5
Es war der sechste Tag, an dem Monk versuchte, die Umstände von Miriam Gardiners Flucht aufzuklären. Hester hatte beim Einschlafen über sie nachgedacht und sich gefragt, was für eine Tragödie die Frau zu dieser Handlung getrieben hatte. Warum konnte sie nicht darüber sprechen, nicht einmal mit dem Mann, den sie heiraten wollte?
Aber das war es nicht, was sie weckte. Sie spürte ein Pochen im Kopf und hatte plötzlich ein übermächtiges Gefühl von Angst, das Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren würde, das sie nicht verhindern konnte und dem sie nicht gewachsen war.
Neben ihr lag Monk in tiefem Schlaf, das Gesicht im klaren Licht des frühen Tages entspannt und friedlich. Er nahm sie so wenig wahr, als hätten sie sich in getrennten Räumen aufgehalten, in verschiedenen Welten.
Es war nicht das erste Mal, dass sie mit diesem Gefühl der Hilflosigkeit und Erschöpfung aufwachte, und doch konnte sie sich nie daran erinnern, wovon sie geträumt hatte.
Sie sollte Monk wecken, mit ihm reden, von ihm hören, dass es bedeutungslos sei, irreal, und der Welt des Schlafes angehöre. Aber das wäre selbstsüchtig gewesen. Er erwartete mehr Kraft von ihr und würde enttäuscht sein, und das konnte sie nicht ertragen. Sie lag da, starrte an die Decke und fühlte sich unendlich allein, denn mit diesem Gefühl war sie erwacht, und sie konnte es nicht beiseite drängen. Da war etwas, vor dem sie fliehen wollte, aber sie wusste, dass es keine Flucht gab. Es war überall um sie herum.
Das Licht, das durch den Spalt zwischen den Vorhängen drang, wurde langsam heller. In etwa einer Stunde musste sie aufstehen. Beschäftige dich mit dem, was vor dir liegt, beschloss sie. Es war immer besser, etwas zu tun zu haben. Schließlich gab es viele Kämpfe, die es wert waren, ausgefochten zu werden. Sie musste noch einmal mit Fermin Thorpe sprechen. Mit Vernunft war dem Mann nicht beizukommen, denn er fürchtete sich vor Veränderungen, fürchtete sich davor, die Kontrolle zu verlieren und damit etwas von seiner Bedeutung einzubüßen.
Es würde wahrscheinlich weiterer endloser Briefe bedürfen, von denen nur wenige je eine zufrieden stellende Antwort erhielten.
Florence Nightingale war an ihr Haus gefesselt, einige meinten sogar, an ihr Bett, und sie brachte fast ihre ganze Zeit mit dem Verfassen von Briefen zu.
Natürlich hatten ihre Briefe viel bewirkt. In den vier Jahren seit Ende des Krieges hatten sie große Veränderungen herbeigeführt, vor allem was die Bauweise der Hospitäler betraf. Zuerst hatte ihre Aufmerksamkeit natürlich Militärhospitälern gegolten, und ihre Erfolge hatte sie schließlich trotz eines Regierungswechsels, durch den sie ihren Hauptverbündeten verlor, errungen. Jetzt konzentrierte sie ihre Willenskraft auf zivile Krankenhäuser und, genau wie Hester, auf die Ausbildung der Krankenschwestern. Aber es war ein Kampf gegen halsstarrige und eingefleischte Ansichten mächtiger Stellen. Fermin Thorpe war lediglich einer der vielen führenden Mediziner im Land, ein typischer Vertreter seines Berufsstands.
Und die Gesundheit der armen Florence hatte sich seit ihrer Rückkehr verschlechtert. Hester machte es zu schaffen, diese Tatsache zu akzeptieren. In Scutari hatte Florence Nightingale den Eindruck erweckt, über unerschöpfliche Kräfte zu verfügen – sie war keine Frau, die sich Ohnmachtsanfällen hingab oder über Herzklopfen und allgemeine Erschöpfung klagte. Und doch schien jetzt genau das der Fall zu sein! Mehrfach hatte ihr Leben am seidenen Faden gehangen. Ihre Familie durfte sie nicht mehr besuchen, weil man befürchtete, eine solche Aufregung könnte zu viel für sie sein. Freunde und Bewunderer gaben ihre eigene Beschäftigung auf, um für sie zu sorgen.
Aber in letzter Zeit schien sie sich erholt zu haben und sprudelte förmlich über von neuen Ideen. Sie hatte die Einrichtung einer Schule zur Ausbildung von Krankenschwestern vorgeschlagen und ging systematisch gegen die Gegner dieser Idee vor. Es hieß, nichts bereite ihr so viel Vergnügen wie eine Statistik, die beweisen konnte, wie wichtig sauberes Wasser und gute Belüftung für die Genesung eines Patienten waren.
Hester lächelte, als sie im Geist Florence in der heißen türkischen Sonne sah, wie sie einem Armeesergeant befahl, ihr seine Zahlen bezüglich der Toten der vorherigen Woche zu bringen. Sie wollte das Datum wissen, an dem sie ins Hospital eingeliefert wurden, die Art ihrer Verletzungen und die Todesursache. Der arme Mann war so erschöpft gewesen, dass er nicht einmal protestiert hatte. Er hielt es für eine sinnlose Aufgabe, und nur sein Mitgefühl mit den Kameraden und sein Anstandsgefühl hatten ihn dazu gebracht, ihr widerstrebend zu gehorchen. Florence hatte versucht, ihm zu erklären, dass sie aus solchen Dingen wertvolle Informationen gewinnen konnte. Mit strahlendem Blick hatte sie von den Rückschlüssen gesprochen, die man aus solchen Dingen ziehen konnte, von Erfahrungen, die zu machen waren, von Fehlern, die man aufdecken und vielleicht korrigieren konnte. Es starben Menschen, die nicht hätten sterben müssen, – es gab Schmerzen, die sich vermeiden ließen. Aber die Armee schenkte ihrer Arbeit keine Beachtung, genauso Fermin Thorpe.
Und hier lag sie warm und behaglich im Bett, während Monk an ihrer Seite schlief. Sie hatte immer noch das Bedürfnis, ihn zu wecken und mit ihm zu reden – nein, das stimmte nicht ganz, sie wollte im Grunde, dass er mit ihr redete. Sie wollte seine Stimme hören.
Sie wäre gern aufgestanden, um etwas zu tun, das sie von ihren Gedanken ablenkte, aber dann hätte sie ihn gestört. Also blieb sie still liegen und verfolgte das Muster, welches das Sonnenlicht an die Decke zeichnete, bis sie nach einer Weile wieder einschlief.
Als sie zum zweiten Mal erwachte, rüttelte Monk sie sanft an der Schulter. Sie hatte das Gefühl, aus einem tiefen Brunnen emporgeklettert zu sein, und ihr Kopf schmerzte noch immer.
Sie erwiderte sein Lächeln und zwang sich, eine fröhliche Miene zu machen. Wenn er etwas Gezwungenes darin wahrnahm, so sprach er es jedenfalls nicht aus. Vielleicht war er in Gedanken bereits bei Miriam Gardiner und überlegte, wie er ihr helfen konnte und was er zu Lucius Stourbridge sagen sollte.
Es war bereits spät am Vormittag, als Hester im Hauptkorridor auf Fermin Thorpe traf.
»Ah, guten Morgen, Miss – Mrs. Monk«, begrüßte er sie und blieb stehen. »Wie geht es Ihnen heute?« Er sprach sofort weiter, damit sie ihn nicht mit einer Antwort unterbrechen konnte. »Um auf Ihren Wunsch zurückzukommen, Frauen für die Krankenpflege auszubilden, habe ich mir eine Ausgabe von Mr. J. F. South’ Buch besorgt, das vor drei Jahren erschienen ist. Ich bin sicher, es wird Sie sehr interessieren.« Er lächelte und sah ihr direkt in die Augen.
Ein Medizinstudent ging an ihnen vorbei, den Thorpe nicht beachtete – ein Gradmesser für die Ernsthaftigkeit seiner Absichten.
»Sie wissen vielleicht nicht, wer er ist, daher werde ich es Ihnen sagen, damit Sie das, worüber er schreibt, richtig beurteilen können.« Er straffte die Schultern und hob das Kinn.
»Er ist Chefchirurg des St.-Thomas-Hospitals und mehr noch, er ist der Präsident des Kollegiums für Chirurgie.« Er verlieh diesen Worten besonderen Nachdruck, damit sie nur ja deren Bedeutung erfasste. »Ich zitiere, Miss -Mrs. Monk, er ist…« Seine Stimme wurde an dieser Stelle noch eindringlicher – »›ganz und gar nicht geneigt einzuräumen, dass die Pflegeeinrichtungen in unseren Hospitälern unzureichend sind oder dass sie durch eine spezielle Ausbildungsinstitution zu verbessern wären‹. Ferner weist er darauf hin, dass selbst Schwestern, die mit der Leitung von Stationen betraut sind, nur durch Erfahrung lernen können.« Er lächelte sie mit wachsendem Selbstvertrauen an. »Krankenpflegerinnen selbst sind Untergebene in der Position von Hausmädchen und brauchen nur die simpelsten Anweisungen zu erhalten.«
Zwei Krankenschwestern kamen an ihnen vorüber, die Gesichter gerötet vor Anstrengung, die Ärmel hochgekrempelt.
