Kapitel 2

Sonntag, 14.00 Uhr

Die beiden Kollegen, die nach zehn Minuten aufgetaucht sind, schauen mich misstrauisch an.

»Also, jetzt schilderst noch einmal genau, was passiert ist, Dimpfelmoser.«

»Ja zefix, ich hab’s euch Hornochsen doch schon erklärt! Ein falscher Arzt hat mit einer Pistole meine Schwester bedroht. Er wollte sie wahrscheinlich umbringen. Und als ich dazwischen gegangen bin, hat er mich in die Hand gebissen und ist abgehauen. Und dann war auch meine Schwester plötzlich verschwunden. Und jetzt unternehmt’s endlich was. Wir müssen das ganze Krankenhaus durchsuchen und alle Leute befragen. Irgendwer muss den falschen Arzt und meine Schwester ja gesehen haben.«

Die zwei Hornochsen schauen sich skeptisch an.

»Dimpfelmoser, das ist ein wirklich schlechter Aprilscherz. Du beorderst uns hierher und erzählst uns so eine abenteuerliche Geschichte? Hast irgendwelche Zeugen, die das bestätigen können?«

»Ja fragt’s halt in der Anmeldung, die können bestätigen, dass meine Schwester hier eingeliefert wurde.«

Einer der beiden zieht kopfschüttelnd ab, um sich zu erkundigen, ob meine Angaben stimmen.

»Dimpfelmoser, wennst uns verarschst, dann hat das dienstliche Konsequenzen für dich, das garantier ich dir. Wir kennen dich schon und deine fragwürdigen Methoden.«

»Gar nicht kennt’s ihr mich. Wir hatten bisher noch nicht das zweifelhafte Vergnügen zusammenzuarbeiten. Fragt’s doch den Huber, euren Chef, der kann euch bestätigen, dass ich nicht dazu neige zu lügen.«

»Genau der hat ja der ganzen Regensburger Polizei von deinen Alleingängen und Verfehlungen erzählt und uns alle gewarnt, dass wir uns vor dir in Acht nehmen sollen.«

Ja ich glaub’s einfach nicht. Der Huber sollte wirklich einfach einmal sein Maul halten, anstatt mich so anzuschwärzen. Das nächste Mal, wenn er wieder meine Hilfe braucht, dann kann er mich mal, der Trottel. Mobbing nennt man so was, was der Huber da betreibt. Inzwischen ist der Kollege von der Anmeldung zurück.

»Deine Schwester ist hier eingeliefert worden, das stimmt, Dimpfelmoser. Aber warum hast uns verschwiegen, dass die drogensüchtig ist und einen Zusammenbruch hatte?«

»Ihr lasst’s mich ja nicht fertigreden, Kollegen«, brause ich auf, aber die beiden winken nur müde lächelnd ab.

»War es nicht so, dass deine Schwester in ihrem Rauschzustand dich gebissen hat und dann abgehauen ist, weil sie dringend wieder Drogen braucht? Wollte sie sich dem Klinikaufenthalt einfach entziehen?«

»Ja seid’s narrisch, ihr zwei Volldeppen? Es war genauso, wie ich es gesagt hab.«

»April, April. Und dass du einen Arzt bedroht hast, des hast uns einfach mal verschwiegen, Dimpfelmoser? Da kannst froh sein, wenn der dich nicht anzeigt. Wir gehen jedenfalls wieder. Wir haben wirklich was Besseres zu tun, als uns hier von dir auf so eine bescheuerte Art in den April schicken zu lassen. Und wir überlegen uns noch, ob wir da eine offizielle Meldung machen. So schnell schaust gar nicht, dann bist deine Dienststelle wieder los, und deine Beförderung zum Hauptkommissar ist dahin.«

In mir kocht die Wut auf einen neuen Höchststand hoch, aber als ich mich auf die zwei Deppen stürzen will, da besinne ich mich gerade noch und bleibe einfach stehen. Von denen kann ich keine Hilfe erwarten, und ich hab was Wichtigeres zu tun, als mich mit denen zu streiten. Mein Hirn rattert auf Hochtouren. Ich rufe zuerst den Reindl an, dass er mir den Oberberger und den Viereck schicken soll. Die sitzen sicher im Jägerstüberl, spielen Schafkopf und schütten literweise Weißbier in sich hinein, so wie sie es halt jeden Sonntag machen. Aber um diese Zeit habe ich vielleicht noch Glück und sie sind noch einigermaßen nüchtern. Sie sind vielleicht nicht die hellsten im Kopf, aber auf die kann ich mich wenigstens verlassen. Als Nächstes rufe ich noch mal bei der Bereitschaft an, um meine Schwester als vermisst zu melden und den vermeintlichen Arzt zur Fahndung auszuschreiben.

