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Die Fahrt ist zu Ende
MEINE GENESUNG SCHRITT SCHNELL VORAN. Nach dem ersten Tag hörte das Husten auf, und mein Gehörsinn war nicht beeinträchtigt, obwohl meine Ohren geblutet hatten. Auf den Handflächen und Schienbeinen würde ich Narben zurückbehalten, aber nur so lange, bis ich zu einem kosmetischen Chirurgen auf einem anderen Planeten kam. Die anderen Narben würden nicht so schnell verheilen, sie würden bleiben, bis der Lauf der Zeit meine Persönlichkeit abtrug.
Als ich Desperandums Kajüte durchwühlte, entdeckte ich, daß er mehr Geld besessen hatte, als auch nur einer von uns vermutet hatte. Zum Glück hielt eine Art Aberglauben den ersten Maat Flack davon ab, in der Kajüte des Toten zu schlafen. Vielleicht hatte er immer noch Schuldgefühle wegen Desperandums Notizbüchern.
Wir hatten alle Notizbücher Desperandums über Bord geworfen. Flack protestierte halbherzig, als ich ihm erklärte, daß ihre Vernichtung der letzte Wunsch des Kapitäns gewesen sei. Als ich auf meinem Krankenbett lag, hatte ich eine detaillierte und ausgeklügelte Lüge über unsere U-Boot-Fahrt ausgearbeitet: wie unsere Navigation uns im Stich gelassen hatte, wie wir in einer Schlammschicht unterhalb der Oberfläche steckengeblieben waren; die bitteren Selbstvorwürfe des Kapitäns und sein Verlangen, daß ich, falls ich entkommen sollte, die Beweise seiner Torheit vernichtete; die Zerstörung unseres Schiffs; meine Rettung. Meine Kunstfertigkeit war an die Mannschaft verschwendet; sie akzeptierten die Erklärung ohne jede Begeisterung, ohne auch nur das geringste Interesse.
Ich war sehr traurig, ebenso traurig wie in jenen Momenten, als ich die Notizbücher achtern versinken sah und ihre engbeschriebenen Seiten von der leichten Brise umgeblättert wurden. Ich hatte ihnen noch nachgeschaut, als die Matronen sich schon längst wieder ihren Schnitzereien und anderen stummen Beschäftigungen zugewandt hatten.
Selbst mit der gequetschten, geschwollenen Hand war es nicht schwer, den Schrank aufzubrechen und das Geld zu nehmen. Um offen zu sein: Ich hätte es in jedem Fall getan; aber jetzt, da Dalusa gestorben war, wurde das Geld zu einer Art Totengeld. Ich konnte genug von der Summe abschöpfen, um mich von dem Planeten davonzumachen, und es blieb für die Löhne der Matrosen und sogar einen Bonus noch genug übrig.
Wir erreichten die Hochinsel in zwei Tagen. Desperandum hatte kein Testament hinterlassen, und Flack, jetzt Kapitän, verließ das Schiff, sobald wir angelegt hatten, um der Schiffahrtssynode die Lage zu schildern. Wahrscheinlich würden sie ihm das Schiff geben. Es war äußerst unwahrscheinlich, daß Desperandum Erben auf Nullaqua hatte, und die Regierung würde sich wohl keine sonderliche Mühe geben, solche Erben auf anderen Planeten aufzuspüren.
Ich wurde schnell ausgezahlt und erhielt einen großzügigen Bonus. Ich hatte gedacht, Flack würde stillschweigend einen großen Teil von dem restlichen Geld Desperandums einstecken, denn schließlich benötigte er Kapital. Aber ob es nun abergläubische Furcht war, Respekt vor Desperandums verschiedenem Geist oder einfach törichte Ehrlichkeit: Er zahlte uns alle großzügig aus.
Ich nahm den Aufzug zur Stadt hinauf. Als erstes kaufte ich mir neue Kleidung. Meine zerfetzte, staubabweisende Walfängertracht wurde ich in der Recyclinganlage des Schneiders los. Dann holte ich die Sachen ab, die ich in einem Lager hinterlegt hatte. Mit Ringen an den Fingern und nachdem ich meine Staubmaske an einen Trödelladen verkauft hatte, fühlte ich mich fast wieder wie in alten Zeiten. Aber nicht ganz: Meine Persönlichkeit besaß irgendwie eine unwirkliche Eigenschaft, als würde ich von dem zerbrechlichen und freundlichen Geist meines alten Ichs gequält.