Hester wollte protestieren, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen und hob ein wenig die Stimme. »Ich weiß selbstverständlich von Miss Nightingales Fond zur Ausbildung junger Frauen, aber ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, Madam, dass sich unter den Anhängern dieser Idee nur drei Chirurgen und zwei praktische Ärzte befinden. Das allein dürfte als unfehlbares Zeichen für die Meinung dieses Berufsstandes angesehen werden, dem die qualifiziertesten und erfahrensten Männer dieses Landes angehören. Und nun, Mrs. Monk«, er sprach ihren Namen klar und deutlich aus, um zu zeigen, dass er ihn sich endlich gemerkt hatte, »nun baue ich darauf, dass Sie Ihre beträchtlichen Energien auf das Wohlergehen der Krankenschwestern und auch der Patienten hier konzentrieren werden, und auf Ihren Gehorsam den Ärzten gegenüber. Auf Wiedersehen.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er mit großen Schritten auf den Operationssaal zu, davon überzeugt, das Thema ein für alle Mal aus der Welt geschafft zu haben.
Hester war einige Sekunden lang sprachlos vor Wut. Dann ging sie in die entgegengesetzte Richtung, wo das Wartezimmer der praktischen Ärzte lag.
Dort fand sie Cleo im Gespräch mit einem alten Mann, der offensichtlich Angst hatte und sich alle Mühe gab, dies zu verbergen. Er hatte an beiden Beinen offene Geschwüre, die arge Schmerzen verursachen mussten und so aussahen, als hätten sie ihn schon eine ganze Weile geplagt. Er lächelte Cleo zu, aber seine Hände verkrampften sich, bis die Knöchel weiß hervortraten. Er saß stocksteif auf seinem Stuhl.
»Sie müssen sie regelmäßig frisch verbinden lassen«, erklärte Cleo ihm. »Vor allem müssen Sie sie sauber halten, sonst heilen sie nie. Ich mache das für Sie, wenn Sie herkommen und nach mir fragen.«
»Ich kann nicht jeden Tag herkommen«, antwortete er höflich, aber bestimmt. »Es geht einfach nicht, Miss.«
»So, es geht nicht?« Sie sah ihn nachdenklich an und betrachtete dann die abgetretenen Stiefel und die abgetragene Jacke. »Nun, dann muss ich wohl zu Ihnen kommen. Ist es weit, hm?«
»Und warum sollten Sie das tun?«, fragte er zweifelnd.
»Weil diese Geschwüre sonst nicht heilen«, antwortete sie spitz.
»Ich will aber keine Gefälligkeiten«, empörte er sich. »Ich will keine Schwestern im Haus haben! Was sollen denn die Nachbarn von mir denken?«
Cleo zuckte kaum merklich zusammen. »Dass Sie verdammtes Glück haben, in Ihrem Alter noch eine so gut aussehende Frau wie mich geködert zu haben!«, blaffte sie ihn ihrerseits an.
Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Aber Sie können trotzdem nicht kommen.«
Sie sah geduldig auf ihn hinab. »So was nennt sich Soldat und kann keine Befehle von jemandem entgegennehmen, der es besser weiß – und dass Sie sich da nicht irren, mein Herr, wenn es um diese Geschwüre geht, bin ich Ihr Sergeant.«
Er holte tief Luft und schwieg.
»Also?«, fragte Cleo. »Werden Sie mir verraten, wo Sie wohnen, oder muss ich erst meine Zeit damit verschwenden, es selbst herauszufinden?«
»Church Row«, erwiderte er widerstrebend.
»Und soll ich vielleicht die ganze Straße rauf und runter marschieren und nach Ihnen fragen, wie?«, sagte Cleo mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nummer einundzwanzig.«
»Wunderbar! Himmel, das ist ja wie Zähneziehen!«
Er war sich nicht sicher, ob sie einen Witz gemacht hatte oder nicht. Er lächelte zaghaft.
Sie erwiderte sein Lächeln, dann sah sie Hester auf sich zukommen und versuchte den Anschein zu erwecken, als habe die Begegnung mit dem alten Mann sie nicht aus der Fassung gebracht.
»Ich werd’s nicht in meiner Dienstzeit tun«, flüsterte sie ihr zu. »Der arme alte Kerl hat bei Waterloo gekämpft, und sehen Sie sich an, in was für ‘nem Zustand er ist.« Ihre Miene verdüsterte sich, und sie vergaß den gebührenden Respekt gegenüber einer gesellschaftlich höher gestellten Frau. Zorn funkelte in ihrem Blick. »Was waren wir nicht alle begeistert von unseren Soldaten, als wir dachten, die Franzmänner würden uns überfallen, und wir könnten vielleicht verlieren. Jetzt, fünfundvierzig Jahre später, haben wir vergessen, was sie für uns getan haben, und wer schert sich schon um einen alten Mann mit offenen Beinen, der kein Geld hat und über Kriege redet, von denen wir nichts wissen?«
Hester dachte an die Männer, die sie in Scutari und Sewastopol kennen gelernt hatte und an die Zelte der Chirurgen nach dem chaotischen Sturm auf Balaklava. Sie waren so jung gewesen und hatten so schreckliche Schmerzen gelitten. Ihre leichenblassen Gesichter waren es, die letzte Nacht Hesters Träume heimgesucht hatten. Sie konnte sie vor ihrem inneren Auge deutlich sehen. Jene, die überlebt hatten, würden in vierzig Jahren alte Männer sein. Würden die Menschen sich ihrer dann noch erinnern? Oder würde es eine neue Generation geben, die nur den Frieden kannte und alte Soldaten langweilig und lästig fand?
»Sorgen Sie dafür, dass er versorgt wird«, sagte Hester leise.
»Das ist alles, was zählt. Tun Sie, wann immer Sie es einrichten können. «
Cleo sah Hester erstaunt an. Einen Moment lang wusste sie nicht, ob sie richtig gehört hatte. Sie kannten einander kaum. Hier im Hospital verband sie die Arbeit, aber wenn sie nach Hause gingen, kehrten sie in verschiedene Welten zurück.
»Das, was wir ihnen schulden, kann niemand ermessen«, erwiderte Hester, »geschweige denn bezahlen.«
Cleo bewegte sich nicht.
»Ich war in Scutari«, erklärte Hester.
»Oh…« Es war nur ein einziges Wort, aber es rief Verständnis hervor und tiefen Respekt. Cleo nickte leicht und ging zum nächsten Patienten.
Hester verließ den Raum. Sie war jetzt gerade in der richtigen Stimmung, dafür zu sorgen, dass den moralischen Anforderungen Genüge getan wurde und jede Krankenschwester sauber, ordentlich, pünktlich und nüchtern war.
Als sie durch den Korridor ging, lief eine Krankenschwester an ihr vorbei, die wohl gerade erst zum Dienst erschienen war; sie trug noch immer ihren Umhang.
»Sie kommen zu spät!«, sagte Hester streng. »Ich möchte nicht, dass das noch einmal vorkommt!«
Die Frau zuckte zusammen. »Nein, Ma’am«, erwiderte sie gehorsam und hastete mit gesenktem Kopf weiter. Noch im Laufen nahm sie den Umhang ab.
Direkt vor der Krankenhausapotheke stieß Hester auf einen jungen Medizinstudenten, der unrasiert war und dessen Jacke weit offen stand.
»Ihr Aussehen lässt zu wünschen übrig, Sir!«, sagte sie mit der gleichen Schärfe. »Wie sollen Ihre Patienten Vertrauen zu Ihnen haben, wenn Sie aussehen, als hätten Sie in Ihren Kleidern geschlafen? Wenn Sie ein Herr sein wollen, sollten Sie auch so aussehen wie einer!«
Er war so verblüfft, dass es ihm die Sprache verschlug, und er nur reglos dastand, während sie an ihm vorbei in die Warteräume der Chirurgen trat.
Den Rest des Vormittags verwandte sie darauf, die wartenden Patienten zu trösten und ihnen Mut zuzusprechen. Sie hatte Florence Nightingales Bemerkung nicht vergessen, dass der seelische Schmerz eines Patienten dem körperlichen gleichzusetzen sei und dass eine gute Krankenschwester Zweifel zerstreuen und Hoffnung wecken solle.
Gegen Mittag setzte sie sich an einen der Tische im Speisesaal für das Personal, dankbar für eine Stunde Ruhe. Fünfzehn Minuten später gesellte Callandra sich zu ihr. Ausnahmsweise war ihr Haar ordentlich hochgesteckt, und ihr Rock passte genau zu der gut sitzenden Jacke. Einzig ihre Miene verdarb den erfreulichen Anblick. Sie sah zutiefst unglücklich aus.
»Was ist passiert?«, fragte Hester, als Callandra es sich auf dem harten Stuhl bequem gemacht hatte.
»Es sind weitere Medikamente verschwunden«, flüsterte Callandra so leise, dass sie kaum zu verstehen war. »Es gibt keinen Zweifel mehr. Es ist eine grässliche Vorstellung, dass jemand vorsätzlich solche Mengen an Medikamenten stiehlt, aber eine andere Erklärung gibt es nicht.« Sie verzog das Gesicht, und die Lippen waren nur noch eine schmale Linie.