»Ich weiß, dass das offiziell erst nach 48 Stunden geht. Aber dann mach halt für einen Kollegen eine Ausnahme. Es geht schließlich um meine Schwester, und ich weiß schon, was ich tue.«

»Nix gibt’s Dimpfelmoser«, erklärt mir der dienst­habende Beamte. »Für dich gelten immer noch dieselben Gesetze wie für alle anderen auch. Deine Schwester taucht schon wieder auf. Man weiß ja, wie das bei Junkies ist. Wenn sie sich den nächsten Schuss gesetzt haben und wieder neuen Stoff brauchen, dann kriechen sie aus ihren Löchern und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um an das Zeug ranzukommen. Aber das brauch ich dir ja nicht zu erzählen, wennst eine drogenabhängige Schwester hast.«

»Hast mir eigentlich zugehört? Ich hab sie heute das erste Mal nach zig Jahren wieder gesehen. Ich hab nicht gewusst, dass sie Drogen nimmt.«

»Auf jeden Fall kommst in 48 Stunden wieder, wenn sie bis dahin nicht aufgetaucht ist. Dann können wir sie in die Vermisstendatei aufnehmen. Und eine Fahndung nach einem Phantom, das außer dir keiner gesehen hat, da mach ich nicht mit. Da verbrenn ich mir nicht die Finger, das klärst mit dem Huber ab. Und jetzt lass mich endlich in Ruhe. Geh heim, und genieß den Sonntag, Dimpfelmoser.«

Ja bin ich deppert oder was? Das kann doch nicht sein, dass ich von lauter Ignoranten umgeben bin. Ich beende das Telefonat, da klingelt schon wieder mein Handy.

»Reindl, hast den Oberberger und den Viereck erreicht und hergeschickt?«

»Tut mir leid, Dimpfelmoser. Die gehen beide nicht an ihr Handy. Ich probier es weiter, aber momentan kann ich sie nicht erreichen.«

Dann muss ich halt in den sauren Apfel beißen und den Huber um Hilfe bitten. Der muss mir einfach helfen, auch wenn er so einen Schmarrn über mich verbreitet. Ich hab nach der letzten Aktion, bei der ich ihm und dem Landrat Hinterbirner den Arsch gerettet habe, einfach noch was gut. Also rufe ich den Huber an. Der geht zum Glück an sein Handy, ist aber ziemlich ungehalten, als er meine Stimme hört.

»Beeilen Sie sich, Dimpfelmoser. Ich muss in fünf Minuten wieder auf dem Golfplatz sein. Sie müssen wissen, ich bin mit dem Landrat Hinterbirner und der ganzen Politprominenz in der Angermühle heraußen. Wir haben eine wichtige Konferenz hier auf dem Golfplatz.«

»Auf dem Golfplatz?«, entfleucht es mir. »Da spielt man meines Wissens Golf, Huber.«

»Das tun wir natürlich auch, Dimpfelmoser. Bei so einem Spiel lässt es sich gleichzeitig vorzüglich beraten, aber davon haben Sie eh keine Ahnung. Wir besprechen eine schärfere Vorgehensweise gegen die Drogenkriminalität. Das geht ja so nicht mehr weiter. Überall lungern Junkies rum, und der Markt wird überschwemmt mit dem Zeug. Sie glauben gar nicht, wie viele Beschwerden ich von anständigen Bürgern auf dem Tisch liegen habe, die Angst um ihr Leben haben. Nicht dass da so ein Junkie noch jemandem etwas antut, das müssen wir im Keim ersticken. Aber was wollen’S jetzt eigentlich von mir?«

Ich schildere ihm den Fall, aber anstatt mir seine Hilfe anzubieten, ist er ziemlich ungehalten.

»Haben’S schon im Dienst getrunken, Dimpfelmoser? Oder haben’S vielleicht Halluzinationen, weil Ihre Schwester aufgetaucht ist? Drogenabhängig, sagen Sie? Da sind’S ja quasi in einem Loyalitätskonflikt, so privat und als Polizist. Da müssen’S gleich zum Psychologen gehen.«

Ich bin erst einmal sprachlos über so viel Ignoranz vom Huber.

