6
Der lueg
18. März 1971
Im Alter von siebenundzwanzig habe ich mich der Großen Prüfung unterzogen. Sie war vor vier Tagen, und erst heute kann ich wieder aufrecht sitzen, einen Stift halten und schreiben. Clyda fand, ich sei so weit, und ich war so begierig darauf, dass ich nicht auf die Leute gehört habe, die mich gewarnt haben, ich solle es lassen.
Die Große Prüfung. Ich habe lange überlegt, wie ich die Erfahrung beschreiben soll, und sobald ich mich ihr mit Worten annähere, möchte ich am liebsten weinen. Siebenundzwanzig ist jung – viele sind niemals bereit dafür. Die meisten sind älter, wenn sie es tun, und haben sich viele Jahre darauf vorbereitet. Doch ich habe darauf bestanden, dass ich so weit sei, und am Ende war Clyda einverstanden.
Die Zeremonie fand oben auf Windy Tor statt, an den Alten Steinen vorbei, die noch von den Druiden stammen. Tief unter mir hörte ich die Wellen in einem zeitlosen Rhythmus gegen die Felsen schlagen. Es war eine mondlose Nacht, so finster wie das Ende der Welt. Bei mir waren Clyda und eine andere walisische Hexe, Scott Mattox. Ich war nackt, entblättert, und wir zogen den Kreis und fingen mit dem Ritus an. Um Mitternacht hielt Clyda mir den Kelch hin. Ich starrte darauf, wohl wissend, dass ich Angst hatte, denn darin war der Wein der Schatten – wo sie ihn herhatte, weiß ich nicht. Wenn ich die Große Prüfung bestand, würde ich überleben, wenn ich sie nicht bestand, würde der Wein mich töten. Mit zitternder Hand nahm ich den Kelch und trank.
Clyda und Scott blieben in meiner Nähe, damit ich nicht die Klippe hinunterstürzte. Ich setzte mich mit tauben Lippen auf den Boden und murmelte alle magischen Macht- und Kraftsprüche, die ich kannte. Dann setzte in meinen Fingerspitzen der erste Schmerz ein, wie Nadelstiche, und ich schrie auf.
Es wurde eine sehr lange Nacht.
Und hier bin ich. Ich lebe. Ich habe es geschafft. Ich bin geschwächt vom Fasten, vom Übergeben, von einer schneidenden Übelkeit in meinem Bauch, wegen der ich mich frage, ob sie mir Glas zu essen gegeben haben. Heute Morgen habe ich mich im Spiegel gesehen und aufgeschrien beim Anblick der hohläugigen gealterten Frau mit stumpfem Haar, die mich anblickte. Clyda sagt, ich solle mir keine Sorgen machen: Meine Schönheit wird zurückkehren, genau wie meine Kraft. Was weiß sie schon? Sie war nie schön und hat keine Vorstellung davon, wie es ist, es nicht mehr zu sein.
Doch so hohläugig ich bin – wie ein vom Blitz getroffener Baum – spüre ich doch den Unterschied. Vorher war ich stark, doch jetzt bin ich eine Naturgewalt. Ich fühle mich wie Wind, wie Regen, wie Lava. Ich bin im Einklang mit dem Universum, mein Herz schlägt zu seinem uranfänglichen, tief verwurzelten Trommeln. Ich bin ganz aus Magie gemacht, bin wandelnde Magie, und ich kann mit einem Fingerschnippen über Leben oder Tod bestimmen.
War die Große Prüfung das wert? Die Übelkeit, die Schmerzensschreie, die zerkratzten, aufgerissenen Hände, die tiefen Striemen auf meinen Oberschenkeln, die entstanden, als ich schrille Schreie ausstieß vor Entsetzen und Verzweiflung und darum kämpfte, etwas Normales zu fühlen, etwas, was ich kannte, und seien es körperliche Schmerzen? Mein Gehirn wurde entzweigerissen und zur Schau gestellt, mein ganzer Körper von innen nach außen gekehrt. Doch in der Zerstörung liegt der Neubeginn, in den größten Qualen die Freude und im Entsetzen die Hoffnung. Und jetzt habe ich diese schreckliche, todbringende Reise unternommen und ich habe sie lebend überstanden. Ich werde sein wie eine Göttin und niederere Wesen werden mir folgen. Ich werde eine Dynastie von Hexen gründen, die die Welt in Staunen versetzen wird.
