15

 

Verstreut euch über die Steppe wie der Wind
die Samen der Gräser. So werden eure Sippen niemals
alle zerschlagen, so wie ein Feuer niemals
alle Gräser auf der Steppe verschlingen kann.
Aus den Geboten Starnas, der Ewigen Wanderin

 

»Wie gefällt dir dein Armreif? Ich finde, er steht dir sehr gut.«

Nescas Stimme klang so unbekümmert, als hätte sie Teriasch ein großes Geschenk gemacht. Womöglich hätte ein anderer Sklave ihre Einschätzung sogar uneingeschränkt geteilt. Selbst Rukabo wirkte von den Annehmlichkeiten, die sein neuer Status als Besitz der Tochter des Dominex mit sich brachte, begeistert – und er war nicht einmal in Sklaverei geboren, und seine Tage als freier Bürger lagen alles andere als weit zurück.

Um seinen großen Freund aufzuheitern, war der Halbling am vorherigen Abend nicht müde geworden, die Vorzüge aufzuzählen, die er und Teriasch nun genossen.

»Schau dir doch nur an, wie wir untergebracht sind!«, hatte er gerufen.

Und ja, Teriasch musste gestehen, dass das Zimmer, das er sich mit Rukabo teilte, verglichen mit ihrer Kammer in der Arena ein kleiner Palast innerhalb eines noch viel größeren Palasts war. Die Betten waren federweich, in einem Becken an der Wand stand jederzeit nach Honig duftendes, handwarmes Wasser für ihre Waschungen bereit, eine Spieluhr zur Zerstreuung erzeugte die süßesten Klänge, wenn man an ihrer Kurbel drehte, und ein mit Glas versiegeltes Fenster bot einen reizenden Blick auf die Herrschaftlichen Gärten.

»Überleg dir, wie voll wir uns hier den Bauch schlagen können!«, hatte Rukabo gejubelt.

Auch das stimmte. Teriasch hatte sich sehr verwundert darüber gezeigt, wie im Palast für ihr leibliches Wohl gesorgt wurde. Wenn man ein kristallenes Glöckchen in Form eines Apfels läutete, eilte ein junger Haussklave herbei, der sich freundlich danach erkundigte, wonach einem der Sinn stand. Man äußerte seinen Wunsch, und wenig später wurde er Wirklichkeit. Rukabo hatte dieses Prinzip reichlich ausgenutzt und binnen kürzester Zeit zwei gebratene Tauben, einen halben Schinken, vier Schüsseln gepfefferter Blaubeeren und einen großen Ring Zimtkuchen verspeist – die Kehle heruntergespült hatte er sich diese Unmengen an Nahrung mit drei Humpen Süßbier und zwei Karaffen weißem Wein.

»Und befühl doch nur die Stoffe, in die sie uns gehüllt hat«, hatte Rukabo ihn aufgefordert und dabei den Pelzbesatz seiner Gugel gestreichelt. »Ich wette, das ist echtes Glattwiesel!«

Teriasch räumte ein, dass seine neue Kleidung sehr angenehm zu tragen war – die schwarze, wadenlange Hose aus robustem Leinen, die weiße Baumwolltunika und auch die grüne Samtweste. Selbst die Stiefel passten ihm wie angegossen, als hätte jemand das Echsenleder schon für ihn weichgelaufen.

All das änderte nichts daran, dass er sich trotz der Abmachung, die er mit Nesca getroffen hatte, nach wie vor wie ein Sklave fühlte. Nicht nur wegen des Kollare, sondern insbesondere auch, weil am Morgen ein höflicher Mann bei ihnen aufgetaucht war, um ihnen den Silberreif ums Handgelenk zu legen, der sie als Besitz eines Bewohners des Palastbezirks kennzeichnete. Nun bin ich gleich doppelt als jemand zu erkennen, dem es verboten ist, seinem freien Willen zu folgen, hatte er da gedacht.

