»Aufgewacht, liebe Leute! Es ist Punkt 6.10 Uhr am Morgen, und für die meisten im Sendegebiet heißt es nun wieder ›Aufstehen‹! Gern würde ich euch den Tag mit der Nachricht versüßen, dass die Sonne lacht und auf uns alle ein heißer Tag am Baggersee wartet, wo es ebenso heiße Badenixen nur darauf abgesehen haben, uns mit gegrillten Haxen und zünftigem Weißbier zu verwöhnen. Doch leider sieht die triste Wirklichkeit anders aus. Draußen ist es noch immer rappelzappel finster, und wäre nicht das dicke Glas hier im Studio, dann könntet ihr hören, wie auf der Zufahrt zum Sender Schnee geschippt wird. Was soll’s, dafür habe ich euch eben mit einem Song von 1984 geweckt, von dem man mit Fug und Recht behaupten kann, dass er zu dieser Jahreszeit Tradition ist: ›Last christmas‹ von Wham!

Ich weiß, ich weiß, niemand von uns kann ihn mehr hören. Und ich verspreche euch, dass ich die Platte in diesem Jahr garantiert zum letzten Mal aufgelegt habe. Doch es ist eben Dezember, da gehört der Song dazu wie der berühmte Familienstreit unterm Weihnachtsbaum, ha ha. Aber … vielleicht tröstet es euch zu erfahren, dass es George Michael nicht anders ergeht. Angeblich ergreift auch er regelmäßig die Flucht, sobald die alte Schmonzette erklingt. Nur, dass er und Andrew Ridgley sich diese Qual jedes Jahr mit geschätzten zehn Millionen Euro an Tantiemen versüßen lassen. Ein schönes Weihnachtsgeschenk, will ich meinen. Apropos Weihnachtsgeschenk – ho ho ho – erst einmal steht Nikolaus vor der Tür! Wetten, dass manche von euch noch immer keinen blassen Schimmer haben, was sie ihrer Liebsten in den Stöckelschuh schieben sollen? Dem kann abgeholfen werden. Denn heute tritt Mad Mike den einsamen Kampf gegen den vorweihnachtlichen Konsumterror an und hat einen Gast im Studio, der euch einen sinnvollen Ausweg aus der Krise weist. Also, bleibt dran.«

Andreas sah schmunzelnd dabei zu, wie Mad Mike auf einen der vielen Knöpfe vor sich auf dem Regiepult drückte und einen Werbejingle einblendete. Anschließend nahm sich der hagere Moderator die Kopfhörer ab und zwinkerte ihm zu. »So, das hätten wir. Wenn Sie auch einen Kaffee möchten, bedienen Sie sich bitte.« Mad Mike deutete auf die Kanne auf einem Beistelltisch. Er selbst hatte längst eine dampfende Tasse vor sich stehen, auf der in roten Buchstaben »Achtung, bissiger Moderator« stand.

»Danke, aber ich bin bestens bedient.« Andreas, der Mad Mike direkt gegenüber saß, hob das Glas Wasser, das ihm eine hübsche Praktikantin des Senders auf das Pult gestellt hatte. »Ich hatte beim Aufstehen schon Kaffee. Wenn ich noch mehr trinke, dann können Sie mich bald mit ’nem Herzkasper raustragen.«

Mad Mike lachte, nahm seinerseits einen Schluck und behielt dabei streng die Uhr über der Studiotür im Auge, auf der einem Countdown gleich die Zeit ablief. Noch zwei Minuten. »An das frühe Aufstehen gewöhnt man sich mit der Zeit. Aber das wird bei Ihnen doch nicht viel anders sein, oder?« Im Hintergrund war leise die Werbung für ein Autohaus zu hören.

