11
Es heißt, der Dominex schlafe nie. Die einen sagen, dem wäre so, weil er unermüdlich über das Haus wacht, in dem alle Häuser sind. Die anderen wissen, dass er tausend Töchter hat.
Aus einem Manuskript des verschollenen Possenreißers Kavillatio Malujokus
»Da drüben fangen wir an.« Rukabo zeigte auf den Eingang eines Rauchhauses, in dem die Schwaden besonders dicht unter der Decke hingen. Halb nackte Tänzerinnen und Tänzer verrenkten zum Klang von Schellenkränzen und Flöten ihre Hüften und Gliedmaßen in nahezu unglaublichen Winkeln. »Du wirst sehen, es ist gar nicht so leicht, auf die Schnelle fünfzehn Rota zu verprassen, wenn wir vor Sonnenuntergang wieder in der Arena sein sollen.«
Einerseits war es für Teriasch verstörend, wie hartnäckig Rukabo das Beben des Turms der Erde ignorierte und sich stattdessen an der Aussicht erfreute, Silicis’ Geld mit beiden Händen auszugeben. Andererseits half das Verhalten des Halblings ihm dabei, nicht zu viel darüber nachzudenken, was wohl geschehen wäre, wenn sein Zorn auf die beiden Kinder, die das Probaska geärgert hatten, noch größer ausgefallen wäre. Hätte die Mutter aller Rüssel den Turm mit ihrem Wüten wirklich zum Einsturz gebracht? Wäre ich dann schon bei meinen Ahnen? Ich muss Rukabo am Ende sogar dankbar sein, dass er sich geweigert hat, mich zum Turm des Feuers zu führen. Wer weiß, wohin mein Zorn sich gewandt hätte, wenn der Drache aus meinem Traum die Wahrheit gesagt hat und in diesem Turm keine Kreatur gefangen ist. Oder schlimmer noch: Wenn Schwarzschwinge gelogen hat und ich ein noch viel gefährlicheres Wesen als die Mutter aller Rüssel mit meinem Zorn in Raserei versetzt hätte …
Auf dem Weg in eines der Vergnügungsviertel Kalvakorums war nicht zu überhören gewesen, wie besorgt die Bewohner über die unheimlichen Vorgänge am Turm der Erde tatsächlich waren.
Soldaten patrouillierten paarweise die größeren Straßen, und einmal hatte einer seinem Kameraden eine bedrückende Vermutung offenbart: »Kann es nicht sein, dass der Dominex – gepriesen sei er! – krank ist und deshalb den eingesperrten Behemoth nicht mehr richtig im Zaum halten kann? Oder was ist, wenn er schlicht zu alt ist und kurz davor, seinem Vater zu den Göttern nachzufolgen? Dann stürzt bald der gesamte Himmel über uns ein!«
Bevor sich Teriasch jedoch seine eigenen Gedanken zu dieser Vermutung machen konnte, hatte Rukabo ihn gefragt: »Bist du eigentlich schon einmal bei einem Muskelkneter gewesen, der dich so richtig durchgewalkt hat? Ich kenne da einen, der verschafft dem ganzen Drücken und Reiben und Pressen für ein paar kleine Münzen einen besonders glücklichen Ausgang, wenn du verstehst, was ich meine.«
Vor einem Brunnen, an dem eine Gruppe Sklaven beieinanderstand, hatte Teriasch eine andere Deutung der Ereignisse aufgeschnappt. »Vielleicht hat sich der Priesterrat dabei vertan, welchem Behemoth die Opfer aus der nächsten Losziehung zustehen. Dann grollt uns jetzt die Erde nur, weil sie meint, das Feuer wäre uns wichtiger als sie. Was für eine Schande!«
