Glockenschlag

Die Scheibe klirrte, als Andreas das schmale Fenster des Pfarrhauses mit einem Stein einschlug. Sofort hielt er inne und lauschte, ob jemand das Geräusch gehört hatte. Niklas stand zwar hinter einem Baum nahe der Friedhofsumzäunung Schmiere, doch ob auf ihn wirklich Verlass war, darüber konnte er nur spekulieren. Niklas’ Qualitäten lagen woanders. Hier und jetzt hätte er Robert gebrauchen können. Spätestens seit den Geschehnissen unter der Klosterruine waren sie weit mehr als nur Freunde. Sie verdankten einander das Leben.

Immerhin, der viele Schnee schien das Geräusch geschluckt zu haben. Denn als Andreas um die Ecke des direkt an die Kirche angrenzenden Hauses lugte, konnte er weder auf dem Marktplatz, noch auf der Straße vor dem Friedhofszaun eine verdächtige Bewegung ausmachen. Hastig eilte er zurück und säuberte den Fensterrahmen mit seinen Handschuhen von Scherben. Erst als er sich sicher war, sich beim Einstieg nicht verletzen zu können, zog er sich durch die Öffnung ins Innere des Pfarrhauses. Auf diese Weise gelangte er ins Bad von Pfarrer Strobel, wo er ein weiteres Mal den Atem anhielt. Wie erwartet war es still im Haus. Im Bad selbst war nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Andreas achtete darauf, nicht auf die Scherben unter dem Fenster zu treten, schlich zur Badezimmertür und betrat einen nüchtern eingerichteten Hausflur, in dem eine Holzgarderobe mit zwei Jacken sowie ein Kreuz mit Jesusfigur ins Auge stachen. Mehrere halboffene Türen zweigten von dem Gang ab, und er konnte von seinem Standpunkt aus die Küche einsehen. Offenbar war Pfarrer Strobel zu Lebzeiten nicht der Ordentlichste gewesen, denn da hinten, auf der Spüle neben dem Herd, stapelten sich Geschirr und verschmutzte Kochtöpfe. Soweit sich Andreas erinnerte, hatte Strobel eine Haushälterin stets abgelehnt. Nicht einmal Roberts Mutter durfte hier putzen. Die Kirche selbst schon, aber eben nicht hier im Pfarrhaus. Ob das vielleicht einen Grund hatte?

Er würde es herausfinden. Jetzt galt es erst einmal, Niklas Einlass ins Haus zu verschaffen. Andreas wandte sich der Wohnungstür zu und stellte zu seiner Überraschung fest, dass diese bloß ins Schloss gezogen war. Gut so. Er öffnete sie einen Spalt weit und stieß einen leisen Pfiff aus. Niklas kam schnaufend angerannt, und so machte er hastig für ihn Platz.

»Oh Mann, ist das gruselig«, flüsterte sein dicker Freund und deutete zu einem Auto jenseits des hohen Zauns. »Genau dort hat Strobel letzte Nacht noch gestanden, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Der Orkan muss ihn kurz daraufgepackt und in den Himmel geschleudert haben. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich während des Sturms einen echt fiesen Schrei gehört habe.« Andreas verzog das Gesicht. Niklas sollte froh sein, dass er den aufgespießten Leichnam des Pfarrers nicht gesehen hatte. »Wir können ihm jetzt eh nicht mehr helfen. Außerdem bezweifle ich, ob er so viel Mitgefühl überhaupt verdient.« Er schloss die Haustür, und auch Niklas sah sich im Flur um. »Hoffentlich hat uns keiner bemerkt.«

»Dafür zu sorgen, das war dein Job. Und jetzt lass uns nachsehen, ob wir hier irgendetwas finden.« Die beiden verteilten sich und warfen einen Blick auf die angrenzenden Räumlichkeiten. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gästezimmer, alles war überaus spartanisch eingerichtet. Andreas wollte gerade die Tür am Ende des Hausflurs öffnen, die der Lage nach zu urteilen in die Kirche führte, als ihn Niklas aufgeregt zu sich heranwinkte. Er stand im Eingang zu einem Raum, der direkt neben der Küche lag.

