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Susannah hielt den Atem an. Sie stand immer noch in der Mauernische neben der Tür, hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und zitterte am ganzen Leib. Voll Entsetzen hatte sie hier im Gang die Unterhaltung zwischen dem Sheriff und seiner Mutter mitangehört. Nun war diese mitsamt ihrem Gefährt herausgekommen, hatte nach einem Diener gerufen, der sofort aus der Richtung der Würfelrunde angestürmt gekommen war, und sich in ihrem östlichen Flügel schieben lassen. Mit wild klopfendem Herzen hatte sich Susannah an die Mauer gepresst, aber zum Glück hatte niemand in den hinteren Teil des Ganges gesehen.
Nun war die Gelegenheit günstig, sie musste schnell das Castle verlassen, bevor sie am Ende noch Lady Nottingham über den Weg lief. Oder irgendjemand sonst sich wunderte, warum sie sich hier herumdrückte. Aber ihre Füße weigerten sich starrsinnig, sich in Bewegung zu setzen.
Aus den Gemächern des Sheriffs drang plötzlich seine Stimme heraus.
„Du verdammte Ausgeburt der Hölle!”, brüllte er. Und dann hörte es sich an, als würde ein Möbelstück zerschmettert. Dazu der Schrei wie der eines wilden Tiers, welcher ihr durch Mark und Bein ging.
„Schnell, lauf weg”, flüsterte die Vernunft Susannah ins Ohr. Aber irgendeine andere Macht befahl ihrer Hand, sich auf den Türgriff zu legen.
Ganz langsam öffnete sie diese einen Spalt. Da sah sie, dass Nottingham an der gegenüberliegenden Wand stand. Abgebrochene Stuhlbeine und eine zersplitterte Lehne lagen zu seinen Füßen verstreut. Er selbst schlug mit beiden Fäusten auf die Mauer ein, Blut lief über seine Unterarme. Susannah dachte nicht nach, sie stürmte auf ihn zu und packte seine Hände.
„Hört auf, bitte, Ihr seid schon verletzt!”, rief sie und hielt seine Arme fest. Erst versuchte er, diese wegzureißen, aber dann gab er plötzlich nach. Flach legte er die geschundenen Hände an die Mauer, wo sie dunkle Flecken hinterließen. Er lehnte seine Stirn an die Wand, seine Schultern hoben und senkten sich im schnellen Rhythmus seines Atems. Er sprach kein Wort und sah sie auch nicht an. Susannah legte ihm ihre Hand auf den Rücken.
„Lasst mich Euch verbinden, Herr”, flüsterte sie.
Er fuhr herum, blickte sie an. Die dunklen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, die Augen flackerten, er war bleich.
„Wo kommst du plötzlich her?”, fragte er.
„Ich habe vor der Tür gewartet.”
„Und alles mitangehört?”
Susannah zögerte mit der Antwort. Unterschrieb sie ihr eigenes Todesurteil, wenn sie die Wahrheit sagte? Aber sie war viel zu aufgewühlt, um sich so geschwind eine Lüge auszudenken.
„Ja, Sire”
Er musterte sie lange. Ein Schleier lag über seinen grünen Augen. „Dann weißt du, dass ich kein Sire bin”, sprach er mit einer Stimme, die so matt klang, als wäre er völlig erschöpft.
„Gebt mir Eure Hände”, sagte sie und riss zwei Streifen ihres Unterkleides ab. Damit verband sie notdürftig die blutenden Wunden an seinen Handwurzeln.
„Setzt Euch doch.” Sie schob ihn zum Tisch, drückte ihn auf einen Stuhl und schenkte ihm einen Becher Wasser ein. Auch sie nahm am Tisch Platz. Er sah sie die ganze Zeit an.
„Warum tust du das?”, wollte er wissen, „Warum bist du hier?”
Sie versuchte ein kleines Lächeln. „Weil Ihr jetzt nicht allein sein solltet. Und ich sehe hier keinen anderen Freund.”
Nottingham lehnte sich am Stuhl an und schloss für einen Moment die Augen. Susannah betrachtete ihn. Die strenge Falte auf seiner Stirn, die markanten Gesichtszüge, den weichen Mund. Seine Schultern hingen herunter, jegliche Körperspannung war aus seinem Leib gewichen. Er wirkte wie ein gebrochener Mann. Und ungemein verletzlich.
Seine gesamte Welt war aus den Angeln gehoben worden, von einem Moment auf den anderen. Sie konnte nicht annähernd erahnen, wie er sich fühlen musste.
„Erzählt mir von der Amme. Cecelya hieß sie, richtig?”, bat sie ihn.
