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Meine nächste Begegnung mit dem König war eine zufällige. Auf dem Weg zur Falknerei sah ich ihn, wie er mit dem Herzog von Sully aus den Tuilerien kam. Es war noch früh am Morgen, aber der Luft fehlte die beißende Kälte der vorangegangenen Wochen. Das Wetter wurde milder und verwandelte Schnee und Eis in schmutzige graue Pfützen, und der aufspritzende Schlamm verlieh allen Stiefeln dieselbe Farbe.

Die Männer waren tief in ein Gespräch versunken und zogen beide sorgenvoll die Stirn kraus. Der König hatte seinen dicken Mantel eng um sich geschlungen, auf dem das königliche Lilienmuster aufgestickt war und der ihn für jedermann weithin als Majestät erkennbar machte.

Hinter ihnen liefen zwei Männer der Garde, die dem König überallhin folgten. Ihre Hände lagen auf den Griffen ihrer Degen und ihre finsteren Blicke hielten die Leute davon ab, sich dem König ungebeten zu nähern.

Als er fast an mir vorübergegangen war, sah er auf und erkannte mich. Er blieb stehen, legte Sully die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm etwas zu. Dann kam er langsam auf mich zu. Der Herzog von Sully schien nicht glücklich über die Unterbrechung seines Gesprächs mit dem König. Zuerst schüttelte er den Kopf, doch dann wandte er sich ab und lief weiter zum Louvre.

Ich erwies dem König meine Referenz, aber er winkte ungeduldig. »Erhebt Euch, Mademoiselle, das ist nicht die beste Jahreszeit, um Kleidersäume auf dem Boden schleifen zu lassen, meint Ihr nicht?« Er bot mir seinen Arm, obwohl er auf dem matschigen Boden ebensolche Schwierigkeiten hatte zu laufen wie ich.

Gemeinsam liefen wir Richtung Falknerei. An diesem Tag war der König schweigsam und ich fragte mich, warum er das Gespräch mit Sully unterbrochen hatte, wenn er nun nicht mit mir reden wollte. Ein paarmal wandte er sich mir zu und es schien, als wolle er etwas sagen, aber dann schloss er den Mund wieder und schwieg. Etwas beschäftigte ihn.

In der Falknerei sprach der König mit Monsieur de Luyenes, während ich nach Mars sah, der gerade eine Maus verschlang. Die Falken waren unruhig, die letzte Jagd lag schon einige Tage zurück und die Enge der Falknerei machte sie aggressiv. Immer wieder erhob sich einer der Vögel und versuchte, in die Höhe zu steigen, doch die Leine um ihre Füße hielt sie davon ab.

Nachdem der König sein Gespräch beendet hatte, forderte er mich auf, ihn zurück zum Louvre zu begleiten. Eigentlich erwartete ich, dass er sich, sobald wir das Schloss betraten, von mir verabschieden würde, schließlich schien er heute keinen Anfang für ein Gespräch zu finden. Doch er lief einfach weiter und erwartete, dass ich ihm folgte.

Erst, als wir in den königlichen Gemächern waren, die Herzogin von Guise wie immer als stumme Aufpasserin in einer entfernten Ecke, sprach er mich an. Zerstreut fragte er, ob ich etwas essen wolle und ob mir warm sei.

»Ich bin zufrieden, danke, Eure Majestät.«

»Seid Ihr das wirklich? Zufrieden, meine ich.«

Irritiert nickte ich.

Nachdenklich sah er mich an. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihr mit Eurer Verlobung nicht glücklich seid.«

Ich erstarrte. Was sollte ich darauf antworten? Woher wusste er davon? Vielleicht hatte einer der Diener einen Streit mit Vater weitergetragen. Vielleicht war die ganze Sache mit de Bassompierre auch ein offenes Geheimnis für alle im Louvre.

»Ihr müsst darauf nicht antworten, Charlotte. Ich kann mir vorstellen, dass de Bassompierre einigen Leidenschaften nachgeht, die für eine junge Dame wie Euch unangemessen scheinen. Ich will Euch nicht verschweigen, dass ich gehofft hatte, Ihr würdet besser zusammenpassen. Aber nachdem ich Euch kennengelernt habe, ist mir bewusst geworden, dass Eure Temperamente zu unterschiedlich sind. Daher habe ich beschlossen, Eure Verlobung mit dem Marquis zu lösen.«

Das machte mich sprachlos.

