12

 

Oft hört man, die Unteren träumten sehnsüchtig davon,
ihr Leben gegen das ihrer Oberen zu tauschen,
weil es ihnen so viel leichter und unbeschwerter erscheint
als ihr eigenes. All diesen Träumern sei gesagt:
Ihr wisst nicht, wovon ihr da träumt.
Aus der Trauerrede der Edeldame Hostifizia Inanis anlässlich des vorzeitigen Dahinscheidens ihres dritten Gatten

 

Dropaxvir, der schwarzhäutige Pechmann, hatte sich in der ganzen Zeit, in der Teriasch in Silicis’ Besitz war, noch nie in die Stallungen verirrt. Umso verwunderlicher war es, dass er am Morgen nach dem Beben des Turms der Erde unvermittelt die Türschwelle zur Geräte- und Vorratskammer ausfüllte. Teriasch und Rukabo waren gerade dabei, tote Küken in die Fresssäcke für die Reißhirsche zu füllen, als sein Schatten auf sie fiel.

»Hast du dich verlaufen?«, erkundigte sich der Halbling. »Oder hast du heute Morgen glatt vergessen, wo der Übungshof ist, weil du gestern Abend einen Schlag zu viel auf den Deckel gekriegt hast?«

»Silicis’ Schritte sind im Begriff, ihn an diesen Ort zu führen«, sagte Dropaxvir ernst. »Und er wandelt nicht allein auf diesem Weg. Mich dünkt, wir haben hohen Besuch.«

»Wer ist es?«, fragte Rukabo, völlig ungerührt ob der gestelzten Ausdrucksweise, die Dropaxvir aus seiner Lieblingslektüre übernommen hatte.

»Es handelt sich um eine gar liebreizende Maid von edlem Geblüt.« Der Arenistus zuckte mit den breiten Schultern. »Ihr gewiss wohlklingender Name ist mir indes leider nicht bekannt. Unser Gebieter hat mich entsandt, euch aufzutragen, ein tadelloses Benehmen zu zeigen.« Dropaxvir nickte noch einmal knapp, dann war er auch schon wieder so rasch verschwunden wie ein Spuk, dem aufgefallen war, dass er am falschen Ort sein Unwesen trieb.

Es kann nicht sie sein. Teriasch stellte den Fresssack ab, während Rukabo bereits hinaus auf den Hof gehuscht war. Es darf nicht sie sein. Sein Herz schlug schneller und schneller, als er dem Halbling folgte.

Doch es war sie, die gemessenen Schrittes auf die Stallungen zukam. Nesca, deren wahrer Name so viel länger und deren Vater ein vieltausendfacher Mörder war. Auf eine Verkleidung wie bei ihrem Ausflug ins Vergnügungsviertel hatte sie verzichtet. Stattdessen trug sie ein eng am Körper anliegendes Kleid aus grünem Samt, dessen Ärmel dafür so weit und üppig geschnitten waren, dass die Saumzipfel bis zu ihren Knien herabbaumelten. Auf ihren hohen Wangen schimmerte Goldpuder, und ihr Haar wurde von zwei silbernen Spangen in der Form von Löwenpranken gehalten.

Auch Nescas Leibwächterin sah offensichtlich keinen Anlass, irgendjemandem etwas vorzuspielen: Ihr drahtiger Leib steckte in einem Plattenpanzer aus jenem glänzenden gelben Metall, aus dem die Harten Menschen ihre besten Rüstungen schmiedeten. In den Panzer waren feine Muster aus Blüten, Ranken und Dornen eingeätzt, ebenso wie in den Stiel des Streitkolbens mit dem Löwenkopf an ihrem Gürtel.

»Verzeiht, dass wir keine Vorbereitungen für Euren Besuch getroffen haben.« Silicis persönlich führte die Frauen durch sein kleines Reich. Er hielt sich mit einer Hand die Seite – wahrscheinlich weil ihm das jähe Erscheinen einer Tochter des Dominex auf die Galle schlug – und deutete mit der anderen auf den großen Misthaufen in der Ecke des Hofes. »Hätte ich davon gewusst, dass Ihr Euch ankündigt, wäre aller Unrat weggeschafft worden, damit er Euch nicht mit seinem Gestank belästigen kann.«

