Andreas dachte mit bitterer Miene an seine Jugend zurück, während er mit seinem Leihwagen am gelben Ortsschild Perchtals vorbeifuhr. Lag das alles wirklich schon 16 lange Jahre zurück? Endlich lichteten sich die verschneiten Tannen längs der Landstraße. Vor der prachtvollen, weißgrünen Bergkulisse der Berchtesgadener Alpen tauchten nun all die schiefen und krummen Häuser auf, die einmal Teil seiner Heimat gewesen waren. Heimat. Andreas schürzte verächtlich die Lippen. Wenn er voraus blickte, dann war ihm, als habe jemand eine große Käseglocke über Perchtal gestülpt, die das verdammte Dorf von der Außenwelt abschirmte. Ein einziges neues Haus am Berghang schräg über ihm war neu errichtet worden, der Rest wirkte so, als habe er den Ort gestern erst verlassen. Er entdeckte den schlanken Kirchturm und dann den großen Perchtensee am Fuße des Dorfes, wo Elke damals das tote Mädchen gefunden hatten. Auch dieses Jahr War der See zugefrören und spannte sich als verschneite Ebene bis zur gegenüberliegenden Seite des Tals. Sogar die Überreste des niedergebrannten Bootshauses glaubte er hinten am Ufer ausmachen zu können. Wenigstens dieses Mistding hätten sie inzwischen abreißen können. Andreas stieg jäh auf die Bremse, und die Reifen rutschten über den gefrorenen Untergrund. Der Wagen blieb mit tuckerndem Motor stehen, doch Andreas achtete nicht darauf. All diese Erinnerungen …
Er lehnte die Stirn auf das Lenkrad und wartete, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigt hatte. Ihm hätte klar sein müssen, dass seine Rückkehr notwendig war. Zwingend notwendig sogar.
Erst als es hinter ihm hupte, weil ein LKW mit frisch geschlagenen Baumstämmen vorbei wollte, fuhr Andreas wieder an. Am Ortsrand tauchte nun das alte Sägewerk seines Vaters auf.
Soweit er sich erinnerte, war es vor neun Jahren verkauft worden. Er hatte davon eher zufällig im Internet erfahren. Was sein Vater heute trieb, wusste er nicht. Es war ihm auch egal, sie hatten eh keinen Kontakt. Und wenn er in sich lauschte, dann fühlte er bloß Verachtung für ihn. Sein Vater war ein Feigling. Ebenso wie seine Mutter – und auch er selbst. Sie waren eine Familie von Feiglingen.
Andreas passierte mit knirschenden Reifen die erste Häuser Perchtals und starrte hinüber zum Vereinsheim. Auch diesem hatte die Zeit nichts anhaben können. Er fragte sich, ob die Jugendlichen Perchtals gestern wieder einen Krampuslauf veranstaltet hatten? Er hoffte nicht. Andreas bog nun von der Hauptstraße ab und suchte die alte Gasse, in der Robert lebte. Bevor er aufgebrochen war, hatte er sich mittels des Telefonsbuchs schlau gemacht. Robert war der Einzige von ihnen, der heute noch hier lebte. Wer hätte das damals gedacht? Andreas suchte sich dennoch lieber einen Parkplatz in der Nähe des Marktes. Auch hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Die alte Kirche mit ihrem schlanken Glockenturm ragte unheilvoll auf dem alten Friedhofshügel auf, und Andreas musste den Impuls unterdrücken, nicht einfach rüberzulaufen, um mit einem Stein die Fenster zu zerschlagen oder das Bauwerk gleich ganz abzufackeln. Stattdessen wandte er sich von dem Kirchenbau ab, ignorierte die neugierigen Blicke, die man ihm, dem vermeintlich Fremden, zuwarf, und machte sich auf den Weg. Er war sich sicher, dass ihn heute kaum einer der Perchtaler mehr erkannte. Und wenn doch, dann würde man wahrscheinlich versuchen, ihn zu ignorieren.
Ohne es beabsichtigt zu haben, kam er an der alten Bäckerei von Niklas’ Eltern vorbei. Auch diese wirkte fast unverändert, nur dass über dem Geschäft ein neuer Name prangte: ›Bäckerei Scholleren. Andreas fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sein Los nicht doch besser als das von Niklas gewesen war.
Endlich stand er vor der Haustür von Robert. Auch hier war alles so vertraut. Zögernd betätigte er die Hausglocke. Es dauerte nicht lange, und Robert öffnete ihm. Die beiden Männer starrten sich befangen an.
»Hi Andy«, brach sein alter Kumpel das Schweigen. Robert war schlaksig wie früher, nur trug er heute einen Norwegerpulli über einer ausgeblichenen Jeans. Von seinem Darklook war nichts mehr zu bemerken. Sogar sein Haar musste er nicht mehr scheren. Andreas sah, dass es sich von selbst gelichtet hatte. Er lächelte sparsam.
»Hi Robert.«
»Mann, ich fasse es nicht. Bitte, komm doch rein. Ich dachte, du seiest der Postbote. Ich hab erst heute Nachmittag mit dir gerechnet.« Robert trat aus dem Weg und führte ihn ins Wohnzimmer, wo er verlegen eine Flasche Wodka zuschraubte und sie zurück in die Bar stellte.
