Ich gehöre somit zu den wenigen Menschen in diesem Lande, die den religiösen Glauben nicht etwa aufgegeben haben, sondern ihn nie hatten. ...Dieser Umstand hatte übrigens eine abträgliche Folge in meiner frühen Erziehung, die erwähnenswert ist. Da er mir eine Meinung vermittelte, die derjenigen der Welt widersprach, hielt es mein Vater für notwendig, sie mir als eine solche mitzuteilen, zu der ich mich klugerweise auch nicht vor aller Welt bekennen solle. Diese Lektion, meine Gedanken bereits in jungen Jahren für mich zu behalten, hatte einige nachteilige moralische Begleiterscheinungen.
John Stuart Mill, Autobiography
Le silence éternel de ces
espaces infinis m’effraie.
(Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.)
Blaise Pascal, Pensées
Das Buch der Psalmen ist bisweilen recht irreführend. Der bekannte Beginn von Psalm 121 beispielsweise – »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt die Hilfe?« – hat im Original die Form einer Frage, während er im Englischen als Aussage daherkommt: »... zu den Bergen, wo Hilfe herkommt«. (Keine Bange: Die aalglatte Antwort auf diese Frage lautet, dass die Gläubigen gegen alles Leid und alle Gefahren gefeit sind.) Egal wer der Psalmist nun war, die Schönheit und Eleganz von Psalm 14 gefielen ihm offenbar so gut, dass er ihn in Psalm 53 fast wörtlich noch einmal aufgreift. Beide beginnen mit der Aussage: »Die Toren sprechen in ihrem Herzen: >Es ist kein Gott.<« Aus welchem Grunde auch immer wird diese Bemerkung als so wichtig erachtet, dass sie in der religiösen Apologie immer wieder auftaucht. Aus der ansonsten unsinnigen Feststellung lässt sich nur ableiten, dass der Unglaube – nicht nur die Häresie und die Apostasie, sondern der Unglaube – schon in jener weit zurückliegenden Epoche bekannt war. Wenn man berücksichtigt, dass die Herrschaft des Glaubens mit seinen brutalen Strafen damals uneingeschränkt und unangefochten war, wäre wohl eher derjenige ein Tor gewesen, der seine Folgerungen nicht tief in seinem Herzen verborgen hätte, wobei es in diesem Falle interessant wäre zu erfahren, woher der Psalmist es dann überhaupt wusste. Nicht umsonst sperrte man in der Sowjetunion Dissidenten wegen »reformistischer Wahnvorstellungen« ins Irrenhaus, weil die Vernunft den Schluss nahelegte, dass jemand, der verrückt genug war, Reformen anzuregen, jeglichen Selbsterhaltungstrieb eingebüßt hatte.
Unserer Spezies werden die Toren nicht ausgehen, doch ich wage die Behauptung, dass es mindestens so viele leichtgläubige Idioten gegeben hat, die ihren Glauben an Gott bekannten, wie Tölpel und Einfaltspinsel, die zu einem anderen Ergebnis gelangten. Es wäre wohl vermessen zu behaupten, dass Intelligenz und Neugier aufseiten der Atheisten wahrscheinlicher ist, doch zumindest haben zu allen Zeiten Menschen darauf hingewiesen, wie unwahrscheinlich Gott ist, wie viel Böses in seinem Namen getan wird, dass er sehr wahrscheinlich vom Menschen geschaffen wurde und dass es durchaus harmlosere Überzeugungen und Erklärungen gibt. Die Namen dieser Männer und Frauen kennen wir nicht, weil sie zu allen Zeiten und allerorten rücksichtslos unterdrückt wurden. Aus dem gleichen Grund wissen wir auch nicht, wie viele nach außen hin fromme Menschen insgeheim ungläubig waren. Noch im 18. und 19. Jahrhundert hielten es in so vergleichsweise freien Ländern wie Großbritannien und den USA wohlsituierte und begüterte Atheisten wie James Stuart Mill und Benjamin Franklin für ratsam, ihre Ansichten für sich zu behalten. Wenn wir daher von der Schönheit »christlicher« Malerei und Architektur oder von den Errungenschaften »islamischer« Astronomie und Medizin lesen, sind zivilisatorische und kulturelle Fortschritte gemeint – zum Teil von den Azteken und den Chinesen vorweggenommen – die so viel mit dem »Glauben« zu tun haben wie ihre Vorläufer mit Menschenopfern und Imperialismus. Und abgesehen von sehr wenigen Einzelfällen, können wir nicht wissen, wie viele dieser Architekten, Maler und Forscher sich der Überprüfung ihrer innersten Gedanken durch die Gottesfürchtigen entzogen. Galilei hätte seiner Arbeit mit dem Fernrohr womöglich ungestört nachgehen können, hätte er nicht unklugerweise deren kosmologische Folgen zugegeben.
Skepsis, Glaubenszweifel und ausgemachter Unglauben äußern sich schon immer auf die im Wesentlichen gleiche Art. Seit jeher wurde aus der Beobachtung der natürlichen Ordnung gefolgert, dass ein Schöpfer nicht da oder nicht notwendig sei. Seit jeher wird scharfsinnig erkannt, dass die Religion menschliche Wünsche oder Entwürfe widerspiegelt. Es war nie besonders schwer zu erkennen, dass die Religion Hass und Krieg verursacht und dass das Festhalten an ihr Ignoranz und Aberglauben voraussetzt. Satiriker und Dichter, Philosophen und Forscher erklärten, wenn Dreiecke Götter hätten, so wären ihre Götter dreieckig, so, wie die thrakischen Götter blond und blauäugig waren.
Der Gedanke muss zwar schon vorher da gewesen sein, doch erstmals wird die Kollision zwischen unserem logischen Denkvermögen und einer Form des organisierten Glaubens wohl in dem Prozess gegen Sokrates im Jahr 399 v. Chr. beispielhaft vorgeführt. Für mich ist es dabei völlig unerheblich, dass wir nicht mit Sicherheit wissen, ob Sokrates überhaupt existiert hat. Die Zeugnisse seines Lebens und seine Worte sind uns über ähnlich viele Umwege überliefert wie die Bücher der jüdischen und christlichen Bibel sowie der Hadith des Islam. Die Philosophie ist indes auf Beweise gar nicht angewiesen, weil sie sich nicht mit »offenbarter« Weisheit befasst. Die Berichte, die uns zum Leben des Sokrates vorliegen – eines stoischen Soldaten, der äußerlich ein wenig dem Schwejk ähnelte, eine zänkische Frau hatte und zur Katalepsie neigte –, sind plausibel und völlig hinreichend. Auf Platons Wort hin, der immerhin ein Zeitgenosse war, dürfen wir annehmen, dass Sokrates in Athen in einer Phase der Paranoia und Tyrannei wegen Gottlosigkeit angeklagt wurde und wusste, dass er sein Leben verlieren würde. Wie aus den wunderbaren Worten der Apologie hervorgeht, beabsichtigte er nicht, seine Haut zu retten, indem er auf etwas schwor, an das er nicht glaubte – wie es später einer tat, der mit der Inquisition konfrontiert war. Sokrates war zwar kein Atheist, galt aber zu Recht als unzuverlässig, weil er für Gedankenfreiheit und freie Forschung eintrat und sich weigerte, Dogmen jeglicher Art gutzuheißen. Alles, was er wirklich »wusste«, so sagte er, war das Ausmaß seines eigenen Nichtwissens – das ist für mich die Definition eines gebildeten Menschen. Platon zufolge hielt sich der große Athener durchaus an die üblichen Riten der Stadt, sagte aus, er habe vom Orakel von Delphi den Auftrag erhalten, Philosoph zu werden, und sprach nach seiner Verurteilung zum Tode durch den Schierlingsbecher auf dem Sterbebett von einem Leben nach dem Tod, in dem jene, die durch geistige Übung die Welt hinter sich gelassen hätten, möglicherweise ein Dasein des reinen Geistes führen würden. Doch auch hier versäumte er nicht, einzuschränkend hinzuzufügen, es könne durchaus auch anders sein. Die Frage war es wie immer wert, ihr nachzugehen. Die Philosophie beginnt, wo die Religion aufhört, so wie die Astronomie die Astrologie weiterführt und die Chemie ansetzt, wo die Alchemie nicht mehr weiterweiß. Von Sokrates lassen sich darüber hinaus zwei überaus wichtige Argumente übernehmen. Erstens, dass das Gewissen angeboren ist und zweitens, dass dogmatische Glaubensanhänger von einem, der ihre Lehren wörtlich zu nehmen vorgibt, gnadenlos vorgeführt werden können.
