Der Angriff
Der blaue Himmel spannte sich makellos über das Postkartenarrangement des Wolfsees. Ich blinzelte träge vom Schwimmen in das helle Blau und sah dann zu Paul hinüber, der nicht weit von mir ebenfalls bäuchlings auf seinem Handtuch lag und angestrengt Liana und die Torrels beobachtete.
Müßiggang war ein Zeiträuber und bei uns hatte er zugeschlagen. Schon morgen war der Tag der Zeugnisausgabe, die letzten zwei Wochen waren wie im Flug vergangen. Auch der heutige Tag, den wir mit derselben angenehmen Monotonie aus Schwimmen, Lesen und Radfahren gefüllt hatten, neigte sich schon bald dem Ende. Die Sonne näherte sich schon dem Horizont, aber noch war es angenehm warm. Eigentlich war es höchste Zeit, sich auf den Heimweg zu machen, aber es war einfach zu schön hier. Ich atmete tief eine Brise der Luft ein, die vom Waldesrand herüberwehte und nach Heidelbeeren und Kiefernnadeln roch und schloss noch einmal die Augen. Obwohl ich wusste, dass Adam nicht in Schönefelde war, hatte ich manchmal erwartet, ihn plötzlich irgendwo auftauchen zu sehen. Ich seufzte und drehte mich mit geschlossenen Augen auf den Rücken. Sein Bild tauchte sofort vor mir auf und der immer gleiche, verführerische Tagtraum spulte sich vor meinem inneren Auge ab. Er berührte sanft meinen Arm und nur der Gedanke an das Gefühl seiner warmen Finger auf meiner Haut löste dieses verbotene, sehnsuchtsvolle Kribbeln in mir aus, für das ich mich immer wieder schalt. Es war unvernünftig anzunehmen, dass Adam sich für mich interessierte. Ich kannte ihn nicht und er kannte mich nicht. Es gab nichts, was uns miteinander verband, außer dass wir vor Urzeiten einmal in derselben Klasse gewesen waren. Ich musste mein Gedankenkarussell regelmäßig unterbrechen und mich der Realität zuwenden. Das war schwer, da wir am See immer auf Ramon und Lennox trafen, die mich allgegenwärtig an den fehlenden Bruder erinnerten. Ich schlug die Augen auf und beobachtete Paul, der immer noch zu Liana hinüberblickte, die jetzt mit Lennox vertraulich tuschelte.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich, als sich auf Pauls Stirn eine gefährlich tiefe Falte bildete.
„Was meinst du?“ Er lief rot an und bestätigte meinen Verdacht.
„Kann es sein, dass du in Liana verliebt bist und dass es dir ganz und gar nicht gefällt, dass sie sich so gut mit Lennox versteht?“, fragte ich vorsichtig.
„Ja“, seufzte er, sichtlich froh, dass ich ihn darauf ansprach. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob Liana meine Gefühle erwidert und ich traue mich nicht so richtig, den Anfang zu machen. Was meinst du? Habe ich eine Chance bei ihr? Ich will unsere Freundschaft nicht zerstören.“
Ich runzelte nachdenklich die Stirn. Liana hatte sich nie über ihre Gefühle für Paul geäußert, was vermutlich bedeutete, dass sie über eine Freundschaft nicht hinausgingen. Trotz der Vertrautheit von Paul und Liana, hatte sich nichts zwischen ihnen entwickelt.
„Und außerdem fahren Liana und ihre Eltern am Sonntag ja eh erst mal ein paar Wochen in die Ferien und ich in den Urlaub. Wenn wir wieder in Schönefelde sind, fängt auch schon das Studium an. Wir hätten also eigentlich keine Zeit mehr. Du merkst schon, ich bin ziemlich durcheinander deswegen. Jetzt sag doch auch mal was, Selma!“
Was sollte ich da sagen? Liana fuhr schon am Sonntag weg und hatte mir bisher nichts davon erzählt. Eine unbeherrschbare Wut kochte in mir hoch, blitzte auf und verbrannte mit ihrem gleißenden Licht jeden rationellen Gedanken in meinem Kopf. Sie wollte garantiert wieder die kranke Cousine besuchen, die es vermutlich gar nicht gab. Liana hatte sich mit Sicherheit nicht getraut, mir die seltsame Geschichte schon wieder zu erzählen. Sie wusste, dass ich sie durchschaute. Ich blinzelte wütend zu ihr hinüber und als sie mich bemerkte, beendete sie das Gespräch mit Lennox und kam zu mir.