Kurz darauf hatte ihm ein anderer Sklave mitgeteilt, dass Nesca ihn allein zu sprechen wünschte. Er war dem blonden Jungen in das Zimmer gefolgt, in dem ihn die Tochter des Dominex sehen wollte. In dem großen, hohen Raum roch es nach altem Papier und Pergament. In Schränken, für die man Leitern brauchte, um an die obersten Regale zu gelangen, warteten Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Büchern und Schriftrollen darauf, gelesen zu werden. Dutzenden ihrer Artgenossen war das Glück beschieden, dass Nesca Gefallen an ihnen gefunden hatte. Sie lagen mal zugeklappt, mal aufgeschlagen auf Podesten, Sesseln, Hockern und Bänken, und Teriasch sah Zeile um Zeile von Schriftzeichen, die er nicht kannte, und Zeichnungen von so unterschiedlichen Dingen wie Häusern, Tieren, Menschen und Pflanzen.

Dann stand er schließlich vor der Frau, die sich offenbar nicht so recht entscheiden konnte, an welchem Schriftstück sie ihren Wissensdurst zuerst stillen wollte. Und sie machte ihm Komplimente dafür, wie gut ihm sein neuer Schmuck stand, der doch nichts anderes war als ein sichtbares Symbol seiner Unfreiheit.

»Du scheinst dich nicht zu freuen.« Sie schlug das Buch auf ihrem Schoß zu, stand auf und schlackerte an ihrer schlichten blauen Robe, bis der Saum wieder züchtig bis zu ihren Knöcheln herabfiel. »Ich vergesse immer wieder, wie fremd dir das hier alles erscheinen muss. Ich will dir etwas zeigen.«

Aus einer Nische zwischen zwei Schränken trat Carda hervor und nickte Teriasch zur Begrüßung zu. »Ich nehme an, wir suchen Euer Refugium auf, Hoheit«, sagte sie zu Nesca.

»So ist es.« Nesca setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Es wird ihm bestimmt gefallen.«

Zu dritt durchquerten sie die Bücherhalle. Carda zog eine Flügeltür auf, auf deren dunklem Holz helle Intarsien schimmerten, die zwei Pferde im gestreckten Galopp über ein Meer aus Gras zeigten.

Teriasch folgte Nesca in den dahinterliegenden Raum und sah sich ungläubig um. Es war, als würde die Tür auf magische Weise zwei weit entfernte Orte miteinander verbinden – die Gemächer Nescas inmitten der Hauptstadt der Harten Menschen mit dem Zelt eines Häuptlings der Pferdestämme. Auf dicken Teppichen, deren eingewebte Wellenmuster den ewigen Wandel der Welt nachzuahmen suchten, lagen Kissen verstreut, deren Leder von dem Fett glänzte, mit dem es eingerieben worden war, um es geschmeidig zu halten. An sechs Pfosten aus Knochenholz, in die die Gesichter der Ahnen geschnitzt waren, hingen zahlreiche Trophäen bedeutender Taten: Adlerklauen, getrocknete Bärentatzen, Schilde, Keulen und Pfeile ehrenhaft bezwungener Feinde, Talismane und Fetische aus Federn, Steinen und Gebeinen, die bösen Schamanen entrungen worden waren. Über einer kalten Feuerstelle hing der bauchige Kessel aus Bronze, in den alle Mitglieder der Sippe einmal jeden Sommer ihr Blut gaben, um es mit Milch und Bitterbeeren zu einem dicken Brei zu verkochen, von dem alle kosteten – zur Erinnerung an jenen schrecklichen und zugleich schönen Tag vor langer, langer Zeit, als die Ewige Wanderin die Große Sippe aus dem verfluchten Samarna fortgeführt und ihr aufgetragen hatte, fortan in vielen kleinen Sippen über die Steppe zu ziehen. Am Ehrenplatz für den Häuptling lag sein Sattel, ein meisterlich gefertigtes Stück aus schwarzem Holz und rotem Leder, das Blatt mit weißen Perlen bestickt, der Knauf in Form eines Pferdekopfs mit wehender Mähne.