»Ich trinke nicht, wenn ich Bereitschaft habe oder im Dienst bin, des sollten’S eigentlich wissen, und ich …«

Die paar Halbe, die ich am Sonntag bisher auch immer getrunken habe, wenn ich Bereitschaft hab, die lasse ich vorsichtshalber unerwähnt. Das ist halt bei uns ganz normal, wir sind ja schließlich in Bayern. Da ist das so, wie wenn die woanders Mineralwasser trinken. Und im Übrigen stimmt es ja momentan sogar, dass ich gar nix trinke.

»Mir ist schon zu Ohren gekommen, dass Sie mit Verdächtigen in Ihrem Dienstzimmer Prosecco trinken, da brauchen’S jetzt nicht so tun, als ob Sie nie was trinken würden.«

Oha, hat der Oberberger oder der Viereck nach un­serem letzten Fall mal wieder das Maul nicht halten können. Das ist zwar schon ein paar Monate her, aber dabei war es gar nicht ich, sondern der Viereck, der meinen ganzen sauteuren Prosecco ausgesoffen hat. Da muss ich mit den beiden mal wieder ein ernstes Wort reden. Was die mir schon für Probleme gemacht haben, weil sie wie zwei alte Waschweiber einfach nix für sich behalten können. Kaum haben sie acht oder neun halbe Bier intus, sind die nicht mehr zu bremsen. Da brauchst keine Nachrichten mehr, weil da erfährst dann einfach alle Interna und Dienstgeheimnisse quasi aus erster Hand.

»Ich bin vollkommen nüchtern, zefix. Huber, jetzt schicken’S mir ein paar Leute, dann nehmen mia das Krankenhaus auseinander. Des stinkt doch zum Himmel.«

»Nix gibt es, Dimpfelmoser. Sie gehen jetzt erst einmal nach Hause und beruhigen sich. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich den ganzen Polizeiapparat in Bewegung setze wegen Ihrer Privatangelegenheiten, und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, ich habe schließlich noch wichtige Besprechungen hier.«

Er legt einfach auf, das Arschloch. Ich koche innerlich vor Wut und merke, wie sich Angst und Sorge um meine Schwester in meinem Gehirn festfressen.

Dann muss ich halt selber handeln, wenn ich keine offizielle Unterstützung kriege. Ich überlege noch einmal, wen ich noch um Hilfe bitten könnte, und greife erneut zum Telefon.

»Servus Heulerich, hast auch Bereitschaft, oder bist zu Hause?«

Er schweigt erst einmal lauernd. Er weiß, dass ich nach seinem Patzer bei unserem letzten gemeinsamen Einsatz noch was guthabe und er mir einen Gefallen schuldet, weil ich da großzügig darüber weggesehen und ihn nicht hingehängt habe.

»Ich bin daheim, Dimpfelmoser, und ich hab Ruf­bereitschaft. Aber was willst du am Sonntag von mir? Sicher nicht mit mir plaudern.«

»Ich brauch dringend deine Hilfe, und zwar sofort. Du musst mit ein paar Leuten ins Klinikum kommen und mir helfen, meine Schwester zu finden.«

»Ins Klinikum? Wie stellst dir das vor? Sollen wir da einfach reinmarschieren und alles durchsuchen? Weißt du eigentlich, wie groß das ist? Und wer hat den Einsatzbefehl dazu erteilt?«

»Brauchen wir nicht. Es ist Gefahr in Verzug, das nehm ich auf meine Kappe, Heulerich. Und jetzt komm her, bevor noch mehr Zeit verstreicht.«

Tatsächlich erklärt er sich bereit, mit ein paar seiner Leute von seinem Sondereinsatzkommando zu kommen und mir bei der Suche nach meiner Schwester zu helfen. Weit kann sie in ihrem Zustand ja nicht gekommen sein. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die es schafft, alleine das Klinikum zu verlassen. Wahrscheinlich hat sie das Auftauchen des bewaffneten Arztes so verstört, dass sie sich mit letzter Kraft ein Versteck gesucht hat und dort hilflos im Koma liegt. Ich muss sie einfach schnellstmöglich finden, nicht dass sie mir noch stirbt in ihrem desolaten Zustand. Also fange ich schon einmal alleine an, einen Raum nach dem anderen zu durchsuchen und alle Ärzte, Patienten, Pfleger und Krankenschwestern, die mir begegnen, zu befragen.

