Die alte Leichenhalle

»Es ist soweit.« Robert blickte auf seine Armbanduhr, deren Zeiger 22.30 Uhr anzeigten. Er und Andy warteten schon seit Stunden in dessen Spielzimmer, wo sie sich einige Tiefkühlpizzen eingeworfen hatten, während im Fernseher eine Videokassette mit den Folgen von ›Eine schrecklich nette Familie‹ lief. Robert liebte AI Bundys Sprüche, doch heute fehlte ihm die rechte Konzentration. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er darauf gehofft, dass sich Andy umentscheiden würde. Allein bei der Vorstellung, was sie heute Nacht noch vorhatten, bekam er eine Gänsehaut. Ausgerechnet er. Robert musterte unmerklich seinen Totenkopfring. Andy aber schien fest entschlossen, die Sache durchzuziehen.

»Gut, machen wir uns fertig.« Andy schaltete den Videorecorder aus. »Nicht, dass uns Niklas noch einpennt.« Die Jungs zogen sich an, holten sich aus der Küche eine Taschenlampe und eilten in die Nacht. Nasskalt blies ihnen der Wind Schnee ins Gesicht.

»Wofür brauchen wir Niklas überhaupt?«, wollte Robert wissen, während Andy die Taschenlampe zum Test anknipste. Der scharfe Lichtstrahl zeichnete einen hellen Kreis auf den grauweißen Untergrund zwischen Lager und Werkhallen. »Der pisst sich doch in die Hose, wenn wir erst auf dem Friedhof sind.«

»Ich hab ja nicht gesagt, dass er ganz mitkommen muss«, lenkte Andy ein. »Ich dachte eher, wir machen es so, wie heute Mittag beim Vereinsheim. Wir lassen ihn Schmiere stehen, während wir uns die Tote angucken.«

»Dafür muss man ebenfalls nicht zu dritt sein.«

»Mann, was soll denn das jetzt?« Andy sah Robert gereizt an. »Denkst du, ich hab Bock, allein in diese Leichenhalle zu stiefeln? So cool bin ich auch wieder nicht. Aber ich hab auch keine Lust, dass Strobel plötzlich auftaucht und uns erwischt. Schließlich wohnt der neben der …« Andys Stimme brach unvermittelt ab und Robert sah, dass sein Freund eine Spur im Schnee beleuchtete. Sie begann nur wenige Schritte von ihnen entfernt mitten auf dem Hof des Sägewerks und führte schnurgerade zu den Treppenstufen des Fahrradkellers neben dem Hauseingang.

»Komisch, die waren schon heute morgen hier.«

»Was?«

»Na, diese Spuren!«

»So wie es heute den ganzen Tag geschneit hat? Nicht wirklich.« Robert knöpfte sich nun doch den Kragen seines Mantels zu. Ihn verwunderte der abrupte Beginn der Abdrücke mitten auf dem Hof ebenso. Wer auch immer die Spuren hinterlassen hatte, es sah so aus, als wäre er von einer der Werkhallen heruntergesprungen. Aber die nächste Halle war fast drei Meter entfernt. Andy schien Ähnliches zu vermuten, der er leuchtete im Schneetreiben nach oben zu den Dachtraufen. Sie waren unberührt.

»Konrad?«, rätselte Robert.

»Vielleicht.« Andy trat nun direkt neben eine der Spuren und runzelte die Stirn. »Aber würde Konrad bei der Kälte barfuß laufen?«

»Barfuß?« Robert trat neben seinen Freund und sah nun ebenfalls, dass die Löcher in der Schneedecke die Umrisse nackter Füße hatten. Deutlich waren die Abdrücke von Zehen, Fersen und Fußballen zu erkennen. »Mann, dieser Spinner hat sie echt nicht alle.«

Andy knipste die Lampe wieder aus. »Wenn Konrad sich an meinen Rädern zu schaffen gemacht hat, dann erlebt der mich mal, wie es ist, wenn ich wirklich sauer bin. Egal, darum kümmere ich mich später.« Sie marschierten schweigend weiter zum Ort. Die Schneedecke knarzte unter ihren Schritten. Die wenigen Laternen Perchtals bildeten trübe Lichtinseln, und auch die beleuchteten Fenster, die sie passierten, hatten heute nur wenig Heimeliges an sich. Robert zog sich den Schal fester um den Hals, denn ihm rann kaltes Schmelzwasser in den Nacken. »Im Übrigen bleibe ich dabei«, nahm er den Faden wieder auf. »Niklas war uns auch vorhin schon keine große Hilfe. Er hat total verstört auf mich gewirkt, als wir ihn von zu Hause abgeholt haben. Solche Aktionen sind einfach nichts für ihn, seine Stärken liegen woanders. In Wahrheit benutzt du ihn bloß, weil du morgen vor Elke angeben willst.«

