12

Anemonen

 

SOBALD WIR DIE KLIPPEN hinter uns gelassen hatten, warf Desperandum wieder sein Netz über Bord und zog es gemächlich hinter dem Schiff her. Ich fragte mich, hinter was er her war. Plankton gab es hier nur wenig. Während der Wartezeit ging Desperandum nach unten in den Laderaum. Bald kam er wieder an Deck, einen Klapptisch unter einem Arm und einen riesigen Glasbottich in der anderen Hand. Es war einer der größten Glasbehälter, den ich je gesehen hatte. Mit angezogenen Knien hätte ich mich hineinkauern können. Er war zylindrisch geformt, so weit wie hoch und hatte keinen Deckel.

Desperandum stampfte zum Großmast hinüber und setzte den Bottich mit einem Klirren aufs Deck. Dann klappte er den Tisch mit präzisen Bewegungen auf und stellte die Beine gerade. Aus einer großen Stofftasche unter dem Tisch zog er vier mächtige Saugnäpfe heraus; sie waren aus Kunststoff und von der Größe eines Tellers. Elastische Vorsprünge in der Mitte paßten exakt in die Tischbeine. Desperandum setzte die Näpfe aufs Deck, drehte den Tisch herum und stellte ihn auf. Er stützte einen Teil seines gewaltigen Gewichts auf den Tisch, und sofort wurden die Saugnäpfe zusammengepreßt. Mindestens fünf Männer wären nötig gewesen, um den Tisch zu lösen.

Ich bemerkte, daß eine weite, kreisförmige Einbuchtung in dem Tisch war, die der Größe des Glasbottichs entsprach. Wie zu erwarten, nahm Desperandum den Bottich und setzte ihn in die Vertiefung. Er trat zurück, um sein Werk zu bewundern.

»Mr. Bogunheim!« donnerte Desperandum.

»Jawohl, Sir?« sagte der dritte Maat.

»Lassen Sie diesen Bottich mit Staub füllen. Etwa drei Viertel der Höhe werden ausreichen.«

Bald darauf waren Calothrick und ein magerer nullaquanischer Matrose damit beschäftigt, Eimer herbeizutragen. Desperandum zog sich in seine Kajüte zurück.

In dem mit Staub gefüllten Gefäß entstanden seltsame Strömungen. Von der Sonne durch das Glas hindurch erwärmte Teilchen stiegen am Rand entlang nach oben und breiteten sich auf der Oberfläche aus. Kälterer Staub floß träge nach unten. Die Struktur des Kreislaufs würde sich ändern, wenn die Sonne über den Himmel strich.

Hier im Zentrum des Kraters war der Tag in gleiche Hälften geteilt. Der Vormittag dauerte fünf Stunden. Wir brauchten nicht, wie in Arnar, im trockenen Schatten der östlichen Felswand auf den Morgen zu warten. Auf der Hochinsel kam die Morgendämmerung früh. Sie kam jeden Tag zur gleichen Zeit, und die Sonne ging immer an derselben Stelle auf. Nullaqua hatte eine Axialneigung von weniger als drei Grad. Es gab keine Jahreszeiten, keine nennenswerte Witterung, nur Gleichförmigkeit, Konstanz, physikalische und kulturelle Stasis, für immer und ewig, amen.

Nach der letzten Mahlzeit des Tages holte Desperandum sein Netz ein. Behutsam breitete er es auf Deck aus. Dutzende harter kleiner Nuggets befanden sich darin; drei- oder vierhundert Klumpen grünen Planktons, kleine weiße Fischeiperlen, wurmähnliche verdrehte Zylinder, grünlich gesprenkelte Ovoide, abgeflachte Kugeln mit braunen Linien auf der cremeweißen Hülle. Auch ein stacheliges, glänzendschwarzes Ei, so groß wie meine Faust, war dabei.

Desperandum kniete sich hin und begann, seinen Fang zu sortieren, wobei er Notizen in ein aufgeschlagenes Heft kritzelte. Dann kamen die ausgewählten Eier und ein Teil des Planktons in den Bottich mit Staub. Desperandum schickte einen Matrosen in die Küche hinunter, um Wasser zu holen; als der Mann zurückkam, schüttete Desperandum einige Liter über dem Staub aus.

»Sie werden schnell ausgebrütet sein«, sagte Desperandum zu mir. »Dann werden wir sehen, was wir erwischt haben.«

Ich nickte; Desperandum entfernte sich, jetzt, nach Sonnenuntergang, wurde es kühler. Der Staub floß jetzt anders; er kühlte sich an der Oberfläche ab und floß am Rande des Bottichs hinab. Von den schwachen Strömungen getragen, klumpte sich das Plankton am Rand des Glases zusammen.

Irgendwie war der Behälter ein Mikrokosmos des Kraters. Zu rund, natürlich, und es fehlten die felsigen Aufwerfungen der Inseln hier und hier und hier und hier. Die Hochinsel, Arnar, Bruchfuß und Ausdauer. Die Lunglance würde sich etwa hier befinden und langsam auf den nordwestlichen Rand des Kraters zukriechen; am Rand der winzige Fleck Protoplasma, der John Newhouse darstellte, erkennbar nur durch ein Mikroskop. Eine komische Arroganz, sagte ich zu mir. Ich ging nach unten und schlief ein. Das Schiff segelte weiter.

Am nächsten Morgen war der Staub an einigen Stellen ein wenig aufgewühlt. Desperandum war früh auf den Beinen und fischte behutsam mit einem Seihtuch aus gewebten Bindfäden in dem Bottich. Alle paar Minuten zog er eine zappelnde Elritze oder einen krabbenähnlichen Anthropoden heraus und hakte ein Ei auf seiner Liste ab. Aus dem Lautsprecher seiner Maske erklang leises Summen. Er war bei guter Laune. Mir gefielen die schwarzen Stiche auf seinem verletzten Arm nicht. Der Schnitt an seinem Hals war gut verheilt, aber sein Arm war angeschwollen und entzündet. Ich hoffte, er nahm Antibiotika. Zwischen der Zahl der Eier auf seiner Liste und der Zahl der Lebewesen, die er hatte fangen können bestand eine Diskrepanz. Das schien ihm nichts auszumachen. Er konnte kaum erwarten, jedes Tier zu fangen, indem er einfach blind mit seinem Netz herumfischte. Nachdem er dreimal denselben Fisch gefangen hatte, zuckte er gutgelaunt die Achseln und gab seine Bemühungen auf. Das bewies, daß Desperandums Frustrationsschwelle sehr hoch war, und dies überraschte mich. Ich hatte erwartet, daß er den ganzen Bottich durch ein Netz ausleerte. Offenbar befürchtete er, damit die Gesundheit der Organismen zu gefährden.

Alles in allem hatte er sechzehn Lebewesen von achtundzwanzig Eiern gefangen. Am nächsten Tag versuchte er es erneut. Jetzt fanden sich mehr Plankton-Nuggets; ihre Sporen waren schon vorhanden gewesen, als der Staub zum ersten Mal eingefüllt worden war. Außerdem hatte sich das übrige Plankton, durch das Vorhandensein von Wasser angeregt, vermehrt. Dutzende winziger Klümpchen, nicht größer als Glassplitter, tauchten auf. Einige der größeren Nuggets fehlten. Sie waren gefressen worden.

Desperandum gab etwas Wasser hinzu, um das Wachstum der Hauptnahrungsquelle voranzutreiben, und begann dann wieder zu fischen. Diesmal mit mehr Erfolg. Er fing zwanzig Lebewesen. Merkwürdigerweise gelang es ihm nicht, einige der früheren Organismen zu erwischen, einschließlich des Fisches, den er dreimal gefangen hatte. Es schien ihm nichts auszumachen. Schließlich war jede einzelne Kreatur in dem Gefäß völlig unter seiner Kontrolle.

Ich stellte meine Spekulationen ein. Es ging über meine Fähigkeiten, Desperandums geistigen Zustand zu ergründen; wie alle alten Menschen hatte er eine Orientierung angenommen, die von meiner so verschieden war wie die Kindheit vom Erwachsenenstadium.

An diesem Tag töteten wir einen Wal und warfen drei Eier über Bord.

Am nächsten Tag fing Desperandum nun fünfzehn Lebewesen. Eins von ihnen war ein Rauboktopus, der für das Verschwinden einiger Fische verantwortlich war. Desperandum nahm ihn aus dem Bottich und sezierte ihn.

Zwölf Organismen am Tag darauf. Desperandum warf drei allesfressende Fische weg, weil er annahm, daß es sich um die Übeltäter handelte. Auf seiner Liste hatte er siebenundzwanzig der achtundzwanzig Eier abgehakt. Das stachelige glänzendschwarze Ei blieb unidentifiziert.

Als er am Tag danach nur vier Organismen fand, wurde Desperandum ärgerlich. Er leerte den Bottich aus. Träge raschelnd floß der Staub über das Deck und unter der Reling hindurch ins Meer. Rasch griff Desperandum nach den Lebewesen, die zappelnd auf dem Deck lagen: drei Krabben, ein kleiner pflanzenfressender Oktopus und die Larve eines Staubläufers. Er runzelte die Stirn. Alle seine Gefangenen verzehrten nichts außer Plankton oder - wenn sie davon etwas bekommen konnten - die langen, verwobenen Seetangstränge, die in diesem Teil des Kraters verbreitet waren.

Dann wandte er sich dem Bottich zu. Dort klebte mit einer staubbedeckten Saugscheibe eine kleine nullaquanische Anemone an der Glaswand.

»Erstaunlich!« sagte Desperandum laut. »Eine Anemone. Was für ein Glücksgriff!«

Die Anemone sah ziemlich wohlgenährt aus, wie man es auch nicht anders erwarten konnte - mußte sie doch nur einen ihrer stachelbewehrten Arme ausstrecken, um an Beute zu kommen. Sie hatte acht Arme, lange geschmeidige blaßbraune Tentakel, wie die Zweige eines Rosenstrauchs mit tückischscharfen Dornen besetzt. Die Dornen waren hohl, ebenso wie die Arme selbst; und jeder Dorn war ein vampirischer Saugschnabel. Die Arme ragten aus einem kurzen, dicken Stamm, am unteren Ende des Stamms befand sich ein schneckenähnlicher Saugfuß. An den Verbindungsstellen zwischen Armen und Stamm wuchs ein kompliziert geformtes, mehrschichtiges Gebilde, das den Blütenblättern eines Blume ähnelte. Wie bei einer Blume war es ein Geschlechtsorgan. Für ein Geschöpf ihrer Größe war die Anemone ziemlich kräftig. Auch ohne die Stütze des Staubs hingen ihre dreißig Zentimeter langen Tentakel frei in der Luft. Sie atmete durch die siebähnlichen Spitzen ihrer Arme; sie waren so dünn, daß es nicht verwunderlich war, daß sie nie bemerkt worden waren.

