Silvester
Am Silvesterabend knirschte der Frost immer noch erbarmungslos und ließ jedes Leben erstarren. Ich stand im Flur und trug bereits meine dicke Winterausstattung, Mantel, Schal und Mütze. Jeden Moment würde Adam hier sein. Ich ging ein wenig im Raum auf und ab, denn ich hatte nichts mehr zu tun, was mich ablenken konnte. So vieles hatte sich verändert, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Ich wusste endlich, woher diese geheimnisvolle Anziehungskraft kam, die von ihm ausging. Es war jetzt alles so viel klarer. Schon in unserer Kindheit hatten wir den Grundstein für das Vertrauen gelegt, das uns so stark miteinander verband, dass es nicht einmal die Knollenbeeren hatten völlig unterdrücken können.
In den letzten Stunden war ich meinem Vorsatz untreu geworden und hatte mir immer wieder versucht auszumalen, wie der Abend verlaufen würde. Ich scheiterte kläglich, zu viel war ungewiss. Für mich waren die Erinnerungen an meine Vergangenheit neu, doch Adam wusste die ganze Zeit über jedes Detail Bescheid. Trotzdem war seine Vernunft stärker gewesen. Die logischen Gründe, die gegen unsere Beziehung sprachen, wogen für ihn schwerer. Warum hatte er mich also eingeladen? Unruhig ging ich in mein Zimmer und lief eine Weile vor meinem Bett auf und ab. Ich musterte meinen Schreibtisch, der leer war, seitdem ich die Abi Prüfungen bestanden hatte. Ich zog die mittlere der drei Schubladen auf. Tatsächlich, da lagen noch zwei Schokoladenriegel. Nervennahrung für anstrengende Zeiten. Ich packte einen der Riegel aus, setzte mich auf den Boden vor mein Bett und biss hinein.
Vor dem Fenster sah ich bereits die ersten Silvesterraketen in den Himmel steigen. Ich wäre gern losgelaufen, um irgendetwas zu tun, doch Adam hatte mir nicht erlaubt, allein bis zum Anwesen der Torrels zu kommen. Sorgte er sich um alle Mädchen so oder machte er für mich einen Unterschied? Die süße Schokolade schmolz auf meiner Zunge und ich spürte, wie mich der vertraute Geschmack beruhigte. Über meine Figur musste ich mir keine Gedanken mehr machen. Seitdem ich Drachenjockey war, hatte der schweißtreibende Sport alle überflüssigen Pfunde schmelzen lassen. Ich knüllte das Papier zusammen und warf es in den Mülleimer.
Das leere Haus lenkte mich mit keinem Geräusch ab. Meine Großmutter war schon gestern nach Themallin aufgebrochen, dem Zentrum der Druiden, wo sie seit einer Weile den Jahreswechsel verbrachte.
Ich bereute unser Gespräch nicht und trotzdem war genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte. Meine Großmutter hatte sich zurückgezogen. Sie war mir aus dem Weg gegangen und ich fühlte mich so unendlich allein. In mir war etwas erfroren, ihr ablehnendes Verhalten verletzte mich. Sie war meine Großmutter, war es falsch zu erwarten, dass sie ehrlich zu mir war? Ich konnte ihr nicht vergeben und trotzdem vermisste ich ihre liebevolle Fürsorge. Letztendlich hatte ich ihr Verhalten schweigend hingenommen und so waren wir schließlich still auseinandergegangen. Selbst Liana war nicht da, um mich zu trösten. Sie war mit ihren Eltern in Akkanka und froh, der Kälte zu entfliehen. Auch Paul war schon zurück nach Grünenthal gefahren, wo die Monsterparty der Superlative starten sollte, wie er mir ausführlich vorgeschwärmt hatte. Natürlich würde er den Abend mit Lion und Freddie verbringen und nicht mit Liana und mir, so wie es in den vergangenen Jahren gewesen war. Ich seufzte. Die Schwermut hatte mich wieder gepackt wie ein öliger Film, der an meiner Haut klebte und den ich einfach nicht loswurde.