»Ist ja gut! Botschaft angekommen!« Andy verdrehte genervt die Augen. »Nur noch die Sache heute Nacht, okay? In Zukunft lasse ich ihn auch in Ruhe. Aber jetzt brauchen wir ihn.«

Robert antwortete nicht, da die schmale Gasse in Sicht kam, wo er und seine Mutter lebten. Die Lampe neben der Haustür brannte zwar, aber die Rollläden vor den Fenstern waren geschlossen. Er wusste daher nicht, ob seine Mutter noch wach war. Er hatte ihr zwar vorhin kurz Bescheid gegeben, dass er heute bei Andy nächtigen würde, doch von dem Leichenfund im See hatte er ihr bewusst nichts erzählt. Die Nachricht hätte sie bloß aufgeregt und ihr einen Grund gegeben, wieder zur Flasche zu greifen. Morgen war immerhin Montag. Da musste sie wieder arbeiten.

Die Bäckerei der Eichelhubers, die bald darauf in Sicht kam, war leicht zu erkennen. Das weihnachtlich beleuchtete Schaufenster bildete eine Lichtinsel in dem von schiefen Häusern gesäumten Straßenzug. Tannenzweige, Semmeln und Kekse waren um einen fast unterarmgroßen Nikolaus aus rotbraunem Marzipan drapiert, und der Sprühschnee auf den Fensterflächen schimmerte im Schein einer Lichterkette abwechselnd in Grün und Rot.

»Warte hier!« Andreas huschte über die Straße zum Wohnhaus der Eichelhubers, das der Bäckerei direkt gegenüberlag, und klopfte dort vorsichtig gegen ein Fenster im Erdgeschoss.

Wenig später öffnete sich die Haustür, und Niklas schlich zu ihnen nach draußen. Wie immer war er dick eingemummelt und trug die kindische Bommelmütze.

»Ich hab schon auf euch gewartet«, schnaufte er.

»Super«, meinte Andy zufrieden.

»Hey, jetzt mal ernsthaft.« Robert klopfte Niklas kameradschaftlich auf die Schulter. »Du musst nicht mit. Was wir vorhaben, ist ziemlich krank. Wenn du dich nicht traust, dann bleib einfach hier. Ist völlig okay.«

Niklas wischte Schnee von seiner Brille. »Nee … ist schon in Ordnung.« Er schniefte und setzte sich das Gestell wieder auf. »Andy hat ja recht. Es geht schließlich um … die Mädels. Ihr müsst euch um mich keine Gedanken machen. Ehrlich!«

Im Schaufenster brannte mit leisem Knall eine der Birnen in der Lichterkette durch. Schlagartig wurde es dunkel auf der Straße, und etwas schlug von innen dumpf gegen das Schaufenster. Der maskenhaft lächelnde Marzipan-Nikolaus war umgestürzt und lehnte jetzt mit eingedrücktem Kopf gegen die Scheibe, fast so, als wolle er sie durch das Glas hindurch anstarren. Sein klebriges Gesicht rutschte an dem Glas entlang und die wie blutig wirkende Masse nahm dabei immer fratzenhaftere Züge an, bis die Figur endlich liegen blieb.

»Lasst … lasst uns losgehen«, sagte Niklas. »Ich will möglichst vor Mitternacht wieder zurück sein. Wir haben doch morgen Schule.«

Andreas und Niklas entfernten sich bereits, während Robert sorgenvoll die zerdrückte Marzipanfratze hinter dem Fenster anstarrte. Hastig wandte er sich ab und lief hinter seinen Freunden her.

Die alte Kirche Perchtals stand etwas erhöht auf einem alten Friedhofshügel inmitten der Ortschaft und hob sich in der Dunkelheit grauweiß von den Fachwerkhäusern des benachbarten Marktplatzes ab, unter denen das Amtshaus des Bürgermeisters am deutlichsten hervorstach. Ringsum war das Kirchenareal von einem gusseisernen Zaun umgeben; die wenigen Krüppelbäume auf dem Friedhof schienen mit ihren kahlen und krummen Ästen nach dem Himmel greifen zu wollen. Angeblich entstammte das sakrale Bauwerk dem 12. oder 13. Jahrhundert. Es besaß zwei Seitenschiffe, die sich förmlich vor der Haupthalle wegduckten, wobei das eine dieser Seitenschiffe direkt an das kleine Pfarrhaus grenzte. Die hellen Giebelwände waren schmucklos, doch dafür besaß die Kirche Perchtals rechts vom Chorbogen einen schlanken Glockenturm, der sich einem mahnenden Finger gleich weit über die Dächer der Ortschaft erhob. Das ganze Areal versank förmlich unter Schnee. Von den Schrägdächern angefangen über die Simse des hohen Buntglasfensters auf der Westseite der Kirche bis hinüber zu den Wegen und Grabsteinen, die krumm und schief aus der Erde ragten, war alles mit einer dicken weißen Haube bedeckt. Selbst auf den Streben des Zauns häufte sich die weiße Masse fast zwei, drei Fingerbreit. Von den Dachpfannen hingen an manchen Stellen lange Eiszapfen herab, ganz so, als habe der Winter beschlossen, das Kirchengelände für alle Ewigkeit einzufrieren.

