6 Die bittere Wahrheit


Eine angenehme Kühle umfing Susannah, als sie die Kirche betrat. Sie war etwas zu früh dran, die heilige Messe würde erst in einer halben Stunde beginnen. Susannah bekreuzigte sich demütig und schritt langsam nach vorne. Am Seitenaltar kniete sie nieder und zündete eine schmale Kerze an.

Heute war Gideons Geburtstag, er wäre sechsunddreißig Jahre alt geworden.

Sie senkte den Kopf und dachte an die schöne Zeit mit ihm zurück. An das Lachen, an die Unbeschwertheit, an die vielen Pläne für gemeinsame Reisen und natürlich für eine große Familie. Aber daraus war nichts mehr geworden, seine heimtückische Krankheit war dazwischengekommen und hatte alle Planungen und auch das unbekümmerte Strahlen seiner warmen Augen völlig zerstört. Alles war nach und nach auseinandergefallen, Stück für Stück, wie ein trockener Blätterhaufen im Herbstwind.

Und dann hatte sie irgendwann alleine dagestanden, eine Hebamme ohne eigene Kinder. Dabei hatte sie immer davon geträumt, einmal Mutter zu sein! Und sich Gideon ganz wundervoll als Vater vorstellen können, der seine Sprösslinge auf den Schultern herumträgt, durch die Luft wirbelt, ihnen selbst erdachte Geschichten über Kobolde und Feen erzählt. Nun half sie nur fremden Kindern auf die Welt.

Susannah schob die Haube, die sie für die Kirche aufgesetzt hatte, ein Stück aus der Stirn. Details aus Gideons Gesicht fielen ihr ein. Das Muttermal am Ohrläppchen. Der Haarwirbel am Hinterkopf. Das Grübchen, das in seinem Kinn entstand, wenn er über eine ihrer verrückten Ideen schmunzelte.

„Deine Einfälle würden ja für mindestens fünf Männer reichen! Ist soviel Abenteuerlust euch Weibsvolk überhaupt erlaubt?”, hatte er breit grinsend gesagt.

Und sie hatte ihm mit dem Küchentuch, das sie gerade zum Abtrocknen in der Hand hielt, eins übergebraten.

„Kannst mich ja ins Verlies sperren lassen”, hatte sie erwidert, „aber dann musst du deinen Eintopf selber kochen. Und ob du das überlebst?”

Natürlich war er aufgesprungen, hatte sie gepackt, lachend übers ganze Gesicht, während sie sich weiter mit dem Tuch wehrte, ebenfalls kichernd. Dann seine Küsse, auf Wange, Stirn, Mund, seine Hände in ihren Haaren, sein fester Körper nah an ihrem…

Halt!

Susannah bekreuzigte sich schnell. Sie hatte ganz vergessen, dass sie in der Kirche war! Stumm seufzte sie. Sie vermisste ihn. Schon lange. Nicht nur ihn als Mensch, auch seine Zärtlichkeit, sein Begehren.

Ob er ihr von dort oben zusah? Was würde er wohl denken über seine Frau, die sich auf dieses Spiel mit dem Herrn über Nottingham Castle einließ?

Nun ja, ein richtiger Mann würde sie jetzt sicher nicht als Ehefrau haben wollen. Die Hoffnung darauf hatte sie schon vor langer Zeit aufgegeben. Viel zu frei denkend war sie, zu eigenständig. Zu sehr gewöhnt, ihr eigenes Leben zu führen und sich nach niemandem richten zu müssen. Wer mochte so jemanden schon …

Immer mehr Menschen fanden sich in der Kirche ein. Susannah stand auf und suchte sich einen Platz in einer der hinteren Reihen. Gleich würde die Messe beginnen.

Als die Eingangstür aufgestoßen wurde, fuhren alle Köpfe herum. Der Sheriff schritt herein, im prunkvollen Gewand und flankiert von zwei Soldaten, die nicht einmal den Anstand besaßen, ihre Waffen vor den Türen des Gotteshauses niederzulegen. Aber selbstverständlich wagte es nicht mal der Priester, ihn für dieses ungebührende Verhalten zu rügen. Mit stolz erhobenem Haupt marschierte er nach vorne, um sich in der ersten Reihe niederzulassen.

