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Um mich abzulenken, verbrachte ich fast jede freie Minute, in der ich nicht im Unterricht sitzen musste, in der königlichen Falknerei bei Mars. Sophie war nicht immer an meiner Seite, denn sie fürchtete sich vor den Vögeln und konnte der Beizjagd nichts abgewinnen, wie sie mir gestanden hatte. Außerdem roch es in der Scheune nach Stroh, tierischen Abfällen und Mäusekot.
Stattdessen unterhielt ich mich häufig mit Monsieur de Luyenes, dem Vogelsteller des Königs, einem freundlichen Mann mit sanften Augen und ruhiger Stimme. Wir sprachen über die Vögel und dabei erweckte er den Eindruck, nicht allzu viel auf den Klatsch des Hofes zu geben. Er machte mir Komplimente, weil Mars so gut in Form war, und wenn wir gemeinsam die Vögel aufsteigen ließen, genoss ich das Schweigen, das zwischen uns entstand, ohne unangenehm zu werden.
Als ich an jenem Tag die Falknerei betrat, begannen die Vögel auf ihren Kasen, den schlichten Holzrahmen, auf die sie gebunden waren, zu schimpfen. Wenn man nicht daran gewöhnt war, konnte es ein erschreckendes Geschrei sein. Kein Wunder, dass es Sophie unheimlich war. Die Vögel saßen im Halbdunkel der Scheune auf ihren Blöcken und um ihre Beine waren Fesseln aus dünnen Lederriemen angebracht, damit sie nicht davonfliegen konnten. Erst nach einer Weile beruhigten sie sich wieder. Die einfallenden Sonnenstrahlen ließen den Staub tanzen und am anderen Ende der Scheune blitzte Mars’ weißes Gefieder auf.
Monsieur de Luyenes war nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich waren die Falkner gerade bei der Futterbeschaffung, denn die Tiere mussten auch an jenen Tagen versorgt werden, an denen sie nicht aufstiegen.
Langsam lief ich an den Blöcken vorbei, um die Vögel nicht weiter zu erschrecken, bis ich bei meinem Vogel ankam, der die Flügel mit den schwarzen Spitzen spreizte, als wolle er mich begrüßen. Vorsichtig näherte ich mich ihm und ließ ihn auf meinen Falknerhandschuh klettern, der aus festem, grün eingefärbtem Leder bestand, damit mich die Krallen nicht verletzen konnten. Mit der freien Hand strich ich Mars über den Bauch, der sich weich und warm unter meinen Fingerspitzen anfühlte.
»Hast du mich vermisst?«, flüsterte ich und seine braunen Augen sahen mich aufmerksam an. »Wir müssen bald auf die Jagd gehen, sonst rostest du, was?«
Mars öffnete den grauen Schnabel, aber es kam kein Laut heraus. Es war ein stummer Protest. Er wollte hinaus in den Himmel und nicht angebunden auf einem Block sitzen. Ich wünschte, ich könnte mit ihm fliegen und für eine Weile alles hinter mir lassen.
»Bald wirst du wieder fliegen, das verspreche ich dir.«
Gerade, als ich ihn absetzen wollte, erhob sich plötzlich erneut Lärm aus Dutzenden Vogelkehlen, der mich zusammenzucken ließ. Erschrocken drehte ich mich um und entdeckte eine schmale, kleine Gestalt den Gang entlangschwanken, die sich gerade so auf den Beinen zu halten schien. Es dauerte etwas, bis ich Angoulevent erkannte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.
Ich rief seinen Namen und sein Kopf ruckte nach oben, wahrscheinlich erkannte er im Dämmerlicht nur mein blondes Haar. Als er näher herankam, sah ich, dass seine Kleidung schmutzig und sein Wams auf der Seite unter dem linken Arm blutdurchtränkt war. Auch sein Gesicht war übel zugerichtet, aus einem Riss über dem linken Auge tropfte Blut auf die Wange. Er blinzelte und hob den Finger an die Lippen, die zu einem schmalen Strich zusammengepresst waren.