Mit einem raschen Wink zog Andreas seine Freunde hinter ein zugeschneites Auto und spähte noch einmal rüber zum Marktplatz, da er dort am ehesten mit Nachtschwärmern rechnete. Wie erwartet war ein Fenster oben im denkmalgeschützten Amtshaus des Bürgermeisters erleuchtet, direkt über dem Eingang mit dem alten, von Berlaff und Pfannhaken überkreuzten Wappen Perchtals. Bei den stilisierten Abbildungen des Schöpflöffels und des Hakens handelte es sich um die traditionellen Werkzeuge der Pfänner, der Salzsieder, die hier in der Berchtesgadener Region auf eine uralte Tradition zurückblickten. Auch Perchtal hatte offenbar einst vom Salzabbau profitiert, wenngleich das lange zurückliegen musste. Doch Andreas hatte im Moment andere Sorgen. Viel wichtiger war, dass es auf dem Marktplatz ruhig war. Irgendwo in der Ferne schlug ein Hund an.

»Und, könnt ihr was sehen? Die Leichenhalle liegt blöderweise hinter der Kirche.«

»Woher weißt du das?«, fragte Niklas.

»Wegen meiner Mutter«, erklärte Andreas kurz angebunden. Robert neben ihm reckte nun ebenfalls den Hals und bedeutete ihnen, sich zu ducken. Auch Andreas sah, dass in diesem Moment vier Männer hinter der Kirche hervortraten. Das Licht einer Taschenlampe blitzte im Schneetreiben auf. Pfarrer Strobels hochgewachsene Gestalt erkannte er sofort, bei den anderen Männern tippte er auf Doktor Bayer, den Bürgermeister und Herrn Krapf, den Leiter der freiwilligen Feuerwehr. Die Männer unterhielten sich eine Weile, doch es waren nur leise Stimmfetzen zu vernehmen: »Morgen weiter … . nicht in diesem Zustand … . benachrichtigen …« Dann verließen sie das Gelände in Richtung Ortsrand. Zum Erstaunen der drei schloss sich auch Pfarrer Strobel den Männern an, statt zu seinem Pfarrhaus zu gehen. Allein Bürgermeister Schober verließ die Gruppe und stapfte in Richtung Bürgermeisteramt. Andreas war es nur recht.

»Okay, es kann losgehen«, forderte er seine Freunde zum Mitkommen auf, kaum dass die Männer außer Sichtweite waren. »Aber macht die Taschenlampen erst an, wenn wir hinter der Kirche sind. Alles klar?« Er versuchte so selbstsicher wie möglich zu klingen, doch in Wahrheit war er alles andere als das. Die Kälte kroch durch seine Kleidung, und wenn er zu den dunklen Grabsteinen hinüberblickte, musste er unwillkürlich an die vielen Toten denken, deren verrottete Leiber dort in der Erde lagen. Mist, auf was hatte er sich da bloß eingelassen? Aber gerade vor Robert, der schon den ganzen Abend die Coolness in Person war, wollte er sich keine Blöße geben. Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte er geduckt voran und erreichte so als Erster das Kirchengelände.

Trotz der Dunkelheit war gut zu erkennen, dass die Männer an der Kirche vorbei einmal quer über den Friedhof gelaufen waren. Da es bereits mehrere Tage geschneit hatte, waren die Wege nahezu unkenntlich und die vielen Gräber fast eingeebnet. Doch noch immer roch es schwach nach Moder und Astern. Andreas deutete zu einem älteren Teil des Friedhofs hinüber, wo die Grabsteine verwittert waren und schief aus dem Boden ragten. Ganz in der Nähe einer unter dem Schnee begrabenen Engelsstatue zeichnete sich die alte Leichenhalle ab. Das auffallend kleine Gebäude mit den grob verputzten Wänden war im Kapellenstil errichtet worden. Auf dem weißen Schindeldach befand sich ein Dachreiter mit einer kleinen Glocke; die Doppelflügeltür wurde von zwei kantigen Fenstern eingerahmt, die zugemauert waren. Einst hatte man seine Mutter dort aufgebahrt. Sie lag heute auf einem sorgsam abgegrenzten Areal ganz am Rande des Friedhofs. Bei den wenigen ungetauften Kindern und Selbstmördern Perchtals.

