Feengesang

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte Liana, während wir an einem nebeligen Morgen Ende November beim Frühstück saßen. Sie fing eine Quitsche auf, die gerade von der Tischplatte springen wollte.

„Die Sybillen prophezeien ein wolkenfreies Wochenende mit rosa Sternschnuppen“, erwiderte ich und ließ den „Korona Chronicle“ sinken.

„Dann wird es bestimmt regnen.“ Liana brach die Quitsche auf.

„Quatsch, die Sybillen werden schon Recht behalten, ich freu mich ja so. Rosa Sternschnuppen habe ich noch nie gesehen“, säuselte Lorenz mit verträumten Blick.

„Gibt es noch ernstzunehmende Neuigkeiten?“, fragte Liana.

„Ja, die Werbeveranstaltung von Senator Baltasar in Tennenbode wird ganz groß aufgezogen. Die berichten schon seit Tagen darüber“, sagte ich kauend.

„Und du wirst das Highlight sein bei der Drachenflugshow.“ Lorenz klatschte begeistert in die Hände. „Ich habe euch gestern beim Training zugesehen. So elegant wie du fliegt keiner und eure Outfits, die hauen mich ja richtig vom Hocker.“ Lorenz gab ein schnurrendes Geräusch von sich. Ich wollte gerade entgegnen, dass mich diese enganliegenden, knallorangenen Anzüge nicht mal ansatzweise vom Hocker hauten, als Adam den Saal betrat. Lässig schlenderte er durch den Raum, grüßte uns mit einem knappen Kopfnicken und nahm dann neben Joren Platz, einem Jungen aus dem siebten Semester. Er sah atemberaubend gut aus, so wie immer und so wie immer benahm er sich emotionslos wie ein Roboter. Der Stich in mein Herz folgte sofort und mir blieb einen Moment die Luft weg, bevor ich es schaffte, mich abzuwenden.

Genauso wenig, wie es mir im Sommer gelungen war, Adam zu vergessen, hatte ich es in den vergangenen Wochen geschafft, mich mit seiner Entscheidung abzufinden. Ich liebte ihn und dieses Gefühl war so ehrlich und so stark, dass es sich nicht einfach ausschalten ließ. Wie stellte er sich das vor? Meine Gefühle waren doch kein Lichtschalter, den man einfach so ausknipsen konnte. Vielleicht wäre es mir leichter gefallen, wenn ich gewusst hätte, dass er mich nicht mochte. Aber zu wissen, dass er mich liebte und sich trotzdem gegen mich entschieden hatte, war so schmerzhaft wie ein Sprung in ein Glasscherbenbad. Mir war klar, dass es dumm war, immer noch zu hoffen, aber ich bekam das warme Kribbeln nicht aus meinem Bauch, das mich jedes Mal ergriff, wenn Adam in meine Nähe kam.

Es gab keine logische Erklärung dafür, dass ich das Gefühl nicht loswurde, dass wir zusammengehörten. Ich hatte schon begonnen, an mir selbst zu zweifeln, weil ich es einfach nicht in den Griff bekam, loszulassen. Denn darum ging es letztendlich, ich musste die Hoffnung auf ein glückliches Ende endgültig begraben. Doch jede Zelle meines Körpers sehnte sich nach Adam.

Er machte es uns leichter, soweit das möglich war. Wir sahen uns wenig, denn er ging mir aus dem Weg. Die Abende verbrachte er bei Einsatzbesprechungen, dem Kampftraining oder in seinem Zimmer und bei den wenigen Vorlesungen, die er besuchte, saß er so weit wie möglich entfernt von mir. Ich war froh darüber, denn seine permanente, höfliche Reserviertheit hatte mich anfangs wütend gemacht. Mittlerweile war die Wut einer tiefen Traurigkeit gewichen. Ich balancierte immer am Rande eines Schwarzen Lochs, an manchen Tagen ging es besser, an manchen schlechter. Um nicht abzustürzen, vergrub ich mich in Arbeit. Ich sog alles in mich auf, was ich von der magischen Welt erfahren konnte. Selbst die dicken Wälzer hatte ich endlich ausgepackt und begonnen sie zu lesen. Jede Ablenkung war mir recht. Tief in meinem Innersten wusste ich, dass ich eigentlich nach einem Ausweg suchte, einem Paragraphen, einem Schlupfloch, einer Lösung. Irgendetwas. Ich war morgens die Erste, die mit ihrem Ausweis in der Hand darauf wartete, dass die Türen zu den Vorlesungssälen vom Senatorenhaus pünktlich um 7:30 Uhr geöffnet wurden und ich war abends die Letzte, die müde vom Training auf den Drachen in ihr Bett wankte. Im Gegensatz zu meiner Schulzeit fiel mir das Lernen hier leicht. Die Übungen für Wasserlehre machten mir keine Probleme und Professor Pfaff mochte mich wegen der erstaunlichen Fortschritte, die ich gemacht hatte. Mir war es schnell gelungen, das Wasser mit nur einem Gedanken in Bewegung zu versetzen. Selbst, als ich eines Abends beim Flugtraining von Picus Rücken geworfen wurde und in den Fluss von Akkanka fiel, konnte ich mich schon selbst mit einem Wasserstrudel vor den Seidentauchern retten, einer fliegenden Piranha-Art, die alles fraß, was nur einen Tropfen Blut enthielt.

