7 Peitschenhiebe
„Nein, das dürft ihr nicht, nicht meinen Henry!”
„Dann nehmen wir dich eben auch mit, Weib!”
Gellende Schreie schallten durchs ganze Dorf. Zusammen mit ihrem Vater stürzte Susannah aus dem Haus, um nachzusehen, was da vor sich ging. Als sie keuchend am Dorfplatz ankam, stockte ihr der Atem. Mitten am Nachmittag trieb eine Schar Soldaten ihre Pferde durch die Gassen, lodernde Fackeln in den Händen.
„Kommt raus, sonst zünden wir alle Häuser an”, brüllte der Anführer, während einer der hinteren Männer den kleinen Henry samt seiner wild um sich schlagenden Mutter aufs Pferd wuchtete. Die erste Fackel flog auf ein Dach, das Stroh fing Feuer, lautes Prasseln übertönte die Hufschläge. In Panik liefen die Leute aus dem Haus. Überall brüllte jemand, beißender Rauch stieg Susannah ins Gesicht, als sie weiterlief, näher an das Geschehen heran.
„Bleib sofort stehen!”
Sie fuhr herum, ihr Herz rasend, weil jemand sie am Ärmel gepackt hatte. Doch es war nur ihr Vater. Er war ihr nachgeeilt und stand nun schwer atmend hinter ihr.
Susannah war völlig außer sich. „Das kann er nicht machen!”, schrie sie, „nicht die Kinder, er hat gesagt, er nimmt die Kinder nicht!”
Sie wollte sich losreißen und den Müttern helfen, notfalls mit ihren blanken Zähnen. Doch sein Griff um ihren Arm lockerte sich nicht. Ihr Vater schüttelte sie grob. „Wovon redest du, zum Teufel? Du siehst doch, was hier passiert. Lauf zurück und versteck dich im Wald hinterm Haus, schnell!”
„Ich kann nicht, ich muss doch…”
„Susannah!”
Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und drehte sie zu sich, sodass sie ihn ansehen musste.
„Lauf weg hier! Sofort! Du hilfst niemandem, wenn sie dich auch packen.”
Sie musste einsehen, dass er recht hatte. Nur ein paar Häuser weiter ergriffen die Soldaten gerade zwei Mädchen. Als der große Bruder sich wehren wollte, hieb der Wachmann mit einem Stock auf ihn ein. Dann sah er sich suchend nach der Mutter um.
„Die holen alle Kinder und Frauen!”, brüllte irgendwo eine Stimme. Ein Pferd wieherte, Hunde bellten aufgeregt, ein Säugling schrie. In den Augen hatte sie beißenden Rauch, jemand rief verzweifelt nach Wasser zum Löschen.
Endlich kam Bewegung in Susannah. Sie begann zu laufen, stürmte an dem brennenden Haus vorbei und weiter, weiter, fort von hier, Schutz suchen im Grün des Waldes! Sie strauchelte, fiel hin, raffte sich aber schnell auf und lief weiter, sich immer wieder umsehend, ob einer der Soldaten hinter ihr hergaloppierte. Ihr Knöchel tat weh vom Sturz, aber sie rannte trotzdem weiter. Endlich war sie, unter heftigem Keuchen, im Wald angekommen, wo sie sich hinter einem umgestürzten Baum versteckte.
Wie konnte er nur!
Sie strich sich eine schweißnasse Strähne aus der Stirn. So sicher war sie sich gewesen, dass er kein Untier war. Dass da eine menschliche Seele in ihm wohnte, hatte sie doch gesehen! Den Schmerz in seinen Augen, die Enttäuschung über seine angebliche Mutter.
Und wie er mit ihr selbst gesprochen hatte, ganz gleichwertig und verständig. Sie hatte sogar Mitleid mit ihm gehabt. Und nun? Nun schickte er seine Soldaten aus, um den Plan seiner grausamen Mutter umzusetzen und die Kinder hinrichten zu lassen?
In Susannahs Brust zog sich alles zusammen. Sie schlang die Arme um ihren Leib, ihr Magen krampfte. Wie hatte sie sich nur so täuschen können!
Der Rauch über den Häusern des Dorfes wurde allmählich weniger, offenbar hatten die Soldaten nicht noch schlimmer gewütet mit ihren Fackeln. Allem Anschein nach war es gelungen, den Brand zu löschen.
Aber die Kinder und Frauen hatte er geholt, bestimmt ließ er sie just in diesem Moment in den Kerker werfen. Sie war sich so sicher gewesen, dass er sich seiner Mutter widersetzen würde. Sie hatte doch die Abscheu in seinen Augen lesen können, den Hass auf diese Frau und ihre Lügen!