Das einzige, was etwas Licht in mein Dunkel warf, war die Vorfreude auf den heutigen Abend. Niemand wusste darüber Bescheid, dass ich die Nacht bei Adam verbringen würde und das war auch gut so. Schließlich verstießen wir gegen die guten Sitten der magischen Gesellschaft.
Das kleine Glöckchen klingelte silberhell an meinem Fenster und machte dem zermürbenden Warten endlich ein Ende. Ich lief in den Garten, und da war er. Ein dunkler Schatten im Schutz des Pavillons. Mein Herz schlug schneller.
Er wartete auf mich, ganz so, wie wir es verabredet hatten. Trotz der Kälte trug er weder Handschuhe noch eine Mütze. Er war angespannt, das sah ich sofort.
„Hallo“, sagte ich. Das nervöse Beben in meiner Stimme würde ihm sicher nicht entgegen.
„Bist du bereit?“, fragte er mich kurz und sah sich prüfend um.
„Ja“, erwiderte ich und musterte sein schönes Gesicht mit den markanten Zügen, sein vertrautes Gesicht, das ich jetzt endlich in meinen Erinnerungen wiedererkannte.
„Gut, ich gehe voran bis zum Waldweg und warte dort auf dich unter der großen Tanne. Du kommst in zwei Minuten nach!“, ordnete er an.
„Bist du dir sicher, dass diese Umstände wirklich nötig sind?“, fragte ich. „Können wir nicht wie ganz normale Leute einfach zu euch hinübergehen?“
„Wir sind aber keine normalen Leute.“ Er wandte sich um und verschwand im Dunkeln. Ich zählte die Sekunden und folgte ihm kurz darauf durch die Steingasse, bis die Straße in den Waldweg überging. Der Schnee lag hier fast einen Meter hoch und nur noch ein schmaler Pfad führte hindurch. Fröstelnd ließ ich das Licht der letzten Häuser hinter mir und tauchte in die Dunkelheit des Waldes ein. Über dem hellen Schnee zeichneten sich die Konturen der Bäume und Äste dunkel ab. Ich war froh, als ich die alte Tanne erkannte, unter deren weit ausladenden Ästen Adam an den Stamm gelehnt stand. Als er mich sah, kam er zurück auf den Weg und lief wortlos vor mir durch die tief verschneite Dunkelheit. Es schien ihm keine Mühe zu bereiten, durch den hohen Schnee zu stapfen, der unter unseren Schritten in einem monotonen Rhythmus knirschte. Kraftvoll und schnell ging er voran und ich musste mich beeilen, ihm in diesem Tempo zu folgen. Trotz der Anstrengung wurde mir nicht warm, die Kälte kroch unaufhaltsam in meine Glieder.
Ich spürte meine Finger bald nicht mehr und war froh, als wir endlich vor der hohen Gartenmauer standen. Adam hielt mir das kleine Gartentor auf und erleichtert schlüpfte ich hindurch. Nachdem er das Tor geschlossen hatte, warf er einen langen, suchenden Blick in den Wald, dann hob er die Arme. Ein starker Wind brach los und wirbelte Unmengen an Schnee auf. Mitten in dem Getöse um mich herum, dass mich beinahe an einen Weltuntergang glauben ließ, erwischte ich mich dabei, dass ich fasziniert betrachtete, wie der Wind durch sein Haar blies und es wie eine schwarze Wolke um sein Gesicht flog. Nicht nur der Wind nahm mir den Atem und ich vergrub mein Gesicht tiefer im Schal. Schließlich legte sich das Schneegestöber.
„Wolltest du Verfolger einschneien?“, fragte ich und schüttelte mir Unmengen von Schnee aus der Mütze, den Haaren und von der Jacke. In Adams Gesicht sah ich immer noch die Anspannung, die ihn seit unserem Aufbruch anhaftete.
