Kapitel 1
Sonntag, 11.00 Uhr
»Das Übliche, Dimpfelmoser?«
Die Heidi, die Bedienung beim Schorsch-Wirt, dreht sich schon weg, ohne meine Antwort abzuwarten. Sie kennt mich halt und weiß, dass ich jeden Sonntag das Gleiche bestelle.
»Ein großes Mineralwasser hätt ich gerne zum Essen dazu«, nuschle ich vor mich hin und wage gar nicht, sie anzuschauen.
Sie bleibt abrupt stehen, und die Kinnlade fällt ihr runter. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an, als wär ich nicht mehr ganz richtig im Kopf. Dann beginnt sie lauthals zu lachen, so dass das halbe Wirtshaus neugierig zu uns rüberschaut.
»Geh Xaver, heut ist der 1. April. Auf so einen Schmarrn falle ich nicht herein! Ein Bier wie immer halt, oder?«
»Mineralwasser, groß mit Kohlensäure.«
Verwundert schaut mich die Heidi an.
»Bist hoffentlich nicht krank, oder schmeckt dir des Bier bei uns nicht mehr?«
Als ob mir das Bier beim Schorsch-Wirt nicht mehr schmecken würde. Aber es hilft halt nix.
»Geh Heidi, bring mir halt einfach ein Wasser, des ist gesund und tut gut.«
»Meinst des ernst, Xaver? Bist krank?«
Sie schaut ganz besorgt, aber nachdem ich nicht reagiere, schüttelt sie nur den Kopf und zieht ab, um meine Bestellung weiterzuleiten. An den Nebentischen tuscheln alle ganz aufgeregt miteinander. Da muss ich wohl für Klarheit sorgen, nicht dass mein guter Ruf als passionierter Biertrinker noch leidet.
»Ich hab eine Wette verloren mit meinem Kollegen, und da muss ich halt jetzt für die nächsten Wochen auf’s Bier verzichten. So einfach ist des, und jetzt kümmert’s euch wieder um eure eigenen Angelegenheiten.«
»Eine Wette verloren«, prustet der Pfarrer Eberdinger am Nachbartisch los. »Mei Xaver, da wird sich deine Leber aber freuen, wenn’s endlich einmal eine Pause bekommt. Da kannst ja auch wieder zu mir in die Kirche kommen, wennst am Sonntag nix mehr trinken darfst.«
»Da kannst lang drauf warten, da muss schon mehr passieren als eine verlorene Wette, bevor ich zu dir komm, Eberdinger«, brumme ich nur.
Wenn der wüsste, wie recht er hat mit seinem Kommentar zu meiner Leber. Ich habe tatsächlich eine Wette verloren, was mich immer noch maßlos ärgert. Aber da bin ich halt selber schuld, dass ich mich da hinreißen hab lassen. Der Reindl hat behauptet, wenn wir gemeinsam Bier trinken, dann hält er es länger aus als ich, bevor er zum Bieseln muss. Und weil er ein Preiß ist, hab ich ihm das nicht geglaubt. Wir haben uns dann mit einem Kasten Bier an die Donau gesetzt, und nach der achten Halben hab ich es nicht mehr ausgehalten. Bevor die Ladung in die Hose ging, hab ich in die Donau gestrullert. Der Reindl hat mich nur ausgelacht und hat sich noch ein Bier aufgemacht. Erst nach der neunten Halben musste er dann auch. Ich bin mir ja sicher, dass er mich beschissen hat, aber das kann ich ihm nicht beweisen. Jetzt muss ich halt sechs Wochen ohne Bier auskommen, was mir zugegebenermaßen nicht leichtfällt. Ich träume sogar vom Bier, das irritiert mich schon ein bisserl.
»Deine Bratwürstl, Xaver. Mit doppelter Portion Kraut«, flötet die Heidi und stellt mir mein Essen unter die Nase. »Und magst dann noch gleich ein Wasser? Des passt aber irgendwie gar nicht zu dir, des kannst mir glauben.«
»Gib mir noch eins von eurem Wasser her, und dann lass mich in Ruhe«, brumme ich nur.