Die Vorlesungen von Professor Schönhuber dagegen waren nach wie vor enttäuschend. Sie sprach ausschließlich über theoretische Wetterphänomene. Das Einzige, was spektakulär war, war ihr kuppelförmiger Vorlesungssaal, den wir über Tür Nummer 998 erreichten und der, so wurde gemunkelt auf einer Insel im Atlantik stehen sollte, die optimale Bedingungen für die Beobachtung von Windströmungen bot. Das Beste waren und blieben aber die täglichen Stunden über magische Fauna und Flora bei Gregor König, der mit Witz und guter Laune geduldig alle Tiere und Pflanzenarten, die es in Akkanka gab, erläuterte.

Während die anderen nach dem Unterricht schnell wieder nach Tennenbode hinaufstiegen, blieb ich, soweit es mein voller Stundenplan und die vielen Übungen, die wir machen mussten, erlaubten, gleich in Akkanka und half Gregor König beim Ausmisten der Drachenställe oder der Vorbereitung seines Unterrichts. Ariel und seine Partnerin Aurora genossen es, wenn ich ihnen die grünen Schuppen bürstete und ihnen Leckerbissen mitbrachte.

Ich nutzte jede Gelegenheit, um mit den Drachen zu fliegen. Es war noch immer ein berauschendes Gefühl, durch die Lüfte zu schießen wie eine Kanonenkugel. Im Gegenteil, die Geschwindigkeit der Drachen hatte mich süchtig gemacht und ich fieberte meinen ersten eigenen Flugversuchen im nächsten Jahr entgegen.

„Kommst du mit Parelsus voran?“, fragte Liana und schenkte sich Tee ein. Ich sah sie an.

„Nein, ich habe ihn nicht mehr getroffen“, entgegnete ich. „Wenn ich geahnt hätte, dass ich für diese Flugshow jeden Nachmittag trainieren muss, hätte ich vielleicht protestiert.“

„Hättest du niemals nicht, Herzchen“, lächelte Lorenz. „Du bist nämlich total vernarrt in diese Ungetüme. Ich habe genau gesehen, dass du die „Drachenwelt“ abonniert hast.“

„Okay!“, gab ich lächelnd zu.

„Was willst du nun eigentlich genau von Parelsus?“, fragte Lorenz.

„Du weißt von meinen Eltern?“, erwiderte ich.

„Klar, das war doch ein großes Ding damals. Patrizierin heiratet Plebejer, bricht den Eid und wird geächtet, weil sie sich öffentlichkeitswirksam gegen ihren Ausschluss aus der Vereinten Magischen Union wehrt, jahrelanger Rechtsstreit folgt und kurz bevor die Höchststrafe verhängt werden kann, kommen sie, ihr Mann und zwei ihrer Kinder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Großes Drama, ganz großes Drama!“

„Danke für die Zusammenfassung. Du bist doch sonst so feinfühlig“, stellte Liana mit einem kritischen Blick auf meine zerknirschte Miene fest.

„Oh, Entschuldigung!“, beeilte sich Lorenz zu sagen, als er es bemerkte.

„Kein Problem, ich denke, ich bin darüber hinweg. Ich kann mich ohnehin kaum an meine Eltern erinnern“, erklärte ich. „Meine Mutter hat mir einen Brief hinterlassen, eine Art Abschiedsbrief, den ich erst an meinem achtzehnten Geburtstag bekommen habe. Darin schreibt sie, dass ich mich, wenn ich Fragen habe, die noch nicht beantwortet wurden, an Parelsus wenden soll.“

„Und was hast du für Fragen?“ Lorenz sah mich erwartungsvoll an.

„Na, das ist doch klar! Warum sollte mir meine Mutter einen Abschiedsbrief schreiben, wenn sie angeblich nur einen Kurzurlaub bei ihren Freunden in London machen wollte. Sie wusste offenbar, dass sie nicht zurückkommt, aber meine Großmutter will nichts davon hören. Im Gegenteil, sie sagt, ich soll mich von Parelsus fernhalten.“

„Wahnsinn!“ Lorenz Mine war vor Spannung eingefroren. „Du meinst deine Mutter wurde ermordet?“ Aus seinem Mund klangen die Worte, die ich bisher nur gedacht hatte, hart.

Ich zögerte, bis ich langsam antwortete: „Genau, das glaube ich. Aber da sind noch mehr Sachen, die seltsam sind. Jemand hat einen Teil meiner Erinnerungen gelöscht und als ich zur feierlichen Aufnahme im Senatorenhaus war, hat mir der Senator nahegelegt, dass ich nicht das Erbe meiner Mutter antreten soll. Mittlerweile weiß ich, was er meint. Er hat Angst, ich könnte der nächste Rebell der Vereinten Magischen Union werden.“

„Übel!“ Lorenz schnappte nach Luft.

„Genau, das finde ich auch. Ich dachte immer, ich wüsste alles über meine Eltern, aber jetzt stelle ich fest, dass ich eigentlich nur das weiß, was mir meine Großmutter erzählt hat und das scheint nicht viel zu sein.“

„Ein Mord, den jemand verschleiern will. Das ist ein Verbrechen, das wir unbedingt aufdecken müssen.“ Lorenz klang begeistert.

