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Die Zeit floss zäh wie Sirup dahin. Doch nur die Zeit, in der ich mich bewegte. Um mich herum herrschte wie immer reges Treiben.
Manon faltete die Wäsche mit flinken Fingern und auf dem Hof wurden Karren beladen. Das Klacken der Hufeisen ergab eine seltsame Melodie, in die sich das Aufschlagen von Absätzen auf Marmorböden mischte, wenn vor der Tür unseres Appartements die Diener vorbeirannten.
Alles um mich herum schien sich zu bewegen, nur ich saß starr auf einem Stuhl am Fenster, als wäre ich durch meine düsteren Gedanken in eine andere Welt gefallen, in der die Sirupzeit meine Glieder beschwerte.
Hin und wieder warf mir Manon einen fragenden Blick zu, während sie mit Vaters Kammerdiener sprach. Unwillig deutete sie auf die gefaltete Wäsche und einen Stoffhaufen, der danebenlag. Es waren zwei von Vaters Hemden. Mit der Hand fuhr sie in eines hinein und ihr Zeigefinger brach durch den Stoff. Die Motten hatten Löcher in Vaters Hemden gefressen.
Verlegen kratzte sich der Mann am Hinterkopf, wofür er von Manon einen Klaps auf den Arm erhielt. Ihre wütenden Anweisungen, die immer lauter wurden, durchdrangen die Glocke, unter der ich mich zu befinden schien. Langsam fiel die Sirupzeit von mir ab.
»Steh gefälligst nicht so rum, Bursche!«, rief sie und drückte ihm energisch die Hemden in die Hand. »Glaubst du vielleicht, das Problem löst sich von allein? Soll ich diesen gefräßigen Tieren das ganze gute Leinen überlassen? Sieh zu, dass du die stopfen lässt und dass die Motten aus den Schränken verschwinden. Der Connétable kann doch nicht mit Löchern in den Hemden herumlaufen!«
Auf einmal kam mir der Marquis wie eines dieser Hemden vor: auf den ersten Blick wertvoll, aber bei genauem Hinschauen löchrig. Nachdenklich starrte ich aus dem Fenster.
»Ihr solltet das Grübeln lassen«, sprach Manon zu mir, nachdem der Kammerdiener die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Warum geht Ihr nicht spazieren? Die frische Luft wird Euch guttun.« Aus einer Holzschale nahm sie kleine gebundene Sträuße Lavendel, die sie zwischen die Hemden legte, um die Motten fernzuhalten, und der Raum füllte sich mit einem schwachen Duft.
Ich schloss die Augen und sah die wogenden Felder vor mir, ein lavendelfarbenes Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte. Wie gern wäre ich jetzt dort hindurchgelaufen. Mit ausgestreckten Armen, und meine Fingerspitzen würden die Blüten berühren, während die Sonne mein Gesicht wärmte. So stark dachte ich daran, dass ich fast fühlen konnte, wie sich meine Wangen wärmten.
Der Duft des Lavendels hüllte mich ein, doch als ich nach einer Weile die Augen wieder aufschlug, war es noch immer Winter und ich in Paris unter einem grauen Himmel.
Manon legte die Wäsche in Schränke und Truhen. Danach befahl sie einem Pagen, mir aus der Küche Waffeln mit Konfitüre zu holen. Eigentlich hatte ich gar keinen Appetit, aber Manon behauptete, das würde meine Stimmung heben.
Als der Diener den Teller brachte, warf er mir einen verhaltenen Blick zu, und es dauerte keine Stunde, bis auch die anderen Diener begannen, mich zu mustern. In dem Moment, in dem ich den Grund dafür begriff, krampften sich meine Eingeweide zusammen und die kleine Mokkatasse, die ich in der Hand hielt, fiel scheppernd auf den Boden und zersprang.
Die Geschehnisse mit dem Marquis mussten sich bereits bis in die Gesindeküche herumgesprochen haben. Vielleicht hatte mich ein Diener bei meiner überstürzten Flucht aus de Bassompierres Gemächern gesehen. Oder der Page, den ich nach dem Weg gefragt hatte, hatte nicht den Mund gehalten. Auf jeden Fall war die Dienerschaft bestens unterrichtet und es würde nicht lange dauern, bis es auch ihre Herrschaft erfuhr.