Die Anemone schien durch das Fehlen des Staubs irritiert. Unentschlossen bewegte sie ihre Tentakel, bis sie einen schließlich über den Rand des Gefäßes festhakte. Dann löste sie ihre Saugverbindung zu dem Glas mit einem schwachen Plopp und zog sich geschäftig an der Glaswand hoch.

»Staub! Schnell!« befahl Desperandum, der die Anemone mit der Fürsorge eines liebenden Vaters für sein krankes Kind beobachtete. Sofort kam ein Matrose mit einem Eimer, und Desperandum schüttete den Staub langsam in den Bottich. »Mehr, mehr!« verlangte Desperandum ungeduldig. Bald erreichte die Oberfläche des Staubs einen der langsam umhertastenden Tentakel der Anemone. Das einer Pflanze ähnelnde Tier löste seinen Griff und glitt - geradezu dankbar, wie es mir schien - in den Staub hinunter.

Desperandum bemerkte meine Aufmerksamkeit. »Sie sind äußerst selten«, sagte er zu mir. »Ich habe gehört, daß eine letzte Kolonie von ihnen in der Bucht nordwestlich von hier lebt, aber ich habe nie eine gesehen. Kein Wunder, daß ich das letzte Ei nicht identifizieren konnte.« Desperandum lachte freundlich. Er war bei bester Laune.

Ich hoffte, sein neues Schoßtierchen würde ihn nicht beißen. Die Art, wie es versucht hatte, aus dem Gefäß herauszuklettern, schien mir unheilverkündend. Ich haßte den Gedanken, eines Nachts aufzuwachen und seine Tentakel von meiner Kehle wegreißen zu müssen.

Am nächsten Tag kletterte ich an Deck, nachdem ich das Frühstücksgeschirr für Dalusa liegengelassen hatte. Desperandum stand neben dem Glasgefäß und hielt eine zappelnde Sprotte über den Staub. Zögernd hob sich ein brauner, mit Zacken bewehrter Arm über die Oberfläche und wickelte sich um den Fisch. Dieser zuckte noch ein paarmal schwach und wurde dann steif. Um die Kraft der Anemone zu testen, hielt Desperandum den trockenen grauen Schwanz des Fischs fest im Griff. Und schon wand sich ein weiterer Tentakel aus dem Staub hoch; Desperandum zog seine Finger zurück, ehe der zweite Tentakel auf seine Hand zufuhr. Der Fisch verschwand unter der Oberfläche.

»Kräftiges kleines Biest!« sagte Desperandum bewundernd. »Wissen Sie, sie waren im gesamten Krater verbreitet, ehe er besiedelt wurde. Unwissend, wie sie waren, hörten sie nicht auf, Schiffe anzugreifen und vergifteten sich selbst. Ein Tropfen menschlichen Bluts durch einen dieser Dornenschnäbel tötete sie fast auf der Stelle. Ich habe sogar gehört, sie seien völlig ausgelöscht. Aus Angst vor gegenseitiger Zerstörung wollte niemand ihre letzte Zuflucht oben im Norden besuchen. Vielleicht erleben sie ein Comeback.«

Wundervoll, dachte ich. Ein paar hundert getarnte Killer würden dem nullaquanischen Dasein die rechte Würze geben. Ich fragte mich, wie groß dieses Geschöpf werden konnte. Drei Meter? Vielleicht bis zu zwanzig? Vor mir erschien das Bild eines giftigen Ungeheuers, so groß wie ein Mammutbaum, das in der trockenen schwarzen Dunkelheit unter dem Schiff lauerte, bis seine Zeit gekommen war. Ein gewaltiger schroffer Tentakel, der sich um die Lunglance legte, ein nachlässiger Ruck, und den Rätseln des Meeres wäre ein weiteres hinzugefügt. Hunger wäre ein viel zu starker Antrieb; bloße Neugier wäre schon verhängnisvoll genug. Dalusa machte an diesem Tag eine Herde Staubwale aus, aber bis die Lunglance die Stelle erreicht hatte, waren sie verschwunden.

Die Anemone wuchs weiter. Aus Vorsicht legte Desperandum ein schweres Eisengitter auf den Bottich. Die Besatzungsmitglieder machten, wann immer es ging, einen weiten Bogen um den Behälter, vor allem dann, wenn die Kreatur ihre drahtigen Anhängsel in die Luft streckte und sie nach Kräften hin und her bewegte. Als sie wuchs, wurde die Anemone dunkler; jetzt hatten ihre Arme die Farbe getrockneten Bluts.

Als der junge Meggle mittags zu mir kam, um die Mahlzeit für die Offiziere zu holen, sagte er mir mürrisch, daß der Kapitän mich sprechen wollte. Nach einer angemessenen Zeit meldete ich mich bei ihm. Desperandum beendete gerade seine Mahlzeit.

Wir gingen in die Kajüte; nachdrücklich schloß Desperandum die Tür. »Ich vermute, Sie haben das Gerücht gehört, daß ich vorhabe, Kurs auf die Glimmerbucht zu nehmen.«

Das war die vermeintliche Heimat der letzten Anemonen. »Jawohl, ich habe davon gehört«, log ich entschlossen.

»Was halten Sie davon?« fragte er.

Ich spürte, daß seine Offenheit nach Ausflüchten meinerseits verlangte. »Zuerst würde ich gern Ihre Gründe dafür hören.«

»Sehr gut. Es hat natürlich mit dem Tier zu tun. Ich würde es gerne an Bord behalten und seine Gewohnheiten studieren; vielleicht könnte ich es später dem Gemeindezoo auf der Hochinsel stiften. Andererseits wäre es unmoralisch, eine vom Aussterben bedrohte Art eines potentiellen Mitglieds und damit dessen Genvorrats zu berauben. Ich müßte mir die Situation selbst ansehen und feststellen, wie groß die AnemonenPopulation ist. Das könnte natürlich umständlich sein.«

Der Kapitän schien nicht gewillt, mehr zu sagen. Er lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und verschränkte die kurzen, dicken Finger.

»Rechnen wir die Vor- und Nachteile beider Möglichkeiten gegeneinander auf«, sagte ich schließlich. »Zuerst, was gegen die Fahrt spricht. Die Kursänderung wird die Reise verlängern. Der Ausflug führt in ausgesprochen unerforschtes Gebiet, in dem Untiefen und Strömungen uns gefährden können. Und außerdem könnte die Lunglance von Anemonen angegriffen werden.«

»Darin liegt keine wirkliche Gefahr«, unterbrach Desperandum milde. »Selbst in den besten Zeiten dieser Gattung war die größte bekannte Anemone nur knapp zehn Meter lang. Nicht groß genug, um das Schiff als Ganzes zu bedrohen.«

»Aber wir könnten ein Besatzungsmitglied verlieren.«

»Möglich. Und ein Risiko haben Sie ausgelassen: Glimmer ist eine sehr enge Bucht, fast vollständig von Land eingeschlossen. Die Sonne scheint dort nur etwa eine Stunde am Tag. Die Düsternis und die Felswände, so sagt man, verursachen akute Depressionen, Melancholie, Klaustrophobie; selbst die eingeborenen Nullaquaner sind davon betroffen.«

Ich hob die Brauen.

»Oh, das ist ziemlich einleuchtend«, sagte Desperandum. »Sind Sie jemals in Ausdauer gewesen?«

»Nein, Sir.«

»Ich war selbstverständlich schon da. Dort ist es ebenfalls ziemlich deprimierend; Ausdauer ist eine halbe Meile hoch auf dem Felsen an der Westseite einer schmalen Bucht errichtet worden, besitzt ein unangenehmes Klima und strahlt das überwältigende Gefühl der Existenz von tausend Meilen festen Felsens aus. Ich habe kaum Zweifel daran, daß die Wahl dieses Orts als Zentrum für Religion und Regierung eine nachdrückliche Wirkung auf den nullaquanischen Charakter gehabt hat.« Desperandum seufzte und faltete seine Hände über dem Bauch zusammen.

»Nun ja, Sir, wenn wir also die Vorteile dieses Umwegs erwägen«, sagte ich, als eine Unbehagen verbreitende Stille wie auf verkrüppelten Füßen durch den Raum gehumpelt kam. »Mir fallen nur zwei ein. Erstens: Kenntnisse über die Anemonen-Population; zweitens: eine Entscheidung darüber, was mit Ihrem kleinen Findling zu tun ist. So wie ich es sehe, birgt der erste Punkt Gefahren sowohl für die Besatzung, als auch für die wildlebenden Lebewesen. Und was den zweiten angeht, tja, das hängt von der Seltenheit dieser Geschöpfe ab. Und da Sie an einem einzigen Tag mit einem einzigen Netz eines gefangen haben, kann ich kaum glauben, daß sie wirklich sehr selten sind.

Und dann noch etwas. Wir nähern uns jetzt Ausdauer. Es wäre doch einfach, dort anzulegen und die Kirche aufzusuchen, um eine spezielle Expedition loszuschicken.«

Desperandum blickte mich wie versteinert an. »Das habe ich vor vier Jahren versucht. Sie haben mir höflich zugehört und mich dann nach meinem Akademiediplom gefragt.«

Zuerst wollte ich mich entschuldigen, entschied mich aber dann dagegen. Das hätte nur das Minderwertigkeitsgefühl des Kapitäns und seinen eigenen Abscheu vor seinem Mangel an akademischen Qualifikationen gesteigert. »Ihre Argumente sind gut, aber überzeugt haben sie mich nicht«, sagte Desperandum. »Wir werden die Bucht erforschen.«

Das hatte ich erwartet.

Die Crew zeigte keinerlei Überraschung, als der Befehl ausgegeben wurde, nach Norden gegen den Wind zu kreuzen. Es war nicht ihre Sache, über die Gründe nachzudenken. Außerdem waren sie zu dieser Zeit wahrscheinlich gar nicht in der Lage dazu.