Er öffnete die Augen. Seine Stimme war noch dunkler als gewöhnlich, als er antwortete.
„Ja, so ist es. Die gute alte Cecelya.”
Ein sarkastischer Unterton schlich sich in seine Erwiderung. „Kein Wunder, dass sie mich so hegte und pflegte, war ich doch ihr eigenes Kind. Das man ihr weggenommen hatte.”
Ob er lieber bei Cecelya aufgewachsen wäre?, überlegte Susannah. Aber ein Leben in Armut, bei einer einfachen Amme – das konnte er sich bestimmt gar nicht ausmalen.
„Eure Mutter”, begann Susannah und verbesserte sich schnell, „ich meine, Lady Nottingham – sie hatte wohl keine weiteren Kinder?”
„Sie war schon ziemlich alt, als sie endlich guter Hoffnung war. Ihr Mann kam kurz vor der Niederkunft bei einem Kampf ums Leben.”
Susannah nickte. „Dann war sie wohl recht verzweifelt. Das Kind war ihr einziger Nachkomme, und dann verstarb es.”
„Willst du sie verteidigen?” Er setzte sich aufrechter hin, blitzte sie an.
Sie blieb ruhig. „Nein, nur verstehen”, erklärte sie. „Sie hat also versucht, einen echten Edelmann aus Euch zu machen, nach ihrer Vorstellung.”
Er sprang auf. „Weißt du, was das bedeutet hat? Hart wollte sie mich machen, um jeden Preis. Schenkte mir einen Hund, den ich lieb gewann, nur, um mir anschließend zu befehlen, ihn umzubringen. Mit meinen eigenen Händen. Damit ich mich nicht an Sentimentalitäten gewöhnte.”
Eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn, doch er war so in Rage, dass er es gar nicht bemerkte. „Sie gewöhnte mich an Schmerzen, von klein auf, mit Hieben, Peitschen oder glühenden Stöcken. Um mich abzuhärten fürs Leben. Willst du die Narben sehen?”
Er schob den linken Ärmel seines Hemds zurück, zeigte ihr blasse Male an seinem Unterarm. „Und alles nur, um einen starken Herrscher aus mir zu machen, aus mir, dem unwürdigen Sohn einer Amme.”
Seine Hände fielen wieder nach unten.
Susannah schluckte. Ihr war eiskalt geworden. Wie hatte diese kaltherzige Frau einem Kind nur derartige Dinge antun können! Es musste die reinste Hölle gewesen sein, unter solchen Umständen aufzuwachsen. Mit dieser Bestie als Mutter.
„Was wird nun mit ihr geschehen?”, fragte sie.
Er starrte auf eine dunkle Maserung in den Holzdielen. „Ich weiß es nicht. Ihr wird keiner glauben. Ich kann das Gerücht streuen, dass sie verrückt sei, die meisten halten sie sowieso schon für verwirrt. Ich werde natürlich weiterhin der Herr über Nottingham Castle bleiben.”
Susannah stand auf und trat an ihn heran. „Werdet Ihr mir nun die Zunge herausschneiden, um sicherzugehen, dass ich niemandem etwas davon erzähle?”
Er blickte sie an und versuchte ein Lächeln, das misslang. „Wer glaubt schon einer Hebamme”, sagte er mit völlig fremder, weicher Stimme.
Sie hob ihre Hand und legte sie an seine Wange. Ein überraschter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, aber er ließ sie gewähren.
„Sie wollte Euch von jedem Gefühl fernhalten”, sagte sie leise. „Aber ich weiß, dass Ihr kein kaltherziger Mensch seid.”
„Da würde dir jeder unten im Dorf widersprechen, Susannah.”
Es war das erste Mal, dass er ihren Namen ausgesprochen hatte. Ein warmer Schauer lief durch ihren Leib. „Susannah”, hatte er gesagt. Mit dieser tiefen, vollen Stimme, die schon immer ihr Herz einen Tick schneller schlagen ließ. Fast so, als wäre es ein Kosewort. Irgendetwas in ihr fühlte plötzlich eine große Zuneigung zu diesem unbeherrschten, brutalen und egoistischen Herrscher über Nottingham Castle, der wie ein trauriges kleines Kind vor ihr stand.
„Ist mir egal, was die Leute reden.”
Sie legte ihre Arme um ihn und zog ihn sanft an sich. Er ließ es geschehen, stand erst ganz steif, doch dann schlang auch er seine Arme um ihren Leib, drückte sie an sich. Seine Wange war rau, doch das machte ihr nichts aus. Sie hielt ihn, hielt ihn fest wie einen Verzweifelten, streichelte seinen Nacken, küsste ihn leicht auf den Hals.
