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Volle Kaperfahrt voraus!

Wir standen am Anleger, die Seesäcke mit unseren Sachen zu unseren Füßen, und eine Barkasse mit Ruderern wartete darauf, uns zum Schiff zu bringen.

»Meine Tochter wird keinen Christen heiraten«, sagte Shylock.

»Ich bin kein Christ«, sagte ich. »Schlimmstenfalls Ketzer aus Bequemlichkeit.«

»Ich will ihn nicht heiraten«, sagte Jessica. »Wir stechen nur in See, um Angst und Schrecken zu verbreiten und uns trunkenen Gelagen unter dem Kreuzmast hinzugeben. Niemals würde ich einen solch kleinwüchsigen Quälgeist von einem Mann heiraten.«

»Trotz meines koboldhaften Charmes und meines Riesendödels?«, sagte ich.

»Beides scheint mir doch eher Wunschdenken«, sagte Jessica.

»Du hast es selbst zugegeben, im Beisein deines Vaters. Du hast gesagt, dass mein Dödel riesig ist.«

Shylock stöhnte auf und hielt sich den Kopf, als könnte er jeden Augenblick platzen.

»Ich dachte, ich hätte nur zugestimmt, dass du ein Riesendödel bist«, sagte sie.

»Nun denn, jetzt hast du meine Gefühle verletzt«, sagte ich. »Du findest mich in der Barkasse, wartend und schmollend, wenn du bereit bist. Lebt wohl, Shylock. Ich werde gut auf sie achtgeben, trotz ihres sauertöpfischen Wesens.«

»Das trifft mich tief in meinem Herzen«, sagte Shylock.

»Nun, gebt nicht mir die Schuld. Schließlich habt Ihr sie erzogen. Vielleicht hättet Ihr den Schuldgefühlen und dem ewigen Klagen ein Löffelchen menschlicher Güte beigeben sollen, wenn Ihr hättet verhindern wollen, dass sie mit einem Piraten durchbrennt.«

»Du, du, du, du, du – du wirst so nicht von meiner Tochter sprechen. Du gibst mir meine Dukaten, aber du nimmst mir meine Tochter.«

»Ich nehme Euch nicht die Tochter. Eure Tochter sucht ihr eigenes Abenteuer.«

»Pocket«, sagte Jessica, »bitte, warte im Boot. Ich komme gleich nach.«

»Adieu, Shylock«, sagte ich. Ich nahm meinen Seesack, ging zum Ende des Piers und reichte ihn den Seemännern hinunter.

Es gab viele Tränen und Umarmungen, und als Jessica sich schließlich zu mir ins Boot gesellte, stand Shylock da und blickte uns hinterher, bis wir längst den Hafen erreicht hatten. Seine dunkle Gestalt mit dem gelben Hut war noch immer zu sehen, als wir den Anker lichteten und die Segel setzten.

Drool stand vorn am Bug, ließ sich vom Wind den Gestank von seinem massigen Leib wehen, und Jeff tollte in der Takelage umher, schnatterte und kreischte vor Freude über seine Gewitztheit, mit der er uns dazu bewegt hatte, ihm dieses famose Affenklettergerüst zu bauen. Nerissa hatte beschlossen, uns auf unseren Reisen zu begleiten. Sie stand am Ruder neben Montano, den Othello zu unserem Kapitän ernannt hatte.

Nachdem er seinen Sitz im Hohen Rat eingenommen hatte, wies uns der Mohr Schiff und Mannschaft zu, als Dank für unsere Dienste, die wir ihm und Venedig geleistet hatten. Als Herrin über den Besitz hatte Desdemona die Anweisungen ihres Vaters für ungültig erklärt und dafür gesorgt, dass die Hälfte von Brabantios Vermögen und auch die Villa Belmont an ihre Schwester Portia gingen, unter der Bedingung, dass sie ihrem hübschen, jedoch strohdummen Mann Bassanio niemals die Verantwortung in Gelddingen überließ. Gleich nachdem Emilia auf Korsika erfahren hatte, dass sie Witwe war, hatte sie eine angemessene halbe Stunde der Trauer abgewartet, um sodann Michael Cassio zu heiraten, mit dem sie sich in der Zitadelle von Bastia einrichtete als neue Baronin von Korsika.

»Ich mache mir Sorgen um Papa«, sagte Jessica.

»Der wird schon zurechtkommen. Er hat seine Brille, also kann er seine Bücher selbst führen, und zu Hause kümmert sich die Witwe Esther um ihn. Die lacht gern und lässt sich auf seinen Schwachsinn nicht ein. Bei ihrer ersten Begegnung hätte Shylock fast gelächelt. Die Möglichkeiten sind ebenso schwindel- wie ekelerregend.« Tubal hatte die Frau gebeten, seinen Freund zu versorgen. Wie sich herausstellte, war es Jago gewesen, der die beiden Riesenjuden angeheuert hatte, um uns zu ermorden, nicht Tubal, und die beiden alten Geldverleiher hatten ihre Freundschaft wieder aufgenommen und dabei die Grenzen der Verachtung und des Neides neu abgesteckt.

»Kann man überhaupt übers Meer nach China fahren?«, fragte Jessica, als wir an der Reling am Heck des Schiffes standen und Venedig am Horizont verschwinden sahen. Der Schatten des schwarzen Drachen folgte uns direkt unter der Wasseroberfläche.

»Keine Ahnung. Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, auf Kaperfahrt zu gehen, damit du das nautische Zeugs lernst und ich zotige Lieder über unsere legendären Abenteuer komponieren kann. Marco Polo meinte, es sei möglich. Allerdings meinte er auch, es könnte sein, dass wir sie über Land befördern müssen, um sie nach Hause zu bringen.«

»Montano glaubt, es könnte vom Schwarzen Meer aus einen Fluss geben, der bis nach China führt.«

»Wenn nicht, können wir andersrum zurücksegeln.«

»Untenrum«, schlug sie vor.

»Wenn du es sagst. Wir bringen sie zurück zu ihresgleichen, falls es überhaupt noch welche gibt, selbst wenn wir die Schlange von Venedig über alle sieben Meere segeln müssen. Es sind doch sieben, oder?«

»Das ist ein Scheißname für ein Schiff«, sagte sie.

Ich hatte das Heck unseres Schiffes mit den großen, güldenen Lettern ihres Namens verzieren lassen, und ein Bildnis von Vivian, aus Ebenholz geschnitzt, zierte den Bug.

»Nun, wir werden das Schiff ganz bestimmt nicht Jessica, die Schreckliche nennen. Denn das, meine Liebe, wäre ein Scheißname für ein Schiff.«

»Harrrrrrrr«, harrrrrrte sie.