Abgesehen von den fehlenden Gerüchen von Schweiß, Rauch und Kräutersud machte nur ein weiteres Detail die Illusion unglaubwürdig: Diesem Zelt mangelte es an aufgespannten Häuten, deren Bilder dem Betrachter etwas darüber berichteten, wer hier in vergangenen Tagen gelebt hatte. In einem Zelt wie diesem hätten viele Dutzend Häute an den Streben hängen müssen, doch es gab nur eine einzige Haut, hinter dem Häuptlingssattel, die einmal einer Frau gehört hatte – einer Frau, die anhand der geringen Zahl an Falten jung den Weg zu ihren Ahnen angetreten war.

»Das ist meine Mutter«, hauchte Nesca ehrfürchtig. »Tamni von den Kindern der Weite. Als sie krank wurde und ihre Finger schwarz, hat mein Vater ihr das größte Grabmal der Welt versprochen, doch sie wollte es nicht. Sie wollte nur, dass er so mit ihrem Körper verfährt, wie es in ihrer Heimat Sitte ist.«

Teriasch folgte den Traditionen, denen er sein Leben lang gefolgt war. Er grüßte die Haut, indem er die Finger dort auf sie legte, worunter früher ein Herz geschlagen hatte, und murmelte ein rasches Gebet an die Ahnen. Auch wenn sie mich von hier nicht hören können und auch wenn diese Haut nicht hierhergehört, in dieses falsche Zelt. Wer immer sie abgezogen hatte, hatte seine Schnitte entlang des Rückgrats und der Gliedmaßen sorgsam und klug gesetzt. Keines der Hautbilder hatte Schaden genommen. Nicht die Dreiecke auf den Oberarmen, die verrieten, dass Tamni eine gute Bogenschützin gewesen war. Nicht die geschwungenen Haken auf ihren Fersen, die belegten, dass sie ein Pferd schneller zu reiten wusste als andere aus ihrer Sippe. Und auch nicht die Schnur von Tropfen von ihrem Nabel zu ihrem Schamhügel, die bezeugte, dass ein Mann um sie geworben und sie für sein Zelt gewonnen hatte.

Teriasch drehte sich zu Nesca um. Sie hat nichts von einem Harten Menschen an sich. Sie redet wie eine von ihnen, das schon, und sie tut auch sonst, was die Harten Menschen so tun, aber sie sieht nicht aus wie einer von ihnen. Sie sieht aus wie eine von uns. »Der Dominex ist dein Vater?«

»Ja, aber er sagt, ich wäre meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten«, sagte sie ohne jeden Argwohn. »Ich war noch ein Kind, als sie gestorben ist. Trotzdem erinnere ich mich an alles, was sie mir über ihr Volk und die Steppe erzählt hat. An all die Legenden. Von Oschisesa, der dem Wind das Geheimnis entriss, wie man singt. Vom sturen Wanahoni, der nicht zu den Bergen ziehen wollte, sondern erwartete, dass die Berge zu ihm kommen, und der dann bei seinem langen untätigen Sitzen selbst zu einem Berg wurde. Und von Wikasa Yata, der eine Feuerseele wie du war und der den Häuptling der Schakale dazu zwang, dass er und seinesgleichen keine Jagd mehr auf Menschen machen.«

»Das hat sie dir also alles erzählt?« Teriasch wehrte sich nicht dagegen, dass ihre Unbekümmertheit seinen Groll weckte. Sie lebt einen Traum. Sie denkt, sie weiß alles, und dabei weiß sie nichts. Sie lebt im Haus ihres Vaters und hört das Volk ihrer Mutter nicht schreien. »Hat dir deine Mutter auch erzählt, wie sie ihrer Sippe gestohlen wurde?«