»Stellen Sie sich nur vor, was Thorpe daraus machen wird, ganz abgesehen von allem anderen!«
»Ich hatte heute Morgen bereits eine Unterredung mit ihm«, erwiderte Hester, die ihrem Teller mit dem kalten Hammelfleisch und den frischen Kartoffeln keine Beachtung schenkte. »Er zitierte Mr. South. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit, ihm zu antworten. Jetzt würde ich ihn gern fragen, ob er nicht besondere Maßnahmen für die Männer treffen könnte, die in der Vergangenheit für uns gekämpft haben und die jetzt alt und krank sind.«
Callandra runzelte die Stirn. »An was für eine Art von Maßnahmen haben Sie denn gedacht?«
»Das weiß ich selbst noch nicht so genau.« Hester schnitt eine Grimasse. »Ich nehme an, dies ist nicht der geeignete Augenblick, um vorzuschlagen, dass wir ihnen Medikamente und Verbandszeug aus dem Etat des Krankenhauses zur Verfügung stellen?«
»Aber das tun wir doch ohnehin«, sagte Callandra mit einiger Überraschung.
»Nur wenn sie hierher kommen«, bemerkte Hester. »Einige von ihnen können aber nicht jeden Tag den weiten Weg machen. Sie sind zu alt oder zu krank, oder sie sind lahm und können deshalb keinen Omnibus benutzen. Und ein Hansom kostet einfach zu viel, selbst wenn es ihnen möglich wäre, einen zu besteigen.«
»Wer sollte ihnen denn zu Hause die Medizin verabreichen?«, fragte Callandra neugierig. Langsam begann sie zu begreifen.
»Wir«, antwortete Hester. »Es wäre nicht einmal ein Arzt dafür notwendig, nur eine Krankenschwester mit Erfahrung und Selbstvertrauen – jemand mit einer Ausbildung.«
»Und jemand, dem man vertrauen kann«, fügte Callandra viel sagend hinzu.
Hester seufzte. Das Damoklesschwert der gestohlenen Medikamente schwebte über ihren Köpfen. Sie konnten die Sache nicht mehr lange vor Fermin Thorpe geheim halten.
»Da beißt die Katze sich in den Schwanz, nicht wahr?«, fragte sie mit einem Anflug von Verzweiflung. »So lange wir keine ausgebildeten Frauen haben, die pflichtbewusst ihre Arbeit verrichten und mit Respekt behandelt und entsprechend entlohnt werden, so lange können wir nicht verhindern, dass solche Dinge geschehen. Und solange das passiert, werden Menschen wie Thorpe – und aus solchen Leuten scheint die Ärzteschaft in der Mehrzahl zu bestehen – Krankenschwestern als die unterste Schicht von Hausmädchen ansehen.«
Callandra verzog den Mund. »Ich kenne kein Hausmädchen, das nicht beleidigt wäre – und wahrscheinlich sogar kündigen würde –, wenn Sie es in einem Atemzug mit einer Krankenschwester nennen.«
»Das genau ist das Problem, mit dem wir uns herumschlagen!«, erwiderte Hester, während sie sich eine halbe Kartoffel und ein Stück kaltes Hammelfleisch nahm.
»Die Nightingale-Schule wird in Kürze eröffnen.« Callandra gab sich alle Mühe, ein wenig optimistischer zu erscheinen.
»Aber ich glaube, sie hatte Mühe, geeignete Bewerberinnen zu finden. Sie haben sehr hohe Anforderungen in puncto Moral, und sie verlangen natürlich absolute Hingabe an den Beruf. Die Regeln sind fast so streng wie in einem Nonnenkloster.«
»Man nennt sie nicht umsonst »Schwestern««, antwortete Hester mit humorvollem Blick.
Aber es gab noch andere Dinge, die sie beschäftigten. Sie hatte noch einmal über Sergeant Robbs Großvater nachgedacht, der allein in seiner Wohnung saß und wartete, dass sein Enkel ihn versorgte. Die Situation musste eine schwere Last für ihn sein.
Und wie viele andere alte Männer mochte es geben, die jetzt krank und mittellos waren, Opfer von Kriegen, an die die jungen Menschen sich nicht mehr erinnern konnten? Und auch alte Frauen, vielleicht die Witwen von Männern, die im Krieg gefallen waren, oder solche, die unverheiratet geblieben sind, weil die Männer, die sie ehelichen wollten, in einer Schlacht den Tod gefunden haben?
Sie beugte sich ein wenig vor. »Könnte man nicht eine Art Vereinigung schaffen, von Frauen, die diese Menschen besuchen… die zumindest die augenfälligeren Probleme angehen und Rat geben, in welchen Fällen ein Arzt hinzugezogen werden sollte…«
Der Ausdruck auf Callandras Gesicht ließ sie innehalten. »Sie träumen, meine Liebe«, sagte sie sanft. »Wir bekommen nicht einmal ordentliche Krankenschwestern für die Armenhospitäler, die an die Arbeitshäuser angeschlossen sind, und Sie sprechen von Krankenschwestern, die die Armen in ihren Häusern aufsuchen? Da greifen Sie Ihrer Zeit fünfzig Jahre voraus. Aber dennoch, es ist ein schöner Traum, ein guter Traum.«
»Wie wäre es denn mit einer Art Hospital eigens für Männer, die ihre Gesundheit im Kampf für England gelassen haben?«, hakte Hester nach. »Wäre das nicht wenigstens ein Gebot des Respekts, wenn schon nichts anderes?«
»Wenn man der Ehre überall Genüge täte, wäre dies eine ganz andere Welt.« Callandra schluckte den letzten Bissen ihrer Pastete hinunter. »Vielleicht hätte man mehr Erfolg, wenn man auf aus der Erkenntnis geborenen Eigennutz setzte.«
»Wie das?«, fragte Hester.
»Die besten Pflegereformen hat es bisher in Armeehospitälern gegeben, und sie sind fast ausschließlich Miss Nightingales Werk.« Sie dachte mit gerunzelter Stirn nach, bevor sie weitersprach. »Neue Häuser werden so gebaut, dass sie über sauberes Wasser verfügen, über eine bessere Belüftung und erheblich weniger überfüllte Stationen…«
»Ich weiß.« Hester ließ ihren Teller unbeachtet stehen.
»Ich bin überzeugt, Mr. Thorpe würde gern als fortschrittlich gelten…«, fuhr Callandra fort.
Hester verzog das Gesicht, fiel der anderen Frau aber nicht noch einmal ins Wort.
»… ohne dabei irgendein Risiko einzugehen«, fuhr Callandra fort. »Ein Armenhospital für alte Soldaten könnte ein guter Kompromiss sein.«
»Natürlich könnte es das!«, stimmte Hester ihr zu. »Nur dass man es natürlich anders bezeichnen müsste. Sehr viele Soldaten würden lieber sterben, als die Wohltätigkeit ihrer Gemeinde anzunehmen. Und das sollten sie auch nicht nötig haben! So viel zumindest sind wir ihnen schuldig.« Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. »Aber ich werde sehr zurückhaltend sein, wenn ich mit Mr. Thorpe spreche.«
»Hester!«, rief Callandra ihr beschwörend nach, aber Hester war schon an der Tür, und wenn sie etwas gehört hatte, so ließ sie es sich nicht anmerken.
»Unmöglich«, sagte Thorpe, ohne zu zögern. »Ganz ausgeschlossen. Es gibt Arbeitshäuser, die für die Bedürftigen Sorge tragen…«
»Ich rede nicht von Bedürftigen, Mr. Thorpe.« Hester bemühte sich, ruhig zu bleiben, aber es kostete sie einige Anstrengung. »Ich denke an Männer, die ihre Gesundheit im Krieg eingebüßt haben, oder in den großen Schlachten wie Quatre-Bras oder Waterloo…«
Er runzelte die Stirn. »Quatre-Bras? Wovon reden Sie?«, fragte er ungeduldig.
»Das war direkt vor Waterloo«, erklärte sie geduldig, obwohl sie wusste, dass sie herablassend klang. »Es ging damals nicht darum, für die Ausweitung des Empires zu kämpfen, sondern um uns gegen eine Invasion zu schützen und von einer ausländischen Macht unterworfen zu werden…«
»Ich brauche keine Lektion in Geschichte, Mrs. Monk«, erwiderte er gereizt. »Diese Männer haben ihre Pflicht getan, wie wir alle es tun. Für eine junge Frau hat die Uniform sicher einen gewissen Reiz und man neigt dazu, diese Männer zu Helden zu machen…«
»Niemand macht aus ihnen Helden, Mr. Thorpe«, korrigierte sie ihn. »Ich sorge mich um die Verletzten und Kranken, die unsere Hilfe benötigen und die, wie ich glaube, ein Recht darauf haben. Ich bin davon überzeugt, dass Sie mir als Patriot und als Christ in diesem Punkt Recht geben werden.«
Widersprüchliche Gefühle spiegelten sich auf seinem Gesicht wider, aber er hätte niemals ihre Einschätzung seiner Person korrigiert, selbst wenn er argwöhnte, dass sie eine gehörige Portion Sarkasmus enthielt.
»Natürlich«, pflichtete er ihr widerstrebend bei. »Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen, Es ist sicher etwas, das wir alle gern tun würden, falls es sich als machbar erweisen sollte.« Er hatte beschlossen, nicht länger mit ihr zu streiten, sondern sie einfach hinzuhalten. Gewiss würde er über ihren Vorschlag nachdenken – bis in alle Ewigkeit.
Sie wusste, dass sie ein weiteres Mal geschlagen war. Wie oft sie sich auch an ihn wenden mochte, er würde jedes Mal lächeln, ihr zustimmen und sagen, er werde sich um mögliche Lösungen für ein bestimmtes Problem bemühen. Und sie würde ihm nie nachweisen können, dass er Unrecht hatte. Mit einem Mal konnte sie ganz deutlich nachempfinden, was es für Florence Nightingale bedeutete, vor solchen Hindernissen zu stehen, und warum sie krank geworden war.