»Sorge dich nicht umsonst.« Nesca schenkte dem Arenabesitzer ein mildes Lächeln. »Wir haben uns nicht angekündigt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir das einfache Volk auf unverfälschtere Weise gegenübertritt, wenn ich mich ohne Gefolge und ohne großes Prozedere unter es mische. Oft wird mir nämlich viel zu viel Aufhebens um meine Person gemacht.«

»Deshalb haben wir auch die kleinste Sänfte genommen. Es reicht schon, wenn sechs Träger wissen, wo sich Ihre Hoheit aufhält, es müssen beileibe keine zwölf oder vierundzwanzig sein«, befand Carda nüchtern. »Das lockt nur Bittsteller und Schaulustige an.«

»Werden dort drüben die Tiere gehalten, die am Thronbesteigungstag kämpfen sollen?« Ihr Ton hatte nichts Spielerisches, sondern war von jener kühlen Distanz, mit der sich die Mächtigen gern an jene richteten, die weit unter ihnen standen.

»So ist es, Hoheit.«

»Ich will sie sehen«, verlangte Nesca.

»Selbstverständlich«, willigte Silicis ohne Umschweife ein. »Und es ist mir eine unvergleichliche Ehre, sie Euch zeigen zu dürfen.«

Nesca drehte den Kopf in Teriaschs Richtung. Sie schien erst jetzt von ihm Notiz zu nehmen, und obwohl er insgeheim und widerwillig auf ein Lächeln von ihr hoffte, blieb ihre Miene starr. »Er soll sie mir zeigen.«

Nur der Anflug eines Runzelns zeigte sich auf Silicis’ Stirn, dann gewann er die Beherrschung zurück. »Natürlich. Euer Wunsch ist mir Befehl.«

Bei den ersten Tieren, die Teriasch Nesca zeigte, stellte sie nur solche Fragen, wie er sie von jedem anderen interessierten Besucher auch erwartet hätte. Wäre Carda nicht gewesen, die ihrer Schutzbefohlenen nie mehr als einen oder zwei Schritte von der Seite wich, und hätte Silicis nicht eine ungewohnte, unterwürfige Gefasstheit an den Tag gelegt, wäre Teriasch versucht gewesen, zu vergessen, wer Nesca war. So jedoch ging ihm das Mädchen nicht mehr aus dem Sinn, das an dem Schleim erstickt war, nachdem das Kollare seine grausige Zaubermacht entfesselt hatte. Es ist nicht ihre Schuld. Sie hat die Flasche nicht zerbrochen, und sie ist auch nicht die Herrscherin der Harten Menschen, bettelte die eine Stimme in ihm immerzu. Die andere, zornigere hielt unbeirrt dagegen: Sie hat doch sicher das Ohr ihres Vaters. Wie kann sie es dann zulassen, dass so viele in Unfreiheit leben müssen? Warum bringt sie ihn nicht dazu, seine Wege der Herrschaft zu überdenken. Eine dritte, ruhigere empfahl ihm: Beantworte einfach ihre Fragen. Sie regt dich nur deshalb so auf, weil du in ihr etwas siehst, was sie nicht ist – ein Kind der grünen Weite, das es unter die Harten Menschen verschlagen hat. Zu seinem eigenen Erstaunen gelang es ihm irgendwie, dieser Stimme das meiste Vertrauen zu schenken und sich auf das zu konzentrieren, was Nesca von ihm wissen wollte.

»Wie gefährlich ist das Gift, das er in seinem Stachel trägt?«, fragte sie, als sie vor der ummauerten Grube im großen Stall standen, an deren Grund der Tausendfußskorpion mit den Fangscheren klackte.

»Ein Stich reicht aus, um ein Probaska zu töten«, gab Teriasch wieder, was er von Paetus gelernt hatte, aus dessen ferner Heimat am Weltenwall das garstige Kriechtier stammte.

»Manchmal braucht es auch zwei«, ergänzte Silicis. »Wenn es ein besonders großes Probaska ist.«

»Und da soll noch mal einer sagen, es käme nicht auf die Größe an«, gluckste Rukabo und fing sich einen strafenden Blick von Carda ein.

Vor der Behausung des Klauenbärs angekommen, betrachtete Nesca lange den großen, pelzigen Ball, zu dem sich der Räuber in einem Nest aus Stroh zusammengerollt hatte. »Ich habe bei Perkurio Venator gelesen, das sei eine der wildesten Kreaturen, auf die man in den Steinernen Forsten stoßen kann. Wie bekommt man sie so ruhig?«

»Man gibt ihnen Starkbier zu trinken«, sagte Teriasch.