»Nein.« Nesca schüttelte den Kopf. Sie lächelte, wie man es tat, wenn man plötzlich befürchtete, sich einem Schwachsinnigen gegenüberzusehen, der einem bis eben noch ganz vernünftig vorgekommen war. »Sie ist niemandem gestohlen worden. Sie ist freiwillig aus der Steppe aufgebrochen, um sich meinem Vater hinzugeben.«

Teriasch wusste erst nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Da er auf keinen Fall vor diesem dummen Weib in Tränen ausbrechen wollte, entschied er sich für ein Lachen. »Hat sie das gesagt?«

»Ja. Was findest du daran so komisch?«

»Weil du nicht verstehst, dass sie dich nur vor der Wahrheit beschützt hat.«

»Welche Wahrheit?«

Teriasch fand großen Gefallen daran, ihr zu eröffnen, was sich wirklich zugetragen haben musste. »Sie wurde als Sklavin gefangen. Wie ich. Wie all die anderen, die dein Vater von der Steppe holen lässt. Bist du blind? Glaubst du tatsächlich, deine Mutter wäre einfach so nach Kalvakorum gekommen? Glaubst du, all die Sklaven, auf deren Rücken dein Vater und dessen Vater ihr Reich errichtet haben, führten ein so furchtbares Leben in ihrer Heimat, dass sie sich lachend und dankbar unter eure Knute begeben haben?« Er schlug sich vor die Stirn, um ihr zu zeigen, für wie dumm er sie hielt. »Dabei hatte deine Mutter sogar noch so etwas wie Glück, dass man sie damals schon verschleppt hat. Heute tötet ihr alle unsere Frauen, die ihr finden könnt, und lasst nur die Männer am Leben.«

»Das ist eine Lüge!«, rief Nesca. »Du bist ein Barbar. Du verstehst nichts von der Welt. Meine Mutter hat meinen Vater geliebt.«

»Deine Mutter war nicht mehr als ich«, entgegnete er ruhig, doch es erfüllte ihn mit einer tiefen Zufriedenheit, Tränen der Wut in ihren Augen glitzern zu sehen. »Sie war eine Sklavin. Sie musste sich dem Willen ihres Besitzers fügen, so wie es bei euch Gesetz ist, seit ihr auf die verlogenen Geister hört, die hier umgehen. Nehmen wir an, ich würde dich besteigen, weil du es von mir verlangst. Nehmen wir an, mein Same ginge in dir auf und du brächtest unser Kind zur Welt. Nehmen wir an, ich würde sterbenskrank, bevor es richtig für sich denken kann. Was würde ich ihm erzählen, wenn es mich fragt, ob wir beide uns lieben?«

Nescas Schlag kam so schnell, dass er nicht einmal vor ihm zurückzucken konnte. Es war ein ausgewachsener Fausthieb gegen das Kinn, der ihn von den Beinen holte. Teriasch landete sanft auf einem der Kissen, doch vor seinen Augen zerplatzten funkelnde Sterne.

»Eher würde ich sterben, als dich jemals in mein Bett zu lassen!«, schrie sie, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zelt, das keines war.

Teriasch versuchte sich aufzurappeln. Ein Tritt gegen die Schulter machte seine Bemühungen zunichte.

»Pass auf, du Hund!«, zischte ihn Carda an. Die Ordenskriegerin setzte ihm einen Stiefel auf die Brust und nagelte ihn so am Boden fest. »Ich habe mir das lange genug mit angesehen. Wenn du ihr das Herz brichst, breche ich dir sämtliche Knochen im Leib. Verstanden?«

»Ihr … Herz?«, presste Teriasch hervor.

»Dafür, dass du ihr Leichtgläubigkeit vorwirfst, bist du auch nicht gerade das schärfste Schwert in der Waffenkammer.« Carda beugte sich zu ihm hinab und verstärkte den Druck auf seinen Oberkörper. »Sie hat dich nicht wegen irgendwelcher Legenden haben wollen, du Einfaltspinsel. Sie will dich, weil du von der Steppe kommst. Weil du so aussiehst wie sie. Weil du der erste Kerl von euch Barbaren bist, der unsere Sprache spricht und mit dem sie sich unterhalten kann. Natürlich will sie dich um sich haben.«

Kann das sein? Nein, das glaube ich nicht. Teriasch bäumte sich auf, und Carda ließ zu, dass er sich unter ihrer Stiefelsohle hervorzwängte.