Die Heidi zieht schmollend ab. Aber da kannst doch trotz der Bratwürste keine wirklich gute Laune mehr haben. Ich schaue ihr heute nicht einmal auf ihren wunderbaren Vorbau, weil ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin. Irgendwie muss ich seit dem Arztbesuch vor drei Tagen immer an die Eva denken. Die Eva ist meine Haushälterin. Sie ist seit unseren unerfreulichen Kindheitserlebnissen in der bescheuerten Sekte von meinen Eltern wie eine Schwester für mich, aber so ganz sicher bin ich mir da in letzter Zeit nicht mehr, ob sie das auch so sieht. Seit den letzten Mordfällen, die sie wieder an unsere Kindheit in der Sekte erinnert haben, geht sie regelmäßig zu so einem Psychologen. Und seitdem schaut sie mich immer öfter mit so einem Augenaufschlag an und drückt sich her, da könnt dir ganz anders werden. Und nach meinem niederschmetternden Amtsarztbesuch ist sie kreidebleich geworden, wie ich ihr das von den Leberwerten erzählt hab. Sie ist mir gleich um den Hals gefallen und hat sich schluchzend an mich geklammert, als ob es schon vorbei wär mit mir. Und das verunsichert mich. Ich verstehe einfach nicht, warum sich die Eva gar so komisch benimmt. Egal, jetzt lade ich mir erst einmal die Gabel voll Kraut und schiebe noch eine ganze Bratwurst drauf. Wenn schon kein Bier, dann wenigstens ein gescheites Essen. Es ist ja schließlich Sonntag, und ich habe wieder einmal mit meinem Kollegen, dem Reindl, Bereitschaftsdienst. Der geht ja in letzter Zeit immer öfter mit zum Schorsch-Wirt. Das hat er früher nie gemacht, aber inzwischen hat er sich echt gut gemacht, dafür, dass er ein Preiß ist. Aber heute wollte er unbedingt noch kurz in der Dienststelle bleiben, wahrscheinlich sucht er wieder einmal nach einer Frau im Internet. Gerade als ich mir die erste Gabel in den Mund schieben will und mir die Heidi mit abfälligem Blick mein neues Mineralwasser herstellt, geht die Türe auf. Der Reindl kommt rein und setzt sich bestens gelaunt zu mir.
»Bringen Sie mir bitte ein Bier, schöne Frau«, schleimt er der Heidi hin, aber die ist gegen so was resistent.
»Xaver, was für ein wundervoller Anblick. Du mit einem Wasser. Das freut mich, dass du eine verlorene Wette ernst nimmst.«
Ja, was bleibt mir auch anderes übrig, ich bin halt ein Ehrenmann. Zähneknirschend schau ich dem Reindl zu, wie er extra langsam sein Bier hebt, das ihm die Heidi sofort gebracht hat, und genussvoll daraus trinkt. Er beobachtet mich dabei ganz genau aus den Augenwinkeln, der elendige Sauhund. Aber ich lass mir nix anmerken, hebe genauso langsam mein Wasser und nehme einen kräftigen Schluck, so dass das Glas gleich leer ist. Dazu rülpse ich genüsslich und mache ein zufriedenes Gesicht, obwohl ich in dem Moment dem Reindl lieber in seine selbstgefällige Fresse hauen würde.
»Und, wann hast eine neue Verabredung, Reindl?«
»Gleich heute Abend, Dimpfelmoser. Stell dir vor, in einem der Partnervermittlungsportale, bei denen ich angemeldet bin, habe ich heute meine Traumfrau kennengelernt. Und heute Abend führe ich sie in Regensburg aus. Ich bin mir sicher, diesmal ist es die Richtige.«
Er zückt ein Bild, das er ausgedruckt hat, und hält es mir selig unter die Nase. Ich werfe einen kurzen Blick darauf und verschlucke mich gleich an der Bratwurst, an der ich gerade gekaut habe.
