Schatten der Vergangenheit

Miriam und Elke saßen im vorweihnachtlich geschmückten Wohnzimmer ihrer Eltern und versuchten verzweifelt, Normalität vorzutäuschen. Draußen im Garten schneite es dicke Flocken vom Himmel, und selbst die Laube, wo sie ihre Schätze verbargen, war nun so tief eingeschneit, dass man sie unter den weißen Massen kaum noch erkennen konnte. Während Elke ebenso trotzig wie lustlos eine Zeitschrift durchblätterte, hatte sich Miriam ihre Stricknadeln geschnappt und kämpfte unkonzentriert mit einem Schal aus roter Wolle. Vor ihnen standen ihre gefüllten Nikolausschuhe, und hin und wieder griff Miriam nach einem Stück Schokolade. In Wahrheit konnte sie kaum ihre Füße still halten, so sehr stand sie unter Spannung. Elke erging es nicht anders. Immer wieder beäugte ihre Schwester das Esszimmer nebenan, in dem ihrer beider Mutter in regelmäßigen Abständen auftauchte, so als wolle sie sich davon überzeugen, dass ihre Töchter noch da waren. Miriam war davon überzeugt, dass sie genau das tat. Überhaupt lastete seit dem Morgen eine seltsame Stimmung auf dem Haus. Sie und Elke lauerten nur darauf, die erstbeste Gelegenheit zu ergreifen, sich unbemerkt davonzustehlen.

Auch jetzt erschien ihre Mutter wieder. Diesmal hielt sie eine Packung Kerzen in der Hand und tauschte die abgebrannten Stumpen des Adventskranzes aus. Seltsamerweise erklangen im Ort nun gedämpft die Kirchenglocken. Eine Messe? Um diese Zeit? Auch der Kopf ihrer Mutter ruckte irritiert hoch. Kaum jedoch, dass sie die Blicke ihrer Töchter bemerkte, lächelte sie verkrampft. »Esst nicht so viel Süßes, meine Engel. Bald ist Mittag. Ich … ich dachte mir, dass ich euch vielleicht etwas Leckeres kochen könnte. Worauf habt ihr denn Appetit?«

Miriam und Elke sahen sich überrascht an. Sonst durften sie sich nur zu ihrem Geburtstag etwas wünschen. Etwas stimmte heute ganz und gar nicht. Und keine von ihnen hatte vergessen, dass ihnen diese unheimliche Nachtwanderung bevorstand, wenn sie das nicht irgendwie verhindern konnten. Nach den Ereignissen der letzten Nacht würde Miriam alles andere tun, als Strobel bereitwillig in den Wald zu folgen.

Es war erst eine Stunde her, dass ihre Mutter sie geweckt hatte. Ihr strenger Vater war zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise schon im Laden nebenan gewesen. Dabei kam es nur selten vor, dass sie ausschlafen durften. Selbst in den Ferien nicht oder an Tagen wie heute, da die Schule bereits zum zweiten Mal ausfiel. Ihre Eltern hielten es eher so, wie es die Bibel vorgab. Miriam kannte die Bibelzitate ihres Vaters auswendig, vor allem jene, in der er die Taten des Heilands lobpreiste: »Früh am Tag stand er auf und ging hinaus an einen einsamen Ort und betete.« Auch das war also ungewöhnlich. Dabei war sie froh, dass ihre Mutter nicht ins Zimmer gekommen war, denn ihre Kleidungsstücke von gestern stanken noch immer nach dem Qualm aus dem Bootsschuppen.

»Das ist aber toll«, zwang sich Miriam zu einer harmlosen Antwort. »Da muss ich mir erst einmal etwas überlegen. Was meinst du?« Auffordernd stieß sie Elke am Knie an, die fragend aufsah. Ihrem ungnädigen Blick war anzumerken, was sie dachte: Was interessiert mich dieses Scheiß-Essen?

»Ja, sag schon, was möchtest du, mein Schatz.« Ihre Mutter kam in den Raum und hob eine Augenbraue. »Du siehst übrigens müde aus, mein Liebling.«

»Könnte an diesem verdammten Orkan gelegen haben, der gestern ums Haus tobte. Ich bin immer wieder wach geworden. Habt ihr nichts gehört?«, antwortete Elke patzig. Ihre Mutter wurde blass.

»Ja, äh … Das war ein ganz schöner Sturm. Ich … werde dann mal rübergehen. Ihr könnte mir ja gleich sagen, was ihr …«

Die Haustür öffnete sich, und ein kühler Wind blies durch das Haus. Unvermittelt stand ihr Vater im Zimmer. In seinem Bart glitzerten Schneeflocken; mit wildem Blick sah er sich um. Argwöhnisch musterte er seine Töchter, dann packte er seine Frau am Oberam.