„Alles klar?“, fragte sie vorsichtig.
„Nein, es ist gar nichts klar.“ Meine Stimme bebte. „Du hast mir nicht erzählt, dass du am Sonntag wegfährst.“ Ich versuchte meine Wut zu zügeln, die mir den Blick immer stärker mit einem roten Nebel verschleierte.
„Ach, darum geht es.“ Liana konnte mir nicht in die Augen sehen. „Ich muss mit meinen Eltern nach Frankfurt, meine Cousine besuchen. Es geht ihr immer noch nicht besser. Warum bist du deswegen so sauer?“
„Wenn du nicht da bist, lässt mich meine Großmutter nicht mehr aus Schönefelde raus“, platzte es aus mir heraus. „Außerdem glaube ich dir die Geschichte mit der Cousine nicht.“ Paul verfolgte verständnislos unsere Diskussion. Anstatt einzuknicken, straffte Liana ihren Rücken.
„Ich weiß, dass dir nicht gefallen wird, was ich jetzt sage, aber zu deinem Geburtstag wirst du alles verstehen und glaube mir, es ist das Beste, wenn du die letzten Wochen bis dahin einfach nur genießt.“ Sie schnaufte und blickte zu Boden, während sie ernst und leise gesprochen hatte. Ich funkelte sie wütend an und beherrschte mich mühsam, sie nicht anzuschreien. Ich konnte es nicht mehr hören. Genieß die Zeit! Entspann dich! Als wenn ich ein dummes Kind wäre, dass die Welt noch nicht verstehen konnte.
„Mir reicht`s! Ich fahre heim“, quetschte ich mühsam hervor und stopfte wahllos meine Badesachen in die Tasche. Ich schäumte vor Wut. Es war die gesammelte Wut der letzten Jahre, die plötzlich in mir hochkochte, ohne dass ich sie noch kontrollieren konnte, aber genau in diesem Moment war mir das auch völlig egal. Ich wollte wütend sein und gab mir nicht einmal Mühe mich zu beherrschen. Das Gefühl des Eingesperrt Seins schnürte mir die Kehle zu. Seit Jahren ertrug ich es nun Schönefelde nur äußerst selten und nur in Begleitung verlassen zu dürfen. Als wenn mir meine Großmutter nicht zutraute, selbstständig auf mich zu achten. Ich wollte brüllen und irgendetwas zerschlagen, um mir Luft zu machen, aber ich war zu nicht mehr fähig, als einfach nur loszurennen.
„Warte, ich komme mit!“ Liana stolperte hinter mir her und beeilte sich, mir schnellstmöglich zu folgen. Ich stürmte los und wollte nur noch allein sein. Dieses ständige Bewachen ertrug ich nicht länger. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und trat in die Pedale. Liana hatte keine Chance mir zu folgen, das wusste ich. Ich ließ die Wut in meine Beine fließen und kämpfte mich den Berg nach Schönefelde hinauf. Die Anstrengung brannte in meinen Oberschenkeln und ich genoss den Schmerz, während ich keuchend versuchte, das Tempo noch weiter zu erhöhen. Die nahende Dämmerung hatte einen Schatten über den Wald gelegt und die von hohen Bäumen eingefasste Straße war bereits düster. Mich überkam auf einmal das untrügliche Gefühl, dass ich nicht mehr allein war und schlagartig verpuffte meine Wut. Adrenalin schoss in meinen Körper und ich war auf einen Schlag hellwach. Ich drosselte das Tempo und lauschte konzentriert in die mich umgebende Dunkelheit. Mehr als ein ungewöhnliches Rauschen konnte ich nicht feststellen, doch ich blieb wachsam. Es klang, als wenn ein paar riesige Vögel über mir mit den Flügeln schlagen würden. Ein Blick in die Baumwipfel bestätigte meine Vermutung. Da oben schwebte etwas. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Störche, die auf der Suche nach Fröschen waren.
