10

 

Nicht aus Eitelkeit habe ich die Elemente bezwungen. Ich zähmte sie, um uns allen ein Haus zu errichten, so wie ich den Elementen selbst in ihren Türmen zu Kalvakorum eine Behausung schenkte, die meiner und ihrer Macht würdig ist.
Solange die Türme der Elemente stehen, wird unser Haus nie fallen.
Aus der Großen Verheißung des Subveheros an sein Volk anlässlich der Gründung des Dominums

 

Ich werde diesen Turm niemals ohne fremde Hilfe betreten können.

Ernüchtert ließ Teriasch seinen Blick über den Turm des Windes schweifen, von oben nach unten, vom girlandengeschmückten, gläsernen Reif an der Spitze bis hinunter zur untersten Stufe des breiten Fußes. Das runde Tor gähnte als gewaltiges dunkles Loch in der Kalksteinfassade. Davor standen gewiss drei Dutzend Soldaten Spalier. Ihre Brustpanzer waren mit kristallenen Verzierungen verkrustet, ihre weißen Umhänge aus einem leichten Stoff, den offenbar selbst das leiseste Lüftchen noch gehörig aufzubauschen vermochte. Die Klingen ihrer Axtlanzen waren aus einem klaren, durchscheinenden Material, von dem Teriasch einfach nicht glauben wollte, dass es sich dabei um messerscharf geschliffenen Diamant handelte. Warum nur musste er bei ihrem Anblick an die Zähne in Schwarzschwinges Schlund denken?

»Bist du nun zufrieden?«, meckerte Rukabo, dem Teriasch nichts von seinem Traum mit dem Drachen erzählt hatte. »Jetzt habe ich dir den Gefallen getan, dir diesen verbockten Turm zu zeigen, also können wir weitergehen, oder?«

»Wieso war das ein Gefallen?« Teriasch eilte seinem kleinen Freund durch das Getümmel nach, das auf dem großen Platz vor dem Turm herrschte. »Als wir vorhin losgegangen sind, hast du noch gemeint, der Turm würde ohnehin auf unserem Weg liegen.«

»Du trägst deine Haare falsch.« Rukabo wich im letzten Moment einem Boten mit einer versiegelten Schriftrolle unter dem Arm aus, der ihn schier über den Haufen gerannt hätte. »Zöpfe sind eigentlich nichts für dich, wenn man dich so reden hört. Hast du mal darüber nachgedacht, dir lieber jedes einzelne Haar auf deinem Kopf zu spalten, wo du doch so geschickt dabei bist? Habe ich überhaupt schon ein Wort des Dankes aus deinem Mund gehört, dass ich uns diesen Freigang verschafft habe? Nein, habe ich nicht. Dabei würden wir heute zur Abwechslung mal wieder nur Scheiße schippen, wenn ich nicht zufällig diese Ahnung gehabt hätte, mich dringend in Silicis’ Schreibstube umsehen zu müssen.«

Teriasch schloss zu Rukabo auf. Ich muss an ihm dranbleiben. Wenn ich ihn verliere, finde ich nie im Leben zur Arena zurück. »Ich weiß genau, was du dort wirklich wolltest, du Lügenmaul. Aber ich habe es dir doch gesagt: Es gibt keinen Schlüssel zu der Kammer, in der Silicis die Flaschen mit den Blutstropfen aufbewahrt. Man bekommt die Tür nur mit dem Ring an seinem Finger auf. Du kannst von Glück reden, dass er es wieder mit seiner Galle hatte, als er dich dort erwischt hat. Sonst hätte er uns nämlich nicht losgeschickt, um Perlen zu kaufen, und du würdest dann auch ganz sicher keinen Stall mehr ausmisten. Er hätte dir die klebrigen Finger abgehackt, das wäre passiert.« Bei dem Gedanken daran, dass sein Besitzer unter Umständen kränker war, als es den Anschein hatte, wurde Teriasch mulmig zumute. »Wie groß waren denn seine Schmerzen?«

»Bin ich ein Heiler?« Rukabo kniff im Vorbeigehen einem pausbäckigen Mädchen in die Wange, das sich hartnäckig dagegen sträubte, von ihrem Vater durch den umliegenden Wald aus Beinen vorangezogen zu werden. »Es war einerseits so schlimm, dass er nicht selbst gehen konnte, aber andererseits auch wieder nicht so furchtbar, als dass er nicht mehr bei sich gewesen wäre. So ist das eben, wenn einem die Galle keine Ruhe lässt.«

»Bist du vielleicht doch ein Heiler, wenn du dich so gut mit Gallen auskennst?«, fragte Teriasch.

