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Zweitausendneunhundertneunundneunzig goldene Dukaten

Ich folgte Shylock an engen Kanälen entlang zum Anleger beim Markusplatz, wo wir eine Fähre nehmen wollten, die uns nach Hause brachte, über den trancetto hinweg. Seit wir mit Antonios unterschriebenem Schuldschein vom Notarius gekommen waren, hatte Shylock kein Wort mehr darüber verloren, dass er zu wissen glaubte, wer ich war. Ich trug ein kleines Fass Wein, und obwohl es nicht sonderlich schwer war, hatte ich doch meine liebe Mühe, auf Jessicas Plateausohlen im Gleichgewicht zu bleiben.

»Also …«, sagte ich. »Wahllos Fleisch aus jemandem rauszuhacken … macht Ihr Juden so was öfter?«

»Es war deine Idee, ihm seine Männlichkeit zu nehmen, Lancelot Gobbo. Auf einen solchen Handel würde sich kein Mensch einlassen. Ein Arm, ein Bein, irgendein Pfund Fleisch sehr wohl. Ich habe nur auf deine Torheit reagiert. Mich überrascht, dass Antonio sich darauf einlassen wollte. Er braucht das Geld wohl dringender, als es den Anschein hat.«

»Warum muss er bei Euch Geld leihen? Er meinte, es sei für seinen Freund.«

»Für den jungen Mann, Bassanio, der mir den Kredit heute früh auf dem Rialto vorgeschlagen hat. Er meinte, er wolle ihn als Brautpreis für die holde Portia von Belmont verwenden, und Antonio ist ihm dabei behilflich. Antonios Gründe sind mir gleichgültig, abgesehen davon, dass ich durch sie ihm gegenüber im Vorteil bin.«

»Portia? Brabantios Tochter Portia? Brabantio ist einer der reichsten Senatoren Venedigs, und Antonio ist sein Komplize bei den ruchlosesten Machenschaften. Er gibt ihm ohne Weiteres dreitausend Dukaten?«

»Dann hast du noch nichts davon gehört? Der Montressor ist tot.«

Ich wollte wissen, wann und wie, doch Shylock hielt den Finger an den Mund und hieß mich schweigen. Wir waren bei der Fähre angekommen, die dafür ausgerüstet war, schmale Handkarren über den Kanal zu befördern. Offenbar kannte Shylock den Fährmann nicht so gut wie den Gondoliere am frühen Nachmittag, dem wir es heimzahlten, indem wir uns durch die Hitze schleppten und dieses beschissene Flachboot nahmen.

Draußen auf dem breiten, grünen Kanal suchte ich nach dem dunklen Schatten, den ich im Wasser gesehen hatte, doch da waren nur silberne Fischchen, die knapp unter der Oberfläche machten, was kleine Fische eben so machten.

Shylock schwieg, bis wir den Kanal überquert hatten und durch die enge Gasse liefen, die uns zur Meeresseite von La Giudecca führte.

»Also: Warum hegst du einen Groll gegen Antonio, Kleiner?«

»Kleiner? Ich bin größer als Ihr.«

»Als wir heute Mittag mit der Gondel übersetzten, sah ich, dass du Jessicas Stiefel und Chopinen trägst.«

»Diese Verkleidung ist wirklich bescheuert.« Ich balancierte das Fass mit einer Hand auf der Schulter und riss mir mit der anderen den blöden, gelben Hut vom Kopf.

Shylock stellte seine Schatulle mit den Federn und Papieren ab, nahm meinen Hut und setzte ihn mir wieder auf den Kopf, dann nahm er die Schatulle und stand da, versperrte die schmale Gasse. Er zog die grauen Augenbrauen hoch und sah mich an. »Was ist der Grund für den Groll, den du gegen Antonio hegst?«

»Nein«, sagte ich. »Was ist der Grund für den Groll, den Ihr gegen Antonio hegt, und wieso glaubt Ihr, er ließe sich lindern, indem Ihr ihm dreitausend Dukaten leiht?«

»Ich bin dein Brotherr, und außerdem habe ich dich nicht an Antonio und seine Freunde verraten«, sagte Shylock.

