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Die Klippen

 

DESPERANDUMS WUNDEN VERHEILTEN SCHNELL, abgesehen von jener am Arm. Er pinselte den Schnitt mit Jod ein, lehnte es aber ab, die häßlichen schwarzen Stiche und Nähte, die unser erster Maat gesetzt hatte, zu bedecken.

Wir segelten weiter nach Norden und passierten bald die Bruchfuß-Inseln, die auf halbem Wege unserer Strecke lagen. Die Siedlungen hier besaßen die besten hydroponischen Anlagen Nullaquas. Sie produzierten neunzig Prozent des nullaquanischen Tabaks und über die Hälfte des Getreides, das zum Bierbrauen verwendet wird. Wir landeten nicht, tauschten aber Grüße mit einigen Handelsschiffen und einem Krabbenfänger. Von einem alten Mann in einem Handelsschiff kaufte ich mir ein neues Messer.

Mein erstes Messer hatte ich in dem Leimfaß in jenem versteckten Raum auf der Lunglance verloren. Ich hatte oft erwogen, Desperandum direkt mit meinem Wissen über das geheime Lager zu konfrontieren. Es war sogar möglich, daß er nichts von dem Motor, dem Propeller und den Sauerstofftanks wußte. Aber ich entschloß mich zu schweigen.

Wir töteten noch vier Wale und schlachteten sie aus. Hier gab es ebenfalls Haie. Sie gehörten zu einer abweichenden SubSpezies jener Haie bei der Seemöwen-Halbinsel, hatten jedoch die gleichen tückischen Zähne, die gleichen Lotsenfische und zeigten die gleichen beunruhigenden Anzeichen von Intelligenz. Ohne auf seine Verletzungen zu achten, griff Desperandum die Raubtiere mit der übrigen Besatzung zusammen an, schwang einen langen Walspaten mit äußerster Wildheit und jedem Pfund seiner unglaublichen Kraft. Die Haie versuchten, Desperandum möglichst weit auszuweichen, und einmal entkam ein fliegender Fisch aus Dalusas Netz und biß ein kleines Stück aus Desperandums rechtem Ohr. Desperandum packte den Fisch in der Luft und zertrampelte ihn unter seinem Stiefel zu Brei. Danach sah er es auf die Augen der Haie ab. Geblendet reagierten sie mit selbstmörderischer Wildheit, rammten die Rümpfe der Lunglance mit ihren Schnauzen und sprangen aus dem Staub, um sich blind in der Reling zu verbeißen. Als die Reling zerstört war, bissen sie in alles, was sie erreichen konnten.

Bis dahin war dies keiner der Seeleute gewesen. Beim Anblick der ausufernden Freude, die Desperandum bei dem Gemetzel an den Tag legte, steigerte sich der Eifer der Crew. Und die geblendeten Haie hatten wenig Zeit anzugreifen. Desperandum brauchte nie mehr als zwei Sekunden, um seinen schleimverschmierten Spaten in die lebenswichtigen Organe zu rammen.

Inzwischen näherten wir uns dem nächsten Seezeichen.

Schon seit längerer Zeit hatten wir Klippen am Horizont gesehen, schroffe Zinnen, deren rosiges Gestein im Zwielicht ein sichelförmiges Mondleuchten ausstrahlte. Aber jetzt näherten wir uns dem steilsten Abschnitt des nullaquanischen Kraters, jenem fünfzig Meilen weiten geologischen Phänomen, das einfach Die Klippen heißt.

Die Klippen sind siebzig Meilen hoch. Sie erweisen sich jeglicher Beschreibung unzulänglich. Ich glaube, ich könnte stundenlang schreiben, ohne den wirklichen überwältigenden Eindruck zu vermitteln, der einem bis ins Mark fährt, wenn man etwas sieht, das siebzig Meilen hoch ist. Aber ich werde es versuchen.