Ich versuchte mich zu beruhigen. Jetzt kam es noch so weit, dass mir ein paar Vögel Angst einjagten. Das Rauschen wurde ein wenig lauter, als wenn die Vögel ihre Flughöhe vermindert hatten. Meine Nackenhaare stellten sich unvermittelt auf und ich zog zischend Luft ein. Etwa zweihundert Meter vor mir öffnete sich das dichte Blätterdach und ich würde einen besseren Blick auf die seltsamen Tiere haben. Das mulmige Gefühl breitete sich immer weiter aus. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, meine Gedanken wieder meinem bemitleidenswerten Leben zuzuwenden. Doch meine innere Anspannung stieg unerklärlicherweise weiter an. Nur noch fünfzig Meter trennten mich von dem hellen Streifen Asphalt, der in das schwindende Licht des Tages getaucht war, als ein lautes Röhren die Stille des Waldes zerriss. Der schwarze Sportwagen von Ramon und Lennox raste heran und bremste so kurz vor mir, dass ich das kleine Schild auf der Motorhaube lesen konnte.
PORSCHE!
Ramon und Lennox sprangen heraus und ich starrte sie entgeistert an, während ich vom Fahrrad sprang. Ich hatte schon ausgeholt, um den beiden eine gepfefferte Bemerkung an den Kopf zu werfen. Doch es war der Ernst in ihren Gesichtern, der mich augenblicklich verstummen ließ. Ramon eilte im Laufschritt auf mich zu und stellte sich vor mich, während Lennox in einer überraschenden Schnelligkeit die Straße entlanglief. Er sah aus wie ein Flugzeug, das auf der Startbahn losraste, um gleich abzuheben. Ich wollte genauer hinschauen, aber ich konnte ihm nicht weiter mit meinem Blick folgen, da mich just in diesem Moment Ramon an den Schultern packte und zu sich umdrehte. Er blickte mir konzentriert in die Augen und ich kam mir vor wie eine Maus, die von einer Schlange hypnotisiert werden sollte. Seine kräftigen Hände gruben sich unsanft in meine Haut und plötzlich kapierte ich, was er vorhatte. Ramon wollte meinen Geist ausknipsen wie einen Lichtschalter. Panisch mobilisierte ich meine Kräfte und versuchte wach zu bleiben, obwohl ich langsam in einen schlafähnlichen Dämmerzustand abrutschte. Auf Ramons Stirn bildeten sich vor Anstrengung kleine Schweißtropfen, während wir unseren stillen Kampf ausfochten, ohne dass einer nachgab. Ich war wie gefesselt und konnte nur mit meinen Ohren die Szene hinter mir verfolgen, die die Torrels vor mir verheimlichen wollten. Ich spitzte die Ohren und prägte mir alles genau ein, das laute Rauschen und Flattern, den Klang von aufeinander treffendem Metall. Die Lichtblitze und auch die dumpfen Einschläge. Hinter mir wurde gekämpft, durchschoss es mich heiß. Ich versuchte mich loszureißen, aber Ramon hatte immer noch die Kontrolle über meinen Körper. Mit einem Mal herrschte Stille, die nur unterbrochen wurde, von dem leisen Geräusch sich entfernender Flügel. Lennox stand wieder neben Ramon und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Er nickte dankbar und ließ mich mit einem erschöpften Grunzen aus seinem hypnotisierenden Blick frei. Darauf hatte ich gewartet. Ich holte Luft, um meiner Empörung endlich freien Lauf zu lassen, als Liana in mein Blickfeld kam.
„Wie konntest du nur einfach abhauen“, schrie sie panisch. Lennox drehte sich um und sah mir ernst in die Augen.
„Sie hat Recht, das war unglaublich dumm von dir. Es sind gefährliche Zeiten und das war nicht der richtige Augenblick für einen Egotrip. Du hattest großes Glück, dass wir rechtzeitig da waren.“ Er drehte sich um und stieg grußlos in seinen Porsche. Ramon folgte ihm wie ein gehorsamer Hund und ließ den röhrenden Motor an. Wie konnte er es wagen, mich als dumm zu bezeichnen? Wut und Scham mischten sich in mir zu einem gefährlich Cocktail.
