6
Die Spieler
Antonio verließ das Rialto-Viertel, als die Glocken des Markusdoms zum Mittagsgebet riefen. Ihm folgte eine Entourage vier junger Protegés im Kaufmannszwirn, dunklen Kleidern, die eine gewisse Uniformität zeigten und sie anderen gegenüber als Mitglieder des Kaufmannsstandes auswiesen. Doch jeder von ihnen trug ein Tuch aus bunt gefärbter Seide, eine Brosche oder eine kühne Feder am Hut, um seine Besonderheit hervorzuheben. »Ich bin einer von euch, nur ein bisschen besser«, war die Botschaft. Sie trabten Antonio hinterher wie Welpen einer Mutterhündin.
»Wozu die Hast?«, fragte Gratiano, der Größte der vier, breitschultrig wie ein Hafensklave, als sie die Brücke hinaufstiegen. »Wenn es wichtig wäre, sollten wir zum Rialto streben, nicht zur Mittagspause, meint Ihr nicht?«
Antonio drehte sich um und wollte zum wiederholten Male das Talent des Jungen loben, den Kontext und oft genug das Naheliegendste zu ignorieren, als er mit einem kleinen, graubärtigen Mann im langen Mantel zusammenstieß, der in seinen Dokumenten blätterte, während er die Stufen der Treppe herunterkam.
»Jude«, sagte Gratiano, trat hinter Antonio hervor, packte den alten Mann beim Arm und zog ihn auf die Zehenspitzen hoch.
»Wucherer!«, sagte Salarino, der Älteste der Jünglinge, der langsam dicklich wurde und seinem Freund Gratiano kaum jemals von der Seite wich. Er packte den anderen Arm des Juden und schlug ihm gleichzeitig den gelben Hut vom Kopf.
»Antonio«, sagte der Jude, als er sich von seinem Schreck erholt hatte und Auge in Auge mit dem Kaufmann stand.
»Shylock«, sagte Antonio. Was nun? Indem die beiden jungen Tölpel ihm beigesprungen waren, zwangen sie ihn nun zum Handeln. Sinnlos. Unnütz.
»Verzeihung«, sagte Shylock, verneigte sich, blickte dabei jedoch flehend auf. Er kannte Antonio.
Antonio verkniff sich ein Seufzen und täuschte stattdessen Ärger vor. »Jüdischer Hund!«, bellte er und spuckte dem Juden an den langen Bart, dann schob er Salarino beiseite und stieg entschlossen die Stufen zur Brücke hinauf.
»Sollen wir ihn in den Kanal werfen?«, fragte Gratiano.
»Nein, überlasst den Halsabschneider der Verdammnis«, sagte Antonio. »Wir haben keine Zeit. Kommt!«
Sie stellten den Juden wieder auf die Beine. Gratiano schlug dem alten Mann die Dokumente aus der Hand. »Pass auf, wo du hintrittst, Schweinehund«, sagte er, dann drehte er sich um und eilte Antonio hinterher, wobei er Salarino am Ärmel mit sich zog.
Bassanio, der Hübscheste aus Antonios Gefolge, schlich an Shylock vorbei, als fürchtete er, er könnte sein Hemd beschmutzen, wenn er ihm zu nahe käme, und bedeutete Lorenzo mit wütender Geste, ihm zu folgen. Lorenzo, der Jüngste der Schar, sammelte Shylocks Dokumente vom Kopfsteinpflaster und legte sie dem alten Mann unbeholfen in die Hände, dann hob er den gelben Hut auf, den alle Juden trugen (per Gesetz), setzte ihn Shylock auf den Kopf und klopfte mehrmals darauf, während Shylock zu ihm aufblickte, dann trat er zurück, richtete den Hut und klopfte noch einmal darauf. Da erst sah er Shylock in die Augen.
»Jude«, sagte er und suchte nickend Zustimmung.
»Jüngling«, sagte Shylock, mehr nicht.
»Nun denn«, sagte Lorenzo. Er richtete Shylocks Hut ein letztes Mal.