Später lehnte ich über die Steuerbordreling und blickte auf die Schichten schroffen Felsgesteins, das sich in zerklüftetem Stufen zur Oberfläche des Planeten erhob. Es war ein trockener, heller Morgen, wie alle nullaquanischen Morgen. Die Monotonie setzte mir zu. Ein kühler Windstoß, ein dichter Nebel oder ein wilder Hagelsturm wären eine Erleichterung gewesen. Meine Stirnhöhlen machten mir Ärger; meine rissigen, juckenden Hände waren glitschig von einer unangenehmen Salbe, die der erste Maat mir gegeben hatte. Ich mochte die Salbe nicht besonders. Unten in der Küche, wo ich meine Maske abnehmen konnte, stank sie.

Ich hörte das Kratzen von Dornen an einem Eisengitter. Die Anemone war mit Hilfe von Desperandums Hätschelkost schnell gewachsen, als könnte sie es gar nicht erwarten, in ein fortpflanzungsfähiges Alter zu kommen und ihrer Spezies bei dem versprochenen Comeback behilflich zu sein. Sie schien sich in ihrem Bottich beengt vorzukommen und zog wiederholt an dem Gitter, als stärke sie ihre Kräfte.

Dalusa war auf Erkundungsflug; sie versuchte, den schmalen Einlaß in die Glimmerbucht auszumachen. Desperandum benutzte Luftbildkarten des Kraters, die von dem ersten Kolonisierungsschiff hergestellt worden waren. Sie waren fünfhundert Jahre alt. Damals hatte die Glimmerbucht noch gar nicht existiert.

Ich sah, wie Dalusa flügelschlagend aus Nord-Nordwesten herankam. Sie ging präzise im Krähennest nieder, ließ das Horn ertönen, um die Besatzung zu alarmieren, und sprang ins Leere. Sie fiel in einer präzisen Parabel und öffnete ihre Schwingen mit lautem Knallen, knapp bevor sie sich die Rippen an der Reling brach. Ihr machte das Vergnügen.

Dalusa flog schnell davon, bis sie ein weißer Fleck vor dem dunklen Hintergrund des Felsens war. Dort erwischte sie einen Aufwind und kreiste, während die Lunglance träge hinter ihr herkreuzte.

Als wir ein gewaltiges Vorgebirge aus herabgestürzten Felsen erreichten, schwebte Dalusa um es herum und auf das Meer hinaus. Plötzlich schoß sie nach Süden. Wild schlug sie mit den Flügeln, kam aber nicht voran, wie ein Schwimmer in einer starken Strömung. Ein starker Wind hatte sie gepackt. Dalusa drehte sich in den Wind. Sie kam immer noch nicht voran, begann aber Höhe zu gewinnen. Das Schiff segelte näher heran. Jetzt konnte ich in dem Staub-Luft-Zwischenbereich einen dünnen, graupeligen Nebel sehen. Es gab keine Wellen.

Dalusa schien zu ermüden. Sie gewann weiter an Höhe, wurde aber jetzt aufs Meer abgetrieben.

Plötzlich gelangte sie in eine Zone der Ruhe. Sie verlangsamte ihren Aufstieg, wurde dann aber von einem anderen Wind gepackt, ebenso kräftig doch in die entgegengesetzte Richtung blasend. Sie stemmte sich gegen ihn, versuchte zu wenden und überschlug sich in der Luft, als sie in eine Turbulenz geriet. Der Wind zerrte an ihrem losen Umhang, dem einzigen Kleidungsstück, das sie trug.

Allmählich kam Dalusa wieder zu Kräften, legte die Flügel an und fiel. Im Sturz gewann sie Geschwindigkeit, korrigierte ihre Flugbahn, öffnete erneut ihre Schwingen und schwebte auf das Schiff zu. Sie hatte die Geschwindigkeit des Windes großartig eingeschätzt. Jetzt blickte sie genau dem Rand des Vorgebirges entgegen. So war jedenfalls die Haltung ihres Kopfes - die Form ihres Halses war schon immer etwas merkwürdig gewesen. Die beiden Vektoren, die sich gegenseitig korrigierten, ließen sie auf das Schiff zugleiten. Es gelang ihr; geradezu anmutig schwebte sie über die Backbordreling und brach auf dem Deck als flügelbedecktes Bündel zusammen.

Mr. Flack war in einem Sekundenbruchteil bei ihr. Er streckte die Hand aus, um sie an der Schulter zu packen, zog sie aber rechtzeitig zurück. Dalusas lange dünne Arme zitterten vor Erschöpfung. Sie hielt ihr Gesicht - oder eigentlich ihre Maske - unter einem Flügel verborgen. Flack konnte nichts für sie tun. Seine medizinischen Kenntnisse waren nicht auf nichtmenschliche Lebewesen ausgedehnt.

»Holt der Dame ein Ruhelager«, ordnete Flack an. »Wasser. Ruhe.«

Das Allheilmittel eines Arztes für alles, was er nicht verstand. Ich nahm eine Decke von unserem Harpunier Blackburn, wickelte Dalusa behutsam darin ein und hob sie mühelos hoch. Sie wog vielleicht vierzig Pfund, das meiste davon waren Muskeln. Dalusas weiße, wohlgeformte Beine waren vorwiegend Zierde. Sie hatten die Gewebestruktur menschlichen Fleisches - mehr oder weniger -, aber sie waren nicht dichter als Kork.

Ich trug Dalusa zur Küche hinunter, drehte meine Matratze um, damit kein noch anhaftender Giftstoff sie erreichen konnte, und setzte sie ab. Sie zog ihre Maske vom Gesicht.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte sie. »Du hättest dir nicht soviel Umstände machen sollen.« Auf der Stelle schlief sie ein.

Hier konnte ich nichts mehr tun, also ging ich zurück an Deck.

Wir umschifften das Vorgebirge. Sofort packte uns der Wind, vom Bug war das Sandpapierrascheln kleinster Partikel zu hören. Die Segel füllten sich, die Brassen waren voll belastet, und die Lunglance hatte tatsächlich Schlagseite, für einen Trimaran mit ihrem Rumpf ein erstaunliches Kunststück. Desperandum wendete über den Wind und ging auf Steuerbordkurs.

Nördlich war ein gewaltiger Spalt im Fels. Vor fünfhundert Jahren war dort eine schmale Klippe gewesen, die den Nullaqua-Krater von einem kleineren Nebenkrater abtrennte, der jetzt die Glimmerbucht bildete. Diese Klippe hatte einen Riß gehabt. Der Glimmerkrater, der nur um Mittag Sonnenlicht erhielt, war viel kälter als der große Krater. Es entwickelte sich eine kalte Luftströmung, die durch die mitgeführten Teilchen Schmirgelwirkung hatte. Schon bald bildete sich ein natürlicher Felsbogen, an dem ein senkrechter Windwirbel entstand, heiße Luft oben, kalte unten. Zweihundert Jahre lang dehnte die Wölbung des Bogens sich aus.

Im zweihundertundsiebenunddreißigsten Jahr menschlicher Besiedlung auf Nullaqua stürzte der Fels mit einem Knall zusammen, der im ganzen Krater zu hören war. Die Vorsichtsmaßnahmen waren ungenügend. Tausend Tonnen Fels stürzten ins Meer, und die anschließende Springflut löschte fast die gesamte nullaquanische Flotte aus. Fünf Schiffe kamen davon: drei Fischerboote, die sich rein zufällig im Schutz der Hochinsel befunden hatten, ein einzelnes außer Dienst gestelltes Kriegsschiff auf den Drudenfuß-Inseln und ein Walfänger aus Bruchfuß. Auf Ausdauer gab es nicht ein einziges überlebendes Schiff. Ausdauer war ein Jahr zuvor im nullaquanischen Bürgerkrieg dem Erdboden gleichgemacht worden.

Das Jahr nach der Glimmerkatastrophe war als das Hungerjahr bekannt.

Die Lunglance steuerte so hart wie möglich in den Wind. Mr. Bogunheim stand an der Ruderpinne; die Segel wurden ein wenig angeluvt, und Desperandum tadelte den Mann abwesend. Der Kapitän starrte in die düstere Nische der Bucht, das Fernglas fest auf die Linsen seiner Staubmaske gepreßt.

Im Windschatten der Gegenstände auf Deck bildeten sich dünne Staubfilme. Die Anemone rasselte an ihrem Gitter. Ich fragte mich, ob sie unseren Aufenthaltsort erkannte. Wie einer von diesen Zugvögeln, Kranich, Harnich oder so ähnlich …

Die Mittagsstunde war inzwischen herum. Trübes Licht strömte aus zwei Quellen in die Bucht, der zwei Meilen breiten Einfahrt und einem glänzenden Hügelband im Ostteil des Kraters. Ein mächtiger Vorsprung schwarzen Felses hielt den größten Teil des Nachmittagslichts ab, das auf die Hügel dahinter schien. Es war so trübe und düster wie im Innern einer abgedunkelten Kathedrale. Eine Atmosphäre wie in einer Kirche. Die Lunglance passierte schnell die Felsen rund um die Einfahrt und segelte mit dem abgeflauten schwachen Wind nach Osten.

Hinter uns schien ein gewaltiger senkrechter Strahl bleichen Lichts, fünfzig Meilen hoch, durch die Mündung der Bucht und über die zerklüftete schroffe Felswand. Ein äußerst erhabener Anblick. Jeder auf Deck, mit Ausnahme von Desperandum, starrte völlig verzaubert auf den matten Koloß aus Licht. Es leuchtete wie das Versprechen der Erlösung.

Ich riß meine Augen von diesem Anblick fort, mich schauderte. In der Glimmerbucht war es kalt und düster wie auf dem Grund eines Brunnens, aber es war trocken. Ausgedörrt. Gnadenlos trocken, trockener als die trockenste Wüste auf der Erde, auf Bunyan oder Reverie, so trocken, daß es einem die Nase aufspringen und nachts bluten ließ, so trocken, daß das Haar vor statischer Aufladung knisterte, so trocken, daß einem immer wieder Funken stechend über die Handknöchel sprangen. Es dörrte einem das Wasser aus dem Mund und die Tränen aus den Augen.

Und kalt. Die Männer holten ihre Nachtkleidung heraus und zogen sie an. Nullaquanische Nächte waren ohnehin kalt; hier würden sie noch viel schlimmer werden.

Warme Luft, die in die Bucht kam, kühlte sich durch die Ausdehnung ab, kalte Luft trat an ihre Stelle. In der Glimmerbucht war ein schwacher Luftzug wie der Atem eines Tieres mit Lungen aus Eis. Trockeneis.