Aber vielleicht konnte er einfach nicht. Weil er nichts anderes kennengelernt hatte in seinem Leben. Macht, Härte, Rücksichtslosigkeit – dazu war er erzogen worden, alles andere war ihm fremd. Und natürlich griff er immer auf das Altbewährte zurück. War letztendlich doch zu schwach, um sich gegen den Einfluss der Frau, die ihn aufgezogen hatte, durchzusetzen, dieser verdammte Hasenfuß.
Susannah wischte sich eine Ameise vom Arm und wagte sich ein wenig aus dem Gestrüpp heraus, wartete ab.
Doch es gab noch diese andere Seite an ihm. Den weicheren Eadric, der sich damals auf dem Schoß seiner Amme wohlgefühlt hatte. Der durchaus Gefühle in sich trug, auch wenn man versucht hatte, diese aus ihm herauszuprügeln und stets als verachtenswert hingestellt hatte. Hin und wieder hatte sie diese Seite aufblitzen sehen bei ihm. Aber immer nur kurz.
Wie man gerade feststellen konnte, würde diese niemals siegen. Aber vielleicht – vielleicht hatte er ja Erbarmen. Hielt die Kinder und Frauen nur gefangen, als Faustpfand, damit er Robin Hood gegen sie austauschen konnte. Und ihm bei Sir John dann ganz ordentlich der Prozess gemacht werden konnte. Damit hätte er sich doch auch als guter Verwalter der Grafschaft erwiesen, er hätte Robin dingfest gemacht und kein Blut müsste fließen. Das würde doch viel besser zu dem Mann passen, der noch vor Kurzem ihre Umarmung erwidert hatte, zärtlich und warm, nicht wie eine wilde Bestie.
Sie hoffte so sehr, dass sie sich hier nicht täuschte!
Als es ruhiger geworden war, wagte sich Susannah zurück ins Haus. Die Gefahr war offenbar gebannt. Ihr Vater stapfte kurz nach ihr zur Tür herein, wütend gestikulierend.
„Diese Bastarde”, rief er und knallte seine Arzttasche auf einen Stuhl, „die haben verkündet, dass auf dem Castle jeden Tag Gefangene hingerichtet werden, wenn Robin sich nicht freiwillig meldet. Und mit den Kindern wollen sie anfangen. Verdammte Schweinehunde! Dieser Eadric von Nottingham ist der Teufel höchstpersönlich!”
Mit offenem Mund starrte Susannah ihn an. Also doch!
„Du hast völlig recht”, stimmte sie ihrem Vater zu, „er ist ein absolut verabscheuungswürdiger Mensch!”
Wie hatte sie nur jemals von ihm denken können, dass er über irgendwelche Gefühle verfügte! Am liebsten hätte sie ihm auf der Stelle ins Gesicht gespuckt.
Sie begann, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Können wir irgendetwas tun?”, fragte sie. „Man kann das doch nicht einfach so geschehen lassen.”
„Susannah, tu mir einen Gefallen und misch dich da nicht ein.” Er hielt sie an und nahm mit ernstem Gesicht ihre Hände in die seinen. „Wir können wohl kaum aufs Castle stürmen und die Gefangenen befreien. Wir würden nicht einmal durchs Tor gelangen!”
Sie biss sich auf die Unterlippe. „Wir” vielleicht nicht, aber sie schon. Doch was konnte sie wohl ausrichten? Nottingham trug den Kerkerschlüssel schließlich nicht am Hosenbund.
„Hör mir mal zu”, sagte ihr Vater. Sein Ton war so eindringlich, dass sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Sie setzte sich mit ihm an den Tisch, wo er sich mit der Hand über das Kinn fuhr. Das tat er immer dann, wenn es etwas Wichtiges zu bereden gab.
„Susannah, ich weiß, du bist ein eigenständiger Mensch und brauchst deine Freiheit. Aber ich habe schon deine Mutter begraben, ich will nicht auch noch dich verlieren.”
„Vater, ich…”
„Nein, lass mich erst aussprechen”, unterbrach er sie. „Robin kämpft für eine gerechte Sache und er hat meine volle Unterstützung, das weißt du. Ich habe selbst oft genug mein Leben riskiert, um seine Leute ärztlich zu versorgen. Aber dass du dich nun so oft dort im Sherwood Forest herumtreibst, das macht mir Angst. Dieser Nottingham ist zu allem fähig, der schreckt nicht davor zurück, eine Frau abstechen zu lassen, wenn sie im Weg herumstehst.”
„Ich bin nicht so oft im Forest, dass mir da etwas passieren könnte”, log sie schnell und hatte dabei einen gewaltigen Kloß im Hals.
Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich weiß doch, wie das ist, wenn man verliebt ist. Und Allen-a-Dale ist sicher ein wunderbarer Mensch. Du willst natürlich bei deinem Auserwählten sein, da nimmt man keine Rücksicht auf Vernunft. Aber ich will dich nicht blutüberströmt im Wald finden, Susannah.”