»Martha, komm mit.« Schon verschwanden die beiden drüben in der Küche und schlossen die Tür.

»Da muss was passiert sein!«, wisperte Miriam. Sie und Elke sahen sich an, sprangen auf und eilten zur Wohnzimmertür, um der Stimme ihres Vaters zu lauschen. »… Hochwürden Strobel ist tot … im Wald gefunden … selbst gerade erst erfahren.« Fassungslos sahen sich die Schwestern an.

»Und jetzt?«, greinte ihre Mutter.

»Pssst!«, zischte ihr Vater hinter der Tür und senkte auch selbst seine Bassstimme. »… anderen … übrig bleiben … selbst in die Hand nehmen.«

»Aber …«

»Gott will es, Martha! … die anderen … überzeugen.« Es wurde still, und so hasteten die Mädchen wieder zu ihren Plätzen zurück. Beiden war mulmig zumute. Die Küchentür öffnete sich, und ihr Vater kehrte zurück zu ihnen ins Wohnzimmer. Er musterte die Zwillinge herrisch. »Ihr beiden bleibt heute hübsch zu Hause, nur dass wir uns da richtig verstehen!«

»Ja, sicher«, antwortete Miriam. »Ist denn was passiert?«

»Macht euch keine Gedanken, meine Engel!« Seine Augen blitzten in religiösem Eifer, und seine Stimme bebte. »Manchmal versucht uns der Satan. Aber wir werden ihm die Stirn bieten.« Er ballte die Faust und schnaubte grimmig. Dann wandte er sich ab und verließ das Haus. Über den Hausflur hinweg konnte Miriam sehen, dass ihre Mutter vor dem Küchenfenster stand und ihrem Mann nachblickte.

»Strobel ist tot!«, wisperte Miriam aufgeregt.

»Ja, ich hab’s gehört«, flüsterte Elke zurück. »Und jetzt?«

»Keine Ahnung.« Miriam zuckte mit den Achseln. »Aber sollten die Jungs das nicht ebenfalls wissen? Vielleicht kriegen die raus, was da vorgefallen ist? Nur weiß ich nicht, wie wir das anstellen sollen?«

»Ich aber.« Elkes Augen funkelten. Sie spähte rüber zur Küche und deutete dann zum Telefon, das auf einem mit Spitzendeckchen verzierten Beistelltisch neben dem Fernseher stand. »Ruf Andy im Sägewerk an. Ich gebe Mutter in der Zwischenzeit ein möglichst kompliziertes Gericht zum Kochen auf. Wir müssen sie eh beschäftigen.« Sie erhob sich und machte sich auf den Weg in die Küche.

Miriam lächelte. Tatendurstig war ihr Elke lieber als so verzagt wie gestern Nacht. Sie sprang auf, kaum, dass Elkes Stimme zu hören war. »Mutter, ich glaube, wir wissen jetzt, was wir gern zum Essen hätten …« Hastig betätigte sie die Wählscheibe. In der Küche machte ihre Mutter Elke gerade klar, dass sie keine Nudelplatten für Lasagne im Hause hatte, und so schlug diese nun einen Auflauf vor. In der Leitung tutete es. Endlich ging jemand ran.

»Ja?«

»Andy? Ich bin es, Miriam.« Sie hielt die Hand vor die Sprechmuschel.

»Nein, ich bin es, Robert!«

»Strobel ist tot!«, zischte Miriam hastig. »Wir haben es eben erfahren.«

»Ja, wissen wir. Andy hat ihn letzte Nacht aufgespießt im Wald gefunden.«

»Echt?«

»Ihr habt keine Ahnung, was gestern noch passiert ist. Wo seid ihr?«

»Zu Hause. Wir …« Von der Küche her näherten sich Schritte. »Mist. Ich muss Schluss machen.« Hastig legte Miriam auf und tat so, als würde sie aus dem Fenster in den Garten blicken. Hinter ihr betraten Elke und ihre Mutter das Wohnzimmer. Miriams und Elkes Blicke kreuzten sich, und Miriam nickte unmerklich.

»Na gut, meine Engel, Lasagne also«, sagte ihre Mutter und lächelte nervös. Teufel, sie hatte offenbar Angst. Miriam fühlte das ganz deutlich. »Ich geh bloß noch einmal kurz los und kaufe Nudelplatten ein. Aber ihr bleibt hier, verstanden? Ich werde die Haustür abschließen. Und … ihr lasst eurem Vater gegenüber kein Wort verlauten, dass ich noch einmal unterwegs war, ja? Ich verlasse mich auf euch.«

»Ganz sicher nicht!« Elke trat vor ihre Mutter und küsste sie auf die Wange. »Wir müssen eh noch Hausaufgaben machen. Wir freuen uns schon auf das Essen.« Mit gespielter Fröhlichkeit winkte sie Miriam zu, und die beiden stürmten die Treppe nach oben zu ihrem Zimmer, wo sie so lange ihre Scharade von den unbekümmerten Töchtern aufführten, bis unten die Haustür zufiel. Ihre Mutter schloss tatsächlich ab.