Ob Vater doch Einspruch beim König erhoben hatte? Aber den Gedanken verwarf ich wieder. Es dauerte noch einen Moment, bis ich begriff, dass ich nun nicht mehr an den Marquis gebunden war. Ein Stein fiel mir vom Herzen, und ich stotterte: »Danke, Majestät ...«

Er hob die Hand. »Ihr müsst mir nicht danken. Mir liegt das Wohl meiner Untertanen am Herzen, besonders das Eure.«

Ich war so erleichtert, dass ich gar nicht merkte, wie ein Page die Tür öffnete und jemand eintrat.

»Ihr habt nach mir rufen lassen?«

Es war Condé. Überrascht sah ich auf und direkt in seine Augen, die mich bannten. Bei seinem Anblick verspürte ich wieder dieses flatternde Gefühl im Magen, das mich jedes Mal überkam, wenn wir uns begegneten. Diese seltsame Verbindung, als stünden wir uns noch immer am Fenster gegenüber und es gäbe nur uns zwei und die hereinbrechende Nacht.

»Ja, Neffe, kommt näher, ich habe Euch freudige Mitteilung zu machen.«

Condés Blick huschte nervös zwischen dem König und mir hin und her und ich zuckte leicht mit den Schultern, um ihm zu zeigen, dass ich nicht wusste, was sein Onkel ihm berichten wollte. Das schien ihn noch mehr zu beunruhigen. Bei meinen Zusammentreffen mit dem König war er nie anwesend gewesen und auch sonst verbrachte er wenig Zeit mit seinem Onkel, das war kein Geheimnis. Es mochte ihn also einigermaßen verwundern, wenn der König ihn zu sich rufen ließ.

Der König nahm meine rechte Hand in seine und griff dann nach Condés linker, um sie über meine zu legen und sie mit seinen Fingern zu umschließen. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als ich Condés Haut auf meiner spürte. Seine Hand war warm und der Griff seiner Finger fest. Er sah mich an.

»Charlotte, Euer Vater ist ein einflussreicher Mann und jede Verbindung Eures Hauses mit einem anderen will gut überlegt sein.«

Trotz der Kälte begann ich, bei diesen Worten zu schwitzen.

Der König wandte sich an den Prinzen. »Ich weiß, dass Ihr Euer Junggesellenleben schätzt, Condé, aber ich sage Euch schon seit Längerem, dass es Zeit für Euch wird, Euch zu binden. Und da Ihr selbst keine Anstalten macht, Euch eine Braut zu wählen, hoffe ich, dass Ihr Euch auf mein Urteil verlasst und mit meiner Wahl so zufrieden werdet, wie ich es zweifellos für Euch im Sinn habe.«

Der König lächelte und blickte Condé in die Augen. Zwischen ihnen ging eine stumme Kommunikation vor, an der ich keinen Anteil hatte. Doch plötzlich riss sich der Prinz von uns los und rief: »Ihr beliebt zu scherzen!«

»Keineswegs.«

Schockiert sah Condé den König an, dann suchte sein Blick meinen, und darin lag etwas wie eine Anklage, die sich gegen mich richtete. Ich wich einen Schritt zurück. Sollte die Äußerung des Königs das bedeuten, was ich dachte?

Wollte er mich mit Condé vermählen?

Das war es also, worüber er schon die ganze Zeit gegrübelt hatte.

»Auf keinen Fall!«, sagte der Prinz bestimmt und verschränkte die Arme. »Das ist nur eine weitere Schikane, die Ihr Euch einfallen lasst, um mich zu beleidigen!«

Der König setzte sich auf seinen Stuhl am Kamin und trank ruhig von seinem Wein. »Ihr vergreift Euch im Ton. Die Welt dreht sich nicht immer um Euch, Neffe. Andere Männer würden es als ein Zeichen meiner Zuneigung sehen, wenn ich sie mit einem Mädchen aus so angesehener Familie verheiraten wollte, das noch dazu sehr hübsch anzuschauen ist, meint Ihr nicht?«

»Andere Männer kennen Euch möglicherweise schlechter.«

Der Prinz sah aus, als wolle er am liebsten etwas zerschlagen, womöglich sogar den Kopf des Königs, so aufgebracht war er. »Ihr erwartet, dass ich eine Frau heirate, die denselben Namen trägt wie meine Mutter! Die Höhe der Geschmacklosigkeit«, rief er zornig, und ich wäre am liebsten im Boden versunken, als ich den Widerwillen in seiner Stimme hörte. Was nützte es, dass er so gut aussah, wenn er sich aufführte wie ein Spanier? War es wirklich so schrecklich, mit mir verheiratet zu werden?