»Es ist eher der Jetlag, der mir noch zusetzt.« Andreas strich sich das dunkle Haar aus der Stirn und atmete tief die trockene Studioluft ein. Sie roch nach dem würzigen Duft eines Weihnachtsgestecks, das Mad Mike von einer Hörerin geschenkt bekommen hatte. Langsam machte sich in ihm nun doch eine gewisse Aufregung bemerkbar, immerhin wurde er nicht jeden Tag interviewt. »Ich bin kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, der eigentlich an meiner Statt zurück nach Deutschland fliegen sollte, um Medikamente aus dem Zoll zu holen. Aber Sie haben schon recht. Zuletzt mussten wir jeden Morgen um fünf Uhr auf der Matte stehen.«

»Ja, ich muss schon sagen, bewundernswert.« Mad Mike hob seinen Stichwortzettel und überflog ihn kurz. »Ich lese hier, dass Sie ihr Medizinstudium in Rekordzeit erledigt haben. Neun Semester. Alle Achtung. Meine Schwester ist ebenfalls Ärztin, nur dass sie fast acht Jahre benötigt hat, bis sie fertig war. Sie arbeitet heute in München.«

»Tja, nur dass mir die Plackerei im Nachhinein dann doch nicht so viel gebracht hat.« Andreas seufzte. »Die ärztliche Approbationsordnung sieht dreizehn Semester Studienzeit vor und besteht auch auf die Einhaltung dieser Regelung. Eigentlich hätte ich damals zwei Jahre bis zum PJ warten müssen. Aber ich hatte einen Prof, der mir wohlgesonnen war. Der hat da nach einem Jahr was drehen können.«

»Anschließend zwei Jahre Erfahrung als Kinderarzt am Klinikum in Augsburg und dann Ihr Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen.« Mad Mike sah ein weiteres Mal zur Studiouhr auf und blickte dann wieder seinem Gast in die Augen. »Man hat fast den Eindruck, als hätten Sie es kaum abwarten können, Deutschland den Rücken zu kehren.« Er lachte, doch Andreas verzichtete auf eine Antwort. »Na gut«, fuhr der Moderator fort. »Wenn der Spendenaufruf Erfolg haben soll, müssen wir unsere Hörer emotional packen. Vielleicht beginnen wir bei Ihrer Kindheit? Ich lese da, Sie stammen aus der tiefsten Provinz. Perchtal ist doch ein Dorf im Berchtesgadener Land, richtig?«

»Nein!« Andreas verschüttete etwas Wasser. Rasch wischte er die Lache auf dem Pult mit dem Ärmel seines Pullovers auf und bemühte sich um einen versöhnlicheren Tonfall. »Ich meine, ja, Perchtal liegt im Berchtesgadener Land. Aber ich wäre froh, wenn wir das aussparen könnten. Das alles hat in meinem Leben keine Bedeutung mehr. Außerdem, na ja, ich meine, die Sendezeit ist schließlich begrenzt. Ich halte es für besser, wenn wir uns ganz auf meine Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen konzentrieren.«

»Gut, wie Sie möchten.« Mad Mike hob fast unmerklich eine Augenbraue und setzte sich nun wieder den Kopfhörer auf. Mit einer knappen Geste bedeutete er Andreas, es ihm gleichzutun und etwas näher ans Mikro zu rücken. Auf der Studiouhr liefen die letzten zehn Sekunden ab, und im Hintergrund verklang ein Spot, der auf den Nürnberger Christkindlmarkt aufmerksam machte.

Schon legte Mad Mike wieder los: »Ihr hört Studio 96.10, und am Mikro ist wie immer Mad Mike vom Frühcafe. Wie schon gestern angekündigt, sitzt mir heute ein ganz besonderer Gast gegenüber: Andreas Meyenberg. Andreas ist 31 Jahre alt, Kinderarzt und in dieser Funktion bei Ärzte ohne Grenzen tätig. Andreas, vielleicht geben Sie unseren Hörern einen kurzen Einblick in Ihre Organisation?«

»Gern.« Andreas rückte etwas näher ans Mikro und hoffte verzweifelt darauf, dass sich sein Herzschlag beruhigte. »Streng genommen arbeite ich für die 1971 gegründete internationale Organisation Médecins sans frontières. In Deutschland ist MSF aber besser unter dem Begriff ›Ärzte ohne Grenzen‹ bekannt. Dabei handelt es sich um eine unabhängige humanitäre Hilfsorganisation, die medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten leistet.«

