1916
Ich ging an Saal sechs vorüber, bog nach rechts,
wendete mich hinter der Apotheke nochmals nach rechts. Dort waren
die Offizierszimmer. Ich ging langsamer. Die Tür Rittmeister
Günthers stand wie gewöhnlich offen, und ich wußte, daß er auf den
Kissen saß, vom Kopf bis zu den Füßen in Verbände gewickelt, den
Blick auf den Korridor geheftet. Ich kam an der Tür vorbei, warf
ihm einen raschen Blick zu, und er rief mit dröhnender Stimme:
"Junge!"
Ich bekam Herzklopfen. "Komm
her!"
Ich ließ Eimer, Schürze und
Lappen auf dem Korridor und betrat sein Zimmer . "Brenn mir eine
Zigarette an."
"Ich, Herr
Rittmeister?"
"Du, ja, Dummkopf! Ist sonst
noch jemand im Zimmer?"
Und gleichzeitig hob er
seine beiden Arme und zeigte mir die Verbände um seine Hände. Ich
sagte: "Jawohl, Herr Rittmeister!"
Ich steckte ihm eine
Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an. Er tat zwei oder
drei Züge hintereinander und sagte dann kurz: "Raus!"
Ich nahm vorsichtig die
Zigarette aus seinen Lippen und wartete. Der Rittmeister lächelte
und sah dabei ins Leere. Soweit ich es bei den Verbänden, die ihn
einhüllten, beurteilen konnte, war er ein sehr schöner Mann, und in
seinem Lächeln wie in seinen Augen lag etwas Anmaßendes, das mich
an Onkel Franz erinnerte. "Rein!"
kommandierte der
Rittmeister. Ich steckte ihm die Zigarette wieder zwischen die
Lippen. Er zog daran. "Raus!"
Ich nahm ihm abermals die
Zigarette aus dem Mund. Er sah mich schweigend einen Augenblick
scharf an, dann sagte er: "
Wie heißt du?"
"Rudolf, Herr
Rittmeister."
"Nun, Rudolf", sagte er
leutselig, "ich sehe, daß du doch nicht so dumm bist wie Paul. Wenn
dieses Schwein eine Zigarette anzündet, verbrennt er mindestens die
Hälfte. Und obendrein ist er nie da, wenn ich ihn
rufe."
Er gab mir ein Zeichen, daß
ich ihm die Zigarette zwischen die Lippen stecken sollte, tat einen
Zug und sagte: "Raus!"
Er sah mich an. "Und wo
haben sie denn dich hergeholt, Bengel?"
"Aus der Schule, Herr
Rittmeister."
"Du kannst also
schreiben?"
"Ja, Herr
Rittmeister."
"Setz dich, ich will dir einen Brief an meine
Dragoner diktieren."
Weiter sagte er: "Weißt du,
wo meine Dragoner sind?"
"Saal 8, Herr
Rittmeister."
"Gut", sagte er befriedigt,
"setz dich!"
Ich setzte mich an seinen
Tisch, er begann zu diktieren, und ich schrieb. Als er zu Ende war,
brachte ich ihm den Brief, er las ihn noch einmal durch, schüttelte
den Kopf und befahl mir, mich wieder hinzusetzen, um eine
Nachschrift anzufügen. "Rudolf", sagte die Stimme der Oberschwester
hinter meinem Rücken, "was machst du hier?"
Ich sprang auf. Sie stand
auf der Türschwelle, groß und steif, das blonde Haar
glattgestrichen, die Hände vor dem Leib übereinandergelegt, mit
strenger, abweisender Miene. "Rudolf", sagte der Rittmeister
Günther und sah die Oberschwe-ster hochmütig an, "arbeitet für
mich."
"Rudolf", sagte die
Oberschwester, ohne ihn anzusehen, "ich habe dir befohlen, Saal
zwölf zu reinigen. Ich habe dir hier zu befehlen und sonst
niemand."
Rittmeister Günther
lächelte. "Meine Gnädige", sagte er mit hochmütiger Höflichkeit,
"Rudolf wird Saal zwölf weder heute noch morgen
reinigen."
"So!"
sagte die Oberschwester,
indem sie sich ihm voll zuwandte, "und darf ich fragen, warum, Herr
Rittmeister?"
"Weil er von heute an in
meinen Dienst und den der Dragoner übertritt. Paul kann ja den Saal
zwölf reinigen, wenn Sie es wünschen, meine Gnädige."
Die Oberschwester richtete
sich zu ihrer ganzen Höhe auf und sagte kalt: "Haben Sie sich über
Paul zu beklagen, Herr Rittmeister?"
"Gewiß, meine Gnädige, ich
habe mich über Paul zu beklagen. Paul hat dreckige Hände und Rudolf
saubere. Paul zündet Zigaretten schweinemäßig an und Rudolf
richtig. Paul schreibt auch schweinemäßig, und Rudolf schreibt sehr
schön. Aus allen diesen Gründen, meine Gnädige, und außerdem, weil
er nie da ist, kann Paul sich aufhängen lassen, und Rudolf tritt
von jetzt an in meinen Dienst."
Die Augen der Oberschwester
funkelten. "Und darf ich fragen, Herr Rittmeister, wer das
angeordnet hat?"
"Ich."
"Herr Rittmeister", rief die
Oberschwester mit keuchender Brust, "ich möchte, daß Sie ein für
allemal begreifen, daß hier nur ich über die Verwendung des
Personals zu entscheiden habe."
"So?"
sagte Rittmeister Günther.
Und er lächelte mit einer unglaublichen Unverschämtheit, während er
seinen Blick langsam über sie hingleiten ließ, als ob er sie
auskleidete.
"Rudolf", schrie sie mit vor Wut bebender
Stimme, "komm mit! Komm sofort mit!"
"Rudolf", sagte der
Rittmeister Günther ruhig, "setz dich!"
Ich sah sie beide an, und
eine volle Sekunde lang zögerte ich. "Rudolf!"
schrie die Oberschwester.
Der Rittmeister sagte nichts, er lächelte. Er ähnelte Onkel Franz.
"Rudolf!"
rief die Oberschwester
wütend. Ich setzte mich wieder hin. Sie machte kehrt und verließ
das Zimmer . "Ich frage mich", rief der Rittmeister mit dröhnender
Stimme, "was diese steife blonde Jungfer im Bett abgeben würde.
Nicht viel wahrscheinlich! Wie denkst du darüber,
Rudolf?"
Am nächsten Tag änderte die
Oberschwester den Dienstplan, und ich wurde zum Dienst bei
Rittmeister Günther und seinen Dragonern bestimmt. Eines Morgens,
als ich dabei war, in seinem Zimmer Ordnung zu machen, sagte er
hinter meinem Rücken: "Ich habe schöne Geschichten von dir
gehört."
Ich drehte mich um, er sah
mich mit strenger Miene an, mir war die Kehle wie zugeschnürt.
"Komm her!"
Ich näherte mich dem Bett.
Er drehte sich in den Kissen auf die andere Seite, um mir ins
Gesicht zu sehen. "Es scheint, du hast deine Arbeit auf dem Bahnhof
dazu benutzt, dich zweimal in Transporte einzuschmuggeln, die an
die Front gehen. Ist das wahr?"
"Ja, Herr
Rittmeister."
Er sah mich einen Augenblick
streng an. "Setz dich!"
Ich hatte mich in seiner
Gegenwart nie gesetzt, außer um die Briefe an seine Dragoner zu
schreiben, und ich zögerte. "Setz dich, Dummkopf!"
Ich nahm mir einen Stuhl,
rückte ihn ans Bett und setzte mich mit klopfendem Herzen. "Nimm
eine Zigarette!"
Ich nahm eine Zigarette und
hielt sie ihm hin. Er winkte ab. "Sie ist für dich."
Stolz überflutete mich. Ich
nahm die Zigarette zwischen meine Lippen, zündete sie an, tat
mehrere Züge hintereinander und fing sofort zu husten an. Der
Rittmeister sah mir zu und lachte. "Rudolf", sagte er und wurde
plötzlich wieder ernst, "ich habe dich beobachtet. Du bist klein,
du hast nicht viel Benehmen, du redest nicht. Aber du bist klug,
gebildet, und alles, was du tust, tust du, wie es ein guter
Deutscher tun muß: gründlich."
Er sagte das in demselben Ton wie Vater, und
fast, wie mir schien, mit dessen Stimme. "Dazu bist du mutig und
begreifst deine Pflicht gegen das Vaterland."
"Ja, Herr
Rittmeister."
Ich fing an zu husten. Er
sah mich an und lächelte. "Du kannst die Zigarette weglegen, wenn
du willst, Rudolf."
"Danke, Herr Rittmeister
."
Ich legte die Zigarette in
den Aschenbecher auf dem Nachttisch, nahm sie dann zwischen Daumen
und Zeigefinger und drückte sie sorgfältig aus. Er sah mir
schweigend zu. Dann hob er seine verbundene Hand und sagte:
"Rudolf."
"Ja, Herr
Rittmeister."
"Und es ist schön, daß du es
nach einem Mißerfolg noch einmal versucht hast."
"Ja, Herr
Rittmeister."
"Aber es wäre noch schöner,
wenn du Dragoner wärst."
Ich stand verblüfft auf.
"Ich, Herr Rittmeister?"
"Setz dich!"
schrie er mich an. "Niemand
hat dir befohlen aufzustehen."
Ich stand stramm und sagte:
"Jawohl, Herr Rittmeister", und setzte mich wieder . "Nun", sagte
ernach einer kleinen Weile, "wie denkst du darüber?"
Ich antwortete mit bebender
Stimme: "Herr Rittmeister, ich denke, das wäre ganz einfach
wunderbar."
Er sah mich mit vor Stolz
funkelnden Augen an, schüttelte den Kopf und wiederholte ein
paarmal in verhaltenem Ton : "Ganz einfach wunderbar."
Dann sagte er ernst,
bedächtig und fast leise: "Gut, Rudolf, gut."
Das Herz hüpfte mir in der
Brust. Ein Schweigen entstand, dann sagte der Rittmeister: "Rudolf,
ich habe Auftrag, wenn die Kratzer hier geheilt sind, eine
Abteilung aufzustellen."