Fast geräuschlos hasteten die drei zwischen den Gräberreihen hindurch, bis sie endlich vor dem Häuschen standen. Niklas sah inzwischen selbst so blass aus wie eine Leiche.

»Wir gehen allein rein«, flüsterte Andreas beruhigend. »Du versteckst dich am besten da hinten bei der Engelsstatue. Sollte jemand kommen, dann wirfst du einen Stein gegen die Tür, okay?« Sein dicker Freund nickte und machte, dass er fort kam.

»Super Plan«, murrte Robert mit Blick auf die zugemauerten Fenster.

»Ja, das hab ich inzwischen auch bemerkt«, presste Andreas hervor. »Aber hätte ich Niklas jetzt wieder wegschicken sollen, wo er schon mal da ist? Strobel ist ja nicht einmal im Pfarrhaus. Was soll schon passieren?« Er sah sich noch einmal zur Kirche um, zog einen Draht aus der Jackentasche, bog ihn zu einem Dietrich zurecht und nahm das alte Schloss in Angriff, so wie er es aus einschlägigen Filmen kannte. Leider sah die Realität anders aus. Fast drei Minuten stocherte Andreas in dem Schloss herum, dann gab er entnervt auf. »Funktioniert nicht«, murmelte er fast schon erleichtert. Robert probierte es ebenfalls, doch auch er scheiterte. »Na gut, dann soll es wohl nicht sein.« Sie wandten sich zu Niklas um und wollten bereits zurückgehen, als es hinter ihnen klickte. Überrascht starrten die Jungs erst die Tür und dann sich an.

»Das Schloss war wohl eingerostet«, flüsterte Andreas irritiert. Robert antwortete nicht; er streckte zögernd die Hand aus und drückte die Klinke nach unten. Knarrend schwang der rechte Türflügel auf. Ihnen schlug eine trockene Luft entgegen, die nach Mörtel und Moder roch.

Robert atmete tief ein. »Letzte Gelegenheit, die Sache abzublasen.«

Andreas fröstelte, zugleich beschlich ihn eine eigentümliche Aufregung. »Und wie stehen wir dann vor Niklas da? Komm, wir gehen kurz rein, riskieren einen schnellen Blick und hauen dann wieder ab, okay? Wird schon nicht so schlimm werden.« Entschlossen nahm er die Taschenlampe zur Hand und zog Robert mit sich in die Leichenhalle. Auch hier war es kalt, und es hallte leicht. Erst als sie die Tür wieder zugezogen hatten, traute er sich, die Taschenlampe anzuknipsen. Das Licht fiel direkt auf einen Sarg aus einfachem Nadelholz. Er stand inmitten der kleinen Halle auf einer altertümlichen Totenbahre, die über Räder und Schiebegriff verfugte und einen scharfen Schlagschatten an die Wand warf. Mit einem mulmigen Gefühl ließ Andreas den Lichtstrahl weiter über die gekachelten Wände der Halle wandern. Das umlaufende Band mit christlichen Sprüchen war nahezu verblasst, und lediglich ein schlichtes Kreuz zierte die kahlen Wände. In einer Ecke befand sich ein kleines Waschbecken samt schmalem Tisch, auf dem eine metallene Schüssel, ein Fön und einige andere Gegenstände lagen. Andreas ahnte, wofür die Männer den Fön gebraucht hatten.

»Sieh mal!« Robert deutete nach oben zur Decke. Dort war ein Loch zu sehen, aus dem ein dünnes, faseriges Seil baumelte, das unten in einem grünstichigen Kupferring auslief. »Was ist das?«, wisperte Andreas.

