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Die Abgase von Delphi
Bevor es gegen die Perser zu Felde ging, wollte es König Krösus genau wissen. Der Herrscher von Lydien in der heutigen Osttürkei schickte 550 vor Christus Gesandte nach Griechenland, um im Apollontempel das Orakel von Delphi zu befragen. Dort saß die Priesterin auf einem Dreifuß in einer engen, verschlossenen Kammer, dem Adyton, und aus einer Erdspalte quoll süßlicher Dunst. Von den Gasen umhüllt, sprach sie Unverständliches, das die assistierenden Orakelpriester übersetzten: »Wenn Krösus den Grenzfluss Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören.« Siegesgewiss zog der König in die Schlacht. Sein Heer ging unter – zu spät erkannte er die Mehrdeutigkeit der Weissagung: Er hatte sein eigenes Reich vernichtet.
Trotz derartiger Verständnisprobleme sind über Jahrhunderte hinweg Menschen nach Delphi gepilgert, um das Orakel zu hören. Ihre Weisheit müssen die Pythien, wie die Priesterinnen genannt wurden, offenbar in einer Art Rauschzustand erlangt haben. So berichtete der griechische Schriftsteller Plutarch im 1. Jahrhundert nach Christus ebenso wie andere zeitgenössische Quellen, halluzinogene Dämpfe seien aus dem Boden gestiegen. Nach vielen Jahren halbgarer Erklärungsversuche haben Geologen 2006 eine glaubhafte und vergleichsweise nüchterne Erklärung für die Natur dieser Dämpfe veröffentlicht. Demnach war es kein Rauschmittel, das die antiken Priesterinnen zum Orakeln anregte, sondern simple Atemnot.
Es war eine Sensation, als Archäologen Ende des 19. Jahrhunderts unter einem Bauerndorf nahe der Stadt Delphi in Griechenland an einem Hang des Berges Parnassos den Apollontempel ausgruben: Eine rechtwinklige Anlage aus Säulengängen, Statuen und Mauern kam zum Vorschein. Einen dampfenden Erdspalt indes suchten die Forscher an der ehemaligen Stätte des Orakels vergebens. Aus dem festen Steinboden hatten unmöglich Gase entweichen können, zumal es keine vulkanische Aktivität in der Gegend gibt. Hatten die Orakelpriester Kräuter verbrannt? Pflanzliche Rauschmittel, wie sie seinerzeit populär waren?
Die Geschichte vom süßen Dunst aus der Erde wurde mehr und mehr zur Legende – bis der italienische Forscher Luigi Piccardi im Jahr 2000 im Untergrund bei Delphi eine aktive Erdbebennaht fand. Zwei solcher Brüche kreuzten sich sogar bei Delphi, verkündete 2001 eine Gruppe um Jelle de Boer von der Wesleyan Universität in Middletown, USA. Möglicherweise schnitten sich die Verwerfungen direkt unter dem Tempel. Die Bewegung der Gesteinsschollen habe den Kalksteinboden zerrüttet, sodass Grundwasser und Gase aufströmen konnten.
Tatsächlich sprudeln noch heute zwei Wasserquellen am Tempel. Sie speisen sich vermutlich aus größerer Tiefe. De Boer und Kollegen fanden in den Quellen die Gase Methan, Ethan und Ethylen. Der Schlüssel zur Erklärung des Orakels schien gefunden zu sein. Denn Ethylendämpfe passen zu den historischen Beschreibungen: Sie duften süßlich, machen benommen und schließlich euphorisch. Im Übermaß sind sie tödlich, was ebenfalls zu dem überlieferten Schicksal einer Priesterin passt. Ethylen war das Rauschmittel der Pythien. Das aus Kohlenstoff und Wasserstoff gebaute Molekül sei aus Bitumenschichten gelöst worden, die im Untergrund gefunden worden waren. Bitumen – auch »Erdpech« genannt – ist eine klebrige, erdölähnliche Substanz. Seismische Reibung der Erdbebennähte habe den Schmierstoff verdampfen lassen, erklärte de Boer. Die frei gewordenen Kohlenwasserstoffe seien mit Grundwasser an die Oberfläche getrieben.