»Rattenscharf ist die, das sage ich dir. Da verschluckst dich gleich bei so viel Schönheit auf einmal.«
Rattenscharf und wunderschön, da hat er recht, der Reindl. Aber deswegen hab ich mich nicht verschluckt. Ich kenne die Dame auf dem Bild nur zu gut. Aber wie soll ich das dem Reindl erklären, was das für eine ist? Immer wenn er glaubt, er hat endlich seine Traumfrau gefunden, und wenn er dann in so einem Zustand der Euphorie ist, dann hört und sieht er nichts mehr, sondern ist völlig verblendet und blind für die Realität. Seine Hormone spielen völlig verrückt, das habe ich inzwischen immer wieder erlebt. Trotzdem muss ich es zumindest versuchen. Nicht dass er mir hinterher vorwirft, ich hätte ihn nicht gewarnt. Aber da ist Diplomatie gefragt, nicht dass er gleich wieder wie eine beleidigte Leberwurst reagiert.
»Du, die kenn ich, Reindl. Da musst vorsichtig sein.«
»Du kennst die Dame?«, fragt er versonnen und glotzt weiter auf das Bild.
»Reindl, die war im Gefängnis wegen schwerer Körperverletzung und illegalem Drogenbesitz. Ich war dabei, wie sie die Kollegen festgenommen haben. Eine wahre Furie, sag ich nur.«
»Du wieder, Dimpfelmoser. Bist neidisch, weil sie so gut aussieht? Die brauchst mir nicht schlechtreden, und überhaupt verwechselst du die. Sie hat geschrieben, dass sie erst vor einer Woche nach Regensburg gezogen und so einsam ist.«
Die lügt wie gedruckt, aber es war ja klar, dass der Reindl bei der ihrem Anblick völlig durchdreht. Die hat ihren letzten Liebhaber unter Drogeneinfluss krankenhausreif geschlagen, weil sie sich so dermaßen in einen Eifersuchtswahn reingesteigert hat. Ihr Liebhaber hat nach ihrer Verhaftung beteuert, dass er absolut treu war, aber wenn er auch nur eine andere angeschaut hat, ist sie schon ausgerastet und hat ihn geschlagen, den armen Hund. Und das würde ich dem Reindl gerne ersparen. Also setze ich noch mal an, um ihn zu warnen.
Genau in diesem Moment bricht an der Eingangstüre ein Höllenspektakel los. Mir fällt vor Schreck die ganze Ladung Kraut auf den Boden, die ich mir gerade in den Mund schieben wollte. Ich starre nach vorne, und da bleibt mir doch das Maul offen stehen. Langsam lasse ich die Gabel sinken, und wie in Zeitlupe stehe ich auf.
Vorne ist inzwischen die Frau, die polternd mit der ganzen Türe in die Gaststube gefallen ist, wieder aufgestanden. Alle Wirtshausbesucher glotzen sie an, als wär sie eine Außerirdische. Besonders ansehnlich ist sie wirklich nicht. Ihre Hose und die Jacke sind verdreckt, und irgendwie schaut sie völlig verwahrlost aus. Die Haare stehen kreuz und quer von ihrem Kopf weg, und über ihr ausgemergeltes Gesicht läuft die Wimpertusche in schwarzen Rinnsalen herunter. Da könntest richtig Angst kriegen, und dementsprechend hat es auch allen im Wirtshaus die Sprache verschlagen.
»Xaver …«
»Marianne, wie schaust du denn aus?«, ist das Einzige, was mir einfällt, während ich wie in Zeitlupe auf sie zugehe.
Alle Augenpaare wandern zwischen ihr und mir hin und her. Noch bevor ich bei ihr bin, verdreht sie plötzlich die Augen und bricht dann direkt vor mir zusammen. Mir bleibt die Luft weg, und das ganze Wirtshaus erstarrt kurzzeitig. Zum Glück fange ich mich gleich wieder und laufe die letzten Meter zu ihr hin.
