14
Manchmal reicht ein fauler Apfel,
um die ganze Stiege zu verderben.
Sinnspruch des Talvolks von den Immergrünen Almen
Teriasch fand die Sprache erst wieder, als er und Rukabo die Arena schon längst verlassen hatten und hinter der Sänfte hertrotteten, in der sich Nesca und Carda von einem halben Dutzend kraftstrotzender Sklaven durch die Straßen tragen ließen. Er hatte völlig fassungslos dabei zugesehen, wie Silicis die Kammer mit den Ampullarien geöffnet und zwei der Flaschen vorsichtig an die Tochter des Dominex übergeben hatte. Selbst sein Zorn war von der Wendung der Ereignisse derart überrumpelt gewesen, dass er sich zu einem winzigen heißen Klumpen in seinem Magen zusammengeballt hatte. Der Hass, den er nun verspürte, wenn er zu der Sänfte sah, war von einer sonderbar kalten Natur. Womöglich hätte er sich gestern noch von ihrer Pracht überwältigt gezeigt, doch nun erkannte er klar, wie abscheulich sie wirklich war. Alles an ihr ist von Sklaven gemacht. Das schwarze Holz. Von Sklaven geschlagen. Die seidenen Tücher vor den Fenstern. Von Sklaven gewebt. Die goldenen Tragestangen. Von Sklaven gegossen. Er senkte den Blick zur Straße. Selbst die Pflastersteine, über die ich gehe. Von Sklaven verlegt. Nichts hier geschieht aus freiem Willen. Nichts hier ist aus freiem Willen geschaffen. Und ich wäre dieser verlogenen Stadt und diesem verlogenen Land beinahe entkommen. Beinahe. Wenn sie nicht wäre.
»Warum hat sie das bloß getan?«
Nur weil Rukabo unverzüglich darauf antwortete, bemerkte Teriasch überhaupt, dass er seine verbitterte Frage laut ausgesprochen hatte. »Worüber beschwerst du dich, du Sorgenwarze?« Der Halbling grinste breit. »Es gibt schlimmere Schicksale, als einer Pupula zu dienen. Wir müssen nicht mehr darauf warten, in welchen aussichtslosen Kampf uns Silicis schicken will. Und überhaupt: Wir werden sicher nie mehr Durst oder Hunger leiden oder auf der Straße schlafen oder unseren Körper an den Meistbietenden verkaufen müssen.«
»Die letzten beiden Dinge musste ich in meinem Leben bis jetzt auch nie tun, ohne ein Sklave zu sein.« Teriasch ballte und öffnete mehrfach die Fäuste. »Und ich hatte die Freiheit doch schon vor Augen, verstehst du das denn nicht?«
Rukabo schnaubte abschätzig. »Ganz abgesehen davon, wie gekränkt ich darüber bin, dass du dich nicht auch für meine Freilassung eingesetzt hast, du treuloses Stück Dung, würde ich gern wissen, was du denn mit deiner kostbaren Freiheit angefangen hättest? Erzähl mir jetzt bitte nicht, du hättest versucht, auf eigene Faust zu deinen Leuten auf der Steppe zurückzukommen. Dazu hättest du nämlich mehr Glück gebraucht als eine Maus in einem Schlangennest. Wie hättest du für deine Reise und den Proviant und ein Pferd bezahlt? Du glaubst doch nicht wirklich, dass Silicis auch nur einen Rota herausgerückt hätte. Wozu auch? Ein freier Bürger muss für sich selbst sorgen. Und genau das hättest du gemacht, wie ich dich kenne. Auf deine ganz eigene Art. Du hättest irgendwo am Wegesrand ein paar Früchte vom Baum gepflückt, und schon wärst du ein Dieb gewesen. Dann hätten sie dich eingesammelt, dir ein Kollare verpasst und zurück hierher geschickt, weil du ja so eine große Attraktion bist. Der Steppenbarbar, der eine vernünftige Sprache spricht. Herzlichen Glückwunsch zu deinen ausgereiften Plänen.«
Sie waren an dem großen Löwenmaultor angelangt, hinter dem der Palastbezirk lag. Die Wachen machten der Sänfte nicht nur Platz, sondern fielen sogar kurz auf die Knie. Rukabo gluckste fröhlich. »Ein Empfang ganz nach meinem Geschmack. Recht so, recht so, beugt das Knie und neigt das Haupt vor dem Kater von Kalvakorum.«
Die Straße jenseits der Mauer war so sauber gefegt, dass Schritte keinerlei Staub aufwirbelten, und die Häuser dort waren die größten, die Teriasch bisher zu sehen bekommen hatte. Die Numates stellten ihren Reichtum unverhohlen zur Schau wie eine junge Hure ihre Reize. Mosaike von jagenden Löwen und ihrer Beute schmückten die Fassaden, aufwendig in Wellenform gestaltete Zäune und Mauern mit goldenen Spitzen trennten die einzelnen Grundstücke voneinander, an jedem Giebel hingen Wasseruhren, an denen man ablesen konnte, wie weit der Tag schon vorangeschritten war. Kein Haupthaus hatte nicht mindestens drei Anbauten, in denen Prunksänften untergestellt, köstliche Speisen eingelagert oder Schreine für die Götter errichtet worden waren. Teriasch wollte nicht glauben, dass in Behausungen, die ganzen Sippen Platz geboten hätten, nicht mehr als eine Familie von verdienten Bürgern samt den Bediensteten lebte – eine weitere Ungerechtigkeit, die seinen Hass nährte.