»Nun, dafür habe ich Euren Wein und die Schuhe Eurer Tochter.«

»Ich bin ein wohlhabender Mann und kann mir mehr Wein und Schuhe kaufen, doch wenn du es mir nicht sagen willst, wirst du heute Nacht weder ein Dach über dem Kopf noch etwas zu essen haben.«

»Nun, dafür habe ich eine ganze Schweinsblase Wein für mich allein«, sagte ich.

»Nun gut, wie schon der Schneider zum armen, nackten Ritter sagte: Jedem das Seine.« Er wandte sich ab und wanderte die Gasse entlang.

Genau, und mir das meiste. Ich hätte es wissen müssen. Kurz bevor Shylock am anderen Ende der Gasse um die Ecke bog, brach es aus mir hervor: »Er hat meine Frau ermordet und wollte auch mich ermorden! Er hat mich in Ketten gelegt und zum Sterben in ein Verlies gesperrt! Er weiß nicht, dass ich überlebt habe.«

Shylock blickte über seine Schulter. »Das hat Antonio getan?«

»Er und zwei andere.«

Shylock nickte. »Komm. Bring meinen Wein.«

»Jetzt Ihr.«

»Wir sagen dazu nicht Schweinsblase«, sagte Shylock.

»Ist das nicht egal?«

»Ein Jude würde dazu niemals Schweinsblase sagen. Achte auf deine Tarnung.«

»Warum riskiert Ihr Eure Dukaten?«

»Es sind nicht meine Dukaten. Mein Freund Tubal wird den Kredit stellen.«

»Ohne Umschweife: Was tragt Ihr Antonio nach?«

»Wenn ich dir sagen würde, dass Antonio sich meinen Hass verdient hat, würde das genügen?«

»Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Antonio Euren Hass verdient hat, aber für dreitausend Dukaten könntet Ihr eine ganze Horde von Mördern engagieren, um ihn loszuwerden.«

»Antonio hasst mich für meinen archaischen Glauben, doch sein Papst führt Kriege, um Jerusalem von den Sarazenen zu befreien. Er macht bei diesen heiligen Kriegen Gewinn, doch nennt er meine Sparsamkeit eine Sünde. Er mokiert sich über meine Zinsen, doch verbietet es mir das Gesetz, Grund und Boden zu besitzen, mit dem ich Mietzins verdienen könnte. Er verlacht mich, weil ich die Fähre zahlen muss, wenn ich hinüber zum Rialto will, weil mein Volk dem Gesetz nach nur hier auf dieser Insel wohnen darf. Er spottet meiner, weil ich diesen gelben Hut tragen muss, weil das Gesetz der Stadt es so verlangt. Seine Stadt – Venedig –, die nichts erschafft, in der nur Salz wächst, die nichts anderes tut, als Handel zu führen, und sich doch für den Himmel auf Erden hält, weil ihre Gesetze alle gerecht behandeln. Sein Venedig hat keinen König, keinen Adel, es ist eine Republik, eine Stadt des Rechts, eine Stadt der Bürger, sagt er. Eine Stadt, die auf dem Recht aufbaut, sagt er! Nun, ich werde mein Recht mit Hilfe der Gesetze schon bekommen. Ich werde dafür sorgen, dass Antonios Venedig ihn verdammt, ihn dazu verurteilt, für seine geliebten Gesetze das eigene Blut in die Kanäle rinnen zu sehen. Ich werde meine Rache mit Hilfe dieser ach so gerechten Gesetze bekommen.«

Shylock schnaufte wütend, seine Schultern bebten. Auch mich hatten die törichten Engel der trügerischen Gerechtigkeit gebeutelt, als Sklave, aber auch als Herrscher. Ich verstand seinen blinden Eifer.

