13
Frivole Gräueltaten

Sie kam im Traum zu mir. Ich war eine Woche lang ans Bett gefesselt, nachdem der Mohr mich daran gehindert hatte, mir das Leben zu nehmen, ließ mir von Drool und Jeff Wein bringen und entstieg den schweißgetränkten Laken nur, um wankend über dem Nachttopf zu kauern und danach gleich wieder in Trauer zu versinken.

»Guten Morgen, Liebster«, sagte meine Cordelia.

Sie trug den polierten schwarz-goldenen Brustpanzer ihrer Rüstung und dazu ein rüschenbesetztes Höschen, was mir verriet, dass hier irgendwas nicht stimmte.

»Bist du ein Traum oder ein Geist?«, fragte ich und streckte die Hand nach ihr aus, doch ich musste mich abstützen, um nicht aus dem Bett zu fallen.

»Was würde dir besser gefallen?«

»Traum, glaube ich. Weniger nervige Reime.«

»Aber andererseits – ohne Geist geht’s nicht …«

Auch Cordelias Mutter war als Geist zurückgekehrt und ruhte erst, als ihre Peiniger vernichtet waren und ihre Tochter in meinen Armen lag.

»Aber du bist bekleidet«, sagte ich. Ihre Mum war ein eher freizügiger Geist gewesen. »Wenn man es denn so sehen will.«

»Ich bin nicht hier, um es mir dir zu treiben, Süßer, sondern um dir Trost und Anleitung zu spenden, ein wenig spirituelle Orientierung, weil es dir an einem funktionstüchtigen Moralkompass mangelt.«

»Du bist es wirklich«, schluchzte ich etwas heulsusig, die Scheißtrauer hatte mich einfach übermannt. »Ohne dich bin ich kaputt.«

»Oh, mein süßer Pocket.« Sie hielt ihre Hand an meine Wange, doch ich konnte sie nicht spüren. »Du warst schon immer ein bisschen kaputt, Liebster. Das ist die Krux deines Charakters. Was hätte ich mit einem dieser fragilen Prinzen anfangen sollen, die um mich buhlten und deren Stolz zerbrechlich war wie Kristall? Du warst wie die geliebte, kaputte Puppe, die ein Mädchen die Treppe hinunterwerfen kann, um zu sehen, ob sie Arme und Beine verliert, nur so aus Spaß, um zu wissen, wie das ist.«

»Oder aus dem Fenster eines hohen Turmes?«

»Das war nur dieses eine Mal, und du bist gesprungen.«

»Ich war verdammt ritterlich, oder etwa nicht?« Ich war gesprungen. Um ein Kätzchen zu retten. Cordelias.

»Ja, wie du es von jeher warst und nun wieder sein musst.«

»Soll ich aus dem Fenster springen, mir auf dem Gehweg alle Knochen brechen und dir in das Unentdeckte Land folgen? Ich wäre bereit dafür, wenn du mir auf den Fenstersims hilfst.«

»Nein, du musst dem Mohren helfen.«

»Othello? Wobei denn helfen? Er ist stark wie ein Schlachtross, steinreich, Kommandant einer ganzen Armee, entnervend groß gewachsen, und seine …«

»Seine Frau?«

»Er ist nicht verheiratet.«

»Seine Liebe?«, fragte Cordelia. »Desdemona.«

»Desdemona, die Tochter des Senators? Sie kann doch nicht … also … er ist ein Mohr, oder?«

»Kümmere dich darum.«

»Worum kümmern?«

»Du bist schlau, Pocket. Sei schlau. Hilf dem Mohren.«

»Das wird Brabantio nie zulassen. Und ich bin nur noch der Schatten eines Narren, trunken und schwach oder umgekehrt, ohne jeden Lebenswillen.«

»Und doch hast du ein Königreich erobert und es mir geschenkt.«

»Aye, aber das war ja auch ein Klacks, oder? Ich musste es nur einer inzüchtigen Familie debiler Perverslinge entreißen.«

»Du meinst meine Familie?«

»Natürlich nicht dich. Aber alle anderen. Entscheidend ist: Ich bin klein und untröstlich.«