Rukabo war unverändert bester Dinge, während sie die breite, säulenbestandene Straße hinuntergingen, die auf die riesige goldene Kuppel des eigentlichen Palasts zuführte. Er zeigte mal nach links, mal nach rechts und schwelgte in lauten Erinnerungen an seine vergangenen Diebeszüge durch sein Revier. »Da drüben hätte ich mir fast die Griffel abgehackt, weil die Dame und der Herr des Hauses ihren Schmuck in einer Zwergenkiste verwahrten. Fiese Dinger. Schlösser, die richtig zubeißen können. Und dort, die haben einen Knecht, der einem die Hintertür zur Küche aufstehen lässt, wenn man ihm ein bisschen die richtigen Stellen küsst und streichelt und noch einen Radius drauflegt. Solange man nur auf einen schönen Happen Zimtkuchen und einen kräftigen Schluck Beerenbrand aus ist. Man sollte es ja nie übertreiben. Gierige Diebe sind schnell tote Diebe. Ach ja, und denen aus dieser Villa da, denen habe ich mal unters Bett geschissen, weil ich gehört hatte, dass die hässliche Kuh die Sorgsame Kunst pflegt und wie alle Alchimistinnen ganz auf Reinheit versessen ist. Und was soll ich sagen? Meine Hinterlassenschaft war vollkommen unverfälscht.«
Als sie an eine zweite Mauer um den Palast gelangten, die um einiges niedriger, aber dafür von dornigen Ranken überwuchert war, stellte Rukabo sein Geplapper endlich ein. Er begann, nervös auf seiner Unterlippe zu kauen, während dienstbeflissene Gardisten ein breites Gittertor öffneten, dessen Stäbe von blühenden Schlingpflanzen umwunden waren.
Teriasch begriff nicht so recht, woher Rukabos plötzliche Besorgnis rührte, denn das weitläufige Areal jenseits des Tores bot einen Anblick derart überwältigender Fruchtbarkeit, dass sie ihn einen Moment lang sogar seinen kalten Hass vergessen ließ. Ihm war vielmehr, als stünde er auf der Steppe, nachdem der warme Frühlingsregen das Gras wachgeküsst hatte, so reich und vielfältig war das verschwenderische Formen- und Farbenspiel der Abertausenden Blüten in den Herrschaftlichen Gärten.
Doch auf der Steppe entschieden die Geister der Natur frei darüber, wo sie welcher Pflanze erlaubten, zu erblühen und mit ihrer Eitelkeit das Auge des Betrachters zu erfreuen. Die Herrschaftlichen Gärten hingegen gehörten unverkennbar zum Land der Harten Menschen, wo alles einer Ordnung unterworfen werden musste. Wie auf den Feldern, die Teriasch auf seiner Verschleppung nach Kalvakorum gesehen hatte, war jeder Art von Gewächs ein eigener Bereich zugewiesen, in dessen Grenzen es sich entfalten durfte. Dort waren die kleinen Haine, in denen die Bäume ihre Äste, schwer beladen von Blättern, Blüten und Früchten, dem Himmel entgegenrecken durften. Hier waren die Flächen, auf denen grünende Hecken zu Löwen, Rüsselschnauzen und scheuenden Pferden geschnitten waren. Und da waren die Plätze, an denen Lilien, Nelken, Astern und Mohnblumen zusammengepfercht waren, als versuchte man, sie dazu zu zwingen, die Menge ihrer vielen kleinen Blüten zu einer einzigen bunten Decke zu verflechten.
