Geburtstag

Ich schlug erschrocken die Augen auf und blickte in einen verregneten Morgen. Was für ein verrückter Traum. Ich setzte mich auf und versuchte, die beklemmende Erinnerung abzuschütteln. Es war nur ein Traum, ermahnte ich mich und starrte in den Garten. Selbst von meinem Bett aus, konnte ich sehen, wie das Wasser von den großen Blättern rann und es überall rauschte und gluckste, als ob vor meinem Fenster ein Bach entlangfließen würde. Seit dem großen Gewitter war eine düstere Regenperiode angebrochen. Mir war es recht, ich vermisste den Sommer nicht. Das Wetter entsprach genau meiner Stimmung. Ich stand auf und ging ins Bad.

Als das heiße Wasser über meine Schultern floss, begann ich mich zu entspannen. Ich hatte von dem alten Buch geträumt. Es war ein verwirrend realistischer Traum gewesen, einer von der Sorte, bei der man sich beim Aufwachen dreimal fragte, ob er nicht doch wahr gewesen sein könnte. Der braune, zerschlissene Ledereinband hatte feucht geglänzt, als wenn das Buch von Wasser durchtränkt gewesen wäre. Was absolut unmöglich war, da es in einem Feuerring gelegen hatte. Ich war langsam darauf zu gegangen und als ich schon fast die Finger nach ihm ausstrecken konnte, hatte es begonnen zu schreien. Der schrille, hohe Ton hatte mich geweckt und er klang mir immer noch in den Ohren. Ich versuchte, mich an das Wort zu erinnern, dass ich in dem Schrei gehört hatte. Dieses Mal hatte ich es genauer verstanden. Das Buch hatte „Akasha“ gerufen. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, aber ich wusste, dass der widerliche Geschmack von Erde erneut auf meiner Zunge lag. Ich drehte das Wasser ab und stieg aus der Dusche.

Zumindest war dieser Traum eine Abwechslung. Ich hatte Adam nichts vorzuwerfen. Er hatte mir keine Versprechen gegeben oder Hoffnungen gemacht. Seine Worte waren klar gewesen und ließen sich in einem einfachen „Nein“ zusammenfassen. Obwohl ich wusste, dass es falsch war, raubte mir die Sehnsucht nach ihm seit Wochen den Schlaf und wenn ich endlich Ruhe fand, schlich sich sein Gesicht in jeden meiner Träume.

Ich putzte meine Zähne und vertrieb den Geschmack nach Erde, während ich mich im Spiegel genau betrachtete. Ich sah aus wie immer, meine roten Haare flossen an meinem schmalen Gesicht entlang und meine Augen leuchteten grün wie die Zweige der Tannen, unter denen ich gern gesessen hatte, als ich ein Kind gewesen war. Es gab keine Veränderungen und das, obwohl der Tag, auf den ich so lange und so verzweifelt gewartet hatte, endlich da war.

Heute war der 20. August. Heute war mein 18. Geburtstag. Es war der magische Tag, denn heute würde alles anders werden. Es musste so sein, denn bisher hatte mich die Magie, die angeblich in mir stecken sollte, nur frustriert. Keine Gegenstände schwebten, wenn ich sie lange anvisierte, ich konnte nicht durch Wände gehen und wie man die Flügel, die angeblich in meinem Rücken stecken sollten, herausbekam, wusste ich auch nicht.

Ich kniff die Augen fest zusammen und versuchte es erneut. Heute war mein Geburtstag, irgendetwas musste sich verändert haben. Angestrengt dachte ich an die schwarzen Flügel von Adam und versuchte, sie mir auf meinem Rücken vorzustellen. Als ich die Augen wieder öffnete, hatte sich nichts getan. Sollte ich mich im Datum geirrt haben?

