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Das Wunder von Haicheng

Am 4. Februar 1975 um 19 Uhr 36 erschütterte ein starkes Erdbeben den Norden Chinas. Das Beben der Stärke 7,3 gilt noch heute als eines der größten Mysterien der Wissenschaft – denn es wurde auf den Tag genau vorhergesagt. Stolz verkündete die chinesische Regierung von Staatschef Mao Tse-tung nach dem Beben, dass die meisten Einwohner der Großstadt Haicheng rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden waren. Nur 1328 Menschen seien gestorben, obwohl Millionen von dem Beben betroffen waren. Der Alarm hätte wesentlich auf Messungen von Privatleuten gefußt, berichtete die Regierung damals. Eine exakte Erdbebenwarnung ist sonst noch nie gelungen, und viele Experten halten sie für prinzipiell unmöglich.

Die genauen Umstände des Haicheng-Bebens blieben lange im Dunkeln, die Veröffentlichung der entsprechenden Dokumente war verboten. Ausländische Wissenschaftler, die die Region ein Jahr später besuchten, konnten nur bestätigten, dass es Warnung und Räumung gegeben hatte. Jetzt haben unabhängige Experten aus Kanada und China endlich die Akten eingesehen und mit Zeugen gesprochen. Die Studie der Gruppe um Kelin Wang vom Kanadischen Geologischen Dienst lüftete das Geheimnis – sie bietet Stoff für einen Krimi.

»Wir sind im Krieg«, rief General Li Boqui. Zum Feind hatte der ranghohe Politiker der nordchinesischen Provinz Liaoning den heimischen Erdboden erklärt. Chinesische Wissenschaftler des Staatlichen Seismologischen Büros (SSB) hatten Monate zuvor – im Juni 1974 – davor gewarnt, dass in den nächsten eineinhalb Jahren in der Region um die Großstädte Haicheng und Anshan vernichtende Erdstöße drohten. Anlass ihrer Besorgnis waren einige schwache Beben, die es in der Gegend in den Jahren zuvor gegeben hatte. Zudem wölbte sich die Erde örtlich auf, der Grundwasserspiegel und der elektrische Widerstand des Bodens veränderten sich – nach Ansicht der Forscher weitere Warnzeichen.

Als dann ein deutlich spürbarer Erdruck am 22. Dezember 1974 die Bewohner der Provinz Liaoning erschreckte, drängte General Li Boqui die Wissenschaftler zu genaueren Prognosen. In den nächsten drei Wochen stiftete dreimaliger Fehlalarm Unruhe. Menschen gingen aus Angst nicht zur Arbeit, immer neue Notfallpläne wurden verbreitet, Evakuierungen geübt. Die Provinzregierung verlor das Vertrauen in die Prognosen und bestellte einige Forscher des SSB für den 10. Januar 1975 ein. Zwei Tage später verkündete die Regierung, ein Beben sei nicht zu befürchten.

Der Seismologe Gu Haoding fehlte bei der Aussprache mit den Politikern. Sein Chef hatte ihn dazu verdonnert, einen Vortrag für eine Forschertagung vorzubereiten, die vom 13. bis 21. Januar in Peking stattfinden sollte. Gu warnte in seinem Referat, ein schweres Beben werde die Provinz Liaoning »in der ersten Hälfte des Jahres oder bereits im Januar oder Februar« heimsuchen. Das Beben könne »noch vor dem Ende der Konferenz« auftreten.

Gu sollte mit seiner Erdbebenprognose recht behalten. Seine Warnungen fußten im Wesentlichen auf der Verformung des Bodens entlang der Nahtzone zweier Erdschollen, die der Seismologe millimetergenau verfolgte. Ende Januar begann sich der Boden zunächst wieder zu senken. Auch andere Indizien deuteten auf verminderte Erdbebengefahr hin, etwa der abfallende Grundwasserspiegel. Nur wer wie Gu und sein Chef Zhu Fengming genau aufpasste, konnte spüren, wie sich das Unheil leise ankündigte: Einige kaum merkliche Schwingungen des Bodens ließen die Großstadt Haicheng am 1. und 2. Februar schwach vibrieren.

Zhu hatte am 31. Januar die Provinzregierung gewarnt, eine zunehmende Zahl schwacher Beben könnte einen vernichtenden Stoß ankündigen – wie der Trommelwirbel einen Paukenschlag. In der Nacht vom 3. auf den 4. Februar nahmen die Vibrationen des Bodens zu und wurden heftiger. Die Seismologen vom SSB eilten in ihr Institut, um sich zu beraten. Kurz nach Mitternacht legte Zhu der Provinzregierung eine erstaunlich präzise Warnung vor. »Ein Starkbeben wird sehr wahrscheinlich folgen«, schrieben die Forscher. Am Mittag des 4. Februar versammelten sich hochrangige Politiker der Provinz Liaoning und einige Forscher des SBB in einem Hotel in Haicheng zu einem Krisengespräch. Sie ahnten nicht, dass das Gebäude wenige Stunden später zur tödlichen Falle werden sollte. Doch allmählich wurden sie nervös. Denn alle paar Minuten klapperten die Tassen auf den Tischen des Konferenztisches, und die Getränke kräuselten sich: Es war offensichtlich, dass der Boden nicht zur Ruhe kam.