»Das ist keine Bitte, Prinz!«, donnerte der König plötzlich. »Und nun verschwindet. Kommt erst wieder, wenn Ihr bereit seid, mir zu danken, undankbarer Bengel. Ihr auch, Charlotte, geht, und berichtet Eurem Vater, welche Ehre Eurer Familie zuteil wird.« Er wies auf die Tür. Wütend verließ der Prinz den Raum, während ich mich wenigstens noch daran erinnerte, meine Referenz zu machen.

Als ich die Tür hinter mir schloss, fiel mir etwas ein, das Elisabeth bei der ersten Ballettprobe gesagt hatte. Wenn ich den Prinzen Condé heiratete, würde ich den Rang einer Prinzessin einnehmen. Mein Platz wäre dann für immer im Louvre und es war nicht mehr möglich, einfach nach Chantilly zu reisen. Bei diesem Gedanken stockte mir der Atem.

Was hatte sich der König nur dabei gedacht?

Doch ich kam nicht dazu, mir seine Beweggründe näher zu überlegen, weil mich Condé am Arm packte und in einen Alkoven zerrte, der uns vor den neugierigen Blicken der Diener schützte.

»Das ist sicher Euer Werk«, beschuldigte er mich frei heraus, worauf ich empört nach Luft schnappte. Im Halbdunkel glitzerten seine Augen gefährlich.

»Das ist nicht wahr!«

»Leugnet es nicht. Seid Ihr jetzt am Ziel Eurer Wünsche, Mademoiselle? Reichte es Euch nicht, eines Tages Herzogin zu sein? Wolltet Ihr unbedingt Prinzessin werden? Wisst Ihr überhaupt, was das bedeutet, was Ihr Euch damit antut? Musstet Ihr mich unbedingt in Eure Ränkespiele verstricken?«

»Ich habe es Euch schon einmal gesagt, ich spinne keine Intrigen, um irgendetwas zu erreichen. Glaubt Ihr vielleicht, ich brauchte nur mit den Fingern zu schnippen und schon entscheidet der König, dass er mich mit Euch verheiraten will?«

»Es hat ganz den Anschein.«

Wütend fuhr ich ihn an: »Es gibt sicherlich schlimmere Lose, als mit mir verheiratet zu sein, meint Ihr nicht?«

»Woher soll ich das wissen, ich kenne Euch kaum, Mademoiselle.«

Und da erinnerte ich mich wieder daran, warum ich den Prinzen die meiste Zeit über nicht mochte. Er war beleidigend und verletzend, wie hatte ich nur einen Augenblick daran denken können, eine Ehe mit ihm wäre besser, als an de Bassompierre gebunden zu sein? Hatte ich in den letzten Tagen vielleicht einen Schlag auf den Kopf bekommen? Zu viel Konfekt genascht? Möglicherweise trat eine vorübergehende geistige Verwirrung ein, die wohl in der Familie zu liegen schien, seit Großtante Amalia mit einem russischen Kosakenhauptmann durchgebrannt war. Ein dunkles Kapitel, über das die Familie den Mantel des Schweigens gelegt hatte.

Er schnaubte. »Ihr könnt diese Verbindung unmöglich wollen.«

War das so? War es für mich unvorstellbar, mit ihm verheiratet zu sein? Er war übellaunig und schweigsam und doch ... Da waren diese Momente, wenn ich glaubte, dass hinter seiner schroffen Fassade vielleicht doch mehr stecken könnte. Dass wir eine Verbindung zueinander hatten.

»... auf Euch hört der König sicher. Ihr mit Eurem Haar und Eurem Gesicht ...« Seine Hand griff nach einer Strähne meines Haares und drehte es finster um seinen Finger. Sein Blick lag anklagend darauf, als wäre mein Haar eine Fessel, die sich um den Geist des Königs gelegt hätte. Wieder kam er mir näher und ich sah gespannt in sein Gesicht, in dem dieser flammende Blick aus seinen dunklen Augen in mein Inneres drang und ihm ein Brandzeichen aufdrückte.

»Ihr täuscht Euch«, flüsterte ich. »Ich ...«

Seine Hand legte sich warm an meine Wange und ich konnte den Satz nicht beenden, den ich begonnen hatte.