»Ein Risiko gibt es«, sagte ich. »Was ist, wenn er Euch rechtzeitig auszahlen kann?«

»Sollte nur eines seiner drei Schiffe in Not geraten, gehört er mir, und ich werde sein Fleisch in eben jene Waagschale legen, von der Venedig sagt, sie stünde für Gerechtigkeit. Dafür wird Gott schon sorgen.«

»Nun, ich persönlich würde keinen Eierbecher Hebräerwichse auf den Mumpitz mit Gott verwetten, aber ich sehe, dass die Chancen vier zu eins gegen Antonio stehen.«

»Dann wirst du meinen Plan nicht durchkreuzen?«

»Eure Rache soll die meine sein«, sagte ich. Es sei denn, die Sache geht schief, dann denke ich mir selbst was Hübsches für Antonio aus, dachte ich.

»Nun denn, darauf wollen wir trinken, wenn wir zu Hause sind«, sagte Shylock. »Aber kein Wort davon zu Jessica. Sie ist von so süßem und zartem Wesen. Ich will nicht, dass die bösartigen Pläne ihres Vaters sie vergiften.«

»Jessica hat mich aus dem Meer gezogen und gerettet«, sagte ich. »Ein lieber Mensch ist Eure Jessica. Ginge es nach mir, müsste sie nie auch nur das leiseste unfreundliche Wort hören.«

Doch das musste sie, und das hatte sie, und ich – erst wenige Tage dem nassen Tod entronnen – fand mich zerrissen zwischen unvereinbaren Loyalitäten.

»Du hinterhältige, verlogene Hexe, warum hast du mir nichts davon erzählt?«, fragte ich die sanfte Jessica. »Dein Vater sagt, Brabantio sei von Ratten gefressen worden?«

»Du hast nicht danach gefragt, o Troubadour, der auf dem Weg gen Engelland Schiffbruch erlitt und daher vermutlich kein Interesse an der Politik Venedigs hegt.« Den letzten Teil sang sie, nur um mich zu ärgern.

Shylock war zu Tubal gegangen, um sich die Dukaten für Antonios Kredit zu sichern, sodass Jessica und ich im Haus allein waren.

»Nur weil du recht hast, wirst du meine Gunst nicht wiedererlangen.« Ich hätte ihr armseliges Argument ohne Weiteres entkräften können, indem ich ihr verriet, dass ich den Inhalt ihres Briefes an Lorenzo kannte, doch hätte das meine Vertrauenswürdigkeit in gewisser Weise untergraben.

»Du bist derjenige, der seinen Auftrag nicht ausgeführt hat, Sklave.«

»Lorenzo war nicht bei Antonio. Hätte ich deine Nachricht denn einem von Antonios Schurken geben sollen, in der Hoffnung, dass er sie deinem Liebsten übergibt? Gratiano, dieser ausgemachte Gauner, wollte ihn nehmen. Da hätte ich den Brief ebenso gut dem blinden Gobbo geben können, der damit bis ans Ende aller Zeiten auf der Insel herumgeirrt wäre.«

»Nun, dann wirst du heute wohl abermals in die Stadt fahren müssen. Papa und Tubal lassen am Abend die Kiste mit den Dukaten zu Antonio bringen. Du wirst mitfahren und Lorenzo meinen Brief übergeben. Und auf Antwort warten.«

»Das will ich tun«, sagte ich mit einer Verbeugung. Und das würde ich auch. Und danach würde ich zu meiner alten Wohnung gehen, um mich nach meinem Äffchen Jeff und Drool, meinem Lehrling, zu erkundigen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Riesenbaby einen ganzen Monat allein zurechtkam. Zwar besaß er nichts von Wert, abgesehen von seiner Größe und einem übernatürlichen Talent zur Nachahmung, doch das Schicksal ist den Dummen nicht gewogen, und ich machte mir Sorgen um ihn, wenn er schutzlos in einer Stadt umherirrte, deren Straßen unter Wasser standen. Er schwimmt wie ein Stein.