„Nein, ich habe nur unsere Spuren verwischt. Man kann nie wissen. Lass uns reingehen, es ist kalt“, drängte er. Der Gedanke, dass uns jemand gefolgt sein könnte, behagte mir nicht. Ich folgte ihm schnell durch den tief verschneiten Garten, in dem die Bäume wie riesige Schneeskulpturen unseren Weg säumten. Ich lächelte still, als ich mich an unser zufälliges Treffen hier im Sommer erinnerte. Es schien Jahre her zu sein, dabei waren nur ein paar Monate vergangen. Adam hielt mir die Tür auf und ich ging an ihm vorbei in das Haus. Ich schaffte es nicht, ihm in die Augen zu sehen und konzentrierte mich darauf, nicht über die Schwelle zu stolpern.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er leise, als er mir in der opulent eingerichteten Garderobe aus meinen vielen Kleidungsschichten half.
„Ja“, flüsterte ich und legte den letzten Pullover ab. Darunter kam ein elegantes, nachtschwarzes Kleid zum Vorschein, dass Lorenz mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich räusperte mich, während ich Adams Blick spürte, der quälend langsam der Linie meines Körpers folgte.
„Du siehst atemberaubend aus“, sagte er, als er wieder bei meinen Augen angelangt war. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, du wärst eine Fee.“ Er grinste schelmisch.
„Danke.“ Ich lächelte verlegen. Er wirkte auf einmal völlig entspannt. Seine Augen strahlten und sein Lächeln war ansteckend. Er schien verändert, befreit und ich hoffte, dass es nicht nur daran lag, dass wir die Gefahr, die er draußen vermutete, hinter uns gelassen hatten.
„Komm rein!“, sagte er und hielt mir die Tür zur Eingangshalle auf. Er sah umwerfend aus, in dem schwarzen Hemd und der schwarzen Hose und er roch genauso gut, wie er aussah.
„Gern“, erwiderte ich, ging an ihm vorbei und atmete tief den betörenden Geruch ein. War es wirklich eine gute Idee gewesen, mich dieser Versuchung auszusetzen? Der Streit mit meiner Großmutter hatte mir stark zugesetzt und ich fühlte mich heute nicht stark genug, um weitere Niederlagen mit erhobenem Haupt hinzunehmen, egal wie viele Schokoriegel ich verdrücken würde.
„Was für ein Silvesterprogramm hast du eigentlich für uns geplant?“, fragte ich in einem lockeren Ton, als wir durch den großen Raum gingen. Adam hielt vor einer Schwingtür und wandte sich mir zu. Ich bremste einen Moment zu spät und wäre fast in ihn hineingelaufen. Seine plötzliche Nähe überwältigte mich und ich musste alle meine Kraft aufwenden, einen Schritt zurück zu gehen. Adam schien nichts bemerkt zu haben, während er die Tür vor uns öffnete.
„Zuerst wollte ich mit dir im Salon speisen“, erklärte er. „Elsa hat heute zwar frei, aber ich habe sie gebeten, mir etwas vorzubereiten. Danach könnten wir einen Kaffee nehmen und dann auf das Dach hinaufsteigen und das Feuerwerk über Schönefelde ansehen. Die vielen Magier in Schönefelde nutzen diese Gelegenheit immer für die schönsten Feuerzauber. Nachdem ich einige Zeit darauf verzichtet habe, kann ich dir versichern, dass das Silvesterfeuerwerk in Schönfelde wirklich einzigartig ist. Wenn du müde bist, bringe ich dich danach nach Hause. Was hältst du davon?“ Adam sah mich mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck an. Ich wartete verdutzt einen Moment, ob das alles war.
„Das klingt toll“, sagte ich schließlich und lächelte verwirrt. Deswegen hatte er mich eingeladen? Um einen freundschaftlicher Abend mit seiner Kommilitonin zu verbringen? Die Enttäuschung fraß sich in mein Herz und ich zuckte zusammen.
„Ich möchte heute mit dir reden“, sagte ich schließlich möglichst gefasst. Ich war schließlich die gewesen, die seine Einladung angenommen hatte, ohne näher nachzufragen, wie ich zu dieser Ehre gekommen war. Wenn meine Großmutter nicht mit mir über die Vergangenheit sprechen wollte, dann sollte es wenigstens Adam tun.