Seine Stimme klang auf einmal heiser. »Ihr habt Angoulevent geholfen, deswegen wart Ihr mit ihm in der Küche der Tuilerien.«

Wie kam er jetzt darauf?

»Warum habt Ihr dem Narren geholfen?«

»Er brauchte Hilfe. Hätte ich ihn liegen lassen sollen?«

»Die wenigsten Damen hätten das getan, was Ihr getan habt, und sich dieser Gefahr ausgesetzt.« Nachdenklich sah er mich an. »Ihr seid ein eigenartiges Mädchen, Charlotte de Montmorency.« Dieses Mal klang es nicht wie ein Vorwurf, eher verwundert. Fand er es wirklich so ungewöhnlich, dass ich dem Narren geholfen hatte? Erwartete er von den Menschen immer zuerst das Schlechteste?

Mehrere Herzschläge standen wir so beieinander und blickten uns an, bis er die Stirn in Falten legte und den Kopf schüttelte. Dann trat er einen Schritt zurück und ließ mein Haar los. Nachdem er Abstand zwischen uns gebracht hatte, atmete er tief durch.

»Ist Euch nicht der Gedanke gekommen, dass der König das nur macht, um Euch in seiner Nähe zu behalten?«, fragte er mich.

»Warum?«

»Nun, ich bin der erste Prinz am Hof und als solcher besteht für mich Anwesenheitspflicht. Ich kann den Hof ohne die Erlaubnis des Königs nicht verlassen. Dasselbe gilt natürlich auch für meine Frau. De Bassompierre hätte sich dagegen jederzeit vom Hof zurückziehen können, um mit Euch auf seine Anwesen zu verschwinden, wo der König keinen Zugriff auf Euch gehabt hätte.«

Auf einmal ergab die spontane Entscheidung des Königs viel mehr Sinn. Ob es ihm tatsächlich nur darum ging, dass ich ihm Gesellschaft leisten musste, wann immer er wollte? War er bereit, dafür zwei andere Menschen ins Unglück zu stürzen? Die gelöste Verlobung mit de Bassompierre sah plötzlich viel weniger nach einer guten Tat aus. Kein Wunder, dass Condé so zornig darauf reagierte. Er hatte den König wohl viel schneller durchschaut als ich. Der Knoten in meinem Magen kehrte zurück und mit Erschrecken stellte ich fest, dass hier am Hof wirklich jeder nur seiner eigenen Agenda folgte.

»Ihr solltet Euch in nächster Zeit ein bisschen vorsehen, Charlotte«, flüsterte der Prinz auf einmal eindringlich, und ich sah ihn irritiert an.

»Was meint Ihr damit?«

»Ihr habt gesehen, was Angoulevent passiert ist. Der Hof ist ein faszinierender Ort, aber er ist auch gefährlich. Diese neue Verbindung wird einigen nicht gefallen. Nehmt Euch in Acht vor Neidern. Ich ...«

Ein Geräusch in der Nähe des Alkovens schreckte uns auf. Als wir uns danach umdrehten, sahen wir einen Diener, der sich hastig entfernte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte Condé ihm nach. Noch einmal flüsterte er: »Nehmt Euch in Acht«, dann verließ er den Alkoven und ließ mich nachdenklich zurück.

Mein Weg zu unserem Appartement führte mich durch den Ballsaal. Noch immer klopfte mein Herz und zitterten meine Hände. Ich hatte das Gefühl, mir konnte jeder anmerken, dass etwas Entscheidendes vorgefallen war. Dabei sahen mir die meisten Leute wahrscheinlich nur deshalb nach, weil ich nicht aufpasste, wohin ich lief, und ein ums andere Mal mit jemandem zusammenstieß.

Den Ballsaal zu durchqueren, war keine einfache Angelegenheit, denn eine Schaustellertruppe probte darin, die die Königin für ihr Fest engagiert hatte. Ihr Gelächter war im ganzen Flügel zu hören. Begleitet von Trommeln und Tamburinen. Als ich den Saal betrat, sah ich als Erstes einen Feuerschlucker, der große Flammen aus dem Mund pustete. In der Luft hing der Geruch nach Schwefel. Andere Männer bildeten eine Pyramide und zwei Mädchen wirbelten mit Stöcken, an denen bunte Stoffbahnen befestigt waren. Sie mussten aufpassen, dass sie dem Feuerschlucker nicht in die Quere kamen. Ihre Kostüme bestanden aus unzähligen bunten Flicken, an denen blinkende Münzen befestigt waren, sodass ein ständiges Klirren zu hören war.

