1922

In M. war ich nacheinander Erdarbeiter, Handlanger in einer Fabrik, Laufbursche und Zeitungsverkäufer. Aber diese Beschäftigungen dauerten nie lange, und in immer häufigeren Zwischenräumen reihte ich mich in die große Masse der deutschen Arbeitslosen ein. Ich nächtigte in Asylen, ich versetzte meine Taschenuhr, ich lernte hungern. Im Frühjahr 1922 hatte ich unerhörtes Glück. Es gelang mir, als Handlanger beim Bau einer Brücke eingestellt zu werden, die voraussichtlich in drei Monaten fertig sein würde. Während dieser drei Monate war ich also beinahe sicher, wenn die Mark nicht noch mehr sank, mir eine dritte Mahlzeit leisten zu können. Zuerst entlud ich Sandwagen, das war eine ziemlich beschwerliche Arbeit, aber man konnte wenigstens zwischen zwei Schaufelwürfen verschnaufen. Leider versetzte man mich nach zwei Tagen an eine Betonmaschine, und von der ersten Stunde an fragte ich mich voller Angst, ob ich die Kraft besäße, es auszuhalten. Ein kleiner Wagen brachte uns den Sand und kippte ihn hinter der Maschine aus; zu viert mußten wir mit unsern Schaufeln ohne Unterbrechung eine riesige Schraube füttern, die zugleich mit dem Zement den Sand in den Mischbottich hineinzog. Die Betonmaschine drehte sich unbarmherzig, man mußte ihr unablässig Futter hinschütten, es war keine Sekunde zu verlieren; sobald das Metall der Schraube sichtbar wurde, fing der Meister an zu schimpfen. Ich hatte das scheußliche Gefühl, in ein Räderwerk geraten zu sein. Der Elektromotor brummte über unseren Köpfen, der Kamerad, der ihn bediente -ein gewisser Siebert -, nahm von Zeit zu Zeit einen Sack Zement, riß ihn auf und schüttete den Inhalt in den Trichter. Sogleich rieselte Zementstaub auf uns nieder, setzte sich an uns fest und blendete uns. Ich schaufelte unablässig, das Kreuz tat mir weh, die Beine zitterten fortwährend, und es gelang mir nicht, richtig Atem zu holen. Der Meister pfiff, und jemand sagte halblaut: "Zwölf Uhr fünf. Das Schwein hat uns wieder fünf Minuten gestohlen."
Ich warf meine Schaufel hin, machte taumelnd einige Schritte und ließ mich auf einen Kieshaufen fallen. "Es geht wohl nicht?"
sagte Siebert. "Es geht schon."
Ich holte mein Mittagbrot aus der Tasche: Brot mit ein bißchen Schmalz darauf. Ich fing an zu kauen. Ich empfand Hunger und gleichzeitig Übelkeit. Die Knie zitterten mir .

Siebert setzte sich neben mich. Er war sehr groß und mager, er hatte eine lange, spitze Nase, schmale Lippen und abstehende Ohren. "Siebert", hörte ich eine Stimme, "du mußt dem Meister sagen, daß Mittag um zwölf Uhr ist."
"Ja, ja, 'Zitronenschale"', sagte Siebert grinsend. Sie sprachen ganz in meiner Nähe, aber ihre Stimmen klangen sehr entfernt. "Das Schwein wird seine Uhr herausziehen und sagen: 'Genau zwölf Uhr, mein Herr'."
Ich blickte auf. Die Sonne trat aus einer Wolke hervor und beleuchtete die Betonmaschine, die ein paar Schritte hinter mir stand. Sie war ganz neu, hellrot angestrichen. Neben ihr stand eine Lore auf Schienen. Davor waren Schaufeln in den Sand gestoßen. Auf der anderen Seite der Betonmaschine erhob sich das Förderband, das den frischen Beton bis zur Brücke beförderte. Mir war übel, ich hatte Ohrensausen, ich sah alles verschwommen und verzerrt, während ich mein Brot kaute. Plötzlich fühlte ich Angst aufsteigen, ich senkte die Augen, es war zu spät; der Wagen, die Betonmaschine, die Schaufeln waren lächerlich klein geworden, wie Spielzeug, sie fingen an, mit einer tollen Geschwindigkeit in das Nichts zurückzuweichen; eine schwindelnde Leere tat sich auf, vor mir und hinter mir war alles leer, und in dem Leeren lag Erwartung, als ob etwas Furchtbares hereinbrechen wollte, das viel schrecklicher war als der Tod. Eine Stimme traf mein Ohr, ich sah meine Hände. Sie waren fest geschlossen, mein linker Daumen rieb den rechten in seiner ganzen Länge, ich blickte darauf hin, ich fing an, leise zu zählen: "Eins, zwei, drei, vier. ..", es war wie ein Krampf, dann löste sich alles. Rechts neben mir sah ich das große abstehende Ohr Sieberts, jemand sagte: "Donnerwetter! Weißt du, was dieses Schwein macht? vor zwölf stellt er seine Uhr fünf Minuten zurück. Warum sagst du ihm das nicht?"
Die Stimme drang wie durch dichte Lagen Baumwolle zu mir, aber es war eine Stimme, ich verstand, was sie sagte, und hörte eifrig zu. "Ach, wenn er nicht die Frau hätte und das kranke Mädchen!"
Sie saßen da, ich beobachtete sie und versuchte, mich an ihre Namen zu erinnern. Siebert, "Zitronenschale", Hugo, und der Kleine neben ihm, der blasse, braunhaarige, wie hieß er doch ? Eine heftige Übelkeit befiel mich, ich legte mich der Länge nach auf den Boden. Nach einer Weile hörte ich: "Essen mußt du, nicht wahr?"
"Ja, ja."
Ich hörte zu, ich klammerte mich an ihre Stimmen, ich hatte Angst, daß sie schweigen würden. "Der liebe Gott hätte uns Deutschen keinen Magen machen sollen."
"Oder aber einen Magen, der Sand frißt, wie die verdammte Maschine."

Jemand lachte, ich schloß die Augen und dachte: 'Der kleine Braunhaarige heißt Edmund.' Meine Knie zitterten. "Dir ist wohl nicht gut?"
Ich schlug die Augen auf. Eine lange, spitze Nase beugte sich über mich. Es war Siebert. Ich bemühte mich zu lächeln und fühlte, wie die Kruste platzte, die der Zementstaub und der Schweiß auf meinen Backen gebildet hatten. "Es geht wieder."
Und ich setzte hinzu: "Danke schön."
"Das ist gratis", sagte Siebert. "Zitronenschale"
lachte. Ich schloß wieder die Augen, ein schriller Pfiff zerriß die Luft, ein paar Sekunden verstrichen, ich kam nicht hoch, dann fühlte ich, wie mich jemand an den Schultern rüttelte. "Los, komm!"
sagte Siebert. Schwankend erhob ich mich, nahm meine Schaufel und sagte halblaut: "Ich verstehe das nicht. Ich war doch immer kräftig."
"Ach was", sagte "Zitronenschale", "das hat mit der Kraft nichts zu tun, sondern mit dem Essen. Wie lange warst du denn arbeitslos ?"
"Vier Wochen."
"Na ja, wie ich sage, es kommt aufs Essen an. Sieh doch die verdammte Maschine. Wenn du ihr nichts zu fressen gibst, funktioniert sie auch nicht. Aber die, Mensch, die wird gepflegt! Die wird gefüttert! Die ist auch Geld wert."
Siebert senkte den linken Arm, der Motor brummte, die riesige Schraube zu unseren Füßen fing an, sich langsam zu drehen. "Zitronenschale"
warf eine Schaufel voll Sand hinein. "Vorwärts!"
sagte er voller Haß. "Friß!"
"Da, alte Hure!"
sagte Edmund. "Da!"
sagte ,Zitronenschale'. "Friß! Friß!"
"Friß und krepiere!"
sagte Edmund. Es regnete Sand. Ich dachte: 'Edmund, er heißt Edmund.' Es trat Schweigen ein. Ich warf einen Blick auf "Zitronenschale". Er strich mit dem Daumenrücken über seine Stirn und schüttelte den Schweiß von der Hand ab. "Ach was", sagte er bitter, "wir werden krepieren!"
Meine Arme waren ohne Kraft. Jedesmal, wenn ich die Schaufel hob, zitterte ich. Ich empfand eine Leere, ich hörte nichts mehr und fragte mich ängstlich, ob sie wohl weitersprechen würden. "Hugo", sagte "Zitronenschale". Es war gerade so, als ob man die Nadel auf eine Grammophonplatte aufsetzte. Ich horchte, ich wollte die Stimme nicht überhören. "
Wieviel kostet so eine Betonmaschine ? "
Hugo spuckte aus. "Ich kaufe keine."
"Zweitausend Mark", rief Siebert, während er einen Sack Zement aufriß.