„Wir werden reden“, erwiderte er gelassen. „Wir haben den ganzen Abend Zeit über alles zu reden, worüber du reden möchtest.“ Er ging voran in den nächsten Raum. Ich atmete tief durch, verinnerlichte das Versprechen, dass er mir gegeben hatte und folgte ihm. Er nahm eine Fernbedienung aus einem Regal und kurz darauf klangen leise Rhythmen durch den Raum. Mit einer schnellen Handbewegung zündete er ein Meer roter Kerzen an, die im ganzen Raum und über den Tisch verteilt standen. Ihr Schein spiegelte sich in Gläsern, Karaffen und Schüsseln wieder, die den Tisch bedeckten. Vor Überraschung blieb mir beinahe der Mund offen stehen.
„Ich bin beeindruckt“, gab ich zu. Adam hatte viel Zeit in die Vorbereitung dieses Abends investiert. Ich hielt einen Moment inne. Da war ein kleines Flämmchen Hoffnung, dass da in mir glühte. Ein ungewöhnliches Gefühl, dass ich mir so lange verboten hatte.
„Freut mich, dass es dir gefällt“, lächelte er und zog mir einen Stuhl hervor, damit ich mich setzen konnte. Ihm bereitete mein Erstaunen sichtlich Freude. Als ich Platz nahm, berührte sein Arm zufällig meine Schulter. Ein aufgeregtes Kribbeln entzündete sich in meinem Bauch und wanderte über meine Haut bis in meinen Kopf. Seine Nähe betörte mich. Er schien die Spannung zwischen uns gefühlt zu haben und hielt kurz inne. Ich hoffte, er würde etwas sagen, doch er zögerte nur kurz und dann, als wenn nichts passiert wäre, ging er zu seinem Stuhl, nahm Platz und schenkte uns Wein ein.
„Auf diesen Abend“, sagte er und hob sein Glas. Der Blick, mit dem er mich ansah, war nicht sanft. Ich sah ein Feuer darin lodern und schluckte. Für einen Moment vergaß ich, wo ich war und was ich gerade sagen wollte. Das melancholische Stück im Hintergrund machte es mir auch nicht leichter, mich zu konzentrieren. Einen Moment lang fielen Rosenblüten sanft von der Decke und eine Ranke von Glockenblumen, Veilchen und Ringelblumen säumte meinen Blick. Ich blinzelte, riss mich zusammen und konzentrierte mich.
„Auf diesen Abend“, erwiderte ich und hob ebenfalls mein Glas. Der Klang unserer aneinanderstoßenden Gläser schwebte durch den Raum. Adam nahm sich Zeit, den Wein zu kosten. Ich nippte ebenfalls kurz an meinem Glas und trank einen Schluck des dunklen Weins, der nach Brombeeren duftete.
„Ich habe meine Erinnerungen zurückbekommen“, sagte ich, denn mein Kopf war so voll, dass ich endlich anfangen musste zu sprechen. Adam sog zischend Luft ein, während er mit einer langsamen Bewegung sein Glas abstellte.
„Also ist es wahr“, sagt er und drehte den Stiel des Glases in seinen Fingern. Er betrachtete die Bewegung des Weins, doch ich sah den Schreck in seinem Gesicht. Er machte seine Miene hart, seine Nasenflügel bebten.
„Es war meine Großmutter“, erwiderte ich, angesteckt von seiner düsteren Stimmung. Er sah auf, ohne die Finger von seinem Glas zu lösen.
„Sie hat viele meiner Erinnerungen gelöscht.“
„Warum?“
„Sie wollte mir helfen und mir mein Leben erträglicher machen, weil sie es nicht ausgehalten hat, mich leiden zu sehen. Offenbar kannte auch sie die Weissagung der Sybillen. Sie wollte nicht, dass ich mich in dich verliebe, deswegen hat sie fast alle meine Erinnerungen an dich gelöscht.“
„Sie wollte dich beschützen, wer kann es ihr verübeln.“ Adam runzelt die Stirn.
