. Er stopfte die schmutzige Wäsche in einen Kopfkissenbezug und stellte ihn neben die Wohnungstür. Zog das Bett ab, faltete die Bettwäsche zusammen und steckte sie in einen weiteren Kissenbezug. Warf alle Gegenstände aus seinem persönlichen Besitz in eine Supermarktplastiktüte. Packte den Inhalt seines Kleiderschranks in einen großen Rollenkoffer. Anschließend schaffte er die Kissenbezüge und die Plastiktüte zum Müllschlucker. Zog den Rollenkoffer auf den Korridor hinaus, sperrte die Wohnungstür zu und legte die Schlüssel in einen vorbereiteten Umschlag.

Er machte einen Umweg über die Eingangshalle, um dem Portier den Umschlag mit den Schlüsseln für den Immobilienmakler zu geben. Dann fuhr er mit dem Rollenkoffer in die Tiefgarage zu seinem Cadillac, wo er ihn im Kofferraum einschloss. Setzte sich ans Steuer und fuhr mit quietschenden Reifen durch die Tiefgarage nach draußen. Rollte auf der Fifth Avenue nach Süden und vermied es, den Blick von der Straße zu wenden, bis der Central Park hinter ihm lag und er in die belebten Wolkenkratzerschluchten Manhattans eintauchte.

In der Tiefgarage unter dem World Trade Center hatte er drei Stellplätze gemietet, aber der Suburban war beschlagnahmt und der Tahoe verkauft, sodass bei seiner Ankunft alle drei leer waren. Er stellte seinen Cadillac auf dem mittleren Platz ab und ließ den Rollenkoffer im Kofferraum. Später würde er mit dem Cadillac zum LaGuardia-Flughafen fahren und ihn dort auf einem der Plätze für Langzeitparker zurücklassen, dann mit seinem Koffer ein Taxi zum JFK Airport nehmen und den gehetzten Transitpassagier spielen. Der Wagen würde dort stehen, bis er schimmelte, und falls dann doch jemand Verdacht schöpfte, würde die Polizei nur die Passagierlisten des LaGuardia-Flughafens überprüfen. Das bedeutete, dass er den Cadillac ebenso abschreiben musste wie die Mietvorauszahlung für seine hiesigen Büroräume, aber er hatte nie etwas dagegen, Geld auszugeben, wenn er dafür einen vernünftigen Gegenwert erhielt - und sein Leben zu retten war ungefähr der beste Gegenwert, den er sich vorstellen konnte.

Er nahm den Expressaufzug von der Tiefgarage aus und betrat neunzig Sekunden später seinen mit Eiche und Messing ausgestatteten Empfangsbereich. Tony, der müde wirkte, saß hinter der Theke und trank Kaffee.

»Boot?«, fragte Hobie.

Tony nickte. »Es liegt beim Makler. Die Firma zieht ihre Provision ab und überweist dir den Rest. Sie will ein Stück der Reling auswechseln, wo dieses Arschloch es mit dem Hackbeil beschädigt hat. Ich habe sie angewiesen, die Kosten dafür ebenfalls vom Erlös abzuziehen.«

»Was noch?«

Tony grinste ironisch. »Wir müssen weiteres Geld in Sicherheit bringen. Heute Morgen ist die erste Zinszahlung für Stones Darlehen eingegangen. Elftausend Dollar, exakt pünktlich. Ein gewissenhaftes kleines Arschloch.«

Hobie grinste ebenfalls. »Er reißt Löcher auf, um damit andere zu stopfen, aber jetzt kommt alles in dieselbe Kasse. Du überweist das Geld nach Geschäftsbeginn telegrafisch auf die Inseln, okay?«

Tony nickte und warf einen Blick auf die vor ihm liegende Notiz. »Simon hat noch mal aus Hawaii angerufen. Sie haben ihr Flugzeug erreicht. Im Augenblick sind sie irgendwo über dem Grand Canyon.«

»Hat Newman es schon entdeckt?«, fragte Hobie.