Als ich gerade wieder auf dem Gang stehe, höre ich schon den Tumult im Eingangsbereich der Notaufnahme. Dass der Heulerich nicht einfach unauffällig und ohne großes Aufsehen hier aufmarschiert, das hätte ich mir eigentlich denken können. Also laufe ich in die Eingangshalle, da steht er doch tatsächlich in voller Kampfmontur, und hinter ihm zwanzig seiner Männer, die betreten zu Boden schauen, während sich der Heulerich lautstark mit einem Arzt und der Empfangsdame streitet. Das ist ja wieder typisch, immer muss er es gleich so übertreiben. Der Heulerich steht da wie ein aufgeblähter Gockel mit aufgestelltem Kamm, aber der Arzt und die Empfangsdame sind nicht weniger in Kampfeslaune. Mit hochrotem Gesicht stehen sie sich gegenüber.

»Das ist ein Krankenhaus und kein Schießplatz, Sie tollwütiger Trottel.«

Die Empfangsdame ist zugegebenermaßen zu Recht aufgebracht, so wie der Heulerich sich wieder aufführt.

»Ich muss hier alles durchsuchen, und wenn ich Ihnen sage, es ist Gefahr in Verzug, dann kann ich das einfach machen. Da brauche ich nichts weiter, und jetzt lassen Sie mich meine Arbeit machen, sonst verhafte ich Sie wegen Behinderung eines Polizeieinsatzes.«

»Verlassen Sie sofort das Klinikum, ansonsten rufe ich die Polizei. Sie sind doch vollkommen irre.«

Oha, da muss ich schnell eingreifen, bevor das Ganze vollkommen aus dem Ruder läuft. Wenn der Heulerich beleidigt wird, dann verliert er nur allzu schnell jegliche Beherrschung und benimmt sich wie eine Bestie, das habe ich schon mehrmals erleben müssen. Also gehe ich schnell dazwischen, bevor noch ernsthaft etwas passiert. Inzwischen sind immer mehr Menschen auf den Radau aufmerksam geworden, und es versammelt sich eine schnell wachsende Schar Schaulustiger neugierig um die Gruppe.

»Heulerich, du gehst erst einmal mit deinen Männern raus und ziehst deine Kampfmontur wieder aus. Ich brauche euch sozusagen inkognito hier. Des musst doch verstehen, dass du da nicht Rambo spielen kannst.«

Er ist für einen Moment so perplex, dass er gar nicht reagieren kann. Ich nutze den Moment aus und schiebe ihn nach draußen.

»Dimpfelmoser, wenn ich dir schon helfen soll, dann machen wir das auf meine Art, ist das klar? Ansonsten kannst gleich alleine deine verschollene Person suchen.«

»Heulerich, jetzt fahr halt einmal drei Gänge runter. Des musst doch selbst du einsehen, dass mia hier diplomatisch vorgehen müssen. Hast des nicht gelernt, wie man sich sozusagen unerkannt in fremdem Gebiet bewegt? Des ist doch die Herausforderung hier, dass mia möglichst unauffällig, ohne Aufsehen zu erregen, das Gebäude durchkämmen. Du bist doch ein richtiger Stratege, da wird dir doch was einfallen, wie mia des umsetzen können, oder täusch ich mich da in dir?«

Gott sei Dank erreicht das sein völlig übersteigertes Ego genau an der richtigen Stelle. Seine Gesichtszüge entspannen sich jedenfalls, und er setzt ein breites Grinsen auf.

»Das, lieber Dimpfelmoser, ist sozusagen unsere Spezialität. Unerkannt hinter den feindlichen Linien agieren und arbeiten, das haben wir natürlich gelernt. Und wenn du mir diese uneinsichtigen Wachhunde da drinnen vom Hals hältst, dann zeigen wir dir einmal, wie unauffällig wir sein können.«

Na also, geht doch. Während sie sich in ihren Einsatzfahrzeugen, die sie direkt vor dem Eingang der Notaufnahme geparkt haben, umziehen, erkläre ich dem Heulerich kurz, um was es geht.

»Oha, Dimpfelmoser, eine Privatangelegenheit so­zusagen. Da wird der Huber aber nicht begeistert sein, wenn er davon erfahren sollte. Aber wir werden unerkannt durch die Hallen wandeln, da wirst staunen. Da kriegt keiner was mit.«

Wenn er das nur von Anfang an gemacht hätte. Sein Auftritt eben macht mir schon etwas Sorgen.