»Holt’s einen Notarzt, schnell!«, schreie ich die Gaffer an, während ich die Vitalfunktionen von meiner Schwester überprüfe. Zum Glück atmet sie noch. Ihr Puls flackert zwar etwas, ist aber deutlich zu spüren.
Ich will sie in die stabile Seitenlage drehen, da fängt sie an zu würgen. Ich springe gerade noch rechtzeitig auf die Seite, bevor sie auf den Boden kotzt. Sofort breitet sich ein scharfer Geruch im Gastraum aus. Jetzt kommt endlich Bewegung in die Gäste. Der Schorsch reißt das Telefon von der Ladestation und ruft den Notarzt an, und einige öffnen schleunigst die Fenster und die Türen. Die Heidi kommt mit dem Putzlappen und wischt um die Marianne rum. Ich setze mich zur Marianne auf den Boden. Vorsichtig streiche ich ihr über den Kopf.
»Kennst die?«, fragt mich der Schorsch neugierig, während mich alle sensationslüstern anstarren.
»Des ist meine verschollene Schwester, die Marianne«, murmle ich.
Bevor noch einer weiterfragen kann, stürmt der Notarzt mit zwei Sanitätern herein. Irgendwie kriege ich den ganzen Tumult um mich herum gar nicht mit. Erst als mich der Rindenacher, einer der Sanitäter, sanft von der Marianne wegzieht, erwache ich wieder aus meiner Erstarrung.
»Lass sie halt los und uns ran, wir können doch sonst gar nicht unsere Arbeit machen«, redet er auf mich ein, als wäre ich ein kleines Kind.
Aber so fühle ich mich momentan auch. Ganz langsam dringt es in mein Bewusstsein, was hier gerade los ist. Meine Schwester, von der ich seit Jahren nichts mehr gehört und gesehen habe, liegt hier vor mir völlig verwahrlost und ausgemergelt am Wirtshausboden. Wie ich sie da so sehe, gibt es mir einen Stich, und die alten Bilder tauchen auf, wie sie sich immer gekrümmt hat unter den Schlägen vom erleuchteten Erwin, dem Sektenguru. Da ist sie danach auch immer so zusammengekauert und leblos am Boden gelegen und hat sich nicht mehr gerührt. Ich schiebe die Schatten der Vergangenheit schnell zur Seite, die kann ich im Moment gar nicht gebrauchen. Inzwischen ist im Wirtshaus ein Höllenspektakel ausgebrochen. Alle schreien und diskutieren wild durcheinander, während der Doktor seelenruhig seine Untersuchungen durchführt.
»Kennst du die Frau, Dimpfelmoser?«
»Des ist meine Schwester.«
»Oha, deine Schwester also. Weißt schon, dass die total auf Drogen ist.«
Plötzlich ist es wieder totenstill im Wirtshaus. Der sensationslüsterne Mob hält sich ganz ruhig, um ja nichts zu verpassen.
»Drogensüchtig …? Ja was …«
Mir verschlägt es vollends die Sprache, was mir normalerweise so gut wie nie passiert.
»Da schau, lauter Einstichstellen hat’s in den Armbeugen, und die sind richtig entzündet. Des kann fast nur vom Drogenspritzen kommen, so wie des ausschaut. Und wenn ich mir ihren Allgemeinzustand so anschaue, dann ist alles klar.«
Ich kann nur stumm nicken.
»Fahrt’s sie gleich ins Klinikum nach Regensburg, die sind auf so was besser vorbereitet als unser Krankenhaus«, weist er die Sanitäter an. »Und du fährst am besten gleich mit, Dimpfelmoser.«
»Ich fahr mit dem Polizeiauto hinterher, ich hab Bereitschaftsdienst. Reindl, bring mir den Wagen her, aber dalli.«
Der Reindl setzt sich in Bewegung und rast aus dem Gastraum rüber zur Polizeistation, während die Sanitäter die Marianne in den Krankenwagen verfrachten. Keine Minute später steht das Auto vor der Türe.