„Los, steige auf und fahr so schnell du kannst!“, rief mir Liana zu, während sie an mir vorbeizog. „Wir reden zu Hause. Jetzt müssen wir erst einmal weg.“
Was war nur los, ich begriff überhaupt gar nichts. Liana war leichenblass und keuchte. Etwas Schlimmes musste soeben passiert sein. Ich hatte die Gefahr selbst gespürt. Ohne zu zögern, stieg ich auf mein Fahrrad und folgte Liana. Bis wir das Südtor passierten, rollten die Torrels hinter uns her. Nachdem wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen hatten, röhrte der Sportmotor laut auf und der Wagen schoss an uns vorbei auf die Stadt zu.
„Was war das?“, presste ich heraus, als wir allein waren.
„Das war das Ende unserer Ausflüge an den See“, entgegnete Liana kalt. „Du hast deiner Großmutter versprochen, dich außerhalb der Stadtgrenze nur in Begleitung zu bewegen und dann haust du einfach ab. Du weißt genau, dass ich nicht so schnell hinterherkomme. Weißt du überhaupt, in was für Schwierigkeiten du uns gebracht hast?“
„Wie soll ich es wissen, wenn mir niemand etwas darüber erzählt“, rief ich zornig. „Und du schickst mir die Torrels als Babysitter hinterher? Na vielen Dank. Ich will wissen, was das für komische Vögel waren und was haben die Torrels da gerade veranstaltet? Haben sie die Tiere verjagt? Und was hat Ramon mit mir gemacht? Diese Geheimniskrämerei geht mir so gegen den Strich, das kannst du dir gar nicht vorstellen.“ Ich ließ meinem angestauten Frust freien Lauf.
„Doch, das kann ich mir vorstellen, aber es ist nicht meine Aufgabe, dir alles zu erklären und ich werde es auch nicht tun.“ Liana blickte entschlossen geradeaus.
Wir hatten Schönefelde erreicht und fuhren schweigend weiter. Ich hatte tausend Fragen, alle Ungereimtheiten der letzten Jahre sammelten sich in meinem Kopf und hinterließen nur ein heilloses Durcheinander. Liana würde mir keine Antworten geben, das war mir klar. Auch sie war nur Teil eines geheimnisvollen Ganzen, ein kleines Rädchen im Getriebe. Meine Großmutter wusste mehr, da war ich mir sicher. Wir bogen in die Steingasse ein. Die Sonne versank soeben blutrot hinter dem Waldesrand und tauchte den Himmel in ein faszinierendes Farbenspiel. Die Farben erinnerten mich an ein Lied, dass ich vor einiger Zeit gehört hatte. Mit der Erinnerung an dieses Lied folgten die Gefühle, die zu jeder Melodie gehörten und die ich alle in mir trug. Ein warmes, sanftes Fünkchen breitete sich in meinem Herz aus und vertrieb die Wut. Ich konnte Liana nicht mehr böse sein.
„Es tut mir leid. Ich hätte nicht abhauen sollen“, begann ich versöhnlich. „Manchmal habe ich einfach das Gefühl innerlich zu platzen und dann habe ich mich nicht mehr im Griff.“ Wir standen inzwischen vor meinem Haus und lehnten unsere Fahrräder an den Gartenzaun. Liana nickte verständnisvoll.
„Ich weiß, aber trotzdem musst du mir vertrauen und mich bitte nie wieder in solche Schwierigkeiten bringen!“ Ich nickte betreten. Der Himmel spannte sich jetzt mit einem Farbspiel aus rosa und lila Wölkchen über uns und für einen Juniabend war es noch angenehm warm. Ich winkte meiner Großmutter zu, die aus einem Fenster zu uns hinübersah. An ihrem Blick konnte ich sehen, dass sie schon von meinem Ausbruch erfahren hatte. Wie war das nur möglich? Das war nur eine der vielen Fragen, die ich ihr heute stellen musste. Ich wollte mich nicht mehr länger mit durchsichtigen Ausreden hinhalten lassen.