Susannah zog die Stirn in Falten. Als ob dieser Kerl an irgendetwas glauben würde! Er wollte natürlich nur bei der Bevölkerung den Eindruck erwecken, ein gottesfürchtiger Mann zu sein, genauso wie es der geliebte König Richard war. Außerdem konnte es sich kein Herrscher leisten, die Kirche gegen sich aufzubringen. Sie war überzeugt davon, dass er sich bei der Kollekte äußerst großzügig zeigen würde, möglichst so, dass alle Leute um ihn herum mitbekamen, wie viel er in den Klingelbeutel warf. Susannah schüttelte angewidert den Kopf. Sie war heilfroh, dass er sie nicht gesehen hatte in der Menschenmenge.

Beim Verlassen der Kirche zog sie ihre Haube weit ins Gesicht und machte einen großen Bogen um ihn und seine Gefolgsleute. Lieber unauffällig verschwinden. Sie hoffte immer noch, dass die Angst vor seiner Mutter ihn davon abhielt, sie weiterhin aufs Castle zu bestellen.

Auf dem Weg zurück legte sie einen Halt im Haus von Anne ein, denn sie hatte dem Mädchen etwas mitzuteilen. Anne hatte inzwischen ihre rosige Gesichtsfarbe zurückgewonnen, aber ein Lächeln wollte noch immer nicht auf ihrem Gesicht erscheinen.

Susannah setzte sich an den einfachen Holztisch. „Ich komme mit guten Nachrichten, Anne! Mein Vater kennt einen Werkzeugmacher in Bridgewater, der sucht eine Hilfe im Haushalt. Was denkst du?”

Das Mädchen sah sie einen Moment schweigend an, die Augen weit aufgerissen. „Ich kann weg von hier? Weg vom Castle?”

„Ja!” Susannah nickte. „Er ist ein netter Mann, ich habe ihn kennengelernt. Er wird dich ganz bestimmt gut behandeln und du bist dort auf jeden Fall in Sicherheit.“

Anne sprang auf und fiel ihr um den Hals.
Susannah lachte. „Ist schon gut, du erwürgst mich ja!“
Das Mädchen setzte sich wieder und rieb aufgeregt die Hände aneinander. Ihre Wangen glühten.

„Kann ich da bald hin? Und ich muss nie mehr zurück in diese fürchterliche Burg dort oben?”

Bei den letzten Worten hatten ihre Augen einen angstvollen Ausdruck angenommen.

Susannah legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. „Es ist alles in Ordnung. Er dort oben wird dir nie mehr etwas tun.”
Anne strahlte. Zum ersten Mal seit Langem. „Ich bin so froh!“, rief sie. „So schlimm kann eine andere Arbeit gar nicht sein. Hauptsache, ich laufe ihm nicht mehr über den Weg. Oder seiner Mutter.”

„Du kennst sie?” Susannah selbst hatte die Frau noch nie vorher gesehen, weder in der Kirche, noch bei irgendwelchen Turnieren oder ähnlichen Großereignissen auf dem Castle.

„Sie ist mir unheimlich. Eine ganz seltsame Frau, lässt sich mit einem Stuhl durch die Gänge schieben. Ich hatte immer eine Gänsehaut, wenn ich das Ding auf dem Boden herumkratzen hörte. Aber mehr, weil die Frau so böse Augen hat.” Anne schüttelte sich.

„Die Lady zeigt sich aber nie in der Öffentlichkeit.”

Das Mädchen nickte. „Sie lebt sehr zurückgezogen, ich glaube, sie will nicht, dass man sie sieht, weil sie ein Krüppel ist. Und weil sie Angst hat, dass das dem Ansehen des Sheriffs schaden könnte. Aber sie hat treue Diener um sich geschart.”

„Du meinst, sie hat etwas zu bestimmen dort auf der Burg?” Susannah wollte sich das lieber nicht vorstellen.

„Ungefährlich ist sie jedenfalls nicht, sagen manche. Sie zieht dort heimlich die Fäden, so hat es mir mal einer der Soldaten erzählt. Und hat eine Menge Einfluss. Aber nach außen hin hält sie sich lieber im Verborgenen. Weißt du, ich bin wirklich überglücklich, dass du mich da rausgeholt hast!”

Susannah lächelte sie an. „Brauchst du etwas zu essen?” Die Hebamme griff zu ihrer bauchigen Tasche „Ich habe Brot dabei.“
„Nein, danke. Heute wurden doch am Marktplatz mehrere Säcke mit Lebensmittel verteilt. Die standen plötzlich da rum. Niemand weiß, woher die kommen, aber es kann ja nur Robin Hood gewesen sein!“
„Sicher”, sagte Susannah nachdenklich. „Wer sollte sonst Säcke mit Essen verteilen.”