Hester erwiderte Fermin Thorpes Lächeln. »Sie werden gewiss Erfolg haben«, log sie ihrerseits. »Ein Mann, dessen Fähigkeiten es ihm erlauben, ein Krankenhaus von dieser Größe so gut zu leiten, wird sicher auch die richtigen Argumente haben und seinen Einfluss geltend machen können, um andere von der Gerechtigkeit einer solchen Sache zu überzeugen. Wenn Sie so etwas nicht könnten, dann wären Sie wohl kaum der richtige Mann für Hampstead… nicht wahr?« Sie hätte sich eine solche Bemerkung nie erlaubt, wenn sie von ihm abhängig gewesen wäre, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen – aber das war sie gottlob nicht! Sie war eine verheiratete Frau mit einem Ehemann, der für sie sorgte, und – wie Callandra – als freiwillige Helferin hier, nicht als bezahlte Arbeitskraft. Es war ein wunderbares Gefühl.
Seine Wangen röteten sich noch mehr. »Es freut mich, dass Sie meine Position zu würdigen wissen, Mrs. Monk«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich weiß nicht immer so genau, ob Ihnen bewusst ist, dass ich tatsächlich mit der Leitung dieses Krankenhauses betraut bin.«
»Das tut mir Leid«, antwortete sie. »Man braucht sich ja nur umzusehen, um den Leistungsstandard eines Krankenhauses zu erkennen.«
Er blinzelte, denn er war sich der Doppeldeutigkeit ihrer Worte durchaus bewusst. Sein Tonfall war herablassend, als er weiter sprach. »Sie haben gewiss ein gutes Herz, Mrs. Monk, aber ich fürchte, Ihr mangelndes Verständnis für finanzielle Dinge steht der Beurteilung dessen, was machbar ist, im Weg. So sind zum Beispiel die Kosten für Medikamente weitaus höher, als Ihnen wahrscheinlich bewusst ist, und wir sind in der unglücklichen Lage, dass wir von moralisch nicht gerade integren Angestellten in einem beträchtlichen Maß bestohlen werden.« Er sah sie durchdringend an. »Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Ehrlichkeit und das Nüchternsein der Krankenschwestern hier verwenden würden, hätten wir weitaus geringere Verluste und könnten den Kranken, die sich auf uns verlassen, eine bessere Fürsorge angedeihen lassen. Richten Sie Ihre Energie auf diese Dinge, Mrs. Monk, dann werden Sie der Allgemeinheit den größten Dienst erweisen. Ehrlichkeit! Ehrlichkeit wird die Kranken von ihrem Leiden befreien und die moralisch Minderbemittelten vor den Konsequenzen ihres Handelns bewahren.« Er lächelte. Er war sehr zufrieden mit seiner kleinen Ansprache.
Hester trat den Rückzug an, bevor er die Frage der verschwundenen Medikamente weiter verfolgen konnte.
Sie hatte sich bereits entschlossen, John Robb einen Besuch abzustatten, um zu sehen, ob sie ihm irgendwie helfen konnte. Das zumindest war etwas, das sich ohne Fermin Thorpes Unterstützung ausführen ließ.
Es war ein schöner Sommernachmittag, und sie brauchte nicht lange bis zu der Straße, in der Robb lebte. Sie wusste die Hausnummer nicht, musste aber nur einmal nachfragen, um sie in Erfahrung zu bringen.
Die Häuser sahen ärmlich aus, waren aber sauber. Einige hatten geweißte Treppen, während vor anderen nur ordentlich gefegt worden war. Sie überlegte, ob sie klopfen sollte oder nicht. Nach allem, was Monk ihr erzählt hatte, konnte der alte Mann nicht aufstehen, um die Tür zu öffnen. Doch es ging auch nicht an, einfach unangemeldet das Haus zu betreten.
Sie entschied sich dafür, an der Tür stehen zu bleiben und seinen Namen zu rufen. Dann wartete sie schweigend ein paar Sekunden ab, bevor sie noch einmal rief.
»Wer ist da?« Die Stimme war ein gedämpftes Brummen.
»Mein Name ist Hester… Monk.« Sie hätte um ein Haar »Latterly« gesagt. Sie war noch nicht an den neuen Namen gewöhnt. »Mein Mann hat Sie neulich besucht.« Sie durfte ihm nicht das Gefühl geben, Mitleid zu erregen. Ein unbedachter Satz konnte so leicht verletzen. »Er hat so viel von Ihnen erzählt, dass ich Sie gern einmal selbst besuchen wollte.«
»Ihr Mann? Ich erinnere mich nicht…« Er begann so stark zu husten, dass sie alle Höflichkeit vergaß und über die Schwelle trat.
Der Raum war klein und vollgestellt mit Möbeln, aber er war sauber und so aufgeräumt wie das unter diesen Umständen nur möglich war.
Sie ging direkt zum Spülstein, suchte eine Tasse, füllte sie mit Wasser aus einem Krug auf der Bank und hielt sie dem alten Mann an die Lippen, – mehr konnte sie kaum für ihn tun. Sein Körper bebte, als er nach Luft rang. Sie konnte das Rasseln in seiner Brust hören.
Nach einer Weile ließ der Krampf nach und der alte Mann nahm dankbar das Wasser entgegen, nippte daran und gab ihr die Tasse wieder zurück.
»Tut mir Leid, Miss«, sagte er heiser. »Das kommt von der Bronchitis. Wirklich dumm, so was um diese Jahreszeit zu kriegen.«
»Es kann jederzeit passieren, wenn man anfällig dafür ist«, antwortete sie mit einem Lächeln. »Manchmal ist es im Sommer am schlimmsten. Da wird man es noch schlechter los als sonst.«
»Sie haben sicher Recht«, stimmte er ihr mit einem leichten Nicken zu. Er war blass, aber seine Wangen waren ein wenig gerötet. Sie vermutete, dass er leichtes Fieber hatte.
»Was kann ich für Sie tun, Miss? Wenn Sie meinen Enkel suchen, der ist nicht hier. Er ist Polizist und zurzeit im Dienst. Übrigens ist er sehr gut in seinem Beruf als Sergeant.« Sein Stolz war nicht zu überhören.
»Ich bin Ihretwegen hergekommen«, erinnerte sie ihn. Sie musste einen Grund finden, den er akzeptieren konnte. »Mein Mann sagte, Sie seien Matrose gewesen und hätten einige der wichtigsten Schlachten in der Geschichte Englands mitgemacht.«
Er sah sie von der Seite an. »Und was für eine Verwendung hat eine junge Dame wie Sie für Geschichten von alten Schlachten, die noch vor ihrer Geburt stattgefunden haben?«
»Wenn sie verloren worden wären, spräche ich jetzt Französisch«, erwiderte sie und sah ihn lächelnd an.
»Hm… ja, das könnte stimmen. Trotzdem, das war Ihnen ja schon bekannt, bevor Sie den weiten Weg zu mir machten! « In seinen Worten schwang immer noch eine Spur Misstrauen mit.
Hester verstand sofort. Junge, gebildete Frauen mit guten Manieren pflegten keinen alten, kranken Kriegsveteranen zu besuchen, der, nach diesem Zimmer zu urteilen, in finanziellen Schwierigkeiten steckte.
Der Wahrheit entsprechend zu antworten, schien ihr jetzt das Beste zu sein.
»Ich war Armeekrankenschwester auf der Krim«, sagte sie.
»Ich weiß mehr über den Krieg, als Sie sich vielleicht vorstellen können. Ich habe wahrscheinlich nicht so viele Schlachten miterlebt wie Sie, aber ich war bei manchen dabei und oft näher, als mir lieb war. Ich habe eine ganze Menge Leid gesehen.« Plötzlich sprach sie mit großer Überzeugung. »Ich kenne niemanden, mit dem ich über diese Dinge sprechen, dem ich von all dem Elend erzählen könnte, das mich noch heute in meinen Träumen verfolgt. Niemand will solche Dinge hören, schon gar nicht von einer Frau. Die Menschen denken, man sollte besser alles vergessen… es wäre einfacher. Aber das stimmt nicht…«
Er sah sie mit großen Augen an. »Hm, also… Sie waren wirklich auf der Krim? Und das, wo Sie so ein mageres Ding sind!« Er betrachtete ihren schlanken Körper und die knochigen Schultern, aber in seinem Blick lag nicht Missbilligung, sondern Bewunderung. »Auf See haben wir festgestellt, dass die Dünnen, Drahtigen besser durchhielten als die Großen, Kräftigen. Ich schätze, wenn es hart auf hart geht, ist Stärke einzig und allein eine Frage der Einstellung.«
»Ja, das stimmt«, pflichtete sie ihm bei. »Möchten Sie jetzt vielleicht etwas Heißes zu trinken? Ich könnte Ihnen einen Tee zubereiten, wenn Sie wollen. Er würde Ihrer Brust vielleicht gut tun.« Dann fügte sie, damit sie nicht so herablassend klang, hinzu: »Ich würde mich sehr gern mit Ihnen unterhalten, und das dürfte schwierig sein, wenn Sie wieder anfangen zu husten.«
Er verstand sehr gut, was sie vorhatte, aber sie hatte dennoch die richtige Taktik gewählt. »Sie sind eine ganz Schlaue, hm?«, bemerkte er mit einem Lächeln und zeigte dann auf den Herd.