Der Strahl hinter uns gab keine Wärme. Die Enge des Kanals sorgte dafür, daß er völlig stationär war, die Bewegung der Sonne hatte keine Wirkung auf ihn, abgesehen von der sich ändernden Helligkeit. Der unterste Teil des Strahls war vom Staubnebel leicht trüb. Der Strahl wurde mit steigender Höhe immer schwächer, je dünner und klarer die Luft wurde. Schließlich verschwand der Strahl, aber noch in vierzig Meilen Entfernung ließ das Licht die luftleere Felswand in matter Vakuumstrahlung glühen.

Auf Meereshöhe war die ganze Bucht ein grobes Oval, fünfzig Meilen lang, sechsundzwanzig Meilen breit. Die Einfahrt lag ungefähr in der Mitte der Bucht.

Wir segelten ostwärts. Es wurde finsterer, die Matrosen schauten häufig mit bedauernden Blicken zu dem Licht in unserem Rücken.

Jetzt beschloß der Kapitän, einen Test durchzuführen, der über die Anwesenheit von Anemonen Aufschluß geben sollte. Auf seinen Befehl hin eilten die Männer in die Wanten und refften die Segel. Desperandum hievte einen StaubSchleppanker über Bord, dann warf er einen riesigen Brocken Haifischfleisch aus. Ein großer Schwimmer bewahrte ihn vor dem Sinken.

Das Fleisch trieb allmählich vom Schiff weg. Aber es gab keinerlei Anzeichen tastender Tentakel. Vielleicht war es für die Geschöpfe zu tief. Aus der Ferne tauchte ein Staubläufer auf, der auf untertassenförmigen Füßen näherkam. Bedächtig begann er, von dem Fleisch zu fressen. Die Nahrung erwachsener Staubläufer unterscheidet sich von der ihrer Larven. Das Tier fand das Fleisch annehmbar, und schon bald gesellten sich ein Dutzend Artgenossen zu ihm, die eilig aus der Dunkelheit heranglitten und sich auf das Fleisch stürzten wie Küchenschaben auf eine vergessene Brotkrume. Desperandum wurde ungeduldig; er zog das Haifischfleisch zurück an Bord. Die Staubläufer klammerten sich zäh an den Klumpen. Desperandum ließ das Fleisch auf Deck klatschen, und Staubläufer wurden fortgeschleudert, aber nicht für lange. Nur an das Fressen denkend, kehrten sie zu ihrer Mahlzeit zurück. Desperandum mußte schließlich einen von ihnen mit einem Walspaten zerquetschen, worauf die übrigen eifrig davonrasten und über Bord sprangen.

Es gab hier nicht viel Plankton, der Lichteinfall war zu dürftig. Die Ökologie der Glimmerbucht mußte auf Abfällen basieren, die von der Strömung hereingetragen wurden, dachte ich. Das Licht vor uns wurde trüber, als die Sonne sank. Desperandum ließ Laternen aufstellen.

Das Licht war den Männern sehr willkommen, aber es schien fast eine Entweihung der titanischen Finsternis und Stille zu sein. Ich kam mir auf unbehagliche Weise sichtbar vor. Die Lichter waren wie eine herausgeschriene Herausforderung an die Bewohner - wer sie auch immer sein mochten - dieses in Stagnation verharrenden Staubsees, dieses scheußlichen kleinen Felsensargs. Ich mochte diesen Ort nicht. Ich mochte die schwarzen, hochaufragenden Felsen nicht, die immer höher und höher zu wachsen schienen, bis sie größer als Gott wirkten. Diese Felsen schienen nur darauf zu warten, unter ihrem eigenen Gewicht nachzugeben, in die schmale, von Finsternis erfüllte Bucht zusammenzustürzen und die Lunglance wie eine Wanze zwischen zwei Ziegelsteinen zu zerquetschen. Ich mochte die Kälte und die Stille nicht.

Ich beschloß, nach unten zu gehen und die letzte Mahlzeit des Tages in Angriff zu nehmen. Als ich mich zum Gehen wandte, blickte ich über die Reling.

Die Dunkelheit war mit Hunderten kleiner roter Funken gesprenkelt - die Reflexion des Laternenlichts in den Facettenaugen einer unglaublichen Menge von Staubläufern. Die Lunglance war von den kleinen Tieren eingekreist; stumm beäugten sie unsere Lampen mit der Hingabe von Motten für eine Kerze.

Dies muß ein Laichgebiet sein, dachte ich. Sie konnten sich selbst ganz flach machen und mit der Strömung in die Bucht gelangen, dann, nachdem sie sich fortgepflanzt hatten, mit dem Wind im Rücken auf dem Staub gleitend zurücklaufen.

Immer mehr tauchten vor meinen Augen auf. In jeder Richtung bedeckten sie mehrere Meter. Der erste Maat verwickelte Desperandum in ein hastiges Gespräch. Der Kapitän blickte über die Reling und zuckte die Achseln.

Die Staubläufer wurden erregter. Panik breitete sich unter den Tausenden aus, die dicht aufeinandersaßen; sie fingen an, wie Wassertropfen in einer glutheißen Bratpfanne auf und ab zu springen. Sie näherten sich der Raserei. Ich war beunruhigt. Es war gut, daß die Reling mehr als einen Meter über der Stauboberfläche war. Die spinnenartigen kleinen Ungeheuer, etwa fünfzehn Zentimeter im Durchmesser, hüpften kraftvoll empor, aber das Deck war für sie nicht erreichbar.

Dann fingen sie an, aufeinanderzuklettern; ohne Rücksicht auf das Leben ihrer Artgenossen erstickten sie die schwächeren im Staub. Der ungewohnte Stimulus des Lichts hatte sie zu einem unerklärlichen Gipfel insektenhaften Fanatismus inspiriert. Schnell hatten die ersten fünfzig, sechzig den Rand überwunden, rasten wie wahnsinnig übers Deck, drehten Kreise, fielen auf den Rücken und strampelten hektisch mit ihren stacheligen Beinen. Die Männer zogen sich abwartend zurück, als die Kreaturen sich aufs Deck ergossen. Auch ich wich zurück und kam dabei an dem Bottich mit der Anemone vorbei. Mit einer tückischen Peitschenbewegung gelang es ihr beinahe, ihre schwarzen Hakendornen in meinen Nacken zu bohren.

Langsam, ohne daß sie es selbst zu bemerken schienen, wurden die Männer in die dunkelste Zone des Decks gezwungen, hinter dem Besanmast und nahe der Luke, die zur Kajüte des Kapitäns und zum Laderaum führte.

Plötzlich sprang eines der Geschöpfe hoch und vergrub seine Kiefer in Mr. Grents Wade. Er schrie vor Schmerzen laut auf. Das war wie ein Signal: Die Männer liefen Amok, und zum trippelnden Rasseln der kleinen untertassenförmigen Füße gesellte sich das spröde Knirschen der unter den Stiefeln zerquetschten Staubläufer.

Desperandum gab Befehle. Er brüllte so laut, daß der Lautsprecher seiner Maske verzerrt quietschte: »Geht nach unten, Männer! Ich erledige das.«

Der Kapitän stürzte auf die nächste Laterne zu und löschte sie. Mit ein paar letzten rachsüchtigen Tanzschritten begannen die Männer, durch die Luke zu strömen. Desperandum steuerte, mehrere Tierchen von seinen Beinen wischend, auf die nächste Laterne zu. Hurtig trat ich auf ein halbes Dutzend unglücklicher Staubläufer und passierte geduckt die Küchenluke. Ich schlug sie hinter mir zu und ertastete mir meinen Weg die Treppe hinab zum Lichtschalter.

Auf dem Küchenboden waren zwei Staubläufer. Ich schlug sie mit einer Soßenpfanne platt und begann mit der Zubereitung des Essens.

Mr. Flack strich Salbe auf die Bisse, die die Matrosen davongetragen hatten. An diesem Abend aßen die Männer im Laderaum. Sie schliefen dort auch, da die Staubläufer keine Neigung zeigten, das Schiff zu verlassen. Alle halbe Stunde spähten wir hinaus; die Laterne zog unvermindert eine Horde lichtversessener Staubläufer an. Sie schienen entschlossen, es sich häuslich zu machen.

Der Kapitän zeigte keine Anzeichen von Besorgnis. »Sie werden ermüden, Leute«, beruhigte er die Männer, während die sich als Vorbereitung auf die Nacht in die Decken kuschelten. »Und sollte das nicht der Fall sein, werden wir sie morgen vertreiben. Wir haben eine Menge Waltran; wir gehen mit Fackeln hoch und räuchern sie aus.«

Die Aussicht darauf schien die Männer froh zu stimmen. Ich persönlich vermutete, daß das kunststoffverkleidete Deck äußerst brennbar war. Ich sah voraus, wie das Schiff in ein Flammentuch gehüllt war. Das im Laderaum aufbewahrte Wasser würde der Glimmerbucht eine großartige Blüte bescheren; aber niemand würde jemals etwas davon zu Gesicht bekommen.

Aber meine Ängste waren unbegründet. Am nächsten Morgen beschämte das Licht, das durch die Einfahrt zur Bucht drang, die wenigen trüben Sterne auf unserem begrenzten Himmelsausschnitt, so daß sie ihr Antlitz verbargen, dann verwandelte es die Dunkelheit in einen schiefergrauen Schatten. Am Westrand des Kraters hinter uns zeigte sich ein Lichtfunken. Er wuchs zum Glühen an.

Die Staubläufer mochten ihr neues Heim. Sie kamen erstklassig zurecht. Zweifellos war hier jede Neuigkeit willkommen. Mit dem Anbruch des Morgens schienen sie viel ruhiger und waren sogar so großmütig, einige Matrosen an Deck zu dulden. Nachtragend waren sie nicht.

Ihre gute Laune ausnutzend, schüttete Desperandum an der Backbordseite des Schiffes, zwischen Fockmast und Großmast, einen dickflüssigen Teich aus rohem Waltran auf das Deck. Eine schwache Brise trug den Duft übers Schiff. Bald darauf kamen die Staubläufer mit knackenden Lauten heran, um dieses neue Phänomen zu untersuchen. Sie mochten es. Sie waren still, aber pantomimisch ließen sie ihre Sympathie erkennen, wateten durch das trüb-kuschelige Zeug und schlürften es mit ihren chitinbewehrten Mäulern auf. Ein paar von ihnen tanzten sogar wie Bienen.