Ich zog mir in Windeseile eine Jeans und ein grünes, eng anliegendes T-Shirt an und lief in die Küche hinunter zum Kalender. Nein, das Datum stimmte. Irgendetwas machte ich falsch. Nachdenklich schaltete ich die Kaffeemaschine an. Ich musste nur noch ein wenig Geduld haben, bis meine Großmutter aufstand.

Ich nahm meine Tasse Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und sah in den Garten hinaus, wo ich die ersten reifen Pflaumen entdeckte. Wie jedes Jahr zu meinem Geburtstag würde es Pflaumenkuchen geben, aber bis auf die Pflaumen war eigentlich nichts so wie jedes Jahr. Ich wusste, dass ein neues Kapitel in meinem Leben begonnen hatte und eine Umkehr unmöglich war. In diesem Moment betrat meine Großmutter leise den Raum.

„Alles Gute zum Geburtstag, meine Kleine.“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und nahm mich in den Arm.

„Komm mit ins Atelier. Wir frühstücken dort, ich habe schon alles vorbereitet. Du hast einen anstrengenden Tag vor dir. Außerdem ist es an der Zeit, deine vielen Fragen endlich zu beantworten.“ Sie ging voraus und ich beeilte mich, ihr zu folgen.

Wir setzten uns in die großen Ohrensessel neben dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Der Tisch zwischen uns war liebevoll gedeckt. Eine dunkle Rose stand in einer schmalen Vase auf dem Tisch, es gab frische Brötchen, Obst und Rührei. Obwohl ich Hunger haben sollte, konnte ich mich nicht auf das Frühstück konzentrieren. Die Aufregung verdarb mir den Appetit, unruhig rutschte ich auf meinem Sessel hin und her. Wie lange würde es noch dauern, bis meine Großmutter, endlich zu sprechen begann? Doch sie dachte gar nicht daran, sondern langte kräftig zu und ließ sich das Frühstück schmecken.

„Greif zu, Selma! Wir müssen bald los!“, sagte sie.

„Wo müssen wir hin?“ Ich sah sie erstaunt an.

„Ich bringe dich zum Senatorenhaus. Dort findet deine feierliche Aufnahme in die Vereinte Magische Union statt.“ Meine Großmutter lächelte mir aufmunternd zu. „Ich weiß doch, dass du es schon rausgekriegt hast. Du bist ein Magier, genauso wie ich, Liana und die meisten Einwohner von Schönefelde. Ich bin so stolz auf dich, dass es endlich soweit ist. Ich kann mich noch gut an meine Aufnahme erinnern. Was für ein aufregender Tag.“ Großmutter lächelte versunken in Erinnerungen. „Während der Aufnahme wirst du den Eid schwören, dass du dich der magischen Gemeinschaft verpflichtest, aber das ist nur eine Formalität. Dann erhältst du deinen Ausweis und die Unterlagen für Tennenbode“, erklärte sie weiter. Ich stutzte. Für Adam war der Eid keine Formalität, im Gegenteil, er nahm diese Sache todernst.

„Was hat Tennenbode damit zu tun?“ Erstaunt sah ich sie an, als ich den seltsamen Zusammenhang nicht gleich begriff.

„Du wirst nicht Verwaltungstechnische Theorie studieren. Das ist nur der offizielle Vorwand für die nichtmagischen Bürger. Tennenbode ist die Universität für angewandte magische Wissenschaft.“ Lautstark blies ich die Luft aus meinen Lungen. In das Dunkel meiner inneren Ödnis kehrte lichte Hoffnung ein. Ich war so unendlich froh, dass nicht ein langweiliges Studium auf mich wartete, sondern eines, dass so viel Spannung versprach, dass es von mir aus schon heute hätte losgehen können.

„Iss! Wir werden lange unterwegs sein!“, ermahnte mich meine Großmutter lächelnd und ich griff schnell zu einem Brötchen.