»Was ist?« Andreas eilte zu ihm und sah nun, warum ihn Niklas herbeordert hatte. Sein Freund hatte Strobels Arbeitszimmer gefunden. Das Zimmer sah aus, als sei dort eine Granate eingeschlagen. Unter dem Fenster erhob sich ein wuchtiger Schreibtisch, der wie leergefegt war. Die Regale waren ausgeräumt, dafür türmten sich am Boden Aktenordner zu unordentlichen Haufen. Überall lagen aufgeklappte Bücher und Papiere herum, selbst die Schubladen des Schreibtisches hatte jemand am Boden ausgekippt. Zwischen den Papieren und Büchern lagen Schreibutensilien wie Stifte, Klebezettel, Radiergummis und vieles andere mehr.

»Scheiße, uns ist offenbar jemand zuvorgekommen«, fluchte Andreas.

Niklas schnaubte. »Der Typ, der euch gestern im Wald verfolgt hat? Strobel selbst wird sein Zimmer sicher nicht in diesem Zustand zurückgelassen haben.«

Sie betraten den Raum und Andreas hob einen Ordner an, in dem sich eine Sammlung abgetippter Predigten befand. Enttäuscht stellte er den Order zurück in eines der Regale. Dann las er ein schwarzledernes Notizbuch vom Boden auf, in dem sich Stift, Schreibblock und Telefonverzeichnis befanden. Die obersten Zettel des Blocks waren abgerissen, doch das Telefonverzeichnis war randvoll mit krakelig geschriebenen Namen und Nummern. »Pass auf«, schlug er Niklas vor. »Du durchsuchst das Zimmer und guckst, ob sich hier vielleicht noch etwas Interessantes findet. Ich mache mich ab in die Kirche und halte Ausschau nach der Treppe rauf zu diesem Kirchenturm.«

»Ich soll alleine hier bleiben und den ganzen Müll durchwühlen?«, raunzte ihn Niklas an. »Bin ich jetzt wieder der Idiot, der für die Drecksarbeit gut ist?«

»Hey, was ist denn los? Du kannst gern mitkommen.« Andreas deutete mit dem ledernen Notizbuch auf Niklas’ Bauch. »Aber ich hoffe, dir ist klar, dass der Kirchturm gute dreißig Meter hoch ist.«

Niklas sah ihn missmutig an. »Na gut, ich sehe, was sich machen lässt.« Lustlos wandte er sich dem durchwühlten Zimmer zu. »Aber beeil dich.«

Andreas ging zurück zu der Tür in Richtung Kirche und blätterte das Verzeichnis mit den Telefonnummern durch. Dort waren zahlreiche Namen aus Perchtal aufgelistet. Auch die Nummer des Sägewerks fand er. Doch keine einzige davon war verdächtig. Andererseits wusste er ja nicht einmal, wonach er suchen sollte. Als er vor der Tür zur Kirche stand, steckte er das Notizbuch in die Hosentasche – und hielt inne. Der Türrahmen neben dem Schloss war beschädigt. Ganz so, als habe jemand das Schloss mit Gewalt aufgebrochen. Misstrauisch zog er sie auf und spähte in einen weiß gekalkten Gang, von dem vier weitere Türen abzweigten. Ohne Zweifel gehörte das Gangstück bereits zum alten Kirchengebäude. Andreas schlich weiter und öffnete die Türen. Hinter der ersten verbarg sich ein Raum mit Putzmitteln, die zweite führte direkt in den Chorraum der Kirche. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf den Altar sowie eine Empore mit dem Fresko des heiligen Nikolaus, der diesen zeigte, wie er mit dem Krummstab in der Hand einen Meeressturm besänftigte. Obwohl, was war das? Bei genauerem Hinsehen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Sturmwolken die Konturen unheimlicher Fratzen besaßen, wobei die angedeuteten Regenschleier die Zähne bildeten. Zufall? Andreas rieb sich das Kinn. Ganz bestimmt nicht. Wenn man die Kirche genauer absuchte, mochten sich hier womöglich noch weitere versteckte Andeutungen finden lassen. Leider hatte er keine Zeit für weitere Nachforschungen. Er schloss die Tür wieder und öffnete jene zum Nachbarraum. Die Sakristei. Auch dieser Raum war durchwühlt. Das prächtige Altartuch mit den Darstellungen des Kirchenpatrons lag zerknüllt am Boden, ebenso die Messgewänder Strobels und der Ministranten. Selbst vor den liturgischen Geräten waren die Einbrecher nicht zurückgeschreckt. Leuchter, Hostienschalen, Behältnisse für Messwein, alles lag über den Boden verstreut. Rechter Hand hatten die Eindringlinge sogar einen mittelalterlichen Schnitzaltar von der Wand abgerückt. Andreas näherte sich ihm und entdeckte, dass er nach Art eines Triptychons mit drei Motivtafeln gefertigt war. Sie zeigten drei Frauen in mittelalterlicher Tracht, deren Köpfe von einem Heiligenschein umrahmt wurden. Eine Inschrift am unteren Rand informierte darüber, dass der Altar den drei heiligen Jungfrauen Einbeth, Warbeth und Wilbeth geweiht war. Andreas stieß einen leisen Pfiff aus. Die Namensähnlichkeit zu den drei heidnischen Bethen Ambeth, Borbeth und Wilbeth war so auffällig, dass auch das ganz sicher kein Zufall war. Hatte Strobel hier heimlich Perchta verehrt? Verehrt oder bloß gefürchtet? Er durchschaute Strobels Motive noch immer nicht.