»Du tust so, als würdest du sie kennen«, sagte sie voll Abscheu. »Als hätte sie deinen ganzen Hass verdient. Du bist so selbstgerecht in deinem Glauben, der Held in dieser Geschichte zu sein, nur weil sie dich aus deiner Heimat geholt und dir ein Kollare verpasst haben.«

»Ich habe ihr nur die Wahrheit gesagt«, verteidigte er sich. Er wagte es, sich auf die Ellenbogen zu stützen. »Mehr nicht. Was sie damit macht, geht mich nichts an.«

Carda warf einen Blick zur offen stehenden Tür, als kostete es sie große Überwindung, ihrer Schutzbefohlen nicht sofort nachzueilen. »Du bekommst jetzt von mir zwei Dinge zu hören, die du eigentlich nicht verdient hast. Nicht weil ich dich so sehr mag. Aber ich liebe sie, und ich will sie nicht unnötig leiden sehen. Hör zu! Sie weiß sehr wohl, dass die wenigsten Sklaven gerne Sklaven sind. Sie gibt es zwar nicht offen zu, aber sie schämt sich dafür, wie die Dinge im Dominum stehen. Warum sonst schickt sie mich immer wieder heimlich los, dass ich etwas von ihrem Schmuck zu Geld mache, um damit Leute aus Manufakturen freizukaufen? Aber selbst sie ist nicht reich genug, um sämtliche Sklaven auf einmal zu befreien. Und vor allem hat sie nicht die Macht dazu. Die hätte nur ihr Vater.«

Teriasch war nicht sicher, ob er Cardas Ausführungen für bare Münze nehmen konnte. »Darfst du denn überhaupt so lange von ihrer Seite weichen, damit du für sie Geschäfte machen kannst?«

»Das lässt du schön meine Sorge sein. Ich kenne die Eide, die ich geschworen habe«, wiegelte Carda barsch ab. »Denk lieber darüber nach, was geschieht, wenn dem Dominex in absehbarer Zeit kein Sohn geboren wird und die Numates darauf drängen, dass er sich auf einen Nachfolger festlegt.«

Teriasch schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was dann geschieht.«

»Wilde!«, knurrte Carda. »Die Dynastie muss bestehen bleiben, du Holzkopf. Er muss jemanden erwählen, in dessen Adern sein Blut fließt. Die Numates werden vor Empörung ihre Villen zusammenschreien, aber er wird eine seiner Töchter zu seiner Favoritin ernennen. Und dreimal darfst du raten, welche das sein wird.«

»Nesca«, sagte Teriasch tonlos.

Carda nickte. »Das ist auch der wahrscheinlichste Grund, warum man sie aus dem Weg räumen will. Es gibt genügend angeblich ach so treue freie Bürger, die den Gedanken an eine Frau auf dem Thron nicht ertragen können. Und stell dir nur vor, wie sehr die sich freuen werden, wenn Nesca tatsächlich Dominexa wird und verkündet, dass die Sklaverei ein Ende finden muss.«

»Das habe ich nicht gewusst«, gestand Teriasch zerknirscht. Und ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, sie umzubringen, um ihren Vater damit zu treffen …

Carda richtete sich auf und sah wieder zur Tür. »Du bist eben wie alle jungen Männer. Du denkst ungefähr so weit, wie ich ein Probaska werfen könnte. Spielst den Beleidigten, weil du gedacht hast, du wärst bald frei. Und sind dir dabei je die Leute in den Sinn gekommen, die nicht einmal mehr die Hoffnung haben, jemals wieder frei zu sein? Ich vermute nicht.«

»Wen meinst du?«, fragte Teriasch.

