DER OBSTBAUMKÄFIG
Als ich dreizehn war, entdeckte ich im Badezimmerschränkchen eine Tube mit empfängnisverhütendem Gel. Obwohl ich generell den Verdacht hegte, dass alles, was vor mir verborgen wurde, wahrscheinlich mit den Lüsten des Fleisches zusammenhing, konnte ich den Zweck dieser abgegriffenen Tube nicht erkennen. Irgendeine Salbe gegen Ekzeme, Haarausfall oder Altersspeck. Dann verriet mir das Kleingedruckte, von dem ein paar Buchstaben abgeblättert waren, was ich lieber nicht erfahren hätte. Meine Eltern trieben es noch. Ja, wenn sie es trieben, konnte meine Mutter dabei womöglich schwanger werden. Die Vorstellung war, nun ja, unersprießlich. Ich war dreizehn, meine Schwester siebzehn. Vielleicht war die Tube ja sehr, sehr alt. Ich drückte vorsichtig darauf und ließ alle Hoffnung fahren, als sie meinem Daumendruck geschmeidig nachgab. Ich fasste an die Verschlusskappe, die anscheinend abging wie geschmiert. Dabei muss meine andere Hand wieder zugedrückt haben, denn mir spritzte ein zäher Schleim in die hohle Hand. Ein erschreckender Gedanke, dass meine Mutter das mit sich machte – was immer »das« noch einschließen mochte, denn aller Wahrscheinlichkeit nach war das nicht die vollständige Ausstattung. Ich schnupperte an dem nach Benzin riechenden Gel. Irgendwas zwischen Arztpraxis und Autoreparaturwerkstatt, dachte ich. Widerlich.
Das lag jetzt über dreißig Jahre zurück. Ich hatte bis heute nicht mehr daran gedacht.
Ich kenne meine Eltern mein Leben lang. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ich weiß. Ich will es erklären. Als Kind fühlte ich mich geliebt und behütet und entwickelte prompt den ganz normalen Glauben an die Unauflösbarkeit der Elternbindung. Die Pubertät brachte die übliche Langeweile und aufgesetzte Reife mit sich, aber nicht mehr als bei anderen auch. Ich zog ohne Trauma aus meinem Elternhaus aus und ließ den Kontakt nie für lange Zeit einschlafen. Ich sorgte für Enkelkinder, eins von jedem Geschlecht, und glich damit das Engagement meiner Schwester für ihre Karriere aus. Später führte ich verantwortungsbewusste Gespräche mit meinen Eltern – nun ja, mit meiner Mutter – über die Folgen des Älterwerdens und die praktischen Vorteile von Bungalows. Zu ihrem vierzigsten Hochzeitstag organisierte ich ein gesetztes Mittagessen; ich inspizierte Angebote für betreutes Wohnen und sprach die Testamente mit ihnen durch. Ma sagte mir sogar, was mit der Asche beider Eltern zu geschehen habe. Ich sollte die Urnen zu einer Felsspitze auf der Isle of Wight bringen, wo sie, wie ich daraus schloss, sich erstmals ihre Liebe gestanden hatten. Die Anwesenden sollten den Staub in den Wind und für die Seemöwen verstreuen. Ich machte mir bereits Gedanken darüber, was ich dann mit den leeren Urnen anfangen sollte. Man konnte sie ja nicht gut nach der Asche von der Klippe werfen; man konnte sie aber auch nicht behalten und, was weiß ich, Zigarren oder Schokokekse oder Weihnachtsschmuck darin aufbewahren. Und man konnte sie ganz bestimmt nicht in einen Abfalleimer auf dem Parkplatz stecken, den meine fürsorgliche Mutter schon auf der Generalstabskarte markiert hatte. Die hatte sie mir aufgedrängt, als mein Vater nicht im Zimmer war, und vergewisserte sich von Zeit zu Zeit, dass ich sie an einem sicheren Ort verwahrte.
Sie sehen, ich kenne sie. Mein Leben lang.
Meine Mutter heißt Dorothy Mary Bishop, und ihren Mädchennamen Heathcock gab sie ohne Bedauern auf. Mein Vater ist Stanley George Bishop. Sie wurde 1921 geboren, er 1920. Sie sind in verschiedenen Regionen der West Midlands aufgewachsen, lernten sich auf der Isle of Wight kennen, zogen in eine ländliche Gegend am Stadtrand von London und setzten sich an der Grenze von Essex und Suffolk zur Ruhe. Ihr Leben verlief in geordneten Bahnen. Meine Mutter arbeitete während des Krieges im Bezirkskatasteramt; mein Vater war in der Air Force. Nein, er war kein Jagdpilot oder dergleichen; seine Begabung lag auf dem Gebiet der Verwaltung. Danach bekam er einen Posten in der Kommunalbehörde und wurde schließlich Stellvertretender Stadtdirektor. Er sagte gern, er sei für alles verantwortlich, was wir gar nicht wahrnähmen. Unentbehrlich, aber nicht geschätzt: Mein Vater war ein ironischer Mensch und stellte sich gern mit diesem Spruch dar.
Karen kam vier Jahre vor mir zur Welt. Meine Kindheit lebt in Gerüchen wieder auf. Porridge, Vanillesoße, die Tabakspfeife meines Vaters; Waschpulver, Messingpolitur, das Parfüm meiner Mutter vor dem Freimaurerball; der Duft von Speck, der durch die Bodenritzen dringt, während ich im Bett liege; vulkanartig brodelnde Bitterorangen, obwohl draußen noch Bodenfrost herrscht; mit Gras vermengter trocknender Matsch an Fußballstiefeln; Klogestank von den Vorbenutzern und Küchengestank von bockenden Abflussrohren; die alternden Lederpolster unseres Morris Minor und die beißende Schlacke, die mein Vater zur Drosselung des Zugs auf das Kaminfeuer schaufelt. All diese Gerüche kehrten periodisch wieder, genau wie die ewig gleichen Zyklen von Schule, Wetter, Gartenfrüchten und häuslichem Leben. Das erste Hervorbrechen scharlachroter Stangenbohnenblüten; zusammengelegte Unterhemden in meiner untersten Schublade; Mottenkugeln; der Gasanzünder fürs Kaminfeuer. Montags vibrierte das ganze Haus von unserer Waschmaschine, die sich mit wildem Geheul ruckweise über den Küchenboden schob, ehe sie in irrsinnigen Abständen Gallonen von heißem grauen Wasser durch ihre dicken beigefarbenen Schläuche entließ und dann schwallweise in den Ausguss spuckte. Sie hatte eine Metallplakette mit dem Herstellernamen Thor. Der Donnergott sitzt und grollt in den Randbezirken der Vororte.
Vielleicht sollte ich versuchen, Ihnen eine Vorstellung von dem Charakter meiner Eltern zu geben.