Aufgewühlt ließen sich die beiden Mädchen auf die Betten sinken. Miriam berichtete das Wenige, das sie von Robert erfahren hatte. »Völlig egal, ob Strobel tot ist oder nicht, Vater macht mir inzwischen weitaus mehr Sorgen«, schimpfte Elke. »Hast du seinen Blick bemerkt? Ich sag dir, der steht kurz davor durchzudrehen.«

»Du meinst, er könnte so etwas bei uns versuchen wie Frau Bierbichler damals bei Niklas?«, fragte Miriam verängstigt. »Nein …«, sagte Elke gedehnt und verstummte nachdenklich. »Ich dachte da eigentlich eher an so etwas wie Sonntag mit den Erbsen. So erpicht wie er darauf ist, dass wir das Haus nicht verlassen, traue ich ihm inzwischen alles zu.« Miriam wurde blass. »Mir kommt das Essen heute jedenfalls langsam wie eine Henkersmahlzeit vor.«

»Ja, mir auch.« Elke atmete tief ein. »Also, ziehen wir die Sache jetzt durch? Wir kriegen sonst vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu.«

»Du hast nichts dagegen, dass ich versuche, dich zu hypnotisieren? Wir könnten auch einfach abhauen.«

»Das eine muss das andere ja nicht ausschließen.« Elke strich sich grimmig die blonden Haare zurück. »Miriam, ehrlich gesagt glaube ich zwar nicht daran, dass du das tatsächlich schaffst. Aber wenn doch, dann ist das die Chance, endlich mehr über das in Erfahrung zu bringen, was damals geschehen ist. Außerdem wäre ein Gelingen der letzte Beweis dafür, dass wir nicht verrückt sind.«

»Und du vertraust mir?«, fragte Miriam angespannt. »Du weißt, ich hab so was noch nie gemacht. Ich kann das vielleicht überhaupt nicht. Und was ist, wenn es doch klappt und ich es dann nicht mehr schaffe, dich zurückzuholen? Hast du daran schon mal gedacht?«

»Bitte beruhige dich.« Elke setzt sich rüber zu ihrer Schwester und legte die Hand auf ihren Unterarm. »Zunächst einmal, es gibt überhaupt niemanden, dem ich mehr vertraue als dir.« Miriam lächelte zaghaft. »Außerdem tust du jetzt so, als wären wir hier bei Flatliners.«

»Du meinst diesen Gruselfilm mit Julia Roberts, wo sie sich so fiese Spritzen setzen, bis ihr Herz aussetzt und sie ’ne Weile tot sind?« Elke nickte. »Du sollst bloß versuchen, mich zu hypnotisieren. Da ist doch nichts bei. Vermutlich funktioniert es nicht einmal.«

»Aber warum hauen wir nicht einfach ab«, jammerte Miriam. »Wir könnten das doch auch woanders ausprobieren. Zum Beispiel bei Andy zu Hause. Da müsste ich das auch nicht allein machen.«

Elke seufzte. »Wäre mir auch lieber, aber du hast doch selbst erzählt, dass man für so eine Rückführung möglichst eine Umgebung benötigt, die passend ist. Und das Zimmer von Gretl und Anna liegt nun einmal nebenan.«

»Ist dir eigentlich klar, was das bedeutet, wenn die Sache funktioniert? Ich meine, wenn aus dir wirklich Anna spricht?« Miriam sah ihre Schwester ernst an, und eine Weile lastete eine schreckliche Stille auf dem Zimmer.

»Ja, das ist mir klar«, antwortete Elke schließlich. Sie zog ihre Schwester hoch. »Komm, du schaffst das schon. Lass es uns tun, bevor ich es mir noch anders überlege.«

Sie gingen in den Flur, rückten den kleinen Altar ab und öffneten mit einem Schraubenzieher die Tür zum verborgenen Zimmer. Kalte Luft schlug ihnen entgegen. Der Anblick des dunklen Raums mit all den verstaubten Möbelstücken war ebenso gespenstisch wie zuvor, als sie ihn entdeckt hatten. Wie ein verlassenes Grab. Nur, dass heute die Jungs nicht bei ihnen waren. Miriam bekreuzigte sich unwillkürlich. »Und wenn wir damit nun doch eine Grenze überschreiten, die wir lieber nicht überschreiten sollten?«

»Miriam, diese Grenze haben wir schon gestern Nacht überschritten.« Elke ging vor, kramte im Zwielicht in einer der beiden Nachttischschubladen und präsentierte ihrer Schwester eine Kerze sowie eine alte Schachtel mit Streichhölzern. »Hoffentlich funktionieren die noch.«

Miriam sah Elke dabei zu, wie sie eines der Hölzchen entflammte und damit die Kerze entzündete, die sie mit etwas Tropfwachs auf dem Tisch vor dem zugemauerten Fenster befestigte. Der flackernde Schein der Kerzenflamme brach sich gespenstisch in den starren Augen der Puppen ringsum auf den Regalen. Miriam lief abermals ein Schauer über den Rücken.