»Kümmer du dich um deine Schwester, ich halte hier die Stellung. Hier ist ja eh nie was los. Und wenn ein Einsatz reinkommt, dann melde ich mich über das Diensthandy, Dimpfelmoser.«
Auf den Reindl ist halt Verlass, wenn es darauf ankommt.
Mit Blaulicht und Sirene geht es ab nach Regensburg und in die Notaufnahme. Der Sanitäter rast wie ein Geisteskranker über die Autobahn, und ich bleibe ihm dicht auf den Fersen. Normalerweise wäre das ein pfundiger Einsatz, ich würde die Scheibe mit der Helene Fischer in den CD-Player schieben und auf volle Lautstärke aufdrehen. Aber heute bleibt es stumm im Auto. Ich spüre nur Angst in dem gähnenden Abgrund, der sich in mir aufgetan hat. Hoffentlich stirbt sie nicht, die Marianne. Meine Gedanken kehren zurück zu jener Zeit, als sie unsere Heimatstadt verlassen hat. Gerade mal siebzehn Jahre war sie, als sie hier alles hinter sich gelassen hat – die Erinnerungen an unsere beschissene Kindheit in der Sekte unserer Eltern, die Erinnerungen an die Schläge, an die Gehirnwäsche und vor allem die Erinnerung an die Zeit im Keller mit den Toten, wo sie uns zurückgelassen haben, als sie alle nach Indien abgehauen sind. Die Marianne hat es von uns allen am schlechtesten verarbeitet. Auch nach Jahren war sie still und in sich gekehrt. Sie wollte dann raus aus dem Kleinstadtmief und ein neues Leben jenseits aller Erinnerungen beginnen. Am Anfang hat sie sich noch manchmal gemeldet und immer so getan, als würde es ihr richtig gutgehen, aber ich hab ihr das nie wirklich geglaubt. Und jetzt ist sie plötzlich wieder hier und vollgepumpt mit irgendwelchen Drogen.
Inzwischen haben wir die Zufahrt zur Notaufnahme erreicht. Ich springe aus dem Auto und laufe zum Krankenwagen, aus dem die Sanitäter gerade die Trage mit meiner Schwester darauf herausheben.
»Sie kommt gerade zu Bewusstsein, Dimpfelmoser«, erklärt mir der Rindenacher.
Ich nehme ihre Hand, während ihre Augenlider flackern und sie mich dann mit großen, glasigen Augen anstarrt.
»Xaver … Da bist du ja endlich«, lächelt sie schwach.
Mir fällt ein Stein vom Herzen. Sie lebt, und sie erkennt mich, das ist doch in Anbetracht der Umstände zumindest schon mal was. Ich lächle zurück und drücke vorsichtig ihre Hand. Sagen kann ich gar nichts, und so laufe ich nur neben der Trage her, die die Sanitäter in die Notaufnahme bringen.
»Ich hab dich gesucht, Xaver. Jetzt bist du ja da, jetzt wird alles gut«, murmelt sie, während ein Zittern durch ihren Körper geht, dass du meinst, sie wäre am Erfrieren.
»Marianne, wie … Was machst … Gesucht?«
Ich kann keinen einzigen vernünftigen Satz formulieren. Wie ich sie da so hilflos auf der Liege sehe, ausgemergelt und völlig fertig, da zerreißt es mir fast das Herz. Endlich sind wir in der Notaufnahme angekommen. Die Sanitäter heben die Marianne vorsichtig in einen Rollstuhl, dann geht es gleich weiter durch die Krankenhausgänge. Ich laufe einfach orientierungslos mit und halte weiter ihre Hand.
Endlich schiebt der Rindenacher den Rollstuhl in ein Behandlungszimmer, und wir legen die Marianne auf die Behandlungsliege.