Manche Blicke enthielten Häme, andere Mitleid, aber ich ertrug beides nicht. Am liebsten hätte ich meine Räume gar nicht mehr verlassen, aber mein Stolz hielt mich davon ab. Ich würde mich nicht verkriechen.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Vater davon erfuhr. Wer es ihm erzählte, fand ich nicht heraus, aber er rauschte wie ein plötzliches Sommergewitter herein und schrie mich seit Langem wieder einmal an. Es war ihm gleich, dass die Dienerschaft unseren Streit hörte.
»Es wissen doch schon alle Bescheid«, schimpfte er, während ich am Tisch vor ihm saß. Er war außer sich vor Wut, weil ich den Marquis aufgesucht hatte. Eine ganze Stunde lang hielt er mir einen Vortrag, wie leichtsinnig ich gewesen war, und stellte immer wieder dieselbe Frage: »Was um Himmels willen hast du dir nur dabei gedacht?«
Aber ich konnte es ihm nicht erklären. Was ich noch vor wenigen Stunden gefühlt hatte, schien auf einmal Jahre her zu sein. Während Vater sich in langen Reden über meine Pflichten als Tochter des Hauses de Montmorency ausließ, starrte ich nur aus dem Fenster, vor dem die Nacht hereinbrach. Diener zündeten Kerzen an und tauchten den Raum in ein warmes Licht, doch diese Wärme spürte ich nicht.
Über de Bassompierres Affäre verlor Vater kein Wort, stattdessen verlangte er am Ende seiner Lektion, dass ich in der Öffentlichkeit so tat, als wäre nichts gewesen, damit sich die Klatschmäuler beruhigten.
»Die Montmorencys sind keine Feiglinge«, sagte er noch, und: »Wir verstecken uns nicht. Wenn du nur den Kopf oben behältst, dann wird sich der Klatsch bald legen. Vergiss nicht, wer du bist.« Das war also sein Rat, ich sollte das Gerede schlicht ignorieren. Ausnahmsweise war er sich mit Manon einig.
Das ursprünglich angesetzte Wiedersehen mit de Bassompierre verschob er auf unbestimmte Zeit, bis sich die Gemüter beruhigt hätten, womit er wohl zum Teil auch meines meinte.
Doch so einfach war das nicht.
In den nächsten Tagen versuchte ich, so gut es ging, das einsetzende Gerede zu ignorieren, aber der Louvre entpuppte sich als ein Ort, an dem man sehr schlecht Dinge verbergen konnte. Manon puderte mir die Wangen rot, damit die Menschen nicht sahen, wie blass ich in Wirklichkeit war; gegen die verheulten Augen brachte sie Kamillenumschläge. Trotzdem konnte ich sie spüren, die Blicke der anderen, wenn ich im Gang an ihnen vorüberging. Das Wispern, die Gespräche, die plötzlich verstummten, wenn ich einen Raum betrat. Menschen, die ich gar nicht kannte, sahen mir nach, und die Menschen, denen mich Henri oder Vater vorstellten, sahen zur Seite, als wüssten sie nicht, was sie zu mir sagen sollten.
Selbst Madame Morens zog die Nase hoch, wenn ich den Saal betrat, bevor sie dann mit dem Unterricht fortfuhr. Sie wurde nicht müde zu betonen, wie schlecht die Mädchen von heute erzogen waren. Als ich sie einmal empört fragte, was denn mit den Männern von heute sei, schnappte sie nach Luft und verließ augenblicklich den Saal. Sie sei entsetzt gewesen über so viel Unverfrorenheit, teilte mir Vater am Abend mit, nachdem sie sich bei ihm beschwert hatte.
Wieder einmal hielt er mir einen Vortrag darüber, wie ich mich nicht zu benehmen hatte.
Währenddessen nagte dieser dumpfe Schmerz in meinem Bauch, als hätte ich etwas Verdorbenes gegessen. Wie konnte etwas, das ich als falsch empfand, von allen anderen als ganz normal hingenommen werden? Sollte ich ihrem Urteil mehr trauen als meinem eigenen?