Der Zementstaub flog umher, hüllte uns ein, und ich mußte husten. "Und was kosten wir denn?"
sagte ,Zitronenschale'. "Das Stück?"
"Ja."
Ein Schweigen entstand. Aber war es wirklich ein Schweigen? Sprachen sie wirklich nicht? "Zwanzig Pfennig."
"Und das ist noch gut bezahlt", sagte Edmund. "Zitronenschale"
schaufelte wütend drauflos. "Das kann man wohl sagen."
"
Was kann man sagen?"
"Daß der Mensch sehr billig ist."
Ich wiederholte leise: "Daß der Mensch sehr billig ist", dann hörte ich mit einemmal nichts mehr. Ich setzte die Schaufel ein, sie stieß an, der Stiel rutschte mir aus der Hand, ich schlug der Länge nach hin, mein Kopf fiel nach hinten, und die Sonne erlosch. Jemand sagte: "Steh auf, Herrgott noch mal!"
Ich schlug die Augen auf, alles um mich herum war undeutlich, das gelbe, verwitterte Gesicht von "Zitronenschale"
tanzte vor meinen Augen. "Der Meister ist da. Steh auf!"
Eine Stimme sagte: "Er wird dich entlassen."
Sie schaufelten alle wie die Verrückten. Ich sah ihnen zu, aber ich konnte mich nicht bewegen. "Machen wir!"
sagte Siebert und hob die linke Hand. Der Motor hörte auf zu brummen, und "Zitronenschale"
setzte sich still neben mich. Der Kies knirschte hinter ihm, und ich sah, wie im Nebel, vor meinem Gesicht die glänzenden schwarzen Stiefel des Meisters. "Was ist los?"
"Eine Störung", sagte Sieberts Stimme. Edmund setzte sich und sagte ganz leise: "Dreh ihm den Rücken zu! Du siehst ganz weiß aus."
"Immer noch?"
"Ein schlechter Kontakt."
"Schnell, Mensch, schnell!"
"Noch zwei Minuten."
Ein Schweigen entstand, der Kies knirschte, und Hugo sagte halblaut: "Auf Wiedersehen, Schweinehund."
"Da", sagte Sieberts Stimme, "trink mal!"
Der Schnaps floß in meine Kehle. "Siebert", sagte Hugo, "ich fühle mich auch ganz schwach."
"Friß Sand."
Es gelang mir aufzustehen. "Geht es wieder?"
sagte "Zitronenschale".

Ich nickte und sagte: "Es war wirklich ein Glück, daß es eine Störung gab."
Sie fingen laut an zu lachen, und ich sah sie alle nacheinander verwirrt an. "Junge, Junge", rief "Zitronenschale", "du bist noch dümmer als der Meister."
Ich blickte Siebert an. "Du hast das gemacht?"
"Zitronenschale"
drehte sich zu Siebert um und sagte mit komischem Erstaunen: "Du hast das gemacht?"
Das Gelächter verdoppelte sich. Siebert lächelte mit seinen dünnen Lippen und schüttelte den Kopf. Ich sagte schroff: "Das war unrecht von dir."
Das Lachen verstummte. Hugo, Edmund und "Zitronenschale"
sahen mich an. "Zitronenschale"
sagte mit verhaltener Wut: "Und wenn ich dir jetzt die Schaufel in die Fresse schlage, hätte ich da unrecht?"
"Schweinehund", sagte Edmund. Es entstand ein Schweigen, dann sagte Siebert: "Genug. Er hat recht. Wenn wir das richtige Regierungssystem hätten, brauchte man das nicht zu machen."
"Mit deinem System", sagte "Zitronenschale", "du weißt, was ich davon halte."
Siebert lachte und sah mich an. "Störung beseitigt?"
"Vorwärts!"
sagte "Zitronenschale"
wütend, "vorwärts! Keine Minute verloren! Man könnte dem Chef unrecht tun."
"Na, geht's?"
sagte Siebert und blickte mich an. Ich nickte, er senkte den linken Arm, der Motor brummte, und die Schraube zu unsern Füßen fing wieder an, sich mit unerbittlicher Langsamkeit zu drehen.

An den folgenden Tagen vermehrten sich meine Krisenzustände. Aber es zeigte sich darin eine beachtenswerte Veränderung. Die Dinge blieben, was sie waren. Es gab keine Leere mehr, sondern nur eine Erwartung. Wenn man ein Orchester hört und die Trommel sich vernehmen läßt, liegt für uns in dem scharfen, dumpfen Schlag etwas Geheimnisvolles, Drohendes, Feierliches. Genauso empfand ich. Der ganze Tag war für mich mit Trommelwirbeln ausgefüllt. Etwas Furchtbares kündigte sich an, in meiner Kehle steckte ein Kloß, und ich wartete, wartete in wilder Angst auf etwas, das nicht kam. Die Trommelschläge hörten auf, ich hatte den Eindruck, von einem Alpdruck zu erwachen, und plötzlich war es mir, als wäre die Welt nicht mehr wirklich. Man hatte hinter meinem Rücken die Dinge verändert, sie trugen alle eine Maske. Ich blickte mich voller

Mißtrauen und Angst um. Die Sonne, die meine Schaufel glänzen ließ, log. Der Sand log. Die rote Betonmaschine log. Und in diesen Lügen steckte ein grausamer Sinn. Alles verschwor sich gegen mich. Eine drückende Stille senkte sich herab. Ich beobachtete die Kameraden, ihre Lippen bewegten sich, ich vernahm kein einziges Wort, aber ich verstand sehr gut, daß sie absichtlich ihre Lippen bewegten, ohne zu sprechen, um mich glauben zu machen, ich sei verrückt. Ich hatte Lust, ihnen zuzurufen: ,Ich durchschaue euer Spiel, ihr Schweinehunde!, Ich öffnete schon den Mund, aber plötzlich flüsterte mir eine Stimme etwas ins Ohr, die dumpf und abgehackt klang, die Stimme meines Vaters. Acht Stunden täglich handhabte ich die Schaufel. Sogar nachts im Traum handhabte ich sie. Oft träumte ich, daß ich nicht schnell genug schaufelte, das glänzende blanke Metall der Schraube erschien, der Meister fing an zu schimpfen. In Schweiß gebadet, wachte ich auf, die Hände um einen unsichtbaren Stiel gekrampft. Manchmal sagte ich mir: "Du bist jetzt zur Schaufel geworden. Du bist eine Schaufel."
So vergingen die Tage, und ich faßte den Entschluß, mich zu töten. Ich bestimmte dazu den Sonnabend, denn um essen zu können, hatte ich Siebert auf meinen künftigen Lohn hinangeborgt, und ich wollte meine Schulden zurückzahlen, ehe ich starb. Der Sonnabend kam, und ich bezahlte meine Schulden. Mir blieb noch so viel, daß ich drei Tage davon leben konnte, wenn ich sehr bescheiden war. Ich entschloß mich, alles gleich am selben Tag auszugeben und mich vor dem Tode wenigstens noch einmal satt zu essen. Ich benutzte die Straßenbahn, und bevor ich in meine Kammer hinaufstieg, kaufte ich Speck, Brot und eine Schachtel Zigaretten. Ich stieg die fünf Treppen hoch, öffnete die Tür und dachte daran, daß Frühling war. Die Sonne fiel schräg durch das kleine, weit offenstehende Fenster herein, und zum erstenmal seit einem Monat sah ich mich in meinem Zimmer um. Da waren eine Matratze auf einem Holzgestell, ein Tisch aus rohem Holz, ein Waschbecken und ein Schrank. Die Wände waren schwarz von Schmutz. Ich hatte sie abgewaschen, aber das hatte nichts genützt. Man hätte sie abschwaben müssen. Ich hatte einen Versuch gemacht, aber nicht die Kraft gehabt, damit fortzufahren. Ich legte mein Paket auf den Tisch, fegte mein Zimmer aus, ging dann auf den Flur hinaus, um an dem Etagenhahn Wasser zu holen, kehrte zurück und wusch mir Gesicht und Hände. Ich ging wieder hinaus, um das schmutzige Wasser auszugießen, und als ich ins Zimmer zurückkam, trennte ich die Naht meiner Matratze zehn Zentimeter breit auf, fuhr mit der Hand in die Öffnung und holte meine Mauserpistole heraus.

Ich entfernte die Lappen, in die sie gewickelt war, untersuchte das Magazin, zog die Sicherung zurück und legte dann die Waffe auf den Tisch. Den Tisch rückte ich vor das Fenster, um die Sonne zu genießen, und setzte mich. Ich schnitt acht ziemlich dünne Scheiben Brot und legte auf jede ein viel dickeres Stück Speck. Ich kaute ohne Hast, methodisch. Während des Essens betrachtete ich die in Reih und Glied auf dem Tisch liegenden Brot und Speckschnitten, und jedesmal, wenn ich eine nahm, zählte ich die noch übrigen. Die Sonne beleuchtete meine Hände, und im Gesicht fühlte ich ihre Wärme. Ich war in Hemdsärmeln, ich dachte an nichts, ich war glücklich, essen zu können. Als ich fertig war, las ich die Krumen auf dem Tisch zusammen und warf sie in einen alten Marmeladeneimer, der mir als Mülltonne diente. Dann wusch ich mir die Hände. Da ich keine Seife hatte, rieb ich sie lange in der Hoffnung, das Fett entfernen zu können. Ich dachte: ,Du hast die Schaufel gut eingefettet, und jetzt willst du sie zerbrechen.' Und ich weiß nicht, warum, ich hatte Lust zu lachen. Ich trocknete mir die Hände an einem alten zerfetzten Hemd, das ich an einen Nagel gehängt hatte und das mir als Handtuch diente. Dann ging ich zum Tisch zurück, brannte mir eine Zigarette an und stellte mich ans Fenster . Die Sonne schien auf die Schieferdächer. Ich tat einen Zug aus der Zigarette, stieß den Rauch zum Teil wieder aus und atmete gierig den Duft ein. Ich reckte mich, stellte mich fest auf die Beine, auf einmal fühlte ich sie fest und kräftig unter mir, und plötzlich sah ich mich in einem Film: Ich stand am Fenster, ich rauchte, ich blickte auf die Dächer. Wenn dann die Zigarette aufgeraucht sein würde, würde ich die Pistole nehmen, sie an die Schläfe setzen, und alles würde vorbei sein. Da klopfte es zweimal an meine Tür, ich blickte auf die Pistole auf dem Tisch, aber bevor ich Zeit gehabt hätte, sie zu verstecken, ging die Tür auf. Es war Siebert. Er blieb auf der Schwelle stehen und grüßte durch Handanlegen. Ich ging ihm rasch entgegen und stellte mich vor den Tisch. Er sagte: "Stör ich dich auch nicht?"
"Nein."
"Ich wollte dir bloß einmal guten Tag sagen."
Ich antwortete nicht, er wartete eine Sekunde, dann schloß er die Tür und trat einen Schritt ins Zimmer herein. "Deine Wirtin war sehr überrascht, als ich nach dir fragte."
"Ich bekomme nie Besuch."
"So?"
sagte er. Er lächelte, seine spitze Nase schien noch länger zu werden, und seine großen Ohren schienen noch mehr abzustehen. Er tat noch