Es gab noch vieles mehr, was man auf der Steppe ebenfalls vergeblich gesucht hätte: die Springbrunnen mit ihren sprühenden Fontänen, die Dutzende Regenbögen herbeizauberten. Die Wasserbecken, in denen goldene Fische umherschwammen und an deren Rändern Enten und Schwäne mit roten Schnäbeln und schwarz schillerndem Gefieder ihre Nester gebaut hatten. Die Standbilder, deren Schöpfer nur ein Motiv zu kennen schienen – einen hochgewachsenen Mann, das Gesicht von einem langen Bart umrahmt, Hammer und Zirkel im Gürtel, die Hand behutsam auf den Kopf eines wohlgenährten Knaben gelegt, der dankbar zu ihm aufschaute. Die zahlreichen Wege und Pfade, die zu runden Plätzen führten, auf denen schwarze und weiße Kieselsteine so kunstvoll ausgestreut worden waren, dass sie bedeutsame Episoden aus dem Leben des Subveheros darstellten, von seiner Geburt über die Bezwingung der Elemente bis hin zu seinem Aufstieg auf den Götterthron.
Und auf der Steppe gab es auch keine kleine Heerschar von Halblingen, die dafür Sorge trugen, dass all diese Pracht niemals verging. Eine unermüdlich weiterstreitende Armee aus untersetzten Soldaten, die mit Hacken, Rechen und Schaufeln bewaffnet, mit grünen Lederschürzen und gelben Strohhüten gerüstet waren. Ihnen galten sofort Rukabos Blicke, und er fing an, leise zu zählen, kaum dass die Sänftenträger mehr als zwanzig Schritte in die Gärten hinein gemacht hatten.
Er kam bis elf, da bemerkte Teriasch einen Halbling, der seine Gießkanne fallen ließ und mit nacktem Entsetzen im Gesicht in Richtung der Sänfte gelaufen kam, und bei fünfzehn hatten sich ihm zwei seiner Kameradinnen angeschlossen, die zuvor Dung in einem Beet mit jungen Trieben verstreut hatten.
»Sie sind noch langsamer und begriffsstutziger als früher«, murmelte Rukabo.
»Was hast du hier zu schaffen, Rukabo?«, fragte der Halbling, der beim Gießen gewesen war, entgeistert, als er bei der Sänfte ankam.
»Du bist verbannt.« Die eine Dungstreuerin machte eine schnelle Geste, bei der sie den Kopf abwandte und halb ihre Augen verdeckte.
»Verbannt!«, pflichtete ihr die andere bei und vollführte die gleiche Geste.
»Gleich drei von euch, um den verlorenen Sohn willkommen zu heißen? Das ist zu viel der Ehre.« Rukabo verbeugte sich tief. »Wuplesch, du bist alt geworden, alt und dürr. Leschka, dein Atem stinkt noch genauso nach Zwiebeln wie früher, und du, Sarodini, bist immer noch die hässlichste Knolle, die je aus einem Acker gezogen wurde.«
Teriasch lachte – nicht so sehr über die Beleidigungen selbst, sondern darüber, wie die Beleidigten sie aufnahmen. Sie stießen spitze Schreie der Empörung aus und wichen vor Rukabo zurück, als ginge von ihm eine Gefahr für Leib und Leben aus.
Carda streckte den Kopf aus einem Fenster der Sänfte. »Was soll der Lärm? Wisst ihr nicht, wer in dieser Sänfte sitzt?«
So viel Furcht die anderen Halblinge vor Rukabo zeigten, so unbedarft boten sie der Scharlachroten Rose die Stirn. »Und weißt du denn nicht, wer neben deiner Sänfte herläuft?«, entgegnete Wuplesch.