»Beneidenswert«, seufzte Carda.

»Bereust du etwa deine Schwüre der Enthaltsamkeit?«, fragte Rukabo, ohne dass es ihm gelang, die Gehässigkeit dahinter ganz zu verbergen.

»Keiner meiner Schwüre verbietet es mir, aufmüpfige Sklaven zu züchtigen«, entgegnete die Scharlachrote Rose lapidar, und von da an hielt Rukabo gebührenden Abstand zu ihr.

Erst vor dem Verschlag, in dem das einzige Pferd in den gesamten Stallungen stand, tat Nesca eine Äußerung, die einem stillen Beobachter womöglich verraten hätte, dass Teriasch und sie einander schon einmal begegnet waren. Sie musterte erst den Schimmelhengst, der angesichts der vielen Besucher die Ohren anlegte und mit den Hufen zu scharren begann, dann Teriasch mit demselben prüfenden Blick. »Ein wunderschönes Geschöpf. Bist du ihn schon einmal geritten, Häuptling Teriasch von den Schwarzen Pfeilen?«, fragte sie schließlich.

»Nivalis duldet keinen Menschen auf seinem Rücken.« Für einen winzigen Moment gestattete Teriasch der zornigen Stimme in sich, die ruhige niederzuschreien. »Er hat nicht alle Freiheit aufgegeben, auch wenn er ein Sklave ist.«

»Ein Pferd, hm?« Carda schürzte die schmalen Lippen. »Ein Pferd scheint mir kein sehr gefährlicher Herausforderer für einen Arenistus zu sein, oder?«

»Nivalis wird einen Panzer tragen«, sagte Silicis rasch. »Mit langen Dornen daran, damit er seine Gegner aufspießen kann, wenn sie versuchen, seinem Ansturm standzuhalten. Und wir verpassen ihm scharf geschliffene Hufeisen. Dann wird jeder Tritt von ihm mindestens so gefährlich wie ein Hieb von Dropaxvir.«

»Schön!«, hallte eine laute, tiefe Stimme plötzlich durch den Stall. »Schön!«

Nun war es also doch geschehen: Nesca hatte Schaulustige angelockt, wenn auch nur zwei. Paetus und Gigas standen nebeneinander im Tor zum Stall. Wie fast immer hielt der schmaläugige Greis seinen Brocken von einem Freund an der Hand. »Schön!«, rief der Riese weiter, ohne dass Teriasch einzuschätzen vermochte, ob er nun Nesca oder Nivalis pries.

»Er soll seine verbockte Fres…« Silicis unterbrach sich selbst, ehe ihm die unangebrachte Derbheit ganz über die Lippen kam. »Es wäre schön, wenn er ruhig sein könnte, solange wir Besuch haben.«

»Willst du Ihrer Hoheit die Komplimente Ihrer einfältigsten Untertanen verwehren?«, stichelte Rukabo.

»Er stört mich nicht.« Nesca lächelte huldvoll. »Ich bin Lobpreisungen gewöhnt.«

Paetus redete beruhigend auf den Riesen ein und brachte ihn immerhin dazu, aus dem Rufen ein Raunen zu machen, mit dem sich Silicis zufriedengab.

Nesca wandte sich dem nächsten Käfig zu und lugte durch die dicken Gitterstäbe. »Ist dieser hier leer?«

»Keineswegs«, antwortete Silicis an Teriaschs Stelle. »Tretet bitte nicht zu dicht heran. Darin halten wir eine unserer Täuscherechsen aus dem Wispernden Dschungel.«

»Oh.« Nesca wich durch eine leichte Drehung Carda aus, die schon die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, um sie ein Stück zurückzuziehen. »Sind das die zweibeinigen Echsen, die die Farbe ihrer Schuppen der Umgebung anpassen und so beinahe unsichtbar werden können?«

»Ganz recht«, sagte Silicis voll Besitzerstolz. »Irgendwo da drinnen, Hoheit, hält sich vor unser aller Augen eine reißende Bestie verborgen. Womöglich liegt sie in dieser Kuhle in den Spänen dort. Ja, ich glaube, das ist sie.«

Nesca beugte sich noch dichter an das Gitter. »Wo, sagst du?«

»Da. Neben dem Futternapf.«

Ich sehe sie nicht. Teriasch kniff die Augen zusammen; er hätte Stein und Bein schwören können, dass der Käfig leer war.