Unvermittelt trat er auf Etwas, das knisterte. Bonbonpapier. Andreas hob es auf und betrachtete es. Irgendwo hatte er so ein Papier schon einmal gesehen, nur wo? Achtlos ließ er den Fund wieder fallen. Längst hatte ein mittelalterlicher und prächtig mit Nikolausmotiven bemalter Eichenschrank in der hinteren Raumecke sein Interesse geweckt. Er besaß Ähnlichkeit mit dem Kasten einer Standuhr, nur, dass er bis fast unter die Decke der Sakristei reichte. Auffallend war neben den christlichen Motiven das massive Schloss, das im Gegensatz zum Rest des Schranks relativ modern wirkte. Der oder die Unbekannte war auch ihm rücksichtslos mit einem Brecheisen zu Leibe gerückt. Andreas klappte die quietschende Tür auf und fand darin nur Leere vor. Zwei übereinander angebrachte Eisenklammern an der Schrankinnenwand machten jedoch deutlich, dass hier ein ebenso schlanker wie hoher Gegenstand verwahrt worden war. Natürlich! Andreas trat einen Schritt zurück und prüfte seine Theorie. Hatte Frau Neuleitner nicht behauptet, dass die Mönche des Klosters einst einen Bischofsstab aus Holunderholz gehütet hatten? Was, wenn dieser Stab noch existierte? Nur war der Schrank leer. Andreas überblickte die entweihte Sakristei noch einmal und trat den Rückzug an.

Er öffnete die letzte Gangtür und gelangte so endlich in das Untergeschoss des Kirchturms. Im Raum war es kalt und dunkel. Ein leichter Windzug strich über sein Gesicht. Andreas kramte seine Taschenlampe aus der Jacke und knipste sie an. Die Batterien hatten sich zum Glück etwas erholt. Dennoch wurde es Zeit, dass er sie austauschte. Er leuchtete nach oben und der Lichtstrahl fiel auf eine alte Holztreppe, die spiralförmig den Turm hinaufführte. Die erste Zwischendecke, gute vier Schritte über ihm, wies in der Mitte ein Loch auf, durch das ein langer Strick bis zu ihm nach unten baumelte. Meine Güte, Strobel hatte die Kirchenglocke dort oben doch nicht etwa eigenhändig bedient? Zögernd setzte er seinen Fuß auf die Stufen und trat den beschwerlichen Marsch nach oben an. Die Stufen knarrten und er fand heraus, dass die Zwischengeschosse des Turms mit alten Möbelstücken gefüllt waren, die jemand mit weißen Tüchern abgedeckt hatte. Je höher er kam, desto intensiver wurde der Geruch nach Staub und altem Holz. Seine Oberschenkel schmerzten, als er endlich das oberste Turmgeschoss erreichte, in dem von dicken Balken die Kirchenglocke Perchtals samt Seilzug herabhing. Der Wind pfiff durch die vier schmalen Fensteröffnungen in den Turmwänden. Da die Sonne längst hinter den Bergen verschwunden war, ließ er den Schein seiner Taschenlampe über die Glocke wandern. Das gute Stück war inklusive des Klöppels fast so groß wie Niklas und bestand zur Gänze aus nachgedunkelter Bronze. Direkt unter der Aufhängung, eingebettet von zwei umlaufenden Zierstegen, schmückte ein rundum laufendes, figürliches Relief die Glocke, das die verschiedenen Wundertaten des heiligen Nikolaus von Myra darstellte. Ein Meisterwerk der Glockengießerkunst. Doch was jetzt? Sollte er es tatsächlich wagen, die alte Klosterglocke zu läuten? War es das, was diese Geister von ihnen wollten? Zweifelnd umrundete er den hölzernen Steg, als er sah, dass auf der Rückseite eine Inschrift eingelassen war:

Gebet Gott die Ehre, Kinder.