Er fuhr fort: "Für eine
unserer Fronten. Bevor ich von hier weggehe, gebe ich dir die
Anschrift der Kaserne, und du meldest dich bei mir. Alles Weitere
erledige ich."
"Ja, Herr
Rittmeister!"
sagte ich, am ganzen Leibe
zitternd. Dann kam mir sofort ein schrecklicher Gedanke. "Herr
Rittmeister", stammelte ich, "aber sie werden mich nicht nehmen;
ich bin noch nicht sechzehn."
"Ach was!"
sagte der Rittmeister
lachend, "das macht nichts! Mit sechzehn ist man alt genug, um zu
kämpfen! Das sind ihre idiotischen Gesetze! Aber du brauchst keine
Angst zu haben, Rudolf, ich werde das erledigen."
Er richtete sich in den
Kissen hoch, seine Augen leuchteten auf, und er rief zur Tür hin:
"Guten Tag, mein Schatz!"
Ich drehte mich um. Die kleine blonde Schwester,
die ihn pflegte, war da. Ich wusch mir am Waschtisch die Hände und
half ihr, die Verbände des Rittmeisters abzunehmen. Das dauerte
eine Weile, und während der ganzen Zeit hörte der Rittmeister, der
gegen Schmerz unempfindlich zu sein schien, nicht auf zu lachen und
zu scherzen. Schließlich fing die Schwester an, ihn von neuem wie
eine Mumie in seine Verbände einzuwickeln. Mit seiner verbundenen
Hand hob er ihr Gesicht hoch und fragte sie in halb ernstem, halb
scherzhaftem Ton, wann sie sich entschließen würde, mit ihm zu
schlafen. "Ach! Ich will aber nicht, Herr Rittmeister", sagte sie.
"
Warum nicht?"
sagte er und sah sie
spitzbübisch an. "Gefalle ich Ihnen nicht?"
"Doch, doch, Herr
Rittmeister!"
sagte sie lachend. "Sie sind
ein sehr schöner Mann."
Dann setzte sie mit völlig
ernsthafter Miene hinzu: "Das ist doch Sünde."
"Ach was!"
sagte er ärgerlich. "Sünde!
Dummes Zeug!"
Und bis zum Schluß tat er
den Mund nicht mehr auf. Als sie gegangen war, drehte er sich mit
wütendem Gesicht zu mir um. "Hast du's gehört, Rudolf? Diese kleine
Gans! Hat so schöne Brüstchen und glaubt noch an Sünde. Herrgott,
Sünde, was für eine Torheit! Das setzen ihnen die Pfaffen in den
Kopf. Sünde! So betrügt man unsere biederen Deutschen. Diese
Schweine hängen ihnen Sünden an, und unsere biederen Deutschen
zahlen ihnen dafür Geld. Und je mehr diese Läuse ihnen das Blut
aussaugen, um so zufriedener sind unsere Dummköpfe. Es sind Läuse,
Rudolf, Läuse! Sie sind schlimmer als die Juden. Ich wünschte, ich
hätte sie alle hier in meiner Hand; Herrgott, sie würden eine böse
Viertelstunde erleben. Sünde! Man ist kaum geboren, da ist sie
schon da. Man ist schon mit einer belastet. Von der Geburt an heißt
es: Auf die Knie! So verdummen sie unsere biederen Deutschen. Mit
Hilfe der Furcht! Die armen Idioten sind so feige geworden, daß sie
nicht einmal mehr zu küssen wagen. Statt dessen rutschen sie auf
den Knien, die Idioten, beten und schlagen sich an die Brust:
'Verzeihung, Herr! ...Verzeihung, Herr!"' Er ahmte so treffend
einen Gläubigen nach, der seine Sünde bekennt, daß ich für den
Bruchteil einer Sekunde Vater vor mir zu sehen glaubte. "Zum
Donnerwetter! Welch eine Dummheit! Es gibt nur eine Sünde, Rudolf!
Hör mir gut zu! Und das ist: kein guter Deutscher zu sein. Das ist
Sünde. Ich, Rittmeister Günther, bin ein guter Deutscher. Was
Deutschland mir zu tun befiehlt, das tue ich. Was meine deutschen
Vorgesetzten mir zu tun befehlen, das tue ich. Und damit basta!
Aber ich will nicht, daß diese Läuse mir das Blut
aussaugen."
Er hatte sich halb aus den Kissen erhoben und
seinen mächtigen Oberkörper mir zugedreht; seine Augen schossen
Blitze. Noch nie war er mir schöner erschienen. Nach einer Weile
wollte er aufstehen und, auf meine Schulter gestützt, ein paar
Schritte im Zimmer auf und ab gehen, Er hatte wieder gute Laune und
lachte über jede Kleinigkeit. "Sag mal, Rudolf, was reden sie denn
hier von mir?"
"Hier im
Lazarett?"
"Ja, du Dummkopf, im
Lazarett. Wo glaubst du denn, daß wir sind?"
Ich überlegte sorgfältig.
"Sie sagen, daß Sie ein echter deutscher Held sind, Herr
Rittmeister."
"So, so! Sagen sie das? Und
was noch?"
"Daß Sie so lustig sind,
Herr Rittmeister."
"Und weiter?"
"Und die Frauen sagen, Sie
wären. .."
"Was?"
"Darf ich es wiederholen,
Herr Rittmeister?"
"Natürlich,
Dummkopf."
". ..ein ganz
Gerissener."
"So, so! Sie haben nicht
unrecht. Ich werde es ihnen beweisen."
"Und dann sagen sie, daß Sie
sonderbar wären."
"Und weiter?"
"Sie sagen auch, daß Sie
Ihre Leute lieben."
Das war genau das, was man
sagte, und ich glaubte ihm eine Freude zu machen, indem ich es
wiederholte, aber sein Gesicht verdüsterte sich. "Quatsch! Dummes
Zeug! Ich liebe meine Leute! Da sieht man ihre blöde
Sentimentalität! Sie müssen überall die Liebe hineinbringen. Hör
zu, Rudolf, ich liebe meine Leute nicht, ich nehme mich ihrer an,
das ist etwas anderes. Ich nehme mich ihrer an, weil es Dragoner
sind und ich Dragoneroffizier bin, und Deutschland braucht
Dragoner. Das ist alles."
"Aber sie sagen, als der
kleine Erich starb, hätten Sie seiner Frau die Hälfte Ihres Soldes
geschickt."
"Ja, ja", sagte der
Rittmeister augenzwinkernd, "und außerdem einen schönen Brief, in
dem ich das Lob dieses kleinen Dreckfinken und Drückebergers, der
nicht einmal richtig reiten konnte, in allen Tonarten gesungen
habe. Und warum tat ich das, Rudolf? Weil ich Erich liebte? Ach!
Überleg doch mal, Rudolf! Der kleine Dreckfink war tot: Er war also
kein Dragoner mehr. Nein, wenn ich das getan habe, so darum, damit
jeder im Dorf meinen Brief lesen und sagen sollte: ,Unser Erich war
ein deutscher Held, und sein Offizier ist ein deutscher Offizier!"'
Er blieb stehen und schaute mir in die Augen. "Des guten Beispiels
halber, verstehst du? Wenn du eines Tages Offizier wirst, denke
daran: an das Geld, an den Brief und alles. So
muß man es machen, genau so! Des Beispiels
halber, Rudolf, um Deutschlands willen."
Er stellte sich vor mich
hin, legte mir plötzlich seine beiden verbundenen Hände auf die
Schultern und zog mich an sich. "Rudolf!"
"Jawohl, Herr
Rittmeister."
Er sah auf mich herunter und
versenkte seinen Blick in meinen. "Hör gut zu!"
"Jawohl, Herr
Rittmeister."
Er drückte mich an sich und
sagte betont und laut: "Für mich gibt's nur eine Kirche, und die
heißt Deutschland."
Ein Schauer überlief mich
von Kopf bis zu den Füßen. Ich sagte mit bebender Stimme: "Jawohl,
Herr Rittmeister!"
Er beugte sich zu mir herab
und preßte mich unbarmherzig an sich. "Meine Kirche heißt
Deutschland. Wiederhole das!"
"Meine Kirche heißt
Deutschland"
"Lauter."
Ich wiederholte mit
Donnerstimme: "Meine Kirche heißt Deutschland."
"Gut so,
Rudolf."
Er ließ mich los und ging
ohne meine Hilfe wieder zu Bett. Nach einem Weilchen schloß er die
Augen und befahl mir durch einen Wink zu gehen. Bevor ich das
Zimmer verließ, nahm ich aus dem Aschenbecher rasch die Zigarette,
die er mir gegeben hatte, und als ich auf dem Korridor war, steckte
ich sie in meine Brieftasche. Als ich an disem Abend nach Hause
kam, war es halb acht durch. Mutter und meine beiden Schwestern
saßen schon am Tisch. Sie warteten auf mich. Ich blieb auf der
Schwelle stehen und ließ meinen Blick langsam über sie hingleiten.
"Guten Abend, Rudolf", sagte Mutter, und gleich darauf sagten es
meine Schwestern als ihr Echo. Ich setzte mich. Mutter trug die
Suppe auf. Ich setzte den Löffel an die Lippen, und sogleich taten
es mir alle nach. Als wir die Suppe gegessen hatten, brachte Mutter
eine große Schüssel Kartoffeln herein und stellte sie auf den
Tisch. "Immer wieder Kartoffeln!"
sagte Bertha und schob ihren
Teller verdrießlich zurück. Ich sah sie an. "Bertha, im
Schützengraben haben sie nicht einmal alle Tage
Kartoffeln."
Bertha wurde rot, aber dann
erwiderte sie: "Was weißt du davon! Du warst doch nicht
dort."
Ich legte die Gabel auf den
Tisch und sah sie an.
"Bertha", sagte ich, "ich habe zweimal versucht,
an die Front zu gehen. Sie haben mich nicht gewollt. Inzwischen
arbeite ich täglich zwei Stunden in einem Lazarett."