»Äh …« Rukabo hob einen Finger. »Silicis …«

»Jetzt nicht!«, blaffte Silicis. »Ich zeige Ihrer Hoheit gerade, wohin sie am besten Ihren Blick richtet, um die Echse zu sehen.«

»Das ist es doch, was ich meine.« Rukabo deutete auf das Schloss an der Seite des Gitters. »Siehst du die Kratzer da?«

Silicis wurde blass. »Bei Bhagarions blutiger Axt!«

»Was ist los?« Cardas Hand fuhr an den Griff ihres Streitkolbens.

»Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber …« Rukabos Stimme klang belegt. »Wenn ich mich mit etwas auskenne, dann sind es geknackte Schlösser. Und dieses Schloss hier sieht mir so richtig geknackt aus. Will heißen: Ich glaube nicht, dass da noch eine Echse drin ist.«

Aber wo ist sie dann? Teriasch sträubten sich die Nackenhaare. Instinktiv nahm er eine geduckte Haltung an und sah sich nach allen Seiten um, die Fäuste geballt.

»Das Tier ist ausgebrochen?« Carda zog ihre Waffe.

»Nein … nein … ich …«, stammelte Silicis. »Jemand … muss es … irgendwer hat es … befreit.«

»Befreit, ausgebrochen. Armbrust, Arkakrux«, knurrte Carda. »Wie kann so etwas passieren, du fette Missgeburt?«

»Wir hätten das Vieh heute Morgen noch füttern sollen«, flüsterte Rukabo Teriasch zu. »Das halbe Schwein …«

Wenn der Halbling gehofft hatte, die Scharlachrote Rose würde ihn nicht hören, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, Silicis Vorhaltung zu machen, hatte er sich getäuscht. Carda packte ihn am Kragen und schüttelte ihn. »Was hast du gerade gequakt, du Frosch?«

»Die Echse ist hungrig«, sagte Teriasch.

»Hungrig?« Carda ließ von Rukabo ab. »Verbockt! Wie jagt dieses Biest?«

Zum zweiten Mal überraschte Nesca Teriasch mit einem Wissen, das er ihr nicht zugetraut hätte. »Es kriecht am Boden auf seine Beute zu.« Sie wirkte völlig gefasst, als bräuchte es mehr als eine unsichtbare Raubechse, um sie aus ihrer herrschaftlichen Fassung zu bringen. »Sobald das Tier nah genug heran ist, setzt es zu einem Sprung an und benutzt neben seinen Biss auch seine Klauen, um sein Opfer zu töten. So viel Zeit es sich beim Heranpirschen lässt, so rasch und grausam schlägt es zu. Es jagt nämlich hauptsächlich trägere Echsen, die auf schnelle Bewegungen in ihrer Nähe mit Flucht reagieren.«

»Sie könnte also überall sein.« Carda stieß Silicis mit dem Streitkolben vor die Brust. »Wir brauchen einen sicheren Ort für Ihre Hoheit, bis diese Kreatur zur Strecke gebracht ist.«

»Ja. Ja.« Silicis zeigte der Leibwächterin den roten Ring an seiner Rechten. »Hier. In meiner Schreibstube gibt es eine gesicherte Kammer. Dort wird ihr nichts zustoßen. Mein Wort darauf.«

»Schwafel nicht! Bring uns hin!«

Silicis eilte schnaufend voran, Schweiß auf der Stirn, die Hand so tief in seine Seite vergraben, als wollte er sich die Galle eigenhändig herausreißen. Die anderen folgten ihm, Carda an Nescas Seite, Teriasch und Rukabo bildeten die Nachhut des kleinen Zuges.

»Platz da! Platz da, ihr Narren!«, rief Silicis auf dem Weg zum Tor.

Gigas raunte noch immer »Schön! Schön!«, ließ sich aber bereitwillig von Paetus beiseiteziehen. Schon war Silicis an dem Riesen vorbei, doch als Carda und Nesca an ihm vorüberschritten, verstummte Gigas, haschte nach einem der weiten Ärmel von Nescas Kleid und zerrte sie daran dicht an seinen grauen Leib.

Wortlos schlug ihm Carda den Streitkolben auf die Finger, Gigas löste seinen Griff jedoch nicht. Er wankte nur rückwärts drei Schritte auf den Hof hinaus, und Nesca taumelte ihm gezwungenermaßen nach.