Sokrates glaubte, einen Daimon zu haben, ein Orakel oder eine innere Stimme, dessen gute Ratschläge er dankbar annahm. Jeder, so er nicht gerade ein Psychopath ist, kennt dieses Gefühl mehr oder weniger ausgeprägt. Adam Smith hatte einen ständigen Partner, mit dem er unhörbar im Gespräch war und der als innere Kontrolle fungierte. Sigmund Freud beschrieb die Stimme der Vernunft als leise, aber hartnäckig. C. S. Lewis meinte derweil, das Vorhandensein des Gewissens sei ein Hinweis auf den göttlichen Funken, und versuchte damit des Guten zu viel zu beweisen. Heute heißt es durchaus zutreffend, unter dem Gewissen sei das zu verstehen, was uns zu gutem Benehmen veranlasst, wenn niemand hinsieht. Sokrates jedenfalls weigerte sich strikt, etwas zu sagen, dessen er sich moralisch nicht sicher war. Manchmal brach er, wenn er sich selbst der Spiegelfechterei oder der Schaumschlägerei verdächtigte, mitten in der Rede ab. Seinen Richtern erklärte er, sein »Orakel« habe ihn in seiner Verteidigungsrede an keiner Stelle unterbrochen. Wer das Gewissen als Nachweis für Gottes ordnende Hand anführt, bringt ein Argument vor, das sich weder beweisen noch widerlegen lässt. Der Fall Sokrates jedoch zeigt auf, dass Männer und Frauen, die über ein wahrhaftiges Gewissen verfügen, es häufig gegen den Glauben behaupten müssen.
Sokrates drohte der Tod, doch er hatte die Möglichkeit, bei einer Verurteilung auf Strafminderung zu plädieren. Stattdessen bot er in beinahe beleidigendem Ton die Zahlung einer lächerlichen Geldstrafe an. Nachdem er seinen verärgerten Richtern keine andere Möglichkeit als die Höchststrafe gelassen hatte, erklärte er, warum seine Ermordung durch sie für ihn ohne Bedeutung sei. Der Tod habe keinen Schrecken: Entweder sei er ein ewiger Schlaf oder die Chance auf Unsterblichkeit – ja, auf eine Zwiesprache mit großen Griechen wie Orpheus und Homer, die vor ihm gestorben seien. In diesem glücklichen Falle, so merkte er trocken an, möchte man ja sogar immer wieder sterben. Für uns spielt es überhaupt keine Rolle, dass das Orakel von Delphi der Vergangenheit angehört und dass Orpheus und Homer mythische Gestalten sind. Entscheidend ist für uns, dass Sokrates seine Ankläger mit ihren eigenen Waffen schlug, indem er ihnen sagte: Ich weiß nicht genau, was es mit dem Tod und den Göttern auf sich hat, aber ich weiß mit Sicherheit, dass ihr es auch nicht wisst.
Die antireligiöse Wirkung des Sokrates und seiner sanften, aber unnachgiebigen Fragen geht auch aus einem Theaterstück hervor, das noch zu seinen Zeiten verfasst und aufgeführt wurde. In Die Wolken des Aristophanes unterhält ein Philosoph namens Sokrates eine Skeptikerschule. Ein Bauer aus der Umgebung stellt die üblichen begriffsstutzigen Fragen, die Gläubige eben so stellen: Wenn es Zeus nicht gibt, wer sorgt dann für den Regen, der das Getreide bewässert? Sokrates fordert den Mann auf, einmal seinen Kopf zu benutzen: Der Regen würde doch, wenn Zeus ihn machen könnte, auch aus einem wolkenlosen Himmel fallen. Da das nicht geschieht, wäre es da nicht klüger anzunehmen, dass die Wolken die Ursache für den Regen sind? Na gut, sagt der Bauer, wer bewegt aber dann die Wolken? Doch sicher Zeus? Nein, sagt Sokrates und erklärt ihm die Wirkungsweise des Windes und der Wärme. Aha, erwidert der alte Landmann, aber wo kommt der Blitz her, der Lügner und andere Missetäter straft? Der Blitz, lautet die sanfte Antwort, macht keinen Unterschied zwischen dem guten und dem schlechten Menschen. Ja, häufig schlägt er in die Tempel des olympischen Zeus höchstpersönlich ein. Damit hat er den Bauern auf seiner Seite, der allerdings später seine Gottlosigkeit widerruft und die Schule samt Sokrates darin niederbrennt. Manch ein Freidenker hat seither das gleiche Schicksal erlitten oder ist ihm nur knapp entgangen. Alle größeren Gefechte um das Recht auf Gedankenfreiheit, Redefreiheit und freie Forschung sind so abgelaufen, dass die Religion sich mit ihrem prosaischen und engstirnigen Denken gegen den ironischen und nachforschenden Geist durchzusetzen versucht hat.
Im Grunde beginnt die Auseinandersetzung mit dem Glauben bei Sokrates und endet auch dort, und man kann die Ansicht vertreten, dass die städtischen Ankläger recht taten, als sie die Athener Jugend vor Sokrates’ lästigen Spekulationen beschützten. Allerdings führte Sokrates auch nicht gerade viel Wissenschaftliches gegen den Aberglauben ins Feld. Einer seiner Ankläger behauptete, er habe die Sonne als einen Steinbrocken und den Mond als einen Erdbrocken bezeichnet, wobei Letzteres zutreffend gewesen wäre, doch Sokrates wischte den Vorwurf mit dem Hinweis beiseite, das sei ein Problem für Anaxagoras. Der ionische Philosoph war wegen ebendieser Behauptung bereits zuvor unter Anklage gestellt worden, wobei er nicht so weit ging wie Leukipp und Demokrit, denen zufolge alles aus Atomen besteht, die ständig in Bewegung seien. Nebenbei bemerkt ist es durchaus möglich, dass Leukipp nie existierte, was aber nicht weiter von Bedeutung ist. Entscheidend an der genialen Vorstellung des »Atomismus« ist es, dass er die Frage nach einer ersten Ursache oder einem Ursprung als im Wesentlichen irrelevant betrachtet. Weiter konnte man sich damals gar nicht aus dem Fenster lehnen.