„Ich muss rein. Sehen wir uns morgen zur Zeugnisausgabe?“
„Na klar, sei nett zu deiner Großmutter!“ Sie sah mich mit ihren taubenblauen Augen bittend an und ich nickte mit zusammengepressten Lippen. Dann verschwand sie mit ihrem Fahrrad im Nachbargrundstück. Ich atmete tief durch und durchquerte den blühenden Garten.
Meine Großmutter wartete schon in ihrem Atelier auf mich. Die großen Fenster waren weit geöffnet. In der abendlichen Brise schwang der sich allmählich herabsenkende Tau der Nacht mit, der einen erdigen Ton mitbrachte und mich unangenehm an meinen letzten Traum erinnerte. In ihrem großen Ohrensessel wirkte meine Großmutter schmal und klein. Sie sah müde und erschöpft aus und ich wusste sofort, dass ich der Grund dafür war und nicht die tägliche Gartenarbeit, die sie bewältigen musste. Ich bereute, dass ich heute das Versprechen, dass ich ihr gegeben hatte aus einer spontanen Unbeherrschtheit heraus gebrochen hatte. Lennox hatte schon ganz passend von meinem Egotrip gesprochen. Ich seufzte, setzte mich neben sie und nahm ihre Hand.
„Es tut mir leid.“ Obwohl tausend Fragen in mir brannten, bekam ich nicht mehr heraus.
„Ich weiß, Selma. Du darfst nicht denken, dass ich nicht sehe, was in dir vorgeht. Deine Wut ist groß und das zu Recht, aber du darfst nicht glauben, dass ich dich hier aus reiner Willkür einsperre. Es geschieht allein zu deinem Schutz. Bisher habe ich es vermieden, dir einige Dinge in größerer Deutlichkeit zu sagen, aber nach dem heutigen Tag muss es sein, auch wenn ich gegen die Regeln verstoße.“ Sie rieb sich müde mit einer Hand über die geschlossenen Augen. Welche Regeln? Ich hielt vor Spannung die Luft an. Sollte es jetzt tatsächlich Antworten geben? Ich wartete gespannt, meine Großmutter überlegte sehr lange, bis sie die passenden Worte fand.
„Es gibt zwischen Himmel und Erde Gefahren, die du noch nicht kennst. Ich habe versucht, sie von dir fernzuhalten und zwar, ohne dich mit dem Wissen um ihre Existenz zu ängstigen.“ Sie sprach leise und konzentriert, während sie mich ernst ansah. „Nun muss ich mir aber eingestehen, dass du kein kleines Mädchen mehr bist. Du bist zu einer erwachsenen Frau gereift, in der noch die Übermut der Jugend steckt und du musst diese Gefahren kennenlernen, da ich dich nicht mehr rund um die Uhr schützen kann.“ Sie nickte mir aufmunternd zu, was ich als Zeichen verstand, dass ich endlich meine Fragen loswerden durfte.
„Was waren das für Vögel, die die Torrels vertrieben haben?“ Ich beeilte mich das Erste zu fragen, dass mir in den Sinn kam.
„Die Geschöpfe, vor denen Ramon und Lennox dich heute gerettet haben, sind von böser Natur. Sie bedrohen seit vielen Jahren unsere Sicherheit und rauben Mädchen und junge Frauen. Wir wissen nicht, in wessen Auftrag sie handeln. Was wir jedoch sicher wissen ist, dass keines der Mädchen je wieder aufgetaucht ist. Weder lebend noch tot. Die Wesen sind stark und kennen kein Erbarmen.“ Die Stille, die den Worten meiner Großmutter folgte, erschlug mich fast.
„Und sie wollen mich?“, flüsterte ich schwach.
„Ja. Das ist der Grund, weswegen ich dich beschütze, weil ich dich liebe und dich nicht verlieren möchte.“
„Wie lange geht das schon so?“, fragte ich, doch mehr als ein Flüstern kam nicht über meine Lippen. Die Gefahr, in der ich heute geschwebt hatte, wurde mir mit erschreckender Klarheit bewusst.
„Seit etwa zwanzig Jahren. Es wurden mittlerweile Tausende entführt und obwohl wir in den letzten Jahren die Sicherheitsmaßnahmen verzehnfacht haben und keine junge Frau mehr allein unterwegs sein darf, geschieht es immer wieder.“
„Was hat Ramon heute mit mir gemacht?“ Meine Großmutter lächelte bei meinen Worten.