»Ein Glockenzug«, flüsterte Robert. »Zu der Glocke oben auf dem Dach. Den Ring haben sie früher an die Zehen der Toten gebunden. Nur für den Fall, dass der Tote gar nicht tot war. Die wollten damit verhindern, dass sie versehentlich jemand lebendig begruben. Ganz früher gab es hier in Perchtal sogar einen Leichenwärter, der darauf achtete, dass die Glocke über uns auch nicht bimmelt.«

Andreas stellte sich unwillkürlich vor, wie es wohl wäre, in dieser verdammten Halle zu erwachen. Bekleidet nur mit einem dünnen Hemd, umgeben von Dunkelheit und gerade so in der Lage, mit dem großen Zeh zu zucken. Und wenn dieser verdammte Ring tatsächlich als notwendig erachtet worden war, wie viele Scheintote hatten sie dann früher unter die Erde gebracht, ohne dass sich diese Verzweifelten zuvor hatten bemerkbar machen können? Er hatte von Fällen gehört, bei denen Särge aus der Friedhofserde gehoben worden waren, deren Deckelinnenseite von den lebendig Begrabenen völlig zerkratzt gewesen waren. Ihm rieselte es kalt den Rücken herunter.

»Toll. Genau die Information, die ich gebraucht habe«, stöhnte er. Er umrundete den Sarg langsam und biss sich auf die Lippen. »Also, bringen wir es jetzt hinter uns?«

Robert nickte angespannt.

Andreas legte seine Taschenlampe auf den Tisch neben dem Waschbecken und konnte so nun auch die anderen herumliegenden Utensilien erkennen, die allesamt von der zurückliegenden Untersuchung an der Leiche kündeten: Neben Fön und Schüssel waren dies ein Skalpell, eine lange Pinzette, Hammer und Meißel, zwei scharfe Messer, ein Spachtel sowie ein Kugelschreiber. Auf dem Boden neben dem Tisch stand sogar noch die halb geöffnete Arzttasche von Doktor Bayer. Entweder, der Arzt hatte sie hier vergessen, oder er war mit seiner Untersuchung noch nicht fertig. Egal, darum konnten sie sich später kümmern. Mit klopfendem Herzen stellten sie sich rechts und links vom Sarg auf und hoben den Deckel an. Erst als sie ihn heruntergewuchtet und gegen den Sarg gelehnt hatten, wagten sie es, mit der Lampe ins Innere zu leuchten. Der Anblick war erschütternd.

Die Tote aus dem See sah aus wie eine Eisprinzessin. Kalt, schön und unnahbar. Soweit sie es erkennen konnten, war sie mit Parka und Cordhose bekleidet; der Großteil ihres regungslosen Körpers war noch immer von einem Eispanzer umschlossen, der im Licht der Lampe nasskalt funkelte. Allein auf Höhe des Kopfes, im Bereich des Rumpfs und bei den Handgelenken war das Eis aufgemeißelt und weggeschmolzen worden. Die Männer hatten offenbar versucht, den gefrorenen Parka aufzutrennen, um so an die Innentaschen zu gelangen. Andreas und Robert indes hatten nur einen Blick für das herzförmige Gesicht mit den bleichen Lippen. Selbst im Tod wirkte es porzellanhaft schön. Die Haare des toten Mädchens umspielten die Schultern wie gefrorene Kaskaden aus Honig, und die kleinen Eisklümpchen an Wimpern und Brauen verliehen ihr einen fast überirdischen Glanz.

»Heilige Scheiße!«, ächzte Robert. Andreas fehlten beim Anblick der Leiche die Worte. Es gab überhaupt keinen Zweifel. Das Mädchen sah tatsächlich aus wie ein Ebenbild Elkes und Miriams. Sogar Größe und Alter stimmten.

»Dann haben die beiden also doch eine weitere Schwester?«, rätselte Robert. »Aber wie ist das möglich? Das müssten sie doch wissen?«

»Nicht, wenn sie früh genug von ihrem Drilling getrennt worden sind«, antwortete Andreas aufgewühlt. Fieberhaft suchte sein Gehirn nach einer Lösung. »Angeblich … angeblich vergisst ein Mensch alles, was vor dem vierten Lebensjahr passiert. Ich meine, es wäre doch möglich, dass Elkes und Miriams Drilling damals entführt wurde?«

»Wieso entführt?«, »Na, überleg mal. Sie muss doch in all den Jahren irgendwo aufgewachsen sein? Die ist garantiert nicht freiwillig von zu Hause ferngeblieben. Irgendjemand muss sich in all der Zeit um sie gekümmert haben. Vermutlich da draußen, irgendwo tief im Forst.« Andreas grauste die Vorstellung. »Vielleicht war sie all die Jahre über eingesperrt und total allein. Erinnerst du dich noch an Kaspar Hauser, den Film, den wir im Sommer gesehen haben?«