»Dieser Kerl ist von diebischem, frevlerischem Wesen«, fügte Leschka hinzu. »Er ist ein Tscheschenk Kubolsch, ein Koboldskind, das uns untergeschoben wurde, weil das Pech an ihm klebt.«
»Er hat seine Bosart mehr als einmal unter Beweis gestellt«, ergänzte Sarodini. »Er hat die Blüte einer Jungferngunst gestohlen, um sie an eine Alchimistin zu verscherbeln. Dafür haben wir ihn verstoßen, und dafür trägt er auch sein Mal, das er nicht fortwaschen kann. Man muss ihm nur in die Augen sehen, um es zu erkennen.«
»Ja, ja, ja«, seufzte Rukabo. »Was ist eigentlich damit, dass uns das Untrennbare Paar, die unser aller Eltern sind, lehrt, Milde und Vergebung für die närrischen Streiche zu zeigen, zu denen Kinder neigen?«
»Du warst schon lange kein Kind mehr, als du deine sträfliche Tat begangen hast«, hielt Wuplesch dagegen.
»Du hast Schande über deine gesamte Familie gebracht«, bekräftigte Leschka.
Sarodini verzog das zerfurchte Gesicht und spuckte Rukabo vor die Füße. »Unsere Vorfahren sind nicht von den Immergrünen Almen fortgezogen, um der Verheißung des Großen Karoblosch zu folgen und dann solche Verbrecher heranzuzüchten wie dich.«
»Der Große Karoblosch selbst würde mich also hier nicht dulden, hm?« Rukabo räusperte sich laut. »Nach allem, was ihr mir über den Großen Karoblosch beigebracht habt, drängt sich doch ein naheliegender Verdacht auf: Der Große Karoblosch war nur ein Schwätzer, der zu oft in den Humpen geschaut und zu viel Stechbirnenkraut geraucht hat.«
»Siehst du?«, rief Wuplesch Carda zu.
»Er ist und bleibt ein Frevler!«, schrie Leschka.
»Er bringt Unglück!«, krakeelte Sarodini.
Rukabo zuckte mit den Schultern und wandte sich kopfschüttelnd an Carda. »Ich befürchte, das wird noch eine ganze Weile so gehen. Es wird seine Zeit brauchen, bis sich meine liebe Verwandtschaft daran gewöhnt hat, dass ich in Zukunft wieder in diesen Gärten ein und aus gehen darf, wie es meiner neuen Besitzerin beliebt.«
Ob dieser Eröffnung stampfte Wuplesch zornig auf, Leschka fächelte sich Luft mit ihrem Strohhut zu, und Sarodini wankte zum Sockel des nächsten Standbilds, um sich ächzend darauf niederzulassen.
»Was schlägst du vor?«, wollte Carda von Rukabo wissen.
»Dass ihr mich hier zurücklasst und erst einmal allein weitergeht«, sagte er. »Glaub mir, sie werden uns überallhin nachlaufen wie Rüden hinter einer läufigen Hündin. Da ist es doch besser, ich bringe ihnen alles schonend bei und komme nach, sobald sie sich einigermaßen beruhigt haben.«
»Wir werden uns nie beruhigen!«, behauptete Wuplesch.
»Nie!«, gab ihm Leschka recht.
»Niemals nicht!«, schwor Sarodini.
Carda zog den Kopf wieder ein. Vier, fünf Wimpernschläge später sprang sie aus der Sänfte und befahl den Trägern: »Absetzen!«
Nesca stieg aus und strafte die Halblingsgärtner, die umgehend auf die Knie fielen, mit Missachtung. Sie schritt den Weg weiter hinunter, die Schultern straff, das Kinn gehoben.
»Komm!« Carda winkte Teriasch zu. »Der fette kleine Dieb braucht dich nicht, um mit seiner Familie zu zackern. Du gehst mit uns!«
Zu Beginn ihres Spaziergangs durch die Herrschaftlichen Gärten ignorierten die Tochter des Dominex und ihre Leibwächterin Teriasch völlig. Das war ihm alles andere als unrecht. Er war weit davon entfernt, Nesca das zu verzeihen, was er als üblen Verrat empfand, und was hätte er auch zu dem zwanglosen Gespräch beitragen sollen, dass die beiden Frauen miteinander führten? Sie unterhielten sich über die Vorbereitungen für das große Spektakel am Tag der Thronbesteigung, und es kümmerte ihn nicht, wie viel Feuerstaub und Sprengpulver man von den großen Holzgestellen, die in den Gärten aufgebaut waren, in den Himmel schießen würde.