Ich glaube, die Leute haben meiner Mutter immer mehr natürliche Intelligenz zugeschrieben als meinem Vater. Er war – ist – groß gewachsen, korpulent und hat einen Bauch; seine Handrücken sind von hervortretenden Adern gefurcht. Er behauptete immer, er habe schwere Knochen. Ich wusste nicht, dass es Knochen von unterschiedlichem Gewicht gibt. Vielleicht gibt es sie gar nicht; vielleicht hat er das nur so gesagt, damit wir Kinder unseren Spaß hatten oder ins Staunen gerieten. Manchmal wirkte er schwerfällig, wenn seine dicken Finger über einem Scheckbuch innehielten oder wenn er einen Stecker reparierte und das Heimwerker-Handbuch aufgeschlagen vor sich liegen hatte. Aber Kinder mögen es ganz gern, wenn ein Elternteil etwas langsam ist: Dann scheint die Erwachsenenwelt weniger unerreichbar. Mein Vater nahm mich oft mit in »die Stadt«, wie er London nannte, wo er Bausätze für Modellflugzeuge kaufte (noch mehr Gerüche: Balsaholz, farbige Schmiermittel, Metallmesser). Damals hatten U-Bahn-Rückfahrkarten eine perforierte Linie, die eingezeichnet, aber nicht durchbrochen war; der Teil für den Hinweg nahm zwei Drittel der Fahrkarte ein, der für die Rückfahrt ein Drittel – eine Unterteilung, deren Logik mir nie eingeleuchtet hat. Jedenfalls blieb mein Vater immer stehen, wenn wir am Oxford Circus an die Sperre kamen, und schaute leicht verwirrt auf die Fahrkarten in seiner großen Hand. Dann zog ich ihm die Karten geschickt weg, riss sie an der perforierten Linie durch, legte ihm die Rückfahrt-Drittel wieder in die Hand und präsentierte die Hinfahrtabschnitte mit großer Geste dem Kontrolleur. Ich war damals neun oder zehn und stolz auf meine Fingerfertigkeit; jetzt, viele Jahre später, frage ich mich, ob mein Vater nicht doch geblufft hat.
Meine Mutter war diejenige, die alles organisierte. Obwohl mein Vater sein Leben lang dafür sorgte, dass in unserer Gemeinde alles reibungslos lief, unterwarf er sich doch einem anderen Regime, sobald er die Haustür hinter sich geschlossen hatte. Mein Mutter kaufte seine Garderobe für ihn ein, arrangierte die Kontakte zu Freunden und Bekannten, überwachte unsere schulischen Fortschritte, teilte das Geld ein, traf die Entscheidungen über die Ferien. Dritten gegenüber nannte mein Vater seine Frau gern »die Regierung« oder »die höhere Instanz«. Dabei lächelte er immer. Möchten Sie etwas Dünger für den Garten, Sir, erste Qualität, gut verrottet, urteilen Sie selbst, wollen Sie mal fühlen? »Mal sehen, was die Regierung dazu sagt«, antwortete mein Vater dann. Wenn ich bettelte, dass er mich zu einer Flugshow oder einem Cricketspiel mitnahm, sagte er: »Das unterbreiten wir der höheren Instanz.« Meine Mutter konnte die Rinde von einem Sandwich abschneiden, ohne dass auch nur das kleinste bisschen Füllung verloren ging: eine liebliche Harmonie von Hand und Messer. Sie konnte recht spitzzüngig sein, was ich auf die geballte Frustration des Hausfrauendaseins schob; aber sie war auch stolz auf ihre häuslichen Fähigkeiten. Wenn sie meinem Vater mit irgendetwas in den Ohren lag und er sagte, sie solle ihn nicht nerven, erwiderte sie: »Das Wort nerven gebrauchen Männer nur, wenn sie etwas nicht machen wollen.« Beide arbeiteten fast jeden Tag im Garten. Gemeinsam hatten sie einen Obstbaumkäfig gebaut: Stangen mit Gummibällen an den Verbindungsstellen, hundert Meter Drahtgeflecht und verstärkte Schutzgitter gegen Vögel, Eichhörnchen, Kaninchen und Maulwürfe. In den Boden eingelassene Bierfallen fingen die Nacktschnecken ein. Nach dem Tee spielten meine Eltern Scrabble; nach dem Abendbrot lösten sie das Kreuzworträtsel; dann schauten sie sich die Nachrichten an. Ein Leben in geordneten Bahnen.
Vor sechs Jahren bemerkte ich einen großen Bluterguss am Kopf meines Vaters, etwas oberhalb der Schläfe, direkt am Haaransatz. Die Ränder gingen ins Gelbliche über, aber die Mitte war noch lila.
»Was hast du denn da angestellt, Dad?« Wir standen gerade in der Küche. Meine Mutter hatte eine Flasche Sherry aufgemacht und band eine Papierserviette um den Hals, damit es nicht tropfte, wenn mein Vater nicht ganz fehlerfrei eingoss. Ich habe mich immer gefragt, warum sie nicht selbst einschenkte und sich die Papierserviette sparte.
»Er ist gestürzt, der dumme Kerl.« Meine Mutter zog den Knoten mit exakt berechnetem Kraftaufwand zu; schließlich wusste sie besser als jeder andere, dass ein Papiertuch reißt, wenn man zu heftig daran zieht.
»Ist alles in Ordnung, Dad?«
»Mir geht’s prächtig. Frag die Regierung.«
Später, als meine Mutter den Abwasch machte und wir zwei uns das Nachmittags-Snooker im Fernsehen ansahen, fragte ich: »Wie ist das passiert, Dad?«
»Ich bin gestürzt«, antwortete er, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. »Ha, ich wusste, jetzt spielt er über die Bande, diese jungen Burschen haben ja keine Ahnung. Immer nur einlochen, nicht wahr, als hätten sie noch nie was von Sicherheitsbällen gehört.«
Nach dem Tee spielten meine Eltern Scrabble. Ich sagte, ich wolle nur zuschauen. Meine Mutter gewann, wie üblich. Aber mein Vater spielte so, dass ich dachte, er gebe sich gar nicht recht Mühe – er seufzte ständig, als habe ihm das Schicksal Buchstaben zugeteilt, die sich einfach nicht miteinander vertrugen.
Jetzt sollte ich Ihnen wohl etwas über das Dorf erzählen. Eigentlich ist es eher eine große Kreuzung, an der etwa hundert Menschen in höflich-distanzierter Nachbarschaft zusammenleben. Es gibt eine dreieckige Grünfläche, die von unachtsamen Autofahrern ausgefranst wurde, eine Mehrzweckhalle, eine säkularisierte Kirche, ein Buswartehäuschen aus Beton, einen Briefkasten mit verkniffenem Mund. Meine Mutter sagt, der Dorfladen ist »gut für das Nötigste«, was bedeutet, dass die Leute dort einkaufen, damit er nicht zumachen muss. Der Bungalow meiner Eltern ist geräumig und gesichtslos. Er hat Fachwerkmauern, einen Zementboden und Doppelfenster: Bei Immobilienhändlern heißt das Landhaus-Stil – mit anderen Worten, da ist ein schräges Dach, das viel Stauraum für rostende Golfschläger und ausrangierte Heizdecken schafft. Meine Mutter konnte immer nur einen einleuchtenden Grund dafür nennen, hier zu wohnen – drei Meilen weiter gibt es einen sehr guten Markt für Tiefkühlkost.