„Naja, ich will euch da nicht mit reinziehen. Wo ein Mord ist, gibt es einen Mörder und selbst, wenn es schon ein paar Jahre her ist, ist es sicherlich immer noch gefährlich.“

„Papperlapapp, ich liebe die Gefahr.“ Lorenz reckte sich. „Als Kind habe ich die Romane von Sherlock Holmes verschlungen, du kannst auf mich zählen“, sagte er entschlossen. Liana hatte unserer Unterhaltung schweigend zugehört. Lorenz sah sie erwartungsvoll an.

„Ich weiß nicht“, sagte sie zögernd. „Das klingt irgendwie unheimlich. Als ich meine Eltern nach Parelsus gefragt habe, haben sie gesagt, ich soll die Vergangenheit ruhen lassen, als wenn sie wussten, dass du dich irgendwann mal auf die Suche nach ihm machen würdest.“

„Ich kombiniere also, dass deine Eltern auch in die Verdeckung eines dunklen Geheimnisses involviert sind.“ Lorenz zog die Nase kraus und legte die Stirn nachdenklich in Falten.

„Hör auf mit dem Quatsch!“, erwiderte Liana ärgerlich und sprang auf. Dabei stieß sie ihre Tasse mit dem Kräutertee um, der dampfend über den Tisch floss.

„Liana, sei kein Spielverderber, ich dachte du wirst mein Watson“, rief ihr Lorenz hinterher, aber sie war schon verschwunden. „Was ist denn mit der heute los?“, fragte er erstaunt. „Hat sie Migräne?“

„Nein, Liana hat Angst. Ihre Eltern haben ihr garantiert gesagt, sie soll die Finger von der Geschichte lassen.“ Ich kannte Lianas Eltern gut genug, um zu wissen, dass sie ihr einziges Kind hüteten wie ein rohes Ei. Lorenz nickte verständnisvoll und Shirley, die wie immer ohne sich weiter am Gespräch zu beteiligen mit am Tisch saß, nickte ebenfalls.

Ich beschloss, die verbleibende Zeit bis zur nächsten Vorlesung zu nutzen, um noch einmal in der Mediathek vorbeizuschauen und nach Parelsus zu suchen. Lorenz hatte die Sache in meinem Kopf wieder angestoßen, die ich wegen Adam und der vielen Arbeit völlig vernachlässigt hatte.

Langsam schlenderte ich durch die dunklen Gänge und stieg die vielen Treppen hinab in sein Reich. Ich hatte die Mediathek seit der Einführungsveranstaltung nicht mehr betreten. Jetzt, wo ich hier unten stand, bereute ich plötzlich, mich nicht eher um Parelsus gekümmert zu haben. Wie hatte ich mich nur so ablenken lassen können? Ich schnaufte grimmig und ging schneller. Die Tür war offen und ich trat in den hohen Raum hinein. Die Bänke waren fast alle leer, da die meisten Studenten bei den Vorlesungen saßen. Ich schlenderte durch die Reihen und ging um MUS herum in den hinteren Teil. Die hohen Regale erstreckten sich scheinbar endlos in den gewölbeartigen Raum hinein und ich lief immer weiter auf der Suche nach Parelsus weißem Haarschopf. Enttäuscht erreichte ich das Ende der Mediathek. Hier gab es nur noch eine kleine Holztür, die aber verschlossen war.

Ich klopfte einfach dagegen. Irgendwo hier musste Parelsus schließlich stecken. Ich hatte mich schon umgedreht und wollte wieder gehen, als sich langsam quietschend die kleine Tür öffnete. Parelsus Kopf erschien und sein Gesicht fing an zu leuchten, als er mich sah.

„Ah, Selma, komm herein!“, sagte er, als wenn er mich erwartet hätte. Ich folgte ihm überrascht in ein großes Arbeitszimmer, dass mit Bücherregalen vollgestopft war und in dessen Mitte neben einem Sessel und zwei Sofas ein völlig überfüllter Schreibtisch stand, der mit Stapeln von Papieren und Büchern überladen war. Hinter dem Arbeitszimmer schloss sich ein weiterer Raum an. Bevor Parelsus die Zimmertür schließen konnte, erhaschte ich einen Blick auf ein hinter weiteren Bücherstapeln verborgenes Bett. Er lebte wie ein Maulwurf im tiefsten Dunkel von Tennenbode. Wie deprimierend. Parelsus zeigte auf einen freien Sessel und nahm selbst am Schreibtisch in einem abgewetzten Ohrensessel Platz. Ich sah ihn erwartungsvoll an, aber er stierte abwesend auf seine Hände, die er unruhig ineinander verknotet hatte.

„Ich wollte mit ihnen sprechen“, begann ich. Er musterte mich neugierig und ich kam ins Stocken. Was sollte ich ihn fragen, wo anfangen? „Meine Mutter schickt mich zu ihnen“, sagte ich schließlich. Das war die einzige Sache, die eine Verbindung zwischen uns schuf. Parelsus riss die Augen auf.

„Sie schickt dich?“, widerholte er ungläubig.

„Ja, das hat sie getan“, bestätigte ich. „Also nicht direkt, in einem Brief. Ich soll mich an sie wenden, wenn ich Fragen habe“, stotterte ich.