»Klar.«

»Siehst du. So etwas passiert. Immer wieder. Und jetzt … Es ist doch möglich, dass sie es endlich geschafft hat zu fliehen. Und ich kann dir auch sagen, wann: das Ganze muss vor ’ner knappen Woche passiert sein. Du weißt schon, da war diese Schneeschmelze. Und dabei ist sie dann in den Bach gestürzt, hat sich vielleicht das Genick gebrochen und wurde bis zu uns in den Perchtensee geschwemmt, wo sie vom Frost überrascht wurde und eingefroren ist.« Andreas war von seinem detektivischen Gespür selbst überwältigt. Robert sah ihn ernst an und schlug sich das schwarze Haar zurück, das wie angeklatscht auf seinem rasierten Schädel lag. »Weißt du was?«

»Nee?«

»Du erzählst Schwachsinn!«

»Ach!« Andreas schnaubte sauer. »Dann hast du eine bessere Erklärung?«

»Muss ich gar nicht. Die finden wir vielleicht da vorn.« Robert nickte in Richtung des Tisches.

»Wenn die bei der Untersuchung was notiert haben, dann haben sie es mitgenommen«, meinte Andreas.

Robert aber beachtete ihn nicht weiter, sondern griff sich die Arzttasche von Doktor Bayer und durchwühlte sie. Neben Pillendosen und Schachteln fischte er ein Stethoskop hervor. Plötzlich hielt er inne, nur um anschließend ein Diktiergerät zu präsentierten. »Schau mal.«

Tatsächlich, die kleine Kassette in dem Gerät war bespielt.

»Na los, spul das Ding zurück und mach es an«, forderte Andreas seinen Freund auf. Robert tat es und betätigte die Play-Taste. In dem Lautsprecher des Diktiergerätes knisterte es, kurz darauf hallte die tonlose Stimme von Doktor Bayer von den Wänden: Wir haben heute den 4. Dezember 1994, und es ist jetzt 18.11 Uhr. Vor mir liegt eine weibliche Mädchenleiche, die heute gegen 16 Uhr im zugefrorenen Perchtenseegefunden wurde. Pikanterweise handelt es sich bei dem Mädchen, das die Tote gefunden hat, um die Teenagerin Elke Bierbichler, auf die noch zurückzukommen sein wird. Andreas bedachte Robert mit einem ›Na, siehst du-Blick‹ und lauschte weiter der Stimme des Tierarztes. Da die Polizeibeamten unten aus Berchtesgaden wegen eines Schneesturms nicht zu uns ins Tal kommen können, insbesondere aber wegen der außergewöhnlichen Umstände des Leichenfundes, bat mich unser Bürgermeister Alois Schober, eine erste Begutachtung an der Toten vorzunehmen. Ort der Untersuchung ist die alte Leichenhalle Perchtals, und als Zeugen anwesend sind unser Bürgermeister, Pfarrer Strobel sowie Jochen Krapf, Zugführer der hiesigen freiwilligen Feuerwehr. Es klickte in regelmäßigen Abständen, und weitere Einzelheiten folgten. Geschätztes Alter der Toten: 14 bis 16 Jahre, wobei wir stark davon ausgehen, dass das Mädchen zum Zeitpunkt des Todes 15 Jahre war, da dies der Akten lage entspricht. Robert warf Andreas einen irritierten Blick zu. Die Kleidung ist nicht zerrissen, lässt sich aber aufgrund des gefrorenen Zustands schlecht entfernen … Ablederung der Haut durch zerrende, quetschende oder abscherende Kräfte, die vermutlich post mortem entstanden sind … Augen: Cornea durch Eintrocknung getrübtFast keine Spuren von Autolyse, Fäulnis und Verwesung, was mehr als erstaunlich ist … Soweit feststellbar, keine Hämatome. Auch keine Abwehrverletzungen an Händen und Armen … Die Tote wirkt wie tiefgekühlt, ohne aber, dass ihre Haut die für Gletschertote übliche Fettwachskonsistenz aufweist … Die Todesursache ist, solange sich das Mädchen noch im gefrorenem Zustand befindet, von meiner Seite aus nicht zu ermitteln … Nicht nur der Zustand des Mädchens, auch ihr Fund im Perchtensee bleibt im Moment absolut rätselhaft … Im Hintergrund war eine Stimme zu hören, woraufhin sich Doktor Bayer wieder zu Wort meldete. Oh, ich dachte, das hätte ich eingangs schon erwähnt. Ah, trotzdem scheint die Identität der Totenfestzustehen. Ein silbernes Schmuckband am rechten Handgelenk der Toten trägt den eingravierten Namen Anna. Dies und eine kaum zu übersehende Familienähnlichkeit mit ihren heutigen Schwestern lässt uns zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der Toten um die seit Jahren vermisste Anna Bierbichler handelt. Ob dies der Wahrheit entspricht, muss eine Identifizierung durch die Eltern erbringen, was mir bei dem überraschenden Erhaltungszustand der Toten zumindest aussichtsreich erscheint.

