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Schüsse aus dem Nebel
Es knallt, dröhnt und wummert – an vielen Orten weltweit erschrecken mysteriöse Geräusche die Menschen. Manche Klänge künden tatsächlich Unheil an, andere gehen mit einem rätselhaften Glühen einher. Geheime Militäraktionen steckten nicht dahinter, beteuern Experten. Aber was dann?
Ende November 2011 knallte es in Burlington im US-Bundesstaat Vermont. »Es war so laut, dass unser Haus wackelte«, schrieben besorgte Anwohner in das Blog der lokalen Online-Nachrichten. »Es wäre schön zu wissen, was es war, sodass wir uns nicht mehr sorgen müssen«, ergänzte eine andere. In diesem Fall meinen Wissenschaftler die Ursache zu kennen: Vermutlich habe ein schwaches Erdbeben den Lärm verursacht. Doch oftmals bleibt gerade in den Vereinigten Staaten die Quelle des rätselhaften Dröhnens, Brummens und Knallens unentdeckt.
Das Phänomen beschäftigt seit Jahrhunderten. Manchmal ist es Gewittern oder Vulkanen geschuldet, neuerdings auch Militärflugzeugen oder Explosionen. Just als die Bewohner von Burlington aufgeschreckt wurden, stellten Forscher der NASA und anderer Institute umfangreiche Schallmessungen vor, die das Rätsel jedoch ebenfalls nicht lösen konnten. »Eine große Herausforderung«, sagt David Hill vom Geologischen Dienst der USA (USGS), der das Phänomen seit Jahrzehnten erforscht.
Das Dröhnen ist universal: Belgier nennen es Mistpouffers, Inder sprechen von Bansal-Pistolen, Italiener sagen Brontidi, US-Amerikaner Seneca-Pistolen und Japaner Yan. Alle Sprachen helfen sich mit Metaphern – die lautmalerischen Begriffe können etwa mit »Nebeldonner« oder »dröhnende Gezeiten« übersetzt werden –, weil meist unklar bleibt, was tatsächlich hinter den Geräuschen steckt. Selbst dem angesehenen USGS bleibt nur, zu spekulieren: Vor Jahrhunderten hätten Menschen an magische Ursachen geglaubt, heute würden »hoch geheime Militäraktivitäten« vermutet, schreiben Forscher in einem Resümee zum Thema. Ernsthaft könne diese Spur aber kaum verfolgt werden, schließlich ließen sich Militäroperationen an all den Orten kaum über derart lange Zeit geheim halten.
Immerhin, manche der mysteriösen Geräusche konnten schon aufgeklärt werden. In der Sahara etwa meiden Beduinen seit jeher Gegenden, in denen der Sand unangenehm dröhnt. Doch erst in den 1990er-Jahren fanden Wissenschaftler heraus, was tatsächlich geschieht: In besonders trockenen Regionen heulen große Sicheldünen, wenn ihre steilen Hänge vom Wind versetzt werden; dabei lassen sie sogar den Boden vibrieren. Im hohen Norden lassen schwindende Gletscher den vom Eis entlasteten Boden zuweilen knarren, andernorts krachen vom Bergbau ausgehöhlte Minen ein. Im Dschungel von Ecuador haben Geophysiker gleich mehrere unheimliche Geräusche enträtselt: Dort rumoren der Vulkan Reventador und der Wasserfall San Rafael, und schließlich erfüllten häufig noch Gewitter die Luft mit einem gespenstischen Wummern, berichten Forscher um Jeffrey Johnson von der Universität von New Hampshire. Auch für die legendären Mistpouffers an der belgischen Küste und die Bansal-Pistolen am Golf von Bengalen gibt es mittlerweile eine Erklärung: Vermutlich brächen Wellen, die von fernen Stürmen an die Küste getrieben würden, auf Sandbänken weit draußen, schreibt David Hill in Seismology Research Letters. Indes: Es fehle der Beweis. Auch die Eruption untermeerischer Gasblasen komme infrage. Oder etwas anderes.