„Ach so.“ Parelsus atmete erleichtert aus. „Und was hast du für Fragen, von denen Catherina annimmt, dass ich sie beantworten kann.“

„Erzählen sie mir von meiner Mutter!“, bat ich. „Es gibt so viele Dinge, die ich noch nicht von ihr weiß und die ich nicht verstehe.“

Parelsus nickte. Ich wollte ihn nicht gleich mit meinem Verdacht konfrontieren, dass ich den Tod meiner Mutter nicht für einen Unfall hielt.

„Deine Mutter kannte Georgette gut, mir ist schon klar, warum sie dich zu mir schickt. Weißt du, ich habe deine Mutter nicht nur gekannt, wir waren befreundet. Wie du wahrscheinlich bereits weißt, war deine Mutter schon zu ihren Zeiten in Tennenbode von dem Gedanken besessen, eine bestimmte gesellschaftliche Regel zu ändern. Das ist die Aufgabe, die ihr ganzes Leben und ihr ganzes Tun bestimmt hat.“

„Ja, davon hat mir meine Großmutter erzählt.“ Ich nickte bei seinen Worten und hoffte, dass jetzt etwas zutage kam, dass ich noch nicht wusste.

„Georgette wird sich nicht die Mühe gemacht haben, dich in Details einzuweihen.“ Er lächelte. „Vermutlich sitzt du deswegen hier und was das angeht, stimme ich Catherina zu. Du hast ein Recht darauf, die ganze Geschichte zu erfahren und nicht nur die gekürzte Version.“ Parelsus stützte seine Ellenbogen auf den Tisch und legte die Hände ineinander. Ich nickte eifrig, denn ich wollte, dass er weitersprach.

„Auslöser war, dass sich Catherina unsterblich in deinen Vater verliebt hatte und einfach nicht akzeptieren wollte, dass sie nach dem Studium nicht einfach mit ihm zusammenbleiben konnte. Sie hat mit allen Mitteln dafür gekämpft, etwas zu ändern. Ihr plötzlicher Tod hat mich schwer getroffen.“ Parelsus senkte betreten den Blick und starrte einen langen Moment auf seine Hände. „Ich konnte es lange nicht akzeptieren. Weißt du, ich habe deine Mutter gesucht, viele Jahre noch. Alle haben mich für verrückt erklärt.“

Ich erstarrte. Also war ich nicht die Einzige gewesen, die einen gefährlichen Verdacht hegte. Ich holte tief Luft, doch irgendwie schaffte ich es nicht, dass zu fragen, was ich eigentlich wissen wollte. Ich kannte Parelsus nicht gut genug, um sicher zu sein, dass ich ihm trauen konnte.

„Bei was genau haben sie sie unterstützt?“, fragte ich stattdessen. „Ich möchte ihre Ideen besser kennenlernen. Über ihre Zeit in Tennenbode und ihre Pläne, die Gesellschaft zu verändern, weiß ich wirklich nicht viel“, erwiderte ich.

„Das dachte ich mir. Georgette will die Vergangenheit ruhen lassen, aber es ist gut, dass du dich dafür interessierst. Catherinas Ideen dürfen nicht verloren gehen.“

„Genaugenommen möchte ich nicht nur ihre Ideen besser kennenlernen, ich möchte sie weiterführen“, teilte ich ihm den Entschluss mit, den ich schon im Sommer getroffen hatte und der jetzt, wo ich ihn aussprach, die Lösung zu sein schien, die ich gesucht hatte. Hatte meine Mutter geahnt, dass ich in dieselbe Situation kommen würde wie sie? Parelsus sah nicht so begeistert aus, wie ich erwartet hatte. Er stand auf und begann nervös im Zimmer auf und ab zu gehen. Mein Blick folgte ihm durch den Raum, bis er endlich vor einem blassen Landschaftsgemälde stehenblieb.

„Catherina war eine Visionärin, aber genau das hat sie wahrscheinlich das Leben gekostet. Ich wurde zwar immer als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, aber ich bin mir nach wie vor sicher, dass sie jemand umgebracht hat. Das war kein Unfall. Die haben mich alle für verrückt erklärt, als ich Nachforschungen anstellen wollte.“ Seine krächzende Stimme wurde lauter und Wut färbte seine eingefallenen Wangen. „Das Senatorenhaus und die Schwarze Garde haben die Ermittlungen abgeschlossen und als Unfall zu den Akten gelegt. Als Leichenfledderer haben sie mich bezeichnet und dass ich den Toten nicht ihre Ruhe gönnen wollte. Dabei wurden nicht einmal die Überreste des Flugzeugs gefunden.“ Erschöpft ließ sich Parelsus wieder in seinen Sessel sinken. Ich starrte ihn an.

„Ich wusste nicht, dass es keine Überreste gab“, stammelte ich, um Fassung bemüht.

„Nein, die gab es nicht. Es gab einen Start und keine Landung am Zielort. Was dazwischen passiert ist, weiß bis heute niemand und es will auch niemand wissen. Die Störenfriede sind verschwunden und daran soll sich auch nichts ändern“, schimpfte Parelsus.

„Das heißt, es besteht sogar die Möglichkeit, dass sie noch leben“, rief ich. Parelsus sah mich an und schien zu überlegen, wie klug er seine Worte wählen sollte.