»Ich muss nach ihr sehen.« Carda trat ihm zum Abschied noch einmal vor die Brust, wenn auch etwas sachter als zuvor, dann ließ sie ihn einfach liegen.

Er setzte sich hin, rieb sich das geschwollene Kinn und betrachtete lange die Haut von Nescas Mutter, ehe er gewahr wurde, auf wessen Schicksal ihn Carda gerade verwiesen hatte.

Teriasch brach allein zu seinem Besuch bei den Arenistas auf. Da ihm niemand ausdrücklich verboten hatte, den Palast zu verlassen, ging er davon aus, dass er sich frei in Kalvakorum bewegen konnte. Nesca wird mich ohnehin heute nicht mehr sehen wollen, redete er sich ein. Und solange ich das Kollare trage und sie das Ampullarium dazu hat, weiß sie auch, dass ich ihr nicht entkommen kann. Und ich habe Rukabo gesagt, wo ich hin will …

Der Halbling zog es vor, die Familie, die ihn verstoßen hatte und nun mit seiner unerwarteten Rückkehr konfrontiert war, dadurch zu piesacken, dass er durch die Herrschaftlichen Gärten schlenderte, als wäre nie etwas gewesen. »Ich bin zu einem günstigen Zeitpunkt wieder daheim«, hatte er gefeixt. »Ich habe mich schon immer brennend für die Arbeit von Feuerwerkern interessiert, und Wuplesch und dem ganzen Pack werden sich die Fußhaare kräuseln, wenn sie mich in der Nähe von Sprengpulver und Feuerstaub herumlungern sehen.«

Am Löwenmaultor ließ sich Teriasch von einer der dort stationierten Wachen den Weg zur Arena erklären. Der Soldat behandelte ihn mit einer geduldigen Freundlichkeit, die wohl dem Silberreif um sein Handgelenk geschuldet war.

Teriasch fand die Arena, ohne in dem lärmenden Treiben auf Kalvakorums Straßen die Orientierung zu verlieren. An dem Ort, an dem er den Großteil seiner bisherigen Zeit unter den Harten Menschen verbracht hatte, herrschte hingegen eine sonderbare Ruhe. In der kleinen Kammer neben dem Seitentor saß niemand, um Besucher zu begrüßen, der Speisesaal war verwaist, und erst auf dem Übungshof begegnete Teriasch einer anderen Menschenseele: Dropaxvir saß auf einer Bank, nackt bis auf einen Lendenschurz und sein Kollare. Der Pechmann lauschte dem leisen, jämmerlichen Stöhnen, das aus den Fenstern von Silicis’ Schreibstube drang.

»Gegrüßt seist du, Häuptling«, sagte er ruhig, als er Teriasch bemerkte.

»Wo sind die anderen?« Teriaschs Mund war staubtrocken.

»Sie sind in ihren Gemächern geblieben.«

»Ist das Silicis, der da so leidet?«

»Wer sonst?« Ein feines Lächeln, das nur Trauer in sich barg, geisterte über die Lippen des Kriegers. »Mein Herr liegt im Sterben.«

»Was?« Teriasch wurden die Knie weich, und er setzte sich rasch neben den Hünen. »Aber der Pollox hat doch einen Herrschaftlichen Heiler geschickt, der sich um seine Galle kümmern sollte.«

»Und wenn mein Herr an der Galle litt, so wäre es der richtige Heiler für ihn gewesen«, sagte Dropaxvir. »Alldieweil ist es leider die Leber, die ihn in den tiefsten Abgrund hinabzieht. So stellte es sich heraus, als der Heiler den Leib meines Herrn betastete. Sie ist hart und kaum noch größer als ein Kieselstein. Die berauschenden Tränke aller Art, an denen er sich viele Jahre labte, üben grausamste Rache an ihm.«