– SB
»Und was soll ich machen, wenn deine Mutter nach Hause kommt?«, fragte Hunter. »Ich meine, wird sie mir eine Bratpfanne überziehen?«
Ich grinste. »Nur wenn sie schlecht drauf ist.« Es war Mittwoch, meine Eltern waren auf der Arbeit, Mary K. war oben, und wir wollte eine Wicca-Lernstunde einlegen. »Ich habe dir gesagt, ich könnte auch zu dir kommen«, erinnerte ich ihn.
»Sky und Raven sind da«, sagte er. »Die sind sicher froh, mal ein bisschen allein zu sein.«
»Ehrlich?«, fragte ich. »Wird das was?«
»Ich bin nicht hergekommen, um Klatsch auszutauschen«, sagte er streng und ich hätte ihm am liebsten eine geknallt. Ich suchte noch nach einer schlagfertigen Erwiderung, während er sich nervös in der Küche umsah.
»Lass uns rauf in dein Zimmer gehen«, sagte er und ich blinzelte.
»Ähm«, setzte ich an. Im oberen Stockwerk unseres Hauses waren Jungs einfach strengstens untersagt.
»Du hast gesagt, du hast einen Altar eingerichtet«, sagte er. »Den würde ich mir gern ansehen. Wenn du Magie wirkst, dann doch vermutlich am ehesten in deinem Zimmer, oder?« Er stand auf und fuhr sich mit der Hand durch seine hellen Haare.
Ich hatte Mühe, meine Gedanken zu sortieren. »Ähm.«
Cal war nur ein Mal in meinem Zimmer gewesen, und das auch nur ganz kurz, nachdem mir Bree bei einem Volleyballspiel in der Schule beinahe die Nase gebrochen hatte. Selbst da war meine Mutter ganz schön nervös gewesen, obwohl ich schwer verletzt und überhaupt nicht in Stimmung für etwas Romantisches gewesen war.
»Komm schon, Morgan«, redete er mir zu. »Wir arbeiten. Ich habe nicht vor, über dich herzufallen, falls du das befürchtest.«
Mein Gesicht brannte vor Verlegenheit, und ich fragte mich, was er wohl tun würde, wenn ich ihn mit Hexenfeuer beschoss. Ich war kurz davor, es auszuprobieren.
»Tut mir leid«, sagte er. »Lass uns noch mal von vorn anfangen. Bitte, darf ich den Altar sehen, den du in deinem Zimmer eingerichtet hast? Wenn deine Eltern unerwartet nach Hause kommen, wirke ich schnell einen magischen Sieh-in-die-andere-Richtung-Spruch und verschwinde von hier, okay? Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.«
»Ich lebe halt noch bei meinen Eltern«, sagte ich steif, stand auf und ging voraus in den Flur. »Und ich gebe mir Mühe, mich möglichst an ihre Regeln zu halten. Aber lass uns rasch hochgehen. Ich würde ihn dir schon gern zeigen.« Ich stapfte die Treppe hoch und war mir seiner leisen Schritte hinter mir nur zu deutlich bewusst.
Ich war wirklich froh, dass mein Zimmer nicht mehr rosa gestreift war. Die Rüschenvorhänge hatte ich durch Rollos aus Seegras ersetzt, die sehr gut zu meinem neuen milchkaffeefarbenen Wänden passten. Den alten cremefarbenen Teppich hatte ich rausgerissen und durch einen einfachen Juteteppich ersetzt. Ich liebte mein neues Zimmer, trotzdem stand ich nervös an meinem Schreibtisch, während Hunter sich umsah. Ich ging in meinen begehbaren Schrank und zog die alte Truhe aus Sommerlagerzeiten heraus, die mir als Altar diente – versehen mit pflaumenblauem Leinentuch, Kerzen und vier besonderen Objekten, die die vier Elemente repräsentierten.
Mein Bett schien mystische Proportionen anzunehmen und fast das ganze Zimmer auszufüllen, und ich wurde rot vor Wut und versuchte, das Bild von Hunter plus Bett vor meinem geistigen Auge zu vertreiben.
Er betrachtete meinen Altar.