„Langsam, Selma, das habe ich nicht gesagt. Ich glaube nicht daran, dass deine Eltern einen Unfall hatten, aber zu behaupten, dass sie noch am Leben sind, wage ich nicht. Deine Mutter hat sich in Gefahr begeben und dabei höchstwahrscheinlich ihr Leben verloren. Wenn du diesen Weg gehen möchtest, musst du dir bewusst sein, dass du dein Leben riskierst.“ Parelsus hatte seine Stimme zu einem eiskalten Flüstern gesenkt und beinahe hatte er es geschafft, mir Angst einzuflößen. Ich riss mich aus der Umklammerung dieses Gefühls und lächelte diplomatisch.

„Meine Mutter wollte doch keine Revolution anzetteln“, sagte ich.

„Das stimmt, aber hätte man ihrem Anliegen stattgegeben, hätte das bedeutet, dass Plebejer und Patrizier gleichwertig sind und genau das wäre eine Revolution gewesen. Was glaubst du, weswegen ich hier unten in diesem Keller festsitze und der Nöll einen Posten als Professor bekommen hat, obwohl er den Intellekt einer Asketenliane hat.“ Ich lächelte bei seinen Worten. Wenigstens war ich nicht die Einzige, die Professor Nöll nicht mochte. Parelsus knirschte wütend mit den Zähnen. „Das ist nicht lustig, Selma. Das ist tragisch. Ich bin Plebejer und darf mich glücklich schätzen, den Posten in der Mediathek zu besetzen, obwohl ich zu weitaus mehr fähig bin und der Nöll, der unterbelichtete Versager, darf den Professor mimen, nur weil seine Familie zu den Patriziern gehört und sein Vater ihm diese Stelle beschafft hat. Nicht einmal Professor Espendorm ist mit ihm glücklich, aber was soll sie machen? Gegen dieses System ist selbst sie machtlos. Die Patrizier besetzen alle wichtigen Posten, so wie sie es schon seit Jahrtausenden tun. Sie haben die Macht in der magischen Welt und wollen sie auch behalten. Die Demokratie, in der wir leben, ist nicht mehr als ein Puppentheater. Ein Beruhigungsmittel für die Massen. Was zählt ist das Blut, das in deinen Adern fließt und sonst nichts. Es war ein Skandal, als deine Mutter, Tochter einer der alten Familien, an der eigenen Macht rütteln wollte und sich nicht brav gefügt hat und einen Sohn aus gutem Hause genommen hat. Patrizier und Plebejer werden in der Magischen Union nicht miteinander verheiratet. Du wirst keinen Senator finden, der diese Zeremonie durchführt. Die Ehe gilt in der Vereinten Magischen Union als unzerstörbare Institution. Es gibt keine wilden Ehen und auch keine Scheidungen, die Ehe ist unantastbar bis zum Tod. Um das zu umgehen, ist Catherina zu einem Standesamt der nichtmagischen Bürger gegangen und hat Toni Caspari dort geheiratet. Das war ein Affront gegen die Alten. Ein unfassbarer Skandal. Der „Korona Chronikle“ hat tagelang über nichts anderes berichtet. Sie mussten sie zum Plebejer machen, daran führte kein Weg vorbei.“ Parelsus saß in Erinnerungen versunken in seinem braunen Ledersessel.

„Ich verstehe“, sagte ich nachdenklich, als sich die Stille ausdehnte. „Wenn ich jetzt wieder an dieser Regel rüttele, hacke ich den Mächtigen ans Knie.“

„Genau, und die wollen sich nicht ans Knie hacken lassen. Aber du bist jetzt Plebejer. Auf dich achtet ohnehin keiner mehr. Deine Stimme hat in dieser Gesellschaft kein Gewicht. Keine Zeitung würde das drucken, was du sagst und keiner der Mächtigen würde dir zuhören. Da hatte deine Mutter damals einen besseren Ausgangspunkt.“

„Warum darf ich dann überhaupt hier studieren., fragte ich überrascht.

„Die Mächtigen brauchen Arbeitskräfte. Dazu bist du herzlich eingeladen. Aber den Primus und die Senatoren darfst du nicht wählen. Die Wahl ist ein Privileg der Patrizier, um ihre eigene Macht zu sichern.“

„Warum machen das alle mit?“ Ich begann Parelsus Wut zu verstehen.

„Gewohnheit!“, seufzte er. „Außerdem sorgen die Patrizier schon dafür, dass sich alle wohlfühlen. Die Plebejer werden großzügig entlohnt und haben freien Zugang zu den Drachenrennen, dem ultimativen Volkssport. So lange alle zufrieden sind, rebelliert keiner. An die Ungerechtigkeit haben sich alle gewöhnt, dass fällt einfach keinem mehr auf.“

„Mir ist es aufgefallen und ich will es ändern“, sagte ich entschlossen.

„Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber warum solltest du das wollen? Das ist ein Kampf gegen einen hundertköpfigen Drachen, völlig aussichtslos.“ Parelsus lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor seinem hageren Körper. Ich wusste nicht, ob ich ihm genug trauen könnte, um ihm den Grund für meine Entschlossenheit anzuvertrauen, andererseits wäre er eine echte Unterstützung und er würde mir vermutlich nur helfen, wenn er sich sicher wäre, dass ich mein Ziel ernsthaft verfolgen wollte. Ich beschloss, einen Teil der Wahrheit preiszugeben.