Ich machte eine Pause und
sprach dann betont und laut: "Das tue ich für Deutschland. Und du,
Bertha, was tust du für Deutschland?"
"Bertha", sagte Mutter, "du
solltest dich schämen. .."
Ich unterbrach sie. "Bitte,
Mutter!"
Sie schwieg. Ich wandte mich
wieder an Bertha, sah sie fest an und wiederholte, ohne die Stimme
zu erheben: "Bertha, was tust du für Deutschland?"
Bertha fing an zu weinen,
und bis zum Nachtisch fiel kein Wort mehr. Als Mutter aufstehen
wollte, um abzudecken, sagte ich: "Mutter..."
Sie setzte sich wieder, und
ich sah sie an. "Ich hab' mir's überlegt. Vielleicht wäre es
besser, das gemeinsame Abendgebet wegzulassen. Jeder könnte in
seinem Zimmer beten."
Mutter sah mich an. "Du hast
doch nein gesagt, Rudolf."
"Ich hab' mir's
überlegt."
Es entstand ein Schweigen,
und Mutter sagte: "Wie du willst, Rudolf."
Sie schien noch etwas
hinzufügen zu wollen, besann sich aber. Sie fing an, mit meinen
Schwestern den Tisch abzuräumen. Ich blieb sitzen, ohne mich zu
rühren. Als sie wieder aus der Küche hereinkamen, sagte ich:
"Mutter. .."
"Ja, Rudolf."
"Von jetzt an werde ich mit
euch zusammen frühstücken."
Ich fühlte, daß meine
Schwestern mich anstarrten. Ich drehte mich zu ihnen um. Sie
schlugen sofort die Augen nieder. Mutter setzte mechanisch das
Glas, das sie in die Hand genommen hatte, wieder auf den Tisch.
Auch sie hatte die Augen gesenkt. Nach einem Weilchen sagte sie:
"Du standest bis jetzt um fünf Uhr auf, Rudolf."
"Ja, Mutter."
"Und du willst es nicht
mehr?"
"Nein, Mutter."
Ich setzte hinzu: "Ich werde
von jetzt an um sieben Uhr aufstehen."
Mutter rührte sich nicht,
sie war nur etwas bleich geworden, und ihre Hand schob das Glas auf
dem Tisch hin und her. Zögernd fragte sie: "Um sieben Uhr, ist das
nicht zu spät, Rudolf?"
Ich sah sie an. "Nein,
Mutter. Ich gehe von hier aus direkt in die Schule."
Ich betonte das "direkt".
Mutter blinzelte, sagte aber nichts. Ich fuhr fort: "Ich fühle mich
etwas müde."
Mutters Gesicht hellte sich
auf.
"Natürlich", sagte sie hastig, und als ob diese
Bemerkung sie von . einer großen Last befreit hätte: "Natürlich,
bei der Arbeit, die du leistest ..."
Ich unterbrach sie. "Also
abgemacht?"
Sie nickte zustimmend, ich
sagte: "Gute Nacht", wartete, bis alle mir darauf geantwortet
hatten, und ging in mein Zimmer . Ich schlug mein Geometriebuch auf
und begann, meine Aufgabe für den nächsten Tag durchzugehen. Es
gelang mir nur schlecht, meine Aufmerksamkeit darauf zu richten.
Ich legte das Buch auf den Tisch, nahm meine Schuhe und fing an,
sie zu wichsen. Nach einem Weilchen glänzten sie, und ich empfand
Befriedigung darüber. Ich stellte sie sorgfältig ans Fußende meines
Bettes, wobei ich darauf achtgab, daß die Absätze auf einer Linie
des Fußbodens standen. Dann stellte ich mich vor den
Spiegelschrank, und als ob eine,Stimme mir den Befehl gegeben
hätte, stand ich plötzlich stramm. Fast eine Minute lang studierte
und korrigierte ich geduldig meine Haltung, und als sie wirklich
vollkommen war, blickte ich in den Spiegel, sah mir in die Augen:
und langsam, deutlich, ohne eine Silbe auszulassen, genauso, wie
Vater es tat, wenn er betete, sprach ich die Worte: "Meine Kirche
heißt Deutschland."
Danach zog ich mich aus,
legte mich ins Bett, nahm die Zeitung vom Stuhl und fing an, die
Kriegsnachrichten von der ersten bis zur letzten Zeile zu lesen.
Auf dem Bahnhof schlug es neun Uhr. Ich faltete die Zeitung
zusammen, legte sie auf den Stuhl und streckte mich in meinem Bett
aus, mit offenen Augen, aber bereit, sie zu schließen, sobald
Mutter in mein Zimmer käme, um das Licht zu löschen. Ich hörte die
Tür meiner Schwestern leicht knarren, dann Mutter mit weichen
Schritten an meiner Tür vorbeigehen. Mutters Tür knarrte ebenfalls,
der Riegel scharrte, Mutter fing hinter der Wand an zu husten, dann
wurde es still. Ich wartete noch unbeweglich eine Minute lang. Dann
nahm ich wieder die Zeitung zur Hand, schlug sie auf und fing
wieder an zu lesen. Nach einer Weile sah ich nach der Uhr. Es war
halb zehn. Ich legte die Zeitung weg, stand auf und löschte das
Licht. Am 1. August 1916 trat ich, nachdem ich zum drittenmal von
zu Hause ausgerissen war, dank Rittmeister Günther beim
Dragonerregiment 23 in B. ein. Ich war fünfzehn Jahre und acht
Monate alt. Die Ausbildung ging schnell. Ich war klein, aber
kräftig genug für meine Größe und hielt die Anstrengungen des
Dienstes rühmlich aus. Ich hatte einen großen Vorteil vor den
anderen Rekruten: Ich konnte schon reiten, da ich mehrere Ferien
auf einem Gut in Mecklenburg zugebracht hatte. Und vor allem liebte
ich die Pferde. Es war nicht nur das Vergnügen am Reiten. Es machte
mir Freude, sie zu sehen, sie zu pflegen, ihren Geruch einzuatmen,
um sie zu sein. In der Kaserne stand ich bald im Ruf, gefällig zu
sein, weil ich gern die Stallwache meiner Kameraden zu meiner hinzu
übernahm. Aber darin lag keinerlei Verdienst. Ich war lieber mit
Tieren zusammen. Das geregelte Kasernenleben war gleichfalls für
mich eine große Quelle des Vergnügens. Ich glaubte zu wissen, was
geregelter Betrieb war, weil zu Hause unsere Stunden genau
eingeteilt waren. Aber es war doch nicht ganz dasselbe. Zu Hause
gab es hin und wieder noch unausgefüllte Zeiten, leere Augenblicke.
In der Kaserne war die Regelung wahrhaft vollkommen. Die Behandlung
der Waffen entzückte mich besonders. Ich hätte gewünscht, auf diese
Weise das ganze Leben so in Stücke zerlegen zu können. Morgens,
gleich nach dem Wecken, trieb ich ein kleines Spiel, das ich
erfunden und durchgebildet hatte, wobei ich darauf achtete, daß
kein Kamerad es merkte. Beim Aufstehen zerlegte ich meine
Bewegungen: erstens die Decke zurückwerfen, zweitens die Beine
heben, drittens sie auf den Boden fallen lassen, viertens stehen.
Dieses kleine Spiel verschaffte mir ein Gefühl der Befriedigung und
Sicherheit, und während der ganzen Dauer der Ausbildung unterließ
ich es kein einziges Mal. Ich glaube sogar, ich hätte es den ganzen
Tag über auf alle meine Bewegungen ausgedehnt, wenn ich nicht
gefürchtet hätte, daß man es auf die Dauer merken würde.
Rittmeister Günther wiederholte unaufhörlich mit frohlockender
Miene, wir kämen "anderswohin, Herrgott! anderswohin", aber die
Pessimisten sagten, seine fröhliche Laune sei im Grunde alberne
Angeberei, und wir wären sicher für Rußland bestimmt. Eines Morgens
jedoch erhielten wir Befehl, uns auf Kammer zu begeben, um neue
Uniformen zu fassen. Wir traten in Reihe vor der Tür an, und als
die ersten mit dem neuen Bündel wieder herauskamen, sahen wir, daß
Khakisachen und ein Tropenhelm darin waren. Sofort lief ein Wort
wie ein Schauer durch die ganze Reihe, und schließlich platzte es
wie eine Bombe als Zeichen der Freude und Erleichterung heraus:
"Türkei!"
Dann kam lächelnd
Rittmeister Günther, und der Orden Pour le mérité, den er eben
erhalten hatte, glitzerte an seinem Hals. Er hielt einen Dragoner
an, zeigte uns Stück für Stück der Ausrüstung und bemerkte, daß
darin Tausende von Mark steckten. Als er zu der kurzen Hose kam,
faltete er sie auseinander, ließ sie lustig in der Luft tanzen und
sagte, die Armee verwandle uns in kleine Jungen, damit wir den
Engländern nicht zuviel Angst einjagten. Die Dragoner fingen an zu
lachen, und einer sagte, die kleinen Jungen würden sie zum Laufen
bringen. Rittmeister Günther sagte: "Jawohl, mein
Herr!"
und setzte hinzu, diese
Nichtstuer von Engländern verbrächten an den Ufern des Nils ihre
Zeit damit, Tee zu trinken und Fußball zu spielen, aber bei Gott!,
wir würden ihnen zeigen, daß Ägypten weder eine Teestube noch ein
Fußballplatz sei. Als wir in Konstantinopel ankamen, leitete man
uns nicht, wie uns gesagt worden war, nach Palästina, sondern in
den Irak. In Bagdad verließen wir den Zug, die Abteilung stieg in
den Sattel, und wir erreichten in kurzen Tagemärschen ein kleines
elendes Nest mit langen, niedrigen Lehmhütten, das Fellalieh hieß.