»Was hat er?«, fragte sie, die leiseste Spur Beunruhigung in der Stimme.

»Als ob wir jetzt auch noch einen schwachsinnigen Riesen bräuchten, dem die Nerven durchgehen«, keuchte Rukabo hinter Teriasch.

Carda holte zu einem weiteren Hieb aus. Paetus fiel ihr mit einer Geschmeidigkeit, die sein Alter Lügen strafte, in den Arm. »Schläge werden ihn nur wütend machen«, sagte der Greis.

»Pfeil!«, grunzte Gigas aufgeregt und legte den massigen Kopf in den noch massigeren Nacken, um irgendwo nach schräg oben zu blicken. »Pfeil!«

»Er sieht wohl einen Pfeil«, stellte Paetus unnötigerweise fest und sah dorthin, wohin der Riese schaute.

Carda nutzte die Ablenkung und wollte Paetus ihren Arm entreißen. Alles, was sie damit erreichte, war, dass der Alte einen halben Schritt vor ihr zurückwich und Nesca auf den Fuß trat.

»Au!« Nesca zeigte endlich eine Regung, die der Lage halbwegs angemessen war. Sie hüpfte kurz auf einem Bein, prallte gegen Gigas’ Bauch und wäre gestürzt, wenn Teriasch nicht herbeigesprungen wäre, um sie zu stützen.

Warum mache ich das? Ich hasse sie!

»Pfeil!«, donnerte Gigas. »Pfeil!«

Paetus stieß eine schrille Silbe in der Sprache seiner Heimat aus. Sein freier Arm wurde zu einem verwaschenen Schemen, der über seine Brust huschte. Dann hielt er plötzlich einen kurzen gefiederten Bolzen in den Fingern.

Carda erstarrte.

»Nein«, hauchte Nesca, und ihre Finger krallten sich fest in Teriaschs Schulter.

»Leck mir die Nüsse!«, entfuhr es Rukabo.

»Pfeil?«, kam es erstaunt aus dem Mund des Riesen.

Silicis stöhnte nur.

»Der Schütze flieht«, sagte Paetus ruhig. Er deutete mit der Spitze des Bolzens auf die Zinnen einer nahen Mauer.

Teriasch riss den Kopf nach oben. Ihr Geister! Ein schlanker Mann sprang so geschickt und ohne jedes Zögern von Zinne zu Zinne, als hätte er sein ganzes Leben damit verbracht, akrobatische Kunststücke in schwindelnder Höhe zu vollführen. Er war ganz in braunes Leder gekleidet, das seinen Körper umhüllte wie eine zweite Haut – einschließlich einer Maske, die bis auf schmale Schlitze für Mund, Nase und Augen seinen gesamten Kopf umschloss. In einer Hand hielt er eine Arkakrux, die kaum größer war als seine Faust.

Nesca riss sich von Teriasch los. »Worauf wartest du? Hol ihn dir«, befahl sie Carda.

Carda rührte sich nicht. »Mein Platz ist bei Euch, Hoheit.«

»Dein Platz ist dort, wo ich es dir befehle!«, sagte Nesca scharf. »Du könntest schon längst auf der Mauer sein.«

Die Kiefermuskeln der Scharlachroten Rose spannten sich an, doch sie rannte los, zu einem Schuppen, erklomm das Dach, hielt inne und brüllte: »Bring sie endlich in deine verbockte Kammer!«

Silicis stand stramm, nur um gleich wieder in der Hüfte einzuknicken, das Gesicht schmerzverzerrt.

Carda war bereits vom Dach des Schuppens auf das des Stalls geklettert, von wo aus sie offensichtlich plante, dem Mann in Braun den Weg abzuschneiden. Sein Kopf ruckte erst zu ihr herum, dann schaute er an einen Punkt hinter der Mauer und sprang herab.

»Sie wird Hilfe brauchen.« Paetus tätschelte Gigas’ Hand. »Er wird brav sein.«

Staunend beobachtete Teriasch, wie der Greis sich auf der gleichen Route wie Carda zu den Mauerzinnen aufmachte. Er zweifelte kurz an seinen Sinnen, denn Paetus bewältigte die Hindernisse mit einer eleganten Leichtigkeit, die der der Scharlachroten Rose in nichts nachstand. Binnen weniger Wimpernschläge waren sie beide hinter der Mauer verschwunden.