Nach drei Tagen hatte ich eine rote Nase, weil ich ständig ins Taschentuch schnäuzte.
War das etwa der Stolz der Montmorencys?, fragte ich mich eines Morgens vor dem Spiegel. War Schweigen tatsächlich mehr wert als Kämpfen? Ich konnte nicht glauben, dass sich niemand über de Bassompierres Verhalten empörte, dass alle taten, als wäre nichts dabei. Die Wut darüber machte mich ganz krank.
Als ich Vater versuchte darauf anzusprechen, erwiderte er nur barsch: »Ich will nichts mehr davon hören!«
Sein Beharren darauf, die Situation zu ignorieren, schmerzte mich fast mehr als de Bassompierres Verrat. Daher beschloss ich, mir meinen Kummer nicht mehr ansehen zu lassen. Mein Stolz hielt mich aufrecht, und wenn mir nach Heulen zumute war, dachte ich an Großvater und daran, dass wir die ersten Barone Frankreichs waren.
Doch dieser kalte Klumpen in meinem Magen wollte nicht verschwinden.
Der einzige Trost war mir Sophie. Als wir nach diesem unglückseligen Vorfall das erste Mal wieder im Unterricht aufeinandertrafen, griff sie einfach nach meiner Hand, als das Fräulein über gute Umgangsformen dozierte.
»Achte nicht auf die Leute, die werden sich schon wieder beruhigen«, sagte sie nach dem Unterricht zu mir, als wir im Garten spazieren gingen. Wir waren in dicke Wollmäntel gehüllt, deren Säume im Schnee schleiften. Mit jedem Schritt wurden sie nasser und schwerer, aber die vielen Unterröcke schützten uns davor, kalte Knöchel zu bekommen. Blattlose Baumgerippe säumten den Weg und warfen lange Schatten auf den Schnee. Mahnend erhoben sie sich über unseren Köpfen wie stumme Wächter, düster und unnachgiebig, genau wie die Damen und Herren des Hofes.
Während wir langsam an ihnen vorbeischritten, erzählte ich Sophie, wie dumm ich mir vorkam, aber sie drückte nur meine Hand.
»Es ist nicht deine Schuld, die meisten Frauen würden ihm gern glauben, was er ihnen ins Ohr flüstert. Du musst nur achtgeben, Charlotte, der Hof ist kein Ort, an dem man viele Fehler machen darf.« Eindringlich sah sie mich an und erinnerte mich seltsamerweise an Henri, der ähnlich gesprochen hatte. Dann wanderte ihr Blick weiter zu den Fenstern des Louvre. »Du darfst nicht vergessen, dass es an einem Ort wie diesem nicht mehr nur um dich geht. Hier ist niemand allein. Was immer du auch tust, hat Konsequenzen für deine Familie. Dein Vater ist ein mächtiger Mann und auch er hat Feinde.«
Beunruhigt folgte ich ihrem Blick, aber die Sonne spiegelte sich in den Fenstern, sodass man nicht erkennen konnte, ob jemand dahinterstand und uns beobachtete.
»Macht es dir etwas aus, dass ich anscheinend so schlecht erzogen bin, Sophie?« Gespannt beobachtete ich sie, aber sie lächelte nur und zog mich weiter.
»Dir macht es doch auch nichts aus, dass ich Hugenottin bin, oder?« Ihr Blick war voller Mitgefühl und neben Manon war sie die Einzige, die ich um mich herum ertrug.
Was den Marquis betraf, so war ich nicht willens, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Der ganze Hof tratschte über mich und es war seine Schuld. Vergeblich wartete ich auf einen Brief von ihm oder die Bitte, mich sehen zu dürfen. Nicht ein einziges Mal hatte er um Verzeihung gebeten oder versucht, mir die Sache zu erklären; er war wohl der Meinung, es ginge mich nichts an.
Nun, dann würde mich der Marquis in Zukunft ebenfalls nichts mehr angehen. Mochte er hingehen, wo der Pfeffer wuchs! Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Entschluss, Vater bei nächster Gelegenheit darum zu bitten, die Verlobung zu lösen.