einen Schritt vorwärts, sah sich im Zimmer um und zog eine Grimasse. Dann warf er mir einen Blick zu und wandte sich zum Fenster . Ich ging um den Tisch herum und stellte mich zwischen ihn und den Tisch. Er steckte die Hände in die Taschen und sah auf die Dächer hinaus. "Du hast wenigstens Aussicht."
"Ja."
Er war viel größer als ich, meine Augen waren in Höhe seines Nackens. "Ein bißchen kalt im Winter, nicht?"
"Ich weiß nicht. Ich wohne erst seit zwei Monaten hier."
Er machte auf den Hacken kehrt und stand mir nun gegenüber . Sein Blick ging über meinen Kopf hinweg, und er hörte auf zu lächeln. "Hallo!"
sagte er. Ich machte eine Bewegung, er schob mich mit der flachen Hand sacht zur Seite und ergriff die Pistole. Ich sagte eindringlich: "
Vorsicht! Sie ist geladen."
Er warf mir einen scharfen Blick zu, nahm die Waffe und untersuchte das Magazin. Er sah mich fest an. "Und sie ist nicht gesichert."
Ein Schweigen entstand, und er fuhr fort: "Ist das deine Gewohnheit, eine geladene Pistole auf dem Tisch liegen zu haben?"
Ich antwortete nicht, er legte die Waffe hin und setzte sich auf den Tisch. Ich setzte mich auch. "Ich habe dich aufgesucht, weil ich etwas nicht verstehe."
Ich schwieg, und nach einer Weile begann er wieder: "
Warum hast du mir deine Schulden auf einen Schlag bezahlen wollen?"
"Ich habe nicht gern Schulden."
"Du hättest die Hälfte bezahlen können. Und die andere Hälfte nächste Woche. Ich habe dir doch gesagt, daß es mir nichts ausmachen würde."
"Ich schleppe nicht gern Schulden mit mir herum."
Er sah mich an. "So!"
sagte er lächelnd. "Du schleppst nicht gern Schulden mit dir herum, und jetzt hast du gerade noch so viel übrig, daß du drei Tage zu essen hast, aber die Woche hat sieben Tage, mein Herr."
Ich antwortete nicht, sein Blick glitt über den Tisch, er zog plötzlich die Brauen hoch, und seine Lippen wurden noch dünner . "Mit Zigaretten zwei Tage."
Er nahm die Schachtel, betrachtete sie aufmerksam und pfiff. "Du läßt dir nichts abgehen."
Ich antwortete nicht, und er fuhr in sarkastischem Ton fort: "Hat dir vielleicht dein Vormund eine Postanweisung geschickt?"
Ich wandte den Kopf, sah ins Leere und sagte schroff und hastig: "Das geht dich alles nichts an."

"Gewiß, mein Herr, das geht mich nichts an."
Ich drehte ihm das Gesicht zu. Er sah mich fest an. "Selbstverständlich geht mich das nichts an. Du willst um jeden Preis bezahlen, was du mir schuldest: Das geht mich nichts an. Du hast nur noch drei Tage zu essen: Das geht mich nichts an. Du kaufst Zigaretten wie ein Millionär: Das geht mich nichts an. Du hast eine geladene Pistole auf deinem Tisch liegen: Und auch das geht mich nichts an."
Er sah mich fest an. Ich wandte den Kopf weg, aber ich fühlte seinen Blick auf mir ruhen. Es war, als ob Vater mich angeblickt hätte. Ich steckte meine Hände unter den Stuhl, preßte meine Knie zusammen und fragte mich besorgt, ob ich nicht anfangen würde zu zittern. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile, dann sagte Siebert mit verhaltener Wut: "Du willst dich umbringen."
Ich machte eine heftige Anstrengung und sagte: "Das ist meine Sache."
Er sprang auf, packte mich mit beiden Händen vorn am Hemd, hob mich vom Stuhl auf und schüttelte mich. "Du Schweinehund", zischte er, "du willst dich umbringen."
Seine Blicke brannten, ich drehte den Kopf weg, ich fing an zu zittern und wiederholte leise: "Das ist meine Sache."
"Nein!"
schrie er auf, während er mich schüttelte, "das ist nicht deine Sache, du Schweinehund. Und was wird aus Deutschland?"
Ich senkte den Kopf und sagte: "Deutschland ist futsch."
Ich fühlte, wie Sieberts Finger mein Hemd losließen, und wußte, was geschehen würde. Ich hob den rechten Arm, aber es war zu spät. Seine Hand klatschte mit voller Wucht auf meine Backe. Der Schlag war so kräftig, daß ich taumelte. Sieberts Linke erwischte mich beim Hemd, und er ohrfeigte mich von neuern. Dann stieß er mich zurück, und ich fiel auf den Stuhl. Meine Backen brannten, in meinem Kopf drehte sich alles, ich fragte mich, ob ich nicht vom Stuhl aufstehen und mich auf ihn stürzen sollte. Ich rührte mich aber nicht, eine ganze Sekunde verstrich, Siebert stand vor mir, eine glückliche Betäubung überfiel mich. Siebert sah mich an, seine Augen funkelten, und ich sah, wie seine Kinnmuskeln sich bewegten. "Schweinehund!"
sagte er. Er vergrub seine Hände in den Taschen, fing an, im Zimmer herumzulaufen, und schrie aus vollem Halse: "Nein! Nein! Nein!"
Dann sah er mich wieder mit flammenden Augen an. "Du!"
schrie er. "Du! Du, ein alter Freikorpsmann!"
Er drehte sich so wütend um, daß ich glaubte, er wolle sich auf mich stürzen.

"Hör zu! Deutschland ist nicht futsch! Nur ein Schweinehund von einem Juden kann sagen, daß es futsch ist. Der Krieg geht weiter, verstehst du? Sogar nach dieser Schweinerei, dem Diktat von Versailles, geht er weiter!"
Er fing von neuem an, wie ein Irrer im Zimmer herumzulaufen. "Herrgott", schrie er, "das ist doch klar."
Er rang nach Worten, seine Kiefernmuskeln bewegten sich unaufhörlich, er ballte die Fäuste und fing plötzlich an zu schreien: "Es ist klar! Es ist klar!"
"Da", sagte er und zog eine Zeitung aus der Tasche, "ich bin kein Redner, da drin steht es schwarz auf weiß."
Er fuchtelte mir mit der Zeitung vor der Nase herum. "Deutschland wird zahlen! Das haben sie sich so gedacht. Sie wollen uns unsre ganze Kohle nehmen. Das haben sie sich jetzt ausgedacht. Sieh hier, da steht es schwarz auf weiß. Sie wollen Deutschland vernichten."
Und plötzlich fing er an zu brüllen: "Und du, du Schweinehund, willst dir das Leben nehmen."
Er schwenkte die Zeitung in seiner rechten Hand und schlug sie mir ins Gesicht. "Da", rief er, "lies! Lies! Lies laut!"
Er zeigte mit zitterndem Finger auf einen Artikel, und ich fing an zu lesen. "Nein, Deutschland ist nicht besiegt. .."
"Steh auf, Schweinehund!"
rief Siebert. "Steh auf, wenn du von Deutschland sprichst!"
Ich stand auf. "Deutschland ist nicht besiegt. Deutschland wird siegen. Der Krieg ist noch nicht zu Ende. Er hat nur andere Formen angenommen. Die Armee ist auf ein Nichts reduziert, und die Freikorps sind aufgelöst. Aber jeder deutsche Mann, mit oder ohne Uniform, muß sich noch als Soldat betrachten. Mehr als je wird an seinen Mut, an seine unbeugsame Entschlossenheit appelliert. Wer keinen Anteil am Schicksal des Vaterlandes nimmt, verrät es. Wer sich der Verzweiflung hingibt, desertiert angesichts des Feindes. Die Pflicht jedes deutschen Mannes ist, für das deutsche Volk und das deutsche Blut zu kämpfen und zu sterben, wo immer er steht."
"Donnerwetter", sagte Siebert, "man könnte glauben, das wäre für dich geschrieben."
Niedergeschmettert blickte ich auf die Zeitung. Es war wahr: Das war für mich geschrieben. "Das ist doch klar", sagte Siebert, "du bist Soldat. Du bist immer noch Soldat. Was kommt es auf die Uniform an? Du bist Soldat!"
Mein Herz begann heftig in der Brust zu schlagen, und ich stand unbeweglich da, wie angenagelt. Siebert sah mich aufmerksam an, dann lächelte er, Freude überzog sein Gesicht, er schlang seine Arme um meine Schultern, es lief mir warm über den Rücken, und er schrie wie ein Irrer: "Das ist doch klar!"