»Ihr habt die nette Frau gehört«, krähte Rukabo. »In deine Kammer, Silicis. Sonst enden wir noch als Echsenfutter.«

»Wer war dieser Mann?«, fragte Teriasch Nesca.

»Ein gedungener Mörder«, war ihre knappe Antwort.

»Warum will er dich töten?« Tu nicht so unschuldig, spottete die zornige Stimme in seinem Kopf. Als ob du nicht selbst darüber nachgedacht hättest, genau das zu tun, damit ihr Vater lernt, was Leid ist

»Warum er sie töten will? Das hat sie doch gerade gesagt!« Rukabo trippelte ungeduldig auf der Stelle. »Weil ihn jemand dafür bezahlt, verbockt! Ich hätte nur gedacht, dass man sich mehr als einen schäbigen Letzten Seufzer leistet, wenn man es schon auf eine Tochter des Dominex abgesehen hat. Können wir jetzt bitte los?«

»Die halbe Portion hat recht«, meldete sich Silicis ächzend zu Wort. »Ihr seid hier nicht sicher, Hoheit.«

»Ich würde dir nur zu gerne folgen«, sagte Nesca. »Aber dein großer Sklave hat dagegen sehr entschiedene Einwände.«

Gigas hatte den Ärmel von Nescas Kleid noch immer nicht losgelassen, und er machte auch keinerlei Anstalten, sich irgendwann in allernächster Zukunft in Bewegung zu setzen. Er stand einfach nur da, starrte quer über den Hof in die Nähe des Misthaufens und blähte in rauschenden Atemzügen die Nasenlöcher.

»Was macht er da?«, jammerte Rukabo. »Er wird uns alle umbringen.«

»Du wirst mir gleich ein Kleid schulden, Silicis«, kündigte Nesca an. Sie legte ihren freien Arm senkrecht an ihren Rumpf, schüttelte ihn kurz, und als sie ihn wieder hob, blitzte eine fingerlange Klinge in ihrer Hand. Sie begann zügig, den zusammengerafften Stoff zu zerschneiden, der sie an die Faust des Riesen fesselte.

»Ihr … Ihr seid … eine … Klingentänzerin.« Silicis verfiel wieder in Stammeln.

»Ich hatte sehr viel Zeit, sehr viele nützliche Dinge zu lernen«, erwiderte sie.

»Schön!«, raunte Gigas wieder. »Schön!«

Teriasch lachte auf. Dann hat er vorhin also auf keinen Fall den Schimmel gemeint. Sein Lachen blieb ihm im Halse stecken, als er bemerkte, dass Gigas jedoch keineswegs die Tochter des Dominex ansah. Der Blick seiner schwarzen Augen haftete nach wie vor an etwas auf der anderen Seite des Hofes, das scheinbar nur er sehen konnte.

»Schön!«

Die Erkenntnis traf Teriasch wie ein Schlag ins Gesicht.

»Schön!«

Aber er meint auch nicht sie! Die Wanderin sei mit mir, er meint die Echse!

»Still!« Er packte Nescas Hand, die mit dem Messer.

»Was soll das?«, protestierte sie.

»Lässt du sie wohl los?« Silicis schlurfte einen schweren Schritt auf Teriasch zu. »Dafür werde ich ihm die Haut abziehen, Hoheit!«

»Still!«, forderte Teriasch noch einmal. »Der Riese sieht die Echse.«

»Schön!«

Abgesehen von Gigas verschlug es allen anderen die Sprache. Einer nach dem anderen taten sie dasselbe, was Teriasch versuchte: dem Blick des Riesen zu folgen.

Da! Teriasch erahnte die Umrisse der Echse mehr, als dass er sie tatsächlich sah. Der Anblick war ein höchst befremdlicher. Wie wenn Leben in ein Stück des Bodens geraten wäre und es beschlossen hätte, langsam davonzukriechen … Nur anhand der Richtung der schleichenden Bewegung war er sich überhaupt sicher, wo der Kopf und wo der Schwanz des Tiers war. Und es war wiederum diese Richtung, die ihm ein Rätsel aufgab. Sie hat Hunger. Aber warum kommt sie dann nicht näher? Wohin kriecht sie da? Weg von uns? Weg von ihrer Beute?