Eine Stunde später standen wir in festlicher Kleidung vor dem Haus und ich sah meine Großmutter erwartungsvoll an. Ich trug ein cremefarbenes Chiffonkleid, das mir bis zu den Knien reichte und flache Ballerina in derselben Farbe. Auch meine Großmutter hatte eines ihrer guten Kleider aus dem Schrank genommen, ein dunkelgrünes Seidenkleid, das elegant an ihrer schmalen Gestalt herunterfloss. Würden wir mit einer fliegenden Kutsche abgeholt, würden wir einfach verschwinden oder welche besondere magische Fortbewegung wartete auf uns?

„Wir gehen zu Frau Trudig!“, sagte meine Großmutter schließlich und lief los. Verdattert sah ich ihr nach.

„Frau Trudig von Trudigs Reisebüro? Was sollen wir dort? Fahren wir mit dem Bus zum Senatorenhaus?“ Entsetzt stolperte ich los, doch meine Großmutter lachte nur laut.

„Nein, nicht mit dem Bus. Lass dich überraschen!“

Ich folgte ihr, bis wir den kleinen Marktplatz in Schönefelde erreichten. Zwei Häuser neben dem Geschäft von Frau Goldmann, die uns freudig zuwinkte und mir „Alles Gute zum Geburtstag“ zurief, war das Reisebüro von Frau Trudig. Obwohl ich sie kannte, weil ihr Sohn in meine Parallelklasse gegangen war, hatte ich ihr Geschäft noch nie betreten. Als wir uns in den kleinen Raum begaben, der mit Prospektständern so vollgestellt war, dass kaum die zwei Stühle und der Schreibtisch darin Platz fanden, beschloss ich, dass ich nichts verpasst hatte. An Katalogständern vorbei, die Reisen nach Frankreich, England oder der Türkei anpriesen, drängelten wir uns bis zu einem voll beladenen Schreibtisch, hinter dem Frau Trudig saß. Sie war eine unglaublich dicke Person, die in einem lila Zopfstrickpullover steckte, der sie noch voller erscheinen ließ. Als sie uns bemerkte, sah sie von ihrem Kreuzworträtsel auf und ließ schnell eine Packung Kekse in einer Schublade verschwinden.

„Georgette, meine Liebe, wie schön dich zu sehen“, flötete sie mit hoher Stimme und wischte sich mit einem Tuch die Krümel vom Mund. Bevor meine Großmutter antworten konnte, fiel ihr Blick auf mich.

„Selma, du hier? Na das kann ja nur eines bedeuten. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ach wie schön, du willst sicherlich zu deiner feierlichen Aufnahme?“ Ich nickte betreten, aber mehr musste ich nicht sagen, denn Frau Trudig hatte sich schon wieder meiner Großmutter zugewandt.

„Weißt du noch unsere Aufnahme? Ach, das muss doch erst gestern gewesen sein? Was habe ich gestammelt, als ich den Eid schwören musste. Aber die jungen Mädchen heute sind ja ganz anders, alle ganz cool, nicht wahr?“ Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und wartete auf meine Zustimmung.

„Ja, Dora“, sagte meine Großmutter in diesem Moment und ersparte mir die peinliche Antwort. „Das waren noch Zeiten, aber die Zeiten ändern sich eben und heute ist Selmas Tag, deswegen wollen wir uns schnell auf den Weg machen. Schließlich wollen wir noch ausgiebig Geburtstag feiern und dazu müssen wir rechtzeitig zurück sein.“ Meine Großmutter lächelte freundlich und Dora Trudig nickte verständnisvoll.