»Ja, das stimmt. Hilf dem Mohren.«

»Ich habe allen Einfluss in Venedig verloren.«

»Nicht allen. Der Doge ist dir noch immer zugetan. Eine Weile kannst du dich noch in den höheren Kreisen bewegen. Hilf dem Mohren.«

»Sag das nicht dauernd.«

»Versprich es.«

»Ich verspreche, dem Mohrenkopf zu helfen.«

»Und versprich mir, dass du nicht Hand an dich legst.«

»Du meinst, mich umbringen?«

»Ja.«

»Versprochen.«

»Und bums die Jüdin nicht.«

»Welche Jüdin? Ich kenne keine Jüdin.«

»Du bist ein Schatz, Pocket. Nun wach auf, du machst gleich ins Bett.«

Ich wachte auf. Zu spät.

Zwei Tage nach dem Traum kam ich dem Auftrag nach, den Cordelia mir gegeben hatte: Hilf dem Mohren.

Der Priester staunte, dass Othello selbst zur Tür kam. Das Äffchen und der große Dämlack gingen davon aus, dass es dort Süßigkeiten gäbe. Der Mohr trug einen gegürteten Morgenmantel aus weißem Leinen und hielt sein Schwert bereit.

»Aber er stirbt ja gar nicht«, sagte der Priester.

»Der ist ganz schwarz«, sagte Drool.

»Mohren sind schwarz«, erklärte ich dem Dussel.

»Ihr sagtet, er läge im Sterben«, sagte der Priester.

»Verzeihung, General«, erklärte ich dem Mohren. »Um ihn herzulocken, musste ich ihm erzählen, Ihr bräuchtet die letzte Ölung.«

»Pocket?«, sagte der Mohr. »Du siehst nicht gut aus.« Er war überrascht, dass ich zur abendlichen Stunde mit einer solchen Entourage vor seiner Tür stand, aber er war nicht verärgert.

»Schmeißt Euch in Schale«, sagte ich. »Ein paar güldene Tressen und einen entsprechend schicken Hut. Wir bringen Euch zu Eurer Hochzeit. Einer dieser spitzen Sarazenenhelme wäre super, falls Ihr einen habt.« Ich stürmte an ihm vorbei ins Haus, welches, obwohl es nah beim Arsenal stand, eher mit dem Prunk eines Herzogssitzes eingerichtet war als mit der spartanischen Funktionalität einer Kaserne. »Ihr drei bleibt draußen.«

Der Priester versuchte, mich um den Mohren herum anzusprechen. »Ich werde keine Ehe schließen. Ihr sagtet etwas von einer letzten Ölung …«

»Ihr werdet tun, was man Euch sagt, sonst erzähle ich allen, dass Ihr die Knochen des Heiligen Markus aus einem ägyptischen Tempel entwendet habt.«

»Das ist vierhundert Jahre her. Das kümmert heute keinen mehr. Erzählt es ihnen ruhig. Ich will nach Hause.« Der Priester machte auf dem Absatz kehrt, um zu gehen.

»Halt ihn auf, Drool!«, sagte ich.

Das Riesenrindvieh packte den Priester bei der Kapuze an seiner Kutte und wollte ihn am Kragen hochheben wie ein Kätzchen, doch es gelang ihm nur, dem Priester die Robe über den Kopf zu ziehen, bis der dürre Padre von der Hüfte abwärts nackt dastand.

»Stell ihn ab, stell ihn ab! Setz dich einfach drauf!«

Drool ließ die Robe des Priesters fallen, stieß ihn zu Boden und nahm auf ihm Platz.

»Das könnt Ihr nicht machen! Der Bischof wird …«

Der Priester hielt abrupt den Mund, als Äffchen Jeff sich daraufhockte.

»Gut gemacht, Jeff. Pass auf, dass Drool ihn nicht erstickt, und Ihr, Priester, solltet Unterhosen tragen, wenn Ihr vor die Tür geht. Sonst halten die Leute Euch noch für lüstern. Kommt, Othello, wir müssen konferieren.« Ich griff am Mohren vorbei und schloss die Tür vor meinem Gefolge.