Tony schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Er macht sich heute Morgen an die Überprüfung. Reacher hat ihn dazu gedrängt. Scheint ein cleverer Kerl zu sein.«

»Nicht clever genug«, bemerkte Hobie. »Hawaii ist fünf Stunden hinter New York zurück, stimmt’s?«

»Also frühestens heute Nachmittag. Nehmen wir mal an, er fängt um neun an, braucht ein paar Stunden für die Suche, das wäre bis sechzehn Uhr unserer Zeit. Bis dahin sind wir über alle Berge.«

Hobie grinste wieder. »Ich hab dir gesagt, dass alles klappt. Hab ich dir nicht gesagt, du sollst dir keine Sorgen machen und das Denken mir überlassen?«


Reacher wachte nach der Zeit von St. Louis, die seine Armbanduhr noch immer zeigte, um sieben Uhr auf, was in Hawaii drei Uhr morgens war - sechs Uhr in Arizona oder Colorado oder was immer in diesem Augenblick unter ihnen lag - und schon acht Uhr in New York. Er räkelte sich in seinem Sitz, stand dann auf und sah zu Jodie hinüber. Sie hatte sich in ihrem Sessel zusammengerollt und war von einer Stewardess mit einem dünnen Plaid zugedeckt worden. Sie schlief fest. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete sie. Dann machte er sich zu einem kleinen Spaziergang auf.

Er ging durch die Business- und weiter in die Economy-klasse. Die Kabinenbeleuchtung war noch immer gedämpft, und je weiter er nach hinten ging, desto überfüllter wirkten die Sitzreihen. Es roch nach schmutziger Kleidung. Er ging bis zum Heck der Maschine und in einem Bogen durch die Bordküche, in der das Kabinenpersonal die morgendliche Abfütterung vorbereitete. Dann kehrte er durch den anderen Gang in die Businessklasse zurück. Dort blieb er einen Augenblick stehen und ließ seinen Blick über die Passagiere wandern. Männer und Frauen in Nadelstreifenanzügen oder -kostümen, die ihre Jacken abgelegt und die Krawatten gelockert hatten. Überall waren Laptops aufgeklappt. Auf unbesetzten Sitzen standen offene Aktenkoffer, die von Ordnern und Mappen überquollen. Leselampen waren auf Klapptische gerichtet.

Nach seiner Einschätzung gehörten diese Leute zur mittleren Führungsebene. Weit von der untersten Ebene entfernt, aber noch längst nicht ganz oben. In der Army wären sie die Majore und Oberstleutnants gewesen. Er war als Major ausgeschieden und wäre inzwischen vermutlich Oberstleutnant, wenn er dabei geblieben wäre. Er lehnte sich an die Trennwand zwischen Economy- und Businessklasse, betrachtete die über ihre Arbeit gebeugten Köpfe und sagte sich: Leon hat mich geschaffen, und jetzt hat er mich verändert. Leon hatte seine Karriere gefördert, nicht geschaffen, aber dafür gesorgt, dass sie weiterging. Das stand außer Zweifel. Dann war die Karriere zu Ende gewesen, und das unstete Wanderleben hatte begonnen, das jetzt ebenfalls beendet war - wieder durch einen Impuls von Leon. Nicht nur durch Jodies Einfluss, sondern auch durch Leons Testament. Der alte Knabe hatte ihm sein Haus vemacht, und dieses Vermächtnis wartete jetzt nur darauf, ihm Fesseln anzulegen. Denn das vage Versprechen genügte bereits. Zuvor war ihm die Möglichkeit, eines Tages irgendwo sesshaft zu werden, stets nur theoretisch erschienen. Ein fernes Land, von dem er wusste, dass er es niemals betreten würde. Die lange Reise dorthin war zu schwierig, der Preis zu hoch. Aber Leons Vermächtnis hatte ihn an die Grenze eines fernen Landes versetzt. Er konnte sehen, welches Leben ihn auf der anderen Seite erwartete, und es erschien ihm verrückt, sich abzuwenden und die weite Strecke zu seiner bisherigen Existenz zurückzugehen. Damit hätte er sich bewusst für ein zielloses Wanderleben entschieden, das dadurch einen ganz anderen Stellenwert erhalten hätte. Der einzige Sinn eines Wanderlebens lag in der Akzeptanz der Tatsache, dass es keine Alternativen dazu gab. Das Vorhandensein von Alternativen ruinierte alles. Und Leon hatte ihm eine Alternative hinterlassen. Er musste gelächelt haben, als er diese Verfügung geschrieben und vielleicht gedacht hatte: Mal sehen, wie du dich da rauswindest, Reacher.