»Lorenzo!«, fauchte Bassanio wütend, mit Nachdruck.
»Komme schon!« Lorenzo hastete die Treppe hinauf und holte seinen Freund ein, als sie über den Scheitelpunkt der Brücke kamen.
»Was sollte das?«, fragte Bassanio. »Ein Jude?«
»Hast du seine Tochter gesehen?«, sagte Lorenzo.
Antonio unterhielt eine ganze Etage im obersten Geschoss eines großen, vierstöckigen Hauses an der Riva di Ca di Dia, nicht weit vom Arsenal. Seine Unterkunft lag nicht im vornehmsten Teil der Stadt, und sie war viel weiter vom Rialto weg, als ihm lieb gewesen wäre, aber er hatte sie übernommen, als es um sein Vermögen nicht zum Besten stand, und vom Salon aus konnte er die Schiffe in der Lagune von Venedig sehen, und so blieb er dort wohnen, selbst als sein Glück sich wendete, und erzählte seinen Freunden, er habe seine geschäftlichen Unternehmungen gern im Auge.
Jago saß mit einem jüngeren Mann an Antonios Tisch.
»Eure Magd hat mich hereingelassen«, sagte Jago.
»Und Euch den Wein gezeigt, wie ich sehe«, erwiderte Antonio.
»Das ist Rodrigo«, sagte Jago. »Der mir die Nachricht von Brabantios unglücklichem Ableben brachte.«
Rodrigo stand auf und deutete eine Verbeugung an. Er war so groß wie Gratiano, aber viel dünner, und sowohl seine Haare, als auch seine Nase waren länger, als es der Mode entsprach, letztere schmal und gerade, eine fleischige Klinge, die aus seinem Gesicht ragte. »Es ist mir eine Ehre, Signor.«
»Und das sind Gratiano, Lorenzo, Salarino und Bassanio.« Jeder Einzelne verneigte sich, als sein Name fiel.
Jago erhob sich und ging zu Bassanio, reichte ihm die Hand. »Dann seid Ihr derjenige, mit dem wir sprechen müssen.« Er führte Bassanio zum Tisch wie eine Dame, die auf den Tanzboden geleitet wurde. Über die Schulter hinweg sagte er: »Ihr anderen könnt euch jetzt verpissen.«
»Jago!«, sagte Antonio. »Diese Herren sind meine Freunde und Geschäftspartner, einige der vielversprechendsten jungen Kaufleute Venedigs. Denen könnt Ihr nicht einfach sagen, dass sie sich verpissen sollen.«
»Oh!« Jago hob affektiert eine Hand an sein ledernes Wams. »Verstehe«, sagte er und tänzelte mit ein paar anmutigen Schritten zu den drei Jünglingen zurück, die Augen züchtig niedergeschlagen wie eine peinlich berührte, alte Jungfer. »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, edle Herren. Ich hoffe, Ihr könnt mir vergeben.« Auf Zehenspitzen trippelte er um sie herum, mimte einen Tänzer, wobei die Scheide seines langen Schwertes im Vorübergehen über Lorenzos Schienbein strich. Er legte seine Arme um ihre Schultern, schob seinen Kopf zwischen Lorenzos und Salarinos Ohren und flüsterte: »Ich bin ein Soldat, der Sohn eines Schauermanns. Ich wurde in den Krieg geschickt, als ich noch viel jünger war als Ihr alle hier, also mögen meine Manieren für Euch aus dem Kaufmannsstand vielleicht ein wenig rüde wirken. Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen.« Er blickte zu Gratiano auf, der einen langen Hals machte, damit er um seinen Freund herumspähen konnte.
»Ich entschuldige mich in aller Form«, sagte Jago. Und sah jedem in die Augen.
»Angenommen, natürlich«, sagte Gratiano.
»Natürlich«, sagten der kleinere Lorenzo und der rundere Salarino nacheinander.