»Der Arzt kommt gleich und macht eine Eingangsuntersuchung. Ich muss dann wieder los, Dimpfelmoser, viel Glück«, verabschiedet sich der Rindenacher, und dann bin ich mit meiner Schwester alleine. Wir schauen uns zunächst nur an, und keiner spricht ein Wort. Ein Gemisch aus unterschiedlichsten Gefühlen und alten Erinnerungen bricht über mich herein, da brauch ich erst wieder einen klaren Kopf. Also atme ich ein paar Mal tief durch und verdränge alle Gedanken an früher. Das kann ich gut, das habe ich im Laufe der Jahre gelernt, wie ich den ganzen Mist in mir gut wegsperren kann.
»Marianne, du hast mich gesucht? Brauchst Hilfe, so wie du ausschaust? Und die Einstichstellen …?«
»Xaver, ich hab nicht freiwillig Heroin gespritzt. Die haben mich dazu gezwungen. Ich wollte das nicht.«
»Heroin? Wie lange pumpst das Zeug schon in dich rein?«
»Seit einem halben Jahr, da hat das alles angefangen.«
Ihr Körper beginnt zu zittern, und ihre Augen verdrehen sich wieder so komisch. Da geht zum Glück die Türe auf, und ein Arzt betritt mit einer Krankenschwester den Raum. Er ist mir vom ersten Moment an unsympathisch, der saubere Herr Doktor. Der hat doch tatsächlich so ein Gel in den Haaren, und irgendwie schaut er aus, als wäre der feine Herr auch noch leicht geschminkt. Er wirft nur einen kurzen Blick auf die Marianne, und ohne sie überhaupt zu untersuchen, dreht er sich zu mir um.
»Eine Verwandte von Ihnen?«
»Meine Schwester, ja. Und Sie sind …?«
Er schaut mich nur angewidert an, als wäre ich ein lästiges Insekt, bevor er den Raum wieder verlassen will.
»Veranlassen Sie eine Blutentnahme, damit wir wissen, was sich dieses Subjekt gespritzt hat.«
Sofort läuft die Krankenschwester los.
»Das ist nun wirklich unter meinem Niveau«, murmelt der Doktor und will tatsächlich einfach wieder verschwinden.
Aber da kennt er mich schlecht. Ich greif in seinen Gelschopf und ziehe ihn unsanft zurück in den Raum.
»Und jetzt machst eine gescheite Untersuchung, sonst lernst mich richtig kennen, aber dalli.«
Er will sich mir entwinden, aber ich fasse noch fester zu, so dass es ihm seine geschminkten Augen gleich aus den Höhlen drückt.
»Das ist eine polizeiliche Anordnung, verstehst des, du affektierter Depp?«
Vorsichtshalber halte ich ihm noch schnell meinen Dienstausweis unter die Nase, aber er hat schon verstanden, dass mit mir nicht zu spaßen ist.
»Ich werde diese Frau unter Protest untersuchen und mich dann über Sie beschweren, da können Sie sich darauf verlassen.«
»Beschwer dich, wennst meinst. Aber jetzt an die Arbeit, sonst passiert was, hast des endlich kapiert?«
Ich ziehe noch so nebenbei meine Dienstwaffe und spiele ein bisschen damit herum. Plötzlich wird er schnell, der saubere Herr Doktor. Er packt sein Stethoskop und hört die Marianne ab, fühlt den Puls und überprüft die Reflexe, so wie sich das gehört für eine vernünftige Untersuchung.
»Sie ist stabil. Keine akute Gefahr mehr. Die Frau braucht Ruhe und dann eine Entgiftung. Sie ist körperlich in einem schlechten Zustand, aber das sehen Sie ja selbst. Das ist bei Drogenabhängigen der Normalzustand. Wenn ich die Blutwerte habe, dann veranlasse ich die nötigen Schritte, um sie zu stabilisieren, und dann braucht diese Frau einen Entzug. Da sollten Sie sich schnellstmöglich darum kümmern.«
»Geht doch, warum nicht gleich so?«, grinse ich ihn an.