Auch in der Tempelruine fanden die Forscher Spuren brausender Quellen. Dass einst in der Anlage Wasser floss, berichtete bereits der griechische Dichter Pausanias vor mehr als 2000 Jahren. Tatsächlich entdeckten de Boer und Kollegen an einer Mauer weißgelben Travertin-Kalk, der sich aus Quellwässern abgeschieden hat. Die Arbeitsbedingungen der Pythien scheinen hervorragend gewesen zu sein: Die näher am ehemaligen Adyton gelegene, heute noch aktive Quelle enthält deutlich mehr Ethylen als die andere – die Gaswolken seien nahe dem Dienstraum der Seherinnen mithin intensiver gewesen, folgerten die Forscher. Zumal vor 2000 Jahren vermutlich größere Ethylenschwaden aus der Tiefe entwichen seien als heute.
Alles schien zu passen, das Rätsel des Orakels gelöst. Doch eine italienisch-griechische Forschergruppe um Giuseppe Etiope vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Rom hat den Untergrund des Apollontempels noch genauer untersucht – und die bisherige Erklärung verworfen. Ethylen komme als Narkotikum nicht infrage. Der flüchtige Stoff, der sich schnell mit anderen verbindet, habe sich zu keiner Zeit wirksam anreichern können. Die von der De-Boer-Gruppe gemessenen Ethylenspuren stammten nicht aus der Tiefe, sondern von Bakterien nahe der Oberfläche, schreiben Etiope und seine Kollegen. Die mageren Ausdünstungen könnten kaum in die Nase eindringen, geschweige denn berauschen. Gleichwohl seien dem Boden einst ansehnliche Schwaden von Kohlenwasserstoff entfleucht, bestätigen die Forscher – das sei aus dem Travertin-Kalk zu lesen. Der sei jedoch aus den vergleichsweise simplen Erdgasen Methan und Ethan entstanden. Dichte Wolken dieser Gase und auch Kohlendioxid seien aus Rissen unter der Orakelkammer gequollen und hätten die Priesterinnen berauscht, mutmaßen die Experten, zumal die Sauerstoffarmut in dem geschlossenen, engen Raum Halluzinationen ausgelöst habe.
Tatsächlich haben die Forscher ausgerechnet dort, wo nach Meinung von Archäologen das Adyton lag, stark erhöhte Methan-Werte im Boden gemessen. Der Effekt sei möglicherweise dadurch verstärkt worden, dass Kohle oder Kräuteressenzen verbrannt wurden. Für den süßen Geruch hätten aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol gesorgt, die aus den Bitumenschichten im Untergrund stammen. Noch heute blubbert dort viel Kohlendioxid, Ethan und Methan. Darüber, wie die Substanzen nach oben gelangen konnten, herrscht Einigkeit unter den Forschergruppen: Ursache seien die vergleichsweise hohen Erdtemperaturen unter dem Tempel, bei denen sich Kohlenwasserstoffe aus dem Bitumen lösten. Eine aktive Erdbebenspalte direkt unter dem Apollontempel halte den Boden durchlässig.
Auch der allerletzte Orakelspruch von Delphi könnte geologisch begründet gewesen sein. Dieses Orakel soll eine Pythia 362 nach Christus dem Arzt Oribasius erteilt haben, der im Auftrag des römischen Kaisers Julian Apostata Rat suchte. Der Kaiser versuchte das Christentum aufzuhalten und wollte von der Pythia wissen, ob heidnische Kulte wie das Orakel eine Zukunft hätten. Die Pythia soll dem Arzt gesagt haben: »Künde dem König, das schön gefügte Haus ist gefallen. Phoibos Apollon besitzt keine Zuflucht mehr, der heilige Lorbeer verwelkt, seine Quellen schweigen für immer, verstummt ist das Murmeln des Wassers.« Etwa zu jener Zeit muss also die dampfende Erdspalte im Adyton versiegt sein.
Ähnlich wie das Orakel von Delphi erregt die Geschichte von Atlantis unsere Fantasie. Vieles spricht dafür, dass es das Land, von dem der Philosoph Platon vor rund 2500 Jahren berichtete, tatsächlich gegeben hat. Doch angebliche Atlantis-Ortungen widersprechen sich: Im Mittelmeer, in Irland, Indien und in der Antarktis vermuten Entdecker im nächsten Kapitel die versunkene Stadt – manche von ihnen haben sogar Indizien.