„Recht hast du. Man sollte seine Gäste nicht warten lassen. Na dann folgt mir!“ Mühsam erhob sich Frau Trudig aus ihrem Bürostuhl, der gefährlich ächzte, als sie mit einem energischen Schwung schließlich auf die Beine kam. Sie wandte sich einem bunt karierten Vorhang zu, der versteckt von einer riesigen Topfpflanze im hinteren Teil des Raumes hing. Das Senatorenhaus war im Hinterzimmer von Frau Trudigs Reisebüro? Kopfschüttelnd folgte ich meiner Großmutter, obwohl mir die Sache komisch vorkam, sehr komisch. Nacheinander traten wir durch den Vorhang und standen in einem langen Korridor, der völlig leer war. Nun ja, nicht völlig leer. An den Wänden reihte sich eine Tür an die andere. Jede, der beinahe zwanzig Türen sah anders aus. Manche waren schmucklos und schlicht, andere aus dunklem Holz mit üppigen Schnitzereien. Eines hatten sie jedoch gemein, sie waren alle mit einer Nummer versehen. Geschäftig eilte Frau Trudig zu einer weiß lackierten, schmucklosen Holztür.

„Zum Senatorenhaus nehmt ihr Tür Nummer 75, da kommt ihr direkt am Empfangsschalter raus. Viel Glück, Selma!“, sagte Frau Trudig und verschwand wieder hinter dem karierten Vorhang.

„Bist du bereit?“, fragte meine Großmutter. Ich nickte abwesend, obwohl ich mir nicht genau sicher war. Mir war immer noch nicht klar, wo uns das hinführen sollte außer in den Hinterhof? Sie nahm einen Ausweis aus ihrer Tasche und hielt ihn an die Tür. Es klickte im Schloss und sie legte die Hand auf die Türklinke. Dann öffnete sie die Tür, aus der helles Licht drang und schritt hindurch. Ich folgte ihr schnell und geblendet von dem mir entgegen strömendem Licht schloss ich die Augen. Während ich die Schwelle überschritt, hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch wie in einem Fahrstuhl. Als ich die Augen aufschlug, stand ich in einem modernen Büro und war definitiv weit entfernt von Frau Trudigs Reisebüro.

„Willkommen im Senatorenhaus in Berlin, haben sie einen Termin?“, fragte eine ältere Dame geschäftig hinter einem hohen Empfangstresen. Erschrocken starrte ich sie an. Diese Frau musste eine Hexe sein. Ihr Haar war lila gefärbt, sie war mager, fast schon knochig und hatte eine lange, krumme Nase mit einer Warze darauf.

„Mein Name ist Georgette von Nordenach und das ist meine Enkeltochter Selma Caspari. Wir haben beim Senator für Kinder- und Jugendangelegenheiten um 10 Uhr einen Termin zur Aufnahme in die Vereinte Magische Union“, erklärte meine Großmutter freundlich. Als die Hexe den Namen meiner Großmutter hörte, straffte sie sich, als ob sie plötzlich einen Stock im Rücken hätte.

„Georgette von Nordenach, welche Ehre, bitte nehmen sie Platz!“ Sie zeigte auf eine kleine Sitzgruppe gegenüber dem Tresen. „Ich bringe ihnen sofort die Unterlagen zum Ausfüllen und benachrichtige den Senator. Darf ich ihnen während ihrer Wartezeit einen Tee anbieten?“, fragte die Hexe demütig und verneigte sich, bis ihre Nase beinahe ihre Knie berührte.

„Ein Fangoldtee wäre schön, wenn es ihnen keine Umstände macht“, sagte meine Großmutter ruhig und zog mich zu der Sitzgruppe. Ich starrte immer noch der Hexe nach, die emsig davoneilte und bald darauf mit zwei Tassen Tee und einem Stapel Formularen zurückkam.

„Gustav Johnson hat in einer halben Stunde Zeit für sie, Frau von Nordenach, wenn ich bis dahin noch etwas für sie tun kann?“ Sie neigte wieder den Kopf und schien tatsächlich Freude daran zu haben, den Namen meiner Großmutter immer wieder auszusprechen, als ob er sie adeln würde.

„Nein, es ist alles bestens.“ Meine Großmutter lächelte freundlich und die Hexe zog sich hinter ihren Tresen zurück, wo sie die Augen schloss und einzuschlafen schien.