Drei Meilen in die andere Richtung liegt ein schäbiger Club der British Legion. Da fuhr mein Vater mittwochs um die Mittagszeit immer hin, »damit ich der höheren Instanz nicht ständig auf den Wecker falle«. Ein Sandwich, ein großes Mild-and-Bitter, eine Partie Billard gegen irgendwen, der zufällig da war, dann zum Tee wieder nach Hause, und seine Kleider rochen nach Zigarettenrauch. Er hatte seine Legion-Uniform – eine braune Tweedjacke mit Lederflecken am Ellbogen und ein Paar hellbraune Gabardinehosen – auf einem Bügel in der Abstellkammer hängen. Dieses Mittwochsritual war von meiner Mutter gebilligt, vielleicht sogar beschlossen worden. Sie behauptete immer, mein Vater spiele lieber Billard als Snooker, weil da weniger Kugeln im Spiel seien und er nicht so viel denken müsse.
Als ich meinen Vater fragte, warum er lieber Billard spiele als Snooker, gab er nicht zur Antwort, dass Billard ein Spiel für Gentlemen sei oder subtiler oder eleganter. Er sagte: »Billard muss nicht zu Ende gehen. Ein Partie Billard könnte bis in alle Ewigkeit dauern, auch wenn man die ganze Zeit verliert. Ich mag es nicht, wenn etwas zu Ende geht.«
So redete mein Vater nur selten. Normalerweise sprach er mit einer Art lächelnder Komplizenschaft. Er setzte seine Ironie so ein, dass er nicht unterwürfig wirkte, aber auch nicht ganz ernst. Unser Umgangston stand seit langem fest: nett, freundlich, indirekt; herzlich, aber im Grunde distanziert. Englisch, oh ja, das ist englisch, das ist weiß Gott englisch. In meiner Familie nimmt man sich nicht in die Arme und klopft sich nicht auf die Schulter, man ist nicht sentimental. Wir feiern die Stationen des Lebenswegs mit einer Urkunde per Post ab.
Das klingt jetzt womöglich so, als hätte ich meinen Vater lieber. Ich will meine Mutter nicht als bissig oder humorlos hinstellen. Nun ja, sie kann bissig sein, das stimmt. Und humorlos auch. Sie wirkt auf nervöse Art adrett: Selbst in mittleren Jahren hat sie nie zugenommen. Und wie sie gern sagt, mit Dummheiten darf man ihr nicht kommen. Als meine Eltern in dieses Dorf zogen, lernten sie die Royces kennen. Jim Royce war ihr Arzt, einer von der altmodischen Sorte, der trank und rauchte und ständig erklärte, ein bisschen Vergnügen habe noch niemandem geschadet, bis er eines Tages nach einem Herzinfarkt tot umfiel, obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes für ihn noch in weiter Ferne lag. Seine erste Frau war an Krebs gestorben, und Jim hatte noch im selben Jahr wieder geheiratet. Elsie war eine kontaktfreudige, großbusige Frau, die ein paar Jahre jünger war als er, eine charaktervolle Brille trug und, wie sie sich ausdrückte, »gern das Tanzbein schwang«. Meine Mutter nannte sie immer nur »Joyce Royce« und blieb, auch als längst feststand, dass Elsie in ihrem früheren Leben ihren Eltern in Bishop’s Stortford den Haushalt geführt hatte, hartnäckig dabei, sie sei Jim Royces Sprechstundenhilfe gewesen und habe ihn durch Erpressung zur Ehe gezwungen.
»Du weißt, dass das nicht stimmt«, widersprach mein Vater bisweilen.
»Ich weiß nichts dergleichen. Und du auch nicht. Womöglich hat sie die erste Mrs Royce vergiftet, damit sie ihn sich krallen konnte.«
»Also, ich glaube, sie hat ein gutes Herz.« Auf den Blick und das Schweigen meiner Mutter hin fügte er hinzu: »Vielleicht ist sie ein bisschen langweilig.«
»Langweilig? Das Testbild im Fernsehen ist nichts dagegen. Nur quatscht sie dabei noch in einer Tour. Und ihre Haare sind pure Chemie.«
»Ach ja?« Mein Vater war sichtlich erstaunt über diese Behauptung.
»Ach, ihr Männer. Hast du geglaubt, so eine Farbe käme in der Natur vor?«
»Darüber hab ich nie nachgedacht.« Mein Vater schwieg eine Weile. Ausnahmsweise leistete meine Mutter ihm dabei Gesellschaft, bis sie schließlich sagte: »Und nun, da du das hast?«
»Was hast?«
»Nachgedacht. Über Joyce Royces Haare.«
»Ach. Nein, ich habe an etwas anderes gedacht.«
»Und willst du den Rest der Menschheit daran teilhaben lassen?«
»Ich habe überlegt, wie viele Us es im Scrabble gibt.«
»Männer«, antwortete meine Mutter. »Da ist doch nur ein A und ein E, Dummerjan.«
Mein Vater lächelte darüber. Sehen Sie, wie sie miteinander umgingen?
Ich fragte meinen Vater, wie das Auto so fuhr. Da war er achtundsiebzig, und ich machte mir Gedanken, wie lange sie ihn noch ans Steuer lassen würden.
»Motor läuft prächtig. Karosserie könnte besser sein. Chassis fängt an zu rosten.«
»Und wie geht’s dir, Dad?« Ich hatte die direkte Frage vermeiden wollen, aber irgendwie war mir das nicht gelungen.