Was ihn weitaus mehr faszinierte, war das ungewöhnliche, schlauchartige Gebäude, an dem sie nach einiger Zeit entlangschritten. Es war ganz aus eisernen Streben und Glas gebaut, wobei die Scheiben von innen beschlagen waren, als wäre die Luft dort drinnen um ein vielfaches feuchter als draußen. Wie durch eine Nebelwand machte Teriasch die Umrisse dickstämmiger Bäume aus, zwischen deren Ästen große, seltsam geformte Früchte wuchsen. Sie erinnerten ihn an die schwammigen Pilze, die manchmal aus morschem Holz sprossen, und ein-, zweimal spielten seine Augen ihm einen unheimlichen Streich. Es muss das Glas sein. Das Glas und der Nebel. Die Schlieren lassen es so aussehen, als würden die Früchte sich bewegen. Beben. Pulsieren. Wie die Eier von Spinnen oder Käfern, in denen sich die Larven regen. Oder wie ein Beutel voller Schlangen und Würmer …
Er erstarrte, gelähmt von dem beklemmenden Gefühl, dass ihn jemand aus dem Verborgenen heraus beobachtete. Hat gerade mein Kollare gezuckt? Er fasste an seinen Halsreif. Er war kalt genug, dass seine Fingerspitzen daran haften blieben. Dann hörte er die Stimme, die viele Stimmen war, noch viel klarer und deutlicher als beim Anlegen des Kollare oder in seinem Traum, in dem der Kala Hantumanas ihn mit der Gestalt Nescas in seine unzähligen Arme gelockt hatte. »Geh nicht fort«, bettelte sie. »Du musst uns lieben. Sieh doch, was wir denen schenken, die uns am meisten lieben.«
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie die Früchte in dem Haus aus Glas gemeinsam zu pulsieren begannen, als wären sie alle Teil ein und desselben gewaltigen Leibes, dessen Herzschlag ihnen den Takt vorgab.
»Für immer«, raunte der Wurm der alles umschlingenden Liebe. »Für immer bei uns und in uns und wir in dir. Ohne Tod. Auf ewig.«
»He, Barbarenhäuptling!« Cardas barscher Ruf brach den Bann, in den der Kala Hantumanas Teriasch gezogen hatte.
Er blinzelte und sah die Scharlachrote Rose auf sich zulaufen, sichtlich ungehalten.
»Bist du müde, oder wie? Auf, auf!« Sie packte ihn am Arm und zog ihn mit sich zu der Stelle an einer Weggabelung, wo Nesca auf sie wartete.
»Was ist dieses Haus?«, fragte Teriasch.
»Da drin ziehen die halben Portionen die Früchte, von denen nur unser Herrscher kosten darf«, erklärte Carda.
»Die, die ihm die Kraft schenken, um die Elemente im Zaum zu halten? Von den Bäumen, die nur mit dem besonders reinen Wasser gegossen werden?«
»Was fragst du lauter Sachen, die du schon weißt?« Bei Nesca angekommen, ließ die Ordenskriegerin ihn los und wandte sich an ihre Schutzbefohlene. »Ich glaube nicht, dass er abhauen wollte. Er hat anscheinend nur vor sich hin geträumt.«
»Gut.« Nesca nahm die Hand von dem wattegefütterten Säckchen, das sie an die gelbe Schärpe um ihre Hüfte gebunden hatte.
Teriasch ahnte, was sie darin transportierte. Da sind die Flaschen drin, die ihr Silicis gegeben hat. Mein Ampullarium und das von Rukabo. Seine flüchtige Begegnung mit der Kreatur, die den Gefäßen ihre grausige Macht verlieh, schmälerte erstaunlicherweise seine Furcht davor.
»Kannst du mir sagen, was im Turm des Wassers ist?«, fragte er Nesca.