»Will sie zum Misthaufen?«, wisperte Rukabo. »Ich dachte, sie frisst Fleisch und keine Scheiße.«

Teriaschs Blick schweifte über den Berg aus fliegenumschwirrten Exkrementen – und blieb an einem Punkt hängen, an dem ein Sonnenstrahl auf einer winzigen spiegelnden Oberfläche gleißte. Hat eines unserer Tiere eine Münze ausgeschissen? Oder ein Kettenglied? Dann begriff er, was es mit dem Lichtreflex auf sich hatte.

»Nein!«, brüllte er und stellte sich schützend vor Nesca. Er konnte nicht sagen, warum sein Zorn sich nun Bahn brach. Weil der Mann mit der kleinen Arkakrux, der sich im Misthaufen unter einer Schicht Dung getarnt und auf die Tochter des Dominex angelegt hatte, Nesca das Leben nehmen wollte? Oder weil dieser Mann es wagte, das zu tun, was Teriasch lieber selbst tun wollte, wenn die richtige Zeit dafür gekommen war? Weil er ihm seine Beute streitig machte?

Letztlich spielte all das keine Rolle. Teriaschs Zorn suchte sich das bereitwilligste Gefäß, das sich ihm anbot. Die Echse schnellte auf den Attentäter zu, und ihre Tarnung fiel von ihr ab. Es war ein herrliches Tier, das Teriasch an seinen Drachentraum erinnerte – schwarz schillernde Schuppen, eine lange, flache Schnauze voller Zähne, kalte Augen. Ihre Beute kam nicht dazu, einen Schuss abzugeben. Zu rasch war die Echse heran. Ihre Kiefer schlossen sich um den Kopf des Mannes, ihre Krallen schlugen in seinen Rücken.

Teriasch spürte nur wie beiläufig die Hitze seines Kollare und die Wärme von Nescas Haut, deren Handgelenk er weiter gepackt hielt. Hörte nur gedämpft den erschrockenen Schrei aus Rukabos Kehle, das jubelnde »Schön! Schön!« des Riesen.

Ein greller Blitz und ein ohrenbetäubender Donnerschlag schienen zusammenzufallen, als die Echse und ihre Beute gemeinsam vergingen, zerfetzt zu blutigen Klumpen und rauchenden Brocken, die klatschend auf das Pflaster prasselten. Weißer Qualm wuchs als bizarrer Pilz in den Himmel. Am Rand des schwarzen Kraters im Misthaufen, wo eben noch das Raubtier über den Menschen hergefallen war, züngelten Flämmchen.

Ein hohes Pfeifen ließ Teriasch wild den Kopf schütteln, und er fühlte seinen Zorn ermatten, weil es keinen Sinn hatte, ihn gegen die grausigen Überbleibsel eines ausgelöschten Ziels zu wenden.

»Bumm!« Gigas hielt sich die Ohren zu. »Bumm!«

»War das die Echse?« Silicis blinzelte nur immerzu. »Hat die Echse ihn so in Stücke gerissen?«

»Nein.« Rukabo schnupperte. »Riecht mal.«

Teriasch nahm einen schwachen, beißenden Gestank wahr, der ihn in der Nase kitzelte. Woher kenne ich diesen Geruch? Woher kenne ich diese Mischung? Blut, verbranntes Fleisch und … Er hielt den Atem an. Dieser Geruch zog über die Steppe, als ich das Lied für Dokescha gesungen habe. Nach dem Kampf an der Arx. Nachdem die Echsenreiter Feuer vom Himmel regnen ließen …

»Sprengpulver.« Rukabo streckte die Zunge aus dem Mund, zog sie wieder zurück, schmatzte wie ein Koch, der eine Suppe abschmeckte, und spie aus. »Tausend zu eins. Sprengpulver. So wahr ich noch nie Schuhe anhatte.«

Teriasch fühlte etwas Kaltes an der Hand, mit der er Nesca festhielt.

»Du kannst mich jetzt loslassen«, sagte sie, die Klinge ihres Messers mit gerade so viel Kraft an seine Knöchel gepresst, dass sie nicht in die Haut schnitt.

»Ist das dein Dank?«

»Wofür?«

»Für dein Leben.« Er lockerte den Griff um ihr Handgelenk.

Lächelnd hob sie das Messer von seinem Fleisch. »Hattest du dir etwa mehr versprochen, Teriasch von den Schwarzen Pfeilen?«

Heldenzorn: Roman
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