„Es wird alles gut”, versuchte sie, ihn zu beruhigen, „niemand weiß, dass Ihr kein echter Mann von Stande seid.”
„Ich weiß es”, sagte er nur. Und sein Tonfall ließ sie erschaudern. „Ich weiß, dass ich ein Nichts bin. Im Grunde unwürdig, hier zu leben oder Befehle zu erteilen.”
Die Bitterkeit in seinem Ton war nicht zu überhören.
„Das ist Unsinn! Ihr seid in diese Aufgaben hineingewachsen. Und es ist nicht Eure Schuld, dass Ihr als Säugling ausgetauscht wurdet.”
Seine Augen blieben matt. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie dies sah. Susannah strich ihm eine Strähne seines schwarzen Haares aus der Stirn und fuhr mit den Fingern sachte über seine Schläfe.
„Mir ist es egal, ob Ihr von Geburt ein Edelmann seid oder nicht”, flüsterte sie.
Sie legte ihre Lippen langsam auf die seinen, küsste ihn, wollte all die Misshandlungen wegküssen, all die Schmerzen und Verletzungen, die er erfahren hatte, ihn trösten mit ihrer Wärme und ihrer Zärtlichkeit. Er war kein schlechter Mensch, das spürte sie. Einer der es schwer gehabt hatte, der oft den falschen Weg eingeschlagen hatte, aber keine durch und durch bösartige Kreatur wie seine Mutter.
Sie streichelte seinen Rücken, fühlte, wie seine starken Arme sie fest umschlungen hielten, geradezu an sich pressten, als bräuchte er jemanden, der ihm ein wenig Halt gab. Sanft küsste sie die Narbe an seinem Kinn, dann weiter seinen Hals. Sie legte ihre Wange gegen die seine, konnte seinen Atem spüren, die Anspannung in all seinen Muskeln, seine Lippen, die nun zärtlich ihr Gesicht küssten.
Ganz ruhig standen sie so, eine ganze Weile. Es fühlte sich so richtig an, hier bei ihm zu sein und ihn zu umarmen. Sein Körper war ihr vertraut, seine Hände alte Bekannte, und sie mochte seinen Geruch nach Leder und Holz. Stundenlang hätte sie so stehen können, ihn im Arm halten und zärtlich streicheln. Seine Nähe machte ihr keine Angst mehr, im Gegenteil, sie fühlte sich wohl bei ihm.
Doch bald würde er weg sein. Am Hof des Königs, mit Marian, seiner Ehefrau. Susannahs Brust wurde eng, als sie daran dachte. Wahrscheinlich würde sie ihn nie mehr wiedersehen. Und selbst wenn, dann wäre er ein verheirateter Mann. Während sie nur eine gewöhnliche Hebamme war. Keinesfalls würde er sich mit ihr unterhalten, ganz zu schweigen davon, sie zu berühren oder gar zu küssen. Sie presste ihn noch ein wenig fester an sich, einen kleinen Moment nur, dann ließ sie ihn ein Stückchen los und fuhr noch einmal ganz langsam mit den Fingern durch sein Haar.
Sie wünschte ihm von ganzem Herzen, dass ihn Marian lieben würde. Dass er glücklich wäre an ihrer Seite, verdient hätte er es. In seinem bisherigen Leben war ihm noch nicht viel Glück untergekommen.
Er schwieg. Lange Zeit. Sie konnte seinen Atem spüren, der sich langsam beruhigte. Irgendwann, sie hatte keinerlei Vorstellung, wie viel Zeit vergangen war, löste er sich nach und nach ganz aus ihrer Umarmung.
„Wollt Ihr, dass ich heute Nacht bei Euch liege?”, fragte sie leise.
Mit einer zärtlichen Geste strich er ihr übers Haar. „Geh heim”, sagte er schließlich, „Ich muss nachdenken.”
Sie nickte, zog das Kleid glatt und ging mit unsicheren Schritten zur Tür.
„Susannah?”
Sie fuhr herum. „Ja, Milord?”
Er öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder und sagte schließlich weich: „Ich danke dir…” Danach pausierte er und hob einen Augenblick später etwas linkisch die Arme. „…für das Anlegen der Verbände.”
Lächelnd vollführte Susannah einen kleinen Hofknicks. Sie wusste, dass er etwas anderes damit gemeint hatte.
Dann schlich sie auf leisen Sohlen durch den Gang und hinaus aus Nottingham Castle.