„Ich will das Verschwinden meiner Eltern aufklären und ich will Catherinas Ideen zu Ende führen. Ich möchte nicht, dass sie umsonst gestorben ist.“ Dass ich damit auch automatisch die Beziehung zwischen Adam und mir legalisieren würde, behielt ich vorerst für mich.

„Du willst den Mörder deiner Mutter finden?“, schrie Parelsus. Entsetzt von seiner heftigen Reaktion, schreckte ich zurück. „Denkst du, dass es so einfach ist? Dann frag doch gleich die Sybillen?“ Er starrte mich wütend an. „Was glaubst du, was ich die letzten Jahre getan habe?“

„Sie haben versucht, den Mörder meiner Mutter zu finden?“, flüsterte ich. Ich fühlte mich Parelsus mit einem Male verbunden. Es gab noch jemanden auf der Welt, dem das Schicksal meiner Mutter nicht egal war und der auch etwas tat, um die Geheimnisse um ihr Verschwinden aufzuklären.

„Natürlich!“, rief Parelsus.

„Vielleicht finden wir ihn zusammen. Ich habe Zeit.“ Mit festem, ruhigem Blick sah ich ihn an.

„Mmh!“ Er musterte mich grimmig. „Ich denke darüber nach.“

„Erzählen sie mir mehr von meiner Mutter!“, bat ich. „Was hat sie angestellt, damit diese Regel geändert wird?“

„Ich erzähle dir alles, was ich weiß, aber nicht jetzt und nicht heute. Die nächste Vorlesung beginnt in wenigen Minuten und niemand muss erfahren, dass wir in der Vergangenheit rühren.“

„Nicht einmal meine Mitstreiter?“

„Du hast schon Mitstreiter?“ Parelsus runzelte die Stirn. Ich nickte. „Sei vorsichtig, wem du vertraust! Komm nächsten Mittwoch um acht hierher, dann erzähle ich dir alles, was ich weiß und nun geh!“ Parelsus erhob sich schnell und schob mich aus dem Zimmer, bevor ich protestieren konnte.

Langsam und in Gedanken versunken verließ ich die leere Mediathek. Meine Mutter hatte Recht, Parelsus wusste über vieles Bescheid, sicher über viel mehr, als er mir gesagt hatte. Ich wollte wissen, was er bei seinen Nachforschungen herausgefunden hatte. Gab es wirklich eine Chance, dass meine Eltern noch lebten? Der Gedanke verwirrte mich vollends. Wie in Trance stieg ich die vielen Treppen nach oben.

Die riesige Eingangshalle war leer. Ich war viel zu spät dran, doch das war es wert gewesen. Ich hatte so viele Dinge erfahren, wie schon seit Wochen nicht mehr. Beschwingt und aufgeregt zückte ich meinen Ausweis und passierte Tür Nummer 334. Als ich mich kurz darauf in Professor Hengstenbergs Miniatur-Amphitheater unter einem wolkenfreien Himmel zwischen Lorenz und Liana sinken ließ, hatte die Vorlesung über „Magische Theorie“ bereits begonnen. Erstaunt stellte ich fest, dass die Professorin heute persönlich da war, bisher hatte die Vorlesung einer ihrer Assistenten gehalten. Die Stille, die im Raum lastete, als ich hereinschlich, kam mir ungewöhnlich vor. Als ich nach vorn sah, wurde mir der Grund dafür klar. Vor uns stand eine atemberaubend schöne Frau, die soeben mit einer lockeren Handbewegung ihren Namen an eine steinerne Wand vor uns schrieb.

„Professor Daria Hengstenberg“, las ich.

„Und?“, flüsterte Lorenz erwartungsvoll, während Professor Hengstenberg an der Tafel notierte, wo wir ihre Vorlesungsunterlagen in MUS finden konnten. „Wurden deine Fragen beantwortet?“

„Und ob“, flüsterte ich zurück. „Parelsus ist auch davon überzeugt, dass das Verschwinden meiner Eltern kein Unfall war. Er hat gesagt, die Überreste des Flugzeugs wurden nie gefunden. Vielleicht leben meine Eltern noch.“

„Hat er das gesagt?“ Lorenz musterte mich abschätzend.

„Nein“, gestand ich. „Aber es wäre doch möglich.“

„Verrenn dich da nicht in etwas!“, bat er ernst und ich nickte. Dass die Chance minimal war, meine Eltern lebend wiederzusehen, wusste ich selbst.

„Was noch?“, fragte er weiter. Liana sah uns strafend an.

„Er will mir von dem Kampf meiner Mutter erzählen“, flüsterte ich.

„Welchen Kampf?“ Lorenz sah mich mit großen Augen an.

„Meine Mutter wollte erreichen, dass Beziehungen zwischen Plebejern und Patriziern erlaubt werden“, flüsterte ich.

„Das wusste ich nicht.“ Lorenz spitzte grüblerisch die Lippen.

„Ich will nicht, dass sie umsonst gestorben ist, deswegen werde ich ihren Kampf fortsetzen“, entgegnete ich.

„Wow, du bist so eine Art, Jeanne d`Arc, oder?“ Lorenz sah mich bewundernd an.