Ich sagte leise: "Laß mich!"
"Du lieber Gott", sagte er, "du wirst doch nicht ohnmächtig werden?"
"Laß mich!"
Ich setzte mich, nahm den Kopf in die Hände und sagte: "Ich schäme mich, Siebert."
Und eine köstliche Erleichterung überkam mich. "Ach was!"
sagte Siebert verlegen. Er drehte mir den Rücken zu, nahm eine Zigarette, brannte sie an und stellte sich ans Fenster; ein langes Schweigen folgte, dann stand ich auf, setzte mich an den Tisch und ergriff mit zitternder Hand die Zeitung. Ich sah nach dem Titel. Es war der "Völkische Beobachter". Auf der ersten Seite sprang mir eine Karikatur in die Augen. Sie stellte den internationalen Juden dar, der dabei war, Deutschland zu erwürgen. Ich betrachtete fast zerstreut die Einzelheiten im Gesicht des Juden, und plötzlich war mir, als erhielte ich einen Stoß von unerhörter Heftigkeit. Ich erkannte ihn, ich erkannte diese wulstigen Augen, diese gebogene lange Nase, diese weichen Backen, diese verhaßten, abstoßenden Züge. Ich hatte sie einst oft genug auf dem Stich, den mein Vater mit Reißnägeln an der Klosettür befestigt hatte, betrachtet. Mir ging ein blendendes Licht auf. Ich begriff jetzt alles. Das war er. Der Instinkt meiner Kindheit hatte mich nicht getäuscht. Ich hatte recht gehabt, ihn zu hassen. Mein einziger Irrtum war gewesen, auf die Versicherung der Priester hin zu glauben, daß es ein unsichtbarer Geist sei, den man nur durch Gebet bekämpfen könne, durch Klagelieder oder kultische Gebräuche. Aber jetzt begriff ich, daß er sehr wirklich, sehr lebendig war, daß man ihm auf der Straße begegnete. Der Teufel war nicht der Teufel, der Teufel war der Jude. Ich stand auf, ein Schauer überlief mich vom Kopf bis zu den Füßen. Meine Zigarette verbrannte mir die Finger. Ich warf sie weg. Dann steckte ich meine zitternden Hände in die Taschen, stellte mich ans Fenster und atmete mit vollen Lungen. Ich fühlte Sieberts Arm an meinem, und seine Kraft ging in mich über. Sieberts beide Hände lagen auf der Schutzstange. Er sah mich nicht an, rührte sich nicht. Rechts von mir ging die Sonne in einer Orgie von Blut unter. Ich drehte mich um, ergriff meine Pistole, hob sie langsam bis zur Horizontalen und zielte auf die Sonne. "Das ist eine gute Waffe", sagte Siebert, und seine Stimme klang zart und verhalten. Ich sagte leise: "Ja", und legte die Pistole auf den Tisch zurück. Im nächsten Augenblick ergriff ich sie wieder. Ihr Kolben lag schwer und vertraut in meiner hohlen Hand, sie sah hart und wirklich aus, ihr Gewicht lastete in der Hand, und ich dachte: 'Ich bin Soldat. Was kommt es auf die Uniform an? Ich bin Soldat.'

Der nächste Tag war ein Sonntag, und ich mußte bis zum Montag warten, um nach der Arbeit auf das Standesamt gehen zu können. Hinter der Schranke unterhielt sich ein Beamter mit einem kleinen Kinnbärtchen und Stahlbrille mit einem weißhaarigen Mann. Ich wartete, bis er zu Ende war, und sagte: "Ich bitte um Änderung im Personenstandsregister ."
Der Beamte mit der Stahlbrille sagte, ohne mich anzusehen: "Worum handelt es sich?"
"Um Kirchenaustritt."
Die beiden Männer blickten gleichzeitig auf. Dann wandte sich der Beamte mit der Brille zu seinem Kollegen um und schüttelte leicht den Kopf. Dann sah er wieder mich an. "Unter welcher Konfession waren Sie eingetragen?"
"Katholisch."
"Und Sie sind nicht mehr katholisch?"
"Nein."
"Welche Religion wollen Sie eintragen lassen?"
"Keine."
Der Beamte blickte den Weißhaarigen an und schüttelte den Kopf. "Warum haben Sie bei der letzten Volkszählung keine Erklärung in diesem Sinne abgegeben?"
"Ich bin nicht mitgezählt worden."
"Warum nicht?"
"Ich war in Kurland in einem Freikorps."
Der Weißhaarige nahm ein Lineal und gab sich damit leichte Schläge auf die innere Fläche seiner linken Hand. Der Beamte sagte: "Das ist vollkommen vorschriftswidrig. Sie hätten eine Erklärung abgeben müssen. Und jetzt sind Sie im Nachteil."
"In den Freikorps wurde keine Zählung vorgenommen."
Der Beamte schüttelte mit ärgerlichem Gesicht den Kopf. "Ich werde diese Sache melden. Das ist unzulässig. Eine Volkszählung ist ganz allgemein. Selbst die Herren von den Freikorps waren davon nicht ausgenommen."
Es entstand ein Schweigen, bis ich sagte: "Ich bin im Jahre 1916 mitgezählt worden."
Der Beamte sah mich an, seine Brillengläser blitzten. "Und warum sind Sie damals als Katholik eingetragen worden?"
"Meine Eltern haben es eintragen lassen."
"
Wie alt waren Sie da?"
"Sechzehn Jahre."
Er blickte mich an. "Sie sind also zweiundzwanzig Jahre alt."
Er seufzte, wandte sich zu seinem Kollegen, und beide schüttelten den Kopf. "Und jetzt", fragte nochmals der Beamte, "sind Sie nicht mehr katholisch ? "
"Nein."
Er schob seine Brille auf die Stirn. "Warum nicht?"

Ich war der Meinung, daß er seine Befugnisse überschritt, indem er diese Frage stellte, und sagte hastig und scharf: "Meine philosophischen Überzeugungen haben sich geändert."
Der Beamte sah seinen Kollegen an und flüsterte ihm zu: "Seine philosophischen Überzeugungen haben sich geändert!"
Der Weißhaarige zog die Augenbrauen hoch, öffnete den Mund ein wenig und schüttelte den Kopf. Der Beamte wandte sich wieder zu mir. "Nun, dann warten Sie die nächste Volkszählung ab, um Ihren Kirchenaustritt zu vollziehen."
"Ich möchte nicht zwei Jahre warten."
"Warum nicht?"
Da ich nicht antwortete, fuhr er fort, als ob er die Unterhaltung beenden wollte: "Sie sehen, es ist nicht so eilig."
Ich sah ein, daß ich für meine Eile einen verwaltungstechnischen Grund angeben mußte, und sagte: "Ich sehe keinen Grund, daß ich noch zwei Jahre lang Kirchensteuern bezahlen soll, da ich keiner Kirche mehr angehöre."
Der Beamte richtete sich in seinem Stuhl auf, sah seinen Kollegen an, und seine Augen fingen wieder an, hinter den Brillengläsern zu blitzen. "Sicher, sicher, mein Herr, werden Sie zwei Jahre lang keine Kirchensteuer zu zahlen haben, aber die Vorschrift sagt ausdrücklich ...", er machte eine Pause und zeigte mit dem Finger auf mich, ". ..daß Sie eine Ausgleichsabgabe zu zahlen haben, die höher ist als die Kirchensteuer. "
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete mich mit triumphierender Miene. Der Weißhaarige lächelte. Ich sagte barsch: "Das ist mir ganz gleichgültig."
Die Brillengläser des Beamten blitzten wieder, er kniff die Lippen zusammen und blickte seinen Kollegen an. Dann beugte er sich hinunter, zog eine Schublade auf, entnahm ihr drei Formulare und legte sie -oder vielmehr: warf sie auf die Tafel. Ich nahm die Formulare und füllte sie sorgfältig aus. Als ich damit fertig war, reichte ich sie dem Beamten. Er warf einen Blick darauf, machte eine Pause und las dann mit einem Grinsen laut vor: "Konfessionslos, aber gottgläubig. Das sind Sie also?"
"Ja."
Er warf seinem Kollegen einen Blick zu. "Das sind. ..Ihre neuen philosophischen Überzeugungen?"
"Ja."
"Es ist gut", sagte er und faltete die Blätter zusammen. Ich grüßte mit einem Kopfnicken. Er geruhte nicht, mich zu sehen. Er sah seinen Kollegen an. Ich machte kehrt und wandte mich dem Ausgang zu. Ich hörte, wie er hinter meinem Rücken murmelte: "Wieder einer von der neuen Sippschaft."

Auf der Straße zog ich den "Völkischen Beobachter"
aus der Tasche und vergewisserte mich der Adresse. Es war ziemlich weit, aber die Straßenbahn zu benutzen, kam nicht in Frage. Ich lief ungefähr eine Dreiviertelstunde. Ich war ganz außer Atem. Am Abend vorher hatte ich auf eine Mahlzeit verzichten müssen. Zu Mittag hatte mir Siebert die Hälfte seines Brots gegeben und mir ein paar Mark geliehen. Als ich die Baustelle verließ, hatte ich mir ein Stück Brot gekauft. Aber der Hunger fing wieder an zu bohren, und die Beine wurden schwach. Die Geschäftsstelle der Partei lag im ersten Stock. Ich klingelte, die Tür wurde ein Stück geöffnet, und ein braunhaariger junger Mann zeigte sich in der Öffnung. Seine schwarzen Augen blickten aufmerksam. "Sie wünschen?"
"Ich will mich einschreiben lassen."
Die Tür öffnete sich etwas weiter. Hinter dem jungen Braunhaarigen sah ich den Rücken eines andern jungen Mannes, der an einem Fenster stand. Die Sonne legte einen roten Strahlenkranz um seinen Kopf. Es vergingen einige Sekunden, dann drehte sich der Rothaarige um, machte ein Zeichen mit dem Daumen und sagte: "In Ordnung."
Die Tür wurde jetzt vollständig geöffnet, und ich trat ein. Etwa zehn junge Leute im Braunhemd blickten mich an. Der junge Braunhaarige nahm mich am Arm und sagte mit außerordentlich sanfter und höflicher Stimme: "Bitte, kommen Sie."
Er führte mich an einen kleinen Tisch, ich setzte mich. Er gab mir ein Formular, und ich begann es auszufüllen Als ich damit fertig war, reichte ich dem jungen Mann das Formular, er nahm es und ging, sich zwischen den Tischen hindurchschlängelnd, damit nach hinten. Seine Bewegungen waren lebhaft und graziös. Er verschwand durch eine graugestrichene Tür . Ich sah mich um. Der Raum war groß und hell. Mit seinen Kartothekschränken, seinen Schreibtischen und seinen zwei Schreibmaschinen ließ er auf den ersten Blick an ein beliebiges Kontor denken. Aber die Atmosphäre war nicht die eines Kontors. Die jungen Leute trugen alle ein braunes Hemd, Koppel und Stiefel. Sie rauchten und unterhielten sich. Einer las eine Zeitung. Die anderen taten nichts Besonderes, und doch schienen sie keine Müßiggänger zu sein. Es sah aus, als warteten sie. Ich stand auf. Es lag so etwas wie eine Spannung in der Luft. Ich betrachtete die jungen Männer im Braunhemd. Keiner von ihnen schien auf mich achtzugeben, und dennoch hatte ich den Eindruck, daß nicht eine meiner Bewegungen ihnen entging. Ich trat ans Fenster, lehnte meine Stirn an die Scheibe, und eine Sekunde lang zog es mir schmerzhaft durch den Magen. .