Jago entließ die jüngeren Männer aus seiner Umarmung und tippelte mit einer Pirouette zu Antonio. »Entschuldigung, mein guter Antonio. Edler Antonio. Verehrtester Antonio. Nie würde ich Eure Freunde verletzen.«
»Aber das macht doch nichts«, sagte Antonio, dem plötzlich ganz warm wurde, sodass es unter seinem Kragen juckte.
»Oh, gut«, verkündete Jago. »Da wir nun alle Freunde sind: Ihr drei … seid so gütig und verpisst euch.«
»Bitte?«, sagte Lorenzo.
»Du auch, Rodrigo. Geh und lass dir von den Kaufleuten eine warme Mahlzeit spendieren. Verpiss dich.«
»Bitte?«, sagte Rodrigo und erhob sich von seinem Stuhl.
»Ver…«, sagte Jago, dann eine Pause und tiefes Luftholen, »… PISST EUCH! Alle, wie ihr da seid!«
»Bitte?«, sagte Gratiano und fragte sich, was mit seinem neuen, sanftmütigen Freund geschehen war.
Jago blickte zu Antonio. »Drücke ich mich allzu feinsinnig aus? Ich befinde mich nur selten in Gesellschaft derart distinguierter junger Herren.«
»Ihr wollt, dass sie sich verpissen?«, fragte Antonio.
»Genau!«, sagte Jago und wandte sich mit erhobenem Zeigefinger den Grünschnäbeln zu. »Ich bin daran gewöhnt, dass Soldaten tun, was man ihnen sagt, sodass ich schon dachte, ich nuschle. Gnädige Herren, Antonio und ich haben mit Bassanio Geschäftliches zu besprechen, und daher wäre es vonnöten, dass Ihr Euch allesamt schnellstmöglich verpisst.«
»Oh«, sagte Rodrigo.
»Jetzt gleich!« Hand am Schwert.
Sie stolperten zur Tür hinaus.
»Rodrigo!«, rief Jago ihnen hinterher. »Komm in einer Stunde wieder!«
Aus dem Treppenhaus: »Jawohl, Leutnant.«
»Ihr anderen?«
»Ja?« Gratiano antwortete.
»Bleibt verpisst.«
Jago schloss die Tür, legte den Riegel vor und kehrte zu Antonio zurück. »Das war ganz und gar Eure Schuld.«
»Ihr habt Eure Freunde auch mitgebracht.«
»Rodrigo ist kein Freund. Er ist ein Knecht, ein Hilfsmittel.«
»So was wie ein Werkzeug?«
»Genau. Wie auch dieser hübsche junge Lebemann.« Jago schob Bassanios Hut zurück. »Nicht wahr, mein Freund?«
»Ich dachte, wir wären hier, um über Portia zu sprechen«, sagte Bassanio zu Antonio, als wäre Jago gar nicht anwesend.
»In der Tat«, erwiderte Antonio. »Aber es gibt da ein Problem.«
»Was für ein Problem? Er stammt aus guter Familie, er mag das Mädchen, und er ist flott und adrett – zu adrett für meinen Geschmack. Ich möchte ihn im Joch der Ehe sehen, allein schon, um ihn aus dem Bett meiner eigenen Frau fernzuhalten.« Jago wandte sich Bassanio zu, um zu erklären: »Ich habe den Verdacht, dass sie eine kleine Schlampe ist. Du kannst nichts dafür, dass du hübsch bist.«
»Bassanio ist nicht das Problem«, sagte Antonio. »Es ist offensichtlich, dass Portia Gefallen an ihm findet, aber der selige Brabantio hat Bedingungen für ihre Heirat gestellt, die verhindern, dass unser junges Glück gedeihen kann.«
»Bedingungen?«
»Um ähnliche Kalamitäten wie mit Othello und Desdemona zu vermeiden, hat der alte Mann eine Hürde ersonnen. Jeder von Portias Freiern muss eines von drei Kästchen wählen: ein goldenes, ein silbernes oder ein bleiernes. Dann bekommt er den Schlüssel ausgehändigt, und wenn das Kästchen Portias Porträt enthält, dürfen die beiden heiraten, doch wenn nicht, muss der Freier gehen und darf nie wiederkehren. Der gesamte Vorgang wird von Brabantios Advokaten überwacht, die sein Vermögen verwalten – das heißt, jenen Teil des Vermögens, den er nicht Desdemona zugedacht hat.«
Jago wich zu seinem Stuhl zurück und setzte sich. Seine Schwerthand tastete nach dem halb vollen Weinglas und ergriff es. »Wie kam Brabantio auf die Idee, dass eine solche Hürde seine Tochter davor bewahren könnte, einen Schurken zu heiraten? Durch die Wahl eines metallenen Kästchens?«