Mahnung sei euch mein Geläut.

Niklaus bin ich, Diener Gottes und zugleich sein rauer Knecht.

In deiner Jugend liegt der Schlüssel.

Und auch das Schloss, das führt zu mir.

Meinen Hunger magst du stillen,

so wie ich den Hunger tief in dir.

Ich kann deinen Wunsch erfüllen nach der Jahre vier mal vier.

Opf’re dich, so dienst du allen.

Opf’re all, und ich dien dir.

Andreas runzelte die Stirn. Was sollte das nun schon wieder? War es diese Inschrift, auf die die Geister sie aufmerksam machen wollten? Aufgeregt griff er nach seiner Hosentasche und zückte Strobels ledernes Notizbuch. Er klappte es auf, schrieb die Glockeninschrift ab und steckte Büchlein und Stift wieder weg. Über den Inhalt konnten sie sich auch später noch den Kopf zerbrechen. Es wurde Zeit, die Freunde zusammenzutrommeln und sie über die Erkenntnisse der vergangenen Stunden zu informieren.

Andreas trat über die Holztreppe den Rückweg an und erreichte so den Gang vor der Sakristei, als er Lärm, wie von einer aufbrechenden Tür vernahm, der sich erregte Männerstimmen anschlossen. Erschrocken blieb er stehen und schaltete seine Taschenlampe aus. Die Geräusche kamen aus dem Pfarrhaus. Dort, wo Niklas auf ihn wartete.

Missmutig sah sich Niklas in Strobels Arbeitszimmer um und schob gelegentlich einen der Ordner mit den Füßen beiseite. Das durchwühlte Zimmer hatte große Ähnlichkeit mit den vermüllten Räumlichkeiten, die Andy im Sägewerk bewohnte. Noch immer ärgerte er sich darüber, dass Andy es mal wieder geschafft hatte, ihn herumzukommandieren. Dummerweise konnte er ihm diesmal keinen wirklichen Vorwurf machen. Den Kirchturm rauf zu kraxeln, würde vermutlich noch ätzender sein, als hier nach dem Rechten zu sehen. Niklas seufzte und beschloss abzunehmen, sobald sie diesen ganzen Irrsinn hinter sich hatten. Und mit jedem Pfund, das er abspeckte, würde er auch versuchen, seine verdammte Mutter zu vergessen. Sie allein trug für sein Übergewicht die Verantwortung. Ob sie inzwischen entkommen war? Niklas gruselte die Vorstellung und machte sich nun doch dran, die herumliegenden Sachen zu untersuchen. Die Ordner enthielten Predigten, Abschriften alter Kirchentexte und Rechnungen. Was die vielen Bücher betraf, waren es vor allem alte Bildbände mit kirchlichen Kunstschätzen, die es Strobel angetan hatten. Erst auf den zweiten Blick bemerkte er, dass sie sich allesamt mit Nikolauskirchen in ganz Europa beschäftigten. Niklas begriff erst jetzt, wie viele Reliquien es gab, die man Nikolaus von Myra zusprach. In einer der Kirchen hüteten sie sogar die verschrumpelte Hand eines Mannes, die die Gläubigen für jenes des Heiligen hielten. Niklas schüttelte sich. Die anderen Bücher beschäftigten sich allesamt mit der Geschichte der Kelten und deren Hinterlassenschaften. Sogar ein ›De bello gallico‹ von Julius Cäsar fand er am Boden, natürlich auf Latein. Niklas Interesse war geweckt. Dabei befürchtete er, dass alles Nützliche längst fort war. Nur, was war es, was die Unbekannten hier gesucht hatten? Etwas, das Strobel hier versteckt hatte?