Dort waren wenige primitive Befestigungsanlagen, und etwa
zweihundert Meter von dem türkischen Lager entfernt schlugen wir
unseres auf. Eine Woche nach unserer Ankunft griffen die Engländer
täglich bei wunderbar klarem Wetter nach starker
Artillerievorbereitung mit Hindutruppen an. Gegen Mittag nahm der
Unteroffizier drei Mann, Schmitz, Becker und mich, und ein
Maschinengewehr mit. Er führte uns ganz weit vor, auf den rechten
Flügel unserer Truppe, in ein vereinzeltes Grabenstück, das nur
wenig tief in den Sand eingegraben war. vor uns lag eine riesige
Ebene mit kleinen Palmengruppen hier und da. Die Sturmgräben der
Hindus verliefen fast parallel zu uns. Sie waren vollständig
einzusehen. Wir brachten das Maschinengewehr in Stellung, und der
Unteroffizier sagte trocken: "
Wenn einer am Leben bleibt,
bringt er das Maschinengewehr zurück."
Schmitz drehte sich zu mir
um, seine dicken Backen waren bleich, und er sagte durch die Zähne:
"Hast du das gehört?"
"Becker!"
sagte der Unteroffizier.
Becker setzte sich hinter das Maschinengewehr, er preßte die Lippen
zusammen, und der Unteroffizier sagte: "Feuer frei!"
Ein paar Sekunden später
krepierten um uns herum kleine Granaten und Becker kippte der Länge
nach rückwärts um. Sein Gesicht war weggerissen.
"Schmitz!"
sagte der Unteroffizier und
machte eine kleine Bewegung mit der Hand. Schmitz zog Beckers
Körper nach hinten. Seine Wangen zitterten. "Los,
Mensch!"
schrie der Unteroffizier.
Schmitz nahm hinter dem Maschinengewehr Platz und fing an zu
schießen. Schweiß rann ihm an den Backen herunter. Der
Unteroffizier entfernte sich einige Meter nach rechts, ohne sich
die Mühe zu nehmen, dabei in Deckung zu gehen. Schmitz fluchte
zwischen den Zähnen. Es gab einen harten Krach, ein Sandregen ging
auf uns nieder, und als wir den Kopf hoben, war der Unteroffizier
verschwunden. Schmitz sagte: "Ich werde mal
nachsehen."
Er kroch hin. Ich bemerkte,
daß an seinen Stiefelsohlen mehrere Zwecken fehlten. Einige
Sekunden verstrichen. Schmitz erschien wieder, sein Gesicht war
grau, und er sagte mit tonloser Stimme: "In Stücke
zerrissen."
Dann fuhr er leise fort, wie wenn der
Unteroffizier ihn noch hören könnte: "Der Esel! Aufrecht in die
Granaten hineinzulaufen! Was dachte der sich bloß? Daß sie einen
Bogen um ihn machen würden?"
Er setzte sich wieder hinter
das Maschinengewehr, ohne zu schießen und ohne sich zu bewegen. Man
hörte das Artilleriefeuer ziemlich weit entfernt auf unserm linken
Flügel, aber seitdem unser Maschinengewehr schwieg, deckte uns der
Feind nicht mehr zu. Es war seltsam, daß es in unserer Ecke so
ruhig war, während die übrige Front unter Feuer lag. Schmitz nahm
eine Handvoll Sand in die Hand, ließ ihn zwischen den Fingern
durchlaufen und sagte angewidert: "Und dafür kämpfen
wir!"
Er legte behutsam seine
Backe an das Maschinengewehr, aber statt zu schießen, warf er mir
einen Seitenblick zu und sagte: "
Wenn man jetzt.
.."
Ich schaute ihn an. Er saß
nach vorn übergebeugt, seine dicke runde Backe lag am
Maschinengewehr, sein Puppengesicht war zur Hälfte mir zugewandt.
"Schließlich", sagte er, "haben wir unsere Pflicht
getan."
Er fuhr fort: "
Wir haben keinen
Befehl."
Da ich immer noch schwieg,
setzte er hinzu: "Der Unteroffizier hat befohlen, das
Maschinengewehr zurückzubringen, wenn es Überlebende
gibt."
Ich sagte trocken: "Der
Unteroffizier hat gesagt: einen Überlebenden."
Schmitz starrte mich an, und
seine Porzellanaugen wurden ganz groß. "Junge", sagte er, "du bist
ja verrückt. Es liegt nicht der geringste Grund vor, zu warten, bis
einer von uns beiden draufgeht."
Ich sah ihn an, ohne zu antworten. "Aber das ist
doch Wahnsinn!"
fuhr er fort. "
Wir können ins Lager
zurückgehen. Niemand wird uns das übelnehmen. Keiner weiß, was uns
der Unteroffizier gesagt hat."
Er schob seinen großen
runden Schädel vor und legte seine Hand auf meinen Arm. Ich zog
meinen Arm sofort zurück. "Herrgott", sagte er weiter, "ich hab'
doch eine Ft:au und drei Kinder!"
Ein Schweigen folgte, dann
sagte er entschlossen: "Los! Komm! Ich habe keine Lust, in Stücke
zerrissen zu werden. Soviel Diensteifer ist für einen Unteroffizier
ganz richtig, aber nicht für uns."
Er legte die Hand an das
Maschinengewehr, als ob er es aufheben wollte. Ich legte sofort
meine neben seine und sagte: "Du kannst ja gehen, wenn du willst.
Ich bleibe hier. Und das Maschinengewehr auch."
Er zog seine Hand zurück und
sah mich verstört an. "Aber Mensch", sagte er mit rauher Stimme,
"du bist doch vollkommen verrückt.
Wenn ich ohne das Maschinengewehr zurückkomme,
erschießen sie mich. Das ist doch klar!"
Plötzlich liefen seine Augen
rot an und funkelten, er stieß einen Fluch aus und gab mir mit der
Faust einen Stoß vor die Brust. Ich taumelte zurück, er packte das
Maschinengewehr mit beiden Händen und hob es auf. Ich griff rasch
nach meinem Karabiner, lud und legte auf ihn an. Er blickte mich
bestürzt an. "Aber hör mal, hör mal. ..", stammelte er. Ich blieb
schweigend und unbeweglich sitzen, die Mündung des Karabiners auf
ihn gerichtet. Er ließ langsam das Maschinengewehr nieder, setzte
sich wieder dahinter und blickte weg. Ich legte meinen Karabiner
über die Knie, die Mündung auf ihn gerichtet, und legte einen neuen
Streifen in das Maschinengewehr ein. Schmitz sah mich an, öffnete
den Mund, seine Porzellanaugen blinzelten mehrere Male, dann lehnte
er seine rundliche Backe an die Waffe und fing wieder an zu
schießen. Einige Sekunden später hagelte es um uns herum Granaten,
die uns jedesmal mit Sand überschütteten. Das Maschinengewehr fing
an zu rauchen, und ich sagte: "Halt!"
Schmitz hörte mit Schießen
auf und sah mich an. Ich ließ meine rechte Hand auf dem Karabiner
liegen, ergriff mit der linken meine Feldflasche, machte sie mit
den Zähnen auf und goß den Inhalt über den Lauf. Sobald das Wasser
aud das Metall traf, verdampfte es mit Gezisch. Der Feind schoß
nicht mehr her. Schmitz war in sich zusammengesunken. Er sah mir
zu,ohne etwas zu sagen. Schweiß rieselte langsam zu beiden Seiten
seines Mundes herunter Er sagte schüchtern: "Laß mich
gehen!"
Ich schüttelte verneinend
den Kopf. Er strich mit der Zunge über seine Lippen, wandte die
Augen weg und sagte mit tonloser Stimme: "Ich lass' dir das
Maschinengewehr da. Laß mich gehen."
"Du kannst gehen, wenn du
willst. Ohne deinen Karabiner."
Er öffnete den Mund und sah
mich an. "Du bist verrückt! Ich brauche ihn für den Fall, daß sie
mich erschießen wollen."
Da ich schwieg, fuhr er
fort: "Warum denn ohne Karabiner?"
"Ich will nicht, daß du mich
hinterrücks erschießt, dann zurückkommst und das Maschinengewehr
holst."
Er sah mich an. "Ich schwöre
dir, daß ich daran nicht gedacht habe."
Er blickte beiseite und
sagte mit der leisen, flehenden Stimme eines Kindes: "Laß mich
gehen!"
Ich legte wieder einen neuen
Streifen ein, es knackte, er hob den Kopf und sah mich an. Dann,
ohne ein Wort zu sagen, lehnte er seine runde Backe an die Waffe
und schoß. Es regnete wieder Granaten. Sie schlugen mit hartem
Krachen hinter uns ein, und jedesmal klatschte der Sand
schaufelweise auf unsere Rücken. Mit ganz gewöhnlicher Stimme sagte
Schmitz: "Ich sitze schlecht."
Er hob wieder den Kopf,
rückte sich zurecht, warf dann plötzlich die Arme in die Luft wie
ein Hanswurst und fiel auf mich drauf. Ich drehte ihn um. Er hatte
mitten in der Brust ein großes schwarzes Loch, und ich war von
seinem Blut überströmt. Schmitz war groß und schwer, und es machte
mir viel Mühe, ihn nach hinten zu ziehen. Als ich es geschafft
hatte, nahm ich seine Feldflasche und die von Becker, goß beide
über dem Maschinengewehr aus und wartete. Das Maschinengewehr war
noch zu heiß zum Schießen. Ich betrachtete Schmitz. Er lag der
Länge nach auf dem Rücken. Seine halbgeschlossenen Augen gaben ihm
das Aussehen jener Puppen, die ihre Augen öffnen, wenn man sie
aufsetzt. Ich schleppte das Maschinengewehr zweihundert Meter höher
in ein engeres und etwas tieferes Loch, machte es fertig und legte
meine Backe daran. Ich fühlte mich allein, das Maschinengewehr
glänzte zwischen meinen Beinen, und ein Gefühl der Befriedigung
überkam mich. In etwa achthundert Meter Entfernung sah ich
plötzlich Hindus sich mit einer Langsamkeit vom Boden erheben, die
mir komisch vorkam, und in leichtem Laufschritt in langer Reihe,
fast parallel zu mir, vorgehen. Ich sah deutlich ihre langen,
dürren Beine sich bewegen. Hinter ihnentauchte eine zweite Linie
auf, dann eine dritte. Ich hatte sie alle im Längenfeuer. Ich
zielte etwas vor die erste Reihe und drückte auf den Abzug. Während
des Schießens verlegte ich das Feuer von vorn nach hinten, dann
wieder nach vorn und noch einmal nach hinten. Dann stoppte ich.
