bloß einen leichten Fingerdruck davon entfernt, sich auf eine Art und Weise mit der Macht zu vereinen, die wundervoller gewesen war als alles, was sie je empfunden hatte oder sich auch nur vorstellen konnte, dass sich etwas so anfühlen könne.
Und in diesem Moment - einem Herzschlag, einem Weltenalter - verstand sie, was ihre Lehrerin ihr an jenem Tag im Park zu erklären versucht hatte. Der Dunklen Seite nachzugeben, war der Weg zur Vernichtung, zu einer Verderbnis, die sogar noch schlimmer als der Tod war. Wenn man tot war, konnte man niemandem mehr schaden. Doch lebendig und mit der Dunklen Seite, die einen antrieb, konnte man zu einem Monster werden.
Außerdem erinnerte sie sich an etwas, das sie Uli vor einigen Wochen gesagt hatte.
Diejenigen, die sich der Dunklen Seite hingeben, betrachten sich selbst nicht als böse. Sie glauben, dass sie das Richtige aus den richtigen Gründen tun. Die Dunkle Seite verzerrt ihre Gedanken, bis sie schließlich glauben, dass der Zweck die Mittel heiligt, ganz gleich, wie grässlich diese Mittel auch sein mögen.
War ihre vormalige Erfahrung tatsächlich dunkler Natur gewesen, von der Dunklen Seite beherrscht? Genau, wie sie es auch Uli erklärt hatte, wählte die Macht keine Seiten. Doch diese Art von Kraft zu beherrschen, ganz gleich, wie ehrbar die eigenen Absichten, würde mit fast vollkommener Sicherheit in den Untergang führen - wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Von Mal zu Mal würde die Versuchung, sie einzusetzen, unwiderstehlicher werden, die Gründe dafür immer gerechtfertigter. Sie konnte bis in ihr Innerstes spüren, dass das die Wahrheit war. Diese Art von Macht würde nicht helfen, sondern einen süchtig machen. Sie würde jeden verzehren, der nicht vollkommen rein war, nicht vollkommen weise, nicht vollkommen selbstlos. Barriss war beileibe keine schlechte Person, das wusste sie. Aber sie war nicht perfekt, und auf regelmäßiger Basis eine solche Verbindung zur Macht zu haben, erforderte Perfektion, um diese Erfahrung unverdorben zu überstehen.
Hatte es Sinn, die Macht eines Gottes zu haben, ohne die Weisheit eines Gottes zu besitzen?
»Barriss?«
Sie war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie Uli auf sie zutrottete. Erschrocken sah sie ihn an.
»Alles in Ordnung?«, rief er durch ein weiteres Donnerdröhnen.
Sie lächelte. Behutsam nahm sie den Injektor vom Arm und steckte ihn in die Tasche zurück. »Ja«, sagte sie. »Ja, um ehrlich zu sein, bin ich das.«
Ein weiterer Strahlenangriff, ein weiterer Farbenschauer der Ionisierung. Uli blickte nervös nach oben. »Alle sollen reingehen und ein Dosimeter verwenden, um sicherzustellen, dass wir nicht von Rückstreustrahlung gekocht werden - sie rechnen damit, dass die Kuppel bald hinüber ist. Ihr solltet besser packen - bloß das absolut Notwendige, eine kleine Tasche pro Person. Falls die Droideninfanterie die Truppen überwindet, müssen wir abhauen - schnell. Im Augenblick heißt es, dass es ein ausgeglichener Kampf ist, aber wer weiß, wie sich die Sache entwickelt?«
»Ich verstehe. Danke, Uli!«
Er nickte und eilte in die zunehmende Düsternis davon. Sie wandte sich ebenfalls zum Gehen um, doch irgendetwas ließ sie innehalten. In diesem Moment spürte Barriss, wie etwas Neues in ihr aufstieg, eine Gewissheit, die ebenso stark und real war, wie es ihre Reise zum Zentrum der Macht gewesen war: Sie war nicht länger ein Padawan.
Und auch das Wissen um das Warum dämmerte in ihr, gleichermaßen unmissverständlich.
Du wurdest an dem Tag wirklich zur Jedi-Ritterin, als dir klar wurde, dass du bereits eine bist.
Als sie dort inmitten des Durcheinanders und der Kakofonie des Sturms und des Separatistenangriffs stand, warf Barriss Offee ihren Kopf zurück und lachte.
40. Kapitel
Merit fragte: »Jos? Was soll das?«
Er starrte den Menschen an, der ihm den Weg versperrte. Der Blaster in Jos' Hand war vollkommen ruhig, als wäre der Arm des Mannes aus Holz geschnitzt.
»Sie haben Zan umgebracht«, sagte Jos tonlos.
In Merits Eingeweiden erblühte Furcht, eine Blume, die aus gefrorenem Stickstoff bestand. Er ließ sich nichts davon anmerken. Irgendwie war Jos argwöhnisch geworden. Das bedeutete nicht, dass seine Tarnung aufgeflogen war - wäre das der Fall gewesen, hätte er jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach Colonel Vaetes und mehreren Leuten von der militärischen Sicherheit gegenübergestanden und nicht dem Chefchirurgen der Station. Das hier wäre nicht das erste Mal, dass er sich den Weg aus einer Klemme freiquatschen musste, und sofern seine empathischen Fähigkeiten und Überzeugungskräfte nicht vollends verschwunden waren, würde es auch nicht das letzte Mal sein.
Sein Gesichtsausdruck war fragend, der Tonfall beflissen, als er sagte: »Nein. Zan starb, als die Separatisten angriffen. Der Transporter wurde von einem verirrten Geschoss getroffen. Sie waren dabei, Jos. Genau wie ich, erinnern Sie sich?«
»Ich erinnere mich«, erwiderte Jos. Ein weiterer Strahl konzentrierter Energie traf die Kuppel, und das folgende Feuerwerksspektakel beleuchtete ihn für einen Moment von hinten. Beinahe wirkte es, als wäre er aus irgendeiner anderen, höheren Dimension, ein Dämon, der auf Vergeltung aus war.
»Ich erinnere mich«, sagte er abermals. »Ich erinnere mich auch daran, wie Sie mir gezeigt haben, wie ich mit meiner Trauer fertig werde, Klo. Wie Ihr Verständnis, Ihre Fähigkeit, Ihren Job so gut zu machen, mir dabei geholfen haben zu genesen, mir dabei halfen, das hinter mir zu lassen. Dafür schulde ich Ihnen was, Klo. Oder