Sie stand auf und machte sich auf dem Heimweg. Waren die Gaben wirklich von Locksley? Oder hatte der Sheriff sich tatsächlich daran erinnert, was sie von ihm gefordert hatte bevor sie ihn – beglückt hatte? Nun, zumindest schien er ein Mann zu sein, der sich an seine Abmachungen hielt.
Grübelnd marschierte sie den ausgetretenen Weg entlang bis zu ihrem Haus am Rand des Dorfes. Ihr Vater war schon seit dem frühen Morgen bei Kranken unterwegs. Als sie eintrat, fand sie auf dem Tisch ein Pergament mit den bekannten steilen Schriftzügen. Sie seufzte laut.
*
Susannah wartete bis zum Anbruch der Dunkelheit, ehe sie aufs Pferd stieg und in Richtung Castle ritt. Vielleicht würde seine Mutter sie im Dämmerlicht nicht so gut erkennen. Sie hatte einen weiten Umhang ihres Vaters umgeworfen, um sich, so weit es ging, zu verkleiden. Diese Frau machte ihr Angst, sie erschien ihr unberechenbar und zu allem fähig. So eine unbedeutende Hebamme aus dem Dorf war doch von den Dienern schnell beseitigt und in den Burggraben geworfen. Kein Mensch würde jemals dahinter kommen, wohin sie verschwunden wäre.

Sie zitterte, als sie sich dem Castle näherte. Der Soldat am Tor sah sie doch irgendwie seltsam an, oder nicht? Unterstand er vielleicht der Alten und hatte den Auftrag, ihr den Garaus zu machen?

All ihre Muskeln spannten sich an und ihr Mund war trocken, als sie dem Mann die Zügel übergab und ihn mit einem verkrampften Lächeln grüßte. Doch er ließ sie unbehelligt in die Burg eintreten.

Susannah raffte ihr Kleid ein wenig hoch, damit sie schneller gehen konnte. Mit eiligen Schritten lief sie den finsteren Gang entlang und entspannte sich erst ein wenig, als sie vor der letzten Tür ankam. Der gelangweilte Wachmann sah sie kaum an, als sie heraneilte.

„Dein Herr hat mich einbestellt”, erklärte sie, noch ziemlich außer Atem.

Er nickte ihr nur kurz zu und gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie eintreten sollte.

Geschafft!

Als die Tür von innen hinter ihr zufiel, atmete sie auf.

Nottingham wartete bereits auf sie. Er trug ein dunkles, dünnes Hemd und fuhr sie barsch an: „Was kommst du denn so spät!“
Langsam schritt er von der anderen Seite des Zimmers auf sie zu, die Miene unergründlich, seine hellen Augen funkelten sie an.

„Ich warte ungern”, sagte er, zog sie an sich und küsste sie besitzergreifend. Anschließend knöpfte er ihr Leinenkleid auf – behutsam, keine Spur von seiner sonstigen Grobheit - und streifte es Stück für Stück über ihre Schulter. Etwas unbeholfen begann er, mit der Hand über die nun freiliegende Haut zu streichen.

Überrascht atmete Susannah ein. Wollte er nun endlich lernen, wie man eine Frau richtig behandelte?

Er fuhr mit den Fingern langsam durch ihre Haare, nahm diese nach hinten und beugte sich über sie. Dann kam er mit seinem Gesicht näher an sie heran, so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte, und küsste sanft ihren Hals. Ein heißer Schauer überfiel Susannah. Sie schluckte. Er hatte schnell gelernt, das musste man ihm lassen. Sie legte einen Arm auf seinen Rücken, spürte das Spiel seiner Muskeln unter dem dünnen Stoff. Er fühlte sich gut an, das war nicht zu leugnen. Männlich. Stark.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als er sie eng an sich zog. Sie schob ihre Hand unter sein Hemd, nackte Haut unter ihren Fingern, hörte ihn leise aufstöhnen an ihrem Ohr. Sie schloss die Augen, als seine Lippen die ihren fanden.

Mit einem Mal war ihr alles egal.

Ihr Unterleib pulsierte, ihr war heiß und kalt gleichzeitig, die Beine wurden ihr weich. Sie wollte ihn. Jetzt. Hier. Sie vergrub ihre Hand in seinem dichten Haar, schob ihm ihr Becken entgegen, presste sich an ihn. Sein Kuss wurde fordernder. Gleich würde er sie packen und mit ihr in sein Schlafgemach stolpern. Oder sie gleich hier auf den Boden legen, es war ihr völlig einerlei. Ihr Atem kam schnell, ihr Puls raste.