"Schönes Wetter, nicht wahr?"
Ich wandte den Kopf, der junge Rothaarige stand neben mir, so nahe, daß sein Arm meine Hüfte berührte. Er lächelte übers ganze Gesicht, zutraulich, aber seine Augen blickten ernst und wachsam. Ich sagte: "Ja", und sah auf die Straße hinab. Unten auf dem Gehsteig schritt ein schmächtiger junger Mann im Braunhemd auf und ab. Durch sein Gesicht zog sich eine Narbe. Ich hatte ihn bei meinem Eintreten nicht bemerkt. Auf der gegenüberliegenden Seite standen zwei junge Leute vor einem Schaufenster. Von Zeit zu Zeit drehten sie sich um und warfen ihrem Kameraden gegenüber einen Blick zu. Nach einer Weile zog sich mir der Magen zusammen, und ich fühlte Leere im Kopf. Ich dachte, es wäre besser zu sitzen, und machte kehrt. Sofort war wieder die Spannung in der Luft. Ich blickte die jungen Männer der Reihe nach an. Keiner hatte die Augen auf mich gerichtet. Ich hatte keine Zeit, mich zu setzen. Die kleine graue Tür im Hintergrund ging plötzlich auf, der junge Braunhaarige erschien, trat mit einer raschen, graziösen Bewegung zur Seite, und ein etwa vierzigjähriger Mann tauchte auf. Er war klein, untersetzt, Apoplektiker. Die jungen Leute knallten die Hacken zusammen und erhoben den rechten Arm. Der untersetzte Mann erhob den Arm seinerseits, ließ ihn wieder sinken, blieb unbeweglich auf der Schwelle stehen und musterte mich mit einem raschen, scharfen Blick, wie wenn er in seinem Gedächtnis nachforschte, ob er mich schon einmal gesehen hätte. Seine mächtige Brust schwellte das Braunhemd, er trug das Haar sehr kurz geschnitten, und seine Augen verschwanden unter geschwollenen Augenlidern. Er kam näher. Sein Schritt war schwer, fast stampfend. Als er zwei Meter vor mir war, lösten sich zwei junge Leute aus der Gruppe und stellten sich, ohne ein Wort zu sagen, neben mich. "Freddie?"
sagte der untersetzte Mann. Der junge Braunhaarige knallte die Hacken zusammen. "Hier, Obersturmführer."
"Das Formular."
Freddie gab ihm das Formular. Der Obersturmführer nahm es in seine riesige Faust und legte den Zeigefinger der anderen Hand darauf. "Lang?"
Ich stand stramm und sagte: "Jawohl', Herr Obersturmführer."
Sein kurzer, dicker, an der Spitze klobiger Finger lief über die Zeilen des Formulars. Dann hob er den Kopf und sah mich an. Die Schwellungen an seinen Augen ließen nur eine dünne Spalte frei. Er sah träge und schläfrig aus. "Wo arbeiten Sie?"
"Bei der Firma Lingenfelser."
"Ist einer Ihrer Kameraden dort in der Partei?"
"Einer, glaube ich."
"Sie wissen es aber nicht sicher?"
"Nein, aber er liest den ,Völkischen Beobachter."
"Wie heißt er?"
"Siebert."

Der Obersturmführer wandte sich zu Freddie um. Er drehte dabei nicht den Hals, sondern den ganzen Oberkörper, als sei sein Hals an den Schultern angeschweißt. "Stell es fest!"
Freddie setzte sich an einen Tisch und sah in einer Kartei nach. Der Obersturmführer legte wieder seinen dicken Zeigefinger auf das Formular . "Türkei?"
"Jawohl, Herr Obersturmführer."
.."Mit wem?"
"Herrn Rittmeister Günther."

Freddie erhob sich. "Siebert ist Mitglied."
Der dicke Zeigefinger übersprang mehrere Zeilen. "Aha! Freikorps!"
Und mit einem Mal sah er nicht mehr schläfrig aus. "Bei wem?"
"Oberleutnant Roßbach."
Der Obersturmführer lächelte, seine Augen blitzten durch die Spalten hindurch, und er steckte genießerisch die Zungenspitze hervor. "Im Baltikum, an der Ruhr, in Oberschlesien?"
"Auf allen drei Schauplätzen."
"Gut!"
Er klopfte mir auf die Schulter. Die beiden jungen Leute, die mich flankierten, entfernten sich und setzten sich wieder. Der Obersturmführer drehte seinen Körper zu Freddie um. "Schreib seinen vorläufigen Ausweis aus."
Seine Augenspalten verengten sich. Er sah wieder schläfrig aus. "Sie sind zuerst SA-Anwärter; dann, wenn wir es für zweckmäßig halten, leisten Sie den Eid auf den Führer und werden in die SA aufgenommen. Haben Sie Geld, sich eine Uniform zu kaufen?"
"Leider nein."
"Warum nicht?"
"Vor einer Woche war ich noch arbeitslos."
Der Obersturmführer drehte seinen Körper nach dem Fenster hin. "Otto!"
Der junge Rothaarige drehte sich um seine Achse, eilte leicht hinkend herbei und schlug die Hacken zusammen. Sein hageres, mit Sommersprossen übersätes Gesicht war zu einem Lächeln verzogen. "Du gibst ihm die Uniform von Heinrich."
Ono hörte auf zu lächeln, sein Gesicht wurde ernst und traurig, und er sagte: "Die Uniform von Heinrich wird ihm zu groß sein."
Der Obersturmführer zuckte die Achseln. "Er kann sie kleiner machen."
Im Zimmer entstand ein Schweigen. Der Obersturmführer ließ seinen Blick über die jungen Leute schweifen und sagte mit lauter Stimme: "Ein Freikorpsmann hat das Recht, die Uniform von Heinrich zu tragen."

Freddie reichte ihm eine gefaltete Karte. Er öffnete sie, warf einen Blick hinein, schloß sie und übergab sie mir. "Augenblicklich hast du Befehl, bei deiner Firma zu bleiben."
Ich bemerkte voller Glück, daß er "du"
zu mir sagte. "Gib Otto deine Adresse. Er wird dir die Uniform von Heinrich bringen."
Der Obersturmführer machte kehrt, dann besann er sich und drehte sich noch einmal mir zu. "Ein Freikorpsmann hat sicher eine Waffe?"
"Eine Mauserpistole."
"Wo hast du sie versteckt?"
"In meinem Strohsack."
Er hob seine mächtigen Schultern. "Kindlich."
Er drehte seinen Oberkörper der Gruppe der jungen Leute zu, blinzelte und sagte: "Strohsäcke stellen für die Schupos kein Versteck dar."
Die jungen Leute fingen an zu lachen, er stand unbewegt da. Als das Gelächter aufhörte, fuhr er fort: "Otto wird dir zeigen, wie man sie versteckt."
Freddie berührte mich am Arm. "Zu Otto kannst du Vertrauen haben. Seinen Revolver hat er so gut versteckt, daß er ihn selber nicht mehr finden kann."
Die jungen Leute fingen wieder an zu lachen, und diesmal stimmte der Obersturmführer ein. Dann packte er mit seiner mächtigen Tatze Freddie im Genick und drückte ihn mehrere Male nach vorn, wozu er auf französisch sagte: "Petite canaille! Petite canaille!"
Freddie begann sich zu winden, um sich loszumachen, aber ohne sich sehr anzustrengen. "Petite canaille! Petite canaille!"
sagte der Obersturmführer, und sein Gesicht lief rot an. Schließlich schleuderte er Freddie mit einem einzigen Stoß in die Arme Ottos, der infolge des Anpralls beinahe gefallen wäre. Die jungen Leute brachen in lautes Gelächter aus. "Achtung!"
rief der Obersturmführer. Und alle standen unbeweglich. Der Obersturmführer legte seine Hand auf meine Schulter, sein Gesicht wurde ernst, und er sagte: "SA- Anwärter!"
Er machte eine Pause, und ich stand stramm. "Der Führer erwartet von dir unbegrenzte Hingabe."
Ich sagte: "Jawohl, Herr Obersturmführer."
Der Obersturmführer ließ mich los, trat einen Schritt zurück, stand stramm, hob den rechten Arm und rief mit lauter Stimme: "Heil Hitler!"
Die jungen Leute erstarrten mit erhobenem Arm. Dann riefen sie unisono mit rauher und lauter Stimme, wobei sie die Silben dehnten: "Heil Hitler!"

Ihre Stimmen klangen in meiner Brust mächtig wider. Ich empfand ein tiefes Gefühl des Friedens. Ich hatte meinen Weg gefunden. Er lag gerade und klar vor mir. Die Pflicht wartete auf mich in jedem Augenblick meines Lebens.