Ich schritt die Devotion Street hinunter, einen belebten Boulevard, an dem sich vorwiegend Restaurants angesiedelt hatten. Ich ließ die strahlende nullaquanische Sonne mein Gesicht berühren, das von Monaten hinter einer Maske blaß geworden war. An den Straßentischen eines Restaurants legte ich eine Pause ein. Ich hatte meinen Seesack gegen einen schicken Koffer eingetauscht. Den öffnete ich und holte mein einziges Andenken an Dalusa heraus: eine einzelne Strähne ihres Haars, die ich in ihrem Zelt gefunden hatte. Ich wagte es nicht, sie allzuoft in die Hand zu nehmen, da ich befürchtete, sie würde sich auflösen; für gewöhnlich hielt ich sie in einem kleinen Metallbehälter verschlossen. Später habe ich sie als Erinnerungsstück in Plastik eingießen lassen.
Ich steckte die Strähne wieder in den Koffer und klappte ihn zu. Dann bestellte ich ein Bier. Als ich trank, überfiel mich ein Gefühl der Einsamkeit. Normalerweise war ich selbstbewußt, und der plötzliche stechende Schmerz überraschte mich. Vielleicht war es der latente Schmerz über Dalusas Tod; das Bild ihres vollkommenen Gesichts tauchte vor mir auf. Als sie zum letzten Mal hinausgeflogen war, hatte sie einen großen Teil von mir mitgenommen; ich fühlte mich innerlich ausgehöhlt, leer und in Not.
Das Vernünftigste wäre es gewesen, geradewegs zum Sternenschiffhafen zu gehen und ein Ticket für den erstbesten Flug zu kaufen.
Aber ich spürte einen plötzlichen Drang, das Neue Haus zu besuchen. Die langen Monate und die vielfachen Katastrophen hatten meinen Groll zum Teil abgeschliffen. Wenn man den Tatsachen ins Auge sah, war das Neue Haus alles, was ich als Heimstatt besaß, seine Bewohner waren die Dinge, die am ehesten meine Freunde waren. Ich schuldete es mir selbst, sie aufzusuchen; ihnen schuldete ich es, sie davor zu warnen, sich in die schreckliche kulturelle Symbiose Nullaquas einzumischen.
Und dann war da auch die Aussicht auf Rache, die ich erstaunlich angenehm fand. Es könnte gefährlich sein, sie mit meinem Vorrat an Syncophin, vielleicht dem letzten, den es auf der Hochinsel noch gab, zu verhöhnen. Aber sie hatten alle Geld. Eine verschwenderische Bezahlung würde dazu beitragen, meine Abneigung zu mildern. Und ich war einsam.
Also nahm ich einen Pendelzug zur Piety Street und ging vier Querstraßen weiter zum Neuen Haus. Es dämmerte schon, aber keine der Lampen brannte. Plötzlich stürmten Ahnungen auf mich ein. Meine Entzugserscheinungen waren schlimmer, als ich zugeben wollte, und plötzlich überfiel mich der Gedanke, daß die Flacker-Vorräte im Neuen Haus äußerst knapp sein mußten. Vielleicht hatten sie nicht die Beherrschung gehabt, ihre letzte Gallone vernünftig zu rationieren.
Meine Vorahnungen wurden stärker. Ich unterdrückte meine Phantasien und versuchte, die Tür zu öffnen; sie war nicht verschlossen.
Drinnen war es dunkel. Ich schaltete das Licht an. Der Wohnraum war ein einziges Trümmerfeld. Die Couch war auseinandergenommen worden, ihre spärliche Füllung lag über ein Dutzend Stellen verteilt herum. Den Teppich bedeckte dicker Staub. Die Sessel waren fort.
Meine Nüstern, durch den langen Entzug empfindlich geworden, nahmen einen schwachen, widerlich süßen, fauligen Geruch auf. Ich folgte ihm in die Diele und trat auf die zerschmetterten Reste des Dichters Simon.
Am Schrank in der Diele war der Geruch am stärksten. Ich riß ihn auf. Der ausströmende Gestank war überwältigend, wir wurde übel. Auf dem Boden des Schranks kauerte Timon Hadji-Ali mit aufgeschlitzter Kehle. Er hatte schließlich den Tod getroffen, nach dem er so begierig gesucht hatte. Seine Augen, weit geöffnet, waren von einer dichten Staubpatina bedeckt. Sein faltenreiches, alterndes Gesicht war aufgedunsen; eine geschwärzte Zunge kam zwischen den Zähnen hervor, die ein Todesgrinsen trugen. Er war schon seit einigen Wochen tot.
Ich begann, das übrige Haus zu durchsuchen. An der Tür von Mr. und Mrs. Undines Zimmer warnte mich ein vielsagender Geruch.