Die anwesenden Forscher warnten die Politiker eindringlich. Derweil krachten in der Umgebung die ersten Schornsteine auf die Straßen. Die Beben wurden stärker. Die Seismologen der Erdbebenstation in der nahe gelegenen Stadt Shipengyu wollten nicht so lange warten, bis sich die Provinzregierung zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. Obgleich dazu nicht befugt, hatten die Forscher die Verwaltungen umliegender Städte und Gemeinden informiert: »Bereiten Sie sich auf ein mögliches starkes Erdbeben heute Nacht vor.« Nicht nur die stärker werdenden Stöße veranlassten die Seismologen zu dieser Warnung, sondern auch das plötzliche Ausbleiben der Beben seit dem frühen Nachmittag. Sie deuteten die Ruhe als Zeichen, dass sich Spannung für einen großen Ruck aufbaute. Die Seismologen von Shipengyu überredeten Kinobetreiber in manchen Städten, die ganze Nacht im Freien Filme zu zeigen – trotz Temperaturen deutlich unter null Grad. Diese Idee sollte Zehntausenden das Leben retten, deren Häuser in ihrer Abwesenheit einstürzten.

In der Großstadt Yingkou (das heutige Dashiqiao) verdanken unzählige Menschen ihr Leben vor allem einem Seismologen: Cao Xiangking von der Erdbebenwarte der Stadt, der seither »Mister Erdbebenbüro« genannt wird. Bereits um acht Uhr morgens hatte Cao die Regierung von Yingkou gewarnt, spätestens am Abend würde sich ein Beben ereignen. Forsch beauftragte Cao jedes Mitglied der örtlichen Kommunistischen Partei, jeweils einen Häuserblock in Yingkou räumen zu lassen. Zudem ließ er ein Evakuierungslager mit Vorräten an Winterkleidung und Nahrung einrichten. Je länger das Beben auf sich warten ließe, hatte Cao gewarnt, desto heftiger würde es. Um 19 Uhr sei mit Stärke 7, um 20 Uhr mit Stärke 8 zu rechnen. Um 19 Uhr 36 schlug das Beben schließlich zu – mit der Stärke 7,3. Obwohl in der 72.000-Einwohner-Stadt Yingkou zwei Drittel aller Gebäude einstürzten, kamen dort nur 21 Menschen ums Leben. Von Chinas Regierung wurde Caos Leistung verschwiegen, den Ruhm ernteten andere.

In der Provinzhauptstadt Haicheng hingegen hatten – entgegen der offiziellen Darstellung – wenige Menschen ihre Häuser verlassen. Die Stadtregierung hatte erst um 18 Uhr ihre Beratungen abgeschlossen, ihr Evakuierungsaufruf kam spät. Viele Einwohner überlebten das Beben, weil sie auf Anraten der Behörden in Winterkleidung schlafen gegangen waren – so mussten sie unter den Trümmern nicht erfrieren. Zudem war das Beben nicht in der Stadt selbst, sondern in der Umgebung der Großstadt am heftigsten. Doch obwohl es in Haicheng schwächer war als in Yingkou und deutlich weniger Gebäude einstürzten, kamen in Haicheng 153 Menschen ums Leben, 44 allein in jenem Hotel, in dem die Beratung der Politiker und Wissenschaftler stattgefunden hatte. Insgesamt fielen dem Erdbeben 2041 Menschen zum Opfer, 713 mehr als offiziell bekannt gegeben.

Chinas Regierung nutzte den vergleichsweise glimpflichen Ausgang des Bebens umgehend für Propaganda. Die gelungene Erdbebenvorhersage sei »ein großer Sieg von Präsident Maos Linie der Proletarischen Revolution«, jubelten alle Zeitungen. Ein Jahr später jedoch – am 28. Juli 1976 – starben bei einem Erdbeben in der nordchinesischen Stadt Tangshan mehrere 100.000 Menschen. Es hatte keine Warnung gegeben.

Die Geschichte der Erdbebenwarnung von Haicheng erwies sich trotz allem im Kern als richtig. Das Beben wurde auf den Tag genau vorhergesagt, berichten Kelin Wang und Kollegen, die die Dokumente prüfen konnten. Viele Details wurden von der chinesischen Regierung jedoch falsch dargestellt. So warnte nicht wie behauptet die Provinzregierung die Bevölkerung, sondern Wissenschaftler. Die Stärke des Bebens wurde allerdings auch von den meisten Seismologen unterschätzt. Die Messungen von Amateuren spielten bei dem Alarm entgegen der Propaganda keine Rolle.

Die treffsichere Warnung zeige, dass manche Erdbeben doch vorhersagbar seien, resümieren Wang und Kollegen. Doch kaum ein Beben kündigt sich so deutlich an wie jenes von Haicheng. Der Alarm stützte sich im Wesentlichen auf die stetig häufiger und stärker werdenden Beben. Den meisten Starkbeben geht jedoch kein entsprechender Trommelwirbel voraus. Die anderen Warnsignale sind noch unzuverlässiger, wie im vorhergegangenen Kapitel beschrieben.

»Wir haben nicht wirklich geglaubt, das Beben auf den Tag genau vorhersagen zu können – lediglich innerhalb eines Zeitraums von zwei Wochen«, räumt Zhu Fengming inzwischen ein. Doch auch eine auf wenige Wochen genaue Erdbebenprognose sollte nie wieder gelingen. Eindeutige Warnsignale sind nach wie vor der »Heilige Gral der Seismologie«. Zwei Methoden der chinesischen Forscher gehören gleichwohl immer noch zu den hoffnungsvollsten Ansätzen: die Messung von Vorbeben und von Verformungen des Bodens.

Deutschland blieb lange von starken Erdstößen verschont, hierzulande ruckelt der Boden weitaus seltener als an den Grenzen der großen Erdplatten. Trotzdem könnten Beben auch in Deutschland eine Katastrophe auslösen – wie das nächste Kapitel zeigt.