„Warum entschuldigst du das?“, fragte ich überrascht. Ganz selbstverständlich hatte ich angenommen, dass Adam auf meiner Seite sein würde, so wie es früher gewesen war. Ich war durcheinander. Mir war es noch nicht gelungen, die Erinnerungen meiner Vergangenheit mit den Erlebnissen der Gegenwart in Einklang zu bringen. Der Adam meiner Kindheit, der mich bedingungslos liebte und beschützte, passte nicht zu dem Adam der Gegenwart, der sich so sehr bemühte, keine Nähe zwischen uns zuzulassen. Es war, als ob ich mit Macht versuchte zwei vermeintlich identische Schablonen übereinander zu legen, die einfach nicht zueinander passen wollten.
„Weil auch ich dich beschützen möchte. Ich verstehe sie.“ Adam beugte sich mit ernster Miene zu mir hinüber und legte seine Hand auf den Tisch, ohne mich zu berühren.
„Ich bin keine vier Jahre mehr alt“, sagte ich. „Ich bin achtzehn, ich habe mich verändert und die Zeit sich zu verstecken, ist vorbei. Ich muss mich meinem Leben stellen und meiner Vergangenheit.“
Adam gefielen meine Worte nicht. Er sagte nichts dazu, doch ich sah ein zorniges Blitzen in seinen Augen, das mich selbst wütend machte. Er holte tief Luft und atmete betont langsam aus.
„An was kannst du dich noch erinnern?“, fragte er schließlich.
„An viel Negatives“, entgegnete ich. Ich wollte nicht wieder in die schmerzhaften Erinnerungen abtauchen, das letzte Mal hatten sie mir das Bewusstsein geraubt.
„Was genau?“ Sein Blick duldete keine Ausreden. Ich seufzte.
„Ich erinnere mich wieder an meine Eltern, die mich zurückgelassen haben“, sagte ich, ohne weiter auf Details einzugehen. „Und ich erinnere mich an die Morlems. Sie haben mir nicht nur einmal aufgelauert, sondern immer wieder. Ich erinnere mich an die Stimme, mit der sie mich gerufen haben. Warum wollen sie mich?“ Nachdenklich legte ich die Stirn in Falten.
„Nicht nur dich, Selma“, sagte er. Seine Stimme war weich und einfühlsam, wie Balsam linderte sie die schmerzhafte Erinnerung. „Sie haben viele Mädchen entführt. Du gehörst einer alten Familie an, daher scheinen sie es auf dich ganz besonders abgesehen zu haben. Umso wichtiger ist es, dass gerade du dich nicht unnötig in Gefahr begibst.“ Er redete von meinem Ausflug zu den Sybillen, das war mir klar.
„Die Sybillen haben mir meinen Tod nicht fest versprochen, sondern nur erwähnt, dass ich mich in Gefahr begebe. Das ist nicht dasselbe. In großer Gefahr habe ich schon vorher geschwebt. Sie haben gesagt, dass unsere Liebe den Tod bringt, aber nicht wem und warum. Ich habe nicht vor, allzu schnell zu sterben.“
„Das hoffe ich.“ Adam sah mich mit einem undefinierbaren Blick an. „Wie geht es deiner Großmutter?“
Ich sah angestrengt die Stoffserviette vor mir an, die zu einer komplizierten Figur gefaltet war. Elsa schien eine Künstlerin zu sein.
„Wir sind nicht im Guten auseinander gegangen“, begann ich zögernd. Adam nickte mir aufmunternd zu und ich fuhr fort. „Meine Mutter hat mir in ihrem Abschiedsbrief eine Blüte mitgegeben, ich habe erst jetzt erfahren, dass sie in der Lage war, meine Erinnerungen wieder zurückzuholen.“
„Also wusste deine Mutter, dass deine Großmutter zu diesem Mittel greifen würde.“ Er beugte sich zu mir, konzentriert und ernst.
„Sie kannte Georgette sehr gut.“
„Kannst du ihr verzeihen?“ Adams Stimme war leise und der Bass, der darin mitschwang, berührte mich.