Das Bandgerät lief noch eine Weile, doch es war nichts mehr zu hören. Robert schaltete es aus, und die beiden Freunde sahen sich an.

»Siehste, wusste ich doch, dass die uns was verheimlichen«, wisperte Andreas. »Elke und Miriam wird der Schlag treffen.«

»Moment mal«, meinte Robert. Er spulte das Band zurück und drückte wieder auf die Play-Taste: Dies und eine kaum zu übersehende Familienähnlichkeit mit ihren heutigen Schwestern lässt uns zu dem Schluss kommen … Er drückte auf Stopp. »Wieso ›heutige Schwestern‹? Ich meine, wenn das Drillinge sind, waren die schon immer Schwestern.«

»Stimmt …«, meinte Andreas nachdenklich. »Jetzt, wo du es sagst … Da war doch weiter vorn auch noch von dieser Aktenlage die Rede, als es um das Alter der Toten ging. Das war auch irgendwie merkwürdig. Spul noch mal ganz zurück.« Robert tat es und drückte wieder auf Play. Abermals erklang die Stimme des Arztes, doch bereits nach wenigen Sekunden wurde sie von einem Zischen überlagert, das in ein sphärisches Rauschen überging. »Was ist?«, fragte Andreas. »Hast du das Band kaputt gemacht?« »Quatsch, ich …« Leise Singstimmen tönten plötzlich aus dem Lautsprecher:

Lasst uns froh und munter sein, und uns recht von Herzen freu n! Lustig, lustig, trallerallera. Bald ist Nikolausabend da! Bald ist Nikolaus …

Mit einem Aufschrei ließ Robert das Diktaphon fallen. Das Gerät zerbarst am Boden in mehrere Einzelteile. Kreidebleich wich er zum Tisch zurück.

»Was ist denn?« Andreas sah seinen Freund bestürzt an.

»Das … So einen verdammten Kinderchor habe ich heute Morgen schon gehört. Im Fernseher. Nur war da …« In diesem Moment schlug etwas derart wuchtig gegen die Türen der Leichenhalle, dass selbst die Angeln erzitterten. Andreas zuckte zusammen, als unvermittelt seine Taschenlampe den Geist aufgab. Von einem Augenblick zum anderen waren sie von Finsternis umgeben. »Scheiße, was …? Niklas!?« Atemlos lauschte er dem Nachhall seiner Stimme. Doch Niklas antwortete nicht. Stattdessen rumpelte es neben ihnen im Sarg. In der Leichenhalle wurde es kälter, und dem Rumpeln folgte ein feines Klingeln. Irgendwo über ihnen. Erst leise, dann immer lauter. Die Totenglocke auf dem Dach schlug an.

Andreas und Robert begannen zu schreien.

Niklas stand mit in der Manteltasche vergrabenen Händen hinter der hohen Engelsstatue und sah unglücklich dabei zu, wie Andy und Robert drüben vor der Leichenhalle standen und mit einem Draht versuchten, das Schloss der Tür aufzubekommen. Wieso nur ließ er sich von ihnen immer wieder zu solchen Wahnsinntaten überreden? Wenn seine Eltern herausbekamen, wo er sich heute Nacht herumtrieb, würden sie ausrasten. Schon der Leichenfund hatte sie über die Maßen aufgeregt. Dabei war dies das Letzte, was er wollte. Wer wusste schon, wozu sich seine Mutter wieder hinreißen ließ?

Da ihn fröstelte, trat er im Schnee mehrfach auf der Stelle. Einen Moment lang hatte er den Eindruck, als wollten seine Freunde von der Tür ablassen, doch unvermittelt drehten sich die beiden wieder um und verschwanden kurz darauf in der Leichenhalle. Mann, die machten das wirklich!

Bewundernd seufzte er. Ihm selbst war vor Aufregung ganz schlecht. All das, was heute bereits passiert war, würde er sein Lebtag nicht vergessen. So etwas wie heute kam sonst nur in Filmen vor. Warum nur war er so feige? Da war doch nichts bei. Das Mädchen da drinnen war tot. Bei dem Gedanken musste er unwillkürlich an das Kissen zurückdenken, das er heute Vormittag unter seiner Bettdecke gefunden hatte. Er begriff noch immer nicht, wie es in sein Zimmer gekommen war. Ob Konrad etwa auch bei ihm gewesen war? Unsinn. Und doch musste er beim Anblick der Leichenhalle daran denken, dass er selbst vor Jahren diesem schauderhaften Ort nur knapp entronnen war. Wenn sein Vater damals nicht zufällig im Kinderzimmer aufgetaucht wäre, als seine Mutter ihn …

Niklas zitterte bei dem Gedanken. Egal, das Kissen war weg. Er hatte es heute Abend mit einem Messer zerschlitzt und beim Nachbarn heimlich in die Mülltonne gestopft.