»Hier ist es kalt«, flüsterte Elke. Sie nahm eine der Decken zur Hand, warf sich diese über die Schultern und hockte sich im Schneidersitz auf die freiliegende Matratze. Im Zimmer roch es jetzt intensiv nach aufgewirbeltem Staub. Miriam nieste. Sie zog die Tür zum Flur zu und ließ sich nun ebenfalls auf der Matratze nieder, direkt Elke gegenüber. Das alte Bett knarrte unter der Belastung, doch ihre Schwester sah sie gefasst an.

Miriam griff sich in den Nacken und löste die Silberkette mit dem Delfinanhänger, den sie gestern hier gefunden hatten. Elke hatte ihn nicht haben wollen, Miriam schon. »Du musst mir dabei helfen, ja?«

»Ich versuche es.«

»Nein, ehrlich. Bei manchen funktioniert Hypnose angeblich nicht«, klärte Miriam ihre Schwester auf. »Du musst dich wirklich fallen lassen.«

»Ich verspreche, ich werde mein Bestes geben«, antwortete Elke. »Ich will das doch auch.« Sie sah sich vorsichtig im Zimmer um. »Spürst du das?«, flüsterte sie.

»Was?«

»Na, dieses Zimmer. Wenn ich in mich hineinlausche, ist mir irgendwie so, als wolle es mir Geschichten erzählen …«

Miriam sah sich ebenfalls um. Sie gruselte sich vor dem Raum und war froh, wenn sie hier wieder raus kam. »Bist du bereit?«, fragte sie. Elke nickte.

»Du musst ganz entspannt sein und darfst möglichst an nichts denken.«

»Klar, nichts einfacher als das«, antwortete Elke sarkastisch.

»Nein, ehrlich. Du musst alles loslassen.« Miriam hob den Delfinanhänger an. »Der Typ im Fernsehen hat auch drauf bestanden.«

»Ist ja gut.« Elke wickelte sich in die alte Decke ein und folgte mit den Augen dem Delphinanhänger, den Miriam jetzt sanft vor ihrem Kopf hin und her pendeln ließ.

Angestrengt versuchte sie sich an den Ablauf der Hypnoseshow in der Fernseh-Sendung zurückzuerinnern. »Entspanne dich«, wisperte sie und war dabei selbst so verkrampft, dass ihr die Finger zitterten. »Deine Gedanken sind wie Wolken, sie ziehen vorbei. Alles ist gut und richtig. Du hörst die Geräusche hier im Raum … . und meine Stimme hier bei dir«, versuchte sie Elke in Trance zu wiegen. »Dein Atem geht ruhig ein und aus … ein … und aus.« Miriam wiederholte die Worte mehrfach und bemühte sich währenddessen, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Wieso war Elke bloß so cool und sie nicht? Hatte sie denn keine Angst? »Deine Augenlider werden schwerer, vielleicht möchtest du sie schließen … Alles, was du hörst, ist meine Stimme … und du atmest tief und ruhig … tief und ruhig.« Miriams Worte wurden zunehmend zu einem flüsternden Singsang. Elke folgte den Pendelbewegungen, und je länger Miriam sprach, desto mehr verschleierte sich ihr Blick, bis ihre Augenlider sich senkten. Wahnsinn, Elke reagierte tatsächlich auf sie. »Ich werde jetzt von zehn an rückwärts zählen, und dabei wirst du immer müder werden«, ging Miriam jetzt aufs Ganze. Ihre Stimme hatte dabei einen so festen Klang, dass es sie selbst überraschte. »Zehn … Du möchtest schlafen. Tief schlafen. Alles ist gut … Neun … Alles, was du hörst, ist meine Stimme, die dich in den Schlaf begleitet … Acht … Du bist sicher und geborgen. Ich bin bei dir … Sieben … Dein ganzer Körper ist nun entspannt. Du willst schlafen … Sechs … Tief und tiefer schlafen … Fünf … Dein Atem strömt wie von selbst ein und aus … Vier … Deine Augenlider haben sich wie von selbst geschlossen. Drei … Du hörst meine Stimme, es gibt nur noch dich und mich … Zwei … Du schläfst ein … Eins … Du schläfst jetzt tief und fest.« Elke saß regungslos vor ihr und atmete flach. Miriam senkte das Pendel und fuhr mit der Hand ein paar Mal vor Elkes Gesicht hin und her. Sie stupste ihre Schwester sogar leicht an, doch Elke saß mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht. Miriam biss sich vor Aufregung auf die Lippe. Niemals hätte sie gedacht, dass sie das wirklich konnte.