»Und jetzt nehmen Sie endlich Ihre Waffe runter, und lassen Sie mich gehen, ich habe noch mehr zu tun, als mich um Ihre verwahrloste Schwester zu kümmern. Es müsste gleich jemand für die Blutentnahme kommen.«
Ich mache ihm also den Weg frei und lass ihn raus aus dem Zimmer. Die Marianne wirkt inzwischen wieder etwas wacher.
»Xaver, ich erklär dir alles, wenn Zeit dazu ist. Jetzt brauch ich erst einmal dringend deine Hilfe. Ich bin nicht alleine hier, und meine Bekannte, die steckt in ernsthaften Schwierigkeiten. Da müsstest mir unbedingt helfen.«
Noch bevor ich etwas erwidern kann, geht die Türe auf, und ein anderer Arzt kommt herein. Als die Marianne ihn sieht, reißt sie die Augen auf und springt mit einem Affenzahn von der Liege, das hätte ich ihr in ihrem Zustand gar nicht zugetraut. Aus den Augenwinkeln sehe ich etwas Metallisches aufblitzen. Reflexartig drehe ich mich um und schaue geradewegs in den Lauf einer Pistole, die der Arzt auf mich gerichtet hat. Blitzschnell schieße ich nach vorne und ramme dem Arzt mein Knie mit voller Wucht zwischen die Beine. Er schreit auf vor Schmerzen und lässt seine blöde Pistole fallen, während er zu Boden geht. Ich schubse die Waffe mit einem Fuß weg und stürze mich dann erneut auf den Arzt, der sich schon wieder aufrappeln will. Er ist wie eine Furie und haut wild um sich. Als ich endlich einen Arm zu fassen kriege, da beißt mich der tollwütige Hund doch tatsächlich in die Hand, so dass ich ihn wieder loslassen muss. Er nutzt den Moment schamlos aus und rennt einfach davon, der elendige Feigling. Ich rapple mich auf und will ihm hinterher, aber als ich auf den Gang spurte, ist von ihm weit und breit nichts mehr zu sehen. Gerade kommen zwei Krankenschwestern ums Eck, vielleicht haben die ihn bemerkt.
»Habt’s ihr gerade einen Arzt davonlaufen sehen?«
Sie schauen mich nur verständnislos an und schütteln den Kopf.
»Lassen Sie sich mal Ihre Hand verbinden, Sie bluten ja den ganzen Gang voll.«
Erst jetzt bemerke ich, dass der Biss des Arztes tatsächlich eine tiefe Wunde in meiner Hand hinterlassen hat und ich wie wild blute. Aber dafür hab ich keine Zeit. Ich wickle schnell mein Taschentuch darum und laufe zurück in den Behandlungsraum, um mich um die Marianne zu kümmern. Den falschen Arzt muss ich momentan wohl laufen lassen. Im Zimmer bemerke ich, dass auch meine Schwester verschwunden ist. Ich suche alles ab, aber sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Auch die Pistole ist weg, und nichts deutet mehr auf die Ereignisse von gerade eben hin. Panik erfasst mich. Wo ist sie nur hin, die Marianne? Und hat sie die Pistole mitgenommen? Sie hatte jedenfalls Angst vor dem falschen Arzt, und das wohl zu Recht. Wenn der mit einer scharfen Pistole hier herumfuchtelt, dann muss die Lage wirklich ernst sein. Wo hat sie sich da nur hineingeritten? Hoffentlich entdeckt sie der Mann nicht vor mir, wer weiß, was der dann mit ihr macht. Ich muss sie einfach so schnell wie möglich finden und eine Fahndung nach dem Arzt einleiten, damit nicht noch ein Unglück passiert. Also rufe ich die Kollegen von der Bereitschaft in Regensburg an und schildere ihnen den Fall.
Sie versprechen, sofort zwei Kollegen vorbeizuschicken.