Er starrte die Laptops, die Mappen und Ordner an und erschauerte innerlich. Wie sollte er die Grenze jenes fernen Landes überschreiten, ohne mit all diesem Zeug konfrontiert zu werden? Mit Anzügen und Krawatten und batteriebetriebenen Geräten. Mit Aktenkoffern aus feinstem Leder und Memos aus der Firmenzentrale? Er geriet in Panik, bekam kaum noch Luft, war plötzlich wie gelähmt. Er erinnerte sich an einen kaum ein Jahr zurückliegenden Tag, an dem er an einer Kreuzung in der Nähe einer ihm unbekannten Kleinstadt in einem noch nie von ihm besuchten Bundesstaat aus einem Lastwagen gestiegen war. Er hatte dem Fahrer zugewinkt, seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben und war losmarschiert - tausende Kilometer hinter sich, tausende Kilometer vor sich. Die Sonne schien, seine Stiefel wirbelten bei jedem Schritt Staub auf, und Reacher war glücklich darüber gewesen, allein zu sein und absolut keine Vorstellung davon zu haben, wohin er unterwegs war.

Aber er dachte auch an einen Tag neun Monate später. An diesem Tag hatte er festgestellt, dass ihm das Geld ausging, und angestrengt nachgedacht. Selbst die billigsten Motels und Schnellrestaurants kosteten ein paar Dollar. Er hatte zuerst den Job in Key West angenommen, um durch ein paar Wochen Arbeit seine Kasse aufzubessern, und dann auch den Abendjob - und war mit beiden ausgelastet gewesen, bis Costello drei Monate später aufkreuzte. Tatsache war also, dass sein unstetes Wanderleben bereits vorüber war. Er arbeitete schon regelmäßig. Das ließ sich nicht leugnen. Jetzt ging es nur noch darum, wo und wie viel und für wen. Er musste unwillkürlich grinsen. Wie Prostitution, dachte er. Es gibt kein Zurück mehr. Er entspannte sich etwas und ging durch die Businessklasse nach vorn. Der Mann mit dem gestreiften Baumwollhemd war wach und nickte grüßend. Reacher erwiderte seinen Gruß und ging zur Toilette. Als er zurückkam, war Jodie aufgewacht. Sie setzte sich gerade hin und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Hi, Reacher«, sagte sie.

»Hi, Jodie.«

Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. Ließ sich in seinen Sitz fallen und stellte die Rückenlehne gerade.

»Na, wie fühlst du dich?«, fragte er.

»Nicht schlecht. Überhaupt nicht schlecht. Viel besser als erwartet. Wo bist du gewesen?«

»Ich habe einen Spaziergang gemacht«, antwortete er. »Bin nach hinten gegangen, um zu sehen, wie die andere Hälfte so lebt.«

»Nein, du hast nachgedacht. Das ist mir schon vor fünfzehn Jahren an dir aufgefallen. Du läufst immer herum, wenn du über etwas nachdenkst.«

»Tu ich das?«, fragte er überrascht. »Das ist mir gar nicht bewusst.«

»Natürlich tust du das«, erwiderte sie. »Ich weiß das schon lange. Schließlich war ich in dich verliebt und hab dich ganz genau beobachtet, weißt du.«

»Was ist dir sonst noch an mir aufgefallen?«

»Du ballst die linke Hand zur Faust, wenn du wütend oder nervös bist. Aber die rechte bleibt entspannt, was vermutlich auf deine Schießausbildung zurückzuführen ist. Langweilst du dich, machst du in Gedanken Musik. Das sieht man an deinen Fingern, mit denen du Klavier oder irgendein anderes Instrument zu spielen scheinst. Und deine Nasenspitze bewegt sich ein bisschen, wenn du redest.«

»Tatsächlich?«

»Ja«, sagte Jodie. »Worüber hast du nachgedacht?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Über Verschiedenes«, antwortete er.

»Über das Haus, stimmt’s?«, sagte sie. »Es macht dir Sorgen. Und über mich. Das Haus und ich, wir beide halten dich gefesselt wie diesen Kerl in dem Buch, Gulliver? Kennst du die Geschichte?«

Er lächelte. »Sie handelt von einem schlafenden Kerl, den Liliputaner gefangen nehmen. Sie fesseln ihn mit hunderten fadendünner Seile, sodass er nicht mehr fliehen kann.«

»Du fühlst dich wie er?«

Er machte eine kurze Pause. »Nicht in Bezug auf dich.«

Aber diese Pause war ein bisschen zu lang gewesen. Jodie nickte verständnisvoll.