»Wenn du mich verstehst, dann hebe deine rechte Hand.« Ganz langsam, ruckhaft, folgte Elke ihrer Anweisung. »Du kannst die Hand wieder fallen lassen.« Elkes Hand sank schlaff zurück auf ihren Schoß. Gott, sie hatte ihre Schwester wirklich hypnotisiert. Fieberhaft überlegte sie, was sie jetzt tun sollte.

»Wenn du mich hören kannst, dann sag jetzt ›Ja‹«, sprach sie, da ihr nichts anderes einfiel.

»Ja«, wisperte Elke mit geschlossenen Augen. Miriam schluckte. Am besten war es wohl, die Sache vorsichtig anzugehen. »Erinnerst du dich, was wir gestern auf dem zugefrorenen See getan haben, bevor die Jungs kamen?« Elke schaukelte leicht hin und her. »Erinnerst du dich, was wir gestern auf dem zugefrorenen See getan haben, bevor die Jungs kamen?«, wiederholte Miriam ihre Frage. »Antworte mir.«

Elke brummte leise. »Wir waren … Eislaufen. Wir haben einen Schneeengel gemacht …« Ihre Stirn umwölkte sich. »Aber der Schneeengel war … seltsam.« Auch Miriam erinnerte sich nun wieder an den Schneeengel. Sie hatte den unheimlichen Zwischenfall ganz vergessen gehabt. Hastig riss sie sich wieder zusammen. Der Typ im Fernsehen hatte die Leute mit Worten langsam zurück in die Vergangenheit geführt. Das musste sie auch versuchen. Behutsam. »Elke, wir werden jetzt zurückwandern. Zurück durch Zeit und Raum. Erinnere dich an den Sommer diesen Jahres. Wir haben da etwas sehr Lustiges erlebt, über das wir lange gelacht haben. Erinnerst du dich?« Elkes Augäpfel rollten unter den geschlossenen Lidern, und unvermittelt lächelte sie. »Wir sind nachts heimlich raus zum See … schwimmen. Andy und Robert haben Niklas mit seiner ganzen Kleidung ins Wasser geworfen … weil er nicht mit rein wollte.«

»Weiß du noch, was Andy anhatte?«

»Nur seine … Unterhose. Mit den Blümchen.« Elke lachte, und auch Miriam musste unwillkürlich grinsen.

»Wir gehen jetzt weiter zurück, Elke. Einige Jahre zurück. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir beide unseren achten Geburtstag feiern. Erinnerst du dich an unseren achten Geburtstag?«

»Ja … Mutter … Mutter hat uns einen Kirschkuchen gebacken.« Elke lächelte geisterhaft und bewegte sich leicht vor, sodass das Bett unter ihnen knarrte. »Wir futtern nachmittags heimlich den ganzen Kuchen auf. Bis uns so schlecht wird, dass wir brechen müssen. Mutter schimpft mit uns.«

Miriam hob eine Augenbraue. Stimmt, das hatte sie ganz vergessen. »Weißt du auch noch, was ich dir zum Geburtstag geschenkt habe?«

»Deine … Barbiepuppe. Weil meine kaputt ist.« Es stimmte. Elke hatte ja keine Ahnung, wie sehr sie sich darüber im Nachhinein geärgert hatte.

Miriam wurde mutiger. »Wir gehen jetzt noch weiter zurück. Zu … zu unserem fünften Geburtstag. Erinnerst du dich auch daran?« Miriam hatte selbst nicht den blassesten Schimmer, was damals passiert war. Elke schwankte leicht hin und her. »Erinnerst du dich an unseren fünften Geburtstag?«, wiederholte Miriam ihre Frage.