Die Problematik der Götter blieb damit ungelöst. Epikur, der die Atomtheorie des Demokrit aufgriff, negierte die Existenz der Götter nicht völlig, konnte aber auch nicht glauben, dass sie für das Leben der Menschen eine Rolle spielten. Warum sollten sie sich für die öde menschliche Existenz interessieren, geschweige denn für eine öde menschliche Regierung? Die Götter, so Epikur, mieden unnötigen Schmerz, und die Menschen seien weise, es ihnen nachzutun. Vor dem Tod müsse man sich daher nicht fürchten, und bis dahin seien alle Versuche, die Absichten der Götter etwa aus Tiereingeweiden zu lesen, absurde Zeitverschwendung.
Von allen Begründern der Antireligion ist der römische Dichter Lukrez in mancherlei Hinsicht der interessanteste und faszinierendste. Er lebte im ersten vorchristlichen Jahrhundert und bewunderte das Werk des Epikur über alle Maßen. In Reaktion auf eine Wiederbelebung des alten Glaubens durch Kaiser Augustus verfasste er ein geistreiches und kunstvolles Gedicht mit dem Titel De rerum natura (Über die Natur der Dinge). Dieses Werk wurde im Mittelalter von christlichen Fanatikern beinahe zerstört, und nur ein Manuskript hat die Zeit überdauert. Wir können von Glück sagen, dass es zur Zeit des Julius Cäsar und des Cicero, der das Lehrgedicht zuerst veröffentlichte, überhaupt noch einen Dichter gab, der sich weiter für den Atomismus stark machte. Mit seiner Aussage, die Aussicht auf eine künftige Annihilation sei nicht schlimmer als das Nachdenken über das Nichts, aus dem wir gekommen seien, nahm Lukrez David Hume voraus. Sigmund Freud klingt bereits an, wenn sich Lukrez über die Begräbnisriten und Gedenkzeremonien lustig macht, aus denen der fruchtlose und unsinnige Wunsch spreche, der eigenen Bestattung beizuwohnen. Aristophanes folgend, meinte er, das Wetter erkläre sich selbst, und das Werk, das törichte und egozentrische Menschen als göttlich inspiriert betrachteten oder auf ihr schwaches Ego bezogen, verrichte, völlig frei von Göttern, die Natur:
Wer kann kräftig die Zügel der unermesslichen Tiefe
Halten in leitender Hand, wer alle die Himmel im Gleichmaß
Drehn und fruchtbar die Erde mit Flammen des Äthers erwärmen,
Gegenwärtig zu jeglicher Zeit und an jeglichem Orte,
Um bald Dunkel durch Wolken zu schaffen und Donner erregend
Heiteren Himmel zu trüben, bald Blitze zu senden und häufig
Selbst die eigenen Tempel zu schädigen oder im Wüten
Selbst auf Wüsten Geschosse zu richten, die harmlose Leute
Und unschuldige töten, dagegen die Schuldigen meiden? [FUSSNOTE68]
Der Atomismus wurde im gesamten christlichen Europa viele Jahrhunderte lang aus dem durchaus vernünftigen Grund erbittert verfolgt, dass er die natürliche Welt sehr viel besser erklärte, als die Kirche das konnte. Doch wie ein gedanklicher Faden überlebte das Werk des Lukrez im Geiste einiger weniger Gelehrter. Sir Isaac Newton mag gläubig gewesen sein – er glaubte nicht nur an Jesus Christus, sondern auch an alle möglichen Pseudowissenschaften –, doch in den ersten Entwürfen seiner Philosophiae naturalis principia mathematica (Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie) zitiert er neunzig Zeilen aus De rerum natura. Galilei erwähnt Epikur in seinem 1623 entstandenen Werk Saggiatore zwar nicht direkt, stützt sich aber so stark auf dessen Atomtheorie, dass Freunde wie Kritiker es als epikureisch bezeichneten.
Wenn man bedenkt, dass die Kirche in den frühen christlichen Jahrhunderten Wissenschaft und Forschung grausam verfolgte (Augustinus zufolge gab es die heidnischen Götter, allerdings in Form von Teufeln, und die Erde war angeblich weniger als sechstausend Jahre alt) und dass es die meisten intelligenten Menschen für ratsam hielten, sich nach außen konform zu geben, ist es kaum verwunderlich, dass die Wiederbelebung der Philosophie häufig in fromme Worte gekleidet wurde. Die Anhänger der in seiner kurzen Blütezeit in Andalusien zugelassenen Philosophieschulen – eine Synthese aus aristotelischer Philosophie, Judaismus, Christentum und Islam – durften über die Dualität in der Wahrheit und ein mögliches Gleichgewicht zwischen Vernunft und Offenbarung spekulieren. Dieses von Anhängern des Averroes vorgebrachte Konzept der »Doppelten Wahrheit« wurde jedoch von der Kirche aus offensichtlichen Gründen strikt abgelehnt. In der Regierungszeit Königin Elizabeths schrieb Francis Bacon – vielleicht in Anlehnung an Tertullian, der sagte, je lächerlicher etwas sei, desto intensiver werde daran geglaubt –, der Glaube sei am größten, wenn die Lehren am wenigsten der Vernunft zugänglich seien. Pierre Bayle machte sich wenige Jahrzehnte nach ihm einen Spaß daraus, zunächst alle vernünftigen Argumente gegen einen bestimmten Glaubenssatz anzuführen, und fügte hinzu, dass der Triumph des Glaubens dadurch nur umso größer werde. Wir können ziemlich sicher sein, dass er damit nicht nur eine Bestrafung vermeiden wollte. Die Zeit, da die Ironie das Fanatische und Prosaische ins Bockshorn jagen würde, war nicht mehr fern.
Doch ohne Racheaktionen und Rückzugsgefechte von Seiten der Fanatiker ging es nicht ab. Im 17. Jahrhundert bot das streitbare kleine Holland eine kurze, aber großartige Zeit lang als toleranter Gastgeber zahlreichen Freidenkern wie Bayle und Descartes Zuflucht. Ebenfalls in Holland kam ein Jahr vor der Anklageerhebung gegen Galilei durch die Inquisition der große Baruch Spinoza zur Welt, Sohn spanischer und portugiesischer Juden, die sich ihrerseits in Holland vor Verfolgung in Sicherheit gebracht hatten. Am 27. Juli 1656 sprachen die Vorsteher der Amsterdamer Synagoge folgenden Cherem oder Bannspruch gegen Spinoza und sein Werk aus:
Nach dem Urteil der Engel und der Aussage der Heiligen verbannen, verfluchen, verwünschen und verdammen wir Baruch d’Espinosa... Er sei verflucht bei Tag und verflucht bei Nacht, verflucht sein Hinlegen und verflucht sein Aufstehen, verflucht sein Gehen und verflucht sein Kommen... Hütet euch: dass niemand mündlich noch schriftlich mit ihm verkehre, niemand ihm die geringste Gunst erweise, niemand unter einem Dach mit ihm wohnt, niemand sich ihm auf vier Ellen nähere, niemand eine von ihm gemachte oder geschriebene Schrift lese. [FUSSNOTE69]
An die mehrmaligen Verfluchungen schließt sich die Aufforderung an alle Juden an, jeglichen Kontakt mit Spinoza sowie die Lektüre seiner Schriften zu meiden. Erwähnt wird in diesem Kontext übrigens auch der Fluch des Elisa: In dieser überaus erhebenden biblischen Geschichte verflucht Elisa, von Kindern wegen seines Kahlkopfes gehänselt, diese im Namen des Herrn, worauf zwei Bären aus dem Wald kommen und die Kinder in Stücke reißen. Thomas Paine hatte schon seine Gründe, als er sagte, er könne an keine Religion glauben, die Kinderseelen erschüttere.