„Er hat versucht, dich in eine Art Tagschlaf zu versetzen. Du solltest nach zehn Minuten wieder aufwachen und zwar, ohne dass du dich an die vorhergehenden Geschehnisse erinnern kannst. Das ist eine der Schutzvorschriften für Mädchen unter achtzehn Jahren. Trotz der bestehenden Gefahr wollen wir nicht, dass die Mädchen in dauernder Angst leben. Daher werden sie bei Vorfällen dieser Art in Trance versetzt. Leider hat es bei dir nicht funktioniert, du hast dich zu stark gewehrt.“ Nachdenklich strich sie sich durch die Haare. Eine Flut von Fragen rauschte durch meinen Kopf, doch noch bevor ich die nächste stellen konnte, klingelte das Telefon und meine Großmutter nahm den Hörer ab. Grußlos lauschte sie eine Weile, als wenn sie den Anruf bereits erwartet hätte.
„Ja, ich komme sofort. Natürlich musste ich sie in einiges einweihen zu ihrer eigenen Sicherheit und ja, ich übernehme die Verantwortung gegenüber dem Senator. Nein, in dieser speziellen Situation gab es keine Alternative und wegen der zwei Monate Zeitüberschreitung wird es wohl keine Probleme geben. Ich darf sie wohl daran erinnern, aus welcher Blutlinie sie stammt. Eigentlich hätte ich eine Sondergenehmigung beantragen können. Ja, ich mache mich jetzt auf den Weg. Auf Wiederhören.“ Mit einem missmutigen Laut legte meine Großmutter den Hörer auf die Gabel. Obwohl es inzwischen tolle schnurlose Geräte gab, hatte sie sich bis heute nicht von ihrem geliebten Telefongerät aus der Steinzeit der technischen Entwicklung trennen können. Ich sah meine Großmutter fragend an.
„Ich muss noch einmal los. Der Bürgermeister hat eine außerordentliche Zusammenkunft der Stadträte einberufen. Einen Angriff so nah an Schönefelde hat es schon seit langem nicht mehr gegeben. Sehr ungewöhnlich. Wir müssen dringend über eine weitere Verschärfung der Schutzmaßnahmen beraten.“ Ich wusste, dass meine Großmutter ehrenamtlich als Stadträtin arbeitete, aber bisher hatte ich angenommen, dass die höchste Spannungsstufe dieser Zusammenkünfte erreicht war, wenn sich die Diskussion um die Farbauswahl der Transparente für das jährliche Stadtfest drehte.
Mich durchfuhr es heiß. Wie hatte ich nur so blind sein können, die ganze Zeit war ich von der Wahrheit umgeben, aber ich hatte sie nicht gesehen. Die Maskerade als harmlose Kleinstadt war immer nur eine Tarnung gewesen. Die Menge meiner unbeantworteten Fragen hatte sich während des Telefongespräches meiner Großmutter sofort verdoppelt. Das war das erste Mal, dass ich Antworten erhielt und gerade jetzt musste meine Großmutter das Haus verlassen.
„Warte!“, versuchte ich sie aufzuhalten. Vor lauter Aufregung hatte ich rote Flecken auf den Wangen. Ich spürte, wie sich die Wärme in meinem Gesicht ausbreitete. Schnell suchte ich die dringendste Frage, die mir einfiel.
„Wer sind wir?“ Ich sah meine Großmutter an, die sich inzwischen von ihrem Sessel erhoben hatte und ihr Kleid glättete. Sie blickte mir tief in die Augen und seufzte.