»Ist deine Mutter da?«, wollte Andreas wissen und spähte zurück zum Hausflur.
»Nein, äh, die ist vor einigen Jahren gestorben.«
»Aha.« Andreas sah, dass auch drüben in der Küche Alkoholika standen. »Dann trinkst du jetzt?«, entfuhr es ihm, und er hätte sich für die unbedachte Äußerung gern sofort auf die Zunge gebissen.
»Nein, ich … Ja.« Robert sah ihn niedergeschlagen an. »Aber es war schon schlimmer, im Moment habe ich die Trinkerei wieder einigermaßen im Griff. Ich bin eben nicht besser als sie …« Seine Augen brannten. »Enttäuscht?«
»Nein.« Andreas schüttelte den Kopf. »Die Sache ist an uns allen nicht spurlos vorbeigegangen. Du trinkst, ich bin feige abgehauen. Liegt wohl an unseren Genen.«
Robert schnaubte verbittert. »Scheiße, Andy. Es tut gut, dich nach all der Zeit zu sehen.« Kurz darauf lagen sich die beiden Freunde in den Armen und klopften sich kumpelhaft auf die Schultern. Verlegen trennten sie sich wieder.
»Niklas hat mir erzählt, dass du jetzt Arzt bist?«
»Ja. Hab die letzten Jahre vornehmlich im Ausland verbracht.«
»Kann ich verstehen. Hätte vielleicht auch weggehen sollen.«
»Und was machst du jetzt?«, wollte Andreas wissen.
»Ich übersetze.« Robert zuckte mit den Schultern. »Nichts Dolles. Gebrauchsanweisungen und so. Das meiste aus China. Für den deutschen Markt.«
»Du kannst Chinesisch?«
»Nein, vom Englischen ins Deutsche. Und ich lese viel. Sehr viel. Das habe ich inzwischen mit Niklas gemein. Vor allem über, na ja, du weißt schon …« Die beiden schwiegen wieder. »Ich hab mir all die Jahre über etwas vorgemacht«, hub Andreas mit rauer Stimme an. »Ich hab einfach so getan, als wäre das nicht passiert. Hab versucht, ein normales Leben zu führen, so, als würde der heutige Tag nicht auf uns zukommen.«
»Du solltest wissen, was dann passiert.« Robert spähte hinüber zur Bar, doch er blieb standhaft. »Vorhin hat übrigens auch Miriam Bescheid gegeben. Alle sind jetzt auf dem Weg hierher. Nach all den Jahren ist das schon etwas Besonderes, findest du nicht?«
»Etwas Besonderes?« Andreas starrte ihn ausdruckslos an. »Ich hasse Nikolaus. Ich bin jedes Mal froh, wenn der sechste Dezember vorbei ist.«
»Ja, natürlich.« Robert bat Andreas nun nach drüben in sein altes Jugendzimmer mitzukommen. Überrascht stellte dieser fest, dass es nicht mehr schwarz gestrichen war. Stattdessen säumten hohe Regale die Wände, in denen sich unzählige alte Bücher, Folianten und mittelalterliche Handschriften stapelten. »Meine Güte!«, entfuhr es ihm. »Habt ihr … habt ihr inzwischen einen anderen Weg gefunden?«
»Nein.« Robert schüttelte unglücklich den Kopf. »Allerdings ist uns inzwischen manches klarer geworden. Niklas und ich sitzen ja schon länger an der Sache dran. Er ist übrigens Lehrer an unserer alten Schule in Berchtesgaden. Latein und Geschichte. Ich weiß nicht, ob er dir das erzählt hat? Ich hab es ja mit Latein selbst nie so gehabt. Aber das ging dir ja ähnlich.« Andreas schnaubte. »Ob du es glaubst oder nicht, aber ich musste da während des Studiums noch einmal durch. Als Arzt kommst du ohne nicht aus.« Er nahm ein altes Buch zur Hand, das auf einem Lesetisch lag. Er schätzte es auf das 18. Jahrhundert und sah anhand des Einbands, dass sich sein Inhalt um Kinderfolklore drehte.
»Genau das wollte ich dir zeigen«, meinte Robert tonlos. »Darin sind sogar Texte der Gebrüder Grimm. Erstauflage von 1822. Eine absolute Rarität.« Er klappte es an einer Stelle auf, die mit einem Papierstreifen markiert war, und enthüllte einen alten Stich, den Andreas entgeistert anstarrte. Die Abbildung zeigte ein Gebirgsdorf bei Nacht, über dem eine monströse Schneewolke mit sackartigen Ausstülpungen aufgestiegen war. Das Himmelsphänomen besaß vage menschliche Konturen, und das Wolkengebilde ähnelte auf unheimliche Weise einer bizarren Ansammlung von Fressmäulern und wulstigen Lippen, von denen Graupelschauer wie Geifer auf die Landschaft niederregneten. Über den Dächern aber, inmitten des Schneesturms kaum wahrzunehmen, waren Aberdutzende schreiender Kinder mit weit aufgerissenen Augen und Mündern abgebildet, die hilflosen Schneeflocken gleich zu der Ungeheuerlichkeit am Himmel emporwirbelten.
Robert atmete tief ein. »Na, kommt dir das bekannt vor?«