„Im Moment kann ich es nicht“, erwiderte ich stockend. „Ich habe ihr vertraut, ich dachte immer, dass sie diejenige ist, die mir die Wahrheit sagen würde.“ Die Tränen drückten in meinen Augen, als mich wieder dieses Gefühl überfiel, dass ich plötzlich allein war auf dieser Welt.
„Sie wollte dich beschützen.“
„Ich weiß, aber wie kann ich ihr jemals wieder vertrauen, wenn ich mir nicht sicher sein kann, dass sie ehrlich zu mir ist.“ Ich senkte den Kopf, um meine Augen zu verbergen.
„Gib dir Zeit und ihr auch.“ Adam legte den Finger unter mein Kinn und hob es an, so dass ich ihm in die Augen sehen musste.
„Meinst du, die Zeit heilte alle Wunden?“, fragte ich mit einem halbherzigen Lächeln auf den Lippen. Eine einzige Träne kullerte über meine Wange. Er streichelte sie mit seinem Finger weg und betrachtete mich mit einem versonnenen Ausdruck.
„Nein, die Zeit gibt dir nur Gelegenheit, Abstand zu gewinnen. Manchmal tut es gut, die Dinge aus der Ferne zu betrachten.“
Ich nickte, wir sprachen schon längst nicht mehr von meiner Großmutter. In diesem Moment erklangen die ersten Takte eines traurigen Stückes und ich schloss die Augen. Die Musik berührte mich genau in diesem Moment so tief, dass ich erschrocken die Luft anhielt, als mich mit aller Macht, die Gefühle überrollten.
„Selma.“ Adams Stimme war ganz nah. Ich spürte seine Berührung an meiner Wange. Doch ich hatte mich nicht im Griff, ich hatte gar nichts im Griff.
„Die Musik“, schaffte ich zu flüstern, bevor ich völlig die Fassung verlor. Adam verstand, nahm die Fernbedienung und ein belangloser Partysong erklang. Ich atmete erleichtert auf und öffnete die Augen. Alles war sofort wieder klar. Ich sah die Sorge in seinem Blick und lächelte beruhigend.
„Lass uns essen“, schlug er vor. Ich nickte und ließ meinen Blick über den reich gedeckten Tisch wandern, Muscheln in Weißweinsoße, Lachs, Spargel und frische Erdbeeren. Er hatte keine Mühen gescheut. Ich füllte meinen Teller und begann zu essen, während Adam mir Wein nachschenkte.
„Erinnerst du dich an unser Versteck?“, fragte ich, als mir die Erinnerung unvermittelt in den Sinn kam.
„Die Höhle im Eichenhain.“ Er lächelte und wirkte plötzlich so sorglos, dass er dem Adam aus meiner Erinnerung wieder glich.
„Genau, dort haben wir uns immer vor Ramon versteckt, wenn er dich nach Hause holen sollte.“
„Ja, aber gefunden hat er uns nie“, sagte Adam. „Das nimmt er mir heute noch übel. Meine Mutter ist jedes Mal umgekommen vor Sorge und hat es an ihm ausgelassen.“
„Er ist aber nachtragend.“ Die Erinnerung versetzte mich für einen kleinen, dankbaren Moment in sonnige, unbeschwerte Tage. Ohne meine Großmutter wären sie das vermutlich nicht gewesen, durchfuhr es mich.
„Ich mag es, wenn du lachst“, sagte Adam plötzlich und schob seinen Teller beiseite. „In den letzten Monaten habe ich dieses Lachen selten gesehen, du warst immer traurig.“
„Du weißt warum“, entgegnete ich.
„Ja.“ Er lehnte sich zurück, doch seine Hände ließ er auf dem Tisch liegen, nah neben meinen.
„Ich erinnere mich auch wieder an den Tag, an dem ihr weggezogen seid“, sagte ich und stocherte angestrengt in meinem Essen.