»Sehr witzig.« Forsch klopfte sich Rukabo auf den Wanst. »Ich habe nur selbst eine im Bauch, das ist alles.«

Sie sahen sich gezwungen, kurz anzuhalten, um erst einer Sänfte und danach einem Eselskarren Platz zu machen, und Teriasch nutzte die Gelegenheit, den Knoten in der Kordel um seine Hüfte fester anzuziehen, die ihm als Gürtelersatz für seine knielange Leinenhose diente. »Weißt du, was im Turm des Feuers lebt?«

Rukabo wäre fast in einen Haufen Probaskaäpfel getreten. »Wo kommt das denn jetzt schon wieder her?«

»Aus einem Rüsselschnauzenhintern, nehme ich an.«

»Deine Frage, meine ich.«

»Das muss die Hitze sein«, log Teriasch. »Man fühlt sich ja, als würde man neben einem lodernden Feuer stehen.«

»Kalvakorum ist nichts für empfindsame Gemüter, schon gar nicht im Sommer.« Geschickt tänzelte Rukabo um eine dicke Frau herum, die schnaufend einen Korb Früchte auf dem Kopf trug, die noch stacheliger waren als ihre Waden. »Was im Turm des Feuers lebt, willst du wissen? Ein Behemoth. Der Subveheros ist eigens über das Meer gefahren und in einen Vulkankrater hinabgestiegen, um ihn zu fangen. Die einen sagen, es sei ein riesiger roter Vogel, der Feuer speien kann, die anderen schwören, es sei so eine Art Krabbe aus glühendem Stein oder etwas in der Art.«

»Dann weiß es also niemand genau?«

»Nein, und das ist auch ganz gut so. Mit Sicherheit wissen es nämlich leider nur die armen Würste, deren Los aus der Trommel gezogen wird, wenn es an der Zeit ist, den Behemoth ihre Opfer zu bringen. Also nicht sofort nach der Ziehung, sondern erst, sobald man sie den Biestern in den Türmen vorstellt, von denen sie dann geschwind gefressen werden.« Mit in die Seiten gestemmten Armen blieb Rukabo stehen und wandte sich zu Teriasch um. »Was bist du nur auf einmal so von den Türmen und ihren Bewohnern besessen? Was hast du vor? Einen Behemoth stehlen und auf ihm zurück in die Steppe reiten, oder wie?«

»Ich versuche nur, meine neue Heimat besser kennenzulernen«, verteidigte sich Teriasch. »Was ist daran verwerf-lich?«

»Du willst Kalvakorum kennenlernen?« Rukabo breitete grinsend die Arme aus. »Dann hast du Glück, dass du mit mir unterwegs bist. Diese ganze Stadt ist mein Revier.« Er zog am Saum von Teriaschs Tunika. »Los, komm. Ich will die Perlensache schnell hinter mich bringen.«

Sie kämpften sich aus dem ärgsten Trubel auf dem Platz und folgten dem Verlauf der hohen Mauer, die den Turm des Windes mit dem Turm der Erde verband. Sie passierten allerlei Bewohner der Stadt, die am Fuß der Mauer ihrem Tagwerk nachgingen: Propheten mit wild wuchernden Bärten und Weissagerinnen in zerschlissenen Roben, die den Passanten unablässig Schilderungen ihrer unheilschwangeren Visionen zuriefen; Gaukler und andere Schausteller, von denen Teriasch den fetten Mann am beeindruckendsten fand, der eine kleine Rotte Pinselohräffchen in recht aufwendige Kostüme gesteckt und den Tieren beigebracht hatte, bedeutende Szenen aus der Geschichte des Dominums nachzuspielen; Bettler und Versehrte, die die Hände – sofern sie noch welche hatten – den Vorbeigehenden in der Hoffnung auf Almosen entgegenreckten; Händler in begehbaren Holzbuden, die alles von Sonnenhüten aus Stroh und Sandalen mit Messingscheiben an den Riemen über Wasserpfeifen aus Rüsselschnauzenzähnen und Broschen in Form verschiedenster Götterantlitze bis hin zu salzigem Gebäck und Tee feilboten …