„Übertreib nicht, außerdem habe ich nicht vor, so zeitig mein Leben zu lassen“, wiegelte ich ab. Oh, wie er sich irrte, ich tat das alles nur für mich selbst, für mein eigenes Glück mit Adam, der weit entfernt von mir saß und unbeteiligt nach vorn sah, als wenn es mich gar nicht geben würde auf dieser Welt. Bevor ich Lorenz Illusion von meiner Heldenhaftigkeit weiter zerstören konnte, drehte sich Professor Hengstenberg elegant auf ihren langen Beinen zu uns um, ihre hüftlangen, kastanienbraunen Haare schwangen sanft um ihre wohlproportionierten Rundungen. Ihre Gesichtszüge waren fein geschwungen und sie schaute uns aus ihren grauen Augen freundlich an. Die Blicke der Jungs blieben wie hypnotisiert an ihr hängen. Ich hörte Flavius und seine Freunde hinter mir verliebt seufzen, als Professor Hengstenberg ihre roten Lippen öffnete, um die Vorlesung zu beginnen.

„Ich mache sie in diesem Semester mit den Grundlagen der magischen Welt vertraut, die für die meisten von ihnen bisher unbekannt war. Besonders mit den gesetzlichen Vorschriften müssen sie sich intensiv beschäftigen, um Grenzüberschreitungen zu vermeiden. In der Vereinigten Magischen Union müssen sie sich lediglich für die Überschreitung der Gesetze der magischen Gemeinschaft verantworten, diese werden an einem eigenen Gerichtshof verhandelt, der von Theodor Duss, dem Senator für rechtliche und soziale Angelegenheiten geleitet wird.“ Ein Leuchten und Flirren schien sie zu umgeben und ihre Stimme klang wie ein Lied, dessen Akkorde sanft und melancholisch durch den Raum schwangen. Es war mehr ein Singen als ein Sagen und prompt spürte ich, wie sich Bilder von Feen in weißen Kleidern in meinen Kopf drängten, die über zartgrüne Wiesen schwebten und lieblich mit ihren durchsichtigen Flügeln flatterten. Ich versuchte die Vision zu unterdrücken und konzentrierte mich auf den sachlichen Inhalt von Professor Hengstenbergs Vortrag. „Für Vergehen gegen die Gesetze der nichtmagischen Gesellschaft müssen sie sich vor den nichtmagischen Gerichten verantworten. Bis auf die Gerichtsbarkeiten, die auf unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen basieren, sind die magische Gesellschaft und die nichtmagische eng miteinander vernetzt, obwohl die nichtmagischen Bürger davon nichts wissen. Wir liefern Bodenschätze, Waren und Dienstleistungen und auch unsere Finanzmärkte stehen miteinander in Verbindung.“ Trotzdem ich mir äußerste Mühe gab, schwanden mir zunehmend die Sinne. Ich konnte immer lauter das glockenhelle Trällern der Feen hören, dass sich mit dem feinen Singen von Professor Hengstenbergs Vortrag mischte. Was war nur los? „Da ich in dieser Vorlesungsreihe nur die Grundlagen umreißen kann, empfehle ich ihnen, ihr Wissen um die wirtschaftlichen Abläufe in der magischen Union noch weiter zu …“ Ich kämpfte gegen das Abgleiten an und versuchte wachzubleiben, aber es war aussichtslos. Die Vision empfing mich süß wie immer und die Flut der Bilder schoss ungehindert in meinen Kopf. Hundert Feen flogen mit ihren zarten Flügeln in den purpurnen Himmel und drehten zwischen kleinen, durchsichtigen Wölkchen Runde um Runde. Sehnsucht schoss schmerzhaft in mein Herz. Es war eine süße Sehnsucht, die mich brennend verzehrte und mein Bewusstsein in kleinen Tropfen als Regen zur Erde hinabperlen ließ, die vom Blut Tausender Mädchen rot gefärbt war. Übelkeit stieg in mir hoch und ich hörte mein eigenes Würgen. Als ich mühsam die Augen öffnete, saß ich in der Eingangshalle auf dem Boden. Liana stand vor mir und neben mir kniete Adam, der mich entsetzt anstarrte. Ich konzentrierte mich auf die kleine Falte auf seiner Stirn und holte tief Luft.

„Selma, was ist los? Geht es dir gut?“, fragte er panisch. Oh gut, er redete wieder mit mir. Ich nickte benommen und sah zu Liana hinauf, die mich nüchtern anblickte. Jetzt war mir natürlich klar, was passiert war. Professor Hengstenberg sendete genau auf meiner Wellenlänge.

„Sag es ihm!“, forderte mich Liana auf. „Bevor er völlig durchdreht!“

Adams Gesicht rötete sich, die kühle Maske der letzten Wochen, die distanzierte Zurückhaltung, mit der er mich gequält hatte, waren verschwunden. Mit einem Mal schien sein gesammelter Ärger aus ihm herauszuplatzen.

„Was sollst du mir sagen, was ist gerade passiert? Ich bin zu Tode erschrocken. Hast du eine Ahnung, wie viele Sorgen ich mir ohnehin schon um dich mache. Du schwebst ständig in Gefahr von den Morlems geraubt zu werden und dann kippst du einfach um. Ich habe gedacht, du bist vergiftet worden.“ Adam war aufgesprungen und lief nervös auf und ab. Wow, ich starrte ihn fassungslos an. Er machte sich Sorgen um mich? Würde das ausreichen, um seine Meinung zu ändern? Wahrscheinlich nicht, gab ich mir selbst die deprimierende Antwort und versuchte mich aufzurappeln.