»Motor läuft prächtig. Karosserie könnte besser sein. Chassis fängt an zu rosten.«
Jetzt ist er bettlägerig; manchmal hat er seinen eigenen grün gestreiften Schlafanzug an, häufiger noch ein schlecht sitzendes Erbstück von jemand anderem – vielleicht jemand, der tot ist. Er zwinkert mir zu wie früher und nennt alle Leute »Schatz«. Er sagt: »Meine Frau, wissen Sie. So viele glückliche Jahre.«
Meine Mutter betrachtete die letzten Dinge von der praktischen Seite. Das heißt, die letzten Dinge des modernen Lebens: ein Testament aufsetzen, für das Alter vorsorgen, dem Tod ins Auge sehen und nicht an ein Leben danach glauben können. Mein Vater war über sechzig, als er sich endlich dazu bewegen ließ, ein Testament aufzusetzen. Er sprach nie vom Tod, jedenfalls nicht, wenn ich in Hörweite war. Und was das Leben nach dem Tod angeht: Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen wir als Familie eine Kirche betraten (und das nur zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen), kniete er kurz nieder und drückte die Finger an die Stirn. War das ein Gebet, irgendeine säkulare Entsprechung dazu oder einfach nur eine aus der Kindheit zurückgebliebene Gewohnheit? Vielleicht war es ein Zeichen der Höflichkeit oder Unvoreingenommenheit? Die Haltung meiner Mutter zu den Mysterien des Glaubens war eindeutiger. »Blödsinn.« »Alles nur Brimborium.« »So was tust du mir nicht an, hast du verstanden, Chris?« »Ja, Mum.«
Und nun frage ich mich: Steckte hinter der Schweigsamkeit und dem Augenzwinkern meines Vaters, hinter seiner scherzhaften Nachgiebigkeit meiner Mutter gegenüber, hinter den Ausflüchten – oder, wenn Sie so wollen, den guten Manieren – angesichts der letzten Dinge Panik und Todesangst? Oder ist das eine dumme Frage? Bleibt überhaupt jemand von Todesangst verschont?
Nach dem Tod von Jim Royce versuchte Elsie, weiterhin Kontakt mit meinen Eltern zu halten. Es gab Einladungen zum Tee, zum Sherry und zur Besichtigung des Gartens; doch meine Mutter lehnte immer ab.
»Wir haben uns nur mit ihr abgegeben, weil wir ihn mochten«, sagte sie.
»Ach, sie ist doch ganz nett«, antwortete mein Vater dann. »Sie tut keinem was zuleide.«
»Ein Sack Torf tut auch keinem was zuleide. Darum muss man aber noch lange nicht hingehen und ein Glas Sherry mit ihm trinken. Auf jeden Fall hat sie bekommen, was sie wollte …«
»Und das wäre?«
»Seine Rente. Jetzt hat sie ausgesorgt. Braucht keine Idioten wie uns, um sich die Zeit zu vertreiben.«
»Jim hätte es gern gesehen, wenn wir uns weiter um sie kümmerten.«
»Jim hat damit nichts mehr zu tun. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, wenn sie anfing zu quasseln. Man konnte geradezu hören, wie seine Gedanken auf Wanderschaft gingen.«
»Ich dachte, sie hingen sehr aneinander.«
»Du mit deiner Beobachtungsgabe.«
Mein Vater zwinkerte mir zu.
»Was zwinkerst du denn?«
»Zwinkern? Ich? Würde ich so was tun?« Mein Vater drehte den Kopf um weitere zehn Grad und zwinkerte noch einmal.
Ich werde daraus einfach nicht schlau: Mein Vater benahm sich immer so, dass er einen Teil seines Benehmens dementierte. Wo ist da die Logik?
Die Entdeckung kam folgendermaßen zustande. Es ging um Blumenzwiebeln. Eine Freundin in einem Nachbardorf hatte ein paar überzählige Narzissen abzugeben. Meine Mutter sagte, mein Vater werde sie auf dem Rückweg von der British Legion abholen. Sie rief im Club an und wollte ihn sprechen. Die Sekretärin sagte, er sei nicht da. Wenn meine Mutter eine Antwort bekommt, mit der sie nicht gerechnet hat, schiebt sie das gern auf die Dummheit ihres Gesprächspartners.
»Er spielt Billard«, sagte sie.
»Nein, das tut er nicht.«
»Seien Sie doch nicht so vernagelt«, sagte meine Mutter, und ich kann mir ihren Tonfall nur allzu gut vorstellen. »Er spielt mittwochnachmittags immer Billard.«
»Gute Frau«, bekam sie dann zu hören. »Ich arbeite schon zwanzig Jahre als Sekretärin hier im Club, und in dieser Zeit wurde mittwochnachmittags noch nie Billard gespielt. Montags, dienstags, freitags ja. Mittwochs nicht. Drücke ich mich klar aus?«
Als meine Mutter dieses Gespräch führte, war sie achtzig, mein Vater einundachtzig.
»Komm her und bring ihn zur Räson. Er wird langsam gaga. Ich könnte dieses Weibsbild erwürgen.« Jetzt musste ich wieder ran. Immer ich, wie üblich, nie meine Schwester. Aber diesmal ging es nicht um ein Testament oder eine Vollmacht oder ein Pflegeheim.
Meine Mutter war in dem angespannten Zustand, den eine Krise mit sich bringt: eine Mischung aus ängstlichem Überschwang und einer dahinter verborgenen Erschöpfung, und eins schaukelt das andere hoch. »Er will keine Vernunft annehmen. Er lässt sich überhaupt nichts sagen. Ich schneide inzwischen mal die Johannisbeersträucher.«
Mein Vater stand rasch aus seinem Sessel auf. Wir gaben uns die Hand, wie immer. »Ich bin froh, dass du da bist«, sagte er. »Deine Mutter will keine Vernunft annehmen.«
»Ich bin nicht die Stimme der Vernunft«, sagte ich. »Du darfst also nicht zu viel erwarten.«
»Ich erwarte gar nichts. Ich freu mich nur, dass du da bist.« Diese seltene Äußerung unverhohlener Freude vonseiten meines Vaters machte mir Angst. Ebenso die Art, wie er selbstbewusst in seinem Sessel saß; normalerweise saß er so schräg oder verquer wie sein Blick und seine Denkweise. »Deine Mutter und ich trennen uns. Ich ziehe mit Elsie zusammen. Wir teilen die Möbel auf und das Bankguthaben auch. Sie kann, so lange sie will, in diesem Haus wohnen bleiben, das ich – wie ich gestehen muss – nie sonderlich mochte. Natürlich gehört es zur Hälfte mir; wenn sie ausziehen will, muss sie sich also etwas Kleineres suchen. Wenn sie einen Führerschein hätte, könnte sie auch das Auto haben, aber diese Möglichkeit ist wohl nicht sehr realistisch.«
»Dad, wie lange geht das schon?«
Er sah mich an, ohne mit der Wimper zu zucken oder rot zu werden, und schüttelte leicht den Kopf. »Tut mir Leid, das geht dich nichts an.«
»Natürlich geht es mich etwas an, Dad. Ich bin dein Sohn.«
»Das stimmt. Vielleicht fragst du dich, ob ich ein neues Testament aufsetzen will. Das habe ich nicht vor. Im Augenblick jedenfalls nicht. Ich ziehe mit Elsie zusammen, weiter nichts. Ich will mich nicht von deiner Mutter scheiden lassen oder dergleichen. Ich ziehe einfach mit Elsie zusammen.« Die Art, wie er ihren Namen aussprach, verriet mir, dass meine Aufgabe – jedenfalls die Aufgabe, die meine Mutter mir zugedacht hatte – nicht gelingen würde. Da war kein schuldbewusstes Zögern und kein falscher Nachdruck, wenn er ihren Namen nannte; »Elsie« hatte einen Klang von gediegener Körperlichkeit.