„Das wirst du nicht, Vater, ich verspreche es dir!” Sie drückte seine Hand und fühlte sich wie eine abscheuliche Verräterin. Er machte sich Sorgen und sie log ihm ins Gesicht. Und schuld war nur dieser verdammte Sheriff! Die Wut kochte wieder in ihr hoch.
Ihr Vater sah sie lange an. Dann lächelte er milde.
„Weißt du, Töchterchen, im Grunde bin ich wirklich stolz auf dich. Dass du dich Robin und seinen Männern anschließt, dir einen von ihnen ausgesucht hast – du hast das Herz am rechten Fleck! Die kämpfen nämlich für die Gerechtigkeit.” Er beugte sich zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
Susannah hatte sich noch nie im Leben so schlecht gefühlt. „Ich schaue im Dorf nach, ob uns jemand braucht”, sagte sie schnell und sprang auf. Sie musste raus hier, irgendwo herumlaufen, sie konnte ihm nicht in die Augen schauen und ihm weiterhin dieses Theater vorspielen.
Sie ging nach draußen und marschierte in Richtung der anderen Häuser. Der Himmel war inzwischen grau geworden und breitete einen trüben Schleier über die Landschaft aus, leichter Regen benetzte ihr heißes Gesicht.
In ihr tobte die Wut auf den Sheriff. Alles machte er kaputt, alles, er war nicht nur brutal und ausnutzerisch, selbst die Beziehung zu ihrem Vater bedrohte er, nur weil es ihm irgendwann eingefallen war, gerne eine Frau zur Verfügung zu haben! Dabei stand er doch noch unter der Fuchtel seiner eigenen Mutter.
Was war er nur für eine erbärmliche Memme! Nur stark, wenn er sich hinter seinen Soldaten verstecken konnte und irgendwelche unsinnigen Befehle hinausbrüllte. Susannah stapfte zornig den Weg entlang, die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten geballt.
Sie klopfte an ein paar Türen, fragte, ob ihre Hilfe vonnöten sei, tröstete, wo sie nur konnte. All dies Leid, das ihr begegnete, machte sie nur noch wütender. Irgendwann, als die Dunkelheit langsam hereinbrach, eilte sie zurück zu ihrem Haus. Ihr Vater brütete über einem Buch, sie ging in die Küche und setzte Wasser auf. Als es laut klopfte, kümmerte sie sich nicht weiter darum, weil ihr Vater näher an der Tür saß. Doch als sie ihn sprechen hörte, ließ sie das Messer fallen.
„Schert euch zum Teufel, ihr kriegt sie nicht, ihr habt schon genug Frauen geholt!”, hörte sie ihn rufen und die Tür zuknallen. Dann tauchte er in der Küche auf, blass und völlig außer sich.
„Schnell, steig durchs Fenster und versteck dich, das sind Wachen des Sheriffs, die wollen dich holen, aber das lasse ich nicht zu!”, schrie er und bückte sich nach dem Küchenmesser.
Bevor Susannah reagieren konnte, trat jemand mit einem gewaltigen Poltern die Tür ein und stürmte ins Haus. Ihr Vater stellte sich beschützend vor sie.
„Ihr müsst erst an mir vorbei, wenn ihr sie haben wollt”, drohte er den beiden Soldaten, die ihre Schwerter gezogen hatten und das glatte Metall auf ihn richteten.
„Vater, hör auf.” Susannah drückte seinen Arm mit der Waffe nach unten. „Die wollen mich nicht in den Kerker werfen.”
Einer der Soldaten grinste schmierig. „Der Sheriff persönlich möchte sie sprechen”, sagte er.
„Ich habe ihn ärztlich versorgt”, erklärte sie schnell und sah ihren Vater eindringlich an. „Es ist in Ordnung, glaube mir. Mir wird nichts geschehen. Ich bin morgen früh wieder da, verlass dich darauf.”
Dann folgte sie den beiden Männern nach draußen.
In ihr tobte ungestümer Zorn. Sie würde ihn zur Rede stellen, jetzt gleich! Er brauchte sicher wieder eine Liebkosung seiner schmerzenden Muskeln oder eine zärtliche Umarmung von ihr, aber sie würde ihm das nicht gewähren, auf gar keinen Fall. Zappeln sollte er und erst versprechen, dass er die Gefangenen freiließe, bevor sie ihm zu Diensten wäre. Sie war wichtig geworden für ihn, oh ja, davon war sie überzeugt, sonst würde er sie jetzt nicht holen. Immerhin hatte sie mitangehört, wie das Geheimnis von Lady Nottingham gelüftet worden war. Allein die Tatsache, dass er sie danach nicht hinrichten hatte lassen, sprach dafür, dass sie ihn in ihrer Hand hatte. Und das würde sie nun ausnützen!
Erhobenen Hauptes stieg Susannah aufs Pferd.