»Was faselst du von Hochzeit? Wen soll ich denn deiner Meinung nach heiraten?«

»Die holde Desdemona natürlich. Ihr liebt Desdemona und seid sicher, dass sie auch Euch liebt, habe ich recht?«

»Das weiß ich sicherer als alles, was ich je gewusst habe. Aber sie ihrem Vater zu nehmen, ohne Erlaubnis oder Segen … Ich könnte sie nicht stehlen wie ein Dieb in der Nacht.«

»Erstens stehlt Ihr sie nicht, denn sie folgt Euch freiwillig, aus eigenem Willen, und zweitens solltet Ihr Diebe in der Nacht nicht allzu sehr diskreditieren. Wart Ihr nicht Pirat, bevor man Euch die Streitmacht Venedigs übertrug?«

Othello und seine zwanzig Piratenschiffe waren als Söldner angeheuert worden, um die venezianische Flotte in ihrem Krieg gegen Genua zu unterstützen und Genueser Schiffe im Schwarzen Meer zu versenken. Als jedoch bekannt wurde, dass Dandalo, der General der Flotte, bei der Insel Korčula eine vernichtende Niederlage erlitten und hundert Schiffe verloren hatte, übertrug man Othello die Aufgabe, die venezianische Heimat gegen einen Genueser Angriff zu verteidigen, um Belagerung und Kapitulation zu verhindern. Der Mohr hatte seine Aufgabe mit Bravour erledigt und die gesamte Flotte Genuas zurückgedrängt, was Venedig die Möglichkeit eröffnete, die eigene Flotte wieder aufzubauen, welche nun unter dem Kommando des Mohren stand.

»Doch bin ich kein Pirat mehr.«

»Wieso eigentlich, Othello? Wieso habt Ihr Euren Beruf für Venedig an den Nagel gehängt?«

»Ich bin froh, dass es noch anderes gibt als Piraterie. Ein Schiff zu versenken, die Ladung zu plündern, das sind Taten, die einem selbst nur dienen, bei denen man Reichtum und Macht erbeutet, doch eine Stadt zu schützen, die Kinder zu retten, das sind größere Taten, die der Seele dienen.«

»Und dennoch habt Ihr durch die Rettung der Stadt größeren Reichtum und größere Macht erlangt als je zuvor.«

»Möglicherweise ist meine Philosophie mit Mängeln behaftet, Pocket.«

»Das sind doch alles gierige Großkotze, die sowieso nur an sich selbst denken, oder?«

»Ich glaube, dein Unglück hat dir den Blick auf die Venezianer verdunkelt. Nicht alle sind derart übel.«

»Ich sprach von der Menschheit allgemein. Mir geht das dämliche Pack gehörig auf den Sack.«

»Und doch bist du hergekommen, mit einem Priester. Zu welchem Zweck?« Der Mohr grinste mich an, als sei ihm beim Fechten ein touché gelungen.

»Auch meine Philosophie mag mit Mängeln behaftet sein, Othello«, sagte ich. »Der Geist meiner Frau hat mich angefleht, Euch zu helfen.«

»Ah, oft schon habe ich gehört, dass es ohne Geist nicht geht.«

»Othello!« Eine Frauenstimme wurde von der Treppe her laut. »Wer ist da, Liebling?«

Desdemona kam um die Brüstung herum und schwebte ins Foyer herab, wobei der Umhang ihre nackten Beine umwehte und das offene Haar ihr über Schultern und Rücken fiel. Sie hatte grüne Augen und war schön wie ihre Schwester Portia, jedoch mit rundlicheren Wangen und einem Blitzen in den Augen, welches ein Lächeln ahnen ließ, das jeden Moment zum Ausbruch kommen konnte. Sie erinnerte mich an meine Cordelia, nicht so sehr vom Antlitz her als von der Haltung, kraftvoll und doch sanft. Unwiderstehlich.

»Heil dir, o schlampig Schnepf!«, sagte Jones, die Puppe, die nicht von meiner Seite wich, stets auf der Suche nach Banalitäten, den tief hängenden Früchten der Komödie.