»Er ist ziemlich schlicht«, murmelte ich. »Es ist schwer, weil ich ihn verstecken muss.«
Er nickte und sah mich an. »Er ist schön. Hübsch. Vollkommen angemessen. Ich bin froh, dass du ihn gemacht hast.« Seine Stimme war leise, beruhigend. Ich schob den Altar wieder in den Schrank und drapierte kunstvoll meinen Bademantel darüber, um ihn zu verbergen. Sollten wir wieder runtergehen?, überlegte ich, doch als ich aus dem Schrank kam, saß Hunter entspannt auf dem Bett und strich mit den Fingern über den weichen Bezug meiner Daunendecke. Am liebsten hätte ich mich ohne Vorwarnung auf ihn gestürzt, ihn in die Matratze gedrückt und ihn geküsst – auf eine Weise aggressiv, wie es bei Cal nie der Fall gewesen war. Doch sobald mir der Gedanke durch den Kopf schoss, zuckte ich zusammen, denn ich wusste ja, dass Hunter sämtliche Gefühlsregungen von mir genau spürte. O Mann.
Doch sein Gesicht blieb neutral, als er sagte: »Hast du die wahren Namen der Dinge auswendig gelernt?«
»Im Großen und Ganzen«, sagte ich voller Schuldgefühle, denn seit dem Vorfall mit David hatte ich nicht viel getan. Doch ich hatte schon mit dem Auswendiglernen angefangen. Ich zog meinen Schreibtischstuhl hervor und setzte mich, und in dem Augenblick klopfte Mary K. leise an die Tür und kam herein, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie hielt abrupt inne, als ihr Blick auf Hunter fiel, der auf meinem Bett saß. Ihr offener Mund bildete ein komisches O. Sie schaute von ihm zu mir und wieder zurück, und selbst Hunter musste über ihre Miene grinsen. Sein normalerweise so ernstes Gesicht hellte sich auf, was ihn gleich um einiges jünger und unbeschwerter aussehen ließ.
»Wir brauchen ein Schloss für die Tür«, sagte er fröhlich und ich wäre am liebsten gestorben. Meine Schwester zog fasziniert die Augenbrauen hoch.
»Tut mir leid«, sagte Mary K., »ich wollte dich nur was wegen des Abendessens fragen, aber ich komme später wieder.«
»Nein, warte«, setzte ich an, doch sie war schon zur Tür hinaus und schloss sie mit einem deutlich hörbaren Klicken hinter sich. Ich sah Hunter an, der immer noch grinste.
»Ich fühle mich wie ein Fuchs in einem Hühnerstall voller katholischer Mädchen«, sagte er und machte den Eindruck, als störte ihn das nicht im Geringsten. »Das wirkt Wunder für mein Ego.«
»Ach, als bräuchte dein Ego irgendwelche Unterstützung«, erwiderte ich und hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen.
Doch Hunter war nicht beleidigt. »Welche Namen hast du gelernt?«
Riesige, lange, bescheuerte Listen, hätte ich am liebsten gesagt. Doch stattdessen atmete ich tief durch und meinte: »Ähm, Wildblumen und Kräuter unserer geographischen Breite, die, die im Frühling, Sommer und Herbst blühen und im Winter schlafen. Die, die giftig sind. Pflanzen, die magischen Sprüchen entgegenwirken können, guten oder bösen. Pflanzen, die Energie neutralisieren.« Ich nannte zehn oder elf von ihnen, fing mit maroc dath – Maiapfel – an und unterbrach mich in der Hoffnung, er wäre gehörig beeindruckt. Allein die englischen oder lateinischen Bezeichnungen von Hunderten von verschiedenen Pflanzen zu lernen wäre eine ganz schöne Aufgabe gewesen, doch ich musste dazu auch noch ihre wahren Namen lernen, ihre magischen Namen, mit denen ich sie bei magischen Sprüchen verwenden, sie finden und ihre magischen Eigenschaften verstärken oder dämpfen konnte.