Auf der Hälfte der Strecke zwischen den beiden Türmen mussten Teriasch und Rukabo einen Bogen schlagen: Eine breite, säulengesäumte Prachtstraße führte schnurgerade auf ein haushohes Tor in der Mauer zu. Um die gewaltige Öffnung herum war ein nicht weniger gewaltiges Relief in den Stein gemeißelt, sodass der Eindruck entstand, das Tor wäre das weit aufgerissene Maul eines brüllenden Löwen. Es wurde schwer bewacht, und Teriasch fiel auf, dass die Soldaten den Weg durch das Tor nur denjenigen freimachten, die entweder aufgrund ihrer teuren Kleidung und ihres Gebarens als wohlhabende Freie zu erkennen waren oder die zusätzlich zu ihrem Kollare noch einen gut sichtbaren Reif aus Silber um das rechte Handgelenk trugen. Infolgedessen herrschte jenseits des Tores deutlich weniger Gedränge.

Ihm entging auch nicht, dass sein untersetzter Begleiter einen langen Blick auf das Tor warf, ehe Rukabo leise knurrte, den Kopf schüttelte und seine Schritte beschleunigte. »Was liegt hinter dieser Mauer?«, fragte Teriasch.

»Das eigentliche Herz von Kalvakorum und des gesamten Dominums.« Rukabo spuckte geräuschvoll aus. »Dahinter leben die Numates in ihren Villen. All die Bürger, die es damit zu Wohlstand gebracht haben, den Speichel des Dominex und seines Vaters zu lecken, als wäre es der süßeste Honig. Siehst du die große goldene Kuppel in der Mitte da?«

Teriasch nickte.

»Dort steht der Palast des Dominex«, sagte Rukabo. »Dort wacht er angeblich über das Haus, in dem alle Häuser sind. Von einer Kammer an der Spitze der Kuppel aus, die man nur betreten darf, wenn er einen zu sich ruft. Und diese Ehre, den Dominex in all seiner Pracht zu erblicken, wird nur den allerwenigsten zuteil.« Er schürzte die Lippen. »Selbst ich habe ihn nie selbst gesehen. Und ich habe immerhin meine gesamte Jugend in seinen Gärten verbracht. Und glaubst du, ich hätte ihn dort je beim Lustwandeln ertappt? Nein. Meine Eltern fanden es nicht weiter schlimm, für einen Herrn zu arbeiten, der sich ihnen nie zeigte und sich anscheinend auch nichts aus den Blumen machte, die sie für ihn züchteten. Sie waren schon damit zufrieden, dass der Dominex wenigstens das Obst aus ihren Hainen zu schätzen wusste. Ihnen reichte es, wenn der Pollox vorbeischaute, um die Früchte abzuholen, von denen niemand außer dem Dominex kosten darf. Sie waren die eitelsten und einfältigsten Obstbauern der Welt, wenn du mich fragst, und …«

»Warum?«

»Warum was?«

»Warum darf nur der Dominex diese Früchte essen?«

»Weil er es eben so will«, sagte Rukabo scharf. »Genau wie er will, dass die Bäume, an denen diese Früchte wachsen, mit nichts anderem gegossen werden als mit Wasser, das eigens aus dem Turm des Wassers zu genau diesem Zweck herbeigeschafft wird. Er ist der Dominex. Er kann tun und lassen, was er will. Er könnte den lautesten Furz aller Zeiten lassen, und hinterher würden sich alle noch für die schöne Musik bedanken.«

Schweigend gingen sie eine Weile weiter, immer an der Mauer entlang. Als sie in den Schatten des Turms der Erde traten und Teriasch froh darüber war, endlich aus der Sonne herauszukommen, rieb Rukabo sich plötzlich die Hände und griff dann nach der Geldbörse, die um seinen Hals hing. »Ha! Wir sind gleich da! Mal schauen, wie gut ich Kaupodor um den Finger gewickelt kriege.«