»Dann müsst ihr einen anderen Heiler holen«, schlug Teriasch vor und versuchte, nicht an die grässliche Tür mit den Ampullarien und den Felsblöcken zu denken. Wenn Silicis stirbt …

»Die Stunden, in denen ein anderer Heiler sein linderndes Werk hätte verrichten können, sind verstrichen.« Dropaxvir malte mit dem Fuß Kreise in den Sand. »Erlebt mein Herr noch den Thronbesteigungstag, so wäre es wohl durchaus als Wunder zu bezeichnen.«

»So bald schon?« Teriasch rang um Fassung. Da fiel ihm ein, was ihm Carda gerade erzählt hatte, und er schöpfte neue Hoffnung. »Was wäre, wenn euch jemand Silicis abkauft? Dann müsstet ihr nicht mit ihm sterben.«

»Ach, Häuptling.« Dropaxvir tätschelte Teriasch das Knie. »Es ehrt dich, dass du dich um uns sorgst. Es ist indes zu spät, dass sich ein neuer Herr unserer annimmt.«

»Wieso?«

»Silicis’ Geist ist bereits getrübt, sein Verstand vernebelt. In seiner Pein spricht er zu Menschen, derer nur er ansichtig wird, und Furcht vor Stimmen, die allein sein Ohr erreichen, lässt ihn klagen und ächzen. In einem solchen Zustand ist kein Geschäft, das er einginge, mehr rechtens. Ein Erbe, der an seiner Stelle handeln könnte, ist ihm nicht gegeben.« Dropaxvir griff nach einem Schwert, das neben ihm an der Bank lehnte. »Ist es nicht ein Hohn, den das Schicksal über mir ausschüttet? Da habe ich dem Tod so reiche Ernte beschert, wann immer ich ins Rund trat, um mich mit anderen zu messen, und nun soll mir ein Ende beschert sein, das statt mutigem Kampf nur ohnmächtiges Warten kennt? Fast wünschte ich, das Los wäre auf mich gefallen, in den Turm des Feuers zu gehen und mich vom Behemoth verschlingen zu lassen.«

Teriasch stutzte. »Was würde das ändern? Das Opfer wird doch am gleichen Tag dargebracht, an dem die Thronbesteigung gefeiert wird?«

»Hast du die Kunde noch nicht vernommen?«, fragte Dropaxvir. »Der Priesterrat hat das Opfer vorgezogen, um die Elemente gnädig zu stimmen. Das Beben, das den Turm der Erde ergriff, hat große Unruhe unter ihnen gesät. Schon morgen geben sie dem Behemoth Nahrung.«

Teriasch stand auf. Das war ich! Ich habe die Priester der Harten Menschen dazu gebracht, gegen ihre eigenen Traditionen zu verstoßen. Sein Stolz verflüchtigte sich ebenso schnell, wie er in ihm gewachsen war. Aber was bringt das Dropaxvir und den anderen? Nichts … Wenn Silicis seinen letzten Atemzug getan hat, bricht der Ring, der den Felsblock hält, die Ampullarien werden zerschmettert, und alle Sklaven in dieser Arena ersticken …

Er ließ Dropaxvir weiter dem grausigen Stöhnen lauschen und wünschte sich zugleich, dass es niemals aufhörte. Einer Eingebung folgend, machte er sich auf den Weg in die Stallungen. Paetus und Gigas waren nirgendwo zu sehen, und auch die Tiere verhielten sich merkwürdig still, als spürten sie, was in den Menschen in ihrer Nähe vorging. Vor Nivalis’ Verschlag angekommen, hielt Teriasch dem Schimmelhengst die Hand hin. Nivalis schnupperte daran, eine zutrauliche Geste, die er nur selten zeigte.

»Was meinst du?«, fragte er das Tier. »Willst du hierbleiben und warten, bis alle tot sind, oder möchtest du mit mir an einen Ort gehen, wo du nie mehr kämpfen musst und so frei bist, wie du in Kalvakorum nur sein kannst?«

Heldenzorn: Roman
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