„Dieser Tag hat sich mir für immer eingebrannt.“ Ich sah aus den Augenwinkeln, dass Adam das Tischtuch musterte, während er sprach. Er fuhr sich mit der Hand angestrengt durch das Haar. „Es war im Sommer, ich weiß bis heute nicht, warum meine Eltern diese Entscheidung getroffen haben, aber ich weiß, dass das der Auslöser für mich war, zu den Sybillen zu gehen. Ich musste wissen, ob es sich lohnt zu kämpfen.“ Er sah jetzt unbeteiligt in die Ferne. Ich musste schlucken, der Schmerz, den ich vergessen wollte, war wieder da.
„Ich habe deine Eltern dafür gehasst, dass sie dich mir wegnehmen wollten. Du warst mein Leben“, gestand ich und daran hatte sich nichts geändert. Der Tag stand wieder vor meinem inneren Auge, als wenn es gestern gewesen wäre. Die Sonne hatte mich mit ihren freundlichen Strahlen verspottet.
„Warum bist du gegangen?“ Meine Stimme bebte.
„Ich wollte nicht deinen Tod“, sagte Adam.
„Du hast mir nicht erklärt, warum du dich so entschieden hast. Ich habe es nicht verstanden.“ Die Erinnerung trieb mir erneut die Tränen in die Augen und ich kämpfte darum, sie zu unterdrücken.
„Was hätte ich dir sagen sollen, Selma? Du wusstest nichts von den Morlems, den Magiern und der Schwarzen Garde und ich durfte dir nichts davon erzählen.“
„Du hättest es mir sagen müssen.“
„Dann hätte ich den Eid gebrochen, den ich gerade erst geschworen hatte, außerdem war da mit einem Mal so viel, dass gegen uns sprach.“ Adams Miene war dunkel, deprimierend düster. Ich schluckte ein Schluchzen hinunter.
„Lass die Vergangenheit ruhen“, bat Adam, dem meine Verfassung nicht entgangen war.
„Wie kann ich die Vergangenheit ruhen lassen, wenn sie so stark mein Leben bestimmt?“, fragte ich. Ich hatte solange meine dunklen Gefühle unterdrückt, mein sinnloses Verlangen nach Adam. Jetzt schien alles aus mir herauszubrechen. Die Tränen verschleierten endgültig meinen Blick. Warum hatte ich nur angefangen, über all das zu reden? Ich wollte den Schmerz unserer Trennung nicht noch einmal durchleiden. Es hatte doch ohnehin keinen Sinn, weiter mit ihm zu sprechen. Wir würden die unschuldige Liebe unserer Kindheit nicht zurückbekommen und für die Zukunft sah es noch dunkler aus. Es war alles kaputt. Ich hatte meine Großmutter verloren und Adam hatte ich genauso unwiederbringlich verloren, nicht erst jetzt, sondern schon vor langer Zeit. Der Gedanke quälte mich unsäglich. Ich war allein auf dieser Welt, völlig allein. Ich hatte das Gefühl, dass ich innerlich zerriss und konnte ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken.
„Es ist besser, wenn ich gehe. Ich weiß nicht, warum du mich eingeladen hast, aber ich halte es nicht aus, in deiner Nähe zu sein und so zu tun, als ob wir nur alte Freunde wären, denn das ist eine Lüge.“ Meine Stimme war laut geworden. Ich erhob mich. Etwas musste ich noch sagen. Ich sah ihm in die dunklen Augen, die mich erschrocken beobachteten, nur ein letztes Mal, bevor ich mich abwenden würde, um zu gehen. Und dieses Mal würde ich mich nicht wieder dazu hinreißen lassen, zurückzukommen. „Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt und dieses Theater mit dir zu spielen, ertrage ich nicht länger.“
Ich drehte mich um und ging langsam zur Tür. Meine Füße fühlten sich an, als ob sie aus Beton wären. Mit jedem Schritt, den ich mich von Adam entfernte, stieß ein brennendes Messer in mein Herz. Zuhause würde ich wahrscheinlich einfach tot umfallen und nie wieder aufstehen. Doch es gab keine Hoffnung und nachdem ich endlich verstanden hatte, woher die Tiefe meiner Gefühle wirklich kam, musste ich dieser sinnlosen Qual endlich ein Ende bereiten.