Rukabo hatte Teriaschs Sorgen durch einen Hinweis auf eine ungewöhnliche Köstlichkeit zerstreut: »Ich hoffe, wir finden einen Laden, der Weinäpfel im Angebot hat. Ich weiß, was du jetzt denkst. ›Warum nur ist er so in Wallung wegen ein paar eingelegter Früchte?‹ Aber du irrst, mein Freund, du irrst dich ganz gewaltig. Weinäpfel heißen Weinäpfel, weil sie so gezüchtet wurden, dass sie noch am Ast vergären. Fressen und Saufen in einem! Besser wird’s nicht, das verspreche ich dir.«
Die Insassen zweier parallel am Straßenrand abgestellten Sänften hatten eine vollkommen andere Erklärung für das Beben und Schwanken des Turms gefunden: »Machen wir uns nichts vor. Da war Sprengpulver im Einsatz. Wir haben in letzter Zeit einfach zu vielen Sklaven die Freiheit geschenkt, die damit nicht umgehen können und sich nun daranmachen wollen, unsere ganze Ordnung auf den Kopf zu stellen. Man traut sich ja kaum noch aus der Villa vor lauter Angst, grundlos ermordet zu werden.«
Auch darüber hatte Teriasch nicht länger sinnieren können, weil Rukabo von einer weiteren Attraktion des Viertels geschwärmt hatte: »Ich weiß etwas, das ganz nach deinem Geschmack sein dürfte: Klangscheiben aus Skaldat. Wenn ein wahrer Meister sie spielt, löst jeder neue Ton eine andere Empfindung aus, je nachdem, welche Scheiben zusammen schwingen. Rot und blau machen einem ordentlich Feuer in der Hose, und bei schwarz und weiß würde nur ein Stein nicht das Heulen kriegen. Man kann richtig süchtig danach werden.«
Kaum hatte er das gesagt, fand er offenbar eine andere Zerstreuung verheißungsvoller. Er steuerte auf ein Rauchhaus zu.
»Moment!« Rukabo blieb wie angewurzelt stehen und blockierte mit seinem rechten Arm Teriasch den Weg. »Was haben wir denn da?«
Teriasch folgte den Blicken des Halblings. In einer dunklen Gasse neben dem Rauchhaus erspähte er zwei Menschen, die in ein hitziges Wortgefecht verwickelt waren. Eine kahl rasierte Frau in einem ärmellosen, knielangen Mantel aus schwarzem Echsenleder, dessen Nähte von Pailletten aus Rubinen kaschiert waren, redete heftig auf eine wesentlich kleinere Person ein, die trotz der Hitze dick in einen braunen Kapuzenmantel vermummt war. Vor Mund und Nase hatte sie sich ein Tuch gebunden, wie wenn sie sich vor den aufdringlichen Gerüchen des Viertels schützen wollte.
»Wo immer man auch schreit und zankt, sich bald ein schlauer Dieb bedankt«, murmelte Rukabo und vollzog eine erstaunliche Verwandlung, als er sich den beiden Streithähnen näherte. Er torkelte und schwankte ungelenk und drohte mehrfach über die eigenen Füße zu stolpern. Er ruderte schwach mit den Armen, ließ mal sein linkes, dann sein rechtes Augenlid hängen und gab ein schräges Krächzen von sich, das nur mit viel gutem Willen als Lied durchging. Soweit Teriasch das feuchte Lallen richtig verstand, handelte es von einer Katze, die einfach nicht auf dem Schoß eines Mannes stillsitzen wollte, um dessen Streicheln zu erdulden.
Wie auch immer Rukabos weiterer Plan ausgesehen haben mochte, er ging nicht auf. In dem Augenblick, da ihn die Kahlköpfige bemerkte, stellte sie ihr Gezeter ein und stellte sich schützend vor den Vermummten. »Wenn dir was an deinen fetten Fingern liegt, du haariger Wicht, dann behältst du sie besser bei dir und siehst zu, dass du Land gewinnst, klar?«, herrschte sie Rukabo an.