»Der Kessel steht da drüben, und Tee ist in der Dose. In der Vorratskammer finden Sie vielleicht noch einen Tropfen Milch. Könnte aber sein, dass sie uns ausgegangen ist. Michael wird heute Abend sicher welche mitbringen. «
»Das macht nichts«, antwortete sie und erhob sich. »Wenn der Tee nicht zu stark ist, kann man ihn auch gut ohne Milch trinken.«
Sie spülte gerade die Kanne aus, um den Tee zuzubereiten, als die Tür geöffnet wurde. Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann vor sich. Er war von durchschnittlicher Größe, schlank und hatte sehr schöne, dunkle Augen. Er starrte sie wütend an.
»Wer sind Sie?«, fragte er und trat einen Schritt näher. »Und was machen Sie hier?« Er ließ die Tür hinter sich offen, als wolle er sie so schnell wie möglich loswerden.
»Hester Monk«, antwortete sie und sah ihm direkt in die Augen. »Ich habe Mr. Robb einen Besuch abgestattet. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, und er war so freundlich, mir zuzuhören. Er hat mir erlaubt, eine Tasse Tee für ihn zu machen, damit ihm das Sprechen leichter fällt.«
Der junge Mann sah sie ungläubig an. Seinem Blick zufolge hätte man denken können, er glaube, sie sei gekommen, um die mageren Vorräte auf dem Regal hinter ihr zu stehlen.
»Was um alles in der Welt könnten Sie mit meinem Großvater gemeinsam haben?«, fragte er grimmig.
»Es ist schon gut, Michael«, schaltete der alte Mann sich ein.
»Ich würde gern sehen, wie sie es mit dir aufnimmt. Ich schätze, sie steckt dich, was das Reden anbelangt, im Handumdrehen in die Tasche. Sie ist eine Krimschwester, jawohl! Sie hat mehr Schlachten erlebt als du – genau wie ich. Sie führt nichts Böses im Schilde.«
Michael sah den alten Mann unsicher an, dann wandte er sich wieder Hester zu. Sie verstand seinen Wunsch, seinen Großvater zu schützen. Und sie war fraglos ein Eindringling. Aber dennoch sollte der alte Robb nicht behandelt werden, als sei er ein Kind, auch wenn er in körperlicher Hinsicht auf Hilfe angewiesen war. Obwohl ihr die Worte bereits auf der Zunge lagen, hielt sie sich zurück, um den alten Mann diese Sache allein austragen zu lassen.
Der alte Robb sah Hester mit funkelndem Blick an. »Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, Miss, noch eine Tasse auf den Tisch zu stellen, oder?«
»Natürlich nicht«, antwortete Hester und nahm dann die letzte Tasse von ihrem Haken an dem Regal, das als Küchenschrank diente. Sie spülte, wie sie es vorgehabt hatte, die Kanne aus, gab eine Portion Teeblätter hinein und goss anschließend das kochende Wasser darüber. Dabei wandte sie Michael den Rücken zu. Schließlich hörte sie, wie die Tür geschlossen wurde und er durch den Raum ging.
Als er hinter ihr stand, war seine Stimme sehr leise. »Hat Monk Sie hierher geschickt?«
»Nein.« Sie wollte gerade hinzufügen, dass Monk sie nirgendwo »hinschickte«, aber als sie darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass das nicht stimmte. Er hatte sie häufig ausgeschickt, um das eine oder andere in Erfahrung zu bringen.
»So weit ich weiß, hat er keine Ahnung, dass ich hier bin. Er hat mir von Mr. Robb erzählt, und ich hatte den Wunsch, ihn zu besuchen. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Sergeant Robb, ebenso wenig wie ich Ihrem Großvater etwas Böses will. Und ich interessiere mich auch nicht für Ihre Arbeit, was den Fall Miriam Gardiner betrifft.«
Er errötete, aber sein Blick blieb feindselig.
»Sie sagen wirklich, was Sie denken, Ma’am.«
Sie lächelte. »Ja – ich weiß. Wäre es Ihnen lieber, ich würde um den heißen Brei herumreden? Ich könnte noch einmal von vorn anfangen, wenn Sie es wünschen?«
»Nein, das wünsche ich nicht!« Gegen seine Absicht wurde seine Stimme lauter. »Ich…«
Was er auch hätte sagen wollen, es ging in einem neuerlichen Hustenanfall des alten Mannes unter. Er hatte sich halb in seinem Stuhl aufgebäumt und litt offensichtlich starke Schmerzen. Sein Gesicht war hochrot, und auf seinen Lippen und der Stirn standen Schweißperlen.
Michael fuhr herum, stützte ihn und schob ihn vorsichtig wieder in den Sessel zurück. Einen Augenblick lang war Hester vollkommen vergessen.
Der alte Mann rang nach Atem und versuchte verzweifelt, Luft in seine kranken Lungen zu saugen, bis sein ganzer Körper unter heftigen Krämpfen zuckte. Er hustete zähen, dunkelgelben und mit Blut vermischten Schleim aus.
Hester hatte bereits geahnt, dass es nicht gut um ihn stand, und dies war die Bestätigung. Sie wünschte, sie hätte irgendetwas tun können, aber im Moment gab es keine Hilfe für den alten Mann. Michael stützte ihn, so gut es ging.
Wäre er im Krankenhaus gewesen, hätte sie seine Lunge mit einer winzigen Dosis Morphium beruhigen und ihm ein wenig Ruhe verschaffen können. Auch Sherry und Wasser wären ein gutes Stärkungsmittel gewesen. Sie ließ ihren Blick über die Regale wandern. Wie konnte sie ihm geben, was er brauchte, ohne seinen Stolz zu verletzen. Sie wusste, dass Angst krank machen, dass Furcht den Lebenswillen zerstören konnte. Das Gefühl, nur mehr eine Last für die Menschen zu sein, die man liebte, hatte schon häufig den Tod eines Menschen herbeigeführt, der sich vielleicht wieder erholt hätte, wäre ihm seine Existenz nicht so nutzlos erschienen.
Sie sah Brot und Käse, drei Eier, ein sorgfältig abgedecktes Stück kaltes Rindfleisch, etwas rohes Gemüse und eine Scheibe Pastete. Nicht viel, um zwei Männer zu ernähren. Vielleicht aß Michael Robb ja während des Dienstes zu Mittag. Andererseits wandte er wahrscheinlich einen großen Teil seines Einkommens dafür auf, den Lebensunterhalt seines Großvaters zu bestreiten, aber auf eine Weise, dass der alte Mann es nicht bemerkte.
Es gab noch einen geschlossenen Schrank, aber sie zögerte, da es ihr widerstrebte, sich in die privaten Dinge der beiden Männer einzumischen. Ob sie wohl Kristian Beck bewegen konnte, Mr. Robb einen Besuch abzustatten und ihm Morphium zu verschreiben? Er war zu alt, und seine Krankheit war zu weit fortgeschritten, um mehr zu tun als sein Leiden zu lindern. Keine Schwester, die ihren Beruf ernst nahm, schrieb solche Fälle einfach ab.
Gab es nicht irgendetwas, das sie in der Zwischenzeit tun konnte? Auch heißer Tee allein würde den Hustenreiz vielleicht ein wenig lindern, sobald der alte Mann wieder in der Lage war, etwas zu trinken. Dann entdeckte sie einen kleinen Krug mit Honig.
Sie schenkte ihm eine Tasse Tee ein, fügte den Honig und ein wenig kaltes Wasser hinzu, um den Tee trinkbar zu machen, und ging zu ihm. Als der Hustenkrampf einen Moment nachließ, hielt sie dem alten Mann die Tasse an die Lippen.
»Nehmen Sie einen Schluck!«, sagte sie. »Es wird helfen.«
Er gehorchte, und vielleicht half der Honig ja wirklich gegen die Krämpfe, denn sein Körper entspannte sich nach und nach, während er in kleinen Schlucken trank. Es schien, als sei die Attacke vorüber.
Sie stellte die Tasse ab, ging wieder zum Spülstein und entdeckte dort eine Schüssel, in der wohl der Abwasch gemacht wurde. Sie goss den Rest des heißen Wassers aus dem Kessel hinein und setzte automatisch neues auf. Dann fügte sie ein wenig kaltes Wasser hinzu, prüfte mit der Hand die Temperatur und kehrte mit einem Lappen und einem Handtuch zu dem alten Mann zurück.
Er war erschöpft und sehr blass, aber erheblich ruhiger. Die Tatsache, dass er für eine Weile nicht mehr Herr seines Körpers gewesen war, stellte für ihn offensichtlich eine große Belastung dar.
Michael wirkte angespannt und ärgerlich, er war sich der Gefühle seines Großvaters schmerzlich bewusst und hätte den Alten gern vor fremden Blicken geschützt.
Hester wrang das Tuch in dem heißen Wasser aus und tupfte dem alten Mann sanft Gesicht und Hals ab und als er keinen Protest erhob, öffnete sie sein Hemd und zog es ihm aus. Dabei ließ Michael sie nicht aus den Augen. Dann wusch sie dem alten Mann ohne ein Wort zu verlieren die Arme und den Leib. Auch die beiden Männer schwiegen.