Ich schluchzte tonlos, während mir die Tränen die Wangen hinabliefen. Er nahm also meine Entscheidung hin, vielleicht war er auch einfach froh, dass ich endlich zur Besinnung gekommen war. Ich hatte schon die Türklinke in der Hand, als Adam plötzlich hinter mir stand.
„Nein“, sagte er entschlossen. Ich hielt inne und holte tief Luft. Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und drehte mich um. Unentschlossen blieb ich stehen und suchte etwas in seinem Gesicht, was mich von meinem Entschluss abbringen würde. Doch ich sah nur dieselbe Verzweiflung, die mir vermutlich ebenfalls ins Gesicht geschrieben stand.
„Ich habe lange über das nachgedacht, was du mir von deinem Besuch bei den Sybillen erzählt hast“, sagte er. „Du hast völlig Recht, das Wort Freundschaft beschreibt nicht annähernd die Größe dessen, was ich fühle. Du hast auch Recht, dass es eine abartige Qual ist, in deiner Nähe zu sein und so zu tun, als ob du nichts Besonderes für mich bist. Du bist mein erster Gedanke am Morgen und der letzte am Abend. Ich ertrage diesen Irrsinn jeden Tag, weil ich bisher dachte, dass ich damit dein Leben schütze, denn das ist es, was ich mir für dich wünsche. Ein glückliches und friedliches Leben.“
„Ja.“ Ich nickte. „Dumm nur, dass ich das nicht möchte. Ich habe mich dafür entschieden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und ich hatte mich für dich entschieden. Auf ein friedliches Leben habe ich verzichtet.“
„Dieser Weg bedeutet Gefahr.“ Adams Stirn zog sich in Falten.
„Wenn das der Preis für mein Glück ist, werde ich ihn gern bezahlen“, entgegnete ich. Ich würde nicht an meiner Entscheidung rütteln, sie stand felsenfest. Er nickte und ich sah ihn schweigend an. Adam fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Sein Blick war plötzlich weich und sanft, so wie er mich immer angesehen hatte, als unser Leben noch nicht von Standesunterschieden bestimmt war.
„Ich liebe dich“, sagte er leise und legte einen Arm um mich. Ich wehrte mich nicht.
„Ich weiß, doch ich kann so nicht leben“ erwiderte ich.
„Ich habe dich heute nicht eingeladen, um dich zu quälen“, sagte er und streichelte beruhigend meinen Rücken.
„Nein? Weswegen dann?“
„Die Weissagung der Sybillen ist nicht eindeutig. Es hing viel von der Entscheidung ab, die du getroffen hast.“
„Das ist mir bewusst.“ Ich lehnte mich in seiner Umarmung zurück, um ihm besser in die Augen schauen zu können.
„Es gibt keinen Grund mehr für mich, gegen eine Beziehung zu sein“, sagte er und sah mich an. „Da du beschlossen hast, dein Leben in größtmögliche Gefahr zu bringen, ist es sogar besser, wenn ich immer in deiner Nähe bin.“
Die Worte tropften langsam in meinen Kopf und nahmen dort Gestalt und Bedeutung an.
„Heißt das?“, stotterte ich.
Er nickte langsam: „Ja, wenn du mich noch möchtest?“
Ich wollte glauben, was ich von ihm hörte, doch nach all der Zeit, die ich mit Hoffen und Verzweifeln verbracht hatte, fiel es mehr schwer.
„Was ist mit deinem Eid und der Schwarzen Garde?“ Sollte das alles plötzlich unwichtig sein?
„Das ist mein Risiko, ich bin Patrizier. Für dich besteht kaum Gefahr.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Es wird unser Geheimnis bleiben“, sagte er. „Wenn wir die Sache nicht an die große Glocke hängen, wird es niemandem auffallen.“
Ich betrachtete versonnen das glückliche Leuchten in Adams Augen und dann gab ich auf. Mein Wiederstand brach und ich fiel Adam um den Hals. Ich klammerte mich verzweifelt an ihn und er hielt mich endlich fest.