»Was? Wie? Isch?« Rukabo fiel nicht aus der Rolle, als hätte er die Hoffnung, sein neu gewonnenes kleines Vermögen zu vergrößern, noch nicht ganz aufgegeben. »Weischt du, wo hihier eine Lalatrine is’? Der leletzte Schlalauch Wein war schlescht.«
»Abmarsch, hab ich gesagt!«
Die ersten Passanten wurden von der putzigen Szene angezogen, nahmen aber nach einem wenig freundlichen »Das gilt auch für euch, ihr Dreckspack!« der Kahlköpfigen sogleich wieder Abstand und schlenderten weiter.
Ich würde mich nicht mit ihr anlegen. Nicht bei den sehnigen Armen und der Laune. Teriasch beschloss, seinen Freund aus der misslichen Lage zu retten, und eilte auf die Gasse zu. »He, Rukabo, hör sofort auf, diese Leute zu belästigen!«
»Und da kommt auch schon der Kumpan, der für die zweite Ablenkung sorgen soll, falls die erste scheitert!«, höhnte die Kahlköpfige. »Wann begegne ich endlich einmal Dieben, die nicht auf Schläge aus sind?«
»Wir sind keine Diebe«, sagte Teriasch schnell und hob die Hände. »Er ist nur betrunken.«
»Warum rieche ich dann keinen Fusel an ihm? Wenn der da betrunken ist«, sagte die Frau abschätzig, »bin ich eine Hure.«
»Was verlalalangst du denn so, mein Schaschatz?«, lallte Rukabo.
»Jetzt reicht’s!« Die rechte Hand der Kahlköpfigen huschte unter ihren Mantel.
»Halt, Carda!« Der Vermummte hatte eine ungewöhnlich helle, aber keineswegs unangenehme Stimme, auch wenn sie ein wenig heiser klang. »Siehst du denn nicht, wer die beiden sind?« Er fasste die Kahlköpfige am Arm und zog sie drei, vier Schritte tiefer in die schattige Gasse hinein. »Das sind der Häuptling und sein Pferd.«
»Hörst du das?« Rukabo richtete sich kerzengerade auf und grinste Teriasch an. »Ich hab’s dir doch gesagt. Wir sind berühmt.«
»Ich will ihn mir ansehen«, kam es aus der Gasse von dem Vermummten.
»Das kann ich leider nicht zulassen«, knurrte Carda, die die Hand noch immer nicht wieder unter dem Mantel hervorgenommen hatte.
»Und wenn ich es befehle?«, fragte der Vermummte.
»Wie Ihr meint.« Carda gab sich geschlagen, doch ihr Gesicht blieb eine Maske entnervten Misstrauens. »Gut, ihr zwei. Dann kommt mal her.«
»Was wollt ihr von uns?«, fragte Teriasch, der einen beunruhigenden Gedanken gefasst hatte. Könnte es sein, dass wir gerade dabei sind, selbst auf ein Paar Diebe hereinzufallen? Ich habe nicht erst vorhin einen Turm ins Wanken gebracht, der angeblich für die Ewigkeit gebaut ist, um mir jetzt in dieser Gasse ein Messer zwischen die Rippen jagen zu lassen.
»Sei doch nicht so bockig.« Rukabo schritt stolz in die Gasse hinein. »Es ist wichtig für einen guten Arenistus, sich Zeit für seine Bewunderer zu nehmen.« Er verbeugte sich. »Rukabo der Name. Auch bekannt als der Kater von Kalvakorum, wenn ich das bei aller Bescheidenheit anmerken darf.«
Der Vermummte ignorierte den Halbling. Sein Blick blieb starr auf Teriasch geheftet, als er sich das Tuch vom Gesicht schob und die Kapuze zurückschlug.
Nein! Sie! Teriasch öffnete den Mund, doch alles, was er zustande brachte, war ein verblüfftes Ächzen. Der Vermummte war kein Mann. Er war eine Frau. Noch dazu nicht irgendeine. Wer ihn da aus der Gasse heranwinkte, war niemand anderes als die rothaarige Frau, die Teriasch im Traum erschienen war. Die Tochter des Dominex aus der Arena, deren dunkle Haut und mandelförmige Augen ihr den Anschein einer Steppenbewohnerin verliehen.
