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Algen lassen Wolken sprießen

Ihr würziger Geruch verrät Algen schon von Weitem – sie erzeugen den typischen herben Meeresduft. Zu Abermillionen treiben die Winzlinge im Meer, in großen Ansammlungen wiegen sie mehr als mancher Urwald. Und ihre Menge erklärt ihre immense Wirkung: Die Algen verändern das Wetter. Wird es ihnen zu heiß, lassen sie Wolken entstehen, die Schatten spenden. Das bekommt die ganze Erde zu spüren, denn die Winzlinge verlangsamen die Klimaerwärmung. In manchen Regionen dominieren die Einzeller sogar die Witterung und lassen alle anderen Klimaeinflüsse verblassen. Schon gibt es Überlegungen, die Ozeane mit Eisen zu düngen, um künstliche Algenblüten zu erzeugen und auf diese Weise die Klimaerwärmung weiter zu bremsen.

Bereits 1987 entdeckten Forscher den Einfluss der Algen auf das Wetter. Die sogenannte Claw-Hypothese besagt, dass die Einzeller gleichsam als Thermostat der Erde wirken: Wird es zu heiß, regeln sie die Temperatur nach unten, indem sie Wolken entstehen lassen. Der Algeneffekt gab der Gaia-Theorie Auftrieb, wonach die Erde wie ein lebendiger Organismus seine Gesundheit zu erhalten sucht. Wichtige Eigenschaften des Planeten – etwa der Salzgehalt der Meere, der Sauerstoffanteil der Luft und die Temperatur – schwanken über Jahrmillionen in erstaunlich geringem Maße, als ob der Planet sie regulierte.

Besonders der Klimaeffekt der Algen interessiert die Forschung. In mehr als 2000 Studien wurde versucht, ihn zu berechnen. Wissenschaftler um Aránzazu Lana vom Institut für Meereskunde (CSIC) in Barcelona haben jüngst die bislang umfangreichste Analyse vorgelegt; sie werteten fast 50.000 Messungen aus aller Welt aus. »Es war die heiß ersehnte Aktualisierung der Kenntnisse«, sagt die Klimaforscherin Meike Vogt von der ETH Zürich. Die letzte große Bestandsaufnahme vor elf Jahren verfügte über lediglich 17.000 Messdaten. Ein Ergebnis der aktuellen Studie: »Über den Ozeanen der Südhalbkugel bestimmen die Einzeller das Wettergeschehen stärker als angenommen«, staunt Maurice Levasseur von der Laval Universität in Quebec, Kanada.

Eine Art »Schweiß« der Algen begründet ihre Wirkung: Wird es ihnen zu warm im Wasser, produzieren sie eine Schwefelverbindung namens DMSP. Bakterien wandeln diese in einen Klimawirkstoff um, das sogenannte Dimethylsulfid (DMS). Der Begriff DMS löst bei Wissenschaftlern große Emotionen aus, sie schreiben dem Stoff geradezu magische Kräfte zu. Zunächst steigt das DMS mit der Gischt aus dem Wasser und erzeugt den bei Strandbesuchern geschätzten Meeresduft. In der Luft wandelt sich die Verbindung dann zu Schwefelsäure, die als Saatgut für Wolken fungiert: An den Schwefeltröpfchen sammelt sich Wasserdampf. Je mehr DMS aus den Meeren dampft, desto mehr Wolken bilden sich. Sie blockieren das Sonnenlicht, es wird kühler auf der Erde und im Meer. Und die entstehenden Wolken sind selten Regenwolken, wie Olaf Krüger von der LMU München und Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg herausgefunden haben. Die Wassertröpfchen, die um die Säurepartikel in der Luft kondensieren, seien so klein, dass sie selten abregneten. So bleiben die Wolken, die die Algen erzeugen, länger bestehen – und spenden Schatten. Wenn daraufhin die Temperaturen fallen, beruhigen sich die Algen wieder: Sie produzieren weniger Schwefelstoffe. Schließlich pendelt sich das Wetter bei einer Temperatur ein, die den Algen behagt – so die Claw-Theorie.