»Warum interessiert dich das?«
»Kannst du es mir sagen?«
»Nein, kann ich nicht.« Sie schenkte ihm einen merkwürdigen Blick voller Verwunderung. »Niemand geht in den Turm hinein.«
»Auch nicht, wenn ihr eure Opfer darbringt?« Sie lügt. Wie so oft …
»Wenn eine Losziehung für den Behemoth des Wassers ansteht, erklimmen alle, die an der Zeremonie teilnehmen, die zehntausend Stufen hinauf zur Spitze des Turms«, sagte Nesca, und sie klang dabei ein wenig, wie Pukemasu immer geklungen hatte, wenn sie ihm von den Gesetzen und Geboten der Geistern erzählte – ein wenig ungeduldig ob seines mangelnden Wissens. »Es ist eine Prüfung des reinen Gewissens, weil die Stufen glatt und rutschig von den Wasserfällen sind, die am Turm herabstürzen. Wer die falschen Gedanken im Herzen trägt, folgt dem Wasser in die Tiefe.«
»Und was ist oben auf der Spitze?«
»Das große Becken, aus dem das reine Wasser aufsteigt, natürlich.« Nesca lächelte grimmig. »Das Becken, in das sich einmal alle vier Jahre die Opfer an den Behemoth werfen.«
»Ist das alles, was du weißt?«
»Nicht so frech!«, warnte ihn Carda.
»Ich weiß noch viel, viel mehr, aber es gibt eine Sache, über die ich zuerst mit dir sprechen will«, sagte Nesca.
»Dann sprich.«
»Nicht hier.« Sie schritt ihnen voran über eine Rasenfläche zu einer efeuüberwachsenen Laube, wo sie sich auf eine steinerne Bank setzte. Sie klopfte mit der flachen Hand neben sich. »Komm, Teriasch von den Schwarzen Pfeilen. Setz dich zu mir.«
Teriasch blieb stehen.
Nesca musterte ihn freundlich. »Ich weiß genau, dass du zornig auf mich bist.«
»Erwartest du Lob für so viel Weisheit?« Teriasch erduldete ungerührt den leichten Faustschlag, den ihm Carda zur Strafe versetzte. »Warum hast du verhindert, dass mir der Pollox meine Freiheit schenkt?«
»Du hättest versucht fortzugehen.« Nescas Lächeln war entwaffnend in seiner scheinbaren Offenheit. »Und dann hättest du mir nicht mehr helfen können.«
»Wobei?«, fragte er lauernd, weil er noch immer eine Lüge witterte.
»Du hast vorhin nicht viel gesagt, als der Pollox dabei war.« Nesca streckte ihre Beine aus und rieb sich die Oberschenkel. »Aber es würde mich wundern, wenn du nicht genau zugehört hättest. Daher weißt du schon, dass das heute Morgen nicht der erste Anschlag auf mein Leben war.«
»Und?« Teriasch verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn ich alles richtig verstanden habe, was heute schon geredet wurde, ist es bei euch Harten Menschen üblich, dass ihr Krieger dafür bezahlt, euch gegenseitig umzubringen. Warum sollte das bei dir anders sein?«
Carda hob bereits die Faust, aber Nesca bedeutete ihr innezuhalten. »Nicht! Ich will nicht, dass er ständig gezüchtigt wird.«
»Wie Ihr meint, Hoheit.« Carda verbeugte sich. »Auch wenn ich glaube, dass es ihm guttun würde …«
»Schon zweimal zuvor hat man mir nach dem Leben getrachtet«, sagte Nesca ernst. »Beim ersten Mal war ich dazu eingeladen worden, an der Eröffnungsfeier einer neuen Tuchmanufaktur teilzunehmen. Pannus Velum, der Betreiber, zählt zu den Numates, die mein Vater am meisten schätzt, und deshalb konnte ich die Einladung schlecht ablehnen. Die Feier fand in der großen Halle statt, in der die fertigen Stoffballen eingelagert werden sollten. Anlässlich meines Erscheinens hatte Velum einen Leuchter aus purem Gold und Edelsteinen anfertigen und aufhängen lassen, der das Licht seiner Feuerschalen so brach, dass es mein Gesicht an alle Wände warf. Ich hielt meine Dankesrede unter diesem Prunkstück, da löste es sich aus seiner Halterung.« Nesca senkte die Stimme. »Ich wäre darunter begraben worden, wenn Carda mich nicht rechtzeitig zur Seite geschleudert hätte.«
»Hm.« Teriasch schürzte die Lippen. »Wieso wurde Carda dann nicht zerschmettert? Und woher wisst ihr, dass das kein Unfall war?«
»Ich habe dem Mann neben mir die Beine unter dem Leib weggetreten und ihn über mich gezogen.« Carda sprach von dem Vorfall, als wäre es ein gemütlicher Ausritt an einen schönen See gewesen. »Es war ein richtig fetter Kerl, und sein Speck dämpfte den Aufprall des Leuchters.« Sie klopfte auf die linke Seite ihres Brustpanzers. »Ein paar gebrochene Rippen hatte ich schon, aber die habe ich gerne in Kauf genommen. Und was das Herabfallen des Leuchters angeht … die Halterung war angesägt.«
»Und der andere Anschlag?«, wollte Teriasch wissen.