Wir starrten uns an, bis am anderen Ende des Ganges die Tür erneut klappte. Sofort duckte sich der Narr in die Schatten. An der Wand entlang lief er gebückt vorwärts, bis er hinter mir stand. An der Tür erkannte ich zwei bullige Kerle, die den Ausgang versperrten und sich suchend umsahen.
Als ich noch einmal zu Angoulevent blickte, war er hinter einem Holzblock in Deckung gegangen. Er wollte wohl von den beiden Männern nicht gefunden werden. Wahrscheinlich hatte er bereits einen Zusammenstoß mit ihnen gehabt, so wie er aussah. Bis jetzt hatten sie ihn noch nicht entdeckt.
Die Männer kamen langsam auf mich zu, ihre Mienen verrieten nichts Gutes und mir schlug das Herz bis zum Hals. Ich bedauerte, dass Orson nicht an meiner Seite war, aber ich hatte den Hund bei Manon lassen müssen, denn die Falken wurden bei seiner Anwesenheit nervös, wenn sie sich nicht frei bewegen konnten.
War es besser, den Männern zu verraten, wo sich der Narr versteckte, oder sollte ich ihn schützen? Die Kerle sahen nicht so aus, als wäre mit ihnen gut Kirschen essen.
Wenige Schritte vor mir blieben sie stehen, nur wenige Ellen neben dem Narr, der im Dunkel hockte. Beide Männer überragten mich um einen Kopf und waren doppelt so breit, doch der Falke auf meiner Hand schien sie davon abzuhalten, an mir vorbeizustürmen. Wahrscheinlich zögerten sie auch, weil sie nicht wussten, ob sie eine Dame von Stand einfach so zur Seite schieben konnten.
Ungeduldig versuchten sie, an mir vorbeizuspähen, aber ich blieb hartnäckig an meinem Platz. Sie gehörten jedenfalls nicht zu de Vitrys Leuten, denn sie trugen schlichte Kleidung und keine Uniformen. Die Art, wie sie die Hände an den Griffen ihrer Degen hatten, gefiel mir nicht, und wenn der Narr wirklich etwas angestellt hatte, dann war es Sache des Marschalls, sich seiner anzunehmen.
»Verzeiht, Mademoiselle, habt Ihr hier einen Mann gesehen?«, fragte der Größere der beiden in einem unfreundlichen Tonfall, ohne mich dabei anzusehen. Sein Gesicht zierte ein beachtlicher Schnurrbart, und eine Narbe verlief vom Schlüsselbein bis zum Ohr. Er hatte wohl schon so manchen Streit gesucht.
Das war der Moment, in dem ich mich entscheiden musste, und ich entschied mich, dem Narren zu helfen, denn die beiden anderen sahen mir zu sehr nach Männern aus, die Manon gern »Halunken« nannte.
Ausnahmsweise kam mir der Unterricht bei Madame Morens tatsächlich zugute – ich stellte mich dumm. »Einen Mann, sagt Ihr? Natürlich habe ich hier Männer gesehen, das ist die königliche Falknerei. Bezieht sich Eure Frage möglicherweise auf einen speziellen Herren?«
Ungeduldig sahen mich die Männer an. Ihre Blicke sagten mir, dass sie mich für eine dumme Gans hielten. Vorsichtshalber riss ich die Augen noch ein bisschen weiter auf.
»Ein Krüppel mit einem schwarzen Wams.«
»Mhm, nein, es tut mir leid, einen solchen Mann habe ich nicht gesehen. Und ich denke doch, er wäre mir aufgefallen, nicht wahr? Seid Ihr sicher, dass er hier ist? Was sollte er denn hier wollen? Sollte ich mir Sorgen machen? Ich könnte die Garde kommen lassen.«
»Das wird nicht nötig sein, Mademoiselle.«
Der Kleinere der beiden versuchte ein weiteres Mal, an mir vorbeizusehen, doch ich beugte mich vor und versperrte ihm mit Mars die Sicht. Der Falke schüttelte den Kopf und spreizte die Flügel. Ich hob den Arm noch höher und zwang den Mann zurückzuweichen.