Desperandum wartete in einiger Entfernung geduldig. In der Hand hielt er einen Pfeifenanzünder. Das Öl breitete sich langsam aus. Die Staubläufer trampelten jetzt in ihrem Drang, an den Saft zu kommen, über ihre Artgenossen; sie zeigten erneut jenen Mangel an brüderlicher Fürsorge, der ihr Markenzeichen zu sein schien. Aus allen Ecken des Schiffs stürzten sie heran.

»Gebt Walspaten aus, damit die Männer sich um mögliche Überlebende kümmern können«, sagte Desperandum ruhig und zündete dabei einen Stoffetzen an. Er schleuderte ihn präzise in die Mitte des Ölteichs.

Dieser flammte donnernd auf. Die Staubläufer begannen zu quietschen: hohe Ie-ie-ie-Töne wie von einem eingerosteten Fleischwolf. Sie brannten wie Zunder. Einige explodierten sogar, und der brennende Inhalt ihrer Mägen ergoß sich über ihre Brüder. Einige schafften es, über die Reling ins Meer zu springen, wo sie, eine Feuerspur hinter sich herziehend, über die Oberfläche rasten.

Die Männer fingen an, die übrigen Tiere mit der flachen Seite ihrer Walspaten zu töten. Jeder zerquetschte Staubläufer hinterließ einen schwelenden Fleck auf dem Deck. Der Kunststoff unter der Öllache schmolz ein wenig; verkohlte Fetzen der Tierkörper steckten in dem sich abkühlenden Material, aber es hatte kein Feuer gefangen.

Die letzten quiekenden Schreie wurden urplötzlich von den zermahlenden Spaten beendet.

»Gute Arbeit, Männer«, lobte Kapitän Desperandum. Er war ganz und voll Zufriedenheit. »Lichtet Anker. Schwingt euch hurtig hoch und setzt die Segel! Laßt sie von Wanten und Stagen flattern!«

Das taten die Männer. Ich machte mich auf den Weg nach unten, um das Mittagessen vorzubereiten, als ich es hörte. Ie-ie-ie-ie.

Von Osten, aus der trockenen, toten Finsternis am Fuß der staubausgespülten Felsen, kam eine erstaunliche Heerschar von Staubläufern. Die zwielichtige Oberfläche der Bucht war schwarz von ihnen, Millionen, dicht an dicht, die in wilder Bewegung auf die Lunglance zurasten. Die blauen Winde würden uns niemals rechtzeitig davontreiben können. Das scheußliche Ungeziefer bewegte sich so schnell, daß die Untertassenfüße Staubwolken aufwirbelten.

Sie bewegten sich wie eine Million aufgezogener mechanischer Kakerlaken.

Desperandum ging in aller Ruhe zum Heck, um die herannahende Horde zu beobachten. In diesem Augenblick tauchte die Sonne auf und stieg langsam über den Horizont der Bucht. Die Wirkung des Sonnenlichts war unermeßlich aufmunternd. Die Bucht war heller, freundlicher und erinnerte nicht mehr an offene Gräber, verlassene Bergwerkstollen und ähnlich unerfreuliche Aufenthaltsorte. Die Staubläufer wurden von einer entnervenden Drohung zu einer bloßen Reizung.

»Geht nach unten und holt mir ein Faß Öl«, befahl Desperandum. Drei der Männer, darunter Murphig, eilten unter Deck und waren bald darauf zurück. Sie stöhnten unter ihrer elfenbeinernen Last. Desperandum hob das Faß hoch und hielt es wie eine Tasche unter einem Arm, während er auf die Reling zutrat. Er berührte die Arretierung mit einem Fuß und klappte ein Stück der Reling herunter. Die Staubläufer kamen jetzt schnell heran. Sie zeigten keine Furcht vor dem plötzlichen Sonnenlicht. Ihre Facettenaugen glitzerten wie billige Imitationen von Rubinen.

Desperandum streifte die wasserdichte Walhauthülle von dem Faß und begann damit, das Öl in einem dicken Strom über Bord zu gießen. Da er noch nie Waltran auf Staub gegossen hatte, war er sich über die besonderen Eigenschaften des Stoffes nicht im klaren. Es breitete sich nicht, wie er erwartet hatte, als entflammbare dünne Haut aus. Statt dessen saugte das Öl den Staub auf, wurde zu einem dicken schwarzen Klumpen und versank wie ein Stein.

Wegen seiner Staubmaske konnte ich Desperandums Gesichtsausdruck nicht erkennen, aber ich nahm an, daß er völlig verblüfft war. Die Tiere hatten uns jetzt fast erreicht; ihre rostigen Quietschlaute waren ohrenbetäubend.

Desperandum setzte das Faß ab. »Geht nach unten!« schrie er. Eine Sekunde lang standen die Männer benommen herum, dann hasteten sie auf die Luken zu.

Inzwischen hatten die Staubläufer uns völlig umzingelt. In ihrem Eifer, an Deck zu kommen, stiegen sie übereinander. Es waren nicht so viele, wie ich anfangs gedacht hatte. Vielleicht war es gerade eine Million dieser Wesen. Sie veranstalteten immer noch einen entnervenden Lärm - er wirkte so wie Metallfeilen, die über die eigenen Zähne kratzten -, während sie damit begannen, unterhalb der Reling auszuschwärmen. Das Schiff war immer noch in Bewegung, und das bereitete ihnen einige Schwierigkeiten. Desperandum versuchte, seine Anemone zu retten. Doch sie schien sich nicht retten lassen zu wollen und hielt ihn mit ihren zuckenden Tentakeln auf Distanz. Diese hatten die gleiche Wirkung wie Selbstmorddrohungen.

Einen weiteren Tag zusammengekrümmt im Laderaum zu verbringen war mehr, als ich ertragen konnte. Ich hatte das Sonnenlicht genossen. Nullaquas Sonne, gewöhnlich von bläulicher Färbung, die ich vom ästhetischen Standpunkt aus bei einem Stern für unnütz hielt, hatte noch nie so schön ausgesehen. Außerdem war Dalusa auf Erkundungsflug, und ich wollte auf sie warten. Als die übrigen Besatzungsmitglieder sich durch die Luke drückten, stieg ich also energiegeladen in die Wanten, bis mein Kopf sich in Höhe der Rahe des Großsegels befand.

Desperandum spielte noch immer mit seinen Tierchen herum. Jetzt war er von beiden Luken im Mittelrumpf abgeschnitten. Und was das Schlimmste war: Seine Schützlinge benötigten seine Hilfe gar nicht, wie ich anhand der sechzehn ausgesaugten Staubläuferleichen schließen konnte, die ich an diesem Morgen neben dem Glasbottich gefunden hatte.

Desperandum war umzingelt. Plötzlich streckte der treue Flack seinen maskierten Kopf aus der Kombüsenluke. »Käpt'n! Käpt'n! Hierher!« schrie er, aber seine Stimme war über dem unerträglichen Quietschen kaum hörbar. Trotzdem blickte Desperandum auf.

Irgend etwas pochte sanft gegen den Rumpf des Schiffs.

Das Quietschen hörte auf, war urplötzlich wie abgeschnitten. Meine Ohren schrillten infolge der unerwarteten Stille. Wie ein einziger Körper sprangen die Staubläufer an der Steuerbordseite vom Schiff und glitten mit rasender Geschwindigkeit in furchtsamer Lautlosigkeit über den Staub.

Das war eines der ungewöhnlichsten Dinge, die ich je gesehen hatte.

Und dann kam etwas, das es zur Bedeutungslosigkeit verblassen ließ.

Über die Backbordreling kam ein gewaltiger, spitz zulaufender Schlauch von der Größe eines jungen Baumstammes, gespickt mit Dornen, die mindestens fünfzehn Zentimeter Durchmesser hatten. Dem Schlauch folgten die übrigen träge sich windenden Tentakel, schwarze, dornige Scheußlichkeiten, dick genug für Kanalrohre. Ich hatte keinen sehr guten Blick auf sie, da ich zu beschäftigt damit war, in panischer Angst die Wanten hochzusteigen.

Als ich wieder zu Atem gekommen war, hatte die neue Anemone sich zwischen Großmast und Besanmast bequem niedergelassen und zeigte alle Anzeichen von Bereitschaft, ihren Aufenthalt zum Dauerzustand zu machen.

Es handelte sich um ein voll ausgewachsenes Exemplar, wie ich aus meiner reichlich wackligen Position auf der unteren Brahmrahe bemerkte. Seine Tentakel waren gut acht Meter lang, der tonnenförmige Körper vielleicht einen Meter zwanzig hoch, ein wenig niemals eineinhalb Meter, wenn man die mächtige, fast farblose Rosette mitzählte. Die Anemone sah fett und glücklich aus und erinnerte irgendwie an einen wohlgenährten Nullaquaner. Sie hatte sieben Tentakel; der achte war offensichtlich bei einem Unfall in den Kinderjahren abgefressen worden.

Mit schlaffen Bewegungen legte das Geschöpf drei seiner Tentakel über die Rahen der Marssegel und die Hauptbrassen, so wie Weinranken sich um die Drähte eines Spaliers winden. Die inneren und äußeren Verspannungen der Rahe unter meinen Füßen summten unter der Anspannung. Ich verließ sie auf der Stelle und machte mich zum Krähennest auf.

Ein umhertastendes Tentakel fand den Großmast und zerrte an ihm. Das ganze Ding rüttelte; ich klammerte mich mit verkrampften Fingern an die Webeleine.

Einen Moment lang hatte ich die Vorstellung, die Anemone sei gekommen, um ihren gefangenen Nachkommen zu befreien. Aber dieser Gedanke wurde einige Sekunden später weggewischt, als die Anemone den Glasbottich mit der nachlässigen Bewegung eines Arms vom Tisch warf. Krachend und klirrend schlug er auf dem Deck auf.

Das schwere Eisengitter hatte zwei Tentakel der jungen Anemone zerquetscht, und in ihrem röhrenförmigen Körper steckte eine Glasscherbe. Mit verkrüppelter Schwerfälligkeit zog sie sich übers Deck.

Irgendwie spürte die große Anemone Bewegung. Mit unbeirrbarer Genauigkeit hob sie ihren jungen Verwandten vom Deck hoch und kostete ihn mit einem sauberen Stich direkt über dem Saugfuß. Sie fand Kannibalismus wohl nicht sonderlich reizvoll und ließ ihr Opfer mit völliger Interesselosigkeit auf das Deck fallen. Schwer, vielleicht tödlich verletzt, kroch die junge Anemone mühsam zur Reling, eine Bahn gelblicher Flüssigkeit absondernd. Sie fiel über Bord und versank ohne jede Spur.