»Was soll Mum ohne dich anfangen?«
»Ihren eigenen Weg gehen.« Das sagte er nicht barsch, nur mit einer gewissen Schärfe, als habe er sich das alles bereits überlegt, und andere würden ihm zustimmen, wenn sie nur richtig darüber nachdächten. »Sie kann ihre eigene Regierung sein.«
Mein Vater hatte mich noch nie schockiert, mit einer Ausnahme: Ich hatte aus dem Fenster beobachtet, wie er einer Amsel den Hals umdrehte, die er im Obstbaumkäfig gefangen hatte. Es war deutlich zu erkennen, dass er dabei fluchte. Dann hatte er den Vogel mit den Füßen an das Drahtgeflecht gebunden und dort kopfüber baumeln lassen, um andere Plünderer abzuschrecken.
Wir redeten noch eine Weile. Besser gesagt, ich redete, und mein Vater hörte zu, als wäre ich eins dieser Kinder, die mit einer Sporttasche voller Staublappen, Fensterleder und Bügelbrettbezügen vor der Tür stehen und einem weismachen, wenn man ihnen etwas abkaufte, würden sie nicht auf die schiefe Bahn geraten. Am Ende wusste ich, wie es ihnen ging, wenn ich ihnen die Tür vor der Nase zuschlug. Mein Vater hörte mir höflich zu, während ich die Waren in meiner Tasche anpries, aber kaufen wollte er nichts. Schließlich sagte ich: »Aber du überlegst es dir noch einmal, Dad? Lässt dir etwas Zeit?«
»Wenn ich mir etwas Zeit lasse, bin ich tot.«
Seit ich erwachsen war, gingen wir stets freundlich-distanziert miteinander um; vieles blieb ungesagt, doch es herrschte eine liebevolle Ebenbürtigkeit. Nun hatte sich eine neue Kluft zwischen uns aufgetan. Oder vielleicht war es auch die alte: Mein Vater war wieder zur elterlichen Autorität geworden und machte seine größere Lebenserfahrung geltend.
»Dad, es geht mich ja nichts an und so weiter, aber ist die Sache … körperlich?«
Er sah mich mit seinen klaren, graublauen Augen an, nicht vorwurfsvoll, sondern ganz ruhig. Falls einer von uns rot werden sollte, dann ich. »Es geht dich tatsächlich nichts an, Chris. Aber da du schon fragst, die Antwort heißt ja.«
»Und …?« Ich wusste nicht weiter. Mein Vater war kein Herr in mittleren Jahren, der sich von einem Nymphchen den Kopf verdrehen lässt; er war mein einundachtzigjähriger Erzeuger, der nach rund fünfzigjähriger Ehe ausziehen wollte, um mit einer Frau von Mitte sechzig zusammenzuleben. Ich scheute mich, auch nur die Fragen zu formulieren.
»Aber … warum gerade jetzt? Ich meine, wenn das schon jahrelang so geht …«
»Wieso jahrelang?«
»Weil du jahrelang angeblich in deinem Club warst und Billard gespielt hast.«
»Meistens war ich ja im Club, mein Sohn. Ich habe immer Billard gesagt, um die Sache zu vereinfachen. Manchmal habe ich einfach nur im Auto gesessen. Und habe auf ein Feld geschaut. Nein, Elsie kam erst … vor kurzem.«
Später half ich meiner Mutter beim Abtrocknen. Sie reichte mir den Deckel einer Auflaufform und sagte: »Ich glaube, er nimmt dieses Zeug.«
»Welches Zeug?«
»Du weißt schon. Dieses Zeug.« Ich legte den Deckel hin und streckte die Hand nach einem Topf aus. »Es steht in allen Zeitungen. Klingt so ähnlich wie Niagara.«
»Ach so.« Eine relativ leichte Frage beim Kreuzworträtsel.
»Amerika ist offenbar voll von alten Männern, die rumlaufen wie die Rammler.« Ich versuchte, mir meinen Vater nicht als Rammler vorzustellen. »Die Männer sind alle Dummköpfe, Chris, und sie werden mit jedem Jahr nur noch dümmer. Ich wünschte, ich wäre von Anfang an meinen eigenen Weg gegangen.«
Später, im Bad, machte ich die Spiegeltür eines Eckschränkchens auf und schaute hinein. Hämorrhoidensalbe, Shampoo für feines Haar, Watte, ein Kupferarmband gegen Arthritis aus dem Versandhauskatalog … Sei nicht albern, dachte ich. Nicht hier, nicht jetzt, nicht mein Vater.
Zuerst dachte ich: Das ist ein ganz alltäglicher Fall, wo ein Mann wieder mal dem Reiz des Neuen, dem Eigendünkel und dem Sex erlegen ist. Die Alterskonstellation lässt es anders aussehen, aber das scheint nur so. Es ist gewöhnlich, banal, abgedroschen.
Dann dachte ich: Was weiß ich schon? Wie komme ich zu der Annahme, dass meine Eltern keinen Sex mehr haben – hatten? Bis zu diesem Zwischenfall schliefen sie immer noch im selben Bett. Was weiß ich schon von Sex in diesem Alter? Blieb immer noch die Frage: Was ist schlimmer für meine Mutter, mit – sagen wir – fünfundsechzig auf Sex zu verzichten und fünfzehn Jahre später zu entdecken, dass der Ehemann sich mit einer Frau einlässt, die so alt ist, wie sie damals war, als sie darauf verzichtet hat; oder nach einem halben Jahrhundert immer noch Sex mit dem Ehemann zu haben, um dann zu entdecken, dass er sich auch anderweitig vergnügt?
Und danach dachte ich: Und wenn es eigentlich gar nicht um Sex geht? Hätte es mir weniger ausgemacht, wenn mein Vater gesagt hätte: »Nein, mein Sohn, das Körperliche hat damit überhaupt nichts zu tun, ich habe mich einfach nur verliebt«? Die Frage, die ich gestellt hatte und die mir damals so schwierig erschien, war in Wirklichkeit die einfachere. Wie komme ich zu der Annahme, dass mit den Genitalien auch das Herz den Betrieb einstellt? Weil wir das Alter als eine Zeit der heiteren Gelassenheit sehen wollen – sehen müssen? Inzwischen glaube ich, dass das eine der großen Verschwörungen der Jugend ist. Nicht nur der Jugend, auch der mittleren Jahre, und das geht so weiter bis zu dem Moment, in dem wir zugeben, selbst alt zu sein. Und die Verschwörung ist umso größer, als die Alten unserem Glauben noch Vorschub leisten. Sie sitzen da mit einer Decke über den Knien, nicken ergeben und sagen jaja, ihre wilden Jahre seien nun vorbei. Ihre Bewegungen sind langsamer, ihr Blut ist dünner geworden. Das Feuer ist erloschen – oder zumindest wurde eine Schaufel Schlacke darauf geworfen für die bevorstehende lange Nacht. Und nun weigerte sich mein Vater, dieses Spiel mitzumachen.