Angoulevent stand mit einem bärtigen Mann abseits, der ihm mit wilden Handbewegungen etwas erzählte und dabei Gefahr lief, dem Narren auf die Nase zu hauen, der ihm nur bis zur Brust reichte. Beim Anblick des Narren hob sich der Ring um meinen Brustkorb und ich hatte das Gefühl, etwas freier atmen zu können. Als er mich sah, unterbrach er das Gespräch und kam auf mich zu.

»Was ist Euch geschehen, Teuerste?«, fragte er und zog mich zu einer Bank am Fenster. »Ihr seht aus, als wärt Ihr einem Geist begegnet.«

Einen Moment fehlten mir die Worte und beruhigend legte der Narr mir die Hand auf die Schulter.

»Der König ... er hat die Verlobung mit dem Marquis de Bassompierre gelöst.«

»Und darüber seid Ihr verstimmt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Er hat vor, mich neu zu vermählen.«

»Mit wem?«

»Eurem Herrn.«

Das ließ Angoulevent stumm zurück und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich räusperte und murmelte: »Nun, das kommt sicher unerwartet.«

»Das könnt Ihr laut sagen.« Ich seufzte. »Ihr kennt Euren Herrn, es mangelt Euch sicher nicht an Fantasie, Euch auszumalen, wie er auf die Neuigkeiten reagiert hat. Er glaubt, ich hätte ihn in eine Falle gelockt und den König dazu angestiftet, uns zu vermählen.«

»Eine vertrackte Sache, meine Liebe. Der Prinz kann zuweilen recht ... impulsiv sein.« Ein kleines Lächeln umspielte auf einmal seinen Mund. »Seht Ihr, ich habe immer gesagt, dass Ihr eine Prinzessin seid, und nun werdet Ihr tatsächlich eine.«

»Ich habe den Eindruck, Ihr findet die Sache auch noch amüsant, Angoulevent.«

»Mitnichten, Schönste. Die Angelegenheiten des Herzens sind selten komisch, auch wenn sie sich für komödiantische Stücke hervorragend eignen. Aber so ist das eben, man lacht über das Herzensleid der anderen immer mehr als über das eigene. Und wie steht Ihr zu dieser neusten Entwicklung?«

»Ich will ehrlich zu Euch sein, über die gelöste Verbindung zu de Bassompierre bin ich nicht traurig. Doch der Prinz hasst mich nun ...«

»Und das macht Euch traurig?«

Fragend sah ich Angoulevent an. »Sagt mir, glaubt Ihr, dass es eine gute Idee ist? Ich werde einfach nicht schlau aus Eurem Herrn. Glaubt Ihr, dass wir miteinander glücklich werden können? Oder wird es damit enden, dass ich ihn mit einem Nachttopf erschlage?«

Der Narr lachte über den Scherz, dabei war ich mir nicht sicher, ob es auch einer war. Der Prinz konnte nervenaufreibend sein. Fast zärtlich nahm Angoulevent meine Hand in seine, genau wie der König kurz zuvor. Lange sah er mir in die Augen, dann lächelte er.

»Macht Euch keine Sorgen, Prinzessin, die Wege des Herzens sind für einen selbst manchmal dunkel und unwegsam, wenn sie für Fremde doch so breit erleuchtet und deutlich zu erkennen sind. Aber Euer Herz wird den rechten Weg schon finden, so ist es immer.«

Während ich in seine klugen Augen sah, konnte ich tatsächlich daran glauben, dass diese Geschichte gut ausgehen würde.

»Ach, Angoulevent, ich wünschte wirklich, Euer Herr hätte ein wenig von Eurem Temperament.«

»Aber, aber, Teuerste«, rief der Narr mit gespielter Empörung, »wo soll das hinführen? Am Hof ist sicher nur Platz für einen Narren.«

Mir fiel noch etwas anderes ein. »Der Prinz warnte mich, ich solle mich in Zukunft vorsehen. Glaubt Ihr auch, dass diese Verlobung eine Gefahr für mich darstellt?«

Nachdenklich ließ der Narr den Blick über die Schausteller schweifen. Seine ausgelassene Miene hatte einem sorgenvollen Stirnrunzeln Platz gemacht. »Lasst es mich so ausdrücken. Der Prinz lebt seit vielen Jahren am Hof. Wenn er einen Anlass dazu sieht, Euch zu warnen, dann gibt es dafür Gründe. Wie es aussieht, werde ich in nächster Zeit Gelegenheit bekommen, meine Schuld an Euch zu begleichen. Seid versichert, dass wir ein Auge auf Euch haben werden.«

»Ihr meint Eure Gefolgsleute?«

Er nickte. »Wir haben überall Augen und Ohren.«

Ich dachte an all die Diener, die wie Schatten durch das Schloss huschten und kaum wahrgenommen wurden. Wie viele von ihnen mochten wohl unter Angoulevents Kommando stehen?