„Es führt jetzt zu weit, diese Frage zu beantworten. Ich habe dir das Nötigste erzählt. Das Wichtigste ist, dass du weißt, dass außerhalb der Stadtgrenze eine ernste Gefahr lauert und dass du dich nur innerhalb dieses Kreises aufhalten darfst. Mehr Fragen kann und darf ich dir im Moment nicht beantworten. Ich weiß, dass es für dich jetzt umso schwerer wird, bis zu deinem Geburtstag zu warten, aber wenn ich noch mehr verrate, handle ich mir ernsten Ärger ein.“ Sie nahm meine Hand und sah mich an. „Bitte, respektiere das! Ich muss los. Die Stadträte warten. Geh schon ins Bett, bei mir wird es spät werden.“ Sie gab mir zum Abschied einen Kuss und verließ den Raum, ließ mich zurück mit dem Durcheinander in meinem Kopf und in meinem Herz. Ich setzte mich auf einen der korbbespannten Stühle in der Küche und starrte durch die großen Fenster in den Garten, der mittlerweile in völliger Dunkelheit lag. Nur über den Wipfeln der Apfelbäume schimmerte ein Rest Licht. Ich versuchte mühsam meine Gedanken zu ordnen. Ich wurde nicht eingesperrt, sondern beschützt. Bei dem Gedanken an diese Gefahr überlief mich erneut eine Gänsehaut. Doch wovor genau musste ich beschützt werden, was waren das für Wesen?
Die Ereignisse fühlten sich an wie ein verrückter Film. Ein leises Klingeln drängelte sich in mein Bewusstsein. Das war Liana, die die Glocke neben meinem Zimmerfenster geläutet hatte. Sofort sprang ich auf und stürzte in den großen Flur. Noch während ich die letzten Meter zu meinem Zimmer durchmaß, durchzuckte mich die Erkenntnis, dass Liana über alles Bescheid wusste. Immer, wenn wir die Stadtgrenze verlassen hatten, war sie als mein Bewacher abgestellt worden. Die letzten Schritte lief ich sehr langsam. Na klar, Liana hatte die Sache mit den Vogelwesen und wahrscheinlich noch viel mehr zu ihrem achtzehnten Geburtstag erfahren und musste nun mir gegenüber Stillschweigen bewahren, weil ich noch in seliger Unwissenheit vor mich hindämmern durfte. Als wenn die Wahrheit weniger hart wäre, wenn man sie später erfuhr. Ich öffnete mein Fenster und zog vier Mal an dem Klingelseil. Nachdem Liana meine Frage mit einem Klingeln bejaht hatte, machte ich mich auf den Weg zum Pavillon. Wenn ich mir sicher war, dass Liana noch mehr wusste, war es bestimmt möglich, noch mehr aus ihr herauszubekommen. Von weitem sah ich sie schon im schwachen Licht einer Öllampe sitzen, auch eines dieser altmodischen Dinge, von denen sich meine Großmutter nicht trennen konnte. Ich ließ mich auf meine Lieblingsliege nieder und schwieg, während Liana mir gegenüber Platz nahm. Ich las ihren besorgten Gesichtsausdruck und sah die Angst, die sie immer noch umgab wie eine dezente Parfümwolke.
„Ich konnte nicht schlafen“, begründete Liana unser nächtliches Treffen. „Wie geht es dir?“
„Gut, wenn man mal außer Acht lässt, dass mich bösartige, geflügelte Wesen angreifen wollten und die Torrels mich zwar gerettet haben, aber auch mein Gedächtnis löschen wollten. Da das leider oder glücklicherweise nicht funktioniert hat, kann ich mich noch genau an alles erinnern. Was noch schockierender ist, ist die Erkenntnis, dass meine beste Freundin über alles Bescheid wusste und sogar als mein Bewacher eingeteilt war und mir nichts davon erzählt hat.“ Ich blickte Liana vorwurfsvoll an.
„Es tut mir leid. Ich wollte dir ja alles sagen, aber ich durfte nicht.“ Bedrückt sah sie zu Boden, sodass ihre blonden Locken ihr Gesicht beinahe verhüllten.
„Die Anordnung des Senators, ich weiß schon.“ Ich versuchte cool auszusehen, während ich mit meinem Halbwissen prahlte und Lianas überraschter Gesichtsausdruck gab mir Hoffnung.
„Du weißt es schon?“ Ein hoffnungsvoller Schimmer huschte über ihr Gesicht.
„Ja, meine Großmutter hat mir das Nötigste erzählt.“ Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber nicht gelogen.
„Das macht es leichter für mich, mit dir darüber zu sprechen. Du weißt gar nicht, wie schlimm das für mich war, dass ich dir nichts erzählen durfte.“ Ein elektronisches Piepsen unterbrach unsere Unterhaltung. Ein ganz normaler Ton in einer abnormalen Situation. Ohne zu überlegen, nahm ich mein Handy aus der Hosentasche und las die Nachricht.