»Mama«, greinte Elke plötzlich mit Kleinmädchenstimme los. »Miriam hat meine Kerze ausgepustet. Das darf sie doch nicht, oder?«

»Nein, das darf sie nicht«, flüsterte Miriam betroffen und sah ihre Schwester baff an. Ob sie noch einen Schritt weiter gehen sollte? Ihr wurde mulmig; schnell riss sie sich wieder zusammen. Elke durfte ihr ihre Unsicherheit nicht anmerken, das war entscheidend. Dabei hätte sie die Sache am liebsten abgebrochen. Unhörbar atmete sie ein. »Wir gehen jetzt noch weiter zurück, Elke. Bis zu unserer Geburt. Was siehst du?«

»Weh … Licht …«, wimmerte Elke leise. Mein Gott, es funktionierte. Elke folgte ihren Anweisungen sogar jetzt noch. Miriam wurde unbehaglich zumute. Ob das an dem Einfluss dieses Zimmers lag? Sie sah sich rasch zu der Kerze auf dem Tisch um, die unruhig flackerte, und fasste dann all ihren Mut zusammen. »Elke, wir reisen jetzt noch tiefer in die Vergangenheit. Es mag seltsam sein, aber du kannst noch weiter zurückgehen. Weit vor deine Geburt. Du wirst entdecken, dass du noch mehr Erinnerungen hast. An ein Leben vor diesem …«

»Dun … kel«, ächzte ihre Schwester.

»Lass deinen Geist zurückwandern.« Miriams Körper war gespannt wie eine Feder. Jetzt kam der alles entscheidende Schritt. »Reise so lange zurück, bis du wieder etwas siehst«, forderte sie Miriam atemlos auf. Elke verzog unmerklich das Gesicht, so als wäre da ein Widerstand, den sie überwinden musste.

»Siehst du etwas?« Die Frage kostete Miriam all ihre Entschlossenheit.

Elke brummte leise, doch unvermittelt hielt sie still und sprach in einem leicht verändertem Tonfall. »Ich sitze in der Schule.«

Oh Gott. War das noch Elke? Sie klang so komisch. Miriam brach der kalte Schweiß aus, und sie spürte, wie sich ihre Finger um das Pendel krampften. »In welcher Schule?«

»In … Berchtesgaden. Wo denn sonst?«, antwortete Elke.

»Wie heißt du?« Elke schien zu überlegen. »Anna … Anna Bierbichler.« Miriam atmete scharfein. Gott, Elke war Anna! Sie war tatsächlich Anna. Fröstelnd fuhr sie sich über die Arme. »Welches Jahr haben wir?«

»Neunzehnhundert … achtundziebzig.«

»Siehst du noch jemanden?«

»Ja …«, wisperte Elke gedehnt. »Frank. Ich sitze in der Bank hinter ihm.«

»Erzähl mir, wer Frank ist?«

»So ’n Klassenkamerad von mir. Der gibt damit an, dass er in zwei Wochen zur Aufnahme von Disco nach Unterföhringen fährt. Er … er will mir ein Autogramm mitbringen. Von Ilja Richter persönlich.«

»Möchtest du eines?«

»Klar, der ist absolut cool.« Über Elkes Lippen huschte ein Lächeln. »Frank steht auf mich. Ich weiß das.«

»Stehst du denn auf ihn?«

»Auf den Zabel? Nee. Aber das Autogramm kann er uns ja trotzdem mitbringen.«

»Wer ist denn uns?«

Elkes Augenlider zuckten. »Gretl und ich.«

»Wo ist Gretl jetzt?«, fragte Miriam aufgewühlt. Sie wusste nur zu gut, dass sie selbst einst diese Gretl gewesen sein musste. Der Gedanke ließ sie frösteln.

»Na, die sitzt doch neben mir. Ich … muss mir echt ein Lachen verkneifen.« Elke kicherte zu Miriams Enttäuschung und ging nicht weiter auf Gretl ein. »Und warum musst du lachen?«

»Weil Michi Frank gerade heimlich ’ne Prilblume hinten auf die Jacke klebt. Während er mit mir spricht.«

»Meinst du Michael Meyenberg mit diesem Michi?«

»Wen denn sonst?«

Miriam schluckte. »Ist Michi dein Freund?«

Elke kicherte. »Nee. Doch. Wir haben schon mal … Nee, das ist mir peinlich. Aber am Wochenende, da macht er selbst Disse. Oben bei seinen Eltern in der Wohnung. Im Sägewerk. Michi hat ’ne astreine Hifi-Anlage. Da können wir ordentlich abhotten.«

Miriam brauchte eine Weile, bis sie die Antwort verdaut hatte. Inzwischen war ihr der Mund vor Aufregung ganz trocken. »Hast du noch andere Freunde?«

»Klar.« Elke alias Anna antwortete, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. »Stefan. Und Jonas auch. Der macht immer unsere Hausaufgaben, wenn ich ihn frage. Aber Gretl findet das irgendwie nicht gut.« Miriam sah ihre Schwester fassungslos an. Damals schienen die Beziehungen in ihrer Clique ganz ähnlich gewesen zu sein wie heute. Das alles war so unheimlich, dass sie die Sache am liebsten abgebrochen hätte, aber sie durfte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, mehr über das Todesjahr ihrer Alter Egos zu erfahren. Sie zitterte.