Rukabo hielt zielstrebig auf ein Haus direkt gegenüber der Mauer zu. Die Läden eines breiten Fensters im Erdgeschoss waren aufgeklappt. Auf der samtgepolsterten Fensterbank lagen Kleinodien und Geschmeide ausgebreitet. Zwei grobschlächtige Kerle mit dornengespickten Handschuhen, die links und rechts des Fensters lässig an der Wand lehnten, hatten offenbar die Aufgabe, diejenigen Kunden abzuschrecken, die es mit dem Bezahlen nicht sonderlich genau nahmen.

»Na, Kaupodor?« Fröhlich winkte Rukabo dem Mann zu, der auf der anderen Seite des Fensters saß und gelangweilt mit einem goldenen Stäbchen in den Lücken zwischen seinen schief stehenden Zähnen herumstocherte. »Lust auf ein gutes Geschäft?«

»Rukabo …« Kaupodor nahm das Stäbchen aus dem Mund und verzog das lange Gesicht. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er nicht so recht wusste, was er widerlicher fand: den gelblichen Batzen auf der Spitze seines Zahnstochers oder den Halbling vor ihm. »Wie ich sehe, hat dich endlich mal einer erwischt.«

»Das?« Rukabo fasste sich an sein Kollare. »Das ist nur eine vorübergehende Angelegenheit.« Er wedelte mit der Geldbörse. »Und tu bitte nicht so, als ob du keine Geschäfte mit Sklaven machen würdest.«

Das helle Klimpern aus dem Ledersäckchen weckte immerhin so viel von Kaupodors Interesse, dass der Händler eine Augenbraue hob. »Wenn du mir wieder Blech andrehen willst, lass ich dir von Perka und Asper die Nüsse pflücken, klar?«

Die Mietwächter grinsten voller Vorfreude.

»Ich bitte dich«, entrüstete sich Rukabo. »Das war nur ein einziges Mal und ein aufrichtiges Versehen.« Er schnürte die Börse auf und warf dem Händler eine Münze zu. »Hier. Überzeug dich selbst.«

Während Kaupodor den Rota penibel wog, sah sich Teriasch um. Drei Läden weiter wurde Schmuck angeboten, mit dem gut betuchte Probaskabesitzer ihre Tiere ausstaffieren konnten. Vor dem Laden war eine junge Rüsselschnauze von der Größe eines ausgewachsenen Pferdes an einen Pflock gekettet, die man gut und gerne für ein überreich verziertes Standbild hätte halten können. Über die flach gefeilten Spitzen seiner kurzen Stoßzähne hatte man ihm silberne Kugeln gestülpt, der Rüssel war bis hinunter zu den beiden Greiffingerchen von einem Netz aus roten Fäden und glitzernden Steinen bedeckt, um die Füße waren Bänder mit golddurchwirkten Troddeln und Fransen gebunden, der Rücken und die Flanken waren unter einem kunstvoll mit Ranken bemalten Tuch verborgen, und am Schwanz hing ein Glöckchen aus hellgrünem Glas. Das Tier sah alles andere als glücklich aus. Traurig erwiderte es aus einem seiner großen Augen Teriaschs Blick. Die Harten Menschen haben diesem armen Ding das Gleiche angetan, was Silicis in der Arena mit mir angestellt hat. Sie machen etwas aus ihm, was es gar nicht ist. Teriaschs Zorn meldete sich zurück, heimlich und verstohlen, weil er ihn so lange nur noch in seinen düsteren Träumen vom Wurm der alles umschlingenden Liebe zugelassen hatte. Doch er war beileibe auch in der wachen Welt nicht ausgelöscht, auch wenn Teriasch ihn jetzt eher als schwaches Prickeln denn als heißes Brennen in sich spürte.

»Zufrieden?« Rukabos triumphierender Ton lenkte Teriaschs Aufmerksamkeit zurück auf den Handel, der sie zu Kaupodors Laden geführt hatte. »Oder willst du alle Münzen prüfen, du misstrauisches Stück Dung?«

»Was willst du?«, blaffte Kaupodor.