Doch Hunter wirkte alles andere als beeindruckt. Seine grünen Augen sahen mich teilnahmslos an. »Und in welcher Situation würdest du maroc dath in einem magischen Spruch benutzen?«
Ich zögerte, denn in seinem Tonfall war etwas, was mich sorgfältig über seine Frage nachdenken ließ. Maroc dath, maroc dath … Ich kannte es als Maiapfel, eine Wildpflanze mit einer weißen Blüte, die vor dem letzten Frost im Frühjahr blühte … Man benutzte sie, um Tinkturen zu klären, um heilende Salben herzustellen, um …
Dann ging mir ein Licht auf. Maroc dath war nicht Maiapfel. »Ich habe maroc dant«, gemeint, sagte ich ruhig. »Maroc dant. Maiapfel.« Ich versuchte mich zu erinnern, ob maroc dath etwas bezeichnete.
»Du lernst also keine magischen Sprüche, bei denen Menstruationsblut verwendet wird«, sagte Hunter, den Blick fest in meine Augen gerichtet. »Maroc dath. Menstruationsblut, in der Regel von einer Jungfrau. Vorrangig bei finsteren Riten benutzt, gelegentlich bei Fruchtbarkeitssprüchen. Das hast du nicht gemeint?«
Okay, jetzt hätte ich nichts dagegen, wenn die Erde sich auftun und mich verschlingen würde. Ich schloss die Augen. »Nein«, sagte ich leise, »das habe ich nicht gemeint.«
Als ich die Augen wieder aufschlug, schüttelte er den Kopf. »Was wäre, wenn dir das bei einem magischen Spruch passieren würde?«, fragte er. »Was passiert, wenn du das nicht alles weißt und deswegen bei deinen magischen Sprüchen Fehler machst?«
Mein erster Instinkt war, ihm ein Kissen an den Kopf zu schmeißen. Dann besann ich mich darauf, dass er doch bloß versuchte, mir beim Lernen zu helfen, damit ich mich schützen konnte. Er wollte mir nur helfen. Ich erinnerte mich daran, dass ich gesagt hatte, ich würde ihm vertrauen, und dass es wahr gewesen war.
Bei meinem nächsten Atemzug überkam mich ein Bewusstsein von etwas, was nichts mit dem zu tun hatte, worüber Hunter und ich uns gerade unterhielten, und ich riss die Augen auf und sah ihn an.
»Spürst du es auch?«, flüsterte ich, und er nickte leicht, vollkommen angespannt und starr. Ich ging leise zu ihm und er nahm meine Hand und hielt sie fest. Jemand wahrsagte nach mir, jemand versuchte, mich zu finden. Ich setzte mich neben Hunter aufs Bett, ohne die Wärme seines Oberschenkels an meinem richtig wahrzunehmen. Wir schlossen die Augen und warfen unsere Sinne aus, lösten die Grenzen zwischen uns und der Welt auf und streckten die Hand aus nach unserem unsichtbaren Spion, so wie er oder sie die Hand nach uns ausstreckte.
Allmählich spürte ich eine Person, die Gestalt einer Person, ein Energiemuster – und im nächsten Augenblick war es fort, wie ausgepustet, so schnell wie eine Kerze, ohne die geringste Rauchspur, die mich zu dem Muster hätte führen können. Ich schlug die Augen auf.
»Interessant«, murmelte Hunter. »Hast du mitbekommen, wer es war?«
Ich schüttelte den Kopf und löste meine Hand aus seinem Griff. Er senkte den Blick auf unsere Hände, als hätte er gar nicht gemerkt, dass wir einander festgehalten hatten.
»Ich muss dir etwas sagen«, sagte ich, und dann erzählte ich ihm, dass ich gestern womöglich am Fenster von Cals Haus eine Kerze gesehen hatte.
»Warum hast du mir das nicht gleich erzählt?«, fragte er und sah mich aufgebracht an.
»Es war doch erst gestern Abend«, setzte ich an, um mich zu verteidigen. Dann hielt ich inne. Er hatte natürlich recht. »Ich … ich wusste nicht, was ich machen sollte«, sagte ich verlegen. »Ich dachte, vielleicht mache ich ein großes Geschrei um nichts und bin bloß paranoid.« Ich stand auf und entfernte mich vom Bett, wobei ich mir die Haare über die Schulter strich.