Als Michael erkannte, dass sie seinem Großvater mit dem, was sie tat, half, statt ihm weiteres Ungemach zu bereiten, ging er hinaus, um ein frisches Hemd zu holen. Hester half dem alten Mann beim Anziehen und leerte dann die Waschschüssel draußen in den Rinnstein.
Als Hester zurückkam, lächelte Robb ihr zu; die hektische Röte war aus seinen Wangen gewichen. Michael hingegen wirkte immer noch argwöhnisch, aber weniger kampflustig.
»Vielen Dank, Miss«, sagte Robb ein wenig ängstlich. »Tut mir wirklich Leid, dass ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet habe.«
»Das haben Sie nicht.« Sie lächelte. »Ich hoffe immer noch, dass wir uns vielleicht ein Weilchen unterhalten können und dass Sie mir von Dingen erzählen, die ich nicht aus eigener Anschauung kenne.«
»Das werde ich«, erklärte er mit einem Wiederaufflackern seiner Lebensgeister.
»Ein anderes Mal«, fiel Michael ihm ins Wort. »Du bist müde …«
»Mir geht es gut«, beteuerte Robb. »Mach dir mal keine Sorgen, Michael. Ich habe dir doch gesagt, diese Dame ist eine von den Krimschwestern, also wird sie wohl wissen, wie man mit Kranken umgeht. Du geh mal wieder auf dein Revier, Junge. Da warten wichtige Dinge auf dich.«
Michael zögerte. Er sah Hester an, runzelte ein wenig die Stirn und presste die Lippen zusammen.
»Ich weiß Ihre Freundlichkeit zu schätzen, Mrs. Monk.« Er geriet ins Stocken, und der innere Konflikt kam deutlich in seiner Miene zum Ausdruck. »Und ich bin davon überzeugt, dass mein Großvater Ihre Gesellschaft genießen wird.«
»Und ich seine«, erwiderte Hester. »Ich freue mich schon darauf, ihn zu besuchen, wann immer ich kann. Ich arbeite in dem Krankenhaus hier in der Nähe. Es ist ein Katzensprung für mich.«
»Vielen Dank.« Er musste spüren, was für eine Erleichterung es für den alten Mann bedeutete, wenn er auf Gesellschaft und Hilfe bauen konnte, ohne befürchten zu müssen, Michael von der Arbeit abzuhalten. Aber unter der Dankbarkeit blieb trotz allem ein gewisser Ärger zurück.
»Es macht mir überhaupt keine Mühe«, wiederholte Hester. Michael ging zur Tür und bedeutete ihr, ihn zu begleiten.
»Auf Wiedersehen, Großpapa«, sagte er sanft. »Ich versuche nicht allzu spät nach Hause zu kommen.«
»Mach dir keine Gedanken«, beruhigte Robb ihn noch einmal.
»Ich komme schon klar.« Es waren tapfere Worte, auch wenn sie nichts mit der Realität zu tun hatten.
An der Tür angekommen, senkte Michael die Stimme und sah Hester durchdringend an.
»Sie sind eine gute Krankenschwester, Mrs. Monk, und ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich um ihn kümmern, besser, als ich es kann. Und Sie haben ihm nicht das Gefühl gegeben, ein Almosenempfänger zu sein. Sie haben ein Geschick für so etwas. Das kommt bestimmt daher, dass Sie im Krieg waren.«
»Es kommt daher, dass ich ihn mag«, erwiderte sie wahrheitsgemäß.
Sein Blick verriet nicht, ob er ihren Worten Glauben schenkte.
»Aber bilden Sie sich nicht ein, irgendetwas, das Sie hier tun, würde einen Einfluss auf meine Entscheidungen haben, denn das wäre ein Irrtum«, fuhr er gelassen fort. »Ich werde nicht aufhören, nach Miriam Gardiner zu suchen. Und wenn ich sie finde, wovon ich überzeugt bin, und sich herausstellt, dass sie die Mörderin von James Treadwell ist, werde ich sie hinter Schloss und Riegel bringen, ganz gleich, was Sie für meinen Großvater tun.« Seine Stimme wurde heiser. »Und es wird keine Rolle spielen, wenn Sie mich bei meinen Vorgesetzten hinhängen.« Er errötete leicht. »Und wenn Sie das als Beleidigung auffassen, tut es mir Leid.«
»Ich bin daran gewöhnt beleidigt zu werden, Sergeant Robb«, erwiderte sie, selbst überrascht darüber, wie sehr sie seine Worte schmerzten. »Aber ich gebe zu, das ist eine vollkommen neue Art, mir zu sagen, dass meine Arbeit wertlos ist, inkompetent oder ganz allgemein moralisch fragwürdig.«
»Ich meinte nicht…«, begann er, brach aber sogleich wieder ab. Eine heiße Röte überzog jetzt seine Wangen.
»O doch, genau das meinten Sie«, widersprach sie ihm, um das Beste aus seiner Verlegenheit zu machen. »Aber ich verstehe Sie. Sie müssen sich sehr angreifbar fühlen, wenn Sie jeden Tag Ihren Posten verlassen, um Ihren Großvater zu versorgen. Ich schwöre Ihnen, dass ich für meinen Besuch hier kein anderes Motiv habe als den Wunsch, ihm ein wenig Fürsorge angedeihen zu lassen, so wie es mein Beruf verlangt. Und ich würde gern mit ihm über alte Erinnerungen reden, die ich mit niemandem teilen kann, der nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie ich. Die Zukunft wird erweisen, ob Sie mir glauben können oder nicht.« Und ohne auf seine Antwort zu warten, drehte sie sich um und ging wieder ins Haus.
Hester blieb viel länger, als sie beabsichtigt hatte. Zunächst hatte sie nur einige Fragen nach dem Leben beantwortet, das sie in dem Hospital in Scutari geführt hatte, und schließlich erzählte sie noch ein wenig von Florence Nightingale. Der alte Robb wollte wissen, wie Miss Nightingale aussah, wie sie sich benahm, wie ihre Stimme klang, ja sogar wie sie sich kleidete. Sie war so bekannt, dass selbst die kleinsten Einzelheiten sein Interesse weckten. Hester antwortete nur allzu bereitwillig, obwohl die Erinnerungen an diese Zeit so deutlich waren, dass sie das Blut und den Essig wieder zu riechen glaubte, den Übelkeit erregenden Geruch von Wundbrand und anderen Krankheiten. Sie konnte die sommerliche Hitze spüren und das Summen der Fliegen hören, als befände sich hinter dem Haus eine türkische Straße.
Im Lauf des Nachmittags schlief Mr. Robb schließlich ein, und sie konnte ein wenig die Küche aufräumen. Nachher wollte sie ihm noch eine Tasse aufbrühen, falls er es wünschte. Sie selbst könnte selbst etwas Tee vertragen.
Sie öffnete den geschlossenen Schrank, um nachzusehen, ob sich dort etwas fand, das ihm im Fall eines neuerlichen Hustenkrampfs helfen konnte, Kräuter vielleicht, wie Kamille, um den Magen zu beruhigen, oder Mutterkraut gegen Kopfschmerzen. Vielleicht gab es sogar ein wenig Chinin, um das Fieber zu senken. Sie stellte erfreut fest, dass all diese Dinge vorhanden waren und daneben auch ein kleines Päckchen, das nach Morphium aussah. Sie befeuchtete einen Finger und kostete etwas von dem weißen Pulver. Es war tatsächlich Morphium. Alles in allem hatte sie einen recht gut bestückten Medizinschrank vor sich, zu exakt auf seine Bedürfnisse abgestimmt, um an eine zufällige Zusammenstellung zu denken, und zu teuer, um von dem Lohn eines Polizeisergeanten bezahlt werden zu können.
Sie ließ die Schranktür wieder zuklappen und blickte nachdenklich vor sich hin. Morphium war eines der Medikamente, die im Krankenhaus verschwanden. Sie hatte genau wie alle anderen vermutet, dass es für Süchtige gestohlen wurde, die es gegen Schmerzen bekommen hatten und jetzt nicht mehr ohne es leben konnten. Aber vielleicht war es auch gestohlen worden, um die Kranken damit zu versorgen, die nicht ins Krankenhaus kommen konnten, Menschen wie John Robb. Natürlich war es Diebstahl, aber sie konnte diese Art von Diebstahl nicht verurteilen.
Die Frage, die sie brennend interessierte, war eine andere. Wer hatte die Medikamente beschafft, und wusste Michael Robb darüber Bescheid? War das vielleicht mit ein Grund, warum ihr Besuch ihn so aufgebracht hatte?
Der alte Mann selbst, der so friedlich in der Nachmittagssonne schlief, musste wissen, wer diese Dinge ins Haus brachte, aber würde ihm auch bekannt sein, dass jemand sie gestohlen hatte? Vielleicht ahnte er etwas, aber eigentlich hielt sie es für unwahrscheinlich. Sie würde ihn nicht danach fragen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wartete geduldig, dass er wieder erwachte, dann würde sie ihm noch einen Tee mit Honig kochen.
Er wachte erfrischt aus seinem Schlaf auf und war hocherfreut, dass sie noch immer da war. Er wartete nicht einmal ab, bis sie den Tee zubereitet und ihnen beiden eine Tasse eingeschenkt hatte, und fing sofort an zu reden.
»Sie haben mich nach meiner Zeit auf See gefragt«, begann er munter. »Ja, das Größte damals war die Schlacht, nicht wahr?«
Er sah sie erwartungsvoll und mit leuchtenden Augen an.
»Die Schlacht?«, fragte sie und drehte sich zu ihm um.