Wenn sich Andy und Robert bloß etwas beeilen würden. Die waren doch jetzt sicher schon fast zehn Minuten in dieser verdammten Leichenhalle. Was machten die da drin so lange? Niklas riskierte einen Blick auf seine Armbanduhr. Inzwischen war es kurz vor Mitternacht. Mist. Argwöhnisch spähte Niklas an den vielen Gräbern vorbei hinüber zur Kirche. Egal, wo Strobel war, hoffentlich kam der nicht so schnell zurück. In diesem Moment fiel ihm ein, dass er seine Freunde gar nicht warnen konnte, da ihm die Hilfsmittel fehlten. Von hier aus brauchte er schon einen Stein, den er gegen die Tür werfen konnte, falls jemand kam. Hektisch sah er sich um, doch der viele Neuschnee auf dem Friedhof verbarg den Blick auf den Untergrund. Wie sollte er so einen Stein finden? Aufgeregt schob er den Schnee unter sich mit den Schuhen beiseite, doch da war nichts, was sich als Wurfgeschoss missbrauchen ließ … Ein Schneeball! Natürlich. Niklas bückte sich schnaufend und formte aus der weißen Masse zu seinen Füßen zwei große, feste Bälle, die er auf den Sockel der Engelstatue legte. Mit einem dritten Schneeball in Händen erhob er sich wieder und bemerkte nun, dass der Schneefall auf dem Friedhof an Heftigkeit zugenommen hatte. Die vielen Grabsteine um ihn herum waren in defti Treiben nur noch schemenhaft zu erkennen, und selbst die Leichenhalle verschwamm in der Dunkelheit. Niklas wischte sich über die Brillengläser und entdeckte plötzlich ein rötliches Licht zwischen den vielen wirbelnden Flocken. Kam da jemand? Der Lichtschein flackerte unruhig. Ein Grablicht. Sicher, was sonst. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das unheimliche Flackern auch zwischen anderen Gräbern zu sehen war. Es waren mindestens ein Dutzend Lichter. Seltsam, dass ihm das vorhin noch nicht aufgefallen war. Niklas trat ein paar Schritte vor die Engelsstatue und erstarrte. Seine Augen mussten ihm einen Streich spielen. Die roten Lichter stiegen wie Funken auf. Völlig unvermittelt schälten sich an ihrer Stelle menschliche Konturen aus dem Schneegestöber. Von den Gestalten ging ein fahles Glühen aus, wie Blut auf glitzerndem Eis. Allesamt trugen sie die Insignien kirchlicher Macht. Sie waren mit roten Messgewändern bekleidet, hielten Krummstäbe in den Händen und trugen die Mitra auf ihren Häuptern, so wie es Bischöfe taten. Doch das waren keine Bischöfe, das waren Kinder. Die hohlwangigen Gestalten starrten ihn aus tiefschwarzen Augen an und hoben ihre Hirtenstäbe.

Niklas wollte schreien, doch kein Laut entrang sich seiner Kehle. Panisch stolperte er zurück in Richtung Engelsstatue, wo zwei der gespenstischen Kinderbischöfe lauerten. Wimmernd warf er sich herum und rannte durch den Schnee hinüber zum Leichenhaus. Bevor er die Klinke zu fassen bekam, rutschte er aus und krachte schmerzhaft gegen die Doppeltür. Kurz wurde es schwarz vor seinen Augen, als über ihm die Totenglocke anschlug. Die Glocke tönte hell, wie eine Stimmgabel auf klirrendem Eis. Panische Schreie drangen an sein Ohr. Dann wurde die Tür aufgerissen und Stiefel schlugen ihm schmerzhaft ins Kreuz. Niklas sah, dass Andy und Robert über ihn stürzten und ebenfalls im Schnee landeten. Hastig sprangen sie wieder auf und starrten verängstigt zurück zur Leichenhalle. Niklas indes glotzte noch immer die Grabreihen an. Wo waren die vielen Kinder? Er wimmerte. Endlich verebbte das Totengeläut. Niklas spürte, wie Andy ihn am Kragen packte und mit sich in Richtung Friedhofsausgang riss.

»Weg von hier!«, keuchte sein Freund immer wieder. »Bloß weg von hier!«