»Nun sage mir«, sagte ich, »was weißt du über diesen Gefallen, den Antonio seinem Freund Bassanio tut, dass er sein Leben für einen Kredit einsetzt? Weißt du etwas darüber?«

»O ja, Lorenzo hat mir davon erzählt. Seinen Freunden gegenüber hat Antonio geprahlt, er hätte einst die Gunst seiner Herzensdame gewonnen, ohne sein Vermögen aufs Spiel setzen zu müssen wie Bassanio. Hast du von dem Wettstreit um Portias Hand und Vermögen gehört?«

»Wettstreit?«

Sie erklärte mir die bizarre Lotterie, zu deren Preis Brabantio seine jüngere Tochter gemacht hatte: drei Kästchen, mit Wachs versiegelt und von Advokaten bewacht, dreitausend Dukaten allein für eine Chance auf die Hand der Dame. Ach, Othello, was hast du aus Brabantio nur für einen bitteren, alten Mann gemacht, als du Desdemona heiratetest. Ich dachte, mit dem Mord an mir hätte Brabantios Hass auf Othello sein Ende gefunden, aber offenbar quälte er seine jüngere Tochter noch aus dem Grab heraus, als Strafe für die ältere.

Shylock hatte nichts über die Umstände zu berichten gewusst, die dazu geführt hatten, dass Brabantio von Ratten gefressen wurde. Vielleicht hatte sein Herz versagt, als er den Mörteleimer forttragen wollte. Der Schrei in jener Nacht – ich war voller Hoffnung, dass sein letzter Gedanke mir galt. Nachdem der erste Schrecken nun nachgelassen hatte, schien es mir doch ein wahrlich süßer Schrei gewesen zu sein, wenn auch längst nicht lang genug. Dass sich Brabantios Hass jetzt jedoch auch noch auf Antonio auswirken sollte, nun, womöglich wendete sich das Blatt doch zugunsten eines Narren …

Die Griechen halten das Schicksal für drei Schwestern: Eine ist die Spinnerin, die von Anfang an den Lebensfaden spinnt; die Zweite ist die Ironie, die den Faden leicht verheddert und ihm ein trügerisches Gleichgewicht verleiht wie die Justitia, der sturztrunken die Waage aus der Hand gefallen ist, sodass sie nie mehr richtig anzeigt; und die Dritte, die Unabwendbare, sitzt nur in der Ecke, schreibt mit und schimpft die beiden anderen schamlose Schlampen, bis sie irgendwann den Lebensfaden durchtrennt, woraufhin alle eingeschnappt sind, weil das Timing nie stimmt. Mir scheint, ein anstelliger Narr, beseelt mit der Gabe eines flinken Geistes und frenetischer Provokation, wäre möglicherweise zwei Schwestern auf einmal gewachsen und könnte so die Dritte dazu bewegen, ihren Zweck auch seinen Feinden angedeihen zu lassen. Irgendwie würde ich mich schon zum Handlanger des Schicksals machen.

»Was redest du?«, fragte Jessica.

»Bitte?« Ich wusste gar nicht, dass sie noch da war.

»Irgendwas von zwei Schwestern, an die du Hand anlegen willst?«

»Das habe ich laut ausgesprochen?«

Sie nickte.

»Wieso schleichst du hier überhaupt herum wie ein Dieb in der Nacht?«

»Ich sitze an meinem eigenen Küchentisch. Es ist lichter Tag. Das Fenster steht offen. Sieh doch, das Meer!«

»Okay, ich hab nur laut gedacht. Wenn du selbst mal ein bisschen nachdenken würdest, hättest du das gemerkt und dich verzogen.«

»Ich werde dich in Antonios Gemächer bringen, Pocket, damit du der Handlanger sein kannst, der du so gern wärst.« Sie kicherte.

CHORUS: Und so lernt der bittere und seichte Narr, dass es gar nicht so witzig ist, wenn das Selbstgespräch, in das jemand hineinplatzt, das eigene ist.

»Meine Fresse, halt endlich die Klappe!«

»Außerdem bin ich nirgends reingeplatzt. Ich saß die ganze Zeit schon hier.«

»Mach die Fensterläden zu. Vielleicht verschwindet er dann endlich.«

CHORUS:Und so schließen sich die Fensterläden von Shylocks Küche, und manches mag im Hause sich ergeben, unbemerkt von irgendwem Erwähnenswerten.