Niklas Neugier war entfacht. Er sah sich noch einmal genauer im Zimmer um, und das, obwohl es draußen inzwischen dunkel geworden war. Das einzige Licht, das ihm zur Verfügung stand, war das einer Straßenlaterne unweit des Kirchenzauns. Niklas fragte sich, wo er etwas von Wert aufbewahren würde, wäre das hier sein Zimmer? Die Regale waren leer, selbst die wenigen Bilder an den Wänden lagen auf dem Boden. Ein Tresor oder etwas Ähnliches war nicht zu sehen. Niklas tänzelte mit ausgebreiteten Händen zwischen den Bücherhaufen herum und belastete den Boden. Doch keines der Dielenbretter wirkte lose. Er wollte sich schon dem Wohnzimmer Strobels zuwenden, als sein Blick auf den Schreibtisch fiel. Die schwach beleuchtete Tischfläche war leer und die Schubladen waren herausgezogen, dennoch war das Möbelstück auffallend massiv. Er trat vor ihn, betastete mit der Hand die Schubladen von Innen und entschloss sich schließlich dazu, den kompletten Schreibtisch vom Fenster abzurücken. Nur mit viel Mühen schaffte er es, den schweren Tisch überhaupt zu bewegen. Ächzend beugte er sich über die Schreibfläche und spähte hinter den Tisch. Er konnte es nicht fassen. In der Dunkelheit zeichneten sich kantige Gegenstände ab. Dort befand sich ein geheimes Brett, auf dem alte Bücher standen. Niklas hätte am liebsten einen lauten Jubelschrei ausgestoßen. Er zwängte sich zwischen Außenwand und Schreibtisch und fischte angestrengt nach einem der alten Schriftstücke. Aufgewühlt hielt er den Band in den Schein der Straßenlaterne. Das Buch war nicht allzu dick und besaß einen grau marmorierten Einband mit schwarzem Lederbesatz, der den Schriftzug Catalogus Scriptorum De Druidis trug. Niklas beförderte weitere Bücher aus dem Geheimfach ins Freie und fand Titel wie Theologia veterum Gallorum und Historia veterum academiarum Galliae druidicarutn. Allesamt waren diese Bücher auf Latein abgefasst. Niklas blätterte sie trotz der schlechten Sichtverhältnisse durch und fand in einigen von ihnen romantisch verklärte Bildtafeln von Männern und Frauen in langen Gewändern, die Mistelzweige schnitten und unbekannte Zeremonien durchführten. Niklas brauchte die Buchtitel nicht zu übersetzen, um zu wissen, mit welcher Personengruppe sich all diese Bücher beschäftigten: mit den Druiden! So lautete der Namen jener keltischen Priester, die seine Freunde sicher nur aus den Asterix und Obelix Comics kannten.

Eines der Bücher wies am Rand schriftliche Kommentare auf, die in dem spärlichen Licht kaum zu lesen waren. Er rückte seine Brille zurecht und versuchte sie trotzdem zu entziffern. Offenbar waren diese Druiden weit mehr gewesen, als bloße Priester im heutigen Sinne. Sie schienen bei den Kelten im Rang von Adligen gestanden zu haben, die auch Recht sprachen. Und nicht nur das. Die Kommentare ergänzten den lateinischen Text und verwiesen auf andere Werke, in denen behauptet wurde, dass es den Römern nie gelungen sei, die Druiden als Elite des Keltenvolkes auszulöschen. Angeblich gäbe es in Irland Hinweise darauf, dass sich die Druiden den neuen Verhältnissen angepasst und nach der Christianisierung sogar Bischofsämter ausgeübt hatten.

Erstaunt sah Niklas auf. Hatten diese Druiden tatsächlich überlebt und bis heute Teile der Kirche unterwandert? Das würde vieles von dem erklären, was hier geschah. Sein Magen grummelte. Zufrieden mit sich und seiner Entdeckung kramte Niklas den Stutenkerl hervor, den er all die Zeit über standhaft unter seiner Jacke verwahrt hatte und biss ihm hungrig den Lebkuchenkopf ab. Waren die Strobels gar selbst Nachfahren dieser Keltenpriester gewesen? Oder hatten sie sich vielleicht dafür gehalten? Das wäre in der Tat ungeheuerlich. Mann, war der Stutenkerl lecker. Er biss abermals zu, als ihm auffiel, dass das Gebäck ungewöhnlich saftig war. So saftig, dass Flüssigkeit auf den Tisch tropfte. Niklas hielt mit Kauen inne und riss die Augen auf. Vor ihm auf dem Tisch breitete sich im schalen Laternenlicht eine rote Lache aus. Entgeistert starrte er den Torso des Lebkuchenmannes an. Aus der Bissstelle spritzte und pulste es nun, wie bei einem Enthaupteten. Das war Blut! Niklas spuckte den blutigen Lebkuchenbrei entsetzt aus, warf den Stutenkerl in eine Zimmerecke und erbrach sich neben dem Tisch. Was geschah hier? Würgend und spuckend sah er wieder zur Tischfläche auf, doch die war jetzt wieder rein. Einzig ein paar Krümel neben den Büchern zeugten davon, wo eben noch diese unheimliche Blutlache gewesen war. Niklas griff sich an den Hals. Wurde er jetzt ebenfalls verrückt?