»Ach, es ist der königliche Narr«, sagte Desdemona und nahm Othellos Arm. Wir waren uns auf einem Ball im Dogenpalast begegnet, und ich war zweimal bei ihrem Vater in Belmont zum Abendessen geladen. Sie kannte mich. Ich hatte sie zum Lachen gebracht. »Sir, es hat mich fürwahr traurig gestimmt, von Eurer Königin zu hören. Mein tief empfundenes Mitgefühl, und wenn ich oder meine Familie irgendetwas für Euch tun können, so müsst Ihr es nur sagen.« Sie wandte sich ab, und aus ihrem Mitgefühl für mich sprach eine solche Trauer, eine solche Güte, dass ich sofort wusste, wie der kühne Othello, der Pirat und Soldat – diese harte, narbige Mordmaschine –, sein Herz verloren hatte. Und ohne jeden Zweifel wusste ich, was zu tun war.

»Othello, Ihr müsst – mit allem Elan und äußerster Entschlossenheit – diese Hippe heiraten.«

»Bitte?«, fragte Desdemona.

»Er brachte einen Priester mit«, erklärte Othello. »Der Mann wird draußen festgehalten.«

»Ich wollte Othello nach Belmont lotsen, Euch in den Garten schmuggeln und einen Priester sein grässlich Werk tun lassen, bevor Eure Familie wüsste, was vor sich ging, doch nun muss es hier geschehen.«

»Aber mein Vater …«

»Was will Euer Vater denn tun? Ihr werdet verheiratet sein – von der Kirche gesegnet – mit dem Mann, der Venedig gerettet hat. Würde Euer Vater es bei all seiner Macht wagen, die Kirche herauszufordern? Den Dogen? Ihr folgt Eurer Liebe und erzürnt dabei Euren Vater auf ewig. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Was meint Ihr, Mylady?«

Ein Lächeln erblühte, und sie nahm Othellos Arm. Er sah ihr in die Augen und fiel auf die Knie.

»Ich bin Eurer unwürdig«, sagte er. »Doch wenn Ihr mir die Ehre erweisen wolltet …«

»Ja!«, sagte sie. »Ja! Ja! Ja! Ja! Ja! Ja! Ja! O mein süßer Othello, ja!«

»Die Froschfresser nennen es: der kleine Kot«, sagte Jones, die Puppe.

»Der kleine Tod, du Cockneyknödel«, verbesserte ich ihn. »Und ich glaube nicht, dass es bei der Jasagerei eben darum ging.«

»Klang für mich, als würde sie Hand an sich legen. Nun gut, ziehen wir den Pfarrer unter dem Dussel hervor. In Bälde dürfte es hier zu einem gerüttelt Maß an Knutscherei kommen.«

Ich nahm den Türriegel, dann wandte ich mich noch mal um. »Mylady, was glaubt Euer Vater eigentlich, wo Ihr jetzt seid?«

»Er glaubt, ich sei zum Schuhkauf in Florenz.«

»Raffiniert. Dann habt Ihr Gold? Um den Priester für seine Dienste zu entlohnen … es scheint mir ungebührlich, ihn mit Waffengewalt zu zwingen, auch wenn ich der Idee nicht gänzlich abgeneigt bin.«

»Ich habe Gold«, sagte Othello.

»Holt es«, sagte ich. »Ich will den Priester wiederbeleben. Er sah kränklich aus. Inzwischen dürfte er die Besinnung verloren haben.«

»Es hat schon stärkere Männer aus den Stiefeln gehauen, derart von einem Äffchen ins Nasenloch gebumst zu werden«, sagte Jones, die Puppe.

»Bitte?«, fragte Othello.

»Er scherzt«, sagte ich und verbarg den Puppenstock hinter meinem Rücken.

»Ich zieh mir schnell ein Höschen an«, sagte Desdemona.

»Genau das wollte ich gerade vorschlagen«, rief ich ihr hinterher. »Sie ist zum Anbeißen«, raunte ich dem Mohren zu.

Ich öffnete die Tür.

»Hab ich ja gesagt«, meinte Puppe Jones.

»Jeff! Runter da! Böses Äffchen! Böses Äffchen!«

»Jeff hat mit dem Pfarrer Späßchen gemacht«, sagte Drool.

Und in Gegenwart eines edlen Narren, eines Dummkopfs, eines Äffchens und einer Puppe am Stock wurden Othello und Desdemona bald darauf zu Mann und Frau.