»Elke, welchen Monat haben wir?«

»Weiß nicht. Draußen … scheint die Sonne. Es ist Sommer.«

»Wir werden etwas in der Zeit voranschreiten, ja? Ein paar Monate.« Miriam räusperte sich. »Es ist jetzt Winter. Wir haben Anfang Dezember.« Elke ächzte, und ihr Körper schwankte wieder leicht hin und her.

»Kennst du Pfarrer Strobel?«

»Ja.« Elkes Stimme klang gequält. »Der ist hier in Perchtal … unser Pfarrer.«

»Bitte sag mir, wie Herr Strobel so ist.«

»Schon ziemlich alt. Und ganz schön seltsam.«

»Warum ist der seltsam?«

»Weiß nicht … Im Reliunterricht nehmen wir so komische Sachen durch. Über den Weihnachtsmann.«

»Strobel unterrichtet bei euch an der Schule?« Miriam runzelte die Stirn.

»Sag ich doch. Aber der hat voll den Kopfschuss. Da geht es nur um den Buttnmandllauf, um Perchten und den Krampus. Und hier in Perchtal … Immer nach den Proben für den Weihnachtschor quatscht der mich schräg an. Weil ich angeblich so gut singen kann.«

»Kannst du denn gut singen?«, fragte Miriam argwöhnisch.

»Ist doch kikileicht. Aber … der holt immer nur mich zu sich. Und das, obwohl Gretl genau so gut singt wie ich.«

»Immer nur dich?« Miriam beschlich plötzlich ein ganz mieses Gefühl. »Wo geht er mit dir hin?«

»Nach hinten. In die … Sakristei. Nein, in … seine Wohnung.«

»Macht der irgendwas mit dir?«, fragte Miriam leicht angewidert.

»Der … zeigt mir so komische Sachen. Bücher und … Bilder … auf Stein. Und so einen alten Stab aus … Holunderholz. Der … gleiche Stab ist auch auf diesen Steinbildern … Priester halten ihn in den Händen. Sie sind … zusammen … mit Kindern.«

»Elke, du musst dich genau erinnern. Was sind das für Priester? Mönche?« Elke brummte etwas Unverständliches, bevor ihre Stimme wieder verständlich wurde. »Nein, von ganz früher. Andere Priester. Die haben so einen komischen Namen. Kann ihn mir nicht merken. Strobel sagt, es gibt die noch heute. Und … er sagt, dass ich auserwählt sei … Die Gottesmutter hat mich auserwählt.«

»Was machst du jetzt?«

»Ich will nicht.« Elke verzog bei der Erinnerung unmerklich ihr Gesicht. »Ich sag Vater Bescheid. Obwohl Pfarrer Strobel meint, dass das unser Geheimnis ist. Aber …« Elke wurde aufgeregter. »Aber Vater sagt, ich soll Pfarrer Strobel vertrauen. Er schärft mir ein, niemandem etwas zu sagen. Das kapiere ich nicht … Ich will nachts nicht allein mit dem in den Wald. Ich will das nicht.«

»Und was machst du dann?«, fragte Miriam bestürzt. Elkes Lippen zitterten. »Bitte, sag mir, was als Nächstes geschieht?«

»Ich sag’s auch den anderen. Ich sag es Gretl. Und Michi. Und Stefan und Jonas.« Elke Augenlider zitterten, und sie sprach weiter, ohne dass Miriam fragen musste. »Wir … gehen jetzt … zusammen zu Strobel. Michi behauptet, er wolle auch mit. Wir alle wollen das. Aber das ist … eine Lüge. Die wollen mich bloß nicht allein lassen. Strobel guckt wie ein Golf Diesel. Das … hat er jetzt davon. Aber dann sagt er, dass alle mitkommen können. Aber dass wir ja niemandem was sagen sollen.«

»Wann will er mit euch in den Wald?«

»Nikolaus. Er will mit uns zu Nikolaus in den Wald …« Elkes Gesichtsmuskeln zuckten. »Aber wir trauen ihm nicht. Die Jungs forschen nach.« Elkes Stimme klang immer verstörter. »Jonas sagt … Aber das ist so furchtbar!« Unvermittelt quoll eine Träne unter Elkes geschlossenen Augenlidern hervor und rann stockend über ihre Wange. Miriam wusste nicht, was sie tun sollte. Was hätte der Mann im Fernsehen jetzt getan? »Jonas hat all diese alten Schriften gefunden«, jammerte Elke plötzlich. »Von Hexen und … Teufeln … .«

»Welche Schriften? Bitte, sag mir wo sie sind.«

»Bei seinem Vater. Der … der ist genau so komisch wie mein Vater. Und darin …« Elke wimmerte jetzt.