»Ein Geschenk«, sagte Nesca. »Angeblich von einem Abgesandten des Kleinen Königs von Tristborn. Eine Elster in einem Käfig aus Barttannenholz. Sie war Teil einer ganzen Reihe von Zuwendungen, die mir bei einem Bankett zuteilwurden. Ich habe den Vogel in meine Gemächer bringen lassen, wie den Rest auch, lange bevor ich mich selbst dorthin zurückzog.« Sie seufzte. »Es war ein Abend, an dem mir zum Tanzen zumute war. Das war mein Glück. Eine meiner eifersüchtigeren Schwestern stahl sich aus Neid in meine Räumlichkeiten, um als Erste mit dem Vogel spielen zu können. Ich fand Invidia tot vor dem Käfig, Schaum vor den blauen Lippen. Jemand hatte Gift auf den Schnabel der Elster gestrichen. Meinst du, dass auch das ein Unfall war?«
Teriasch schwieg.
»Es stellte sich heraus, dass der Vogel ausgetauscht worden war«, fuhr Nesca fort. »Der Kleine König trachtete mir nicht nach dem Leben. Ein anderer hingegen schon.«
»Das mag sein«, gestand Teriasch. »Aber wie könnte ich dir da helfen?«
»Ich brauche eine Person in meinen Diensten, die an Orten unsere Ermittlungen vorantreibt, an die ich selbst nicht gehen kann, weil mein Erscheinen zu viel Aufsehen erregt«, erklärte Nesca. »Eine Person, die noch nicht lange in Kalvakorum ist und noch nie mit den Numates oder den Bewohnern des Palasts in Kontakt stand. Eine Person, die damit gewiss nicht in eine laufende Intrige verwickelt ist.«
»Du kannst deinen eigenen Leuten nicht mehr trauen«, befand Teriasch. Er grinste unverschämt. »Ist das der Grund, warum du dich verkleiden musstest, als du gestern in die Stadt gegangen bist?«
Nun war es an der Tochter des Dominex zu schweigen.
Ich habe sie erwischt! »Aber was hast du in diesem Viertel getrieben?«
»Es gibt dort Einrichtungen, die von Letzten Seufzern besucht werden«, knurrte Carda. »Rauchhäuser, Bordelle, Theater für frivole Stücke. Ihre Hoheit hatte die Hoffnung, dort einen Menschen zu finden, der vielleicht etwas darüber gehört haben könnte, wer einen Auftrag angenommen hat, eine Tochter des Dominex zu töten.«
»Gut.« Teriasch nickte. »Aber warum ich? Du kannst jeden Sklaven kaufen, den du haben willst. Warum musste es ausgerechnet ich sein?«
Nesca sah ihn lange und durchdringend an. »Weil ich eine Ahnung hatte, was du bist, seit ich dich in der Arena gesehen habe.«
»Was? Ein Häuptling?«, spottete Teriasch.
Sehr zu seinem Ärger ließ sie sich nicht reizen. »Seit du die Feles gebändigt hast. Und als wir uns gestern wiedergesehen haben, da habe ich es gespürt.«
»Was?«
»Dass du eine Pegi Nata bist.«
Das Wort, das Teriasch das letzte Mal vor langer Zeit aus Pukemasus Mund gehört hatte, verursachte ihm ein ungutes Gefühl, als es nun von Nesca ausgesprochen wurde. Sie sieht nur ein Werkzeug in mir, eine Waffe, die sie gegen ihre Feinde verwenden will.