Der Vatikan und die calvinistischen Kirchenführer Hollands begrüßten Spinozas hysterische Verurteilung durch die Juden und eilten ihnen bei der europaweiten Unterdrückung aller seiner Werke zu Hilfe. Hatte der Mann nicht die Unsterblichkeit der Seele infrage gestellt und die Trennung von Kirche und Staat gefordert? Hinweg mit ihm! Heute genießen der damals verfemte Ketzer und das eigenständigste philosophische Werk, das je zur Unterscheidung zwischen Geist und Körper verfasst wurde, höchste Anerkennung. Seine Gedanken zur Conditio humana haben nachdenklichen Menschen mehr Trost gespendet als jede Religion. Bis heute ist ungeklärt, ob Spinoza Atheist war, doch der Streit darum, ob es sich beim Pantheismus nun um Atheismus handelt oder nicht, mutet heutzutage schon seltsam an. Spinoza argumentiert durchaus im Rahmen eines Theismus, doch indem er Gott als etwas beschreibt, das sich in der gesamten natürlichen Welt manifestiert, ist er drauf und dran, einen religiösen Gott wegzudefinieren. Und wenn es eine alles durchdringende, präexistente kosmische Gottheit gibt, die ein Teil dessen ist, was sie erschafft, so bleibt kein Raum für einen Gott, der in das Leben der Menschen eingreift, geschweige denn für einen, der in brutalen Kleinkriegen zwischen jüdischen und arabischen Sippen Partei ergreift. So ein Gott kann keinen Text verfasst oder inspiriert haben, und er kann auch nicht Exklusiveigentum einer einzelnen Sekte oder Sippe sein. Erinnern wir uns an die Frage, die Chinesen den ersten christlichen Missionaren in China stellten. Wenn Gott sich offenbart hat, wie kommt es dann, dass er so viele Jahrhunderte wartete, bis er es die Chinesen wissen ließ? Schon der Prophet Mohammed riet einem Hadith zufolge: »Strebe nach Wissen, selbst wenn es in China ist!« Ohne es zu wissen, verwies er damit darauf, dass die größte Zivilisation der Erde damals am äußersten Rande der ihm bekannten Welt lag. So, wie Newton und Galilei auf Demokrit und Epikur aufbauten, so beeinflusste Spinoza Einstein, der auf die entsprechende Frage eines Rabbiners energisch antwortete, er glaube nur an »Spinozas Gott«, nicht aber an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Taten der Menschen befasse. [FUSSNOTE70]
Spinoza entjudaisierte seinen Namen, indem er sich den Vornamen Benedikt gab, und überlebte den Bann von Amsterdam um zwanzig Jahre. Er pflegte einen ruhigen und rationalen Konversationsstil und starb überaus stoisch an Glasstaub, der ihm in die Lunge eingedrungen war: Er hatte sich dem Schleifen von Linsen für Teleskope und medizinische Geräte gewidmet, eine angemessene wissenschaftliche Tätigkeit für einen, der die Menschen lehrte, genauer hinzusehen. »Alle unsere heutigen Philosophen, vielleicht oft ohne es zu wissen«, schreibt Heinrich Heine »sehen sie durch die Brillen, die Baruch Spinoza geschliffen hat.« [FUSSNOTE71]
Heines Gedichte wiederum wurden später von geistlosen Nazis, die einem assimilierten Juden nicht einmal zugestehen wollten, ein richtiger Deutscher zu sein, auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die verängstigten, rückständigen Juden, die Spinoza ächteten, hatten eine Perle weggeworfen, die wertvoller war als ihr gesamter Stamm. Der Leichnam ihres mutigsten Sohnes wurde nach seinem Tod entwendet und zweifellos weiteren Ritualen der Entweihung unterworfen.
Spinoza hatte das zum Teil kommen sehen. Seinen Briefen fügte er das Wort Caute! (»Vorsicht!«) hinzu, mit einer kleinen Rose darunter. Und nicht nur das war sub rosa: Für den Druck seines gefeierten Buches Tractatus gab er einen falschen Namen an und ließ auf der Titelseite den Namen des Autors ganz weg. Sein verbotenes Werk, das seinen Tod nur durch den Mut und Einsatz eines Freundes überdauerte, lebte in den Schriften anderer weiter. Pierre Bayle widmete Spinoza in seinem 1697 erstmals erschienenen Historischen und kritischen Wörterbuch den längsten Eintrag. Montesquieus Vom Geist der Gesetze wies dermaßen enge Bezüge zu Spinozas Schriften auf, dass der Autor von der kirchlichen Obrigkeit in Frankreich gezwungen wurde, sich von dem jüdischen Monster zu distanzieren und öffentlich seinen Glauben an einen (christlichen) Schöpfer zu erklären. Die große Enzyklopädie, herausgegeben von Diderot und d’Alembert, in der später der Begriff der Aufklärung definiert wurde, enthält einen umfangreichen Eintrag über Spinoza.