Ich sagte meinen Eltern nichts davon, dass ich Elsie besuchen wollte.
»Ja?« Sie stand an der Riffelglastür, die Arme unter dem Busen verschränkt, den Kopf hoch erhoben, und ihre lächerliche Brille glitzerte in der Sonne. Die Haare hatten die Farbe herbstlicher Buchen und wurden, wie ich jetzt sah, am Scheitel schütter. Ihre Wangen waren gepudert, aber nicht genug, um eine Sternwolke geplatzter Äderchen hier und da zu überdecken.
»Können wir miteinander reden? Ich … Meine Eltern wissen nicht, dass ich hier bin.«
Sie drehte sich wortlos um, und ich folgte ihren Nahtstrümpfen durch einen schmalen Flur ins Wohnzimmer. Ihr Bungalow hatte exakt denselben Grundriss wie der meiner Eltern: rechts die Küche, geradeaus zwei Schlafzimmer, neben dem Bad eine Abstellkammer, links das Wohnzimmer. Vielleicht war bei beiden Häusern derselbe Bauunternehmer am Werk gewesen. Vielleicht sind alle Bungalows mehr oder weniger gleich. Ich kenne mich da nicht aus.
Sie setzte sich in einen niedrigen schwarzen Ledersessel und zündete sich umgehend eine Zigarette an. »Ich warne Sie, für Moralpredigten bin ich zu alt.« Sie trug einen braunen Rock, eine cremefarbene Bluse und große, protzige Ohrringe in Form von Schneckenhäusern. Ich war ihr vorher zweimal begegnet und hatte sie ziemlich langweilig gefunden. Sie mich zweifellos auch. Jetzt saß ich ihr gegenüber, lehnte eine Zigarette ab und versuchte, in ihr eine Verführerin zu sehen, die Zerstörerin eines trauten Heims, eine Femme fatale vom Dorf, doch stattdessen sah ich eine Frau Mitte sechzig vor mir, rundlich, leicht nervös, mehr als nur leicht feindselig. Keine Verführerin – und auch keine jüngere Ausgabe meiner Mutter.
»Ich bin nicht hier, um Ihnen Moralpredigten zu halten. Ich glaube, ich versuche wohl eher, das Ganze zu verstehen.«
»Was gibt es da zu verstehen? Ihr Vater will mit mir zusammenleben.« Sie zog ärgerlich an ihrer Zigarette und ließ sie dann mit einer heftigen Bewegung sinken. »Wenn er nicht so ein netter Mensch wäre, wäre er jetzt schon hier. Er meinte, er müsste Ihnen allen Zeit lassen, sich an die Umstellung zu gewöhnen.«
»Meine Eltern sind schon sehr lange verheiratet«, sagte ich so neutral, wie es nur ging.
»Man gibt nur auf, was man nicht mehr will«, sagte Elsie schroff. Wieder zog sie kurz an der Zigarette und sah sie fast vorwurfsvoll an. Ihr Aschenbecher wurde von einem Lederband mit Gewichten an den Enden auf der Sessellehne gehalten. Ich wollte, dass er von Kippen überquoll, die mit verruchtem scharlachroten Lippenstift beschmiert waren. Ich wollte scharlachrote Fingernägel und scharlachrote Fußnägel sehen. Aber nein. Am linken Knöchel trug sie einen Stützstrumpf. Was wusste ich eigentlich von ihr? Dass sie für ihre Eltern gesorgt hatte, für Jim Royce gesorgt hatte und jetzt beabsichtigte – so nahm ich jedenfalls an –, für meinen Vater zu sorgen. In ihrem Wohnzimmer gab es zahlreiche Usambaraveilchen in Joghurttöpfen, haufenweise aufgeschüttelte Kissen, etliche Plüschtiere, einen Fernsehapparat mit Hausbar, einen Stapel Gartenbauzeitschriften, eine Ansammlung von Familienfotos, einen eingebauten elektrischen Kamin. Nichts davon wäre im Haus meiner Eltern fehl am Platz gewesen.
«Usambaraveilchen«, sagte ich.
»Danke.« Sie schien darauf zu warten, dass ich etwas sagte, das ihr einen Anlass geben würde, mich anzugreifen. Ich blieb stumm, was auch nichts änderte. »Sie sollte ihn lieber nicht schlagen, ja?«
»Was?«
»Sie sollte ihn lieber nicht schlagen, ja? Nicht, wenn sie möchte, dass er bei ihr bleibt.«
»Machen Sie sich nicht lächerlich.«
»Bratpfanne. Oben am Kopf. Vor sechs Jahren, nicht wahr? Jim hatte schon immer so einen Verdacht. Und ziemlich oft in letzter Zeit. Nicht da, wo man es sieht, das hat sie inzwischen begriffen. Sie schlägt ihn auf den Rücken. Altersdemenz, wenn Sie mich fragen. Gehört eigentlich in eine Anstalt.«
»Wer hat Ihnen das erzählt?«
»Na, sie bestimmt nicht.« Elsie funkelte mich an und zündete sich eine neue Zigarette an.
»Meine Mutter …«
»Glauben Sie doch, was Sie wollen.« Einschmeicheln wollte sie sich jedenfalls nicht bei mir. Warum sollte sie auch? Dies war ja kein Vorstellungsgespräch. Als sie mich zur Tür brachte, wollte ich ihr automatisch die Hand geben. Sie drückte sie kurz und wiederholte: »Man gibt nur auf, was man nicht mehr will.«
Ich fragte meine Mutter: »Mum, hast du Dad mal geschlagen?«
Sie erriet sofort, wer meine Informationsquelle war. »Hat dieses Weibsbild das behauptet? Du kannst ihr von mir ausrichten, wir sehen uns vor Gericht wieder. Man sollte sie … teeren und federn oder was man mit solchen Leuten macht.«
Ich fragte meinen Vater: »Dad, vielleicht ist das eine dumme Frage, aber hat Mum dich mal geschlagen?«
Sein Blick blieb klar und direkt. »Ich bin gestürzt, mein Sohn.«
Ich ging ins Ärztehaus und sah mich einer energischen Frau im Dirndlrock gegenüber, die einen leisen Gestank nach ehernen Prinzipien verbreitete. Als sie hier anfing, war Dr. Royce bereits nicht mehr da. Patientenunterlagen waren selbstverständlich vertraulich, falls ein Verdacht auf Misshandlung bestand, sei sie verpflichtet, das Sozialamt einzuschalten, mein Vater hatte vor sechs Jahren angegeben, er sei gestürzt, weder vorher noch nachher etwas Verdacht Erregendes, welche Beweise hätte ich denn?