»Er hatte die Absicht, den Vorgang zu beaufsichtigen … und dem Mädchen mit Hilfe der Kästchen die Illusion zu vermitteln, dass er die Wahl dem Zufall überließ.«
Eine Ader pulsierte an Jagos sonnengebräunter Stirn. Als er sprach, klang seine Stimme beherrscht, und er behielt den jungen Bassanio im Auge, für den Fall, dass er dem Jungen Angst machte. »Dann weiß nicht einmal Portia selbst um den Inhalt der Kästchen?«
»Und auch keiner der Advokaten. Brabantio hat die Schlösser persönlich versiegelt. Er allein wusste, welches Kästchen den Schatz enthält.«
»Dieser miese, geisteskranke Wichser!«, knurrte Jago. Dann zu Bassanio, sanft: »Gott segne ihn und sei seiner Seele gnädig.«
»Amen«, sagte Bassanio und verneigte sich. »Gott schenke seiner Seele Frieden, und auch meiner, wenn ich ihm ins dunkle Land des Todes folge. In Ermangelung von dreitausend Dukaten um die Liebe meiner Portia gebracht, bleibt mir nur, mich zu ertränken.«
»Scheint mir teuer«, sagte Jago und zog seine vernarbte Augenbraue hoch. »Ich würde Euch für die Hälfte, ja sogar für ein Drittel davon ertränken.«
»Er hat sie wirklich gern«, erklärte Antonio. »Die dreitausend Dukaten sind der Preis, den ein Freier zahlen muss, um eines der Kästchen öffnen zu dürfen.«
»Nur allein für die Gelegenheit«, heulte Bassanio.
»Wir werden das Rätsel lösen, bevor der Junge sich daran versucht«, sagte Jago. »Selbst wenn es bedeutet, dass wir einige Advokaten mit einem Metall überreden müssen, das nicht ganz so wertvoll ist wie Gold. Gebt ihm das Geld, Antonio.«
»So viel habe ich nicht. Mein gesamtes Vermögen ist auf See. Es wird Monate dauern, bis ich Gewinn einstreichen kann.«
Jagos lädierte Augenbraue flatterte wie die Flügel eines Raubvogels, der zur Landung ansetzte. »Ruft mir kurz in Erinnerung, was es gleich war, was Ihr zu unserem Unternehmen beitragt.«
Bassanio ließ seinen Kopf – schwer vom Kummer – auf seine Hände sinken. »Irgendein reicher Greis wird Portia bekommen, und ich werde mich an ihrem Hochzeitstag ertränken.«
Jago erhob sich und trat hinter Bassanio, nahm den Jungen bei den Schultern und hob ihn mit kräftigem Schütteln vom Stuhl. »Du alberner Geck!«
Bassanio, der nun fest im Griff des Jago war, sah zu seinem Antonio. »Ist es denn Albernheit zu leben, wenn das Leben eine Qual wird?«
»Welche Liebe ist denn keine Qual, wenn man sich selbst nicht zu lieben weiß? Sprich nicht vom Ertrinken, sondern davon, wie du deinen Herzenswunsch durch Taten dir erfüllen kannst: Tu Geld in deinen Beutel!«
»Ich gestehe, es macht mir Schande, so sehr verliebt zu sein, obwohl ich sie kaum kenne, doch ist sie so strahlend schön, und ich bin machtlos.«
»Und deshalb willst du dich – wie hilflose Kätzchen oder blinde Welpen – ertränken? Niemals, sage ich! Tu Geld in deinen Beutel. Ergib dich deiner Leidenschaft, und sie führt dich zu den erstaunlichsten Ergebnissen. Leidenschaft narrt die Vernunft. Soll doch die Vernunft ihren Weg zur Leidenschaft finden: Tu Geld in deinen Beutel.«
»Nur allein für die Gelegenheit …?«
»Mach Geld, junger Mann. Verkauf deine Ländereien, deine Schätze, treib deine Schulden ein, verdien dir deine Herzensdame, dein Vermögen, deine Zukunft, dein Schicksal – denn gewiss ist das Schicksal der wahren Liebe gewogen, wenn man sie mit Vernunft verfolgt. Tu Geld in deinen Beutel!«
»Aber ich besitze keinen Schatz und keine Ländereien.«
»Das kann doch nicht wahr sein. Echt?« Jago, dem der Wind aus den Segeln genommen war, funkelte Antonio an, der traurig nickte.