Genau in diesem Augenblick fühlte ich so etwas wie einen heftigen
Faustschlag gegen die linke Schulter. Ich fiel nach hinten, aber
ich setzte mich sofort wieder auf. Ich blickte auf meine Schulter,
sie war mit Blut befleckt, ich fühlte keinen Schmerz, aber ich
konnte den Arm nicht bewegen. Ich nahm ein Verbandspäckchen in die
rechte Hand, riß es mit den Zähnen auf und schob es zwischen Bluse
und Schulter. Sogar bei der Berührung fühlte ich nichts. Ich
überlegte und dachte, es wäre jetzt der gegebene Augenblick, sich
zurückzuziehen und das Maschinengewehr mitzunehmen. Während des
Zurückkriechens sah ich auf einer Anhöhe vor einer Gruppe Palmen
vier oder fünf Hindureiter halten. Ihre dünnen hochstehenden Lanzen
zeichneten sich am Himmel ab. Ich brachte vorsichtig mein
Maschinengewehr in Stellung und mähte sie nieder .
Dann legte ich noch ein paar hundert Meter in Richtung auf unsere Linien zurück, aber kurz bevor ich dort ankam, muß ich ohnmächtig geworden sein, denn ich erinnere mich an nichts mehr .
Nach meiner Genesung erhielt ich das Eiserne
Kreuz und wurde an die Front in Palästina, nach Birseba, geschickt.
Aber dort blieb ich nicht lange, ich kriegte Malaria und wurde
sofort nach Damaskus verfrachtet. Im Lazarett von Damaskus lag ich
eine Zeitlang ohne Besinnung, und meine erste deutliche Erinnerung
ist ein blondes Gesicht, das sich über mich beugte. "Fühlst du dich
wohl, mein Junge?"
sagte eine muntere Stimme.
"Ja, Fräulein."
"Nicht Fräulein", sagte die
Stimme, "Vera. Für die deutschen Soldaten bin ich Vera. Und jetzt
aufgepaßt."
Zwei frische und starke
Hände glitten unter meinen Körper und hoben mich hoch. Alles war
verworren, eine Frau trug mich, ich hörte das Keuchen ihres Atems,
und ganz nahe vor meinen Augen sah ich große Schweißtropfen über
ihren Hals perlen. Ich fühlte, daß ich auf ein Bett gelegt wurde.
"So, und nun", sagte die muntere Stimme, "wollen wir es ausnutzen,
daß Baby mal weniger Fieber hat, und es waschen. .."
Ich fühlte, wie ich
ausgekleidet wurde; eine weiche Hand strich über meinen Körper, ein
rauher Stoff kratzte mich, und dann lag ich wieder erfrischt mit
halboffenen Augen in den Kissen. Ich wandte langsam den Kopf, denn
mir tat der Nacken weh, und sah, daß ich in einem kleinen Zimmer
war . "Na, mein Junge? Fühlst du dich wohl?"
"Ja, Fräulein."
"Vera, für die deutschen
Soldaten Vera."
Eine rote Hand hob meinen
Nacken, klopfte mein Kissen auf und legte meinen Kopf wieder
behutsam auf den frischen Bezug. "Es macht dir doch nichts aus, in
einem Zimmer allein zu sein? Weißt du, warum man dich hierher
gelegt hat?"
"Nein, Vera."
"Weil du in der Nacht, wenn
du irre redest, so viel Lärm machst, daß deine Nachbarn nicht
schlafen können."
Sie fing an zu lachen und
beugte sich über mich, um mich zuzudecken. Die Haut ihres Halses
war rot, als käme sie eben aus dem Bad, ihr Blondhaar war glatt und
nach hinten gestrichen, und sie roch gut nach Toilettenseife. "Wie
heißt du?"
"Rudolf Lang."
"Schön, ich werde dich Rudolf nennen. Erlaubt es
der Herr Dragoner?"
"Bitte ja,
Vera."
"Für einen Dragoner bist du
sehr höflich, Rudolf. Wie alt bist du denn?"
"Sechzehneinhalb."
"Gott im Himmel! Sechzehn
Jahre."
"Und einhalb."
Sie fing an zu lachen. "Das
halbe Jahr dürfen wir nicht vergessen, Rudolf. Das halbe ist
wichtig, nicht wahr?"
Sie sah mich lächelnd an.
"Wo bist du her?"
"Aus Bayern."
"Aus Bayern? Ach! In Bayern
sind sie schwer von Begriff! Bist du auch schwer von
Begriff?"
"Ich weiß
nicht."
Sie lachte noch immer und
strich mir mit dem Handrücken über die Wange. Dann sah sie mich
ernst an und sagte mit einem Seufzer: "Sechzehn Jahre, drei
Verwundungen und Malaria!"
Dann setzte sie hinzu: "Bist
du sicher, daß du nicht schwer von Begriff bist,
Rudolf?"
"Ich weiß nicht,
Vera."
Sie lachte. "So. Es ist sehr
einfach, zu antworten: 'Ich weiß nicht, Vera.' Du weißt es nicht,
und da antwortest du: 'Ich weiß nicht, Vera.' Wenn du es wüßtest,
würdest du antworten: ,Ja, Vera' oder ,Nein, Vera.' Nicht
wahr?"
"Ja, Vera."
Sie lachte wieder. "Aber du
darfst nicht soviel sprechen. Man könnte fast meinen, das Fieber
steigt wieder. Du siehst ganz rot aus, Rudolf. Bis zum Abend,
Baby."
Sie trat ein paar Schritte
zur Tür hin, dann drehte sie sich lächelnd um. "Sag mal, Rudolf,
wem hast du denn das Bein zerbrochen?"
Ich richtete mich auf. Das
Herz klopfte mir, und ich blickte sie verwirrt an. "Aber was hast
du denn?"
sagte sie erschrocken und
kam mit lebhaften Schritten an mein Bett. "Los, leg dich wieder
hin. Was bedeutet das denn? Du erzählst davon die ganze Zeit in
deinen Fieberträumen. Los, leg dich wieder hin!"
Sie faßte mich an den
Schultern und zwang mich, mich wieder auszustrecken. Dann setzte
sich jemand auf mein Bett und legte mir die Hand auf die Stirn.
"Na?"
sagte eine Stimme. "Geht es
jetzt besser? Was macht das mir aus, wenn du zehntausend Menschen
das Bein brichst?"
Das Zimmer schien sich um
mich zu drehen, und ich sah, daß Vera am Kopfende saß, Vera mit
ihrer roten Haut, ihrem glatten Haar und
dem Geruch von Toilettenseife. Ich wandte den
Kopf, um sie besser zu sehen, aber plötzlich verschwand sie in
einem rötlichen Nebel. "Vera!“ –"Ja?"
"Sind Sie es?"
"Ich bin es. Ja, ich bin es,
dummer Kerl. Ich bin es. Vera. Leg dich hin."
"An dem gebrochenen Bein war
ich nicht schuld, Vera, das war der Schnee."
"Ich weiß, ich weiß, du hast
es oft genug gesagt. Beruhige dich!"
Ich fühlte, wie zwei große
kühle Hände meine Handgelenke faßten. "Genug davon! Sonst steigt
das Fieber."
"Es war nicht meine Schuld,
Vera."
"Ich weiß, ich
weiß."
Ich fühlte frische Lippen
ganz nah an meinem Ohr. "Es war nicht deine Schuld, hörst
du?"
sagte eine Stimme.
"Ja."
Jemand legte mir die Hand
auf die Stirn und ließ sie eine Weile darauf liegen. "Schlaf jetzt,
Rudolf!"
Mir war es, als ergriffe
eine Hand den Bettpfosten und rüttelte daran. "Na?"
sagte eine Stimme, und ich
schlug die Augen auf. "Sind Sie es, Vera?"
"Ja, ja. Sei jetzt
still."
"Jemand rüttelt am
Bett."
"Es ist
nichts."
"Warum rüttelt man am
Bett?"
Ein blonder Kopf neigte sich
über mich, und ich roch den Duft von Toilettenseife. "Sind Sie es,
Vera?"
"Ich bin es, Baby
."
"Bleiben Sie noch ein
bißchen da, bitte,Vera!"
Ich vernahm ein helles
Lachen, dann wurde es dunkel um mich, ein eisiger Hauch wehte mich
an, und ein Schwindel packte mich. "Vera! Vera! Vera!"
Ich hörte von weitem eine
Stimme: "Ja, mein Junge?"
"Es war nicht meine
Schuld."
"Nein, nein, mein Schäfchen!
Es war nicht deine Schuld. Und jetzt genug davon."
Ganz laut drang die Stimme
an mein Ohr, wie ein Befehl: "Genug davon!"
Und ich dachte mit
unsagbarer Befriedigung: ,Das ist ein Befehl.' Es wurde dunkel um
mich, ich vernahm wirres Stimmengemurmel, und als ich die Augen
aufschlug, war das Zimmer völlig in Dunkelheit getaucht, und
jemand, den ich nicht sehen konnte, bewegte unaufhörlich das
Fußende meines Bettes. Ich schrie laut: "Bewegt doch nicht mein
Bett!"
Es trat tiefe Stille ein,
dann erhob sich am Kopfende meines Bettes Vater, ganz in Schwarz
gekleidet, und sah mich mit seinen tiefliegenden, glänzenden Augen
fest an.
"Rudolf", sagte er in seiner abgerissenen
Redeweise, "steh auf und komm -wie du bist."
Dann fing er plötzlich an,
mit einer irren Geschwindigkeit in den Raum zurückzuweichen, aber
anscheinend ohne sich zu bewegen, und bald war er nur noch eine
hochragende Silhouette unter anderen, seine Beine wurden lang und
dürr, er war ein Hindu, er fing an, mit ihnen zu rennen; ich saß
auf meinem Bett, ein Maschinengewehr zwischen den Beinen, ich schoß
auf die Reihen der rennenden Hindus, das Maschinengewehr hüpfte auf
der Matratze, und ich dachte: ,Es ist nicht erstaunlich, daß sich
das Bett bewegt.' Ich machte die Augen auf, sah Vera vor mir
stehen. Sonne durchflutete das Zimmer, und ich sagte: "Ich muß ein
bißchen geschlafen haben."