»Einen Beutel deiner schlechtesten Perlen.« Rukabo keckerte vergnügt. »Ja, du hast schon richtig gehört. Sie kommen eh in Essig, da müssen sie nicht schön sein.«

»Fünfzehn Rota.« Der Preis schoss so schnell aus Kaupodors Mund wie ein Bolzen aus einer Arkakrux.

»Fünfzehn?« Rukabo krallte die Hand in seine Tunika, als wäre ihm das Herz stehen geblieben. »Willst du dafür sorgen, dass mein Besitzer mich nur noch Sand fressen lässt? Ich habe ein Kampfgewicht zu halten, du Trottel. Acht Rota kannst du haben, du Halsabschneider. Und keinen einzigen Radius mehr!«

»Acht?« Kaupodor begann sich zu winden, als würden ihm die Nähte seines feinen Hemds die Haut durchbohren. »Ich habe eine kranke Mutter, du herzloses Ungeheuer. Aber wenn dir ihr Leiden am haarigen Hintern vorbeigeht, bitte sehr. Dann sage ich dreizehn und kaufe eben keine Salbe für ihre Geschwüre.«

»Deine Mutter ist tot, du Hund«, keifte Rukabo. »Ich war es doch, der dir damals eine Alchimistin gesucht hat, an die du ihre Leiche verhökern konntest. Aber gut, sagen wir neun, damit du dir ein Büchlein für deine Lügen besorgen kannst, damit du sie in Zukunft nicht mehr so oft durcheinanderbringst.«

»Neun?« Kaupodor lachte verächtlich. »Für neun Rota kannst du von mir höchstens einen Sack braune Perlen kriegen, die ich mir für dich persönlich aus der Ritze kratze!«

Teriasch beobachtete die laufenden Verhandlungen mit schwindender Anteilnahme. Das sieht aus, als könnte das noch eine ganze Weile so weitergehen. Er schaute noch einmal hinüber zu der mit Schmuck behängten Rüsselschnauze.

Zwei Kinder näherten sich dem Tier, ein Junge und ein Mädchen, dem schwarz gelockten Haar und dem wieselhaften Gesichtsschnitt nach zu urteilen Geschwister, von denen das Mädchen das ältere war. Sie schlichen seitlich an das Probaska heran, das Mädchen die Arme hinter dem Rücken, der Junge die Hände auf den Mund gepresst, ohne dass es ihm damit gelang, ein kieksendes Lachen zu unterdrücken. »Mach doch, mach doch«, forderte er seine Schwester auf, als sie noch etwa fünf Schritte von der Rüsselschnauze entfernt waren.

Glucksend warf das Mädchen dem Probaska eine tote Ratte vor die Füße. An den nackten Schwanz der Nagerleiche war ein Faden gebunden, den das Mädchen in der geballten Faust hielt. Das Probaska senkte den Kopf, und sein Rüssel schwang nach vorn. Der Muskelschlauch blähte sich ein bisschen, als das Tier vorsichtig an der Ratte schnupperte.

»Jetzt! Jetzt!« Der Junge machte einen kleinen Luftsprung. »Jetzt!«

Das Mädchen zog an dem Faden, und die tote Ratte ruckte ein Stück über das Pflaster.

»He! Lasst das!« Teriasch lief los, doch es war zu spät.

Die Rüsselschnauze trompetete erschrocken und stieg auf die Hinterbeine. Die Kinder lachten, und das Mädchen zupfte noch einmal an dem Faden. Das Tier tapste zwei Schritte nach hinten, begleitet vom Klang des Glöckchens an seinem Schwanz, stolperte über die Kette, die es an den Pfosten fesselte, und ging mit einem jämmerlichen Laut zu Boden. Weiter klagend kämpfte es sich auf die Beine. Wo es auf dem Pflaster gelegen hatte, glänzte Blut. In einer der Hinterbacken steckte ein grüner Glassplitter. Das Probaska reckte den Kopf nach hinten und streckte den Rüssel nach dem Splitter aus, der aber nicht lang genug war, um ihn zu erreichen. In seiner Panik begann das Tier, sich im Kreis zu drehen, und verhedderte sich nur immer mehr in seine Kette.