Die Situation war kritisch. Einer der langen dornigen Tentakel der Anemone lag genau auf der Kombüsenluke. Ein zweiter befand sich ganz nah bei der Ruderpinne. Es würde schwierig werden, den Kurs zu wechseln. Und was das Schlimmste war, in etwa einer Stunde würden wir auf ein tückisch aussehendes schroffes Vorgebirge krachen, das genau vor unserem Bug lag. Wir mußten auf einen anderen Kurs gehen.

Jetzt schwang die Luke zur Kapitänskajüte auf, und ein halbes Dutzend Besatzungsmitglieder kamen herauf, um Desperandum Beistand zu leisten. Einer von ihnen war Flack, der erste Maat. Er und Desperandum berieten sich hastig. Desperandum schüttelte den Kopf. Seine Ablehnung war offensichtlich. Er hatte die Verletzung seines Ex-Gefangenen gesehen, möglicherweise war das ledrige Ungeheuer das letzte seiner Art. Ihm sollte kein Schaden zugefügt werden.

Die Anemone war jetzt ganz ruhig. Drei Tentakel waren um die Brassen geklammert, vier erstreckten sich steif übers Deck. Wenn sie sich ganz streckte, könnte sie vielleicht die Luke zur Kapitänskajüte erreichen, aber anscheinend war sie eingeschlafen. Das Fehlen der tragenden Staubschicht schien sie nicht zu stören. Ich blickte nach Norden. Eine dünne Staubwolke markierte den Weg der Staubläufer, die immer noch auf dem Rückzug waren. Dahinter enthüllte das helle Sonnenlicht eine durch die Entfernung geschrumpfte Gestalt, die auf uns zuflog. Dalusa.

Ich fühlte mich sehr unbehaglich in der Takelage und beschloß, sehr, sehr vorsichtig hinabzuklettern, solange die Anemone noch ruhig war.

Inzwischen hatte der größte Teil der Besatzung sich um Desperandum geschart. Er diskutierte mit seinen Maaten immer noch die anzuwendende Taktik. Die Crew stand erstaunt dabei. Drei Matrosen umklammerten nervös ihren Walspaten, Blackburn hielt eine seiner Harpunen. Ich begann, behutsam die Webeleine hinabzuklettern. Die Anemone verriet durch kein Anzeichen, daß sie mich bemerkte.

Ich hatte fast eine Höhe erreicht, von der aus ich mich auf das Deck fallen lassen konnte, als Desperandum mich sah.

»Newhouse!« schrie er. Sein Schrei alarmierte uns beide, aber die Anemone reagierte schneller. Ein Tentakel schwang wie der Ausleger eines Krans vom Deck direkt auf mich zu. Ich weiß nicht, wie ich es schaffte, aber Sekunden später fand ich mich in wackliger Stellung auf dem Fußtau der unteren Fockrahe, die von den Tauen verbrannten Hände um die Verspannung geklammert, um mein Gleichgewicht zu halten.

»Passen Sie auf, wo Sie hintreten, Newhouse«, warnte Desperandum mit lauter Stimme. »Sie hätten das Tier vergiften können!«

Die Seefahreretikette hätte meine Erwiderung nicht unterdrücken können, aber ich hatte die Maske noch auf. Mein Zittern bekam ich schnell unter Kontrolle. »Wenn Sie schon da oben sind, Newhouse, fangen Sie schon mal an, die Segel zu reffen. Wir müssen unsere Geschwindigkeit mindern, sonst treffen wir auf die Felsen.«

Aggressionen zwischen verschiedenen Spezies waren mir fremd, aber ich konnte mir eine Menge einfacherer Lösungen unseres Problems vorstellen. Ich reffte die Segel ziemlich stümperhaft, aber meine Bemühungen brachten sowieso nicht viel, da ich nur vier Segel erreichen konnte - und die Lunglance hatte zwanzig.

Dalusa flatterte näher heran. Sie flog ziemlich tief und wurde daher beinahe von einem tückisch zuckenden Tentakel gepackt. Mein Herz sprang mir bis in den Mund. Mühsam schluckte ich und versetzte es wieder in seine normale anatomische Position. Menschliches Blut, so sagt man, sollte Anemonen töten. Ich nahm das für bare Münze, wenn ich auch nicht begierig darauf war, es auszuprobieren. Aber Dalusas Blut war anders. Sie könnte sogar für nullaquanische Haie tödlich sein, deren Hochleistungs-Verdauungssysteme aus Menschen Horsd'oeuvres machten. Andererseits könnte die Anemone sie ausgesprochen reizvoll finden, wie dies ja auch bei mir der Fall war.

Die Anemone schien erregt zu sein. Nicht oft erhielt sie die Chance auf einen Appetithappen wie Dalusa, und die verpatzte Gelegenheit mußte sie geärgert haben. Ziemlich mißmutig, so fand ich, legte sie zwei ihrer Tentakel um die Großsegelrahe und riß sie mit einem heftigen Krachen los. Ein weiterer Tentakel packte den Tisch der jungen Anemone, zerrte ihn vom Deck los und schleuderte ihn fort. Die Männer spritzten auseinander, und die Anemone, die die Bewegung spürte, griff nach ihnen. Ihre Arme streckten sich über eine erstaunliche Entfernung aus und reichten so nahe an die Luke heran, daß die Männer diesen Fluchtweg aufgaben und mit bravouröser Behendigkeit in die Takelage hüpften.

Während die Anemone abgelenkt war, rutschte ich, ohne auf meine verletzten Hände zu achten, die Webeleine hinab und eilte geduckt durch die Luke zur Küche. Und das gerade noch rechtzeitig, denn als ich die Luke hinter mir schloß, sauste ein Tentakel mit solcher Wucht auf sie herab, daß sich ein Dorn mit schrecklichem Krachen durch das dünne Metall bohrte.

Ich lief durch den Laderaum zum Speiseraum des Kapitäns. Desperandum saß, von seinen Männern umringt, auf dem Tisch. Er bog sich unter seinem Gewicht.

»Mit Feuer würde es gehen. Mit Harpunen könnten wir kurzen Prozeß machen. Es zu töten ist kein Problem, es ist unserer Gnade ausgeliefert. Was ich will, ist irgendein Weg, das Tier zu lähmen.«

Die Matrosen blickten ihn starr an. Ich zog meine Staubmaske ab.

»Ich glaube, fünf Männer könnten es in ein Segel einhüllen und es vollständig unter Kontrolle haben. Meldet sich jemand freiwillig?«

Ich hob meine Hand, um den Schweiß von meiner Stirn zu wischen.

»Sie nicht, Newhouse, Sie brauche ich als Koch.« Er sah mich freundlich an, seine kleinen, von Runzeln umgebenen Falten von Anerkennung erfüllt. »Sonst keine Freiwilligen?«

Ich schaltete mich ein, ehe der Rest der Mannschaft durch die Enthüllung ihrer vernünftigen Einstellung in Verlegenheit gebracht wurde.

»Käpt'n, ich hab' da eine Idee.«

»Und die lautet?«

»Wir könnten das Geschöpf narkotisieren. Eine minimale Dosis menschlichen Bluts müßte seine Widerstandsfähigkeit schwächen.«

»Narkotisieren?«

»Jawohl, Käpt'n, narkotisieren.« Er wirkte so verblüfft, daß ich fortfuhr: »Narkotika. Fremde Stoffe, die in den Blutkreislauf eingegeben werden.«

»Ich kenne die Bedeutung des Wortes. Ja, das hört sich brauchbar an. Matrose Calothrick, holen Sie eine Schüssel. Ich wollte das ohnehin aufschneiden lassen, und das scheint der passende Zeitpunkt zu sein.«

Calothrick hatte immer noch seine Staubmaske auf, zweifellos um seine vom Flackern verzückten Gesichtszüge zu verstecken. Als er mit einer Schüssel zurückkam, hatte Desperandum den Ärmel seines weißen Hemds hochgerollt und einen langen, fleckigen Verband von seinem Arm gewickelt. Der Zustand der Entzündung an diesem einen Arm hätte zwei oder drei weniger robuste Männer zu Bett gezwungen. Flack, eine Lanzette in der Hand, starrte auf die Wunde und dann auf den Kapitän, als erwartete er, daß dieser auf der Stelle tot zu Boden fiele. Doch Desperandum wollte nicht zusammenbrechen, und schließlich nahm Flack eine Punktion vor. Das konnte ich daran erkennen, daß die Männer scharf den Atem einsogen. Ich hatte meine Augen abgewandt; Entzündungen widerten mich an.

Als diese Prozedur vorbei war, goß Desperandum die ekelhafte Flüssigkeit in einen dünnen Kunststoffbeutel und verschnürte ihn mit einer Drahtschlinge.

»Ich werde Dalusa beauftragen, über das Tier herzufliegen und es von oben zu bombardieren«, sagte er. »Dieser blumenähnliche Auswuchs, den es hat, sieht verwundbar aus, meinen Sie nicht auch, Mr. Flack?«

Flack erwiderte: »Jawohl, Sir. Haben Sie Fieber?«

»Wenn ich ärztliche Hilfe brauche, werde ich Sie anfordern. Frische Verbände!«

»Die Wunde braucht Luft, Sir.«

»Ich will keinen Staub darauf. Außerdem würde mein Ärmel festkleben.« Das traf zweifellos zu. »Öffnen Sie die Luke ein wenig, Matrose. Bewegung!«

Der Mann, der der Luke am nächsten war, öffnete sie einen kleinen Spalt.

»Spähen Sie hinaus. Sehen Sie einen der Tentakel in der Nähe?«

»Nein, Sir, ich …«

Im gleichen Moment wurde die Luke von außen zugeschlagen. Sie traf den Matrosen am Kopf, so daß er besinnungslos drei Stufen hinunterstürzte, direkt in die Arme Murphigs.

Ich schaute zur Luke hoch. Es waren keine Löcher in ihr. Ein Glück für den betäubten Matrosen, denn er war soeben einer schnellen Trepanierung entgangen.