»Es ist anders, als allein zu sein«, sagte sie. »Ich weiß, wie dir zumute ist - ich war verheiratet. Jemand, an den man die ganze Zeit denken muss? Um den man sich Sorgen macht?«

Reacher lächelte erneut. »Ich werde mich daran gewöhnen.«

»Und dazu kommt noch das Haus, nicht?«

Er zuckte mit den Schultern. »Kommt mir ungewohnt vor.«

»Nun, das ist etwas, das nur Leon und dich angeht«, sagte sie. »Ich möchte, dass du weißt, dass ich keine Forderungen an dich stelle. In keiner Beziehung. Du entscheidest selbst über dein Leben - und über dein Haus. Du sollst tun, was du für richtig hältst, ohne dich irgendwie unter Druck gesetzt zu fühlen.«

Er nickte. Äußerte sich nicht dazu.

»Du willst also versuchen, Hobie aufzuspüren?«

»Vielleicht. Aber das ist eine verdammt schwierige Aufgabe.«

»Trotzdem muss es Hinweise geben«, sagte sie. »Krankenakten und dergleichen. Er muss eine Prothese tragen. Und wenn er schwere Brandverletzungen hat, müssen sie irgendwo behandelt worden sein. Und auf der Straße wäre er kaum zu übersehen. Ein durch Brandwunden entstellter einarmiger Mann.«

Reacher nickte. »Oder ich warte einfach darauf, dass er mich findet. Ich könnte in Garrison herumhängen, bis er seine Jungs wieder vorbeischickt.«

Er betrachtete seine Schuhspitzen und erkannte plötzlich: Ich akzeptiere gerade, dass er noch lebt, dass ich mich gründlich geirrt habe. Er sah wieder zu Jodie hinüber.

»Leihst du mir für heute dein Handy? Kommst du einen Tag ohne aus? Für den Fall, dass Nash etwas findet und mich anruft. Ich möchte erreichbar sein.«

Sie erwiderte seinen Blick und nickte. Beugte sich nach unten, nahm das Handy aus der Tasche und gab es ihm.

»Ich drücke dir die Daumen«, sagte sie.

Er nickte und steckte das Gerät ein.

»Darauf war ich früher nie angewiesen«, meinte er.


Nash Newman wartete nicht bis neun Uhr morgens, um seine Suche zu beginnen. Er war ein gewissenhafter Mann, der aus Veranlagung, nicht nur aus berufsbedingter Notwendigkeit, auf kleinste Einzelheiten achtete. Dies war eine inoffizielle Suche, die er für einen besorgten Freund unternahm. Deshalb konnte er sie nicht in der Dienstzeit durchführen. Eine Privatangelegenheit musste privat geregelt werden.

Deshalb stand er um sechs Uhr auf. Er schaltete die Kaffeemaschine ein und zog sich an. Um sechs Uhr dreißig war er im Labor. Er nahm sich vor, höchstens zwei Stunden auf diese Tätigkeit zu verwenden. Dann würde er im Kasino frühstücken und seine eigentliche Arbeit wie jeden Tag pünktlich um neun Uhr beginnen.

Er zog eine Schreibtischschublade auf und nahm Victor Hobies Krankenakte heraus. Leon Garber hatte sie durch geduldige Nachforschungen bei Ärzten und Zahnärzten im Putnam County zusammengestellt, sie in einem alten Ordner der Militärpolizei abgelegt und mit einem alten Leinenband verschnürt. Das ursprünglich rote Band war zu einem staubigen Rosa verblasst. Seine Metallschließe ließ sich nur schwer öffnen.

Als er es geschafft hatte, schlug er den Ordner auf. Das erste Blatt war eine von den Hobies im April unterschriebene Einverständniserklärung. Darunter lag die alte Krankengeschichte. Newman, der schon viele tausend solcher Geschichten gelesen hatte, konnte die Jungen, von denen sie handelten, mühelos in Bezug auf ihr Alter, ihren Wohnort, die Einkommensverhältnisse ihrer Eltern und ihre sportlichen Fähigkeiten einordnen, weil alle diese Faktoren Einfluss auf ihre Krankengeschichte hatten. Alter und Wohnort wirkten sich gemeinsam aus. Beispielsweise konnte eine in Kalifornien entwickelte neuartige Zahnbehandlung sich allmählich über ganz Amerika ausbreiten, sodass der Dreizehnjährige, bei dem sie in Des Moines angewandt wurde, fünf Jahre älter sein musste als der Dreizehnjährige, bei dem sie in Los Angeles erfolgte. Und das Einkommen ihrer Eltern entschied darüber, ob sie überhaupt in den Genuss dieser Methode kamen. Die Highschool-Footballstars wurden alle wegen Schulterverletzungen behandelt, die Softballspieler hatten Handgelenkbrüche, die Schwimmer chronische Ohrentzündungen.