Auf Jessicas Drängen hin schickte mich Shylock eine Stunde vor Sonnenuntergang zu Tubals Haus, wo ich von zwei großen, stämmigen Hebräern in Empfang genommen wurde, die genauso dunkle Kaftane mit gelben Hüten trugen wie ich. Sie hießen Ham und Japhet und waren mit Sicherheit die kolossalsten Juden, die ich je gesehen hatte.

»›Ham‹, sagst du? ›Schinken‹? Man kann nicht behaupten, ihr Leutchen hättet keinen Humor, was? Erstaunlich, dass dein Bruder nicht Speck oder Schnitzel heißt. Ha!« Hin und wieder amüsiere ich mich gern selbst.

»Wir wurden nach den Söhnen des Noah benannt«, erklärte Hätte-Speck-sein-Sollen.

»Natürlich«, sagte ich, »genau das meinte ich: Große, kräftige Kerle wie ihr in einer Stadt, die von Wasser umzingelt ist. Wie Noahs Söhne.«

Sie waren so jung, dass ihnen gerade erst die Bärte wuchsen, also stellten sie meinen Unsinn nicht weiter infrage. Deshalb schicken wir unsere jungen Burschen in den Krieg: Picklige Bengel voller Eifer, jedoch ohne Sinn und Verstand, nehmen einem noch den allerletzten Scheiß ab. Ham und Japhet würden eine ansehnliche Füllung für den Fleischwolf des Krieges abgeben. Doch vorerst mussten sie uns als Goldwächter dienen.

Tubal wies uns den Weg vom Anleger vor seinem Haus, wo bereits ein breites Boot mit Ruderern an Bug und Heck wartete. Noch immer trug er seinen dunklen Kaftan, doch ohne den gelben Hut hatte er einen Wust schwarzgrauer Locken auf dem Kopf, unterbrochen nur von einer kahlen, weißen Stelle in der Mitte, als versteckte sich eine Albinoschildkröte im Dunkel eines Bergwerks. »Dieses Boot wird euch direkt zu Antonios Haus bringen, welches dem Lido gegenüberliegt, also müsst ihr gar nicht erst in die Kanäle der Stadt fahren. Du, Lancelot, bist Antonios Männern schon begegnet, wie Shylock mir berichtet. Bring das Boot erst an den Pier, wenn Antonios Leute dir bestätigt haben, dass sie bereit sind, das Gold entgegenzunehmen. Du springst an Land und stellst sicher, dass die Stufen hinauf zu Antonios Quartier frei sind und er zu Hause ist. Dann erst gehen Ham und Japhet von Bord des Bootes und tragen das Gold die Stufen hinauf in Antonios Gemächer. Übergebt es Antonio persönlich und bietet ihm an zu warten, während er es zählt. Dann lasst ihn diesen Beleg unterschreiben, bevor ihr umkehrt. Der Zettel muss unterschrieben sein, sonst besitzt der Schuldschein vor dem Gesetz keine Gültigkeit.«

Tubal reichte Ham ein aufgerolltes Pergament, und der stopfte es in seinen Kaftan.

»Los. Los, los, los!«, sagte Tubal. »Ihr werdet erwartet.«

Ham und Japhet hievten die schwere Kiste ins Boot, das unter dem Gewicht des Goldes und der zwei Riesenjuden tiefer ins Wasser sank.

Die beiden Bootsführer ruderten uns ostwärts außen um La Giudecca herum, dann um die Insel San Giorgio Maggiore (der Punkt auf dem »i« der langen Insel La Giudecca) und über die Mündung des Canal Grande hinweg, wo es selbst in der Abenddämmerung vor Booten wimmelte wie von einem Schwarm verwirrter Enten, die um Brotkrumen in ihrer Mitte stritten. In der untergehenden Sonne hatte das Wasser der Lagune einen silbrigen Glanz angenommen, der einen Blick in die Tiefe verhinderte, doch etwa fünfzig Meter rechts von uns sprangen ein paar kleine Fische aus den Fluten, und ich sah die Welle einer großen Kreatur unter Wasser, die die Fischchen jagte, parallel zu unserem Boot, in Richtung Arsenal.