Antonio nahm Bassanio beim Arm und befreite ihn aus Jagos starrem Griff. »Aber du hast Freunde, und die werden dir zu Hilfe eilen. Meine Unternehmungen auf See sind mehr als doppelt so viel wert wie der Brautpreis. Geh, Bassanio, hör dich auf dem Rialto um und sieh, was mein guter Name und Kredit dir nützen. Ich werde dafür sorgen, dass du vernünftig ausgestattet wirst, um die holde Portia zu freien.«
»Aber ich schulde dir schon mehr, als ich je zurückzahlen kann …«
»Dein Glück, deine Treue und Liebe werden mein Lohn sein.«
»Genau«, sagte Jago, der den Jungen nun aus Antonios Armen löste und eilig zur Tür lenkte. »Sagte ich nicht: Tu Antonios Geld in deine Börse? Nun geh, mach dein Glück auf dem Rialto und schick Rodrigo her. Wir müssen mit ihm reden.«
Bassanio eilte zur Tür hinaus, dann drehte er sich um. »Oh, Signor Jago, vergesst nicht Eure Dolche in der Villa Belmont. Portia bewahrt sie für Euch auf.«
»Nun geh, tu Geld in deinen Beutel«, sagte Jago und schloss die Tür. Er drehte sich zu Antonio um. »Meine Dolche?«
»Portia fand sie zwischen Brabantios Sachen und fragte mich danach. Ich hätte sie an mich genommen, da jedoch nur Soldaten Waffen offen tragen dürfen, habe ich ihr gesagt, sie gehörten Euch.«
»Nun, der Dummkopf hat sie auch nicht offen getragen, oder? Ihr hättet sie auch einfach unter Eure Bettdecke stecken können, und das Problem wäre gelöst. Ihr hättet sie noch in der Nacht zusammen mit dem Narrenrock verschwinden lassen sollen.«
»Schickt einfach Euren Rodrigo, sie abzuholen, und die Sache ist erledigt. Ihr sagtet, er verkehrt in der Villa Belmont.«
»Rodrigo weiß, dass Wurfmesser die Waffen eines Beutelschneiders oder Zirkusclowns sind, nicht die eines richtigen Soldaten. Ich werde selbst gehen. Hoffen wir, dass Brabantio nicht noch weitere Souvenirs seiner Rache aufbewahrt hat. Wie gern hätte ich eine Hand aus Dampf, um den Geist des alten Mannes zu ohrfeigen für seine eigenwilligen Pläne und rätselhaften Aufgaben.«
»Rätsel, die mir zu schwierig scheinen, um gelöst zu werden. Selbst wenn Bassanio die Lotterie der Kästchen gewinnt, woher wissen wir, dass wir den Rest unseres Planes überhaupt in die Tat umsetzen können?«
»Ihr habt recht, er scheint ein wenig schwer von Begriff, auch wenn er nur einen Senator mimen soll.«
»Das habe ich nicht gemeint. Ich meinte, selbst wenn es ihm gelingen sollte, Portia zu heiraten, erbt sie nicht, solange Desdemonas Mann im Wege steht. Und als wir diesen Plan ersannen, solltet Ihr General der Kriegsflotte werden, doch da nun Cassio Othellos Stellvertreter ist, scheint mir selbst dieses Vorhaben in weite Ferne gerückt.«