»Was ist mit diesen Schriften, Elke? Was?«

»Jonas’ Vater weiß nicht, dass er sie an sich genommen hat«, keuchte sie. »Er versteckt sie unter den Dielenbrettern in seinem Zimmer … Aber … Das ist so fürchterlich …« Elkes Stimme überschlug sich fast, als sie weiterhaspelte. »Alle werden sterben. Alle … Wenn wir das nicht aufhalten, werden alle sterben!« Die Tränen rannen ihr nur so übers Gesicht. »Wir müssen mit Strobel in den Wald … Jetzt müssen wir. Wir müssen. Sonst werden alle sterben … Der viele Schnee … . Oh Gott, er greift nach uns. Das ist kein Schnee. Das ist … Er greift nach mir!«

»Elke!«, rief Miriam verzweifelt. »Wo? Wo seid ihr jetzt?«

»Ich will da nicht runter. Neeeiiiiiin! Ich wiiillll niiiiicht.« Elke schrie, und ihr rechter Arm zuckte in abwehrender Haltung nach oben. Ihr Gesicht war jetzt vor Grauen verzerrt. Plötzlich krümmte sie sich wie ein Fötus zusammen, sogar den Daumen nahm sie in den Mund. Himmel, Miriam spürte, dass sie die ganze Sache sofort abbrechen musste. Elke wimmerte nun wie ein kleines Mädchen, das versuchte, sich in der Finsternis mit Gesang Mut zu machen. »Backe, backe, Kuchen, der Bäcker hat gerufen, wer will guten Kuchen machen, der muss haben sieben Sachen, Zucker und Salz … Zucker und SalzZucker und Salz …«

»Elke!«, rief Miriam erschrocken. »Elke, hörst du mich?« Der Gesang ging über in ein hässliches Knirschen, das ihre Schwester mit ihren Zähnen verursachte. Miriam versagte vor Grauen fast die Stimme. »Du vergisst sofort alles, was du gerade siehst!«, haspelte sie. »Du vergisst es. Hörst du mich. Du vergisst es!« Miriam zitterte, denn Elke knirschte noch immer mit den Zähnen. Allein der Gedanke daran, was sie Elke angetan hatte, gab ihr die Kraft weitermachen. »Entspann dich. Alles ist gut. Niemand kann dir etwas anhaben.« Ihr kamen fast die Tränen. Doch sie erinnerte sich daran, wie wichtig es war, den Hypnotisierten sorgsam auf das Erwachen vorzubereiten. »Du reist im Geiste wieder in der Zeit voran. Zurück in dein heutiges Leben. Ins Jahr 1994.« Das laute Zähnekrirschen verstummte. Elke lag noch immer mit dem Kopf auf Miriams Schoß, doch sie atmete jetzt ruhig. Miriam richtete ihre Schwester behutsam auf. »Wie ist dein Name? Bitte … sag mir, wie dein Name ist.«

»Elke …«

Miriam hätte vor Erleichterung schreien mögen. Doch aus Elkes Stimme war große Erschöpfung herauszuhören. Sie waren zu weit gegangen. Sie war zu weit gegangen. »Elke, du wirst nun langsam wieder erwachen. Stell dir vor, dein Schlaf ist wie ein See. Langsam schwimmst du an die Oberfläche. Dem Licht entgegen.« Miriams Stimme klang brüchig. »Je näher du der Oberfläche kommst, desto mehr Kraft schöpfst du. Ich zähle jetzt rückwärts von drei bis eins. Wenn ich in die Hand klatsche, dann wirst du erwachen … Drei!« Elkes Augenlider zitterten. »Zwei! Du bist dem Erwachen jetzt ganz nah … Eins!« Miriam klatschte in die Hände. Ihre Schwester stöhnte. Dann, endlich, schlug sie die Augen auf und sah sie verwirrt an.

»Hat … hat es geklappt?«, fragte sie mit heiserer Stimme.

»Ja, verdammt. Es hat geklappt.« Miriam liefen die Tränen über die Wangen, und sie nahm Elke fest in den Arm. »Du warst Anna. Verstehst du? Du wirst mir kaum glauben, wenn ich dir erzähle, was ich von dir erfahren habe.«

»Ach, ist dem so?«, ertönte im Zimmer eine dunkle Stimme. Miriam fuhr erschrocken zur Tür herum, in der sich die drohende Silhouette ihres Vaters abzeichnete. Sein Bart zitterte, und seine Augen blitzten in kalter Entschlossenheit. Im Hintergrund war ihre Mutter zu hören. Sie schluchzte. Vater ließ seinen Blick andächtig über die alte Jugendzimmereinrichtung schweifen, dann fixierte er wieder sie und Elke. »In diesem Fall muss ich euch wohl nicht mehr erklären, was der Herr euch heute bestimmt hat …«