Teriasch war nicht der Einzige, den diese Enthüllung überraschte. »Hoheit!«, entfuhr es Rukabo schrill. »Wenn ich das geahnt hätte! Verzeiht mein ungebührliches Betragen von eben.« Er verbeugte sich ein weiteres Mal, tief genug, dass er fast vornübergekippt wäre und sich nur durch einen flinken Griff nach Cardas Mantelsaum vor einem Sturz bewahren konnte. »Ihr seid noch liebreizender, als ich es schon aus der Ferne bestaunen durfte.«
»Finger weg!«, knurrte Carda.
Rukabo ließ seine Hand zurückzucken, als hätte er eine heiße Herdplatte angefasst. »Dann bist du …« Er griff sich an die Brust und starrte die Kahlköpfige ehrfürchtig an. »Dann musst du eine Scharlachrote Rose sein.«
»Genau.« Carda nickte. »Und alles, was man sich über uns erzählt, ist wahr. Wir kennen mehr Wege, einen Menschen vom Leben zum Tode zu befördern, als eine Rose Dornen hat. Also benimm dich gefälligst.«
»Ich schwöre, dass ich keine Gefahr für die Herrschaftliche Hoheit darstelle«, winselte Rukabo. »Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist. Und wenn dir das nicht genügt, schwöre ich es bei meinen Nüssen.«
»Warum weigert sich dein Freund, den Wünschen Ihrer Hoheit Folge zu leisten?«, fragte Carda kühl.
Rukabo wirbelte zu Teriasch herum. »Kommst du wohl her, du Trottel!«
Teriasch blieb, wo er war, zu erschüttert von der Begegnung, die er unmöglich als einfachen Zufall abtun konnte. Er sah die verlogenen, boshaften Schicksalsgeister dieses Landes förmlich vor sich, wie sie darüber kicherten, welche beiden Fäden sie gerade miteinander verwoben.
»Er ist eben stolz.« Die Tochter des Dominex lächelte. »Ein echter Häuptling der Steppe.«
Es war ihr Lächeln, das ihn letztlich dazu verleitete, ihrer Aufforderung nachzukommen und in die Gasse zu treten. Ein Lächeln auf einem Gesicht, das denen seiner liebsten Menschen so verlockend ähnlich war, auch wenn er sich fern der Heimat aufhielt. Noch dazu lag nichts Böses in ihrem Blick, nur Neugierde, wie man sie vielleicht empfand, wenn man etwas Schönem gegenüberstand, das einem zugleich unbegreiflich war. »Hast du einen Namen?«, fragte sie.
»Hast du denn einen?«, gab Teriasch zurück.
»Man sagt nicht Du zu ihr!«, flüsterte Rukabo entsetzt mit einem ängstlichen Seitenblick auf die Leibwächterin. »Man sagt Ihr und Euch und Euer, du Barbar!«
»Wieso?« Was will er bloß von mir? »Ich sehe da nur eine Frau, die vor mir steht, nicht zwei.«
Rukabo stöhnte gequält.
»Ich nehme dir deine aufrichtige Art nicht übel«, sagte die Tochter des Dominex. »Ich bin Julanesca Venustas Gramenita Ignissetta Nata Grandus.«
»Das ist ein sehr langer Name.«
»Du kannst mich Nesca nennen.«
Nun war es die Kahlköpfige, die ein gequältes Stöhnen von sich gab.
»Ich bin Teriasch von den Schwarzen Pfeilen. Du kannst mich Teriasch nennen.«
»Ich mag deine Zöpfe, Teriasch.« Nesca strich ihm mit einem Finger durch das Haar an seiner Schläfe, und er bekam eine Gänsehaut. Es war mehr als eine schlichte Regung seines Körpers ob der Berührung. Die Geste rief ihm seinen Traum, in dem sie sich als Trugbild des Kala Hantumanas entpuppt hatte, in aller Deutlichkeit ins Gedächtnis. Aber ihr Finger ist ganz warm, und sie riecht nicht nach Moder. Sie riecht … gut. Wie Blumen und Honig und Früchte.