»Dann muss Othello gehen, und Cassio mit ihm. Der Mohr wäre ohnehin nicht General geworden, hätte nicht Dandalo, sein Vorgänger, eine derart beschämende Niederlage erlitten, also werde ich des Mohren Niederlage nutzen, um das Kommando zu übernehmen.«
»Ihr würdet zulassen, dass Othello einen Krieg verliert, um seinen Platz einzunehmen? Von unserer Kriegsflotte ist so wenig übrig, dass Ihr nach einer weiteren Niederlage nichts mehr zu kommandieren hättet.«
»Nein, ich werde nicht die Waffe des Krieges nutzen, um den Mohren auszuschalten, denn auch wenn ich weiß, dass ich ein besserer Soldat als Cassio bin, übertreffen Othellos Fähigkeiten doch die meinen. Nein, die Waffe, mit der Othello zu bezwingen ist, kommt gerade Eure Treppe herauf.«
Man hörte Schritte draußen auf der Treppe, ein einzelner Mann kam die Stufen herauf.
»Rodrigo?« Antonio trat an die Tür und hielt den Riegel fest. »Aber er ist ein Idiot!«
»Hütet Eure schändliche Zunge, Antonio. Diskreditiere ich denn Eure Freunde?«
»Nun …« Antonio zog den Riegel zurück und hielt Rodrigo die Tür weit auf. »Ja.«
»Komm, komm, guter Rodrigo«, sagte Jago. »Gerade erzählte ich Antonio von deiner Zuneigung für die holde Desdemona.«
»Ihr habt es ihm erzählt? Noch immer schäme ich mich dafür.« Rodrigo schützte sein Gesicht mit dem Hut vor Antonios Blicken.
Jago nahm den Hut des kleineren Mannes und warf ihn in die Ecke, dann legte er seinen Arm um Rodrigos Schultern. »Antonio ist unser Freund. Und wo keine Niederlage ist, gibt es auch keine Schande, guter Rodrigo. Ich sage dir, du sollst deine Desdemona bekommen.«
»Aber sie ist mit dem Mohren verheiratet, und die beiden weilen auf Korsika. Wie soll ich sie denn für mich gewinnen? Ich bin verloren.«
»Er meint, er sei verloren«, sagte Jago über seine Schulter hinweg zu Antonio. »Und doch liebt ihn Portias Magd Nerissa schon jetzt abgöttisch und schenkt ihm ihren Charme, und für eine Dienstmagd ist sie mehr als süß.«
»Ich traf sie, als ich versuchte, Desdemona den Hof zu machen«, erklärte Rodrigo.
»Und Desdemona sollst du bekommen. Ich verspreche es.«
»Aber wie?«
Jago grinste Antonio an, dann zog er Rodrigo näher. »Mit denselben Mitteln, mit denen du dein Schicksal in die Hände nimmst, guter Rodrigo. Indem Vernunft die Leidenschaft befriedigt, mein junger Hengst. Wenn du Desdemona begehrst, wirst du erst Geld in deinen Beutel tun müssen.«
»Fürwahr?«, fragte Rodrigo.
»Tatsächlich?«, sagte Antonio, der sich auf etwas völlig anderes bezog.
»Ja, mein Freund, tu Geld in deinen Beutel. Verkauf deine Ländereien, deine Schätze, treib deine Schulden ein, und wenn deine Börse voll ist, machen wir uns auf den Weg nach Korsika zur schönen Desdemona. Wahrlich, ich sage dir: Tu Geld in deinen Beutel.«
»Ist da noch Wein?«, fragte Rodrigo.
»Siehst du?«, sagte Antonio.