„Gibt es Neuigkeiten?“ Liana hob interessiert den Kopf. Dieser Moment der Normalität war wie eine Insel, auf die wir uns retteten, bevor der Sturm erneut über uns einbrach.
„Ja, es ist Paul.“ Ich schmunzelte. Unser Gespräch vom Nachmittag hatte ich ganz vergessen. „Er ist in dich verliebt und jetzt möchte er wissen, ob ich schon etwas bei dir erreicht habe. Nach meinem plötzlichen Aufbruch heute Nachmittag hatte er die Hoffnung wohl schon verloren.“
„Paul?“ Liana grinste, dann stand sie auf. „Er ist ein guter Freund, nicht mehr und nicht weniger.“
„Gut, ich versuche es ihm schonend beizubringen.“ Ich erhob mich ebenfalls und trat zu Liana auf den dunklen Rasen, der vom Tau der Nacht bereits feucht war. Der Himmel war mittlerweile völlig schwarz und man konnte am Firmament die Sterne sehen. Mit den Füßen im feuchten Gras und dem weiten Himmel über mir fühlte ich mich wieder sicher, doch der Sturm brauste wieder auf und erfasste mich.
„Was genau hat mich da angegriffen?“ Ich stellte meine Frage leise, während wir im Dunkeln standen und in die Sterne sahen.
„Man nennt sie die Morlems.“ Lianas Stimme klang kalt. „Es sind Schattenkrieger, bösartige Kreaturen, die kein Erbarmen kennen. Sie töten schnell und wen sie nicht töten, den entführen sie. Es ist selten, dass ihnen jemand entkommt.“
„So wie ich heute?“
„Genau, du hattest unglaubliches Glück“, entgegnete Liana.
„Morlems“, wiederholte ich leise, allein das Wort ließ mich zu Eis erstarren. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Die Wesen kamen mir auf schreckliche Weise bekannt vor, doch in meinem Kopf war nur ein leeres, schwarzes Loch. Bevor ich eine weitere Frage stellen konnte, hörte ich Lianas Vater nach ihr rufen.
„Ich muss rein. Nach der Geschichte heute machen sie sich noch mehr Sorgen um mich als sonst. Schlaf gut, wir sehen uns morgen Nachmittag zur Zeugnisausgabe.“
„Ja, gute Nacht!“, entgegnete ich enttäuscht. Es hatte so gut begonnen und wieder stand ich nur mit einem Stück der Wahrheit da. Ich legte mich ins Gras und schaute frustriert in die Sterne. Was ich dort sah, ließ mir vollends den Atem stocken. Da war ein riesiger Vogel am Himmel. Man konnte ihn nur erkennen, weil sich hin und wieder eine Handvoll Sterne verdunkelte und aus diesem Lichtspiel der Umriss einer geflügelten Gestalt herauszulesen war. Ich sprang auf und rannte in Windeseile ins Haus. Mit zitternden Händen verriegelte ich die Tür hinter mir. Die Angst, die ich heute durchlebt hatte, war wieder da. Meine Großmutter hatte doch gesagt, in Schönefelde wäre ich sicher. Ich hastete in mein Zimmer, wo ich die Fenster fest verschloss und mich in mein Bett verkroch. Dort blieb ich still liegen und wartete.
Die Minuten und Stunden krochen dahin, während ich mit gespitzten Ohren und rasendem Herzen darauf wartete, dass meine Großmutter heimkam und mit ihrer Anwesenheit die Erinnerung an die Morlems vertrieb.
Um Mitternacht hallte das Schlagen der großen Uhr durch die dunklen Räume und ich fühlte mich so allein und verletzlich wie noch nie in meinem Leben. Vielleicht war Unwissenheit doch ein Segen, denn an Schlaf war heute Nacht nicht zu denken. In meinem Kopf hämmerte ein Stakkato aus den Bildern des Tages. Gesichtslose, geflügelte Wesen mischten sich mit dem durchdringenden Blick aus Ramons braunen Augen und einem schwarzen Schatten, der hinter mir herjagte.