Im Südpazifik scheint es tatsächlich so abzulaufen. Die Region ist eine Art Wohnzimmer der Algen, dort bestimmen sie die Verhältnisse. Hier stammten die meiste Wolkenkeime in der Luft von den Einzellern, berichten Lana und Kollegen. Die DMS-Menge in der Luft zeige über dem Südpazifik im Grunde den Fingerabdruck der Algen, bestätigt Matthew Woodhouse von der Universität von Leeds, Großbritannien: In der Hitze des Sommers sammelt sich zunehmend DMS in der Luft, im Winter sinkt die Menge rapide. Die Kühlwirkung der von Algen gemachten Wolken dürfte den neuen Daten zufolge stärker ausfallen als bisher vermutet. Über dem Südpazifik könnten die Einzeller demnach sogar die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung neutralisieren – so viele Wolkenkeime driften dort herum.

Doch die globale Klimawirkung der Algen scheint beschränkt. »DMS ist kein zentraler Antrieb des Weltklimas«, sagt Meike Vogt. Über besiedelten Gebieten übertreffen die Schwefelabgase der Industrie die Ausdünstungen der Algen bei Weitem. Und die vom Menschen erzeugten Treibhausgase wirken offenbar noch stärker. Trotz ihrer wichtigen Rolle bei der Wolkenbildung schwächen die DMS-Partikel die Sonnenstrahlung auf der gesamten Erde konstant um lediglich 0,04 Watt pro Quadratmeter. Dieser Effekt wird von Treibhausgasen aus Autos, Fabriken oder Heizungen schon nach drei Jahren übertroffen: Pro Jahr erwärmen vom Menschen erzeugte Treibhausgase nach Schätzungen des UN-Klimarats die bodennahe Luft um 0,02 Watt pro Quadratmeter. Dagegen können anscheinend auch die Algen nicht ankommen. Zwar steigern Algen bei Erwärmung ihren Sulfatausstoß, sodass vermehrt Wolken entstehen könnten. Doch eine Verdopplung der DMS-Menge binnen drei Jahren, um die CO2-Zunahme auszugleichen, erscheint angesichts der neuen Daten unrealistisch. Die Wirkung von DMS auf das Klima falle global demnach kaum ins Gewicht, meint Woodhouse.

Gleichwohl: Die neuen Studien haben die kühlende Klimawirkung der Algen bestätigt – und damit die Claw-Theorie. Und die Algen sind womöglich noch für weitere Überraschungen gut: Vor allem nahe den Polen würden Algen ihre Kühlwirkung künftig wohl verstärkt entfalten, berichten Forscher um Philip Cameron-Smith vom Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien. Tauendes Meereis schaffe neuen Lebensraum für die Einzeller. Dadurch könnte sich die DMS-Menge in der Luft in hohen südlichen Breiten mehr als verdoppeln, haben Cameron-Smith und seine Kollegen berechnet. Erste Anzeichen für eine deutlich erhöhte DMS-Produktion gebe es auch im Nordatlantik, berichtet Woodhouse. Möglicherweise werden die winzigen Klimamacher doch noch verstärkt gegen die Klimaerwärmung einschreiten – bevor es auch für sie unerträglich heiß wird und die Wolkenbildung kaum mehr nützt.

Neben Säureteilchen entfalten noch andere winzige Partikel in der Luft eine immense Wirkung – sie kommen aus einem Saharatal: Über einem ausgetrockneten Seebett beschleunigt der Wind wie in einer Düse – und weht aufgewirbelten Sand bis nach Südamerika. Dort lässt der Wüstenstaub die Baumriesen des Regenwaldes wachsen. Im nächsten Kapitel erforschen Geologen die düngende Fernwirkung der Wüste – die auch Deutschland zu spüren bekommt.