CHORUS: Zwei Tage vergingen, in denen der Mohr und Desdemona sich den ehelichen Freuden hingaben, bis die Nachricht ihrer Hochzeit vom Priester zum Soldaten, zum Diener und dann ans Ohr Rodrigos drang und er mit schwerem Herzen, weil er Desdemona verloren hatte, Trost bei seinem Freunde Jago suchte.

»Dann hat der Mohr also Brabantios Tochter verdorben?«, sagte Jago, während er mit dem feurigen Schneid einer Eingebung im Offiziersquartier auf und ab lief. »Ha! Dafür wird ihn der Rat aufknüpfen lassen. Das ist wahrlich gute Kunde! Dafür hast du doch sicher Zeugen, oder? Wenn nicht, werden wir aus den aufrichtigsten Halunken, die wir uns leisten können, welche machen. Hast du Geld?«

»Nein, das wird nichts nützen«, jammerte Rodrigo. »Er hat sie nicht gegen ihren Willen genommen. Er hat sie geheiratet. Ja, sie ist verdorben, doch auf eigenen Wunsch, mit ihrer Einwilligung, verdorben nur für mich. In den Augen Gottes und des Staates gehört sie dem Mohren.«

»Teufel auch.« Jago blieb stehen. »Verheiratet?«

»Von einem Priester.«

»Der Mohr und Desdemona – verheiratet?«

»Vor Zeugen. Im Stadtregister eingetragen.«

»Verheiratet? Vor Zeugen?«

»Bezeugt von einem Narren, einem Riesen und einem Affen.«

»Teufel auch!«

»Das sagtet Ihr bereits.«

Da fing Jago wieder an, auf und ab zu laufen, zückte seinen Dolch und begann, seine Pläne mit der Klinge in die Luft zu zeichnen, während Rodrigo sich an die Wand drückte.

»Noch ist es nicht zu spät, diese Hochzeit zum Schaden des Mohren zu nutzen. Wann fand die Hochzeit statt?«

»Schon vor zwei Tagen. Noch immer verbirgt sich Desdemona im Hause des Mohren.«

»Und der Montressor weiß nichts davon?«

»Nein, er weilt in seiner Wohnung beim Dogenpalast.«

»Nicht in Belmont?«

»In Belmont hörte ich die Neuigkeit, von Portias Magd Nerissa.«

»Die Dienstmagd weiß es, der Herr und Meister nicht?« Ich sage dir, Rodrigo, Frauen sind ein hinterfotziges Pack. Bette sie, wenn es sein muss, doch nimm ihre Schwüre nur als Spinnweben einer Stalltür, denn sie werden sich ohne großen Widerstand dem nächsten Hengst hingeben, der vorübertrabt.«

»Aber guter Jago, habt Ihr nicht selbst ein Weib? Die holde Emilia?«

»Deshalb weiß ich ja, wovon ich spreche. Lug und Trug in hübscher Hülle, das sind sie alle. Wehe dem Mann, der anders denkt und ihnen traut.« Jago steckte seine Klinge so energisch wieder weg, als erdolchte er Caesar. »Komm mit, Rodrigo, lass uns Senator Brabantio aufscheuchen und sehen, ob wir seinen Zorn gegen den Mohren richten können, bevor diese Geschichte zu Ende geht. Halte Männer mit Waffen bereit. Brabantio ist alt und wird das Töten anderen überlassen wollen.«

Nachdem man mich aus meinem friedlichen Schlummer gerissen hatte, auf dem Boden des Foyers in Othellos Haus, wo ich nach meinem Treppensturz gelandet war und mich offenbar in einer Pfütze meines eigenen Erbrochenen eingerichtet hatte, taumelte ich zur Tür, um mich der Bande von Störenfrieden zu widmen, die brüllte und klopfte und meinem morgendlichen Kater eine schmerzende Schärfe hinzufügte.

»Was ist?« Ich machte die Tür auf und erwartete, dass mir der Sonnenschein Dornen der Reue in die Stirn treiben würde, doch stattdessen war Nacht, und Brabantio stand dort und hinter ihm zwei Dutzend Männer mit Fackeln, einige mit Schwertern.

»Montressor?«, sagte ich.