»Morgan, das hättest du mir auf jeden Fall sagen müssen«, meinte Hunter und sein Kiefer zuckte vor Anspannung. »Es sei denn, du hast einen Grund, es mir zu verschweigen.«
Was wollte er denn damit sagen? »Ja«, fuhr ich höhnisch auf. »Na klar. Ich stecke mit Cal und Selene unter einer Decke, und ich wollte es dir nicht erzählen, denn wenn ich mich der dunklen Seite ausliefere, dann will ich natürlich nicht, dass du das weißt.«
Hunter sah aus, als hätte ich ihm eine geknallt, und stand schnell auf. Er ragte hoch über mir auf und auf seinen Wangen bildeten sich zornige rote Flecken. Er packte mich mit beiden Händen an den Schultern und ich fuhr mit weit aufgerissenen Augen vor ihm zurück und schlug seine Hände weg. Wir starrten einander an.
»Mach nie wieder Witze darüber«, sagte er leise. »Das ist nicht lustig. Wie kannst du so etwas überhaupt sagen, nachdem du gesehen hast, was David Redstone durchgemacht hat?«
Ich schnappte nach Luft und hatte sofort wieder die Bilder im Kopf und zu meinem Entsetzen traten mir Tränen in die Augen. Es war dumm und scheußlich gewesen, so was Hunter vor die Füße zu knallen, nachdem ich es selbst miterlebt hatte. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht?
Mit Bedacht trat Hunter einen Schritt zurück und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Ein Muskel an seinem Kinn zuckte, und ich wusste, dass er Mühe hatte, sich zu beruhigen.
»Ich raste nie aus«, murmelte er, ohne mich anzusehen. »Meine ganze Arbeit, mein ganzes Leben konzentriert sich darauf, ruhig, objektiv und rational zu sein.« Dann schaute er auf, und seine Augen waren wie grünes Wasser, frisch und klar und schön. Ich war völlig gefangen von ihnen und mein Zorn löste sich rasch in Luft auf. »Was hast du bloß an dir, dass du mir so unter die Haut gehst? Warum bringst du mich so aus der Fassung?« Er schüttelte den Kopf.
»Wir ecken manchmal ganz schön beieinander an«, sagte ich unbeholfen und sank wieder auf meinen Schreibtischstuhl.
»Findest du?«, fragte er kryptisch. Er setzte sich wieder auf mein Bett, und ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte. »Okay«, sagte er dann. »Zurück zu der Kerze. Ich glaube, dass du etwas gesehen hast. Selenes Haus wurde innen und außen mit magischen Abwehrsprüchen, Verwirrsprüchen, Hemmsprüchen und so weiter belegt. Ein anderes Mitglied des Rates und ich haben nach dem Brand stundenlang daran gearbeitet, das Haus zu versiegeln und die negative Energie daraus zu vertreiben. Offensichtlich hat das nicht ausgereicht.«
»Glaubst du, Cal oder Selene sind wieder da?«, fragte ich. Hatte ich Cal am Fenster gesehen, so nah?
»Ich weiß nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie, nach allem, was wir gemacht haben, reingekommen sind. Aber ausschließen kann ich es nicht. Ich muss es überprüfen.«
Natürlich. Er war Sucher. In dem Augenblick wurde mir klar, dass ich es ihm deshalb nicht hatte sagen wollen, falls es tatsächlich Cal war, den ich gesehen hatte. Selbst nach allem, was Cal getan hatte, wollte ich nicht, dass Hunter ihn fand. Ein Bild von David, wie er weinte und sich wand, als ihn seine magischen Kräfte verließen, stieg zum wiederholten Male vor meinem geistigen Auge auf. Ich ertrug den Gedanken nicht, dass Cal solche Qualen erleiden sollte.
Hunters Miene war ernst und ruhig. »Also«, sagte er, stand auf und kramte in seinem Rucksack, »lass uns zusammen wahrsagen, jetzt und hier, und unsere Energien vereinen. Lass uns einfach schauen, was passiert.« Er nahm etwas heraus, was in purpurrote Seide eingewickelt war, und schlug diese auseinander. Darin war ein großer, dunkler, einigermaßen flacher Stein. »Das war der lueg meines Vaters«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. »Hast du schon mal mit einem Stein gewahrsagt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nur mit Feuer.«
»Steine sind genauso verlässlich wie Feuer«, erklärte er mir und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. »Mit Feuer zu arbeiten ist schwieriger, aber Feuer enthält auch mehr Informationen. Komm, setz dich.«
Ich setzte mich ihm gegenüber, und unsere Knie berührten sich, als wollten wir tàth meànma machen. Dann beugte ich mich vor und versenkte den Blick in die flache, polierte Oberfläche des Steins. Sofort überkam mich die vertraute Aufregung, einen neuen Aspekt von Wicca zu erforschen. Meine Haare fielen nach vorn und strichen über den Stein. Rasch fasste ich sie mit geübten Bewegungen im Nacken zusammen und flocht sie zu einem Zopf. Ich band das Ende nicht fest, sondern ließ ihn einfach über den Rücken hängen.