»Na, kommen Sie schon, Mädchen! Es gibt nur eine einzige Schlacht für einen Seemann – nur eine einzige Schlacht für England – wirklich für England, meine ich!«
Sie lächelte. »Oh… Sie sprechen von Trafalgar?«
»Natürlich spreche ich von Trafalgar! Sie nehmen mich nicht ernst, oder?«
»Sie waren bei Trafalgar dabei! Wirklich?« Sie war beeindruckt und ließ es sich deutlich anmerken.
»Klar war ich das. Das werde ich nie vergessen und wenn ich hundert werde – was nicht passieren wird. Ein großer Tag war das… und ein schrecklicher. Ich schätze, so etwas hat es nie zuvor gegeben und wird es auch nie wieder geben.«
Sie brühte den Tee auf.
»Auf welchem Schiff waren Sie denn?«
»Na, auf der Victory natürlich.« Der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar. Sie konnte einen Augenblick lang den jungen Mann sehen, der er damals gewesen war, als England sich durch Napoleons Armee bedrängt sah und nichts zwischen ihnen und der Eroberung ihres Landes stand, als die britische Flotte mit Horatio Nelson an der Spitze und den tapferen Männern, die mit ihm segelten. Sie spürte, wie etwas von dem Stolz sich auch in ihr regte.
Sie brachte ihm den Tee. Er nahm ihn entgegen und sah Hester über den Rand der Tasse hinweg an.
»Ich war dabei«, sagte er leise. »Ich erinnere mich noch an diesen Morgen, als wäre es erst gestern gewesen. Das erste Signal kam gegen sechs. Es war der neunzehnte Oktober. Der Feind hatte alle Segel gehisst. Zumindest hat man uns das später so erzählt. Dann kamen sie aus dem Hafen. Es war halb neun und überm Meer schon heller Tag, als wir es auf der Victory hörten.« Er schüttelte den Kopf. »Den ganzen Tag lang kreuzten wir Richtung Gibraltar, ohne es zu erblicken. Die Sicht war schlecht. Das Wetter trübte von Stunde zu Stunde mehr ein. Wir fuhren mit gerafften Toppsegeln, und wir waren zu dicht an Cadiz.«
Hester nickte, nippte an ihrem Tee und schwieg.
»Der Admiral gab das Signal zu halsen und auf Kurs Nordwest zu gehen, zurück in unsere ursprüngliche Position. Das war am nächsten Tag, verstehen Sie?«
»Ja, ich verstehe. Ich weiß, dass die Schlacht am Einundzwanzigsten war.«
Er nickte anerkennend. »Bei Sonnenaufgang des Einundzwanzigsten hatte der Admiral, was er wollte. Wir waren einundzwanzig Meilen Nord zu West vor Cap Trafalgar, in Luv des Feindes.« Seine Augen strahlten und waren leuchtend blau wie das Meer an jenem Tag. »Ich kann das Salz in der Luft riechen«, sagte er leise und kniff die Augen zusammen, als blendete ihn der grelle Schein der Sonne auf dem Wasser. »Er befahl, unter vollen Segeln zwei Linien zu bilden.«
Sie erwiderte nichts.
Er lächelte. Der Tee war vergessen. »Ich habe eine Kerbe in meine Kanone geritzt, wie der Mann neben mir auch. Er war Ire, das weiß ich noch. Der Admiral machte die Runde und sprach mit jedem Einzelnen von uns. Er fragte, was wir da täten. Der Ire sagte, wir ritzten eine Kerbe ein für einen weiteren Sieg, nur für den Fall, dass wir in der Schlacht fielen und nachher nicht mehr dazu kämen. Nelson lachte und sagte, dass er Kerben genug in den Schiffen des Feindes hinterlassen werde.
Gegen elf Uhr morgens ging der Admiral nach unten, um zu beten und in sein Tagebuch zu schreiben, wie wir später erfuhren. Dann kam er herauf, um bei uns anderen zu sein und die Signalflagge hissen zu lassen.« Er lächelte und schüttelte den Kopf, als beschäftige ihn ein bestimmter Gedanke. »Zuerst wollte er durchgeben: ›Nelson vertraut darauf‹, aber Lieutenant Pascoe erklärte ihm, dass ›erwartet‹ im Popham-Code enthalten sei, so dass er dieses Wort nicht Buchstabe für Buchstabe durchgeben müsse. So ließ er also signalisieren. »England erwartet, dass jeder seine Pflicht tun wird.«« Er zuckte kaum merklich mit den Schultern und sah sie an, wie um sich zu vergewissern, dass sie wusste, dass diese Worte unsterblich geworden waren. Er sah es in ihrem Gesicht und war es zufrieden.
»Ich weiß im Grunde gar nicht, was sich leewärts abgespielt hat«, fuhr er fort. Er sah sie immer noch an, aber sein Blick wirkte abwesend, war weit fort und das Bild, das sich ihm bot, war voller großer Schiffe, deren Segel sich blähten und die darauf warteten, das Feuer auf den Feind zu eröffnen, und voller Männer, die schweigend und angespannt an ihren Geschützen standen.
»Sie können sich den Lärm nicht vorstellen«, sagte er so leise, dass es nur noch ein Flüstern war. »Daneben sind diese Eisenbahnmaschinen, die es heute gibt, gar nichts. Ich war damals Kanonier, und zwar ein guter. Niemand weiß, wie viele Breitseiten wir an diesem Tag abgefeuert haben. Es war halb zwei, als der Admiral getroffen wurde. Er schritt gerade das Achterdeck ab. Zusammen mit Kapitän -- Kapitän Hardy.« Er verzog das Gesicht. »Es gibt immer noch ein paar Idioten, die sagen, er sei mit der Brust voller Medaillen auf und ab paradiert. Die waren nie bei einer Seeschlacht dabei! Außerdem war er auf See nie so gekleidet! Richtig schäbig sah er aus; er trug eine gewöhnliche blaue Jacke wie alle anderen auch. Natürlich hatte er am Revers die Abzeichen seiner Orden, aber wenn man eine Weile auf See war, weiß man, dass diese Dinger binnen Tagen anlaufen.« Er schüttelte noch einmal verständnislos den Kopf.
»Und niemand kann sie während einer Schlacht deutlich sehen. Da ist überall Rauch. Man würde glatt seine eigene Mutter nicht erkennen, wenn sie nur ein paar Fuß von einem entfernt wäre!«
Er hielt kurz inne, um Atem zu schöpfen.
Hester dachte flüchtig darüber nach, ihm noch eine Tasse Tee zu bringen, aber sie verwarf diesen Gedanken und wartete.
Er nahm seinen Bericht wieder auf und berichtete ihr von der Siegesnachricht und der großen Trauer, die die ganze Flotte befiel, als sie erfuhr, dass Nelson tot war. Dann erzählte er von den Verlusten an Schiffen und Männern, den Verwundeten, dem Sturm, der anschließend aufkam und das Zerstörungswerk vollendete. Er beschrieb das alles mit einfachen, lebhaften Worten und war dabei so aufgewühlt, als lägen diese Dinge nicht schon fünfundfünfzig Jahre, sondern erst wenige Wochen zurück.
Er schilderte, wie sie Nelsons Leichnam in ein Fass mit Brandy gelegt hatten, um ihn zu konservieren und ihn dann, wie es sein Wunsch gewesen war, in England zu begraben.
»Er war so ein kleiner Mann. Reichte mir nur bis ans Kinn«, sagte er mit einem Schniefen. »Wirklich komisch, das. Er errang die größten Siege, rettete unser Land vor den Franzosen, und wir liefen mit den Flaggen auf halbmast ein, als hätten wir verloren – weil er gefallen war.« Er schwieg eine Weile.
Hester erhob sich, setzte den Teekessel wieder auf und bereitete ihm ein leichtes Abendessen zu.
Nachdem er mit einigem Appetit gegessen hatte, berichtete er ihr von Nelsons Beerdigung, zu der ganz London erschienen war, um ihm das letzte Geleit zu geben.
»Sie haben ihn in einem speziellen Sarg beerdigt«, fügte er stolz hinzu. »Schlicht und einfach wie der Tod. Oder das Meer. Der Sarg war aus Holz gezimmert, das von dem Wrack des französischen Admiralsschiffs bei der Seeschlacht am Nil stammte. Wie er sich gefreut hatte, als Hallowell es ihm seinerzeit übergab, dieses Holz. Er hat es all die Jahre über aufbewahrt. Sie haben ihn in der Painted Hall im Greenwich Hospital aufgebahrt. Die ersten Trauergäste kamen am vierten Januar. Der Prinz von Wales persönlich.«
Er holte tief Luft und stieß sie in einem krächzenden Husten wieder aus, hob dann aber hastig die Hand, um zu verhindern, dass sie ihn unterbrach. »Vier Tage war er dort aufgebahrt. Und die ganze Welt kam, um ihren Respekt zu erweisen. Dann, am Mittwochmorgen, brachten wir ihn flussaufwärts. Der Sarg wurde auf einer der für König Charles II. angefertigten Barkassen befördert, – er war ganz mit schwarzem Samt verhüllt und mit Pfauenfedern geschmückt. Elf weitere Barkassen gaben ihm mit den Londoner Stadtzünften und ihren wehenden Bannern das Geleit. Ich hab noch nie in meinem Leben so viel Gold und so viele prächtige Farben gesehen. Und eine steife Brise hatten wir an diesem Tag. Den ganzen Weg bis nach Whitehall Stairs wurde jede Minute ein Schuss abgegeben.«
Er hielt abermals inne und blinzelte heftig, konnte aber nicht verhindern, dass ihm Tränen über die Wangen liefen.