»Fortunato?«, sagte der Montressor. »Was macht Ihr hier?«

»Offenbar stehe ich einem blutrünstigen Mob gegenüber. Was macht Ihr hier?«

»Wir sind gekommen, um den Mohren zu ergreifen, der meine Tochter Desdemona genommen hat und sie in seinem heidnischen Banne hält!«

Weiter hinten in der Menge rief jemand: »Selbst in diesem Augenblicke besteigt der schwarze Widder sein weißes Lämmchen!«

»Selbst in diesem Augenblicke machen der Mohr und Desdemona das Tier mit den zwei Rücken!«, wurde eine andere Stimme laut.

»Selbst in diesem Augenblicke verübt er an ihr üble, frivole Gräueltaten!«, rief eine dritte Stimme.

»Nichts davon ist Zauberei«, sagte ich. »Der Mohr hat Eure Tochter geheiratet. Und Euer Mob kommt hier ohne Mistgabeln an. Ich hab schon haufenweise Typen gesehen, die vom aufgebrachten Pöbel durch die Straßen geschleift wurden, und ich kann Euch versichern: Ihr braucht Mistgabeln.«

»Aber wir haben keine Pferde«, sagte eine nicht ganz so begeisterte Stimme.

»Und auch keine Kühe«, sagte eine weitere.

»Kein Grund, Heu oder Mist zu schaufeln«, jammerte eine dritte.

»Ich könnte einen Enterhaken besorgen!«, schlug ein weiterer Schurke vor.

»Schickt den Mohren heraus!«, verlangte Brabantio.

»Montressor, Euer Mob taugt nichts«, sagte ich. »Kommt wieder, wenn Ihr vernünftige Mistgabeln und nachvollziehbare Losungen habt. ›Das Tier mit den zwei Rücken‹? Wie kommt Ihr darauf? Seid Ihr von Haus zu Haus gezogen auf der Suche nach hirnlosen Analphabeten, die Euch helfen sollen, den obersten Kommandeur der mächtigsten Streitmacht des Landes mit Hilfe eines spitzen Stocks aus seinem Haus zu holen? Ein selten dämlicher Plan, Montressor.« Ich knallte ihm die Tür ins Gesicht und schob den Riegel vor.

»Was war da los?«, fragte Othello, der in seinem Morgenmantel die Treppe herabschritt, Schwert und Dolch in Händen.

»Möchtegernmob«, sagte ich. Ich hob einen Finger, um anzuzeigen, dass ich noch mehr zu sagen hatte, während ich mich umdrehte und in den Eimer mit dem Feuerholz kotzte, der neben dem Kamin stand. Ich wischte mir den Mund mit meinem Ärmel ab und sagte: »Mich dünkt, sie kamen, um Euch aufzuknüpfen. Ach, und Brabantio führt den Pöbel an.«

»Vater?«, sagte Desdemona, die hinter Othello die Treppe herunterkam.

Da hub das Geklopfe und Geschrei wieder an, obwohl zumeist nur »Knüpft ihn auf!« und »Schwarzer Teufel!« zu hören war. Anscheinend wollte nach meiner Schelte niemand mehr hinkende Vergleiche verwenden.

»Das lass ich mir nicht bieten.« Der Mohr zog seinen Morgenmantel fester um sich, dann ging er zur Tür.

»Nur nicht alle gleichzeitig«, sagte ich. »Begrenzt ihren Ansturm. Mit meinen Messern erledige ich dann jene, die dem Schwung Eurer Klinge entgehen.« Eines davon zog ich aus meinem Kreuz, warf es und fing es an der Spitze auf. »Wenn uns das Schicksal gewogen ist, stehen wir alsbald knietief in Leichen, und Ihr könnt Matrosen herbeordern, die das Blut aufwischen und körbeweise abgetrennte Glieder fortschaffen.«

Othello blieb an der schweren Tür stehen. Ich hielt mein Messer zum Wurf bereit und zückte mit der freien Hand ein zweites Messer. Desdemona stand auf der Treppe, presste die Hände auf den Mund, als wollte sie einen Schrei abfangen.

»Vielleicht sollte ich vom Balkon zu ihnen sprechen«, sagte Othello.