»Verzeiht, mein Herr, aber Ihr solltet nicht näher kommen. Ihr macht meinen Falken nervös, er reagiert sensibel auf die Anwesenheit von Fremden.«
Einige Herzschläge lang sah es so aus, als wäre das dem Kerl vollkommen gleichgültig und er würde sich trotzdem an mir vorbeischieben, doch dann überlegte er es sich anders. Er warf seinem Kumpan einen fragenden Blick zu, der ungeduldig abwinkte.
»Wahrscheinlich ist er über den Hof gerannt, lass uns dort nachsehen«, sagte er, und die beiden verschwanden wieder.
Erleichtert atmete ich auf. Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, drehte ich mich um, setzte Mars auf seinen Block und beugte mich darüber.
»Ihr könnt jetzt herauskommen, Angoulevent.«
Im Dunkel hinter dem Klotz bewegte sich etwas und schon erschien das blasse Gesicht des Narren. Diese Art Blässe hatte ich schon einmal bei einem Falknermeister gesehen, der auf der Jagd nach Krähen, die unsere Aussaat vernichteten, von einem Wildschwein angefallen worden war. Sie war kein gutes Zeichen, denn sie sprach für einen hohen Blutverlust.
»Ihr habt viel Blut verloren, Ihr solltet Euch hinlegen.«
Der Narr ließ sich neben dem Klotz auf den Boden sinken und lehnte den Rücken dagegen. Stumm reichte ich ihm ein Taschentuch, damit er es sich auf die Wunde über dem Auge halten konnte. Als ich seinen Arm hob, um nach der Verletzung darunter zu sehen, stieß Angoulevent einen Schmerzenslaut aus und krümmte sich zusammen.
»Ihr müsst in ein Bett und Euch richtig verbinden lassen. Ihr könnt nicht hier sitzen bleiben. Was ist Euch nur zugestoßen?«
»Ihr seid wie alle Frauen, Prinzessin, Fragen, nichts als Fragen«, sagte der Narr heiser.
»Das ist nicht die rechte Zeit für Eure Scherze. Sagt mir, wie ich Euch helfen kann.«
»Kann ich Euch trauen ...« Er sah mir fest in die Augen, dann murmelte er: »Na schön. Helft mir auf, Mademoiselle, das ist der erste Schritt.«
Vorsichtig legte ich mir seinen Arm um die Schulter und half ihm, aufrecht zu stehen.
Er deutete auf den Hinterausgang. »Dort hinaus, aber wir müssen aufpassen, dass uns diese beiden Halunken nicht sehen, sonst werden sie sich auf mich stürzen wie tollwütige Hunde.«
Während wir vorwärtsschwankten, fragte ich: »In welche Geschichte seid Ihr nur verwickelt?«
»Das Leben, Prinzessin, so will es scheinen.«
»Ein gefährliches Leben.«
»Ist es das nicht immer für einen König?«
Waren die beiden anderen Männer etwa deswegen hinter ihm her? Gab es Streit zwischen den Spielleuten?
Langsam schritten wir auf den Ausgang zu. Weil Angoulevent nur schwer vorwärtskam, dauerte es eine halbe Ewigkeit, in der uns die Blicke der Vögel verfolgten, die wie Wächter an den Seiten saßen und stumm Zeugen der Ereignisse wurden. Ich fürchtete, sie könnten jeden Moment wieder in Gekrächze ausbrechen und die Männer zurückbringen, aber ihre Schnäbel blieben geschlossen. Hin und wieder war ein Glöckchen zu hören, wenn ein Falke das Bein bewegte. Das Geräusch schien mir übermäßig laut in der Stille der Scheune.