Einen schweren Fehler christlicher Apologeten möchte ich nicht wiederholen: Völlig überflüssigerweise gaben sie sich große Mühe nachzuweisen, dass weise Männer, die vor Christi Geburt gelebt hatten, im Grunde Propheten und Kündiger seines Kommens waren – noch im 19. Jahrhundert verschwendete William Ewart Gladstone viel Papier auf den Versuch, für die antiken Griechen einen solchen Beweis zu erbringen. Es steht mir nicht zu, Philosophen vergangener Epochen als Vorläufer des Atheismus zu vereinnahmen. Allerdings kann ich sehr wohl darauf hinweisen, dass wir aufgrund der damals herrschenden religiösen Intoleranz nicht wissen, was sie privat dachten, und dass es uns beinahe verwehrt worden wäre zu erfahren, was sie öffentlich schrieben. Selbst der relativ konformistische Descartes, der es für ratsam hielt, sich in das zwanglosere Klima der Niederlande zu begeben, plante für seinen eigenen Grabstein Ovids lapidare Worte: »Wer verborgen gelebt hat, hat gut gelebt.«
Im Falle Pierre Bayles und Voltaires beispielsweise ist es nicht so leicht zu entscheiden, ob sie religiös waren oder nicht. Methodisch neigten sie gewiss zur Respektlosigkeit und Satire, und ein Leser, der einem unkritischen Glauben anhing, wurde von ihren Werken in diesem Glauben schwer erschüttert. Ihre Schriften waren die Bestseller ihrer Zeit und machten es den Schichten, die neuerdings über Bildung verfügten, unmöglich, die biblischen Geschichten und anderes mehr weiterhin wörtlich zu nehmen. Insbesondere Bayle löste einen großen, aber heilsamen Tumult aus, als er David, den mutmaßlichen Autor der Psalmen, genauer unter die Lupe nahm und die Karriere eines skrupellosen Banditen offenlegte. Die Annahme, der Glaube veranlasse die Menschen zu einem besseren und der Unglaube zu einem schlechteren Benehmen, tat er als absurd ab und untermauerte dies mit einer langen Liste beobachtbarer Erfahrungen, was dazu führte, dass ihm lobend oder kritisch ein verstohlener Atheismus nachgesagt wurde. Bayle begleitete und verbrämte seine kritischen Aussagen allerdings stets mit eher orthodoxen Einlassungen, denen es wahrscheinlich zu verdanken ist, dass sein erfolgreiches Werk eine zweite Auflage erlebte. [FUSSNOTE72]
Auch Voltaire schuf mit frommen Gesten ein Gegengewicht zur bissigen Verspottung der Religion und regte ironisch an, dass sein Grab – was machen sich die Leute für Gedanken über die eigene Beerdigung! – dereinst halb in und halb außerhalb der Kirche liegen solle. Allerdings verfasste er eine hochgelobte Schrift für die bürgerliche Freiheit und die Gewissensfreiheit, mit der er die posthume Rehabilitierung des ungerechtfertigt zum Tode verurteilten Jean Calas erreichte. Dieser war gefoltert, gerädert und verbrannt worden, weil er angeblich seinen Sohn umgebracht hatte, um diesen am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Voltaire wusste dank seiner eigenen Erfahrung mit der Bastille sehr wohl, dass nicht einmal er sich gänzlich in Sicherheit wiegen konnte. Das sollten wir nicht vergessen.
Immanuel Kant hing eine Zeit lang dem Glauben an, alle Planeten seien bewohnt, und je größer die Entfernung zur Erde, desto besser der Charakter der Bewohner. Doch selbst aus seiner rührend beschränkten Kenntnis des Universums heraus konnte er überzeugende, vernunftgestützte Argumente gegen theistische Darstellungen vorbringen. Den guten alten teleologischen Gottesbeweis, damals wie heute ein Dauerbrenner, durfte man laut Kant so großzügig interpretieren, dass er einen Architekten zuließ, nicht aber einen Schöpfer. Den kosmologischen Gottesbeweis, nach dem die eigene Existenz eine andere Existenz voraussetzt, verwarf er, weil er lediglich das ontologische Argument wieder aufnehme. Den ontologischen Beweis wiederum machte er zunichte, indem er gegen die naive Vorstellung anging, Gott sei, wenn er als Idee wahrgenommen oder als Prädikat gesetzt werden könne, auch existent. Mit diesem überkommenen Quatsch räumt auch Penelope Lively in ihrem hochgelobten Roman Moon Tiger auf. Obwohl sie ihre Tochter Lisa als ein »langweiliges Kind« beschreibt, freut sich die Erzählerin doch über ihre überraschenden Fragen:
»Gibt es Drachen?«, fragte sie. Ich sagte, nein. »Hat es denn mal welche gegeben?« Ich sagte, alles, was wir wüssten, deute auf das Gegenteil hin. »Aber wenn es das Wort >Drache< gibt, müssen doch auch Drachen da gewesen sein.« [FUSSNOTE73]
Wer hat nicht schon ein unschuldiges Kind vor der Widerlegung einer solchen Ontologie bewahrt? Doch um zum Kern der Sache zu kommen und weil wir nicht ewig Zeit haben, erwachsen zu werden, halte ich mich doch lieber an Kant, der die Existenz eben nicht als Prädikat betrachtet: »Hundert wirkliche Taler enthalten nicht das Mindeste mehr, als hundert mögliche.« [FUSSNOTE74]
Ich habe Kants Gegenbeweise hier in umgekehrter Reihenfolge angeführt, um den Bogen zu dem 1573 von der Inquisition in Venedig dokumentierten Fall eines gewissen Matteo de Vincenti zu spannen. De Vincenti erklärte, es sei unsinnig, an die Doktrin der Anwesenheit Christi in der Messe zu glauben: »Lieber würde ich daran glauben, dass ich Geld in der Tasche hätte.« [FUSSNOTE75]
Kant wusste nichts von diesem seinem Vorläufer aus dem gemeinen Volke, und als er zum dankbareren Thema Ethik überging, wusste er vielleicht auch nicht, dass sein »kategorischer Imperativ« ein Echo der »Goldenen Regel« des Rabbi Hillel ist. Kant fordert: »Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.« [FUSSNOTE76]
Diese Aussage zum gegenseitigen Interesse und zur Solidarität macht eine durchsetzende oder übernatürliche Macht hinfällig. Wozu sollte sie auch da sein? Der menschliche Anstand leitet sich nicht aus der Religion ab. Er geht ihr voraus.
Es ist sehr interessant, dass in der Aufklärung im 18. Jahrhundert viele große Denker ähnliche und einander überschneidende Gedanken verfolgten, dabei aber große Sorgfalt darauf verwendeten, sie vorsichtig zu formulieren oder so weit wie möglich auf einen kleinen Kreis gebildeter Gleichgesinnter zu beschränken. Als Beispiel möchte ich Benjamin Franklin anführen, der die Elektrizität zwar nicht entdeckte, aber zu denen gehörte, die ihre Prinzipien und praktischen Anwendungen erforschten. Zu Letzteren gehörte der Blitzableiter, der die Frage, ob Gott uns mit plötzlichen und willkürlichen Blitzschlägen bestraft, endgültig entschied. Kein Kirchturm und kein Minarett ist heute ohne Blitzableiter. Franklin stellte der Öffentlichkeit seine Erfindung folgendermaßen vor:
In seiner Güte gegenüber der Menschheit hat es Gott gefallen, ihr endlich eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie sie ihre Behausungen und ihre anderen Gebäude vor Schäden durch Donner und Blitz schützen kann. [FUSSNOTE77]
Sodann erklärt er, wie dieses Wunder mit gewöhnlichen Materialien aus dem Haushalt hergestellt werden kann – Messingdraht, einer Stricknadel und ein paar Klammern.
Auf den ersten Blick entsprechen Franklins Worte absolut der landläufigen Haltung, wäre da nicht das kleine, aber auffallende Wörtchen »endlich«. Natürlich steht es uns frei zu glauben, dass Franklin jedes Wort ernst meinte und den Leuten klarmachen wollte, dass der Allmächtige Mitleid hatte und den Menschen nach so langer Zeit doch noch das Geheimnis offenbarte. Doch unüberhörbar klingt hier auch Prometheus an, der den Göttern das Feuer stahl. Und Menschen, die Prometheus nacheiferten, mussten damals vorsichtig sein. Joseph Priestley, der als Erster das Element Sauerstoff isolierte, wurde sein Labor in Birmingham von einer Menschenmenge zerstört, die von den Torys aufgehetzt worden war und »für Kirche und König« brüllte. Der überzeugte Unitarier musste erst den Atlantik überqueren, ehe er wieder ungestört arbeiten konnte. Nichts übrigens ist vollkommen, auch diese Geschichte nicht: Franklin interessierte sich ebenso intensiv für die Freimaurerei, wie Newton Gefallen an der Alchemie gefunden hatte, und auch Priestley hatte eine Schwäche, nämlich für die Phlogistontheorie. Vergessen wir nicht, dass wir es hier mit der Kindheit unserer Spezies zu tun haben.