Sie löste sich aus seiner Umarmung und versuchte mit vor Anspannung ungeschickten Fingern, sein Hemd aufzuknöpfen. Ihm dauerte das zu lang, er riss es mit einem Ruck auseinander, dass die Knöpfe davonflogen und über den Boden rollten. Nun stand er vor ihr, dunkel, mit diesen funkelnden Augen, die sein Verlangen zeigten.

„Komm”, sagte er mit heiserer Stimme und schob sie hinüber ins andere Zimmer, wo er unmittelbar vor dem Bett stehen blieb. Susannah konnte es kaum erwarten, unter ihm zu liegen, ihn in ihr zu spüren, hart und drängend, ihr gesamter Leib sehnte sich seinen Stößen entgegen. Sie fasste an seine Schulter, um das Hemd endgültig von seinem prächtigen Körper zu streifen, da polterte es an der Tür.

Susannah erstarrte, als sie das quietschende Geräusch erkannte.

„Ich habe wundervolle Neuigkeiten”, hörte sie von nebenan die schrille Stimme seiner Mutter. Der rollende Stuhl schob sich allem Anschein nach durch die Tür in seine Gemächer. „Es bleibt dabei, dass John das Lösegeld für seinen Bruder nicht zahlen wird. Eadric, wo zum Teufel steckst du denn?”

Susannah stand wie angewurzelt, genau wie Nottingham. Da tauchte die Gestalt seiner Mutter im Türrahmen des Schlafzimmers auf.

„Verflucht nochmal, Eadric, was tust du hier schon wieder mit diesem Weib! Habe ich dir nicht gesagt, ich will sie hier nicht mehr sehen?”

Vor Zorn war ihr bereits blasses Gesicht nun völlig weiß geworden. Sie zeigte mit ihrem dürren Zeigefinger auf Susannah.

„Schick sie weg und lass sie mir nie wieder unter die Augen kommen!”

Schleunigst zog Susannah ihr Kleid über die Schultern.

„Das ist immer noch mein Castle”, bellte Nottingham zurück und stellte sich schützend vor Susannah. „Und du hast mir hier nichts zu befehlen, ich hole mir ins Bett, wen immer ich will.”

„Merkst du nicht, dass sie dich schwach macht? Du bist ihr ja völlig hörig!”, kam von der Alten und sie schob ihren Rollstuhl näher an ihren Sohn heran.

Susannah nutzte die entstandene Lücke. Sie raffte ihr Kleid und stürmte aus dem Zimmer, in der Erwartung, dass seine Mutter nach den Wachen schreien würde, um sie in den Kerker werfen zu lassen. Doch nichts passierte. Unbehelligt konnte sie die Tür zum Gang öffnen.

Sie schlich hinaus, vor Anspannung zitternd.

Der Soldat, der sonst immer hier stand, war nirgends zu sehen. Hektisch blickte sich Susannah nach allen Seiten um. Wo waren die Wachen abgeblieben? Dort vorne, da hörte sie jemanden mit tiefer Stimme lachen. Und es klang, als rollten Würfel. Offenbar unterhielten sich die Soldaten ab und zu mit einem kleinen Spiel.

Sie atmete tief aus. Das war wundervoll, da waren sie abgelenkt! Mit bebenden Fingern zupfte sie ihr Kleid noch ein bisschen zurecht.

Gerade wollte sie die Tür zu Nottinghams Gemächern ganz schließen und sich dann schleunigst davon machen, da hörte sie wieder die durchdringende Stimme seiner Mutter.

„Ich habe Pläne, wie wir mithilfe der Dörfler endlich Locksley einfangen”, erklärte diese.

Susannah konnte nicht widerstehen.

Ihre Füße wollten zwar am liebsten auf und davonrennen, sich endlich in Sicherheit bringen, aber ihr sturer Kopf befahl ihr, hierzubleiben und das Gespräch zu belauschen. Neben der Tür gab es einen schmalen Mauervorsprung, dort konnte sie sich verbergen. Mit hämmerndem Herzen quetschte sie sich hinein und spitzte die Ohren, denn dieser Unterton in der Stimme der gefährlichen Alten hatte ihr ganz und gar nicht gefallen.