"Ein bißchen?"
sagte Vera. Dann fügte sie
hinzu: "Hast du Hunger?"
"Ja, Vera."
"Gut, das ist gut, das
Fieber ist heruntergegangen. Du hast noch die ganze Nacht
dummesZeug geredet, Baby."
"Ist die Nacht
vorbei?"
Sie lachte. "Aber nein, sie
ist noch nicht vorbei. Was denkst du denn? Die Sonne hat sich
geirrt."
Sie sah mir beim Essen zu,
und als ich fertig war, räumte sie ab und beugte sich über mich, um
mich zuzudecken. Ich sah ihr glattgestrichenes blondes Haar, ihren
leicht geröteten Hals und atmete ihren Seifenduft ein. Als ihr Kopf
nahe genug war, schlang ich meine Arme um ihren Hals. Sie versuchte
nicht, sich zu befreien. Sie wandte mir das Gesicht zu und sah mich
an. "Das sind Dragonermanieren."
Ich machte keinerlei
Bewegung. Sie sah mich immer noch an, hörte auf zu lächeln und
sagte leise und vorwurfsvoll: "Du auch, Baby?"
Und mit einemmal sah sie
traurig und müde aus. Ich fühlte, daß sie etwas sagen wollte, daß
ich ihr Rede stehen müßte, und löste sogleich meine Arme. Sie
streichelte mir mit dem Handrücken die Wange und sagte
kopfschüttelnd: "Natürlich."
Dann setzte sie leise hinzu:
"Später", lächelte traurig und ging weg. Ich sah ihr nach. Ich
wunderte mich selbst, daß ich es getan hatte. Aber jetzt war der
Anfang gemacht, ich konnte nicht mehr zurück. Ich wußte nicht
recht, ob es mir Freude machte oder nicht. Am Nachmittag brachte
mir Vera Zeitungen und Briefe aus Deutschland. Der eine war von
Doktor Vogel. Er hatte drei Monate gebraucht, um mich zu erreichen.
Er enthielt die Mitteilung von Mutters Tod. Den gleichen Gegenstand
behandelten zwei kurze Briefe von Bertha und Gerda. Sie waren
schlecht geschrieben und voller Fehler. Doktor Vogel teilte mir
auch mit, daß er künftig unser Vormund sei, daß er meine beiden
Schwestern der Obhut von Onkel Franzens Frau anvertraut und unseren
Laden einem Geschäftsführer übergeben habe. Was mich beträfe, so
verstehe er gewiß die patriotischen Beweggründe, denen ich
nachgegeben hätte, indem ich mich freiwillig meldete, aber er mache
mich trotzdem darauf aufmerksam, daß meine übereilte Flucht meiner
armen Mutter große Sorgen bereitet habe und daß sicherlich diese
Flucht, oder besser gesagt: dieses Ausreißen, ihren Zustand
verschlimmert und vielleicht ihr Ende beschleunigt habe. Er hoffe
wenigstens, daß ich an der Front meine Pflicht täte, aber er
erinnere mich auch daran, daß ich nach Beendigung des Krieges noch
andere Pflichten zu erfüllen hätte. Ich faltete die Briefe
sorgfältig zusammen und legte sie in meine Brieftasche. Dann schlug
ich die Zeitungen auf und las alles, was über den Krieg in
Frankreich darin stand. Als ich damit fertig war, faltete ich sie
zusammen, steckte sie wieder in die Streifbänder und legte sie auf
den Stuhl neben meinem Bett. Dann kreuzte ich die Arme und
beobachtete durch das Fenster, wie die Strahlen der Sonne auf den
flachen Dächern immer länger wurden. Der Abend kam, und ich schlief
mit Vera.
Ich kehrte an die Front in Palästina zurück,
wurde von neuem verwundet, ausgezeichnet, und nach meiner Rückkehr
zur Truppe ernannte man mich trotz meiner Jugend zum Unteroffizier.
Kurz darauf wurde die Abteilung Günther der 3. Kavallerie-Division
angegliedert, die von dem türkischen Oberst Essad Bey befehligt
wurde, und nahm an dem Gegenangriff gegen den Ort Es Salt teil, den
arabische Helfershelfer den Engländern ausgeliefert hatten. Der
Kampf war zermürbend, wir saßen ab, verbissen uns in den Boden, und
nach achtundvierzig Stunden Nahkampf drangen wir endlich in den Ort
ein. Am nächsten Tag wurde ich durch dumpfe Schüsse geweckt. Ich
verließ die Unterkunft, die Sonne blendete mich, ich lehnte mich an
eine Mauer und öffnete meine Augen einen Spalt breit. Ich sah eine
weiße, blendende Masse, eine dichtgedrängte Menge von Arabern,
unbeweglich, schweigend, mit erhobenen Köpfen. Ich hob meinerseits
den Kopf und bemerkte in der Sonne, die sie von hinten beleuchtete,
etwa vierzig Araber, die mit verrenkten Köpfen sich wunderlich in
der Luft hin und her bewegten, als ob sie barfuß über den Köpfen
der Zuschauer tanzten. Dann wurden allmählich die Bewegungen
schwächer, ohne aber ganz aufzuhören, sie schaukelten weiter und
drehten sich um sich selbst, wobei sie bald ihr Gesicht, bald ihr
Profil zeigten. Ich ging ein paar Schritte weiter, der Schatten
eines Hauses schnitt ein schwarzes Viereck aus dem blendenden
Sonnenlicht heraus, eine köstliche Kühle umfing mich, ich machte
die Augen ganz auf, und erst da sah ich die Stricke. Der türkische
Dolmetscher Suleiman stand ein wenig abseits, die Arme über der
Brust gekreuzt, mit verächtlicher und unzufriedener Miene. Ich
näherte mich ihm und deutete auf die Gehängten. "Ach das!"
sagte er stirnrunzelnd. "Das
sind die Aufrührer des Emir Faisal."
Ich sah ihn an. ". ..Die
Notabeln, die Es Salt den Engländern auslieferten. Ein bescheidenes
Beispiel, mein Freund! Seine Exzellenz Dschemal Pascha ist
wahrhaftig zu barmherzig! Das Richtige wäre, sie alle
aufzuhängen."
"Alle?"
Er blickte mich an und
entblößte lautlos seine weißen Zähne. "Alle Araber."
Ich hatte schon viele Tote
gesehen, seitdem ich in der Türkei war, aber diese Gehängten
machten auf mich einen seltsamen, unangenehmen Eindruck. Ich kehrte
ihnen den Rücken zu und ging weg. Am Abend ließ mich Rittmeister
Günther rufen. Er saß in seinem Zelt auf einem kleinen Klappstuhl.
Ich nahm Stellung und grüßte. Er winkte mir, zu rühren, und spielte
weiter mit einem prachtvollen arabischen Dolch mit silbernem Griff,
den er in den Händen hin und her drehte. Nach einer Zeit kam
Leutnant von Ritterbach. Er war sehr groß und sehr hager, seine
schwarzen Augenbrauen zogen sich bis zu den Schläfen hin. Der
Rittmeister drückte ihm die Hand und sagte, ohne ihn anzusehen:
"Eine verdammte Arbeit für Sie heute abend, Herr Leutnant. Die
Türken machen eine Strafexpedition gegen ein arabisches Dorf hier
in der Nähe. Es ist ein Dorf, das sich schlecht aufgeführt hat, als
die Engländer die Türken aus Es Salt verjagten."
Der Rittmeister warf von
Ritterbach einen Seitenblick zu. "Meiner Meinung nach", fuhr der
Rittmeister mürrisch fort, "ist es eine Geschichte, die nur die
Türken angeht. Aber sie wollen deutsche Beteiligung."
Von Ritterbach verzog
hochmütig die Augenbrauen. Der Rittmeister erhob sich ungeduldig,
kehrte ihm den Rücken zu und machte im Zelt ein paar Schritte.
"Herrgott", sagte er und wandte sich um, "ich bin doch nicht hier,
um mich mit den Arabern herumzuschlagen."
Von Ritterbach sagte nichts.
Der Rittmeister tat noch ein paar Schritte, machte dann kehrt und
fuhr fast gemütlich fort: "Hören Sie zu, Herr Leutnant, Sie nehmen
etwa dreißig Mann mit und hier
unsern kleinen Rudolf, und alles, was Sie zu tun
haben, ist, das Dorf einzuschließen."
Von Ritterbach sagte: "Zu
Befehl, Herr Rittmeister."
Der Rittmeister nahm den
arabischen Dolch, ließ ihn in der Scheide spielen und sah
Ritterbach von der Seite an. "Ihr Befehl lautet, eine Sperre um das
Dorf zu legen und die aufrührerischen Bewohner daran zu hindern,
querfeldein zu entwischen. Das ist alles."
Die schwarzen Augenbrauen
Ritterbachs verzogen sich nach den Schläfen hin. "Herr Rittmeister.
.."
"Ja?"
"Und wenn Frauen unsere
Sperre durchbrechen wollen?"
Der Rittmeister sah ihn
mißmutig an, schwieg eine Sekunde und bemerkte trocken: "Im Befehl
steht darüber nichts."
Von Ritterbach hob das Kinn,
und ich sah den Adamsapfel in seinem mageren Hals auf und nieder
steigen. "Sind Frauen und Kinder als Aufrührer zu betrachten, Herr
Rittmeister?"
Der Rittmeister stand auf.
"Herrgott, Herr Leutnant", donnerte er los, "ich habe Ihnen schon
gesagt, daß im Befehl darüber nichts steht."
Von Ritterbach erblaßte
etwas, straffte sich und sagte mit eisiger Höflichkeit: "Noch eine
Frage, Herr Rittmeister. Wenn die Rebellen durchbrechen
wollen?"
"Befehlen Sie ihnen
zurückzugehen."
"Wenn sie nicht zurückgehen
wollen?"