Edward Gibbon, der entsetzt war von den Einsichten, die er im Zuge seiner Recherche für das umfangreiche Werk Verfall und Untergang des Römischen Reiches über das Christentum gewonnen hatte, schickte eines der ersten gedruckten Exemplare an David Hume, der ihn vor Ärger warnte, der dann auch prompt folgte. Hume erhielt in Edinburgh Besuch von Benjamin Franklin und reiste seinerseits nach Paris, um sich mit den Herausgebern der Enzyklopädie zu treffen. Die gelegentlich großspurig irreligiösen Männer dort waren zunächst enttäuscht, als ihr vorsichtiger schottischer Gast darauf hinwies, es gebe keine Atheisten und möglicherweise auch keinen Atheismus. Hume hätte ihnen wohl besser gefallen, wenn sie die ein Jahrzehnt später erschienenen Dialoge über natürliche Religion schon gekannt hätten.
In einem ciceronischen Dialog, in dem Hume erkennbar, aber vorsichtig die Rolle des Philo übernimmt, werden in diesem Werk die traditionellen Argumente zur Existenz Gottes durch modernere Beweise und Argumentationsweisen relativiert. Möglicherweise entlehnt von Spinoza, dessen Werk noch immer zum Teil nur sekundär verfügbar war, sagte Hume, der Glaube an ein einfaches und allmächtiges höchstes Wesen sei in Wahrheit ein verstecktes Bekenntnis zum Atheismus, denn solch ein Wesen könne unmöglich Eigenschaften besitzen, die wir vernünftigerweise als Geist oder Willen bezeichnen würden. Sollte »er« doch über solche Eigenschaften verfügen, würde das Epikurs Fragen aufwerfen:
Will er Übel verhüten und kann nicht? Dann ist er unmächtig. Kann er und will nicht? Dann ist er übelwollend. Will er und kann er? Woher dann das Übel? [FUSSNOTE78]
Der Atheismus schnitt dieses Scheindilemma entzwei wie Ockhams Rasiermesser. Auch für einen Gläubigen ist die Vorstellung absurd, Gott sollte ihm eine Erklärung schulden. Trotzdem bürdet er sich die unlösbare Aufgabe auf, den Willen einer ihm unbekannten Person zu interpretieren, und belastet sich mit diesen im Wesentlichen absurden Fragen nur selbst. (Zu der unausweichlichen Frage »Wo kommen alle Lebewesen her?« nimmt Hume Darwin voraus, indem er sagt, dass sie sich entwickeln: Die Tauglichen überleben, und die Untauglichen sterben aus.) Zum Schluss gelangt Hume wie schon Cicero vor ihm zu einem Kompromiss zwischen dem Deisten Cleanthes und dem Skeptiker Philo. Vielleicht ging er damit, wie es seine Art war, auf Nummer sicher, vielleicht übte der Theismus im Zeitalter vor Darwin aber auch einfach noch einen gewissen Reiz aus.
Selbst der große Thomas Paine, ein Freund Franklins und Jeffersons, wies den Atheismusvorwurf, den zu provozieren er sich nicht fürchtete, weit von sich. Ja, er entlarvte die Verbrechen und Schrecken des Alten ebenso wie die törichten Mythen des Neuen Testamentes, um Gott zu rechtfertigen. Keine ehrwürdige und edle Gottheit, so Paine, sollte solche Gräueltaten und Torheiten verantworten müssen. Paines Zeitalter der Vernunft brachte erstmals offene Verachtung für die organisierte Religion zum Ausdruck und hatte weltweit enorme Wirkung. Amerikanische Freunde und Zeitgenossen, die sich zum Teil von ihm hatten inspirieren lassen, die Unabhängigkeit von den Usurpatoren aus dem Hause Hannover und ihrer anglikanischen Privatkirche zu erklären, erreichten derweil etwas Großartiges und noch nie Dagewesenes: Sie schrieben eine demokratische und republikanische Verfassung, in der Gott nicht vorkommt und Religion nur im Zusammenhang mit der Garantie erwähnt wird, sie stets vom Staat zu trennen. Fast alle amerikanischen Gründerväter starben ohne priesterlichen Beistand, auch Paine. Noch in seinen letzten Stunden wurde er von religiösen Rowdys belästigt, die ihn drängten, Christus als seinen Erlöser anzuerkennen. Wie David Hume lehnte er solchen Trost rundweg ab, und sein Andenken überdauerte die verleumderischen Gerüchte, denen zufolge er am Ende doch noch um die Versöhnung mit der Kirche gebettelt habe. Dass Gottesleute solche Reuebekundungen auf dem Sterbebett herbeiführen wollten oder gar nachträglich erfanden, lässt auf einen höchst mangelhaften Glauben aufseiten der Gläubigen schließen. [FUSSNOTE79]
Charles Darwin kam noch zu Paines und Jeffersons Lebenszeit zur Welt, und sein Werk konnte endlich dem Wissensdefizit abhelfen, mit dem sie im Bereich des Ursprungs der Pflanzen und Tiere und anderer Naturphänomene noch zu kämpfen hatten. Doch selbst Darwin war, als er seine Forschungen als Botaniker und Naturhistoriker aufnahm, ziemlich sicher, dass er im Einklang mit Gottes Plan handelte. Immerhin hatte er Geistlicher werden wollen. Mit jeder neuen Entdeckung versuchte er sein Wissen mit dem Glauben an eine höhere Intelligenz in Einklang zu bringen. Wie Edward Gibbon wusste er im Voraus, dass die Veröffentlichung seiner Forschungen kontrovers aufgenommen würde, und bereitete sich vorsorglich – nicht so umfangreich wie Gibbon allerdings – schon einmal auf seine Verteidigung vor. Am Anfang machte er sich gar selbst Vorwürfe, die sehr nach dem Unsinn klangen, den die Vertreter des »Intelligent Design« heute gern verbreiten: Nun, da wir die unwiderlegbaren Beweise für die Evolution vor Augen haben, lässt sich da nicht mit Fug und Recht behaupten, dass Gott noch viel großartiger ist, als wir es bisher angenommen haben? Da er aber selbst davon nicht restlos überzeugt war, fürchtete er, seine ersten Schriften zur natürlichen Auslese würden seine Reputation ruinieren, gerade so, als hätte er einen Mord gestanden. Wollte er je den Nachweis führen, dass eine Anpassung an den Lebensraum stattgefunden hat, das war ihm bewusst, würde er etwas noch viel Beunruhigenderes eingestehen müssen: dass es keine erste Ursache, keinen großen Plan gibt.