Wie schnell kann ein Mensch klettern? Vielleicht zwei Meilen pro Tag? Also gut, zwei Meilen. Verehrter Leser, Sie wären zwei Meilen über dem Meeresspiegel, ehe Sie auch nur die erratischen Felsblöcke hinter sich gelassen hätten, die sich am Fuß der Klippen angesammelt haben. Nach zweitägigem Klettern würden Sie es unmöglich finden, weiter zu atmen. Wenn Sie eine Sauerstoffmaske benutzen, könnten Sie womöglich noch eine Meile klettern. Dann müßten Sie einen Raumanzug anziehen. Ehe Sie die Klippen auch nur halbwegs bewältigt hätten, würde der Himmel vor Ihren Augen schwarz werden. Nach einem Monat kletterten Sie über Felsen, die seit vier Milliarden Jahren unberührt sind. Dort oben gibt es keinen Wind, um die trägen Staubmassen aufzurühren. Es gibt keine Flüsse, um den Fels zu erodieren, kein Wasser, das gefriert und Felsspalten aufbricht, keine Büsche oder Flechtengewächse, die mit geschickten Wurzeln und Geduld nach Rissen in der Felswand suchen. Vielleicht einmal in zehn Jahren ein lautloses Rinnen von Staubkaskaden, die sich über den uralten Fels hinunter zum ausgedörrten Meer ergießen.

Schließlich würden Sie irgendwann den Rand der Felswand erreichen. Sie ständen im luftleeren, zerklüfteten Land, auf gemartertem, schroffem Felsgestein, dem stummen ewigen Opfer schrecklicher Hitze und tödlicher Kälte.

Wenden Sie sich um und schauen Sie zurück, verehrter Leser. Können Sie den Krater jetzt sehen? Er ist breit, großartig; in ihm schimmert ein Meer aus Luft über dem Meer aus Staub. Fast eine Million Menschen leben in diesem gigantischen Loch, diesem unglaublichen Krater, diesem starren Auge im Gesicht eines leeren Planeten.

 

»In weniger als zwei Monaten müßten wir gesund und munter bei der Hochinsel anlegen«, sagte ich zu Dalusa, während ich sie durch die Decke umarmte. Sie ließ ein leises zustimmendes Seufzen hören, und ich grinste in das Dämmerlicht.

»Du hast gesagt, du willst Nullaqua verlassen«, fuhr ich fort.

»Ja.«

»Das will ich auch. Und wenn wir erst angelegt haben, werde ich wohl eine Menge Geld bekommen.« In etwa vier Monaten, schätze ich. Zeit genug, um die Flackern-Dealer auf Reverie über die neuen Umstände auf Nullaqua und meinen letzten großen Deal zu informieren. Ein paar Proben meines wahnwitzigen Gebräus, und sie würden Himmel und Erde in Bewegung setzen, um mich zurückzubringen. Es gab noch Hoffnung. Auf Reverie kannte ich Chemiker. Vielleicht konnten sie Flackern synthetisch herstellen. Vielleicht konnten sie es sogar verbessern.

»Eine Menge Geld. Genug, um unsere Abreise von dem Planeten zu bezahlen - für uns beide.«

Keine Antwort.

»Ich weiß, die Situation scheint hoffnungslos für uns«, fuhr ich fort und betonte das scheint. »Aber mit Geld ist nichts unmöglich. Du kannst deinen Körper chemisch verändern lassen; oder, falls das zu kompliziert ist, lasse ich meinen verändern. Wir können Jahre, vielleicht Jahrhunderte zusammenleben. Sogar Kinder haben, wenn du welche willst.«

Immer noch nichts. Ich ließ nicht zu, daß die Stille Unbehagen verbreitete.

»Ich spüre, daß wir etwas haben, eine Verbindung, die sehr stark sein könnte, sehr lange dauern kann«, sagte ich. »Ich weiß nicht warum, aber ich liebe dich. Ich liebe dich sehr. Deshalb …« Ich griff unter die Decke und zog einen Ring heraus, einen von den wenigen, die ich auf die Fahrt mitgenommen hatte. Ich glaube, ich habe schon erwähnt, daß ich eine Vorliebe für Ringe habe. Dies war einer meiner Lieblingsringe, ein kleines terranisches amphibisches Tier mit vier Beinen, in Silber gefaßt. Eines der langen kräftigen Beine war bogenförmig gestreckt und berührte das Kinn. Ich trug den Ring am kleinen Finger. »Ich gebe dir diesen Ring. Es gibt einen alten terranischen Brauch. Ich möchte, daß du seine Bedeutung genau verstehst. Man nennt es Verlöbnis. Wenn du den Ring trägst, ist das ein Symbol für unsere Zuneigung, die wir mit keinem anderen teilen.«

»Der Ring ist sehr schön«, sagte Dalusa heiser. Ich blickte zu ihr hoch; Tränen glitzerten auf ihrem Gesicht. Ich war gerührt, denn ich hatte immer gedacht, daß vor Freude weinen nur eine Redensart war.