»Das klingt aufregend.«

»Auf gewisse Weise ist es das auch. Meine Kollegen und ich sind vorwiegend in Afrika, Asien und Südamerika tätig. Aber auch hier in Europa.«

»Eine ziemlich gefährliche Arbeit, wie man so hört, richtig?«

»Das kommt darauf an, wo wir hingeschickt werden. Ich möchte mich da nicht in Einzelheiten verlieren, aber es gibt natürlich Länder, in denen sich die Situation komplizierter gestaltet als in anderen. Somalia etwa, wo wir 2008, nach Mordanschlägen auf Kollegen, unser Projekt in Kismayo schließen mussten.«

»Mordanschläge? Auf eine humanitäre Organisation wie die Ihre?«

»Ja, leider.« Andreas seufzte. »In Kriegsregionen geschieht es nicht selten, dass wir von den Konfliktparteien schnell mal als ›Helfer des Feindes‹ betrachtet werden. So auch dort.«

»Aber Ärzte ohne Grenzen hat sich doch der Neutralität verpflichtet.«

»Das ist richtig«, antwortete Andreas. »Doch wenn die Rechte von Zivilisten nachweislich mit Füßen getreten werden, dokumentiert Ärzte ohne Grenzen solche Fälle und setzt sich dann sehr wohl für diese Menschen ein. Und genau das passt bestimmten Machthabern eben nicht. Das war auch der Grund«, ereiferte er sich weiter, »warum uns die Regierung in Birma damals nach dem Zyklon behindert hat. Aber wir lassen uns von so etwas nicht entmutigen. Wenn wir an die Menschen denken, denen wir Hilfe leisten können, entschädigt uns das für vieles.«

»Menschen helfen, genau darum geht es heute!«, kommentierte Mad Mike. »Andreas Meyenberg sitzt mir natürlich nicht grundlos gegenüber. Weihnachten ist bekanntlich die Zeit der Nächstenliebe. Vielleicht überlegt der ein oder andere unserer Hörer ja noch, ob er etwas Sinnvolles verschenken kann? Statt eines Schokonikolausis vielleicht einen Spendenbescheid?«

»Darüber würde sich Ärzte ohne Grenzen natürlich freuen.« Andreas lächelte. »Uns fehlen jedes Jahr viele hundert Millionen Dollar, um zum Beispiel Mangelernährungen wirksam bekämpfen zu können. Dabei ist Helfen ganz einfach. Auf der Webseite von Ärzte ohne Grenzen findet sich ein Link, der zeigt, wie uns jeder ganz leicht unterstützen kann …«

»Nicht nur dort«, unterbrach ihn Mad Mike. »Auch auf der Seite von Studio 96.10 findet sich ein Eintrag … Oh, wie ich sehe, blinkt bereits ein Lämpchen, das signalisiert, dass ein Hörer in der Leitung ist.« Mad Mike sah zum Regieraum auf, wo ihm ein Techniker hinter der Scheibe eine Tafel mit der Aufschrift ›Petra‹ hinhielt. Dann drückte er einen Knopf. »Petra, du hast eine Frage an Andreas?«

»Bin ich jetzt auf Sendung?«, ertönte eine weibliche Stimme, die im Hintergrund von Säuglingsgeschrei untermalt wurde.

»Allerdings.«

»Mike, du sprachst davon, dass Herr Meyenberg Kinderarzt ist«, legte die Hörerin los. »Mich würde mal interessieren, wo er selbst schon überall war und was er da so genau tut.«

Der Moderator nickte Andreas auffordernd zu. Andreas beugte sich vor.