Die Symptome der so vertrauten Verschleierung und Verschlüsselung durchziehen die gesamte erste Ausgabe des Buches Die Entstehung der Arten. Der Begriff Evolution taucht überhaupt nicht auf, wohingegen das Wort Schöpfung recht häufig fällt. (Interessanterweise trugen Darwins erste Notizbücher aus dem Jahr 1837 den vorläufigen Titel Die Transmutation der Arten, der wie der archaischen Alchemistensprache entnommen klingt.) Auf der Titelseite fand sich dann ein Zitat des offenbar als respektabel geltenden Francis Bacon, nach dem es nicht nur das Wort Gottes, sondern auch sein Werk zu studieren gelte. In Die Abstammung des Menschen wagte sich Darwin etwas weiter aus der Reserve, ließ den Text aber immer noch durch seine fromme und geliebte Frau Emma redigieren. Nur in seiner Autobiografie, die nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, und in einigen Briefen an Freunde räumte er ein, dass er seinen Glauben eingebüßt habe. Seine »agnostische« Schlussfolgerung hatte viel mit seinem Leben und seiner Arbeit zu tun: Er hatte zahlreiche Verluste erlitten, die er nicht mit einem liebevollen Schöpfer, geschweige denn mit der christlichen Lehre einer ewigen Bestrafung vereinbaren konnte. Wie viele noch so kluge Menschen neigte er zu jener Egozentrik, die über Wohl oder Wehe des Glaubens entscheidet und voraussetzt, dass sich das Universum mit unserem Schicksal befasst. Darwins wissenschaftliche Stringenz erscheint in diesem Lichte allerdings umso verdienstvoller, und seine Arbeit steht auf einer Stufe mit der des Galilei, da sie ausschließlich der Wahrheitsfindung diente. Dass sie von der – falschen und enttäuschten – Erwartung motiviert wurde, diese Wahrheit wäre am Ende ein Widerhall des Lobliedes ad majorem Dei gloriam, spielt dabei keine Rolle.
Nach seinem Tod wurde auch Darwin von einem hysterischen Christen mit der Lüge verunglimpft, der große, aufrichtige und gequälte Forscher habe bis zuletzt mit der Bibel geliebäugelt. Erst nach geraumer Zeit kam man dem erbärmlichen Schwindler, der dieses Vorgehen für edel hielt, auf die Schliche.
Als Sir Isaac Newton, wahrscheinlich zu Recht, wissenschaftliches Plagiat vorgeworfen wurde, machte er das vorsichtige Eingeständnis – seinerseits ein Plagiat –, er genieße bei seiner Arbeit das Privileg, »auf den Schultern von Giganten« zu stehen. Diese Aussage wäre im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stark untertrieben. Wann immer mir danach ist, kann ich mich mithilfe eines einfachen Laptops mit Leben und Werk des Anaxagoras, des Erasmus, des Epikur oder Ludwig Wittgensteins vertraut machen. Die Bibliothekslektüre bei Kerzenlicht, ein Mangel an Texten oder Schwierigkeiten, mit Gleichgesinnten Verbindung aufzunehmen, gehören anderen Zeitaltern oder Gesellschaften an und stellen für mich kein Problem dar. Auch muss ich – wenn mir nicht gerade eine unfreundliche Stimme am Telefon den Tod oder die Hölle oder beides an den Hals wünscht – nicht ständig fürchten, dass ich als Folge meiner Veröffentlichungen meine Arbeit verliere, meine Familie ins Exil fliehen muss oder Schlimmeres erleidet, religiöse Schwindler und Lügner meinen Namen nachhaltig in den Schmutz ziehen oder ich vor die schwierige Wahl zwischen Widerruf und Tod durch Folter gestellt werde. Ich kann Freiheiten genießen und aus einem Wissensfundus schöpfen, die für die Pioniere unvorstellbar waren. Im Rückblick auf die lange Zeit vor mir ist gar nicht zu übersehen, dass die Giganten, auf die ich mich stütze und auf deren breiten Schultern ich stehe, allesamt gezwungen waren, in ihren hoch, aber nicht ausreichend entwickelten Kniegelenken ein wenig nachzugeben. Nur ein Mitglied aus der Kategorie Giganten und Genies sprach ohne Angst und übergroße Vorsicht aus, was es dachte. Ich zitiere daher noch einmal Albert Einstein, der so gern verzerrt wiedergegeben wurde. Einem Briefpartner, dem eine dieser vielen Entstellungen Sorgen bereitete, schrieb er:
Was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, war natürlich eine Lüge, und zwar eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen personalen Gott und habe das auch nie geleugnet, sondern es deutlich zum Ausdruck gebracht. Wenn etwas in mir ist, das als religiös bezeichnet werden kann, dann ist es die uneingeschränkte Bewunderung für die Struktur der Welt, soweit unsere Wissenschaft sie offenbaren kann.
Jahre später antwortete er auf eine andere Nachfrage:
Ich glaube nicht an die Unsterblichkeit des Individuums und betrachte die Ethik ausschließlich als eine menschliche Angelegenheit ohne übermenschliche Autorität. [FUSSNOTE80]
Diese Worte kommen von einem Mann, der zu Recht für seine Sorgfalt, sein Augenmaß und seine Skrupel bekannt war und der mit seinem Genie eine neue Theorie entwickelte, die, in die falschen Hände gelangt, nicht nur die ganze Welt, sondern auch ihre gesamte Vergangenheit und ihre Zukunft hätte auslöschen können. Fast sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, sich gegen die Rolle eines strafenden Propheten zu wehren und stattdessen die Botschaft von der Aufklärung und vom Humanismus zu verbreiten. Als Jude, der als solcher ins Exil getrieben, diffamiert und verfolgt worden war, bewahrte er sich möglichst viel vom ethischen Judaismus, lehnte aber die barbarische Mythologie des Pentateuch ab. Wir haben ihm mehr zu verdanken als all den wehklagenden Rabbinern vergangener und heutiger Tage. Als man Einstein übrigens die erste Präsidentschaft des Staates Israel anbot, lehnte er ab, weil er der Entwicklung des Zionismus kritisch gegenüberstand – sehr zur Erleichterung David Ben Gurions, der sein Kabinett nervös gefragt hatte: »Was machen wir, wenn er Ja sagt?«
Königin Victoria soll in der schwarzen Tracht der Witwe ihren geschätzten Premierminister Benjamin Disraeli gefragt haben, ob er einen unwiderlegbaren Beweis für die Existenz Gottes anzubieten habe. Disraeli zögerte kurz, ehe er seiner Königin, die er zur »Kaiserin von Indien« gemacht hatte, antwortete: »Die Juden, Ma’am.« Das weltliche, wenn auch abergläubische politische Genie sah im Überleben des jüdischen Volkes und seinem bewundernswert hartnäckigen Festhalten an seinen althergebrachten Riten und Geschichten ein Zeichen für das unsichtbare Wirken Gottes. Er selbst verließ da gerade das sinkende Schiff. Noch während er seine Worte sprach, überwanden die Juden zwei Formen der Unterdrückung. Die erste und augenscheinlichste war die Gettoisierung, die ignorante und bigotte christliche Behörden ihnen auferlegt hatten. Sie ist so gut dokumentiert, dass ich nicht näher darauf eingehen muss. Die zweite Form der Unterdrückung indes hatten sie sich selbst auferlegt. So hatte beispielsweise Napoleon Bonaparte die diskriminierenden Gesetze gegen Juden trotz einiger Vorbehalte aufgehoben – er mag dabei an ihre finanzielle Unterstützung gedacht haben, aber dies nur nebenbei. Doch als seine Armee in Russland einmarschierte, drängten die Rabbiner ihre Herde, sich ausgerechnet auf die Seite des Zaren zu stellen, der sie hatte diffamieren, verprügeln, ausplündern und ermorden lassen. Lieber haben wir diesen judenfeindlichen Despotismus, so die Rabbiner, als auch nur einen Hauch unheiliger französischer Aufklärung. Deshalb ist das törichte und ermüdende Melodrama, das sich in jener Amsterdamer Synagoge abspielte, bis heute so wichtig. Selbst in einem so toleranten Land wie Holland machten die verantwortlichen Rabbiner lieber gemeinsame Sache mit christlichen Antisemiten und anderen Obskuranten, als dem Besten unter ihnen zu gestatten, seiner Intelligenz freien Lauf zu lassen.