»Thunfisch«, sagte Ham, als er meinen Blick auffing und vielleicht die Sorge darin sah. »Manchmal kommen sie abends in die Lagune. Vielleicht auch ein Delfin.« Er lächelte und klopfte mir auf die Schulter, und ich erwiderte sein Lächeln.

Ich glaubte nicht daran, dass es ein Thunfisch war – oder ein Delfin.

»Ganz ruhig, Lancelot«, sagte Japhet. »Gefahr für unseren Auftrag droht uns nicht aus dem Meer, sondern von den Aasgeiern an Land, und gegen die sind wir gewappnet.« Er schob seinen Kaftan ein wenig zur Seite, und ich sah einen schweren Eichenknüppel an seinem Gürtel hängen. Mein Blick ging zu seinem Bruder, der grinsend einen ebensolchen Knüppel unter seinem Rock herzeigte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Sagt mal, was meint ihr? Wollt ihr zwei Antonio – statt ihm das Gold zu geben – nicht damit überraschen, dass ihr ihn zu Brei schlagt? Vielleicht auch ein paar seiner Helfershelfer, dann bringen wir Tubal das Gold zurück, gönnen uns ein Gläschen und machen uns einen netten Abend?«

Was nützten einem zwei große Juden mit Knüppeln, wenn sie einem die Feinde nicht zu Brei schlugen? Zugegeben, es wäre nicht die langsame, höhnische Vergeltung, die Shylock sich erhoffte, aber ich dachte mir, er würde die Enttäuschung sicher überleben und wäre dann in gewisser Weise der unangenehmen Überraschung besser gewachsen, die ihn erwartete.

»Das wäre unrecht«, sagte Japhet.

»Unrechtartig«, sagte ich und machte mit der Hand das Zeichen einer wankenden Waage. »Es ist ja nicht so, als wäre es in Stein gemeißelt, oder?«

»Ehrlich gesagt …«, setzte Ham an.

»Ach, schon gut … ich komme mir vor, als säße ich mit einer beschissenen Bande von Advokaten im selben Boot. Gut, dann liefern wir das verfluchte Gold eben ab und lassen Antonio ungeknüppelt.«

Vier Männer warteten vor Antonios Haus. Die Bootsführer lenkten ihr Gefährt mit dem Bug voran zum Steg, ließen mich von Bord gehen, dann legten sie wieder ab, ganz nach den Anweisungen. Mittlerweile war ich auf den Chopinen recht wendig, und nur jemandem, der genau darauf achtete, wäre aufgefallen, dass ich irgendwie komisch ging, weniger behände als auf meinen eigenen zarten Füßen. Ich nickte den vieren zu, von denen ich drei erkannte, vom Nachmittag auf dem Rialto – Gratiano, den Längsten, den hübschen Bassanio, für den das Gold gedacht war, und zwei weitere, kleinere Männer, die derselbe Mensch sein mochten, wenn nicht Zwillingsbrüder, und obwohl ich einen davon auf dem Rialto gesehen hatte, hätte ich nicht sagen können, welchen von beiden.

»Lorenzo?«, fragte ich den, der mir am nächsten stand.

»Salarino«, sagte er.

»Dann seid Ihr Lorenzo?«, fragte ich den anderen.

»Salanio«, sagte der.

Mein Blick ging hin und her. »Macht Ihr Witze?«

»Ich sagte es dir doch, Jude«, erwiderte Gratiano. »Wir treffen Lorenzo später.«

»Ach ja, stimmt«, sagte ich. »Ich soll auf der Treppe nachsehen, ob da noch mehr Halunken sind. Dann komme ich wieder runter und gebe Zeichen, das Gold zu bringen.«

»Oberster Stock.« Gratiano grinste und deutete auf den Eingang eines Gebäudes in der Nähe.

Schon war ich unterwegs.

»Hey, was meinte er mit noch mehr Halunken?«, fragte Salanio oder vielleicht auch der andere, als ich das Haus betrat.

Zwei Augenblickchen später war ich schon drei Etagen weiter oben, doch meine hölzernen Chopinen machten einen solchen Lärm, dass ich an den Rand der Treppe trat und mich auf das Geländer stützte, bevor ich den letzten Stock erklomm. Da hörte ich die Stimme.