»Ich kümmere mich um die zwei da drinnen, dass die dich in Ruhe arbeiten lassen. Ihr fahrt’s eure Fahrzeuge hier weg, als ob ihr abziehen würdet, und dann kommt’s durch einen Nebeneingang und fangt’s einfach an. Du weißt ja selber, was du tun musst.«

»Dimpfelmoser, du hast es mit einem Spezialisten zu tun, da brauchst dir keine Sorgen mehr machen. Wenn deine Schwester da irgendwo ist, dann finden wir die.«

Die Empfangsdame und der Arzt sind dabei, die auf­geregten Menschen um sich herum zu beruhigen. So haben sie noch keine Zeit gehabt, irgendjemanden anzurufen oder den Vorfall weiterzumelden.

»Leute, geht’s weiter jetzt. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Das Ganze war ein Missverständnis. Alles falscher Alarm! Die Einsatztruppe wurde versehentlich hierherbeordert.«

Zum Glück verschwinden in diesem Moment die Einsatzfahrzeuge, und die Versammlung löst sich auf.

»Kann ich kurz mit Ihnen in Ruhe reden? Ich bin der Hauptkommissar Dimpfelmoser und möchte mich für das Verhalten von meinem Kollegen eben entschuldigen.«

Der Arzt schaut weiter böse, aber die Empfangsdame, die ich unterwürfig anschmachte, springt gleich darauf an und lächelt.

»Gott sei Dank sind nicht alle Menschen solche ungehobelten Klötze wie Ihr Kollege eben.«

Sie wirft mir einen koketten Blick zu, den ich natürlich mit einem Augenaufschlag und meinem besten Dackelblick beantworte.

»Brauchst mich noch, Rosalie?«, stört da der Arzt unsere kleine Romanze und schaut übertrieben auf seine Uhr. »Ich müsste dann wieder los, ich habe noch Patienten, die auf mich warten.«

»Ich regle das schon, Ewald. Geh du wieder an deine Arbeit, ich kümmere mich um den Vorfall.«

Sie schaut mir weiter schmachtend in die Augen, nimmt mich an der Hand und schiebt mich in ein Zimmer neben dem Empfang.

»Maria, übernimmst du kurz den Empfang, ich hab hier was mit dem Herrn zu klären.«

Die Maria, die im Zimmer mit einer Tasse Kaffee und einer Zeitschrift sitzt, wirkt nicht besonders begeistert, aber sie zieht los, und wir sind alleine im Raum. Die Rosalie schiebt mir ihren zugegebenermaßen prächtigen Busen entgegen und kommt ganz nahe zu mir her.

»Ich wäre ja bereit, unter gewissen Bedingungen den ganzen Vorfall einfach zu vergessen, Herr Hauptkommis­sar. Wie heißt du denn eigentlich mit Vornamen, du Hübscher?«

Oha, auf was habe ich mich da wieder eingelassen? Da krieg ich gleich Schweißausbrüche. Ich weiche etwas zurück, aber leider bremst die Wand hinter mir meinen Fluchtversuch. Sie rückt immer näher zu mir, bis sich ­unsere Körper fast berühren und ihr wirklich hübsches Gesicht und ihr wundervoll geschwungener Mund an meinem Ohr angelangt sind. Tatsächlich knabbert sie kurz an meinem Ohrläppchen und schleckt mir mit ­ihrer Zunge übers Ohr, so dass ich gänzlich erstarre. Da habe ich so meine Probleme, wenn mir eine Frau so nahe­kommt, besonders eine, die ich noch nicht einmal kenne.

»Xaver heiß ich«, krächze ich mit heiserer Stimme. »Rosalie, mach einmal langsam, ich bin keiner von der schnellen Truppe«, kann ich noch hinterherschieben, bevor mir die Stimme gänzlich versagt.

Zum Glück weicht sie wieder etwas zurück und lächelt mich überrascht und glückselig an.

»Ein schüchternes Exemplar von Mann, ja das findet man heutzutage nicht mehr oft. Das ist ja wunderbar. Also wann hast Zeit für mich, Xaver? Wir zwei treffen uns, und dann ist der ganze Vorfall vergessen. Ansonsten müsste ich halt eine offizielle Meldung machen«, gurrt sie.