Als die Mauern der Gettos fielen, befreite dieser Zusammenbruch die Bewohner deshalb nicht nur von den »Heiden«, sondern auch von den Geistlichen. Und nun konnten sich die Begabungen in einem Maß entfalten wie noch in kaum einer Epoche zuvor. Eine bis dahin gelähmte Bevölkerung trug nun erheblich zur Entwicklung der Medizin, der Wissenschaften, der Gesetzgebung, der Politik und der Künste bei. Der Widerhall ist bis heute spürbar; man denke nur an Marx, Freud und Einstein, Isaac Babel, Arthur Koestler, Billy Wilder, Lenny Bruce, Saul Bellow, Philip Roth, Joseph Heller und zahllose andere, die ein Produkt dieser doppelten Emanzipation sind.
Wenn es einen absolut tragischen Tag in der Menschheitsgeschichte zu benennen gälte, so wäre es der, an den heute der nichtssagende und ärgerliche jüdische Feiertag Chanukka erinnert. Dieses eine Mal plagiiert nicht das Christentum den Judaismus, sondern die Juden lehnen sich schamlos an die Christen an, in dem erbärmlichen Versuch, eine Feier zeitgleich mit dem Weihnachtsfest abzuhalten, das seinerseits die quasichristliche Annektierung einer heidnischen, ursprünglich vom Polarlicht erhellten Sonnwendfeier in Nordeuropa ist. Das ist die Endstation, an die uns der banale »Multikulturalismus« gebracht hat. Die Motivation des Judas Makkabäus, im Jahr 165 v. Chr. den Tempel in Jerusalem erneut zu weihen und damit das Datum festzulegen, dessen heute an Chanukka mit Milde im Herzen gedacht wird, war allerdings nicht im Entferntesten multikulturell. Die Makkabäer, Begründer der hasmonäischen Dynastie, führten gewaltsam den mosaischen Fundamentalismus wieder ein, und zwar gegen die vielen Juden in Palästina und anderswo, die sich hatten vom Hellenismus beeinflussen lassen. Diese frühen Multikulturalisten langweilte das »Gesetz«, stieß die Beschneidung ab. Sie interessierten sich für griechische Literatur und die körperlichen und intellektuellen Übungen im Gymnasium und kannten sich in der Philosophie gut aus. Sie spürten die Anziehungskraft, die von Athen ausging, wenn auch nur über den Umweg über Rom und die Erinnerung an die Zeiten Alexanders, und sie konnten die nackte Angst und den Aberglauben des Pentateuch nicht ertragen. Den Dienern des alten Tempels waren sie zu kosmopolitisch, und sicher war es ein Leichtes, sie des Loyalitätskonfliktes zu bezichtigen, als sie in den Bau eines Zeustempels ausgerechnet auf dem Grundstück einwilligten, wo früher auf qualmenden und blutigen Altären die strenge Gottheit alter Zeiten milde gestimmt worden war. Als jedenfalls der Vater des Judas Makkabäus beobachtete, wie ein Jude auf dem alten Altar ein hellenisches Opfer bringen wollte, fackelte er nicht lange und ermordete ihn. Im Verlauf der nächsten Jahre wurden während der makkabäischen »Erhebung« noch viele assimilierten Juden umgebracht, gewaltsam beschnitten oder beides, und den Frauen, die mit der neuen hellenischen Rechtsprechung geliebäugelt hatten, erging es noch schlimmer. Die Römer zogen am Ende die gewalttätigen und dogmatischen Makkabäer den weniger militanten und fanatischen Juden vor, deren Togen im glitzernden Licht des Mittelmeers geschimmert hatten. Damit war dem brutalen Zusammenstoß zwischen dem ultraorthodoxen Sanhedrin und dem Kaiserreich die Bühne bereitet. Dieser düstere Dualismus mündete schließlich ins Christentum – eine weitere jüdische Häresie – und von dort aus unvermeidlich in die Geburt des Islam. Das alles hätte uns erspart werden können.
Sicher, es hätte auch so genügend Torheit und Egozentrik gegeben. Unsere Spezies ist von Natur aus nicht sehr lernfähig. Doch die Wirkung Athens auf die Geschichte und die Menschheit wäre kontinuierlicher verlaufen, das jüdische Volk hätte statt eines kargen Monotheismus die Philosophie verbreiten können, und die alten Schulen samt ihrer Weisheit würden für uns heute nicht der Vorgeschichte angehören. Ich saß einmal im Knesset-Büro des verstorbenen Rabbi Meir Kahane, eines bösartigen Rassisten und Demagogen, der den verrückten Dr. Baruch Goldstein und andere gewalttätige israelische Siedler zu seinen Unterstützern zählte. Kahanes Kampagne gegen Mischehen und für die Vertreibung aller Nichtjuden aus Palästina hatte ihm die Verachtung vieler Israelis und Juden in der Diaspora eingebracht, die sein Programm mit den Nürnberger Gesetzen in Deutschland verglichen. Kahane zog ein wenig über diese Ansichten her, sagte, jeder Araber dürfe bleiben, wenn er zum Judaismus übertrete und einen strengen Halacha-Test ablege, wurde es aber bald müde und tat seine jüdischen Gegner als »hellenisiertes« Gesindel ab. Und rein formal hatte er recht: Seine Bigotterie hatte wenig mit der »Rasse« und viel mit dem »Glauben« zu tun. Beim Anblick dieses schmierigen Barbaren versetzte es mir einen wahren Stich, als ich an die Welt des Lichtes und der Farben dachte, die vor langer Zeit von den schwarz-weißen Albträumen seiner finsteren und selbstgerechten Vorfahren hinweggefegt wurde. Der Gestank des Calvin, des Torquemada und des bin Laden stieg von diesem schmuddeligen, buckligen Menschen auf, dessen Schläger der Kach-Partei auf den Straßen patrouillierten, immer auf der Suche nach einer Verletzung des Sabbat und unerlaubten sexuellen Beziehungen. Um es mit dem Bild der Burgess Shale auszudrücken: Hier war ein giftiger Zweig, den man schon vor langer Zeit hätte kappen oder absterben lassen sollen, ehe er mit seiner miserablen DNS an anderer Stelle gesundes Wachstum hemmen konnte. Und doch leben wir noch heute in seinem verderblichen, tödlichen Schatten. Und kleine jüdische Kinder feiern Chanukka, um sich nicht von den zweifelhaften Mythen rund um Bethlehem ausgeschlossen zu fühlen, die mittlerweile in der düsteren Propaganda aus Mekka und Medina schrille Konkurrenz bekommen haben.