„Was ist Fangoldtee?“, fragte ich und roch misstrauisch an meiner Tasse, aus der es blumig duftete.

„Fangoldkraut macht gute Laune, mehr nicht“, beruhigte mich meine Großmutter. Ich beobachtete die Hexe, die immer noch reglos dasaß.

„Was macht sie da?“, flüsterte ich.

„Sie telefoniert.“ Meine Großmutter folgte meinem Blick. „Magier verfügen über einen starken Geist. Sie können Nachrichten an andere Magier versenden, ohne dass sie technische Hilfsmittel benutzen müssen.“

„Wirklich!“ Ich war begeistert. Das erklärte auch, warum meine Großmutter kein modernes Telefon brauchte. „Sag mal, bist du berühmt?“

Meine Großmutter griff zu den Formularen und zog einen Stift aus der Tasche.

„Nicht direkt berühmt. Unsere Familie ist sehr alt. Unsere Abstammungslinie lässt sich fast lückenlos über Jahrtausende zurückverfolgen. Der Name von Nordenach ist in der Vereinten Magischen Union sehr bekannt und außerdem habe ich mir unter den Magiern einen guten Ruf als Heilerin erworben. Ich lege sonst nicht so viel Wert auf meinen Namen, aber hier ist er ganz nützlich, sonst hätten wir den halben Tag warten müssen.“

„Oh!“ Ich lehnte mich zurück.

„Lass uns mit den Formularen anfangen! Name, Vorname, Adresse, Geburtstag und so weiter kannst du schon mal ausfüllen und ich nehme mir die Formulare über deine Abstammung vor.“ Damit drückte mir meine Großmutter einen Stapel Papier in die Hand und begann selbst zu schreiben.

Als die Hexe eine halbe Stunde später die ausgefüllten Formulare in Empfang nahm und uns in das Büro des Senators führte, waren wir soeben erst fertig geworden.

Gustav Johnson war ein nervöser Mann mit einem großen Schnauzbart, dessen Augen unruhig im Raum hin und her huschten, als wir das Zimmer betraten.

„Frau von Nordenach, welche Ehre, sie hier im Senatorenhaus begrüßen zu dürfen. Bitte nehmen Sie Platz!“ Er zeigte auf zwei lederbespannte Stühle vor dem Schreibtisch, hinter dem er saß.

„Vielen Dank, mein lieber Senator, wie laufen die Geschäfte?“, fragte meine Großmutter, während sie Platz nahm. Gustav Johnson indes sprang auf und begann im Raum auf und ab zu laufen.

„Gut, sehr gut, wir können nicht klagen. Die Morlems wurden nicht mehr gesichtet seit dem letzten Angriff im Sommer. Die neuen Sicherheitsbestimmungen scheinen endlich zu wirken. Wir sind stolz auf die Schwarze Garde, tun einen hervorragenden Dienst, unsere Jungs. Wir können ihnen nicht genug danken, aber sie sind bestimmt nicht hier, um mit mir über langweilige, politische Angelegenheiten zu plaudern, nicht wahr, meine Liebe?“ Gustav Johnson zog die Mundwinkel zu einem breiten Lächeln auseinander, das aussah, als hätte er eine Mundstarre und setzte sich wieder. Ich hatte die Ohren gespitzt, als er die Schwarze Garde erwähnte, doch leider sagte er nicht mehr über sie.