Von all dem hatte Victor Hobie sehr wenig mitbekommen. Newman, der zwischen den Zeilen las, stellte sich einen gesunden Jungen vor, der von pflichtbewussten Eltern anständig ernährt und gewissenhaft erzogen wurde. Sein Gesundheitszustand war überdurchschnittlich gut gewesen. Er hatte nur gelegentlich eine Erkältung oder eine Grippe gehabt und sich als Achtjähriger eine Bronchitis zugezogen. Keine Unfälle. Keine Knochenbrüche. Sein Zahnarzt war sehr gründlich gewesen. Der Junge war in einer Zeit aufgewachsen, in der invasive Prophylaxe in der Zahnheilkunde in Mode kam. Nach Newmans Erfahrung war das absolut typisch für jemanden, der Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre in New York und Umgebung groß geworden war. Die damaligen Zahnärzte hatten Krieg gegen Löcher in den Zähnen geführt und spürten sie mit starken Röntgenstrahlen auf. Sobald sie entdeckt waren, wurden sie mit dem Bohrer vergrößert und mit Amalgam gefüllt. Das bedingte zahlreiche Zahnarztbesuche, die für den jungen Victor Hobie sicher schmerzhaft gewesen waren, aber aus Newmans Sicht den Vorteil hatten, dass es einen dicken Stapel technisch guter Röntgenaufnahmen vom Mund- und Rachenraum des Jungen gab, die sich bestens auswerten ließen.

Er nahm die Filme, trat auf den Korridor hinaus, sperrte die unbeschriftete Tür in der Wand aus Hohlblocksteinen auf und ging an den glänzenden Aluminiumsärgen vorbei zu der Nische in der Rückwand des Labors. Dort stand auf einer breiten Arbeitsplatte ein Computerterminal, das vom Raum aus nicht zu sehen war. Als Newman sich einloggte und das Suchmenü aufrief, erschien auf dem Bildschirm ein detaillierter Fragebogen.

Beim Ausfüllen des Bogens musste er nur logisch vorgehen. Er klickte ALLE KNOCHEN an und schrieb KEINE BRÜCHE IN KINDHEIT UND JUGEND; SPÄTERE BRÜCHE MÖGLICH. Der Junge hatte sich als Footballspieler in der Highschool nichts gebrochen, konnte sich aber später einen Knochenbruch zugezogen haben. Beim Militär gingen Krankenakten manchmal verloren. Newman verwandte viel Zeit darauf, den zahnärztlichen Teil des Fragebogens auszufüllen. Er gab die letzte bekannte Beschreibung jedes einzelnen Zahns an. Er markierte die vorhandenen Plomben und kennzeichnete alle gesunden Zähne als MÖGLICHERWEISE PLOMBIERT. Das war nur logisch. Er begutachtete die Röntgenaufnahmen und vermerkte bei ZAHNSTELLUNG als Befund GLEICHMÄSSIG und bei GRÖSSE nochmals GLEICHMÄSSIG. Den Rest des Fragebogens ließ er unausgefüllt. Manche Krankheiten zeigten sich im Skelett, nicht jedoch Erkältungen, Grippe und Bronchitis.

Er sah seine Eintragungen nochmals durch und klickte um Punkt sieben den Befehl SUCHE an. Die Festplatte summte und surrte in der Morgenstille, und die Software begann mit der Durchforschung der gespeicherten Daten.


Sie landeten zehn Minuten früher als vorgesehen, nach New Yorker Zeit kurz vor Mittag. Jodie stellte ihre Armbanduhr vor und war schon auf den Beinen, bevor die Maschine zum Stillstand gekommen war - ein Verstoß gegen die Sicherheitsbestimmungen, für den man in der ersten Klasse nicht getadelt wurde.

»Komm«, sagte sie. »Ich hab’s eilig.«

Sie warteten schon an der Tür, noch bevor sie geöffnet wurde. Reacher trug wieder die Reisetasche, und Jodie hastete vor ihm her durchs Terminal und ins Freie. Der Lincoln Navigator stand auf der Fläche für Kurzzeitparker, und Reacher musste achtundfünfzig Dollar hinlegen, um ihn auszulösen.