Dass Wellen noch in großer Entfernung zu hören sein können, beweisen Tsunamis: Jene vom Dezember 2004 vor Indonesien waren als unheilvolles Grollen Hunderte Kilometer weit zu vernehmen. Erstaunlicher noch erscheinen Berichte über knallende Feuerbälle, die gleichzeitig mit verschiedenen Riesenwellen in Japan gesichtet wurden. Zeugen der Tsunamis von 1896 in Sanriku im Nordosten Japans etwa glaubten, russische Kriegsschiffe hätten das Feuer eröffnet – doch dann krachten leuchtende Riesenwellen an die Küste. Die sogenannten Tsunami-Blitze hingen wohl mit den Geräuschen zusammen, glaubt David Hill: Womöglich katapultieren Tsunamis Methan aus dem Meeresboden, das sich entzündet und lautstark explodiert.
Am besten erforscht sind die Seneca-Pistolen am Seneca-See im US-Bundesstaat New York. Dort wie auch in anderen Gegenden im Nordosten der USA schreckt Anwohner immer wieder dumpfes Knallen. Sind Erdbeben die Ursache, wie jüngst in Burlington? Offenbar nicht: Seismologen haben ihre Messungen mit den Zeiten verglichen, in denen von Seneca-Pistolen berichtet wurde, und es gebe keine Übereinstimmung.
In South Carolina indes könnten Erdbeben die Quelle mysteriöser Geräusche sein, glaubt Hill. Das Schwingen der Erde bringt die Luft in Wallung – ab einer Frequenz von 20 Hertz können Menschen die Schallwellen hören. Insbesondere kleine Beben mit schnellem Rhythmus scheinen es immer wieder dröhnen zu lassen, berichtet der Geoforscher. Die Ursache bleibe meist unentdeckt, weil die Beben zu schwach sind, um sie zu bemerken. Doch auch katastrophalen Beben, wie etwa jenem von Christchurch in Neuseeland Anfang des Jahres 2011, geht mitunter unheilvolles Brummen voraus. Die Schallwellen eilen dabei dem schlimmsten Ruckeln voran: Sie sind schneller als die zerstörerischen Scherwellen, die den Boden seitwärts schwingen lassen, sodass Häuser ihren Halt verlieren. Den Geschwindigkeitsunterschied nutzen Geoforscher in Japan, Mexiko und den USA für die Erdbebenwarnung: In den Sekunden bis zum Eintreffen der Scherwellen können Bahnen angehalten, Ampeln auf Rot geschaltet oder Gasleitungen abgestellt werden. Allerdings drohen Fehlalarme, weil andere Schallquellen Erdbeben vorgaukeln können. Auf der AGU-Tagung in San Francisco haben Forscher der NASA und anderer Institute deshalb ein Mittel gegen Fehlalarme vorgestellt: Das Dröhnen von Erdbeben verrate sich, weil hohe Frequenzen schwächer ausfielen als etwa bei Militärjets. Nun konzipieren die Wissenschaftler ein »dröhn-resistentes Erdbebenwarnsystem«, das nur anspringen soll, wenn die Erde bebt. Die anderen, teils mysteriösen Geräusche soll das System ignorieren.
Doch all diesen Messungen zum Trotz, der Ursprung vieler Klänge bleibt unbekannt. Die Forscher müssen weiter spekulieren: Die Seneca-Pistolen beispielsweise könnten auch von Erdgasexplosionen, Stürmen, Seewellen oder etwas ganz anderem verursacht werden, resümiert David Hill. Die Erde sei »ein komplexer Ort«, ergänzt Rus Wheeler vom USGS ratlos: »Vielleicht«, sagt er, »vielleicht werden wir ja eines Tages hinter das Geheimnis kommen.«
Sicher scheint, der Planet gibt seit Urzeiten Geräusche von sich. Man könnte meinen, sein Dröhnen sei die unverständliche Erzählung von früheren Lebewesen, die ihn einst besiedelt haben. Aber so ist es wohl leider nicht. Die Geschichte der Erde müssen Wissenschaftler schon selbst erkunden: Dafür bergen sie beispielsweise alte Felsen, in denen sich untergegangene Landschaften abzeichnen. Wie Tagebücher haben Gesteine das Leben der Urzeit bewahrt. Im nächsten Kapitel entdeckt ein Reiter in Kanada zufällig den größten Schatz der Erdgeschichte – der Fund sollte die Wissenschaft und das Schicksal des Entdeckers dramatisch verändern.