Wochen vergingen, Monate, und trotz der schweren Arbeit an der Betonmaschine, des Sturzes der Mark und des Hungers war ich glücklich. Abends, sobald ich die Baustelle verlassen hatte, beeilte ich mich, meine Uniform anzuziehen, ich ging in die Geschäftsstelle des Sturms, und mein wahres Leben begann. Unaufhörlich gab es Kämpfe mit den Kommunisten. Wir sprengten ihre Versammlungen und sie die unsern. Wir stürmten ihre Lokale, und sie griffen uns ihrerseits an. Es vergingen kaum ein paar Wochen ohne Schlägereien. Obwohl wir grundsätzlich beiderseits ohne Waffen waren, kam es nicht selten vor, daß man im Verlauf des Handgemenges einen Revolver knallen hörte. Heinrich, dessen Uniform ich trug, war durch einen Schuß mitten ins Herz getötet worden, und ich hatte meinem Braunhemd die beiden Löcher stopfen müssen, welche die Kugel gerissen hatte. Der 11. Januar war für die Kämpfer der Partei ein entscheidendes Datum. Die Regierung des Präsidenten Poincaré ließ die Ruhr besetzen. Sie schickte "eine einfache Abordnung von Ingenieuren"
hin eine Abordnung, die von sechzigtausend Soldaten begleitet war, aber deren Ziele, nach einem Ausdruck, der unter uns sehr beliebt wurde, "rein friedliche"
waren. In ganz Deutschland flammte die Entrüstung auf gleich einer Fackel. Der Führer hatte immer behauptet, daß den Alliierten das Diktat von Versailles nicht genüge und daß sie früher oder später Deutschland den Gnadenstoß versetzen wollten. Dieses Ereignis gab ihm recht, die Anhängerschaft der Partei vervielfachte sich, sie erreichte nach einem Monat eine noch nicht dagewesene Ziffer, und die wirtschaftliche Katastrophe, die dann über unser unglückliches Land hereinbrach, beschleunigte nur noch den wunderbaren Aufschwung der Bewegung. Der Obersturmführer sagte öfter lächelnd, in Anbetracht der Lage der Dinge müßte die Partei dem Präsidenten Poincaré ein Standbild errichten. Bald erfuhren wir, daß der französische Eindringling an der Ruhr auf einen viel weniger passiven Widerstand traf, als ihn der Reichskanzler Cuno proklamiert hatte. Die Sabotage an Güterzügen, welche die deutsche Kohle nach Frankreich verschleppten, wurde in ungeheurem Maßstab organisiert, Brücken wurden gesprengt, Lokomotiven sprangen aus den Schienen, Weichenanlagen wurden zerstört. Im Vergleich zu diesen Heldentaten und den Gefahren, mit denen sie verbunden waren, verloren unsere fast täglichen Kämpfe mit den Kommunisten ihren Glanz. Wir wußten, daß die Partei, neben anderen patriotischen Gruppen, am deutschen Widerstand an der Ruhr beteiligt war, und wir drei -Siebert, Otto und ich -baten gleich in den ersten Tagen um einen Geheimauftrag in der französischen Besatzungszone. Die Antwort kam in Form eines Befehls. Wir wären in M. nützlich und müßten in M. bleiben. Wiederum hatte ich, wie in W. beim Freikorps, das Gefühl, in einer friedlichen Garnison zu verschimmeln, während andere für mich kämpften. Meine Ungeduld wuchs noch, als ich erfuhr, daß viele der Kameraden und Führer der Freikorps sich in der Widerstandsbewegung auszeichneten, namentlich der Leutnant Albert Leo Schlageter. Der Name Schlageter hatte für einen ehemaligen Angehörigen der Freikorps Zauberkraft. Er war der Held von Riga. Seine Kühnheit kannte keine Grenzen, er hatte überall gekämpft, wo man nur kämpfen konnte. In Oberschlesien war er dreimal von polnischen Gruppen eingeschlossen gewesen, und dreimal war es ihm gelungen zu entkommen. Wir erfuhren, daß er es an der Ruhr verschmähte, sich an den Weichenanlagen zu vergreifen, weil er das für zu leicht hielt, und lieber vor der Nase der französischen Wachen die Eisenbahnbrücken zerstörte. Er handele so, sagte er mit Humor, in "rein friedlicher"
Absicht. Am 23. Mai versetzte uns eine furchtbare Nachricht in Bestürzung. Nach der Zerstörung einer Brücke an der Linie von Duisburg nach Düsseldorf hatten die Franzosen Schlageter verhaftet und erschossen. Einige Tage später teilte mir eine patriotische Gruppe, die mit der Partei zusammenarbeitete und aus ehemaligen Roßbach-Leuten bestand, mit, daß Schlageter von einem gewissen Walter Kadow, einem Schullehrer, den Franzosen denunziert, und daß ich mit zweien meiner Kameraden dazu bestimmt worden sei, diesen hinzurichten. Die Hinrichtung fand in einem Wald bei P. statt. Wir schlugen Kadow mit Knüppeln tot und vergruben die Leiche. Doch sie wurde kurz darauf von der Polizei gefunden, wir wurden verhaftet, man machte uns den Prozeß, und ich wurde ebenso wie meine Kameraden zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Ich verbüßte meine Strafe im Gefängnis von D. Das Essen dort war schlecht, aber ich hatte Schlimmeres kennengelernt, als ich arbeitslos war, und mit den Paketen der Partei stillte ich annähernd meinen Hunger. Die Arbeit -die meist darin bestand, daß ich auf der Maschine Militär-Effekten nähen mußte -war sehr viel weniger schwer als alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte. Ich verrichtete sie in der Zelle, und allein arbeiten zu können war für mich eine Erleichterung.

Manchmal hörte ich während des Spaziergangs Mitgefangene sich leise über die Wärter beklagen, aber ich glaube, daß sie ihrerseits nicht das Nötige taten, denn meine Beziehungen waren immer ausgezeichnet. Dazu gehörte nicht viel Talent. Ich war höflich und willig, ich stellte keine Fragen, ich verlangte nichts und tat stets sofort alles, was man mir zu tun befahl. In dem Formular, das ich bei der Einlieferung ins Gefängnis hatte ausfüllen müssen, hatte ich angegeben, ich sei konfessionslos, aber gottgläubig. Ich war also erstaunt, den Besuch des protestantischen Gefängnisgeistlichen zu erhalten. Er beklagte zuerst, daß ich alle Andachtsübungen aufgegeben hätte. Dann wollte er wissen, in welcher Lehre ich erzogen worden sei, und schien recht befriedigt, zu erfahren, daß es die katholische gewesen war. Danach fragte er mich, ob ich die Bibel lesen wollte. Ich antwortete bejahend, er gab mir eine und ging fort. Einen Monat später drehte sich der Schlüssel im Schloß, und der Pastor erschien. Selbstverständlich stand ich sofort auf, Er fragte mich, ob ich begonnen hätte, in der Bibel zu lesen, und ob ich die Lektüre interessant gefunden hätte. Ich antwortete mit Ja. Dann fragte er mich, ob ich mein Verbrechen bereute. Ich sagte ihm, daß ich es nicht zu bereuen hätte, denn dieser Kadow wäre ein Verräter gewesen, und wir hätten die Tat aus Liebe zum Vaterland ausgeführt. Er bemerkte dagegen, daß nur der Staat das Recht habe, Verräter zu richten. Ich schwieg, denn ich meinte, hier, wo ich mich befand, dürfte ich ihm nicht sagen, was ich von der Weimarer Republik hielt. Aber er verstand mein Schweigen, denn er schüttelte traurig den Kopf, zitierte einige Bibelverse und ging wieder . Ich log nicht, als ich dem Pastor antwortete, die Bibel hätte mich interessiert. Sie bestätigte mir alles, was mein Vater, der Rittmeister Günther und die Partei mich gelehrt hatten, über die Juden zu denken. Es war ein Volk, das alles aus Eigennutz tat, das systematisch die schmutzigsten Listen gebrauchte und das im täglichen Leben eine ekelhafte Geilheit zeigte. In der Tat, nicht ohne Unbehagen las ich gewisse dieser Geschichten, in denen unaufhörlich, oft in den anstößigsten Ausdrücken, von Konkubinen und Blutschande die Rede war . Im dritten Jahr meines Gefangenendaseins geschah etwas Außerordentliches: Ich erhielt einen Brief. Fiebernd zog ich ihn aus dem Umschlag. Er war unterzeichnet: Doktor Vogel, und er lautete:

"Mein lieber Rudolf! Obwohl ich mich rechtmäßig von jeder Verpflichtung Dir gegenüber wegen Deines abscheulichen Betragens als entbunden betrachten kann, bin ich der Meinung, daß ich es dem Andenken Deines Vaters schuldig bin, Dich in der Schande, die jetzt Dein Los ist, nicht im Stich zu lassen, sondern Dir eine helfende Hand zu reichen und Beleidigungen zu vergessen. Drei Jahre sind vergangen, seitdem Gott seine Hand schwer auf Dich gelegt hat, damit Du nicht länger Deine Freiheit benutztest, um Böses zu tun. Diese drei Jahre, dessen bin ich sicher, werden Dir heilsam gewesen sein. Du bist Deinen Gewissensbissen ausgesetzt gewesen. Du hast die Last Deiner Verfehlungen getragen. Ich weiß nichts von diesen Verfehlungen. Du hast Sorge getragen, mir diese Kenntnis vorzuenthalten, indem Du jede Beziehung zu mir abbrachst. Aber was das für ein Leben gewesen sein muß, daß es schließlich zum Mord führte, welch entsetzliches Beispiel an Faulheit und zügelloser Sinnenlust es Dir gegeben haben muß, stelle ich mir nicht ohne tiefe Trauer vor. Es ist stets das Vergnügen -und Vergnügen niederster Art -, das den jungen Menschen vom harten Weg der Pflicht und des Gehorsams ablenkt. Aber jetzt, mein lieber Rudolf, ist die unerbittliche Züchtigung endlich über Dich gekommen. Sie ist gerecht, und Du fühlst es. Aber Gott in seiner unendlichen Nachsicht ist bereit, Dir zu verzeihen. Gewiß ist es jetzt nicht mehr möglich, den heiligen Willen eines Sterbenden buchstäblich auszuführen, und Deine Schande schließt die Gnade aus, jemals das erhabene Amt zu versehen, das Dein Vater für Dich gewünscht hatte. Aber es gibt bescheidenere Berufe, in denen Du Deine Verfehlung begraben könntest und für die man nichts weiter als ein reuiges Herz verlangt, sowie den festen Willen, Gott zu dienen. Da liegt jetzt für Dich das Heil, und Dein Vater, der vom Himmel auf Dich niederschaut, würde nicht anders entschieden haben. Wenn Deine Reue, wie ich hoffe, Dir die Augen geöffnet hat, wenn Du bereit bist, Deinen Hochmut zu beugen, auf die Anarchie und Unordnung Deines Lebens zu verzichten, wird es mir ohne Zweifel möglich sein, eine Herabsetzung Deiner Strafe zu erlangen. Ich bin nicht ohne einige Beziehungen, und ich habe eben erfahren, daß es den Eltern des jungen W. -Deines Mitschuldigen bei dem Verbrechen vor einigen Monaten gelungen ist, ihn amnestieren zu lassen. Darin liegt für Dich ein glücklicher Präzedenzfall, den auszunutzen mir zweifellos möglich sein wird, wenn ich mich vergewissert habe, daß die Züchtigung Dein verhärtetes Herz aufgebrochen hat und Dich reuig und lenksam in unsere Arme zurückführen wird. Deine Tante und Deine Schwestern haben mir keine Botschaft an Dich aufgetragen. Du wirst verstehen, daß die im tiefsten ehrenhaften Frauen im Augenblick nicht wünschen, mit einem Sträfling zu tun zu haben. Aber sie wissen, daß ich Dir schreibe, und beten unaufhörlich, daß Dein Herz von Reue erfaßt werde. Das ist es auch, was ich Dir aus tiefster Seele wünsche.

Doktor Vogel."

Ein Vierteljahr, nachdem ich diesen Brief erhalten hatte, ging meine Zellentür auf, und der Oberaufseher trat herein, gefolgt von einem Aufseher, blickte sich prüfend um und rief mit Stentorstimme: "Zum Herrn Direktor! Schnell!"
Er ließ mich vorausgehen. Der Aufseher verschloß wieder die Tür, und der Oberaufseher rief: "Schnell, Mensch, schnell!"
Ich beschleunigte meine Schritte, wir durchschritten endlose Korridore, mir zitterten die Beine. Der Oberaufseher war ein ehemaliger aktiver Unteroffizier. Er ging steif, hielt sich kerzengerade, sein Schnurrbart a la Wilhelm II. war völlig weiß und gewichst. Er überragte mich um einen ganzen Kopf, und ich mußte zwei Schritte machen, wenn er einen machte. Dann ging er etwas langsamer und sagte halblaut: "Hast du Angst, Dragoner?"
Ich sagte: "Nein, Herr Oberaufseher."
Wir gingen noch ein paar Schritte, ich fühlte, daß er mich ansah, und nach einem Weilchen begann er wieder: "Du brauchst auch keine Angst zu haben. Du hast nichts Schlimmes getan. Wenn du etwas Schlimmes getan hättest, wüßte ich es."
Ich sagte: "Danke, Herr Oberaufseher."
Er ging noch langsamer und setzte halblaut hinzu: "Hör mal zu! Achte gut auf das, was du dem Herrn Direktor sagst. Er ist ein sehr gelehrter Mann, aber. ..", er senkte die Stimme noch mehr, ". ..er ist ein bißchen ..."
Er hob die rechte Hand in Gürtelhöhe und zeigte abwechselnd den Handrücken und das Innere. "Und außerdem", fuhr er fort, "ist er etwas. .."
Er legte den Zeigefinger an seine Stirn und blinzelte mir zu. Ein Schweigen folgte, er verlangsamte seinen Schritt noch mehr und sagte lauter: "Also gib gut acht, daß du die Antworten gibst, die er haben will."
Ich sah ihn an, er blinzelte mir wieder zu und fuhr fort: "Denn bei ihm weiß man nie, welche Antworten man geben soll."
Ich sah ihn an, er schüttelte mit wissender Miene den Kopf, blieb stehen und legte mir die Hand auf den Arm. "Also zum Beispiel: du glaubst, eine Dummheit gesagt zu haben. Aber keineswegs. Er ist zufrieden."
Er fügte hinzu: "Und umgekehrt."
Er setzte seinen Marsch fort, zupfte lange an seinem Schnurrbart und sagte: "Also gib gut acht auf deine Antworten!"
Er gab mir einen kleinen Klaps auf die Schulter, und ich sagte: "
Vielen Dank auch, Herr Oberaufseher."
Erst kam noch ein langer Gang, dann trat glänzend gebohnerter Eichenfußboden an die Stelle der Steinplatten, wir gingen durch eine Doppeltür, und ich hörte das Geklapper einer Schreibmaschine. Der Oberaufseher ging vor mir, zog seinen Rock zurecht, klopfte an eine rotgestrichene Tür, trat ein, stand stramm und rief mit lauter Stimme: "Der Häftling Lang ist zur Stelle, Herr Direktor."
Eine Stimme sagte: "Lassen Sie ihn eintreten!"
Der Oberaufseher schob mich vor sich her. Das Zimmer war sehr hell, und das starke Leuchten der weißen Wände blendete mich. Nach einer Weile bemerkte ich den Direktor. Er stand an einem großen Fenster, ein grünes Buch in der Hand. Er war klein, mager, sehr blaß, hatte eine hohe Stimme und einen durchdringenden Blick hinter seiner goldenen Brille. Er sah mich an und sagte: "Lang?", und sein Gesicht zuckte. Der Oberaufseher stieß mich mit der Hand leicht in den Rücken. Dann lockerte er den Druck. Ich befand mich etwa einen Meter vor dem Schreibtisch, der Oberaufseher stand rechts von mir. Hinter dem Schreibtisch war die Wand vom Boden bis zur Decke mit Büchern bedeckt. "Aha!"
sagte der Direktor mit schriller, kreischender Stimme. Dann warf er von der Stelle, wo er stand, das grüne Buch auf seinen Schreibtisch. Aber er verfehlte sein Ziel. Das Buch erreichte nur die Ecke des Tisches und fiel zu Boden. Der Oberaufseher machte eine Bewegung. "Halt!"
rief der Direktor mit schriller Stimme. Seine Augen, seine Nase, seine Stirn, alles an ihm bewegte sich. Mit unglaublicher Heftigkeit streckte er seinen Zeigefinger in Richtung auf den Oberaufseher aus und sagte: "Ich habe es fallen lassen. Also ist es an mir, es aufzuheben. Ist das klar?"
"Das ist klar, Herr Direktor", sagte der Oberaufseher. Der Direktor tänzelte rasch zum Schreibtisch, hob das Buch auf und legte es neben einen Aschenbecher, der mit halb aufgerauchten Zigaretten angefüllt war. Dann zog er die rechte Schulter hoch, sah mich an, nahm ein Lineal vom Tisch, drehte mir den Rücken zu und fing an, mit rasender Geschwindigkeit im Zimmer herumzutänzeln "Also, das ist Lang", sagte er. Ein Schweigen trat ein, und der Oberaufseher rief, meiner Meinung nach ziemlich unnützerweise: "Jawohl, Herr Direktor."
"Lang", sagte der Direktor hinter meinem Rücken, "ich habe hier eine Klage über Sie von Herrn Doktor Vogel."
Ich hörte, wie er hinter meinem Rücken mit dem Lineal auf einen weichen Gegenstand schlug. "Er beklagt sich darüber, daß Sie auf einen Brief von ihm nicht geantwortet haben, von dem er mir eine Abschrift beigelegt hat."
Ich schluckte meinen Speichel hinunter und sagte: "Herr Direktor, Doktor Vogel ist nicht mehr mein Vormund. Ich bin mündig."
Er stand vor mir und schwang mit einer Grimasse sein Lineal. "Ist das der Grund, weshalb Sie nicht auf seinen Brief geantwortet haben?"
"Nein. Herr Direktor. Der Grund ist, daß ich nicht will, was er will."

"Wenn ich den Brief recht verstehe"
(ein Schlag mit dem Lineal auf den Schreibtisch), "den Herr Doktor Vogel geschrieben hat"
(ein Schlag mit dem Lineal auf die Lehne des Sessels), "einen, ich kann sagen, sehr interessanten Brief"
(ein Schlag mit dem Lineal auf die Handfläche), "so war es der Wille Ihres Vaters, daß Sie Priester würden?"
"Ja, Herr Direktor."
"
Warum?"
"Er hatte es bei meiner Geburt der Heiligen Jungfrau gelobt."
Es folgten mehrere Schläge mit dem Lineal, ein Wasserfall von schrillen Ahas, und er begann wieder herumzutänzeln. "Und Sie waren nicht einverstanden?"
"Nein, Herr Direktor."
Hinter meinem Rücken: "Haben Sie das Ihrem Vater gesagt?"
"Mein Vater fragte mich nie nach meiner Meinung."
Ein Schlag mit dem Lineal auf den Fensterriegel. "Aha!"
Vor mir: "Ist das der Grund, weshalb Sie konfessionslos geworden sind?"
"Nein, Herr Direktor."