»Jemand hat eine Bemerkung gemacht.«
»Sie wissen doch, wie so ein Dorf ist. Oder vielleicht wissen Sie es nicht. Was war das für ein Jemand?«
»Ach, irgendjemand.«
»Halten Sie Ihre Mutter für eine Frau, die Ihren Vater misshandeln würde?«
Misshandeln, misshandeln. Warum nicht zusammenschlagen, verdreschen, ihm eine schwere Bratpfanne auf den Kopf hauen? »Ich weiß es nicht. Woran erkennt man das?« Muss man den Namen des Herstellers in Spiegelschrift auf der Haut meines Vaters sehen können?
»Natürlich hängt alles davon ab, welche Angaben der Patient macht. Es sei denn, ein Angehöriger meldet einen Verdacht. Möchten Sie das tun?«
Nein. Ich denunziere nicht meine achtzigjährige Mutter wegen mutmaßlichen tätlichen Angriffs auf meinen einundachtzigjährigen Vater auf Grund der bloßen Behauptung einer Frau von Mitte sechzig, die möglicherweise mit meinem Vater schläft. »Nein«, sagte ich.
»Ich habe Ihre Eltern nicht oft zu sehen bekommen«, fuhr die Ärztin fort. »Aber es sind doch …« Sie hielt inne, um den korrekten Euphemismus zu finden. »… es sind doch gebildete Leute?«
»Ja«, antwortete ich. »Ja, mein Vater hat vor sechzig – über sechzig – Jahren Bildung erworben, und meine Mutter auch. Das ist ihnen sicher sehr zustatten gekommen.« Immer noch wütend fügte ich hinzu: »Übrigens, verschreiben Sie auch Viagra?«
Sie sah mich an, als sei ihr jetzt klar, dass ich nur Ärger machen wollte. »Dafür müssen Sie sich an Ihren eigenen Arzt wenden.«
Als ich ins Dorf zurückkam, fühlte ich mich plötzlich so deprimiert, als wohnte ich selbst dort und hätte sie schon satt, diese Kreuzung, die sich für etwas Besseres hielt mit ihrer toten Kirche, ihrem brutalen Buswartehäuschen, ihren Bungalows im Landhaus-Stil und ihrem überteuerten Laden, der gut ist für das Nötigste. Ich lenkte meinen Wagen auf den Asphaltstreifen, der hier hochgestochen Einfahrt heißt, und sah meinen Vater hinten im Garten in dem Obstbaumkäfig arbeiten, wo er Drähte bog und verband. Meine Mutter erwartete mich schon.
»Joyce Royce, dieses Miststück, na ja, sie haben einander verdient. Einer so dumm wie der andere. Das vergiftet mir natürlich das ganze Leben.«
»Ach, hör schon auf, Mum.«
»Komm mir nicht mit ›hör schon auf‹, junger Mann. Wart ab, bis du in meinem Alter bist. Vorher steht dir das nicht zu. Es vergiftet mir das ganze Leben.« Sie duldete keinen Widerspruch; auch sie machte wieder ihre elterliche Autorität geltend.
Ich schenkte mir eine Tasse Tee aus der Kanne neben der Spüle ein.
»Der hat zu lange gezogen.«
»Ist mir egal.«
Dann folgte ein bedrückendes Schweigen. Wieder kam ich mir vor wie ein Kind, das Anerkennung sucht oder sich jedenfalls keinen Tadel zuziehen will.
»Erinnerst du dich noch an den Thor, Mum?«, sagte ich plötzlich zu meinem eigenen Erstaunen.
»Den was?«
»Den Thor. Als wir noch klein waren. Wie der über den ganzen Küchenboden gewandert ist. Hatte seinen eigenen Willen. Und er ist ständig übergelaufen, nicht wahr?«
»Ich meine, das war der Hotpoint.«
»Nein.« Auf einmal war mir merkwürdig verzweifelt zumute. »Den Hotpoint hattest du später. Ich erinnere mich nur an den Thor. Der hat furchtbar gerattert und hatte dicke, beigefarbene Schläuche für das Wasser.«
»Der Tee muss ja ungenießbar sein«, sagte meine Mutter. »Und übrigens, schick mir diese Landkarte zurück, die ich dir gegeben habe. Nein, schmeiß sie einfach weg. Die Isle of Wight, du Schafskopf. Alles nur Brimborium. Verstanden?«
»Ja, Ma.«
»Falls ich vor deinem Vater sterbe, was zu erwarten ist, dann will ich, dass du mich einfach verstreust. Irgendwo. Oder lass das vom Krematorium besorgen. Du bist ja nicht verpflichtet, die Asche abzuholen.«
»Ich bitte dich, red nicht so.«
»Er wird mich überleben. Die Tasse mit dem Sprung hält schließlich am längsten. Soll doch die Sprechstundenhilfe seine Asche haben.«
»Red nicht so.«
»Kann sie sich auf den Kaminsims stellen.«
»Hör zu, Ma, falls es so kommen sollte, ich meine, falls du vor Dad sterben solltest, hätte sie sowieso kein Recht darauf. Es wäre allein meine Sache, meine und Karens. Elsie hätte damit gar nichts zu tun.«
Meine Mutter verspannte sich, als sie den Namen hörte. »Bei Karen ist Hopfen und Malz verloren, und dir kann ich auch nicht mehr trauen, stimmt’s, mein Sohn?«
»Ma …«
»Schleichst dich heimlich zu ihr hin, ohne mir was zu sagen. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, ich sag’s ja. Du warst schon immer deines Vaters Sohn.«
Elsie zufolge machte meine Mutter ihnen mit ihren ständigen Anrufen das Leben zur Hölle. »Morgens, mittags und abends, vor allem abends. Am Ende haben wir einfach den Stecker rausgezogen.« Elsie zufolge wollte meine Mutter ständig, dass mein Vater wieder angeflitzt kam und kleine Arbeiten im Haus verrichtete. Sie hatte eine ganze Reihe von Argumenten parat. 1) Das Haus gehöre ohnehin zur Hälfte ihm, also sei er verpflichtet, es instand zu halten. 2) Er habe sie ohne das nötige Geld sitzen lassen, um andere für solche Dienstleistungen zu bezahlen. 3) Er erwarte doch wohl nicht, dass sie in ihrem Alter noch anfinge, auf eine Leiter zu steigen. 4) Wenn er nicht sofort käme, würde sie höchstpersönlich zu Elsie laufen und ihn holen.