»2009 war ich mit einem Nothilfe-Team in Papua-Neuginea, wo ich geholfen habe, die Cholera zu bekämpfen, die dort zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder ausgebrochen ist. Und dieses Jahr war ich fast die ganze Zeit über auf Haiti, wo nach dem Erdbeben im Januar noch immer Hunderttausende in Hütten aus Plastikplanen, in behelfsmäßigen Zelten oder Ruinen leben müssen.«

»Und da kümmern Sie sich nur um Kinder?«

»Das wäre schön.« Andreas lächelte unwillkürlich und spürte, wie die Anspannung zunehmend von ihm abfiel. Inzwischen war er ganz in seinem Element. »Leider lässt sich das mit der Realität vor Ort nicht vereinbaren. Ich gehöre zu einem Team von Ärzten, das vorwiegend den vielen Durchfallerkrankungen und Atemweginfektionen zu Leibe rückt. Zu unseren Patienten zählen Kinder ebenso wie Erwachsene.«

»Haben Sie denn selbst Kinder?«

»Nein.« Andreas zögerte. »Aber ich … fühle mich Kindern irgendwie verpflichtet. Jeder von uns sollte das.«

»Das finde ich toll. Also ich werde etwas spenden.«

»Dankeschön. Ich verspreche, jeder einzelne Euro ist gut investiert.«

Mad Mike schenkte Andreas einen ›Na-geht-doch‹-Blick und griff selbst wieder zum Mikro. »Weihnachtszeit, Geschenkezeit. Vielleicht haben wir ja doch nicht vergessen, was Nächstenliebe bedeutet. Bevor es gleich was von Silbermond auf die Ohren gibt, noch ein weiterer Anrufer. Aber natürlich wird euch Andreas auch nach dem Song noch Rede und Antwort stehen.« Der Moderator sah abermals zur Regiekabine auf, wo der Techniker eine Tafel mit der Aufschrift ›Niklas‹ in die Höhe hielt. »Niklas, auch du hast eine Frage an Andreas?« In der Leitung knackste es. »Niklas?«

»Ja, ich bin dran«, ertönte eine heisere Stimme, die Andreas seltsam bekannt vorkam. »Mich würde interessieren, warum sich Andreas im Ausland herumtreibt, wenn er hier doch viel dringender gebraucht wird?«

»Wie bitte?« Andreas sah alarmiert zu der Namenstafel auf und wurde bleich.

»Sag schon, Andy«, tönte es in den Kopfhörern. »Feierst du mit den Kindern in aller Welt auch hübsch Nikolaus?«

»Ja, äh, nein. Das kommt drauf an.« Hektisch formulierte Andreas mit den Lippen ›Privat‹. Der hagere Moderator reagierte sofort und drückte einen weiteren seiner vielen Knöpfe. Schon fuhr er im routinierten Plauderton fort. »Womit wir auch wieder beim Thema wären. Nikolaus naht, und noch immer wissen viele von uns nicht, was sie ihren Lieben schenken sollen …«

Andreas beachtete sein Gegenüber nicht weiter. Er war längst aufgesprungen und lauschte ungläubig der Stimme, die noch immer die Kopfhörer erfüllte. Wütend hob er das Mikro. »Verflucht, ich fasse es nicht. Du?! Was soll das? Du kannst mich doch nicht mitten in einer Radiosendung …«

»Daran bist du selbst schuld. Hättest uns ja deine Handynummer geben können.«

»Ich … hätte mich schon noch irgendwann bei euch gemeldet.«

»Na klar, Andy. Wer’s glaubt, wird selig.« Der Anrufer schnaubte abfällig. »Es ist wieder so weit. Morgen ist der sechste Dezember.«

»Nikolaus«, flüsterte Andreas tonlos. »Aber es ist doch all die Jahre über nichts passiert.«

»Sag mal, wem willst du denn da was vormachen!«, schlug es ihm erbost entgegen. »Dir selbst? Natürlich ist all die Jahre über nichts passiert. Doch jetzt ist die Zeit um! Das Schicksal hat uns eingeholt. Es hält uns fest im Griff. Dich. Mich. Uns alle. Glaubst du ernsthaft, es sei Zufall, dass du ausgerechnet im Dezember wieder zurück in Deutschland bist? Pünktlich in diesem Jahr? In diesem Monat?« Der Anrufer hielt kurz inne. »Nein, mein Freund. Das alles ist unsere Bestimmung! Und du weißt das.« Andreas schwindelte, und seine Stimme klang belegt. »Was ist mit den anderen?«

»Wir warten auf dich. Du weißt ja, wo.« Es klickte, und die Leitung war tot.

Andreas ließ das Mikro wie betäubt sinken.

Ja, er wusste wo.