Ihr Finger wanderte über seine Wange zu den Lippen. »Und ich mag diese Linien um deinen Mund.«
»Es sind Flammen«, murmelte er, und obwohl er versuchte, seine Lippen dabei kaum zu bewegen, stellte er fest, dass ihre Haut noch besser schmeckte, als sie duftete.
»Du hast noch mehr Hautbilder, oder?«
Er nickte.
»Wo?«
»Auf der Brust.«
»Ah.« Sie griff nach dem Kragen seiner Tunika, zog den Stoff nach unten und stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Haut zu begutachten. »Kreise. Du bist ein Schamane.«
Teriasch stutzte und wollte fragen, woher sie das wusste.
Carda hinderte ihn daran, indem sie an Nescas Seite trat, sie sanft ein Stück von ihm wegschob und ihr die Kapuze wieder hochschlug. »Vergesst bitte nicht, wo Ihr seid, Hoheit. Wir sollten gehen. Wir sind schon zu lange hier.«
»Lasst Euch durch uns ja nicht aufhalten«, sagte Rukabo eilfertig und mit einer neuerlichen Verbeugung. »Womit ich auf keinen Fall sagen will, dass mir Eure strahlende Gegenwart nicht die Seele streichelt, Euer Hoheit.«
»Was macht ihr hier?«, fragte Teriasch.
Rukabo knuffte ihn gegen das Knie. »Nichts, was zwei jämmerliche Gestalten wie uns auch nur im Entferntesten etwas angeht. Was fällt dir ein, dich in die Angelegenheiten deiner Oberen einmischen zu wollen?«
Carda nickte in spöttischer Anerkennung. »So viel Weisheit hätte ich einem räudigen Dieb gar nicht zugetraut.« Dann wandte sie sich an ihre Schutzbefohlene und deutete auf die Mündung der Gasse. »Lasst uns doch bitte aufbrechen, Hoheit, ja?«
»Noch nicht.« Teriasch stellte sich ihnen in den Weg. »Ich muss erst noch etwas von dir wissen.«
Nesca machte erst ein überraschtes Gesicht, ehe sie erneut lächelte. Carda hingegen hatte in Windeseile einen Dolch mit einer blutroten, geflammten Skaldatklinge gezückt, den sie auf Teriasch richtete. »Mach Platz, Junge!«
»Er meint es nicht so, er meint es nicht so«, jammerte Rukabo, der bleich wie ein Schluck Milch war.
Nesca legte eine Hand auf Cardas Arm. »Was willst du mich fragen?«
»In der Arena, als du uns gegen den Krebskrieger kämpfen gesehen hast …« Teriasch versuchte sein Bestes, nicht darauf zu achten, wie spitz und scharf Cardas Dolch war. »Silicis wollte, dass wir sterben, als die Feles nicht das taten, was sie sollten, und statt uns den Krebskrieger gefressen haben. Du warst es, die das verhindert hat, oder?«
»Das ist nicht dein Ernst«, ächzte Rukabo. »Deswegen hältst du die edle Dame auf? Damit du mir gegenüber im Recht sein kannst? Ich fasse es nicht.«
Nesca sah Teriasch nachdenklich an. »Ich habe ihm nur einen Rat gegeben, mehr nicht. Dass es sich nicht schickt, Mut mit dem Tod zu belohnen.«
Teriasch erwiderte ihren langen Blick tapfer. »Danke.« Er machte den Weg für Nesca und ihre Begleiterin frei.