»Habe ich noch Zeit, unter die Dusche zu gehen?«, fragte sich Jodie laut.

Reachers einziger Kommentar bestand darin, dass er auf dem Van Wyck Parkway schneller als erlaubt fuhr. Auf dem Long Island Expressway floss der Verkehr flüssig nach Westen in Richtung Tunnel. So waren sie dreißig Minuten nach der Landung auf dem Lower Broadway in der Nähe von Jodies Wohnung.

»Ich kontrolliere den Weg trotzdem«, sagte er. »Ob du’s eilig unter die Dusche hast oder nicht.«

Sie nickte. Seit sie wieder New Yorker Boden betreten hatte, waren die alten Sorgen zurückgekehrt.

»Okay, aber beeil dich.«

Er beschränkte sich darauf, vor der Glastür ihres Apartmenthauses zu halten und einen prüfenden Blick in die Eingangshalle zu werfen. Niemand zu sehen. Sie stellten den Wagen in der Tiefgarage ab, fuhren in den vierten Stock hinauf und gingen zu Fuß in den dritten hinunter. Das Gebäude wirkte verlassen. In Jodies Wohnung wies nichts auf unerwünschte Besucher hin. Es war zwölf Uhr fünfunddreißig.

»Zehn Minuten«, sagte Jodie. »Dann kannst du mich ins Büro fahren, okay?«

»Wie kommst du zu deiner Besprechung?«

»Wir haben einen Chauffeur«, antwortete sie. »Der bringt mich hin.«

Sie lief vom Wohn- ins Schlafzimmer und verstreute unterwegs ihre Kleidung.

»Willst du was essen?«, rief Reacher ihr nach.

»Keine Zeit!«

Sie verbrachte fünf Minuten unter der Dusche und weitere drei Minuten vor dem Kleiderschrank. Dann erschien sie in einem anthrazitgrauen, streng geschnittenen Kostüm.

»Such meinen Aktenkoffer, okay?«, bat sie.

Jodie kämmte sich die Haare und föhnte sie kurz durch. Beschränkte ihr Make-up auf Wimperntusche und Lippenstift. Warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und rannte ins Wohnzimmer zurück. Reacher stand mit dem Aktenkoffer bereit. Er trug ihn zum Wagen hinunter.

»Nimm meine Schlüssel«, sagte sie. »Dann kannst du wieder in die Wohnung. Ich ruf dich vom Büro aus an, wann du mich abholen kannst.«

Die Fahrt zu der kleinen Plaza vor dem Bürogebäude dauerte sieben Minuten. Um zwölf Uhr fünfundfünfzig stieg sie aus dem schwarzen Lincoln.

»Viel Erfolg!«, rief Reacher ihr nach.

Jodie winkte ihm zu und lief zur Drehtür. Die Sicherheitsleute sahen sie und ließen sie zu den Aufzügen durch. So kam sie noch vor ein Uhr mittags in ihrem Büro an. Ihr Sekretär überreichte ihr einen schmalen Ordner.

»Ihre Unterlagen«, sagte er feierlich.

Sie schlug den Ordner auf und blätterte acht Blatt Papier durch.

»Was, zum Teufel, ist das?«, fragte sie.

»Die Partner sollen bei ihrer letzten Besprechung schwer beeindruckt gewesen sein«, erwiderte der Mann.

Sie ging die Seiten von hinten durch. »Ich verstehe nicht, warum. Ich kenne keine dieser beiden Firmen, und der strittige Betrag ist lächerlich gering.«

»Aber das ist nicht der springende Punkt«, sagte der Sekretär.

Sie starrte ihn an. »Okay, was dann?«

»Diesmal hat der Gläubiger Sie hinzugezogen«, antwortete er. »Nicht die Person, die ihm das Geld schuldig ist. Das ist eine Präventivmaßnahme. Weil Sie sich einen Namen gemacht haben. Der Gläubiger weiß, dass Sie ihm große Schwierigkeiten bereiten können, wenn der Schuldner Sie an seiner Seite hat. Deshalb hat er Sie vorsorglich engagiert, um genau das zu verhindern. Das bedeutet, dass Sie berühmt sind. Sie sind jetzt ein echter Star, Mrs. Jacob.«