"Herr Leutnant", schrie der
Rittmeister, "sind Sie Soldat oder nicht?"
Von Ritterbach tat etwas
Unerwartetes: Er lächelte. "Gewiß bin ich Soldat", sagte er bitter
. Der Rittmeister winkte ab. Ritterbach grüßte unglaublich steif
und ging hinaus. Nicht ein einziges Mal während des Gesprächs,
selbst dann nicht, als der Rittmeister von "unserm kleinen
Rudolf"
sprach, hatte er geruht,
mich anzusehen. "Ach, Rudolf", brummte der Rittmeister, während er
ihm nachsah, "diese Junker! Mit ihrem Gehabe! Mit ihrem Dünkel! Und
ihr verfluchtes christliches Gewissen! Eines Tages werden wir diese
'Herren von' wegfegen."
Ich erklärte meinen Leuten
den Befehl und gegen elf Uhr abends gab Leutnant von Ritterbach das
Zeichen zum Aufbruch. Die Nacht war außergewöhnlich hell. Nach
einer Viertelstunde Trab stieß Suleiman zu uns, der die Verbindung
mit der türkischen Abteilung aufrechterhielt, und teilte uns mit,
daß wir jetzt nahe heran wären und er uns zugeteilt sei, um uns zu
führen. Tatsächlich leuchteten ein paar Minuten später
im
Mondschein weiße Flecke auf, und die ersten
Häuser des Ortes wurden sichtbar. Von Ritterbach befahl mir, mich
mit meinen Leuten nach Osten zu wenden, und ließ die andere Gruppe
westlich herumreiten. Wenige Sekunden, nachdem ich meine Leute
aufgeteilt hatte, traf ich die zweite Gruppe auf der anderen Seite
des Dorfes. Kein Hund bellte. Wir warteten einige Minuten, der Trab
der türkischen Reiter, die von Süden her kamen, erschütterte den
Boden, dann trat Stille ein, ein rauhes Kommando zerriß die Luft,
das Geklapper der Hufe setzte wieder ein, ein wildes Geschrei erhob
sich, zwei Schüsse wurden abgefeuert, und ein Dragoner links von
mir sagte dumpf: "Es geht los."
Die Schreie hörten auf, man
hörte noch einen vereinzelten Schuß, und alles war wieder still.
Ein Dragoner kam zu mir heran. Er rief: "Herr Unteroffizier, Befehl
von Herrn Leutnant: Nach Süden sammeln."
Er setzte hinzu: "Die Türken
haben sich im Dorf geirrt."
Ich ritt den Weg in
entgegengesetzter Richtung zurück und sammelte meine Leute. Am
Dorfeingang war von Ritterbach in lebhaftem Gespräch mit Suleiman
begriffen. Ritterbach saß stocksteif auf seinem Pferd, sein fahles
Gesicht wurde ganz vom Mond beschienen, er blickte mit Verachtung
auf Suleiman herab. Einmal stieg seine Stimme an, und ich hörte
deutlich : "
Nein ! ...Nein.! ...Nein !.
..."
Suleiman schoß wie ein Pfeil
davon. Einige Sekunden später kam er mit einem türkischen Major
wieder, der so groß und dick war, daß sein Pferd sichtlich Mühe
hatte, ihn zu tragen. Der türkische Major zog den Säbel und hielt
auf türkisch eine lange Rede, wobei er immer seinen Säbel schwang.
Von Ritterbach rührte sich nicht mehr als eine Statue. Als der
türkische Major seine Rede beendet hatte, erklang Suleimans Stimme
in deutscher Sprache, mit großer Zungenfertigkeit, feierlich und
schneidend. Ich verstand die Worte: "Major... Ehrenwort ...auf
seinen Säbel... nicht das richtige Dorf..."
Daraufhin grüßte von
Ritterbach kurz und kam auf uns zu. Er ritt an mich heran und sagte
mit eisiger Stimme: "Es liegt ein Irrtum vor. Wir reiten
weiter."
Sein Pferd war ganz nahe an
meinem, und ich sah in seinen langen braunen Händen die Zügel
zittern. Einen Augenblick später fuhr er fort: "Sie nehmen die
Spitze. Dieser Suleiman wird Ihnen den Weg zeigen."
Ich sagte: "Zu Befehl, Herr
Leutnant."
Er starrte ins Leere vor
sich hin, aber plötzlich fing er an, wütend zu schreien:
"
Wissen Sie nichts anderes zu
sagen als ,Zu Befehl, Herr Leutnant'?"
Nach einer halben Stunde
Trab streckte Suleiman vor meiner Brust den Arm aus. Ich
hielt.
"Horchen Sie! Man hört die Hunde."
Dann setzte er hinzu:
"Diesmal ist es das Dorf der Aufrührer."
Ich schickte einen Dragoner
ab, den Leutnant zu benachrichtigen, und nun rollte dasselbe
Manöver ab wie vorher, aber diesmal von wütendem Gebell begleitet.
Meine Leute begaben sich von selbst auf ihre Plätze. Sie waren
mürrisch und schweigsam. Plötzlich erschien eine kleine weiße
Gestalt zwischen den Häusern. Die Dragoner rührten sich nicht, aber
ich fühlte, wie eine Spannung durch die ganze Reihe lief. Die
Gestalt näherte sich uns mit einem seltsamen Geräusch und blieb
schließlich stehen. Es war ein Hund. Er fing kläglich an zu heulen
und wich vor uns Schritt für Schritt zurück, das Hinterteil flach
auf dem Boden. In diesem Augenblick erscholl Geklapper von Hufen,
eine Salve Gewehrfeuer und in dem kurzen Schweigen, das darauf
folgte, der Schrei einer Frau, gellend, herzzerreißend, endlos. Im
nächsten Augenblick knatterten gleichzeitig an allen Ecken Schüsse,
dann erhellte ein grelles Licht den Himmel, man hörte dumpfe
Schläge, Getrappel, Klageschreie, und unsere Pferde fingen an,
unruhig zu werden. Drei Hunde kamen wie der Wirbelwind aus dem Dorf
heraus, jagten auf uns zu und hielten plötzlich, fast unter den
Füßen unserer Pferde, an. Einer hatte eine große blutige
Schnittwunde unter der Schulter. Sie fingen an zu kläffen und
Klageschreie auszustoßen wie Kinder. Dann wurde einer von ihnen mit
einem Male kühn und flitzte wie ein Pfeil zwischen Bürkels Pferd
und meinem durch. Die beiden anderen stürzten sofort hinterher, ich
wandte mich im Sattel, um ihnen nachzuschauen, sie machten noch ein
paar Sprünge, dann blieben sie plötzlich stehen, setzten sich auf
ihr Hinterteil und fingen an, schrecklich zu heulen. Auf einen
gellenden Schrei hin drehte ich mich wieder um, aus dem Dorf
klangen dumpfe Schläge, und zweimal pfiffen Kugeln über unsere
Köpfe. Die Hunde hinter uns heulten entsetzlich, die Pferde wurden
unruhig, ich wandte den Kopf nach rechts und sagte: "Bürkel, geben
Sie einen Schuß ab, um die Tiere zu verjagen!"
"Auf die Tiere, Herr
Unteroffizier?"
Ich sagte scharf: "Aber
nein, nicht auf die armen Tiere; schießen Sie in die
Luft!"
Bürkel schoß. Aus dem Dorf
kam eine Gruppe weißer Gestalten gerannt, den Hang hinunter auf uns
zu, eine schrille Frauenstimme erscholl, ich richtete mich im
Sattel auf und rief auf arabisch: "
Weg hier!"
Die weißen Gestalten blieben
stehen, fluteten zurück, und als sie zögerten, stürzten sich dunkle
Gestalten auf sie. Säbel blitzten auf, und dann war alles vorbei.
Dreißig Meter vor uns hob sich vom Boden deutlich ein kleines,
weißes, unbewegliches Häufchen ab, das nur wenig Platz einnahm.
Rechts von mir beleuchtete eine kleine blaue Flamme die Hände und
das Gesicht eines Dragoners; ich begriff, daß er nach der Uhr sah,
und da dies wahrhaftig nicht wichtig war, rief ich: "Ihr könnt
rauchen."
Eine Stimme antwortete
freudig: "Schönen Dank!"; kleine rote Punkte leuchteten in der
ganzen Linie auf, und die Spannung ließ nach. Die Schreie und das
Geheul setzten wieder mit solcher Stärke ein, daß sie das
Hundegebell übertönten. Es war unmöglich, Männerund Frauenstimmen
zu unterscheiden, sie klangen zugleich schrill und rauh, und als ob
ein Choral heruntergeleiert würde. Als es etwas stiller wurde,
sagte Bürkel: "Herr Unteroffizier, sehen Sie dort!"
Eine kleine weiße Gestalt
kam den Hang herunter auf uns zu, merkwürdig zögernd, und jemand
sagte gleichgültig: "Ein Hund."
Die kleine Gestalt wimmerte
leise wie ein weinerliches Kind, sie kam mit erstaunlicher
Langsamkeit vorwärts und stolperte über Steine. Einmal schien sie
zu fallen und mehrere Meter weiterzurollen, dann kam sie wieder auf
die Füße. Sie verschwand im Schatten eines Hauses, man verlor sie
vollkommen aus den Augen, dann trat sie plötzlich wieder in das
Mondlicht heraus. Sie war nun ganz nahe bei uns. Es war ein kleiner
Junge von fünf, sechs Jahren, im Hemd, barfuß, mit einer blutigen
Wunde am Hals. Er stand vor uns, schwankte ein bißchen auf den
Füßen, sah uns mit seinen dunklen Augen an und fing plötzlich mit
ungewöhnlich kräftiger Stimme zu schreien an: "Baba!
Baba!"
Dann fiel er der Länge nach
mit dem Gesicht zu Boden. Bürkel sprang vom Pferd, lief zu ihm hin
und kniete nieder. Sein Pferd machte einen Satz zur Seite. Es
gelang mir, die Zügel zu fassen, und ich sagte mit scharfer Stimme:
"Bürkel!"