»Keine Sorge, Antonio, wenn keiner kommt, um Eure Schulden einzufordern, seid Ihr davon befreit, ungeachtet des Schicksals Eurer Schiffe.«

Jago. Mein Körper reagierte mit Schaudern, trotz aller Entschlossenheit. Als ich Antonio begegnet war, hatte ich nicht annähernd so heftig reagiert, doch von dem schien auch nicht die eigentliche Gefahr auszugehen.

»Wir würden den Juden also einfach … ermorden?« Antonio klang schockiert. »Alle wüssten sofort Bescheid.«

»Wir ziehen in einen Krieg, Antonio. Der lässt sich nicht allein mit Zynismus und Profitsucht führen. Früher oder später wird Blut fließen. Es wird Tote geben.«

»Ich weiß, aber ich dachte, der Krieg wäre weit weg, unangenehm, aber in weiter Ferne wie ein Gerücht.«

»Ich werde darauf achten, dass Ihr Euch nicht die Finger schmutzig machen müsst, Antonio.«

»Das Gold ist da«, sagte Antonio.

Offenbar sah er auf die Lagune hinaus und hatte das Boot entdeckt.

»Rodrigo war in Belmont«, fuhr Jago fort. »Nerissa meint, es sei unmöglich, das richtige Kästchen zu erkennen. Mehrere Advokaten Brabantios und ein Senator überwachen den Vorgang. Die Freier kommen von überall her. Prinzen und Herzöge.«

»Wir werden schon eine Möglichkeit finden. Die edle Portia kann es kaum erwarten, Bassanio zu ehelichen. Sie ist wie ihr Vater. Ich habe vollstes Vertrauen in ihr Geschick.«

»Dann bleibt es wohl Euch überlassen. Ich werde mich nach dem Karneval an Michaeli mit Rodrigo nach Korsika aufmachen, um den Mohren und Cassio zu beseitigen. Wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen, werde ich General sein, und Ihr werdet einen Senator besitzen.«

Ich lauschte nach Schritten. Panik wuchs in meiner Kehle heran wie ein Schrei. Warum machte mir Jago solche Angst? Mein Leben lang war ich von schlimmeren Schurken als Jago umgeben gewesen, und doch fuhr mir ein kalter Schauer durch Mark und Bein.

»Ich wundere mich nur, Antonio, warum Ihr eigentlich die holde Portia nicht heiratet und selbst Senator werdet, statt einen zu besitzen.«

»Ich bin zu alt für sie, und Bassanio ist mir ans Herz gewachsen. Wahrer Liebe möchte ich nicht im Wege stehen.«

»Was habt Ihr doch für ein nobles, poetisches Herz, mein guter Antonio«, sagte Jago, »und doch keine Frau, mit der Ihr es teilen könntet. Viel Vergnügen heute Abend bei Victoria.«

Dann schwere Schritte von Stiefeln auf dem Boden, und schon hüpfte ich die Treppe hinab, immer drei Stufen auf einmal nehmend, rutschte – wenn möglich – auf dem Geländer nach unten, bis ich zur Haustür hinaus und übers Pflaster katapultiert wurde, wobei ich fast in die Lagune fiel. Die beiden Sals fingen mich auf, jeder einen Arm.

»Kommt, kommt, die Luft ist rein!«, rief ich den wartenden Bootsführern und den Riesenjuden zu. »Bestellt Shylock, ich hätte mich um anderweitige Geschäfte kümmern müssen.«

Schon war ich um die Ecke und eilte eine Straße namens Fondamenta Arsenale entlang, auf dem Weg in die Stadt, noch bevor Jago aus der Tür trat.

Unterwegs, meinen Riesen und mein Äffchen zu suchen! Welch freudige Erregung empfand ich doch angesichts der Aussicht auf ihre Begeisterung, wenn sie gewahr wurden, dass ich sie gerettet hatte. Es war schon eine Weile her, seit ich mich zuletzt in jener Huldigung gesonnt hatte, die einem Helden zusteht, und sei es nur von einem Äffchen und einem sabbernden Schwachkopf. Sie wäre Balsam für meine geschundene Seele.