In diesem Augenblick bemerkte er durch das Fenster hindurch eine Bewegung. Oh nein, da kamen Leute auf das Pfarrhaus zu. Hektisch wischte er sich noch einmal über den Mund, sammelte die Bücher auf dem Tisch ein und rannte mit dem Stapel in den Hausflur. Wo sollte er hin? Vor der Eingangstür ertönten bereits Stiefelschritte und so presste sich Niklas hinter die Gangecke. Jemand rüttelte an der Klinke, kurz darauf warfen sich mehrere Gestalten mit der Schulter gegen die Wohnungstür, die krachend aufbrach.

»War bei Hochwürdens Leichnam wirklich kein Schlüssel zu finden?«, polterte die Stimme von Herrn Bierbichler.

»Teufel noch mal, Josef, sei doch still!«, zischte eine zweite Stimme, die seinem Vater gehörte. Niklas versteifte sich vor Schrecken. »Willst du, dass die Buben uns noch hören?« Starr vor Angst wich Niklas weiter an der Flurwand zurück.

»Wenn sie überhaupt hier sind?«, brummte Josef Bierbichler.

»Sicher sind sie das«, korrigierte ihn eine dritte Stimme, die Niklas als die von Bürgermeister Schober identifizierte. »Zumindest wenn der Bub nicht gelogen hat. Jedenfalls führten die Spuren vor dem Museum direkt bis zum Kirchengelände. Sie müssen hier irgendwo sein.«

Niklas wollte gerade auf den Durchlass in die Kirche zueilen, als ihn von hinten eine Gestalt packte und ihm den Mund zuhielt. »Pssst! Ich bins!«, wisperte Andy. Bevor sich Niklas versah, zog ihn sein Kumpel nach nebenan in Strobels Bad. Sie schlossen die Tür gerade noch rechtzeitig, denn im Flur ging jetzt das Licht an und die Männer verteilten sich in der Wohnung. »Verdammt, das hat uns gerade noch gefehlt«, fluchte sein Vater. »Irgendjemand hat Strobels Arbeitszimmer durchwühlt. Ich hab euch heute Mittag schon gesagt, dass wir es durchsuchen müssen. Was machen wir jetzt? Wenn wir Strobels Aufzeichnungen nicht finden, dann haben wir ein Problem.«

»Das müssen die Buben gewesen sein«, schimpfte der Bürgermeister. »Ein weiterer Grund, sie zu finden. Ich habe Strobel immer und immer wieder in den Ohren gelegen, dass es nicht gut ist, die Kinder frei rumlaufen zu lassen. Aber er wusste es ja besser. Wie konnte er die Kräfte, die hier am Wirken sind, nur so unterschätzen? Das Verschwinden seines Bruders hätte ihm doch Mahnung genug sein müssen.« Das Poltern eines auf den Boden schlagenden Ordners war zu hören, bevor Schober weitersprach. »Wenn die Buben Strobels Notizen entdeckt haben, tragen sie diese sicher bei sich.«

»Macht euch keine Sorgen«, war die Bassstimme von Herrn Bierbichler zu hören. »Der Herrgott wird uns sicher helfen, sie …«

»Herrje, Josef, verschone uns mit deinem Geseier!«, brüllte ihn Schober an. »Wenn wir uns nicht selbst helfen, geht hier bald alles den Bach runter. Begreifst du nicht, was gestern geschehen ist? Das war nur ein Vorgeschmack. Dieses Ungeheuer ist bald ganz frei, und dann, mein Freund, dann gnade uns Gott!«