Meiner Mutter zufolge war mein Vater kaum fort, da stand er schon wieder vor ihrer Tür und erbot sich, kleine Reparaturen auszuführen, den Garten umzugraben, die Dachrinnen zu säubern, den Ölstand im Tank zu prüfen, egal was. Meiner Mutter zufolge beklagte sich mein Vater, dass Elsie ihn wie einen Hund behandelte, ihn nicht in den British Legion Club gehen ließ, ihm ein Paar Hausschuhe gekauft hatte, die er absolut nicht leiden konnte, und wollte, dass er jeden Kontakt zu seinen Kindern abbrach. Meiner Mutter zufolge bettelte mein Vater ständig, dass er wieder zu ihr zurückkommen durfte, worauf sie antwortete: »Was man sich eingebrockt hat, muss man auch auslöffeln«, obwohl sie eigentlich nur wollte, dass er noch etwas länger durchhielt. Meiner Mutter zufolge konnte mein Vater es nicht leiden, dass Elsie seine Hemden so schlampig bügelte und dass jetzt seine gesamte Kleidung nach Zigarettenrauch stank.
Elsie zufolge machte meine Mutter so ein Geschrei um die verzogene Hintertür, bei der der Riegel nur noch halb reinging, und im Handumdrehen könnte ein Einbrecher drin sein und sie in ihrem Bett vergewaltigen und ermorden, dass mein Vater sich widerstrebend bereit erklärte zu kommen. Elsie zufolge schwor mein Vater, das sei jetzt das allerletzte Mal, und seinetwegen könne das ganze verdammte Haus bis auf die Grundmauern abbrennen, am besten mit meiner Mutter drin, bevor er sich überreden ließe, nochmal dort hinzufahren. Elsie zufolge arbeitete mein Vater an der Hintertür, als meine Mutter ihm mit einem unbekannten Gegenstand auf den Kopf schlug und ihn dann in der Hoffnung liegen ließ, er würde sterben, und erst Stunden später den Krankenwagen rief.
Meiner Mutter zufolge lag mein Vater ihr ständig in den Ohren, sie solle die Hintertür reparieren lassen, und sagte, ihm sei nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie da nachts allein war, und alles würde wieder gut, wenn sie ihn nur wieder zurückkommen ließe. Meiner Mutter zufolge stand mein Vater eines Nachmittags unerwartet mit seinem Werkzeugkasten vor der Tür. Sie saßen ein paar Stunden lang zusammen und redeten über die alten Zeiten, über die Kinder und kramten sogar Fotos hervor, bei denen sie beide feuchte Augen bekamen. Sie sagte, sie werde darüber nachdenken, ob er zu ihr zurückkommen dürfe, aber erst solle er die Tür reparieren, deswegen sei er schließlich da. Er zog mit seinem Werkzeugkasten los, sie räumte das Teegeschirr ab und schaute sich dann noch mehr Fotos an. Nach einer Weile fiel ihr auf, dass sie gar keinen Lärm aus dem Abstellraum hörte. Mein Vater lag auf der Seite und gab gurgelnde Geräusche von sich; er musste wohl wieder gestürzt und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen sein, der dort natürlich aus Zement ist. Sie rief den Krankenwagen – mein Gott, der brauchte eine Ewigkeit – und stopfte meinem Vater ein Kissen unter den Kopf, schau her, dieses Kissen, man sieht noch das Blut darauf.
Der Polizei zufolge erstattete Mrs Elsie Royce Anzeige gegen Mrs Dorothy Mary Bishop, die Mr Stanley George Bishop mit der Absicht, ihn zu ermorden, tätlich angegriffen habe. Man hatte umfassende Ermittlungen in der Sache durchgeführt und beschlossen, das Verfahren einzustellen. Der Polizei zufolge erstattete Mrs Bishop Anzeige gegen Mrs Royce, die durch die umliegenden Dörfer ziehe und sie als Mörderin denunziere. Man müsse mal in Ruhe ein Wörtchen mit Mrs Royce reden. Dienstpersonal mache immer Ärger, vor allem, wenn es sich um Dienstpersonal im weitesten Sinne handele, wie bei dieser da.
Mein Vater liegt jetzt seit zwei Monaten im Krankenhaus. Nach drei Tagen hat er das Bewusstsein wiedererlangt, aber seitdem macht er nur wenig Fortschritte. Bei seiner Einlieferung hatte der Arzt zu mir gesagt: »In dem Alter reicht manchmal leider eine Kleinigkeit.« Inzwischen hat mir ein anderer Arzt taktvoll zu verstehen gegeben, es sei »ein Fehler, zu viel zu erwarten«. Mein Vater ist linksseitig gelähmt, leidet unter schwerem Gedächtnisverlust und Sprachstörungen, kann nicht mehr alleine essen und ist weitgehend inkontinent. Seine linke Gesichtshälfte ist so verzerrt, dass sie aussieht wie Baumrinde, aber die Augen schauen so klar und graublau wie eh und je, und seine weißen Haare sind immer sauber und gut gebürstet. Ich kann nicht erkennen, wie viel er versteht, wenn ich etwas sage. Einen bestimmten Satz kann er gut artikulieren, doch ansonsten spricht er wenig. Die Vokale pressen sich gedehnt aus seinem schiefen Mund, und sein Blick verrät Scham über seine verstümmelte Ausdrucksfähigkeit. Meist ist es ihm lieber, wenn Stille herrscht.
Montags, mittwochs, freitags und sonntags besucht meine Mutter ihn und macht so ihr eheliches Recht auf vier von sieben Tagen geltend. Sie bringt ihm Trauben und die Zeitung vom Vortag mit, und wenn er aus dem linken Mundwinkel sabbert, zieht sie ein Papiertaschentuch aus der Schachtel auf seinem Nachttisch und tupft ihm die Spucke ab. Falls ein Zettel von Elsie auf dem Tisch liegt, zerreißt sie ihn, und er tut so, als würde er nichts merken. Sie erzählt ihm von ihrer gemeinsamen Vergangenheit, von ihren Kindern und ihren gemeinsamen Erinnerungen. Wenn sie geht, schaut er ihr nach und sagt sehr deutlich zu jedem, der es hören will: »Meine Frau, wissen Sie. So viele glückliche Jahre.«
Dienstags, donnerstags und samstags besucht Elsie meinen Vater. Sie bringt ihm Blumen und selbst gemachten Karamell mit, und wenn er sabbert, holt sie ein weißes Spitzentaschentuch mit einem roten, gestickten E aus der Tasche. Sie wischt ihm das Gesicht mit offenkundiger Zärtlichkeit ab. Seit neuestem trägt sie am Ringfinger der rechten Hand einen Ring, der so ähnlich aussieht wie der, den sie noch immer von Jim Royce an der linken Hand trägt. Sie erzählt meinem Vater von der Zukunft, dass er wieder gesund wird und wie sie dann zusammenleben werden. Wenn sie geht, schaut er ihr nach und sagt sehr deutlich zu jedem, der es hören will: »Meine Frau, wissen Sie. So viele glückliche Jahre.«