»Wollt Ihr mir nicht sagen, was Euch zugestoßen ist, vielleicht kann ich Euch helfen.«
»Ihr seid sehr gütig, Mademoiselle Charlotte, aber ich fürchte, dabei könnt Ihr mir nicht helfen. Ich verrate Euch ein Geheimnis: Im Louvre schlaft Ihr besser mit offenen Augen.«
»Sicher übertreibt Ihr.«
Ein raues Lachen war zu hören. »Ich wünschte, es wäre so. Aber Ihr seht selbst, was passiert, wenn man sich mit den falschen Leuten einlässt.«
»Und das habt Ihr?«
»Aber ja. Es ist kein Geheimnis, dass ich meinem Herrn ergeben bin, das passt so manchem nicht.«
»Aber wenn Euch jemand angreift, um dem Prinzen Condé zu schaden, dann sollte der König davon erfahren. Immerhin ist Condé sein Großneffe.«
Wieder erklang das raue Lachen. »Den König interessiert es nicht, wenn die Diener seines Neffen ihren Dienst nicht mehr erfüllen können, weil sie mit aufgeschlitzten Bäuchen in der Seine schwimmen.«
»Ihr jagt mir Angst ein mit Euren Reden.« Hatten die Männer wirklich versucht, den Narren umzubringen? Mitten am Hof?
Seine Wunde sprach eine deutliche Sprache und in Angoulevents Aussage hörte ich Verbitterung. »Die Männer, denen ich dieses Andenken hier verdanke, stehen im Dienst der Leonora Concini, der italienischen Vertrauten der Königin. Ihr werdet sie schon noch kennenlernen. Die Königin wird es mir kaum danken, wenn ich sie beim König verpetze. Nein, solche Dinge trägt man besser unter sich aus, glaubt mir. Wir wissen, wie man mit solchem Pack verfahren muss.«
Ich schüttelte den Kopf über das Gehörte, als könnte ich mich so dagegen verschließen. Sollte ich dem Narren glauben? Wer wusste schon, ob er die Wahrheit sprach oder nur versuchte, ein eigenes Verbrechen zu vertuschen. In welche Geschichte hatte ich mich da nur verstricken lassen? Madame Morens und Vater wären sicher entsetzt, wenn sie wüssten, was ich hier schon wieder trieb.
Aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich dem Narren helfen musste, und die alte Bertha hatte immer gemeint, dass man auf sein Bauchgefühl hören sollte, denn es waren die Engel, die einem etwas zuflüsterten. Vielleicht wollten sie ja, dass ich dem Narren half.
An der Tür angekommen, streckte ich vorsichtig den Kopf durch den Spalt und sah nach draußen, doch Concinis Männer waren nirgendwo zu sehen. Der Platz hinter der Falknerei lag verlassen, das vereiste Pflaster spiegelte die Sonne wider.
»Wohin soll ich Euch bringen?«
»Es wäre besser für Euch, wenn wir uns hier verabschieden. Wenn Euch jemand mit mir zusammen sieht, könnte das zu Tratsch führen, der Euch wenig gefallen wird.«
»Seid nicht albern, Ihr könnt kaum aufrecht gehen. Ohne jemanden, der Euch stützt, werdet Ihr es nirgendwohin schaffen. Und wie Ihr wohl wisst, ist es mir nicht neu, dass über mich geklatscht wird.«
Ich machte mir keine Illusionen darüber, dass der Tratsch nicht auch bei ihm angekommen war, aber er hatte offensichtlich weit schwierigere Probleme, als über meine Erziehung nachzudenken. In seinen Augen sah ich weder Mitleid noch Boshaftigkeit, nur ein vorsichtiges Abwägen, ob er meinem Hilfsangebot trauen konnte. Ich war erleichtert darüber, dass er nicht über die Sache mit dem Marquis urteilte.
Angoulevent deutete auf die Tuilerien, die früher ein eigenes Schloss gewesen waren, aber inzwischen mit dem Louvre durch die Große Galerie verbunden waren. Ein wunderschöner Park lag zwischen den Schlössern, dessen Beete jetzt allerdings unter einer Schneeschicht lagen. Zum Glück ging die Sonne bereits unter und tauchte den vor uns liegenden Park in lange Schatten. Hier waren nicht so viele Menschen unterwegs, der Park mochte im Sommer gut besucht sein, aber im Winter lag er ruhig.