»Strobel hat dich bloß benutzt, Josef«, pflichtete ihm Niklas’ Vater bei. »Besser du gewöhnst dich an den Gedanken. Dieser eitle Mistbock gefiel sich in seiner Rolle als Heilsbringer nur zu gut. Und das Schlimmste ist, dass wir nicht einmal genau wissen, ob er die alten Aufzeichnungen seines Bruders wirklich rekonstruieren konnte.«

»Ich frage mich langsam, ob das auch noch andere Gründe hatte?«, brummte Schober. »Die Wahrheit ist doch, dass wir abgesehen von seiner eigenen Zusicherung kein einziges Indiz dafür in der Hand halten, ob er das letzte Mysterium tatsächlich lüften konnte.« Niklas spürte, wie ihn Andy im Zwielicht vorsichtig auf das zugige Badfenster mit der eingeschlagenen Scheibe zuzog.

»Seht doch!«, erhob Herr Bierbichler nun wieder seine Bassstimme. »Ich glaube, ich weiß wo die beiden hin sind. In der Kirche. Die Tür da hinten steht auf.«

»Gut so, da sitzen sie in der Falle«, meinte Niklas’ Vater zufrieden. »Das Kirchenportal ist nämlich zugesperrt. Gleich haben wir sie alle.«

»Andy«, wisperte Niklas erschrocken. »Hast du das gehört? Was meint er mit ›alle‹?«

»Sei still, verdammt!« Andy kletterte auf die Kloschüssel und kraxelte von dort zum Fenster raus. Wie ein Schatten glitt er durch die Öffnung ins Freie, während Niklas bibbernd im Dunkeln zurück blieb und die Bücher umklammert hielt. »Komm schon!«, zischte Andy von draußen. Niklas reichte die Bücher zu ihm hoch. Dann mühte auch er sich auf die Kloschüssel, um so auf die Fensterbank zu gelangen. Unter seinen Füßen knirschte Glas. Niklas erstarrte. Die Badtür wurde fast im selben Moment aufgerissen, und die Silhouette seines Vaters zeichnete sich vor dem Flurlicht ab.

»Bleib ja stehen, Niklas!«, donnerte er los. Niklas schrie vor Angst auf und versuchte jetzt erst recht durch das schmale Fenster nach draußen zu klettern. Doch die Öffnung war zu eng. Er blieb stecken. Andy ergriff seine Arme und zerrte an ihnen. Doch schon war hinter ihm sein Vater heran und packte ihn an den Füßen.

»Hier sind sie!«, brüllte er. »Schnell, kommt her!« Schritte trampelten durch die Wohnung und weitere Hände packten Niklas an den Beinen.

»Der Meyenberger Bub ist draußen!«, rief sein Vater.

»Lasst mich!« Niklas strampelte mit den Füßen und versuchte sich verzweifelt am Fensterrahmen festzuhalten, während sich Andy direkt unter ihm mit beiden Beinen gegen die Außenmauer stemmte und seinerseits versuchte, Niklas zu sich nach draußen zu ziehen. Niklas hatte das Gefühl, als habe man ihn auf eine Streckbank geworfen. Mit traurigem Blick ließ ihn Andy los. »Ich verspreche, ich komme wieder!« Hastig sammelte er einige der Bücher im Schnee auf und rannte in die Dunkelheit davon.

»Andy! Lass mich nicht allein!«

Entschlossene Hände packten Niklas unter den Achseln, und mit einem kräftigen Ruck wurde er zurück ins Bad gerissen, wo ihn sein Vater zu Boden warf. »Wehr dich nicht! Hat doch keinen Sinn.« Er packte ihn an den Haaren, während der alte Bierbichler ein Stück Klebeband von einer Rolle abriss und ihm damit den Mund verschloss. Sein Vater nickte zufrieden und beugte sich über ihn. »Niklas, du willst doch nicht, dass du deiner verrückten Mutter heute völlig umsonst entwischt bist, oder?« Niklas gab seinen Widerstand auf und starrte seinen Vater ängstlich an. »Siehst du, so ist es besser.« Sein Vater tätschelte ihm die Wangen. »Bitte glaube mir, dass ich mir all das nicht freiwillig ausgesucht habe. Aber was wir tun müssen, ist nun einmal notwendig. Dein Leben gehört nicht dir. Es gehört einer höheren Macht.«