»Du bist eine Feuerseele, Teriasch von den Schwarzen Pfeilen«, sagte Nesca mit Nachdruck. »Ich weiß sehr wohl, was du mit der Echse getan hast. Das Feuer in dir hat mit dem Funken in ihr gesprochen. Du bist zaubermächtig. Es wäre töricht von mir, einen anderen Sklaven als dich zu mir zu holen.«
Die Bestätigung seines Verdachts verbitterte Teriasch, ohne dass er wusste, weshalb. Was schert es mich, als was sie mich sieht? Dann bin ich eben ihr Werkzeug. Na und? »Du hast auch Rukabo zu dir geholt, oder?«
»Ja.« Eine kleine Falte zeigte sich auf ihrer Stirn, und sie legte den Kopf schief. »Ich dachte, das würde dir gefallen. Er ist doch dein Freund, und du schuldest ihm dein Leben. Er hat Demeto Karis durch eine List besiegt, nicht du. Ohne ihn wärst du in der Arena gestorben.«
»Noch dazu gehört es sich nicht, Ross und Reiter auseinanderzureißen«, merkte Carda mit einem schiefen Lächeln an. »Du hast dich bestimmt schon an ihn gewöhnt.«
Teriasch setzte sich doch noch neben Nesca auf die Bank, weil er sie aus nächster Nähe betrachten wollte, ehe er weitersprach. »Du sagst also, du willst meine Hilfe, weil ich Dinge kann, die sonst niemand kann. Du sagst, du bräuchtest mich, um Unheil von dir abzuwenden. Warum hättest du mir all das nicht erzählen können, nachdem ich wieder frei gewesen wäre?«
Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, als wäre es ihr nun doch irgendwie unangenehm, wie dicht sie beieinandersaßen. »Hättest du mir denn dann geholfen?«, fragte sie leise.
Teriasch horchte in sich hinein. Hätte ich das? Nein, hätte ich nicht. Ihr Vater ist der Dominex, und der Pollox, der den fliegenden Tod auf die Steppe gebracht hat, ist wie ein Onkel zu ihr. Nein, ich hätte wahrscheinlich eher das getan, was Rukabo befürchtet hat. Ich hätte versucht, zurück zu meiner Sippe zu kommen. Vielleicht hätte ich sie sogar ausgelacht, wenn sie mir alles erzählt hätte, und ich hätte ihr gesagt, dass ihr das alles recht geschieht, weil sie die Tochter eines Monstrums ist, das sich von einem anderen Monstrum freiwillig hat versklaven lassen. Oder? Oder etwa nicht? Seine Enttäuschung über die Freiheit, die ihm vorenthalten worden war, klang zum ersten Mal so weit ab, dass er sich an ein Angebot erinnerte, das ihm jemand im Traum unterbreitet hatte. »Ich verlange, dass du mich behandelst wie einen freien Menschen. Dass du mir, nachdem ich dir geholfen habe, die Freiheit schenkst. Und ich will, dass wir noch eine Abmachung treffen.«
»Hoheit …« Carda kniff die Augen zusammen. »Euer Spielzeug vergisst seinen Platz.«
»Was für eine Abmachung sollte das sein?«, fragte Nesca.
Carda stöhnte auf.
»Wenn ich dir helfe, herauszufinden, wer dich töten will, dann will ich als Gegenleistung zu dem Behemoth, der im Turm des Windes gefangen ist.« Mühsam unterdrückte er das Verlangen, nach ihrer Hand zu greifen, um ihr zu zeigen, wie ernst es ihm war. »Das ist unsere Abmachung.«
Zu der ersten Falte auf Nescas Stirn gesellte sich eine zweite. »Eben hast du mich noch nach dem Turm des Wassers gefragt, und jetzt willst du den Behemoth aus dem Turm des Windes sehen?« Sie lachte auf, als würde er sie veralbern wollen. »Die Drachenhöhle ist versiegelt. Sie wird nur einmal alle vier Jahre geöffnet, und in diesem Jahr gehen die Opfer an den Behemoth des Feuers.«
»So lange warte ich nicht.« Teriasch schüttelte den Kopf. »Es muss früher gehen.«
Nesca sah hilfesuchend zu Carda.
»Schaut mich bitte nicht so an, Hoheit«, sagte die Scharlachrote Rose. »Ich würde Euch so oder so empfehlen, Euch auf keinen Handel mit diesem Kerl einzulassen. Aber wenn er unbedingt als Drachenfraß enden will … Es gäbe da vielleicht eine Möglichkeit, ihn in die Höhle hineinzubringen.«
Es war Nesca, die plötzlich das tat, was er zuvor hatte tun wollen. Sie griff nach seiner Hand. Ihre Finger waren herrlich warm und weich. »Deine Freiheit sollst du gerne haben, sobald die Mörder enttarnt sind. Und was deinen Besuch im Turm des Windes betrifft … Ist ein Vielleicht gut genug für dich, Teriasch von den Schwarzen Pfeilen?«