Na wartet, ihr Quälgeister! Dafür werdet ihr bezahlen! Teriaschs Zorn brach aus ihm hervor, blind und unbeherrscht, eine heiße Woge der Wut. Sie fand ein anderes Ziel als das, was am nächsten lag. Statt von dem kleinen Probaska aufgesogen zu werden, wurde sie von einem anderen Geschöpf angezogen. Nur einen Herzschlag lang wähnte sich Teriasch an einem dunklen, warmen Ort, hörte das Mahlen großer Kiefer und schmeckte nasses Gras auf seiner Zunge. Dann erzitterte die Erde wie unter einem Donnerschlag, der sie in zwei Hälften spalten wollte. Teriasch verlor das Gleichgewicht, sackte in die Knie, sein Kollare glühend heiß. Die tote Ratte hüpfte einen halben Schritt in die Höhe, Pflastersteine knackten und waren mit einem Mal von Rissen überzogen. Die Kinder, die erst Teriaschs Zorn geweckt und dadurch eine noch mächtigere Kreatur in Rage versetzt hatten, wurden von der Wucht der Erschütterungen förmlich von den Beinen gerissen. Sie kreischten wild, schürften sich Stirn, Knie und Hände auf.

Während die Erde bebte und zitterte, erklangen weitere Schreie. »Der Turm! Der Turm!«

Teriasch sah zu dem Bauwerk, in dem die Mutter aller Rüssel gefangen war. Trotz seiner schier unermesslichen Masse schwankte der Turm der Erde wie ein Baum in einem heftigen Sturm. Das Bild drängte sich umso mehr auf, als sich von den Ranken an seiner Spitze zahllose Blätter und Blüten lösten und hinunter in die Tiefe wirbelten, den Straßen und Dächern Kalvakorums entgegen.

Überall um Teriasch herum ergriffen Menschen die Flucht, die nur einen Gedanken kannten – fort vom Turm, ehe er einstürzte und sie alle unter sich begrub! Stände wurden umgerissen, Karren mit teurer Ladung einfach stehen gelassen, Sänften höchst unsanft abgesetzt, Körbe und Krüge beiseite geschleudert. Einzig das gepeinigte Probaska stand nun ganz still, den Rüssel stolz erhoben, als wollte es den Zweibeinern spotten, die angesichts der Macht seiner Ahnin kopflos durcheinanderliefen.

Teriasch fletschte die Zähne. Seht ihr jetzt, wie leicht eure Ordnung zu erschüttern ist, ihr Narren? Was macht es für einen Unterschied, ob man Herr oder Sklave ist, wenn die Erde bebt und man den Tod vor Augen hat? Mit einem Mal verflog seine trotzige Freude über das Chaos unter den Harten Menschen, und die eisigen Finger der Furcht griffen auch nach seinem Herzen. Er sah die Kammer vor sich, in der Silicis die Sklavenflaschen aufbewahrte. Den Felsblock, der über einem anderen hing, an einem lächerlich kleinen Ring aus Skaldat. Was, wenn selbst das Skaldat dieser Urgewalt nicht standhalten kann?

Das Schwanken des Bodens ließ nach, zuerst kaum spürbar, dann immer deutlicher. Die tote Ratte hüpfte nicht mehr auf und ab, das blutende Geschwisterpaar schaffte es, schluchzend aufeinander zuzukriechen und sich fest zu umklammern.

Eine Hand fiel von hinten auf Teriaschs Schulter. »Hock da nicht rum, als hätten sie dir die Beine abgehackt! Wir müssen weg!« Rukabo tänzelte vor ihn, übers ganze runde Gesicht strahlend, zwei Lederbeutel in der Rechten. »Ich habe gerade ein sehr gutes Geschäft mit einer feigen Kröte gemacht!« Der Halbling half ihm beim Aufstehen. »Fünfzehn Rota, die wir auf den Kopf hauen können, und ein Sack Perlen für Silicis! Schnell jetzt, bevor Kaupodor merkt, dass der Turm noch steht!«

Heldenzorn: Roman
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