»Ausgezeichnet«, sagte ich. »Um Euch einen taktischen Vorteil zu verschaffen, nicht wahr? Desdemona, bringt auf dem Herd ein wenig Öl zum Kochen, meine Liebe. Wir verbrühen das elende Ungeziefer, bevor wir Tod und schwere Möbel auf sie herniederregnen lassen.«

Ich wandte mich um und wollte gerade an Desdemona vorbei die Treppe hinaufeilen, da kam ich vor lauter Übelkeit ins Wanken, ließ meine Messer fallen und hielt mich am Geländer fest. »Verfickt und zugenäht, ich bin zu nichts nütze …«

»Oder vielleicht können wir herausfinden, welcher Groll sie umtreibt, und sie mit unserem Verständnis beschwichtigen«, meinte Desdemona, hielt mich an der Schulter fest und stützte mich, damit ich nicht wieder die Treppe hinunterfiel.

»Vielleicht«, sagte Othello.

Er lief schon an mir vorbei die Treppe hinauf und trat auf den Balkon hinaus, bevor ich meine Messer einsammeln konnte.

»Steckt Eure Schwerter weg. Die rosten im Morgentau nur«, sagte Othello. »Guter Senator, allein mit Eurem Alter erlangtet Ihr mehr Respekt als mit Euren Waffen.«

»O faulig Dieb«, sagte Brabantio. »Wo verbirgst du meine Tochter?«

»Eure Tochter ist in Sicherheit.«

»Verflucht sollst du sein«, sagte Brabantio. »Kein Mädchen, das so zart und schön und doch der Hochzeit derart abgeneigt, dass sie die meisten reichen Erben unseres Landes abwies, würde den Weg an deinen schwarzen Busen finden, ohne dass du sie mit deinem Bann an dich bändest. Mit deinem Zauber hältst du sie gegen ihren Willen.«

»Mitnichten«, sagte der Mohr ruhiger, als ich es für angezeigt hielt.

»Zurück, Ihr Hunde!«, rief ich und bahnte mir einen Weg auf den Balkon hinaus. »Bevor der Mohr Eure Köpfe allesamt auf Spieße steckt.« Ich griff in meinem Nacken nach Jones, der Puppe, die ein lebhaftes Beispiel für das Schicksal eines aufgespießten Kopfes darstellt, nur dass dieser kleiner und ansehnlicher ist als die meisten, doch Desdemona hatte mich darum gebeten, die Puppe beim Abendessen wegzustecken, da sie deren unverwandten Blick und die Ähnlichkeit mit meinem bestrickenden Äußeren »echt gruselig« fand. Auch gut. »Er wird aus Euren Därmen Sockenhalter machen, der Mohr!«

»Nein, wird er nicht«, sagte Desdemona hinter mir.

»Nein, werde ich nicht«, sagte Othello.

»Er wird Euch und den Euren Tod und Verderben bringen, Eure Frauen schänden und Eure Kinder hübsch ordentlich auf Spieße stecken!«

»Lasst Eure Waffen sinken«, sagte der Mohr. »Wollte ich kämpfen, bräuchte ich dafür gewiss keinen Stichwortgeber.«

»Ach, leck mich doch …«

Der Mohr zog mich vom Geländer weg. »Ich komme runter. Treten wir gemeinsam vor den Dogen und den Rat, und ich werde Eure Anschuldigungen vor dem Gesetz entkräften.«

»Ein scheißnutzloser, schwarzbusiger Blödmichel, das bist du«, sagte ich. Othello hatte sich auf das Gesetz berufen, ausgerechnet in Venedig, wo vor dem Gesetz manche gleicher waren als andere.

»Dann also in den Kerker mit dir«, sagte Brabantio. »Bis die Zeit für den Prozess gekommen ist.«

Da wurde dort unten eine neue Stimme laut. »Heil Euch, General, hier ist Cassio!«

Ich schlich ans Geländer. Am Rande des Pöbels stand ein bewaffneter Soldat in Leder und leichter Rüstung, und bei ihm war eine Kohorte von sechs bewaffneten Männern. Othellos Hauptmann Michael Cassio, den ich noch nicht persönlich kannte.