»Nun gut, Mademoiselle, wenn Ihr so freundlich wäret, dann bringt mich dorthin, in den Küchentrakt. Die Köchin Annabelle wird sich um mich kümmern.«
»Und Ihr könnt ihr trauen?«
»Aber ja, sie gehört zu meinen Leuten. Wir sind durch Blut verbunden, genau wie wir zwei ab heute.«
»Zweifellos Eures.«
Der Narr grinste mich an, aber es war ein schiefes Grinsen. Angoulevent hakte sich bei mir unter, biss die Zähne zusammen und im Schutz der Bäume liefen wir schwankend den Weg zu den Tuilerien. Ein flüchtiger Beobachter mochte glauben, wir wären nur ein Paar, das einen abendlichen Spaziergang unternahm. Ich hatte mir die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, damit mich niemand erkannte, falls doch jemand an uns vorübereilen mochte.
Alle paar Schritte musste der Narr stehen bleiben, um Luft zu holen, und ich nutzte die Gelegenheit, um über die Schulter Blicke nach hinten zu werfen. Doch ich konnte keine Verfolger ausmachen. Im Schnee waren unsere Fußspuren deutlich zu sehen. Beunruhigt stellte ich fest, dass es ein Leichtes war, uns zu folgen, wenn die Männer ihre Suche auf der anderen Seite der Falknerei fortsetzen sollten.
»Beeilt Euch, Angoulevent, wir müssen weiter«, drängte ich den Narren, der die Zähne zusammenbiss und weiterhumpelte. Auch mir lief inzwischen der Schweiß über die Stirn, denn Angoulevent zu stützen erforderte Kraft. Er war schwerer, als er aussah.
»Was passiert, wenn Ihr diesen Männern erneut begegnet? Ihr könnt Euch nicht ewig verstecken.«
»Macht Euch um mich keine Sorgen, ich war nur unvorsichtig. Es wird kein zweites Mal passieren. Seid versichert, ich weiß, auf mich achtzugeben, und ich habe treue Gefolgsleute, denen mein Leben etwas wert ist. Es gehört schon ein bisschen mehr dazu, den König der Spielleute umzubringen, als ein kleines Messer.«
Ich machte mir nicht die Mühe, ihn zu verbessern. Was immer ihn da in der Seite getroffen hatte, war sicher mehr als nur ein kleines Messer gewesen, aber das wusste er vermutlich selbst.
»Werdet Ihr es wenigstens Eurem Herrn, dem Prinzen Condé, sagen?«
»Das sollte ich wohl, aber er wird nicht überrascht sein. Leonora Concini und mein Herr vertragen sich so gut wie eine Schlange und ein Habicht. Er hält sie für eine Natter, die den Geist der Königin vergiftet. Sie hat ihm nie verziehen, dass er sich nicht um sie bemüht wie viele andere Speichellecker am Hof. Sie traut ihm nicht und lässt keine Gelegenheit aus, ihn bei den Majestäten schlechtzumachen. Mein Herr hat zuweilen ein schwieriges Temperament, wen wundert es also, dass die Situation angespannt ist. Diplomatie gehört nicht zu seinen Talenten.«
»Ich hörte davon.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
»Aber Ihr haltet viel von Eurem Herrn, scheint mir.«
»So mancher mag das nicht verstehen, aber so ist es, und es hat seine Gründe. Der Prinz war mir einmal sehr behilflich, als ich in großer Not steckte. Das vergesse ich nicht. Ich weiß, dass die Leute wenig freundliche Worte über ihn finden. Seine Verschlossenheit macht es schwierig, sich ihm zu nähern, aber es gibt gute Gründe für sein Verhalten.«
»Ihr meint, das Misstrauen der Katholiken, weil er in La Rochelle aufgewachsen ist?«
»Unter anderem.«
Ich hoffte, der Narr würde weiterreden, aber das Gespräch strengte ihn zu sehr an, deshalb legten wir den Rest des Weges schweigend zurück. Auch mir gingen langsam die Kräfte aus.