Schließlich gab ich einer morbiden Neugier nach und öffnete die Tür. Sie hatten sich erhängt. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie abzuschneiden, aber sie hatten schon seit langem aufgehört, hin und her zu baumeln. Sie waren nackt und noch immer in einer nekro-erotischen Umarmung verbunden. Ihre Arme waren an den Handgelenken lose mit denen des anderen verknüpft. Irgend jemand hatte ihnen dabei geholfen. Irgend jemand hatte auch mit einem Messer die eingepflanzten Juwelen aus ihren Körpern geschnitten. Ihre tonnenförmigen Brustkörbe waren mit flachen, geschwärzten Wunden übersät.
Den Atem anhaltend, schloß ich die Tür.
Alle Toiletten im Haus waren verdreckt und stanken. Ich ging in mein eigenes Zimmer. Alles, was ich besessen hatte, war gestohlen, bis auf meinen besten Anzug. Der lag, die Ärmel ausgebreitet, in der Mitte meines Doppelbetts, mit einem Messer mitten durchs Herz meiner leeren Jacke an die muffige Matratze geheftet.
Ich holte das Syncophin heraus, öffnete eine der Flaschen und nahm einen kleinen Schluck. Chemische Ekstase breitete sich in meinem Gehirn aus; mit klappernden Zähnen nahm ich die Flaschen aus meinem Koffer.
Mit allen vier Flaschen im Arm ging ich zum Dielenschrank zurück. »Hier, Timon«, sagte ich und reichte ihm eine der Flaschen. »Tut mir leid, daß ich solange gebraucht habe.«
Ich ging zu den Undines. Es war leicht, zwei der Flaschen in ihre steifen Hände zu stecken. »Ich werde sie nicht brauchen«, sagte ich. »Ich möchte, daß ihr beide sie nehmt.«
Ich ging zu meinem Schlafzimmer. Ich nahm einen der leeren Ärmel und faltete ihn sanft über die letzte Flasche. »Hier, John«, sagte ich. »Du verdienst es, denn du hast so hart darum gekämpft, und auch solange. Tut mir leid, daß es so schwer zu kriegen war - tut mir leid für euch toten Leute.«
Ich nahm meinen Koffer, verließ das Haus und schloß die Tür hinter mir.
Ich hatte die Leere immer mit Drogen gefüllt. Jetzt konnte ich mich auf Entzugssymptome freuen und auf eine quälende Erfahrung der Bedeutung von Schmerz.
Ich würde leben. In den Tagen, die mich dazu getrieben hatten, die Drogen zum ersten Mal zu entdecken, hatte ich Schlimmeres erlebt. Ich hegte über Drogen keine Illusionen; sie enthielten keinerlei Hauch von Romantik. Sie waren nur eine Methode, den Verstand dahin zu bringen, anders zu arbeiten. Der Verstand, das Ich, war immer noch da, wankelmütig, magisch, ganz gleich, welche freundlichen Gifte mich auch ihrem sanften Angriff unterwarfen. Ich war stark; meine Freunde waren schwach gewesen. Wir waren alle Krüppel gewesen, aber sie hatten zugelassen, daß sie von ihren eigenen räuberischen Krücken vernichtet wurden.
Ich zog keine bitteren moralischen Lehren daraus, legte keine voreiligen Gelübde ab. Es war eben Pech, eine unglückliche Falle, die von geistlosen Konföderierten gestellt worden war. Wenn meine Freunde Strafe verdienten, dann nur für ihren Mangel an Mäßigung.
Mäßigung bedeutete Überleben. Manchmal konnte Mäßigung nur durch einen Akt des Fanatismus erworben werden. Ich hörte auf, ehe das Flackern die Bezahlung für die Freuden eintrieb, die es mir gegeben hatte; ich entfernte mich körperlich, ehe es mich weiter in Schulden stürzen konnte. Ich würde auf einem Sternenschiff büßen.
Ich mußte fort. Sich auf die Willenskraft zu verlassen ist der Gipfel der Dummheit; sie könnte mich nicht davon abhalten, in meine alten Persönlichkeitsstrukturen zurückzufallen. Der Rauschgiftentzug würde mich dazu bringen, den Eingeweiden des Staubwals nachzujagen, so unvermeidlich und unwiderstehlich, wie Eisen vom Magneten angezogen wird.
Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bis ich etwas anderes fand, das Vakuum zu füllen; Wahrheit oder Pflicht, Ehre, Schönheit, Liebe oder Weisheit, irgend etwas …
Ich dachte darüber nach, als ich im Raumhafen auf einem Walhautstuhl saß und zwei abgemagerten Offizieren der Konföderation beim Schachspiel zusah. Irgendeine Bestimmung erwartete mich in den langen Jahrhunderten, bevor der Tod mich rief, falls er konnte. Als einen Anfang würde ich erst einmal Venedig besuchen.