»Der Doge ruft nach Euch«, sagte Cassio. »Es gibt da ein dringendes strategisches Problem, und der gesamte Hohe Rat ist wach und wartet. Genua zieht gen Korsika.«

»Glückes Geschick«, sagte ich. »Euer Hauptmann bringt Hilfe. Wir könnten diese Schurken schlachten und dennoch in gut einer Stunde beim Rat sein.«

»Hör auf damit, Pocket«, sagte Desdemona. »Du suchst nur immer wieder nach neuen Möglichkeiten, Hand an dich zu legen, um deiner Trauer Herr zu werden.«

»Ihr meint, mich umbringen, oder?«

»Ja.«

»Möglicherweise …«

»Ich komme runter«, sagte der Mohr.

»Verfickt und zugenäht!« Drüben beim Palazzo, jenseits von Cassio und seinen Mannen, sah ich in einem Eingang Jago kauern, der sich vor den anderen Soldaten versteckte. Wie sollte ich wissen, dass er da bereits seine grausame Intrige gegen den Mohren spann?

Auf dem Schiff nach Korsika wurde mir die Bedeutung von Cordelias Traum bewusst …

»Du bist die verdammte Jüdin!«, rief ich, als ich aus meinem Totenschlaf erwachte und darum rang, mich in meiner Hängematte aufzusetzen, die in unserer kleinen Ecke des Laderaums hing. Seit zwei Tagen waren wir nun schon auf See. Ich hatte die meiste Zeit unter Deck verbracht, kränklich.

»In gewisser Weise untergräbt es meine Tarnung, wenn du es derart herausposaunst, Pocket«, sagte Jessica.

»Stimmt, entschuldige«, sagte ich. »Aber erst jetzt wird mir klar, dass du die Jüdin bist, die ich nicht bumsen soll.«

»Ich hätte dir die Eier abgerissen und an die Fische verfüttert, wenn du es versucht hättest, also ist es vielleicht ganz gut, dass du dich daran erinnerst.«

»Du bist immer noch piratig drauf, oder?«

»Ich glaube, ich besitze eine echte Begabung dafür, meinst du nicht? Vielleicht sollten Lorenzo und ich auf Kaperfahrt gehen.«

»Ja, nun, zu einer Kaperfahrt gehört allerdings mehr als eine rüde Ausdrucksweise und die Gabe, das Deck nicht allmorgendlich mit dem Frühstück zu verzieren. Ich schätze, da müssen Kehlen aufgeschlitzt und nautische Details erlernt werden. Außerdem bist du, verdammt noch mal, ein kleines Mädchen.« Es schien nicht der rechte Moment zu sein, sie darauf hinzuweisen, dass Lorenzo auf Kaperfahrt doch eher beeinträchtigt wäre, da er ziemlich tot war.

»Ich gehe als Junge durch. Ich bin ganz gut darin. Als du schliefst, habe ich mich an Deck mit ein paar Soldaten unterhalten, und keiner von beiden hat gemerkt, dass ich ein Mädchen bin. Einer ist sogar Offizier – ebenfalls auf dem Weg zu deinem Freund Othello. Er heißt Jago. Sieht selbst ein bisschen piratig aus. Wie der andere heißt, hab ich nicht mitbekommen.«

»Jago? Jago ist auf diesem Schiff?«

»Er meinte, das sei sein Name.«

»Hast du ihm erzählt, dass du mit mir reist? In Begleitung? Oder dass ich Othello kenne?«

»Er schien sich für nichts zu interessieren. Er war damit beschäftigt, seinem Freund einen Vortrag über Geld und darüber zu halten, wie verlogen Frauen sind, und das war auch – als ich es hörte – mein Einstieg ins Gespräch. Angesichts der Umstände blieb mir nur, ihnen zuzustimmen. Als die beiden beschlossen, gemeinsam über die Reling zu pinkeln, habe ich mich entschuldigt, um meine diesbezügliche Unzulänglichkeit nicht preisgeben zu müssen.«

»Aber du hast ihm nichts von dir oder mir erzählt.«

»Ich wurde nicht danach gefragt.«

»Reich mir deinen Rucksack.«

»Du brauchst kein Gold mehr. Hier draußen kann man es sowieso nicht ausgeben.«

»Ich muss meine Verkleidung umgestalten«, sagte ich. »Wenn Jago mich erkennt, sind wir geliefert.«