Als wir endlich bei den Tuilerien angekommen waren, atmete ich erleichtert aus. Wir betraten das Schloss durch einen Seiteneingang, der der Dienerschaft vorbehalten war. Der Adel nutzte diese Gänge nicht, denn sie waren schmal und ohne Prunk. An den Wänden hingen keine Bilder und die Fenster besaßen einfache Holzrahmen ohne jegliche Verzierung. An mancher Tür musste sogar ich mich bücken, um hindurchzugehen.
In diesen Gängen begegneten wir nur wenigen Menschen, diese aber hielten Abstand, als hätten sie Angst, dem Narr zu nahe zu kommen. Unter ihren skeptischen Blicken senkte ich den Kopf und schob die Kapuze noch ein Stück tiefer ins Gesicht.
In der Küche der Tuilerien herrschte reges Treiben. Der Geruch von Zwiebeln hing in der Luft und über der Feuerstelle drehte auf einem Spieß ein kleines Schwein, dessen Fett ins Feuer tropfte. Die Diener hielten mitten in den Bewegungen inne, als sie uns hereinstolpern sahen, und nervös schaute ich mich um. Ein Dutzend Menschen drängte sich in den engen Räumlichkeiten, die offenbar nicht nur zum Kochen, sondern auch als Lager dienten, denn überall standen Körbe, Gläser und Holzkisten. In einer Ecke stapelten sich abgenutzte Hufeisen, in einer anderen Wäschesäcke.
Misstrauische Blicke begegneten mir und ich spürte, dass ich hier nicht willkommen war.
Eine große Frau, deren kupferrotes Haar in verschwitzten Strähnen an ihren roten Wangen klebte, kam auf uns zu und sah finster auf uns herab. Als sie die Wunde entdeckte, verschränkte sie die Arme vor dem üppigen Busen und deutete mit dem Zeigefinger anklagend auf Angoulevent. »Was hast du nun schon wieder gemacht? Kann man dich nicht einen Moment aus den Augen lassen? Ich schwöre, wenn du es fertigbringst, dich gleichzeitig von einer Kutsche überfahren zu lassen und in einem Weinfass zu ertrinken, wäre ich nicht überrascht!« Dann fluchte sie, als gäbe es kein Morgen mehr, und half mir, Angoulevent auf einen Hocker am Kamin zu setzen. »Hol mir frisches Wasser und Nähzeug«, wies sie eine Küchenmagd an, die rasch die Küche verließ, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her.
»Annabelle, Liebste, du verschreckst mit deinem Temperament die Leute«, sagte der Narr, aber seine Stimme klang gepresst.
»Mein Temperament wird dir gleich helfen, du Nichtsnutz. Glaubst du, ich hätte nichts Besseres zu tun? Warum muss ich meine Zeit damit vergeuden, dich zusammenzuflicken. Schon wieder!«
Angoulevent sah mich schief grinsend an. »Sie liebt mich, das ist kaum zu überhören, nicht wahr, Prinzessin?«
»Zweifellos.«
Er nickte zufrieden, während Annabelle laut rief: »Was glotzt ihr so, macht euch wieder an die Arbeit!«
Das Schaffen in der Küche ging weiter, die Köchin führte ein strenges Regiment. Unschlüssig stand ich neben dem Schemel.
»Eine Dame wie Ihr hat in der Küche nichts verloren«, sagte Annabelle und sah demonstrativ zur Tür. »Wenn Ihr möchtet, lasse ich Euch eine Nachricht zukommen, wenn es diesem Idioten hier besser geht.«
Hinter ihrem Rücken zwinkerte mir der Narr zu, während er versuchte, sich das zerrissene Hemd über den Kopf zu ziehen.