Oha, das würde ich als eine glatte Erpressung bezeichnen! Die Rosalie nutzt meine Zwangslage schamlos aus, aber weil mein Hirn eh in eine komatöse Starre gefallen ist aufgrund ihrer Annäherung, fällt mir nix ein, wie ich aus der Situation anders rauskomme.

»Morgen Abend, da hätt ich Zeit.«

»Dann kommst gleich zu mir, Xaver. Morgen um 20.00 Uhr. Wir wollen ja nicht die kostbare Zeit mit ­Nebensächlichkeiten verschwenden. Wenn du schon ein Schüchterner bist, dann zeig ich dir, wie du richtig in Fahrt kommst.«

Sie schreibt mir ihre Adresse auf, haut mir eine auf meinen Allerwertesten und schiebt mich dann aus dem Zimmer. Ich flüchte mich erst einmal auf die Toilette. Der Schweiß rinnt mir in Strömen runter, und ich brauche ein paar Minuten, bis mein Verstand wieder einsetzt und seine Arbeit aufnimmt. Ja sauber, da hab ich ein ernsthaftes Problem am Hals. Wie soll ich aus der Sache unbeschadet wieder rauskommen? Zu der liebestollen Rosalie kann ich keinesfalls gehen, da krieg ich einen Herzinfarkt. Aufgrund meiner Erlebnisse in meiner Kindheit habe ich da wohl einen Sprung in der Schüssel, zumindest hat das mal ein Psychologe so behauptet. Aber dafür ist keine Zeit, darum kann ich mich später kümmern. Ich muss erst einmal meine Schwester finden, alles andere muss hinten anstehen. Also mache ich mich auf den Weg zurück zu dem Zimmer, wo sie vorhin verschwunden ist, und suche von hier aus weiter nach ihr.

Ich kriege schon richtige Wahnvorstellungen vor lauter Stress, da sehe ich doch tatsächlich einen über den Gang huschen, der schaut genauso aus wie der Oberberger. Ich lauf ihm hinterher, vielleicht hat sie der Reindl ja erreicht, und sie sind hier, um bei der Suche zu helfen, aber der Mann ist schon wieder verschwunden. Da muss ich mich wohl getäuscht haben. Also suche ich weiter. Zwischendurch meldet sich der Heulerich per Telefon. Sie sind dabei, die angrenzenden Gebäudekomplexe zu durchkämmen, haben aber bisher keine Spur von meiner Schwester gefunden. Ich versuche, möglichst ruhig zu bleiben und einfach so professionell wie möglich weiterzusuchen, was mir aber nicht leichtfällt. Immer wieder tauchen Bilder von der Marianne vor mir auf, wie sie im Wirtshaus zusammenbricht, von den Einstichen in ihren Armen und von ihrem ausgemergelten, verwahrlosten Zustand. Und all das vermischt sich mit den Bildern und Gefühlen aus unserer Kindheit. Normalerweise kann ich all das gut wegschieben und in eine dunkle Kammer in meinem Hirn wegsperren, aber nach den heutigen Ereignissen gelingt mir das gar nicht, und ich werde überflutet von all den traumatischen Geschehnissen. Meine Sehnsucht nach einer Maß Bier wächst ins Unermess­liche. Das würde mich sicherlich beruhigen, und spätestens nach der vierten oder fünften hätte ich mich wieder völlig im Griff. Aber den Gefallen tue ich dem Reindl selbst jetzt in meinem desolaten Zustand nicht. Ich kehre noch mal in das Zimmer zurück, in dem meine Schwester und ich vorhin waren und auf den Arzt gewartet haben, und untersuche alles akribisch, weil mir nix Besseres mehr einfällt. Vielleicht haben ja meine Schwester oder der falsche Arzt irgendwas bei dem ganzen Tumult vorhin verloren. Also krieche ich über den Boden, und tatsächlich finde ich einen abgebrochenen Fingernagel an der Stelle, an der mich der Depp vorhin gebissen hat. Vielleicht ist der ja von ihm. Da das Zimmer ansonsten absolut sauber ist, besteht zumindest die Hoffnung. Da muss ich hernach gleich rüber ins Labor und einen DNA-Test veranlassen. Nachdem der Mühlbauer, unser Spurensicherer und absolutes Ass, was Analysen angeht, ein krankes Arbeitstier ist, besteht Hoffnung, dass ich den auch am Sonntag antreffe.