Es folgte keine Antwort, und
nach einem Weilchen wiederholte ich, ohne die Stimme zu heben:
"Bürkel!"
Er erhob sich langsam und
kam zu mir her. Er stand neben meinem Pferd, sein dicker Schädel
glänzte im Mondlicht, ich sah ihn an und sagte: "Wer hat Ihnen
erlaubt, abzusitzen?"
"Niemand, Herr
Unteroffizier."
"Habe ich Ihnen den Befehl
gegeben, abzusitzen?"
"Nein, Herr
Unteroffizier."
"Warum haben Sie es
getan?"
Ein Schweigen entstand, dann
sagte er: "Ich glaubte es richtig zu machen, Herr
Unteroffizier."
"Man darf nicht glauben,
Bürkel. Man muß gehorchen."
Er preßte die Lippen
zusammen, und ich sah, wie ihm der Schweiß über seine
zusammengepreßte Kinnlade herunterlief. Er sagte mühsam: "Jawohl,
Herr Unteroffizier."
"Sie werden bestraft werden,
Bürkel."
Schweigen. Ich fühlte die Spannung unter den
Männern und sagte: "Sitzen Sie wieder auf."
Bürkel sah mich wohl für
eine Sekunde lang an. Der Schweiß floß ihm über das Kinn. Er sah
verstört aus. "Herr Unteroffizier, ich habe einen kleinen Jungen in
demselben Alter."
"Sitzen Sie wieder auf,
Bürkel."
Er nahm mir die Zügel aus
der Hand und schwang sich in den Sattel. Nach einer Weile sah ich
eine brennende Zigarette einen leuchtenden Streifen durch die Nacht
ziehen und dann funkensprühend zu Boden fallen. In der nächsten
Sekunde folgte eine zweite, dann wieder eine, noch eine, und so
weiter, die ganze Linie entlang. Und ich begriff, daß meine Leute
mich haßten.
"Nach dem Kriege", sagte Suleiman in der
Mittagspause, "werden wir die Araber genauso ausrotten, wie wir
unsere armenischen Untertanen ausgerottet haben. Und aus dem
gleichen Grunde."
Selbst unter dem Zelt war
die Glut der Sonne unterträglich. Ich stützte mich auf die
Ellenbogen auf, und gleich waren meine Handflächen feucht. "Aus
welchem Grunde?"
Suleiman antwortete rasch
und in lehrhaftem Ton: "In der Türkei ist kein Platz für Araber und
Türken."
Er setzte sich mit
untergeschlagenen Beinen hin und fing plötzlich an zu lächeln. "Das
versuchte gestern abend unser dicker Major Ihrem Leutnant von
Ritterbach begreiflich zu machen. Glücklicherweise versteht Ihr
Leutnant kein Türkisch. .."
Er machte eine Pause. ".
..denn er hätte keinesfalls begriffen, daß man, weil die Aufrührer
klugerweise aus ihrem Dorf verschwunden waren, ganz einfach das
nächste arabische Dorf ausrottete. .."
Ich sah ihn mit offenem Mund
an. Er fing an zu lachen, es war ein schrilles, weibisches Lachen.
Seine Schultern zuckten dabei, er wiegte seinen Oberkörper vor und
zurück, und jedesmal, wenn er nach vorn kam, schlug er mit beiden
Händen auf den Boden. Allmählich beruhigte er sich, brannte sich
eine Zigarette an, blies den Rauch durch die Nase und sagte: "Da
sehen Sie, was ein guter Dolmetscher wert ist."
Ich erwiderte nach einer
Weile: "Aber dieses Dorf war doch unschuldig."
Er schüttelte den Kopf.
"Mein Lieber, das verstehen Sie nicht! Das Dorf war arabisch. Also
war es nicht unschuldig. .."
Dabei fletschte er seine
weißen Zähne. "
Wissen Sie, das ist interessant, Ihren Einwand
hat man einst unter ähnlichen Umständen unserm Propheten Mohammed
gemacht. .."
Er nahm die Zigarette aus
dem Mund, seine Gesichtszüge veränderten sich, und er sagte ernst
und andächtig: "Der Friede Allahs sei mit ihm!"
Dann fuhr er fort: "Und
unser Prophet Mohammed antwortete: ,Wenn du von einem Floh
gestochen wirst, tötest du sie da nicht alle?", Wie es meine
Pflicht war, berichtete ich noch am seIben Abend Rittmeister
Günther, was mir Suleiman erzählt hatte. Er lachte eine ganze
Weile, wiederholte dann mehrere Male mit entzücktem Gesicht die
Worte des Propheten über die Flöhe. Ich begriff, daß er die Sache
als einen guten Streich ansah, den die Türken "diesem Idioten von
Ritterbach"
gespielt hatten. Ich weiß
nicht, ob er sich nachher den Spaß gemacht hat, alles dem Leutnant
weiterzuerzählen, aber auf jeden Fall war das ohne Bedeutung, denn
zwei Tage später ließ sich Ritterbach törichterund unnützerweise
vor meinen Augen töten, und man hätte wirklich denken können, er
habe es absichtlich getan, denn ausgerechnet an diesem Tage hatte
er seine sämtlichen Orden und seine eleganteste Uniform angelegt.
Ich ließ ihn in sein Zelt schaffen, Rittmeister Günther holen und
blieb mit dem Unteroffizier Schrader zu Häupten der Leiche stehen.
Nach kurzer Zeit kam der Rittmeister, nahm Aufstellung zu Füßen des
Betts, salutierte, schickte Schrader hinaus und fragte mich, wie es
gekommen sei. Ich berichtete es mit allen Einzelheiten. Er runzelte
die Stirn, und als ich zu Ende war, fing er an, im Zelt hin und her
zu gehen, wobei er hinter dem Rücken die Hände aufund zumachte.
Dann blieb er stehen, betrachtete mit unzufriedener Miene den
Leichnam und brummelte zwischen den Zähnen: "Wer hätte gedacht, daß
dieser Idiot. .."
Dann warf er mir einen
flüchtigen Blick zu und schwieg. Am nächsten Tag fand ein
Unternehmen statt, und danach hielt uns der Rittmeister eine kleine
Rede. Ich fand, daß es eine schöne Rede war und gewiß für die Moral
der Leute nützlich, aber daß vielleicht der Rittmeister Ritterbach
mehr Lob spendete, als dieser verdiente.
Am 19. September 1918 griffen die Engländer mit starken Kräften an, und die Front brach zusammen. Die Türken flohen nach Norden, man hielt in Damaskus an, aber es war nur ein kurzer Aufschub, und wir mußten weiter bis Aleppo zurückgehen. Anfang Oktober wurde unsere Abteilung nach Adana befördert, am Golf von Alexandrette; wir verbrachten dort untätig einige Tage, und Suleiman erhielt für seine Tapferkeit während des Rückzugs das Eiserne Kreuz.
Gegen Ende Oktober brach in den Dörfern um Adana
herum die Cholera aus, erreichte dann allmählich den Ort selbst,
und am 28. Oktober wurde Rittmeister Günther binnen weniger Stunden
von ihr hingerafft. Das war ein trauriges Ende für einen Helden.
Ich bewunderte Rittmeister Günther, dank ihm hatte ich ins Heer
eintreten können, aber an diesem und an den folgenden Tagen
wunderte ich mich, daß sein Tod keine größere Wirkung auf mich
ausübte. Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, daß die Frage,
ob ich ihn liebte oder nicht, nicht mehr in Betracht kam als zum
Beispiel in bezug auf Vera. Am Abend des 31. Oktober erfuhren wir,
daß die Türkei mit der Entente einen Waffenstillstand abgeschlossen
hatte. "Die Türkei hat kapituliert", sagte mir Suleiman beschämt,
"und Deutschland kämpft noch!"
Den Befehl über die
Abteilung Günther erhielt Hauptmann Graf Reckow, und der Rückmarsch
in die Heimat begann. Wir schlugen uns langsam über den Balkan nach
Deutschland durch. Der Marsch war sehr beschwerlich, weil wir nur
mit unsern leichten Kolonialuniformen bekleidet waren und die
Kälte, die für die Jahreszeit ungewöhnlich lebhaft war, große
Verheerungen unter uns anrichtete. In Mazedonien, am 12. November,
an einem grauen, regnerischen Morgen, als wir aus einem elenden
Dorf heraus waren, in dem wir die Nacht zugebracht hatten, befahl
Hauptmann Graf Reckow, zu halten und auf der linken Straßenseite
Front zu machen. Er selbst begab sich auf ein umgepflügtes Feld und
ritt so weit zurück, daß er auch die beiden Flügel der Kolonne
übersehen konnte. Eine ganze Weile schwieg er. In sich
zusammengefallen, saß er im Sattel, und sein Schimmel sowie seine
zerschlissene Uniform bildeten einen hellen Fleck gegen die dunkle
Erde. Endlich hob er den Kopf, machte mit der rechten Hand eine
kleine Bewegung und sagte mit ungewöhnlich schwacher und tonloser
Stimme: "Deutschland hat kapituliert."
Ein guter Teil der Leute
hörte es gar nicht, und es entstand von einem Ende der Kolonne zum
andern eine Bewegung und ein Getuschel. Mit seiner gewöhnlichen
Stimme rief von Reckow: "Ruhe!"
Es trat Stille ein, und er
wiederholte, kaum lauter als vorher: "Deutschland hat
kapituliert."
Darauf gab er seinem Pferd
die Sporen, setzte sich wieder an die Spitze der Kolonne, und man
hörte nur noch das Klappern der Hufe. Ich sah geradeaus vor mich
hin, und mir war, als ob sich unter meinen Füßen plötzlich ein
großes schwarzes Loch geöffnet hätte. Nach ein paar Minuten stimmte
jemand "Siegreich wolln wir Frankreich schlagen"
an, einige Dragoner sangen
im Chor wild drauflos, der Regen fiel heftiger, die Pferdehufe
klapperten dazu in verkehrtem Rhythmus, und plötzlich wurden der
Regen und der Wind so heftig, daß der Gesang immer schwächer wurde,
sich verzettelte und erstarb. Hinterher war es schlimmer, als wenn
man nicht gesungen hätte.