»Damit wäre das also beantwortet«, sagte Desperandum. »Die Anemone hat ihre Position gewechselt. Sie kann nicht beide Luken gleichzeitig erreichen. Mr. Bogunheim, gehen Sie zur Kombüsenluke und rufen Sie den Ausguckposten herein!«

»Nehmen Sie Ihre Maske«, warf ich ein. »Die Anemone hat ein Loch durch die Luke gebohrt, als ich geflüchtet bin.« Das staubabweisende elektrostatische Feld schaltete sich automatisch aus, sobald die Luke geschlossen war, und zweifellos sickerte auch jetzt noch Staub in die Luft im Schiffsrumpf herab.

Kurz darauf kam Bogunheim zusammen mit Dalusa zurück. Ziemlich verblüfft starrte sie auf die am Boden liegende Gestalt des betäubten Matrosen, um den Flack sich inzwischen kümmerte.

»Hier«, sagte Desperandum, als er ihr den schwarzen Beutel voll Blut gab. »Ich möchte, daß Sie über die Anemone fliegen und sie damit bombardieren. Versuchen Sie, genau zu zielen, Dalusa!«

»Was ist da drin?« fragte Dalusa, den Beutel hin und her schüttelnd.

»Wasser«, erwiderte Desperandum. Er log so überzeugend, daß auch ich fast darauf hereingefallen wäre. »Haben Sie die letzte Position des Tieres in bezug auf die Luken festgestellt, als Sie in der Luft waren?«

»Ja, Käpt'n. Es hatte drei seiner Arme an dieser Luke …« Mit einem dramatischen Flügelschwung wies sie darauf, »… aber die andere war unbewacht.«

»Gut. Wir werden die Männer mit Spaten und Netzen ausrüsten. Durch die Kombüsenluke gehen wir raus und umzingeln das Tier. Alle Aktionen haben sich auf strikte Selbstverteidigung zu beschränken und werden der Anemone so wenig Schaden wie möglich zufügen. Versucht, euch nicht von ihr packen zu lassen. Denkt daran, daß euer Blut das Wesen vergiftet.«

Die Männer schienen diesem Befehl unbedingt gehorchen zu wollen.

Mit einem Spaten bewaffnet ging ich neben Calothrick aufs Deck hoch. In einer verzweifelten Lage, so dachte ich, wäre es einfacher, das Ungeheuer zu töten, indem ich es mit Calothrick fütterte, als es mit dem Spaten totzuschlagen. Jedes Geschöpf mit einer so einfachen Körperstruktur, wie die Anemone sie hatte, wäre schwer zu töten.

Ich hoffte inständig, daß das Blut in Desperandums Beutel eine Überdosis war. Das Gift täte seine Wirkung, solange Dalusa Desperandums Lüge glaubte und ihren Auftrag ausführte.

Ich fragte mich, ob sie drinnen das Blut gerochen hatte, als sie ohne Maske war. Ich hatte mich nie nach der Schärfe ihres Geruchssinns erkundigt. Was würde sie tun, wenn sie wußte, daß es sich um Blut handelte? Würde sie darin baden und sich dadurch die Haut verätzen, oder würde sie vielleicht trinken, ihre Kehle versengen und sich den fast sicheren Tod durch bakterielle Verseuchung holen?

Aber das war jetzt alles nebensächlich. Dalusa stieg auf straffen fledermauspelzigen Schwingen schnell empor und ließ den Beutel fallen; er traf mit einem scheußlichen Klatschen genau auf den rosenförmigen Auswuchs des Körpers, von dem die Tentakel ausgingen.

Die Anemone bewegte ihre Arme unschlüssig, während ein schleimiger Klumpen gerinnenden Bluts ihren Körper herablief. Dann übergab sie sich, wobei sie eine dickliche, gelbe Brühe aus den Hohlspitzen ihrer Dornenschnäbel ausstieß. Der zähe Saft trat mit scheußlich schlürfenden Lauten aus; die widerlichen Geräusche währten etwa fünf Sekunden.

Dann hörte die Anemone zu würgen auf, schlug mit den Armen und bespritzte die Mannschaft mit dem Schleim. Ein Klumpen flog haarscharf an meinem Kopf vorbei. Die meisten Besatzungsmitglieder wurden jedoch getroffen, denn sie hatten sich dem Untier mit bewundernswertem Mut genähert. Durch das schleimige Sperrfeuer aus der Fassung gebracht, zogen sich die Männer verwirrt zurück. Die Anemone löste sich vom Deck, warf vier Tentakel aus und schleppte sich wie wahnsinnig durch eine Gruppe der Seeleute. Ein aufmerksamer Matrose warf ein Netz über die Kreatur; sie ließ es prompt mitgehen, als sie über Bord glitt, um unter der Stauboberfläche zu verschwinden.

Zwei ihrer Atemsiphos tauchten etwa zehn Meter neben dem Schiff auf und bliesen Staubwolken hoch.

Desperandum wischte sich den verspritzten Schleim von den Linsen seiner Staubmaske und blickte über die Reling. »Sehr gut! Wir können ihrer Spur noch folgen!« schrie er. »Ausguck!«

Dalusa war verschwunden.

»Ausguck! Dalusa! Wo ist dieses Weib?«

Plötzlich ein metallenes Knirschen und Kreischen. Die Wucht des Zusammenstoßes warf mich zu Boden. Direkt neben einem Spritzer des Mageninhalts der Anemone überschlug ich mich.

»Hart Steuerbord!« bellte Desperandum. »Untiefen!«

Die Felsen unterhalb der Oberfläche mußten durch Erosion abgeschliffen worden sein, denn sonst hätten sie ein Loch durch unseren Steuerbordrumpf gebohrt. Wie es sich herausstellte, war er nur etwas eingedrückt, und wir schafften es, bis zum Sonnenuntergang die Mitte der Bucht zu erreichen. Die Sonne ging hier früh unter, kurz vor ein Uhr. Erneut war der Strahl, der durch die Einfahrt zur Bucht fiel, unsere einzige Lichtquelle.

Kurz darauf klagten achtzehn unserer sechsundzwanzig Besatzungsmitglieder, einschließlich des Kapitäns, über Brechreiz. Mr. Flack brauchte nicht sehr lange, um festzustellen, daß der Grund der Erkrankung irgendein Mikroorganismus der Anemone war. Überall, wo der Mageninhalt des Tiers verspritzt worden war, bildeten sich auf der Haut der Männer scharlachrote Beulen. Jene, die es am schlimmsten erwischt hatte, bekamen Fieber. Keiner der kranken Männer zeigte Appetit auf das Abendessen.

Außer Kapitän Desperandum. Da Meggle erkrankt war, brachte ich die Mahlzeit der Offiziere selbst hinein, nachdem ich der übriggebliebenen Crew geholfen hatte, das Deck zu säubern. Desperandum hatte es nicht sonderlich schlimm erwischt. Nur die Finger seiner rechten Hand, mit der er die beschmierten Linsen seiner Staubmaske saubergewischt hatte, waren mit Ausschlag bedeckt.

Als ich die Schüssel hereinbrachte, sprach Desperandum gerade mit Flack. Flack war bis zu der Hüfte entblößt; der Ausschlag sprenkelte seine Brust dort, wo der giftige Stoff durch sein dünnes Hemd gedrungen war. Sein Gesicht war gerötet, aber das Pflichtbewußtsein des Arztes hielt ihn auf den Beinen, auch in einer Situation, in der ein empfindlicher Mann sich betrunken hätte und zu Bett gegangen wäre.

»Ich hab' Gerüchte über eine Allergie gehört, die mit Anemonen zu tun hat«, sagte Flack. »Wenn sie in einer Woche oder so verschwindet, werden wir wieder gesund. Ich bin allerdings nicht ausgebildet, vergessene Krankheiten zu behandeln. Anemonen sind schon seit dreihundert Jahren nicht mehr Überträger einer Krankheit gewesen. Aber in Ausdauer gibt es Aufzeichnungen und besser ausgebildetes Personal. Ich meine, wir sollten dorthin segeln, und zwar schnell.«

Ich hob den Deckel von der Krabben-Kasserolle. Dampf stieg auf; Flacks Gesicht verfärbte sich ins Grünliche. Es war eines von Kapitäns Desperandums Lieblingsgerichten, aber er steckte die Kelle mit bemerkenswertem Mangel an Begeisterung hinein und reichte die Schüssel an Mr. Grent weiter. Bogunheim war auch krank und mit den Männern an Deck, aber Grent hatte wie ich Glück gehabt.

»Einverstanden«, sagte Desperandum, während er mit der linken Hand eine Gabel aufnahm. »Wir können die Gesundheit der Besatzung nicht aufs Spiel setzen. Eine bittere Enttäuschung für mich, ich hatte eigentlich vorgehabt, eine vollständige Untersuchung durchzuführen. Aber Untiefen, die Krankheit und die Bedrohung durch die Staubläufer … Ich werde später einmal zurückkommen. Schon bald.« Desperandum hob einen Bissen an seine Lippen und schluckte ihn unter Schwierigkeiten herunter.

Flack schloß die Augen. »Sir«, sagte er mit dünner Stimme. »Wenn wir Ausdauer erreichen, sollte sich der ärztliche Klerus Ihren Arm ansehen. Solche Sachen können sich in einem Mann festsetzen, Sir …«

Desperandum sah verärgert drein. Er zwang sich noch einen Mundvoll von der Kasserolle hinein. »Sie sind ein prächtiger Schiffsarzt«, sagte er, nachdem er wieder zu Atem gekommen war. »Aber Sie müssen sich darüber im klaren sein, daß meine eigenen medizinischen Kenntnisse umfassend sind, und ich bin in einer Kultur ausgebildet worden, deren medizinische Technologie der Ihren einige Jahrhunderte voraus ist. Wie Sie sehen, ist es nur eine Frage des Willens, wie man den Körper lehrt zu gehorchen. Mit den Jahren habe ich einige Erfolge erzielt. Vielleicht möchten Sie etwas essen.«

Flack schauderte. »Nein, Sir. Wenn Sie mich entschuldigen wollen …«

»Aber sicher, Flack. Ich vergaß, daß Sie ein kranker Mann sind.« Desperandum aß immer noch, als ich hinausging.

Dalusa war nicht in der Küche. Statt dessen fand ich Calothrick dort; auf der Suche nach meinem privaten FlackerVorrat durchstöberte er die Schränke.

»Hast du schon wieder nichts mehr?« fragte ich.