»Streif ihn noch nicht über«, sagte ich hastig. »Ich habe ihn noch nicht sterilisiert.«

»Und wenn ich ihn anziehe, dann sind wir richtig verlogen?«

»Verlobt«, korrigierte ich.

Dalusa begann, laut zu weinen. »Ich fürchte«, sagte sie, »ich fürchte du wirst mich hassen, mich loswerden wollen. Ich glaube, du wirst mich anschauen und dich fragen, wieso du mich jemals haben wolltest. Was werde ich tun, wenn ich dich verliere?«

»Aber das wirst du nicht«, erwiderte ich. »Ich werde dich lieben, solange diese Persönlichkeit besteht. Ich ging ganz sicher. Bei Gott, wir werden uns ändern. Aber vor uns liegen Jahrzehnte, Jahrhunderte. Wenn die Zeit kommt, kannst du entscheiden, was du tun willst.«

»Ich fürchte mich …«

»Ich werde dich beschützen. Das ist ein Versprechen.« Ich wurde drängender. »Komm, wir kochen den Ring. Dann kannst du ihn überziehen.«

Dalusa stand auf und wischte mit einer Hand die Tränen aus ihren Augen. »Wohin werden wir gehen, wenn die Fahrt vorüber ist?«

»Nach Reverie. Dir wird es dort gefallen. Dort gibt es noch Wildnis; die Bevölkerungskontrolle ist streng, das Klima ist sehr angenehm. Ich habe dort gelebt, ehe ich nach Nullaqua kam. Ich habe dort noch Freunde.«

»Und was ist, wenn sie uns nicht akzeptieren?«

»Dann sind sie nicht mehr meine Freunde. Ich … wir brauchen sie nicht.« Ich stellte einen Topf auf den Herd, goß etwas Wasser hinein und stellte die Flamme an. Dann warf ich den Ring hinein.

»Schau nicht so trübselig drein, Dalusa«, ermunterte ich sie. »Zeig mir ein Lächeln. So bist du ein braves Mädchen, denk daran. Vielleicht können wir eine richtige terranische Hochzeit arrangieren, eine ganz traditionelle. Ich bezweifle, daß es auf Reverie terranische Sekten gibt, aber wahrscheinlich können wir irgendeinen Monotheisten finden, der bereit ist, die Zeremonie zu leiten. Und nach den Operationen können wir fast ganz normal zusammenleben … natürlich abgesehen davon, daß wenige Männer den Vorzug haben, mit einer so schönen Frau verheiratet zu sein.«

Zum ersten Mal lächelte sie.

»Keiner von uns kann als völlig normal bezeichnet werden«, sagte ich, während ich den Ring im kochenden Wasser prüfte. »Aber das heißt doch nicht, daß es uns schlecht geht. Wir haben genauso ein Recht wie jeder andere darauf, ohne Not und Leiden zu leben. Keine Schmerzen, kein Hautausschlag, kein Blut …«

Ich angelte den Ring mit einer Pinzette aus dem kochenden Wasser und schwenkte ihn in der Luft, damit er abkühlte.

»Vielleicht sollten wir warten«, sagte Dalusa schließlich. Ihre dunklen Augen folgten den Bewegungen des Rings. »Vielleicht wirst du mich nicht mehr lieben, wenn wir wieder an Land sind, wenn du Gelegenheit hast, normale Frauen zu sehen.« Sie schien beinahe verzweifelt.

Mein Gesicht zeigte keine Regung, aber innerlich »runzelte« ich die Stirn. »Ich kenne meinen Verstand. Ich glaube, der Ring ist jetzt kalt. Willst du ihn?«

Sie nahm ihn.