»Am nächsten Tag brachten wir ihn nach St. Pauls. Eine riesige Prozession war das, aber meist Leute vom Heer. Von der Marine waren nur wir dabei – die Besatzung der Victory.« Seine Stimme brach, aus Trauer, aber auch aus Stolz. »Ich war einer von den Männern, die unsere Gefechtsfahne trugen. Ab und zu entrollten wir sie, so dass die Menge die Einschusslöcher sehen konnte. Alle haben sie den Hut gezogen, als wir vorbeimarschiert sind. Es war ein Geräusch wie das Rauschen der Wellen auf See.« Er rieb sich die Wange. »Es gibt nichts, das mich veranlassen könnte, mit jemandem den Platz zu tauschen, der damals nicht dabei war.«
»Alles andere hätte ich auch nicht verstanden«, antwortete sie und lächelte. Sie schämte sich nicht, dass auch sie zu weinen begonnen hatte.
Er nickte. »Sie sind ein liebes Mädchen. Sie wissen, was das heißt, nicht!« Es war eine Feststellung, keine Frage.
Bevor sie eine Antwort geben konnte, wurde die Tür geöffnet, und Michael Robb trat ein. Erst da wurde ihr bewusst, dass es bereits Abend war. Sie lief vor Verlegenheit rot an. Automatisch erhob sie sich.
Michaels Verärgerung ließ sich nicht verbergen. Er sah die Tränen im Gesicht des alten Mannes und drehte sich mit zornigem Blick zu Hester um.
»Ich habe den schönsten Nachmittag seit Jahren gehabt«, sagte Robb leise und sah zu seinem Enkelsohn auf. »Sie ist eine gute Zuhörerin. Wir haben über alle möglichen Dinge gesprochen. Ich habe das Gefühl, tiefen Frieden gefunden zu haben. Komm, setz dich und trink eine Tasse Tee. Du siehst aus, als täten dir die Füße weh, Junge, und du bist todmüde.«
Michael zögerte, und seine Verwirrung stand ihm im Gesicht geschrieben. Er blickte von einem zum anderen, bis er endlich begriff, dass sein Großvater ihm die Wahrheit sagte. Ein Lächeln der Erleichterung huschte über sein Gesicht, und einen Augenblick lang schimmerte der junge Mann hindurch, der er gern gewesen wäre.
»Ja«, stimmte er froh zu. »Ja, das wäre schön.« Er drehte sich zu Hester um. »Ich danke Ihnen, Mrs. Monk.« Dann wurden seine Augen plötzlich dunkler. »Es tut mir Leid… Ich habe Miriam Gardiner gefunden.«
Hester fröstelte.
»Ich musste sie wegen des Mordes an Treadwell verhaften«, fuhr er fort und ließ sie nicht aus den Augen.
»Warum?«, protestierte sie. »Warum um alles in der Welt sollte Miriam Gardiner den Kutscher ermorden? Wenn sie Lucius Stourbridge verlassen wollte, aus welchem Grund auch immer, brauchte sie Treadwell doch nur zu befehlen, sie irgendwo abzusetzen. Er hätte nie gewusst, wohin sie von dort aus gehen würde!« Sie holte tief Luft. »Und wenn sie sich in die Gegend hat bringen lassen, wo ihr Haus steht: Darüber wusste Lucius ohnehin besser Bescheid als Treadwell.«
Michael sah aus, als mache ihm die Antwort kein Vergnügen. Er hätte wahrscheinlich gern seine Stiefel ausgezogen, aber ihre Anwesenheit hinderte ihn daran. »Der nahe liegendste Grund wäre, dass Treadwell etwas gewusst haben könnte, das ihre Aussicht auf eine Einheirat in die Familie Stourbridge zunichte gemacht hätte«, antwortete er. »Ich vermute, sie liebte den jungen Mr. Stourbridge wirklich, aber ob sie das nun tat oder nicht, es stand eine Menge Geld auf dem Spiel, mehr als sie in ihrem ganzen Leben gesehen haben dürfte.«
Hester wollte einwenden, dass Miriam sich nichts aus Geld machte, aber sie wusste nicht, ob das der Wahrheit entsprach. Sie kannte diese Frau nur aus Erzählungen.
Sie ging zum Herd und füllte den Kessel aus dem inzwischen fast leeren Krug nach und stellte ihn wieder aufs Feuer.
»Es tut mir Leid«, sagte Michael müde und ließ sich in den Sessel sinken. »Es ist zu nahe liegend, um es zu ignorieren. Die beiden sind zusammen von den Stourbridges weggefahren. Sie sind bis nach Hampstead Heath gekommen. Seine Leiche wurde gefunden, und sie lief weg. Ein unschuldiger Mensch wäre doch sicher am Tatort geblieben oder wäre zumindest zurückgekommen, um zu melden, was geschehen war.«
Sie dachte nach. »Was wäre, wenn sie beide von einer dritten Person bedroht wurden und Miriam Gardiner zu eingeschüchtert war, um jemandem mitzuteilen, was passiert war?«
Er sah sie zweifelnd an. »So eingeschüchtert, dass sie selbst nach ihrer Verhaftung nichts sagt?« Seine Stimme verriet nur allzu deutlich, was er von dieser Theorie hielt.
»Kennen Sie diese Miriam Gardiner, Mädchen?«, fragte Mr. Robb bekümmert.
»Nein… nein, ich bin ihr nie begegnet.« Es überraschte sie, dass das der Wahrheit entsprach, da sie solchen Anteil an Mrs. Gardiners Schicksal nahm. Es war unvernünftig. »Ich… ich weiß nur wenig von ihr… Wahrscheinlich habe ich mich an ihre Stelle versetzt… ein wenig.«
»An ihre Stelle?«, wiederholte Michael. »Was könnte Sie dazu bringen, einen Mann allein zu lassen, der niedergeschlagen wurde und im Sterben liegt? Wegzulaufen und sich zu verstecken, bis die Polizei Sie aufspürt? Was würde Sie dazu bringen, selbst dann keine Erklärung abzugeben, wenn man Sie bereits für den Mord festgenommen hat?«
»Ich weiß es nicht«, gab sie widerstrebend zu. »Ich… mir fällt kein Grund ein… aber das heißt nicht, dass es keinen gibt.«
»Sie schützt jemanden«, bemerkte der alte Mann mit einem Kopfschütteln. »Frauen tun alle möglichen Dinge, um jemanden zu schützen, den sie lieben. Ich wette mit Ihnen, Mädchen, wenn sie ihn nicht selbst getötet hat, weiß sie, wer es war.«
Michael sah Hester von der Seite an. »Möglich, dass sie eine Affäre mit Treadwell hatte«, sagte er und spitzte die Lippen.
»Möglich, dass er mit Gewalt versuchte, die Sache aufrechtzuerhalten, während sie ihr wegen Stourbridge ein Ende machen wollte.«
Hester erhob keine Einwände mehr. Alle vernünftigen Argumente sprachen für seine Vermutung, und sie hatte nichts, was sie dagegen anführen konnte. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Kessel.
Als sie nach Hause kam, war Monk bereits da, und es überraschte sie, dass er eine kalte Wildpastete und Gemüse fürs Abendessen vorbereitet hatte, die bereits auf dem Tisch standen. Ihr wurde klar, wie spät es schon war, und sie entschuldigte sich.
»Was ist passiert?«, fragte er, als er ihre herunterhängenden Schultern bemerkte. Er kannte sie zu gut und wusste, dass es nicht nur Erschöpfung sein konnte.
»Sie haben Miriam gefunden«, antwortete sie und blickte von ihren Stiefeln auf, die sie aufzuschnüren begonnen hatte.
Er blieb reglos in der Tür stehen und starrte sie an.
»Sie haben sie verhaftet«, fügte sie leise hinzu. »Michael Robb glaubt, dass sie Treadwell getötet hat, entweder weil er etwas über sie wusste, das ihre Aussicht auf eine Heirat mit Lucius zunichte gemacht hätte, oder weil sie eine Affäre mit ihm hatte und sie beenden wollte.«
Sein Gesicht war ernst, und die feinen Linien darin zeichneten sich ein wenig deutlicher ab als sonst. »Woher weißt du das?«
Der Gedanke, eine Erklärung abzugeben, kam ihr ein wenig spät. »Ich habe Sergeant Robbs Vater besucht, weil er ernstlich krank ist. Ich war noch bei ihm, als sein Sohn nach Hause kam.«
»Und Robb hat dir das alles einfach so erzählt?« Er sah sie mit großen Augen an.
»Er weiß, dass ich deine Frau bin.«
»Oh.« Er zögerte. »Und glaubst du auch, dass Miriam Treadwell getötet hat?« Er beobachtete sie genau und wirkte seltsam niedergeschlagen, so als hätte er wie sie gehofft, dass Miriam unschuldig sei.
Sie zog ihre Stiefel aus und bewegte ihre Zehen, dann stand sie auf und ging auf ihn zu. Sie lächelte und küsste ihn sanft auf die Wange. »Ich danke dir für das Abendessen.«
Er grinste selbstgefällig. »Denk nur nicht, dass das zur Gewohnheit wird«, sagte er.
Sie war klug genug, sich eine Antwort zu verkneifen.