»Kommt mir so vor, als hätten nicht mehr viele Mädchen lange Haare«, sagte Hunter geistesabwesend. »Sie haben alle kurze, gestufte …« Er deutete es mit den Händen an, weil er nicht die richtigen Worte fand, um moderne Frisuren zu beschreiben.
»Ich weiß«, sagte ich. »Manchmal überlege ich auch, ob ich sie abschneiden lassen soll. Aber ich kann’s nicht ausstehen, so eine Frisur jeden Tag stylen zu müssen. So muss ich nicht viel überlegen.«
»Sie sind sehr schön«, sagte Hunter. »Schneid sie nicht ab.« Dann blinzelte er und wurde ganz geschäftsmäßig, während ich wieder mal versuchte, mich in den Höhen und Tiefen unserer Interaktion zurechtzufinden. »Okay. Also, das hier ist dasselbe wie mit Feuer wahrsagen. Du öffnest dich der Welt, akzeptierst das Wissen, das das Universum dir darbietet, und versuchst, nicht zu denken, sondern einfach nur zu sein. Genau wie mit Feuer.«
»Alles klar«, sagte ich, auch wenn ich noch nicht darüber hinweg war, dass Hunter meine Haare gefielen.
»Gut. Wir wahrsagen jetzt nach Cal und Selene«, sagte Hunter und seine Stimme wurde weicher und leiser.
Wir beugten uns vor, bis unsere Köpfe sich beinahe berührten, und legten unsere Hände leicht auf den lueg. Es war, als blickte man im Wald in einen schwarzen Tümpel, fand ich. Als blickte man in eine Quelle. Während meine Atemzüge sich veränderten und verlangsamten, streckte mein Bewusstsein sich behutsam in den umgebenden Raum, der lueg kam mir immer mehr vor wie ein Loch im Universum, eine Öffnung zu unbegreiflichen Wundern, Antworten, Möglichkeiten.
Körperlich spürte ich gar nichts mehr: Ich schwebte in Zeit und Raum und existierte allein in meinen Gedanken und meiner Energie. Ich spürte Hunters Lebensenergie ganz in meiner Nähe, spürte seine Wärme, seine Gegenwart, seine Intelligenz, und ich scheute vor nichts zurück. Alles war gut.
Auf der Oberfläche des Steins sah ich jetzt Wirbel aus grauem Nebel, wie Schäfchenwolken, und ich ließ alle Erwartungen los und schaute nur hin, um zu sehen, was aus ihnen werden würde. Dann war es, als würde ich einen Videofilm anschauen oder ein Foto: Ich sah eine Person, die auf mich zukam, als schaute ich in eine Kamera. Es war ein Mann mittleren Alters, ein gutaussehender Mann, und er wirkte sowohl überrascht, als auch beunruhigt und sehr neugierig.
»Göttin«, murmelte Hunter und atmete plötzlich scharf und schnell. Mein Bewusstsein flammte auf.
»Gìomanach«, sagte der Mann leise. Sein Gesicht war faltig, sein Haar grau, und er hatte braune Augen. Doch Form und Kontur seiner Kinn- und Wangenpartie erinnerten mich an Hunter.
»Dad«, sagte Hunter mit erstickter Stimme.
Ich keuchte auf. Hunter hatte seine Eltern seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, und obwohl wir darüber gesprochen hatten, ob er nicht versuchen könnte, sie zu finden, hatte er, soweit ich wusste, noch nichts in dieser Richtung unternommen. Was geschah hier?