»Seid Ihr Euch wirklich ganz sicher, dass es so gewesen ist, Hoheit?« Rukabo, der die Vorstellung, sich geirrt zu haben, nun offenkundig doch nicht ertragen konnte, wuselte hinter den beiden Frauen her. Er zupfte an Cardas Mantel. »Ganz sicher? Ganz, ganz sicher?«
»Bei allen Göttern!« Carda fuhr zu ihm herum, packte ihn am Kragen und drückte ihn gegen die Außenwand des Rauchhauses. Die Münzen in der Börse um seinen Hals klimperten laut genug, um seinen erschrockenen Schrei zu übertönen. Carda hob die Augenbrauen. »Oh, du hast also bereits irgendwo Beute gemacht? Wie schön!«
Rukabo riss die Augen auf, als Cardas Dolch quer über seine Brust zuckte. Die Scharlachrote Rose fing das herunterfallende Ledersäckchen noch in der gleichen Bewegung auf, wog es kurz in der Hand und steckte es schließlich in ihren Mantel. »Freu dich, Halbling«, sagte sie gut gelaunt. »Dank dir werden heute viele Bettler nicht hungern müssen.« Sie ließ Rukabo los, der schlau genug war, sich nicht mehr zu rühren, und schritt zurück an Nescas Seite. »Wir wären dann so weit.«
Nesca stand bereits halb im hellen Licht der Straße, als sie sich noch einmal zu Teriasch umdrehte. »Ich bereue den Rat nicht, den ich Silicis gegeben habe. Nicht im Mindesten.« Dann verbarg sie das Gesicht hinter ihrem Tuch, wandte sich ab und mischte sich unter eine Gruppe vorbeiziehender Menschen, die auf der Suche nach körperlichen Genüssen waren.
Teriasch hatte Rukabo noch nie derart schweigsam erlebt wie auf dem Rückweg zur Arena. Der Halbling beschwerte sich nicht einmal darüber, dass ihm sein immenser Gewinn aus den Verhandlungen mit Kaupodor, dem Geschmeidehändler, entrissen worden war. Er stapfte einfach nur vor sich hin, die Arme vor der Brust verschränkt. Teriasch ließ ihn schmollen und nutzte die Gelegenheit, Kalvakorums Reize ohne die ständigen Kommentare seines Freundes zu bestaunen. Er ertappte sich allerdings wieder und wieder dabei, alles, was er sah, in irgendeine Beziehung zur Tochter des Dominex zu setzen. Die roten Dächer der Häuser erinnerten ihn an ihr Haar. Wenn ein Karren beim Vorbeifahren Staub aufwirbelte, dachte er sofort an das Tuch vor ihrem Gesicht. Passierte er einen Schrein, vor dem Blumenkränze als Opfergabe abgelegt waren, hatte er gleich den Duft ihrer Haut in der Nase.
Und als er sich auf einem Platz, der als Sklavenmarkt diente, einen Weg durch eine riesige Menschentraube bahnte, fragte er sich, wie viel leichter dies Nesca dank Cardas tatkräftiger Hilfe wohl gefallen wäre. Er war derart in Gedanken versunken, dass er erst Notiz von dem Anlass für den Trubel nahm, als er und Rukabo sich in der vordersten Reihe eines johlenden Publikums wiederfanden, das eine lautstarke Auseinandersetzung beobachtete.
»Ich habe für sie bezahlt!«, schrie ein schmächtiger Mann und versuchte, einem anderen Kerl, der ihn um zwei Köpfe überragte, etwas aus der Hand zu reißen.
»Und du schuldest mir noch weitaus mehr, als die da jemals wert ist!«, brüllte der Hüne zurück. »Also gehört sie mir!«
Der Streit drehte sich allem Anschein nach um ein fülliges Mädchen, das vielleicht fünfzehn oder sechzehn Sommer gesehen hatte und den Zwist mit bebenden Lippen und feuchten Augen verfolgte. Sie trug ein einfaches Kleid aus braunem Leinen – und ein Kollare um den Hals.