Calothrick fuhr hoch, wandte sich um und grinste nervös. »So ist es.«

»Ich dachte, du wärst krank. Du müßtest flach auf dem Deck liegen.«

»Jaa, ach so … jaja …« murmelte Calothrick. Ich konnte beinahe das Einrasten des Getriebes in seinem Kopf hören, als er sich entschloß, die Wahrheit zu sagen. »Ich bin getroffen worden, klar, und ich habe den Ausschlag auf dem Arm gekriegt. Aber nachdem ich einen Schuß Flackern genommen habe, ging es weg, und ich mußte die Stelle reiben, damit er zurückkehrte. Siehst du das?« Er hielt seinen dünnen sommersprossigen Arm ausgestreckt. Der Hautausschlag sah für mich nicht sehr überzeugend aus, aber Flack würde das wahrscheinlich der Tatsache zuschreiben, daß Calothrick ein Außenweltler war.

»Du hast dich also an Deck entspannt, während die übrigen Gesundgebliebenen Überstunden machen.«

»Würdest du es nicht genauso machen? Teufel, gib mir 'ne Chance.«

Das war eine schwierige Frage.

»Außerdem hat jeder gesehen, wie mich der erste Spritzer erwischt hat. Wenn ich zu früh wieder auf den Beinen wäre, würden sie mißtrauisch.«

Ich nickte. »Ein guter Hinweis. Außer, daß dein Aufstehen doppelt verdächtig ist. Geh zurück an Deck, ehe Murphig bemerkt, daß du fehlst.«

»Er wird glauben, ich sei unten an der Wiedergewinnungsanlage und kotze«, sagte Calothrick. »Außerdem ist er mit der Arbeit zu beschäftigt, um mir viel Aufmerksamkeit zu widmen.«

»Murphig ist gesund?« fragte ich. »Ich dachte, ich hätte gesehen, wie ihn das Zeug am Bein traf.«

»Nein, er … ich bin nicht sicher, ob es ihn erwischt hat, wenn ich darüber nachdenke. Aah, da haben wir's ja.« Calothrick lebte auf, als er eine Kanne Flackern herauszog und an ihr schnüffelte. Er nahm eine beängstigende Dosis und zog dann einen Kunststoffbehälter aus seinen weiten Seemannshosen. Er war mit elastischen Bändern an seiner mageren Wade befestigt. Er fing an, ihn mit Flackern zu füllen.

»Ich habe es gesehen«, sagte ich. »Er ist getroffen worden. Ist dir klar, was das bedeutet? Murphig hat die Flasche mit Flackern, die gestohlene. Er hat sich selbst geheilt!«

»Murphig - einer von uns?« sagte Calothrick ungläubig. »Unmöglich. Der ist viel zu trottelig.« Plötzlich lief der Behälter über. »Paß auf!« sagte ich. Hastig setzte Calothrick die Kanne ab und starrte auf die Tropfen auf der kunststoffbeschichteten Anrichte.

»Aber er ist kein Idiot; er würde tun, was du auch tust - es verschleiern. Es muß eine andere Erklärung geben.«

Calothrick befestigte den Behälter wieder an seinem Bein. Das Flackern schien nicht die gleiche Wirkung wie gewöhnlich auf ihn zu haben. Inzwischen war ein Schuß dieser Menge gerade genug, um ihn aufrecht zu halten. »Ich bin schrecklich hungrig, Mann«, klagte er. »Hast du was zu essen?«

»Geh an Deck zurück und versuche, geschwächt auszusehen«, sagte ich. »Der Hunger wird dir dabei helfen.«

»Ach, tausend Dank«, sagte Calothrick eingeschnappt. Dann beugte er sich vor und leckte mit seiner breiten Spachtelzunge die Flackerpfütze von der Anrichte.

Er war kaum gegangen, als Murphig in die Küche kam. Er zog seine Maske ab; wir beäugten uns vorsichtig.

»Sie sehen gut aus«, sagte er schließlich.

»Genau wie Sie.«

»Ich dachte, ich hätte gesehen, wie Sie getroffen wurden.«

»Ich weiß, daß ich Sie gesehen habe«, erwiderte ich. »Wie geht's dem Bein?«

»Nicht schlimmer als Ihrem Hals.«

»Hören Sie zu, Murphig«, sagte ich geduldig, »was wollen Sie eigentlich? Ist das Essen nicht nach Ihrem Geschmack?«

»Hören wir auf, um den heißen Brei herumzureden, Newhouse«, sagte Murphig. (Zeigten seine Pupillen nicht einen schwachen gelben Schatten? Nein.) »Sie sind getroffen worden, und ich bin getroffen worden, und keiner von uns ist krank. Prima. Also wissen Sie, daß es psychosomatisch ist. Wollen Sie es dem Kapitän erzählen?«

Ich schwieg verwirrt.

»Wenn Desperandum es herausfindet, wird er uns in dieser Einöde festhalten, bis uns etwas bei lebendigem Leib auffrißt«, sagte Murphig ängstlich. »Wir verstoßen gegen die Gebräuche, indem wir hierherkommen. Wir flehen unseren Tod herbei, verstehen Sie? Das ist ihr Jagdgebiet. Die Männer wissen es. Selbst Desperandum weiß es, innen drin, sonst wäre er nicht krank. Wir drehen durch … schnappen über. Je länger wir hierbleiben, desto schlimmer wird es den Männern gehen.«

Er schien eine Antwort zu erwarten. Ich nickte.

»Sogar Ihre kleine geflügelte Freundin, hmm?« sagte Murphig anzüglich. »Sie ist hier wie ein Vogel im Käfig. Sie wissen, was Vögel sind? Ja, natürlich … Ich habe gesehen, wie sie durchgedreht ist, nachdem sie die Anemone getroffen hatte; sie ist nach Osten zu den Schatten geflogen. Wenn Sie sie nicht hier rausholen, wird sie sterben. Sie haben einigen Einfluß auf den Käpt'n. Bringen Sie uns hier raus!«

»Wir kehren bereits um«, entgegnete ich. »Und Dalusa, auch wenn sie kein Wunder an Stabilität ist, ist wahrscheinlich geistig gesünder als Sie.«

Murphig dachte darüber nach. »Ja. Ich kann verstehen, wie ein Außenweltler das sehen könnte.«

»Murphig«, sagte ich, »verschwinden Sie aus meiner Küche, bevor ich mir die Krätze hole.«

»Sie und ich werden doppelte Schichten abreißen müssen, bis wir hier rauskommen und die Mannschaft genesen ist. Aber ich nehme an, Sie wissen das.«

»Raus, Murphig!«

Murphig ging.

Die kühle hinausströmende Brise an der Einmündung der Glimmerbucht stand voll auf der Lunglance; mit dem Wind direkt im Rücken erreichten wir die Mitte des Kanals. Es war ein einfaches Manöver; die Bucht schien uns ins Sonnenlicht zu geleiten. Mr. Grent hatte die Ruderpinne übernommen; unten besprachen Desperandum und ich uns in der Kajüte.

»Ich muß hier einer einstweiligen Niederlage ins Auge sehen, Newhouse«, sagte der Kapitän. »Ich kann nicht sagen, daß mir das sonderlich gefällt. Seuche oder nicht, ich würde in der Bucht das Unterste nach oben kehren, wenn ich nicht wüßte, daß ich zurückkehren werde. Aber ich werde im nächsten Jahr hier sein, das schwöre ich. Mit einem … nun, haben Sie jemals von einem Helikopter gehört?«

»Gewiß.«

»Nach dieser Fahrt werde ich einen bauen lassen - heimlich. Ich werde ihn mit Walöl antreiben; und ich brauche noch einen Mann.«

»Ich kenne das nullaquanische Gesetz nicht sehr gut, Käpt'n - aber ist das nicht illegal?«

»Warum sollte uns das aufhalten?« Das war eine gute Frage.

»Warum ein Helikopter?«

»Weil er schnell, beweglich und unverwundbar ist. Ich werde ihn mit an Bord des Schiffs nehmen - niemand wird erkennen, um was es sich handelt, denn es gibt keinen lebenden Nullaquaner, der jemals eine Flugmaschine gesehen hat. Der Energieverbrauch ist zu hoch. Aber die Lunglance wird vor der Bucht anhalten; unter dem Schutz der Dunkelheit werden wir vom Schiff fortrudern und mit der Strömung hineingelangen. Und dann, was wir brauchen … ein paar schwache Stromstöße in die Tiefe, beispielsweise, müßten die Anemonen an die Oberfläche bringen. In meinen Augen ist es eine verdammte Schande, daß ich keine Populationszählung zustande gebracht habe. Soweit wir wissen, waren diese beiden die einzigen ihrer Art, die auf dem Planeten übriggeblieben sind.«

Ich blickte über Desperandums Schulter zum Heckfenster hinaus. Hinter uns, ihre Silhouette von dem aus dem Krater hereinströmenden Licht scharf umrissen, kam Dalusa. Sie wirkte erschöpft; ihre Flügel bewegten sich langsam und mühevoll, als sei sie die ganze Nacht geflogen.

»Nur zwei Kapitän? Unwahrscheinlich. Ein befruchtetes Ei in unseren Netzen bedeutet, daß mindestens zwei erwachsene Tiere leben. Oder sind sie Hermaphroditen?«

»Nein. Aber ein eindeutiger Beweis, ein weiteres Exemplar oder authentische Augenzeugenberichte … nun, so etwas fehlt. Wir können nicht völlig sicher sein.«

Ich wies zum Fenster. »Der Ausguckposten kommt zurück.«

Desperandum blickte nach draußen. »Das ist gut. Ich werde die Heuer für die Zeit, die sie gefehlt hat, einbehalten.«

Ein juckender Fleck auf seiner Hand lenkte ihn ab. Sanft fuhr er mit einem stumpfen Finger über den entzündeten Handknöchel.

Inzwischen waren wir auf halbem Weg durch die Meerenge, und für ihre Verhältnisse bewegte sich die Lunglance mit enormer Geschwindigkeit. Hinter uns packte eine kräftige Bö Dalusa, und sie schwebte nach unten.

Ein Wald gezackter Tentakel sprang nach oben und wirbelte Staub auf, der vom Winde verweht wurde. Dalusa schlug verzweifelt mit den Flügeln; riesige Dornen fuhren an der Stelle durch die Luft, die sie gerade verlassen hatte. Als sie an Höhe gewann, versanken die Anemonen - mindestens ein Dutzend - enttäuscht im Staub.

Desperandum kratzte noch immer an seinem Knöchel herum.

»Käpt'n, haben Sie das gesehen?« fragte ich.

»Was gesehen?« erwiderte Desperandum.