"Welches ist der wahre Grund?"
"Ich hatte den Eindruck, daß mein Beichtvater das Beichtgeheimnis verletzt hätte."
Ein Schlag mit dem Lineal auf den Schreibtisch, Grimassen, Gehüpfe. "Wem -nach Ihrer Annahme -"
(Schlag mit dem Lineal an das Bücherregal) "hat er es enthüllt?"
"Meinem Vater."
Hinter meinem Rücken: "Und war das der Fall?"
"Nein, Herr Direktor, es war nicht der Fall. Aber ich habe es erst später erfahren."
Immer noch hinter meinem Rücken: "Aber Sie haben den Glauben nicht wiedergefunden?"
"Nein, Herr Direktor."
Ein Scharren mit dem Lineal auf Holz. Sehr schrille Ahas, und plötzlich laut schreiend: "Interessant!"
Ein kräftiger Schlag hinter meinem Rücken auf einen hölzernen Gegenstand "Oberaufseher!"
Der Oberaufseher sagte, ohne sich umzudrehen: "Jawohl, Herr Direktor."
"Interessant!"
"Jawohl, Herr Direktor."
Vor mir: "Ich habe in dem Brief von Doktor Vogel gelesen. ..", er nahm das Blatt mit den Fingerspitzen auf und hielt es mit angewiderter Miene weit von sich weg, ". ..daß er sich anheischig

machte, Ihre Begnadigung zu erwirken"
(Schlag mit dem Lineal auf den Brief), "wenn Sie auf seine Absichten eingingen. Glauben Sie, daß er es könnte?"
"Gewiß, Herr Direktor. Doktor Vogel ist ein Gelehrter und hat viele. .."
Lächeln. Schläge mit dem Lineal auf den Brief, Gehüpfe. "So! Herr Doktor Vogel ist ein Gelehrter. Und worin ist denn Herr Doktor Vogel so gelehrt?"
"In der Medizin, Herr Direktor."
"So!"
Hinter meinem Rücken: "Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, daß Sie vorgeben könnten, sich dem Doktor Vogel zu unterwerfen, und dann, wenn Sie erst begnadigt sind, Ihre Freiheit wiedererlangen könnten?"
"Nein, Herr Direktor, der Gedanke ist mir nicht gekommen."
"Und wie denken Sie jetzt darüber?"
"Ich werde es nicht tun."
"Aha!"
Vor mir stehend, das eine Ende des Lineals auf den Schreibtisch aufgesetzt und mit beiden Händen auf das andere Ende gestützt: "Warum nicht?"
Ich schwieg eine ganze Weile, und der Oberaufseher sagte in strengem Ton zu mir: "Antworten Sie doch dem Herrn Direktor!"
Der Direktor erhob sein Lineal und sagte energisch: "Lassen Sie ihm Zeit!"
Wieder trat ein Schweigen ein, und dann sagte ich: "Ich weiß nicht."
Der Direktor zog eine Grimasse, kniff die Lippen zusammen, warf dem Oberaufseher einen wütenden Blick zu, schlug mit dem Lineal an eine kleine Bronzestatue auf dem Schreibtisch und tänzelte dann wieder mit größter Geschwindigkeit um mich herum. "Kennen Sie außer Herrn Doktor Vogel jemanden, der Schritte unternehmen könnte, um Ihre Begnadigung zu erreichen?"
"Nein, Herr Direktor."
Hinter meinem Rücken stehend: "
Wissen Sie, daß in Ihrem Falle die Begnadigung fünf Jahre ausmachen kann ? Sie würden also fünf statt zehn Jahre abzusitzen haben."
"Ich wußte es nicht, Herr Direktor."
"Und haben Sie jetzt, da Sie es wissen, die Absicht, den Brief des Doktor Vogel zu beantworten?"
"Nein, Herr Direktor."
"Sie wollen also lieber fünf Jahre mehr absitzen, als sich den Anschein geben., daß Sie sich dem Doktor Vogel unterwerfen?"
"Jawohl, Herr Direktor."
"
Warum?"
"Das hieße ihn täuschen."
Vor mir stehend, mit ernster Miene, mit dem Lineal auf mich weisend und seinen durchdringenden Blick auf mich gerichtet: "Betrachten Sie Herrn Doktor Vogel als einen Freund?"

"Nein, Herr Direktor."
"Empfinden Sie für ihn Zuneigung und Achtung?"
"Gewiß nicht, Herr Direktor."
Ich setzte hinzu: "Doch er ist ein großer Gelehrter."
"Lassen wir den großen Gelehrten beiseite."
Dann fuhr er fort: "Lang, ist es erlaubt, einen Feind des Vaterlandes zu töten?"
"Gewiß, Herr Direktor."
"Und gegen ihn eine Lüge anzuwenden?"
"Gewiß, Herr Direktor."
"Auch die schmutzigste List?"
"Gewiß, Herr Direktor."
"Doch gegen Herrn Doktor Vogel wollen Sie keine List anwenden?"
"Nein, Herr Direktor."
"Warum nicht?"
"Das ist nicht dasselbe."
"Warum ist es nicht dasselbe?"
Ich überlegte und sagte dann: "Weil es sich nur um mich handelt."
Er sagte "Aha!"
in einem scharfen, triumphierenden Ton, seine Augen funkelten hinter den Brillengläsern, er warf das Lineal auf den Tisch, kreuzte die Arme und sah sehr befriedigt aus. "Lang", sagte er, "Sie sind ein gefährlicher Mensch."
Der Oberaufseher drehte den Kopf zu mir und sah mich mit strenger Miene scharf an. "Und wissen Sie, warum Sie ein gefährlicher Mensch sind?"
"Nein, Herr Direktor."
"Weil Sie ehrlich sind."
Seine goldene Brille funkelte, und er fuhr fort: "Alle ehrlichen Menschen sind gefährlich. Nur die Lumpen sind harmlos. Und wissen Sie, warum, Oberaufseher?"
"Nein, Herr Direktor."
"Möchten Sie es wissen, Oberaufseher?"
"Jawohl, Herr Direktor, ich möchte es wissen."
"
Weil die Lumpen nur aus Eigennutz handeln, das heißt kleinlich."
Er setzte sich, legte die Arme auf die Seitenlehnen des Sessels und sah von neuem höchst befriedigt aus. "Lang", begann er wieder, "ich bin froh, daß dieser Brief des gelehrten Doktor Vogel"
(er nahm ihn mit den Fingerspitzen auf) "meine Aufmerksamkeit auf Ihren Fall gelenkt hat. Es ist wenig wahrscheinlich, daß der gelehrte Doktor Vogel jetzt noch"
(er lächelte) "etwas für Sie unternimmt. Aber ich dagegen. .."
Er stand auf, hüpfte lebhaft zum Bücherregal, zog aufs Geradewohl ein Buch heraus und sagte, mir den Rücken zuwendend: "Zum Beispiel kann ich in Anbetracht Ihrer guten Führung eine Herabsetzung Ihrer Strafe beantragen."
Er drehte sich mit affenartiger Behendigkeit um, stieß mit dem Lineal wie ein Fechter nach mir, seine Augen blitzten, und plötzlich rief er mit schriller Stimme: "Und ich werde es tun."
Er stellte das Buch wieder an seinen Platz, tänzelte zu seinem Schreibtisch, setzte sich, hob den Blick und schien plötzlich ganz

erstaunt zu sein, uns hier zu sehen. Er machte eine kleine ungeduldige Bewegung mit der Hand. "Führen Sie den Gefangenen ab!"
Und ohne Übergang fing er an zu schreien: "Schnell, schnell, schnell!"
"Vorwärts!"
rief der Oberaufseher. Und wir verließen das Zimmer fast im Laufschritt. Der Direktor hielt Wort, obwohl ich noch zwei Jahre warten mußte, bevor ich die Wirkung spürte. Im Jahre 1929 erfuhr ich, daß meine Strafe auf die Hälfte herabgesetzt worden war. Und ich verließ das Gefängnis fast auf den Tag genau fünf Jahre, nachdem ich eingeliefert worden war . Ich war sehr gewachsen, und meine Zivilkleider waren abermals zu klein geworden. Auf jeden Fall war ich sehr froh, daß beinahe schon Sommer war und die Witterung mild, denn so brauchte ich den Mantel von Onkel Franz nicht zu tragen. Über meinen Arbeitslohn hinaus erhielt ich einen Fahrtausweis nach

M. Im Zug ertappte ich mich dabei, daß ich an meine Zelle dachte, und seltsamerweise mit Bedauern. Ich hielt mich im Gang des Wagens auf, sah zum Fenster hinaus, die reifen Felder flogen vorüber, sie wogten leicht im Sonnenschein, und ich dachte: 'Ich bin frei.' Es war sonderbar, das zu denken, und daß es letztlich der Brief des Doktor Vogel gewesen war, dem ich meine Freiheit verdankte Nach einer Weile setzte ich mich wieder ins Abteil. Meine unbeschäftigten Hände hingen herab, die Minuten vergingen eine nach der andern, es war niemand mehr da, der mir sagte, was ich tun sollte, ich langweilte mich. Ich ging wieder auf den Gang hinaus und sah durchs Fenster. Die Kornfelder waren sehr schön. Der Wind strich mit leichten Schauern über sie weg wie über einen See. Im Gefängnis hatte man mir fünf Zigaretten mitgegeben, aber nichts, um sie anzuzünden. Ich trat in mein Abteil, bat einen Mitreisenden um Feuer und ging wieder auf den Gang. Die Zigarette hatte keinen Geschmack, und nach ein paar Zügen ließ ich das Fenster herunter und warf sie in weitem Bogen hinaus. Der Wind trieb sie an den Wagen zurück, und eine Funkengarbe sprühte auf. Dann schloß ich das Fenster wieder und betrachtete von neuem die Felder . Neben den Feldern sah ich auch Wiesen in recht gutem Zustand, aber ich sah keine Pferde. Nach einer Weile dachte ich an die Partei und fühlte mich glücklich.