»Oh, das wird gut!«, brach Rukabo sein langes Schweigen und klatschte in die Hände. »Wart’s nur ab!«
Teriasch war skeptisch. Das sieht mir nach einer ausgemachten Sache aus. Der eine ist dem anderen doch klar überlegen. Da könnte ich genauso dabei zusehen, wie sich ein Schakal und ein Bär um ein totes Pferd balgen …
Womit Teriasch nicht rechnete, war der Mut der Verzweiflung, der dem schmalbrüstigeren der beiden Kontrahenten gegeben war. Der Mann sprang nach vorn, packte den Arm seines Gegners und biss ihm kräftig in die Pranke.
Die Menge applaudierte eifrig wie bei einem Arenakampf, wenn endlich Blut zu sehen war.
Der Hüne hämmerte dem Schmächtigen zweimal die Faust auf den Kopf. Ohne nennenswertes Ergebnis: Der Hänfling biss nur umso kräftiger zu, und das Blut, das aus seiner aufgeplatzten Braue spritzte, vermischte sich mit dem des Hünen, das ihm zwischen den Lippen hervorquoll. Schließlich gab der Hüne nach. Er grunzte und öffnete die Faust, in die sich sein Feind verbissen hatte. Ein kleines Fläschlein rutschte heraus und klirrte auf das Pflaster zu Füßen der Streitenden.
Die Menge verstummte so plötzlich, als hätte ihr der Dominex höchstselbst das Schweigen befohlen.
»O nein. O nein. Verbockter Dung!«, fluchte Rukabo.
Der Hüne und der Hänfling traten einen Schritt voneinander zurück, starrten abwechselnd zwischen der kleinen gelben Pfütze, die sich langsam um das winzige Gefäß bildete, und dem Grund ihres Zanks hin und her. Das Mädchen heulte auf und krallte die Finger um sein Kollare. Der Reif zuckte in seinen Händen wie eine Schlange. Es warf sich zu Boden, rollte sich hin und her.
»Hat denn niemand ein Messer?«, rief Rukabo in die Menge. »Das arme Ding. Jemand muss es erlösen.«
Einige der Leute gingen nun plötzlich weiter, als fiele ihnen ein, dass sie noch etwas Dringendes zu erledigen hatten. Manche kopfschüttelnd, andere leise vor sich hinmurmelnd, aber alle mit gesenktem Blick.
Teriasch war wie gelähmt. Selbst der Teil in ihm, der sonst nichts als Zorn kannte, war von einem namenlosen Schrecken überwältigt.
Das Mädchen hatte sich inzwischen den Hals blutig gekratzt, doch dies war bei Weitem nicht das schlimmste an seinem Anblick. Gelber Schleim quoll ihm aus Mund und Nase und machte aus den Schreien, die er nicht vollkommen erstickte, ein blubberndes Röcheln. Es hustete und würgte, doch es erbrach immer nur noch mehr von der widerlichen Masse. Der Gestank, der von der jungen Frau ausging, war der von fauligem Moder, wie ihn die Leiber Ertrunkener verströmten, nachdem sie Tage und Wochen im Wasser gelegen hatten.
»Ein Messer! Ich bitte euch!«, kreischte Rukabo.
Die beiden Männer, die um das Mädchen gestritten hatten, suchten eilig das Weite wie geprügelte Hunde, zu feige, sich dem Grauen zu stellen, das sie zu verantworten hatten. Die Menge löste sich weiter und weiter auf, bis sie nur noch aus zwei Sorten von Menschen bestand: denen, die wie Teriasch nicht mehr Herr über ihren eigenen Körper waren, und denen, die sich am Todeskampf des Mädchens ergötzten und laut darüber lachten.
Als die Bewegungen des Mädchens schwächer und schwächer wurden, schoss Teriasch ein Gedanke durch den Kopf, der ihn endlich die Augen schließen ließ. Halb vor Scham, halb vor Empörung über sich selbst. Die Frau, die mir nicht mehr aus dem Kopf will, ist die Tochter des Mannes, der all dies zulässt. Sie ist die Tochter eines Mörders. Sie ist die Tochter eines Monstrums.