»Das wäre schön.« Ich wäre gern geblieben, aber ich hatte das Gefühl, dass das Küchenpersonal mich nicht hierhaben wollte. Das war ihre Welt, nicht meine, hier konnten sie sagen, was sie wollten, und ich störte sie dabei. Sie misstrauten mir, und dass eine adlige Dame einen blutenden Mann in ihre Küche brachte, machte mich in ihren Augen höchst verdächtig.
»Macht Euch keine Sorgen, Schönste, morgen bin ich so gut wie neu«, erwiderte Angoulevent. »Habt Dank für Eure Hilfe.«
»Erzählt bitte niemandem davon«, bat ich. »Mein Vater ...«
Der Narr nickte und wandte sich zu Annabelle, die mürrisch »Von mir aus« brummte. Angoulevent sah nacheinander alle Bediensteten an, die zur Zustimmung die Köpfe senkten, als hätte der König selbst einen Befehl gegeben.
Das war sie also, die Macht des Roi des ménestrels. Ein Blick genügte und sie folgten seinem Befehl, als käme er von ganz oben.
»Lasst mich wissen, wie es Euch ergeht«, sagte ich noch einmal, dann verließ ich mit einem letzten Blick auf den blutenden Narren die Küche.
Als sich die Tür hinter mir geschlossen hatte, lehnte ich mich erschöpft dagegen. Erst jetzt bemerkte ich, dass mir vor Aufregung und Anstrengung die Knie zitterten. Auf dem Gang war niemand zu sehen und für einen Moment schloss ich die Augen und atmete ein paarmal tief durch.
Ob die Männer ihre Suche nach dem Narren aufgegeben hatten? An diesem Tag würden sie mit ihrem Vorhaben jedenfalls kein Glück haben. Umringt von Leuten, die ihm treu ergeben waren, war der Narr in Sicherheit, und die Köchin würde bestimmt jedem, der versuchte, sich ihm mit schlechten Absichten zu nähern, den Pelz abziehen.
Als ich nun an mir hinuntersah, stellte ich fest, dass Blut auf meinen Mantel gelangt war. So konnte ich unmöglich in die Falknerei zurückgehen, der Blutgeruch würde die Tiere nervös machen. Hastig löste ich den Mantel und drehte ihn auf die andere Seite. Nur an einigen Stellen war das Blut durch den Stoff gedrungen, sodass ein Betrachter bei einem flüchtigen Blick die Flecken durchaus übersehen konnte. Es hätte mir noch gefehlt, dass die Klatschmäuler im Louvre erzählten, dass Mademoiselle de Montmorency blutüberströmt durch die Gänge gelaufen war. Wie könnte ich Vater auch je erklären, dass ich Freundschaft mit dem Narren des Prinzen Condé geschlossen hatte, der in fragwürdige Geschichten verwickelt war? Sollte er davon erfahren, würde er mich wohl in meine Kammer einsperren und bis zur Hochzeit nicht mehr herauslassen, damit ich nichts mehr anstellen konnte. Nein, es war besser, wenn Vater von dieser ganzen Sache nie etwas erfuhr, es musste mein Geheimnis bleiben.
»Großartig«, seufzte ich müde, als ich mich von der Tür wegstemmte und langsam den Gang zurückging. Auf dem Steinfußboden hallten meine Schritte wider und mit Schrecken musste ich auf einmal daran denken, wie ich das Malheur mit dem Mantel Manon erklären sollte, schließlich konnte ich den Mantel nicht vor ihr verstecken. Aber die Wahrheit konnte ich ihr nicht sagen. Ich wollte sie nicht mit hineinziehen in diese Ereignisse, denn sollten sie jemals doch ans Tageslicht kommen, würde Vater glauben, Manon hätte mir geholfen, und sie bestrafen.
Auf dem Weg zurück in den Louvre überlegte ich mir eine Geschichte, die ich Manon erzählen konnte. Meine arme Zofe würde sich über den verschmutzten Mantel sicher die Haare raufen.