»Gìomanach«, sagte der Mann wieder. »Du bist groß geworden. Mein Sohn …« Er wandte den Blick ab. Im Hintergrund konnte ich vage ein weiß gestrichenes Haus erkennen. Ich hörte den leisen Schrei einer Möwe und fragte mich, wo Hunters Vater die ganze Zeit gewesen war und wo er sich jetzt aufhielt.
»Dad«, sagte Hunter. Ich spürte, dass seine Gefühle bis zum Zerreißen gespannt waren, und es tat mir beinahe weh. »Linden …«
»Ich weiß«, sagte der Mann und wirkte älter und trauriger. »Ich weiß. Beck hat uns erzählt, wie dein Bruder ums Leben gekommen ist. Es war nicht deine Schuld. Es war sein Schicksal. Hör mir zu, Sohn … deine Mutter …«
Dann veränderte sich das Bild und eine dunkle Präsenz strich über die Oberfläche des lueg. Es war wie eine Wolke, ein lilaschwarzer Dunst trübte den lueg, und Hunter und ich sahen schweigend zu, wie die dunkle Welle sich zusammenballte und verdichtete und das Gesicht seines Vaters und das weiß getünchte Fenster verdeckte.
Mit einem Ruck fuhr Hunter hoch, richtete sich auf und sah mich mit großen Augen an. Ich erwiderte seinen Blick, und sein blasses Gesicht spiegelte das wider, was ich gespürt hatte.
Meine Hände zitterten und waren feucht vom Schweiß. Ich rieb sie über meine Cordhose und versuchte zu schlucken, doch es ging nicht. Ich wusste, dass ich in dem Stein eben die dunkle Welle gesehen hatte – die dunkle Welle, die vor fast zwanzig Jahren meine Vorfahren und fast alle Mitglieder ihres Hexenzirkels vernichtet hatte. Die dunkle Welle, die, wie wir glaubten, irgendetwas mit Selene zu tun hatte.
Hunter ergriff als Erster das Wort. »Glaubst du, die dunkle Welle hat gerade meinen Vater genommen?«, fragte er mit heiserer Stimme.
»Nein!«, sagte ich entschieden. Er wirkte so verloren. Ohne zu überlegen, richtete ich mich auf den Knien auf, nahm ihn in die Arme und wiegte seinen Kopf an meiner Brust. »Da bin ich mir fast sicher. Es war mehr, als würde sie vor dem Stein vorbeistreifen. Zwischen uns und ihm. Ich kann es kaum glauben, Hunter, dass das dein Vater war. Er lebt!«
»Ja«, sagte Hunter. »Ich glaube, er lebt.« Er zögerte einen Augenblick. »Ich wüsste zu gern, was er mir gerade über meine Mutter sagen wollte.«
Ich schwieg, denn ich wusste nicht, wie ich ihn trösten konnte.
»Ich muss dem Rat Bericht erstatten«, murmelte er in meinen Armen.
Nach einigen Augenblicken zog er sich ein Stück zurück und hob die Hand, um mir die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Ich sah ihm in die Augen, doch ich konnte die Gefühle darin nicht lesen. Cals Gefühle waren mir immer transparent erschienen: Begehren, Bewunderung, unbeschwertes Flirten. Hunter dagegen war die meiste Zeit immer noch unergründlich für mich.
Dann dachte ich, zum Teufel damit, und bevor einer von uns es richtig mitbekam, beugte ich mich vor, legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte meine Lippen auf seine, doch die Augen hielt ich offen. In seinen sah ich Überraschung aufblitzen, Begehren zünden, und dann schloss er die Augen und zog mich an sich, bis wir zu Boden sanken. Ich lag auf ihm, meine Brust auf seiner, unsere Beine verheddert.
Ich weiß nicht, wie lange wir so auf dem harten Boden mit dem unnachgiebigen Juteteppich lagen und uns küssten, doch irgendwann hörte ich ein leises Klopfen an meiner Tür und Mary K.s flüsternde Stimme: »Mom ist gerade gekommen.«
Mit roten Wangen und keuchenden Atemzügen lief ich runter und half meiner Mutter, die Einkäufe aus dem Auto zu laden, und als ich zehn Minuten später wieder in mein Zimmer ging, war Hunter fort, und ich hatte keine Ahnung, wie er aus dem Haus gekommen war, ohne dass einer von uns es bemerkt hatte.