»Macht Euch keine Sorgen, wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen, nicht wahr?«

Stumm saß ich auf der Bank, während der Narr meine Hand hielt. Als ich in Paris angekommen war, war meine größte Sorge noch gewesen, mir neue Kleider schneidern lassen zu müssen, und nun war ich mit einem Prinzen verlobt und sollte mich vorsehen, wohin ich ging. Viel zu schnell war viel zu viel passiert. In meinem Kopf drehte sich alles, und vor meinen Augen verschwammen die Flammen des Feuerschluckers und die bunten Stoffbahnen zu einem Wirbel, der mir Kopfschmerzen bereitete.

Wo war ich hier nur hineingeraten?

 

Als ich die Tür zu unserem Appartement erreichte, warteten davor weder Vater noch Henri auf mich, sondern ein fuchsteufelswilder de Bassompierre. Der Mann, dem ich jetzt am allerwenigsten begegnen wollte! Sein sonst so sorgfältiges Aussehen war durcheinandergeraten, das Haar war wirr, und im Gesicht hatte er rote Flecken.

Kaum war ich zu ihm getreten, packte er mich unsanft am Arm und zischte: »Ich hätte gute Lust, Euch den hübschen Hals umzudrehen, Mademoiselle. Seid Ihr nun zufrieden?«

»Ihr tut mir weh.« Auffordernd sah ich auf seine Hand, die sich fest um meinen Arm geschlungen hatte. Ausgerechnet an der Stelle, die auch schon Condé gepackt hatte. Am nächsten Tag würden sich sicher blaue Flecken zeigen.

»Es kommt Euch wohl sehr gelegen, dass der König unsere Verlobung gelöst und Euch noch dazu einem Prinzen versprochen hat. Aber glaubt nur nicht, dass ich die Sache so einfach auf sich beruhen lasse. Ich lasse mich nicht zum Gespött des Hofes machen.« Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt und er sah mich an wie ein Wolf, kurz bevor er seine Beute anfällt.

Energisch riss ich meinen Arm aus seiner Umklammerung. »Nun, Marquis, dann erfahrt Ihr am eigenen Leibe, wie sich das anfühlt. Es ist kein angenehmes Gefühl, nicht wahr?«

Seine Augen schienen vor Wut Funken zu sprühen und ich hob beschwichtigend die Hände.

»Seht, de Bassompierre, warum belassen wir es nicht einfach dabei? Ihr werdet doch einsehen, dass wir nicht die idealen Ehepartner sind, dafür sind wir zu unterschiedlich. Es kann Euch kaum befriedigen, mit einer Frau verheiratet zu sein, die Euch so wenig will wie ich.«

Das ließ ihn zusammenzucken, offenbar war es für ihn schwer vorstellbar, dass eine Frau ihn abwies.

»Ihr liebt mich doch gar nicht.«

»Was hat Liebe damit zu tun?«, schnaufte er. »Hier geht es um Politik, und die Verbindung mit Eurer Familie wäre mir nützlich.«

Ich hatte ja geahnt, dass Macht und Einfluss seine einzige Motivation waren, mich zu heiraten, trotzdem schmerzte es, sie aus seinem eigenen Munde zu hören. Umso erleichterter war ich wegen der Auflösung unserer Verlobung. »Nun, Marquis, dann werdet Ihr wohl eine neue Braut finden müssen, die ähnlich nützlich ist«, sagte ich und öffnete die Tür.

Bevor ich sie jedoch hinter mir schließen konnte, vernahm ich seine geflüsterten Worte: »Das wird Euch noch leidtun.«

Als ich noch einmal zu ihm schaute, stand er mit erhobenem Kinn da und der Ausdruck in seinem Gesicht jagte mir Angst ein. Ich musste an das denken, was der Narr mir gesagt hatte. Wie sehr hatte es den Marquis wohl getroffen, dass unsere Verlobung gelöst wurde? Womöglich musste ich mich auch vor ihm in Acht nehmen.

Beunruhigt machte ich mich auf die Suche nach Vater.