„Ich bin nicht vergiftet worden. Im Übrigen kann es dir doch egal sein, wenn mir etwas passiert, dann ist es wenigstens nicht deine Schuld“, sagte ich und sah ihm ernst in die Augen, während ich versuchte nicht weich zu werden. Verdammt, dieses Blau war so unglaublich. Es lockte mich und ich wollte einfach loslassen, doch Adams angespannte Stimme riss mich sofort wieder aus meinem Wunschtraum.

„Es ist mir aber nicht egal und das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Dass wir nicht zusammen sein können, heißt doch nicht, dass du mir nichts bedeutet. Also, was war das eben gerade?“ Er zeigte mit der Hand auf Tür Nummer 334. Ich beschloss nachzugeben.

„Musik hat auf mich eine, nun ja, sagen wir mal bewusstseinserweiternde Wirkung. Genaugenommen gleite ich bei bestimmter Musik ab wie in einen Tiefschlaf. Erinnerst du dich, als ich in deinen Garten gefallen bin?“

„Ja, sehr genau sogar.“ Die Falte auf seiner Stirn glättete sich und ich glaubte, den Ansatz eines Lächelns sehen zu können, als ich ihn an unser Treffen im Sommer erinnerte.

„Es war das Lied, das du auf der Gitarre gespielt hast. Es hat eine Flut von Bildern in meinen Kopf geschossen. Ich habe nicht einmal gemerkt, wie ich von der Mauer gestürzt bin.“

„Oh!“, meinte Adam und kam wieder auf mich zu. Eine leichte, flüssige Bewegung, der ich fasziniert folgte.

„Genau, Professor Hengstenbergs Stimme löst dasselbe aus“, fuhr ich fort.

„Das kann sein. Sie ist eine Fee, das sind die begabtesten Sänger, die es auf dieser Welt gibt. Hast du ihre Flügel nicht gesehen?“, fragte Adam und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie und ließ mich von ihm wieder auf die Füße ziehen, während ich mich dafür schalt, dass mich der feste Griff seiner Hand an unseren letzten Kuss erinnerte.

„Nein, ich habe darauf geachtet, meinen Platz zu finden. Außerdem wusste ich bis jetzt nicht, dass es singende Feen überhaupt gibt, geschweige denn, dass sie Magische Theorie lehren“, erwiderte ich unmutig.

„Wusstest du von ihrem Musikproblem?“, fragte Adam an Liana gewandt. Sie nickte.

„Ich habe das schon immer, Adam. Ich bin schon in der Schule von der Bank gekippt. Ich habe bestimmt noch irgendwo meine Packung mit den Ohrstöpseln. Ich dachte eigentlich, ich brauche sie in Tennenbode nicht, weil ich keinen Musikunterricht mehr habe, aber das war wohl ein Irrtum.“ Ich begann in meiner Tasche zu kramen.

„Selma, das ist nicht normal. Du solltest das unter Kontrolle bringen.“ Adams dunkler Blick wurde ernst.

„Das probiere ich doch jedes Mal, aber es klappt einfach nicht. Glaubst du, es macht mir Spaß vor fünfzig Leuten umzukippen oder mich bewusstlos von Gartenmauern zu stürzen.“ Er sah mich streng und gleichzeitig besorgt aus seinen nachtblauen Augen an. Nicht schon wieder dieser Blick. Meine Knie wurden weich.

„Ja, Ja, ist schon gut“, gab ich nach. „Ich werde heute Abend meine Großmutter fragen. Als Heilerin weiß sie bestimmt Bescheid.“

Es war Freitag und ich hatte meiner Großmutter ohnehin versprechen müssen, den heutigen Abend und den morgigen Tag bei ihr zu verbringen, bevor ich am Sonntag das Unterhaltungsprogramm für Helander Baltasars Werbetour mitgestalten durfte.

„Ich gehe wieder rein, versprich mir, dich darum zu kümmern!“, bat Adam. Ich nickte brav und Adam verschwand wieder im Vorlesungsaal. Hatte er schon immer so breite Schultern gehabt?

„Vergiss ihn!“, ermahnte mich Liana. Mein sehnsuchtsvoller Blick, der immer noch an der Tür hing, durch die Adam verschwunden war, war ihr nicht entgangen.

„Wenn das mal so einfach wäre!“, seufzte ich.

„Du bist meine beste Freundin. Ich wünsche mir nichts mehr für dich, als das du glücklich wirst. Aber ich habe wirklich Angst, dass du dich in Dinge verstrickst, die gefährlich sind und die dich das Leben kosten könnten.“ Liana sah mich traurig an. Was sollte ich ihr sagen? Dass es dafür schon viel zu spät war. Ich konnte nicht mehr zurück und so tun, als ob ich von allem nichts wusste, von meinen Eltern, die verschwunden waren oder womöglich ermordet wurden oder von Adam, dessen Anziehungskraft ich nichts entgegensetzen konnte, selbst wenn sie mich, wie er befürchtete, ins Verderben führte.

„Ich weiß, Liana“, flüsterte ich und nahm sie in den Arm. „Mir passiert schon nichts.“

Koenigsblut - Die Akasha-Chronik
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