„Sie wissen doch, Herr Johnson, die Politik überlasse ich den Senatoren.“ Während meine Großmutter sprach, begann sich eine grüne Ranke von hinten an Gustav Johnson heranzutasten. Bevor ich etwas sagen konnte, wand sie sich um sein rechtes Ohr. Er zuckte, dann presste er die Lippen fest aufeinander und versuchte sie zu ignorieren. Erst als die Ranke sich zweimal um sein Ohr gelegt hatte, begann sein rechtes Auge nervös zu zucken, dann sein Schnurrbart und schließlich sprang er hektisch wieder auf und versuchte, sich von den windenden Zweigen seiner Topfpflanze zu befreien, die sich mittlerweile bis in sein Haar geschlängelt hatten. Ich musste das laute Lachen unterdrücken, dass in meiner Kehle kitzelte. Mitten in dem Tumult, den Herr Johnson veranstaltete, um sich aus den Fängen des grünen Gewächses zu befreien, bemerkte ich plötzlich etwas äußerst Ungewöhnliches. Direkt an der Wand lief ein kleines Wesen entlang. Ich hielt es erst für eine große Maus, doch dieses Tier lief auf zwei Beinen und hatte dasselbe Muster wie die Gold gestreifte Tapete, in der es wieder verschwand, sobald es stehengeblieben war. Ich wand mich von dem faszinierenden Anblick ab. Neben der angriffslustigen Topfpflanze, die der Senator in seinem Büro hatte, erschienen mir die kleine Maus hinter seinem Schreibtisch ziemlich harmlos.

„Eine Asketenliane, mein lieber Herr Johnson, braucht viel Liebe und Zuneigung, das sollten sie berücksichtigen, bevor sie sich so eine Pflanze in das Büro stellen“, schmunzelte meine Großmutter.

„Das war meine Frau und dieses Monster kann sie wieder mitnehmen.“ Herr Johnson kämpfte immer noch erfolglos mit den Ausläufern der Asketenliane, die sich mittlerweile um seine Füße schlängelten und begannen, ihm die Schuhe auszuziehen.

„Eine Viertelstunde am Tag streicheln und sie haben die genügsamste Pflanze, die sie sich vorstellen können. Sie wird sogar singen, passen sie auf!“ Meine Großmutter stand auf, ging zu der Asketenliane und kraulte sie mit geübtem Griff am Stängel. Es dauerte nicht lange und die Ausläufer zogen sich zurück, bis die Pflanze ganz still stand. Dann begann sie harmonisch zu summen, leise und betörend verbreitete sie eine friedliche Stimmung um sich. Das Summen ging sofort auf mich über und ich musste lächeln.

„Danke!“, sagte Gustav Johnson kurz angebunden und betrachtete immer noch misstrauisch das friedliche Gewächs.

„Keine Ursache, aber eigentlich bin ich nicht wegen der Pflege ihrer Topfpflanzen hier, sondern wegen meiner Enkeltochter Selma Caspari, die heute ihren achtzehnten Geburtstag feiert.“

„Selma Caspari.“ Gustav Johnson wiederholte meinen Namen ganz langsam. Ein unerklärliches Unbehagen breitete sich in mir aus, während er mich musterte wie eine unliebsame Bekanntschaft. Die eben noch entspannte Stimmung im Raum war mit einem Mal umgeschlagen. Auch meiner Großmutter war das nicht entgangen, sie ballte die Hände in ihrem Schoß zu Fäusten. Gustav Johnson nickte ernst, irgendetwas musste er mit meinem Namen verbinden, doch was sollte das schon sein? Meine Eltern und meine Geschwister waren vor vielen Jahren gestorben, vielleicht erinnerte er sich an den traurigen Vorfall. Doch wie Mitleid sah das Gefühl, dass ich in seinem Gesicht las, nicht aus. Es war ein sichtliches Unbehagen, als wenn er mich nicht zu mögen schien. Ich verwarf den Gedanken, schließlich waren wir uns noch nie im Leben begegnet.

„Bist du bereit, der Vereinten Magischen Union beizutreten?“, fragte er.

„Ja, ich denke schon“, erwiderte ich nervös und Gustav Johnson nickte. Er hatte ein professionelles Gesicht aufgesetzt und lächelte oberflächlich.

„Schön, schön, da wollen wir gar nicht lange zaudern, sondern Feuer mit Rauch machen. Das ist der Eid, den du vor der Aufnahme schwören musst!“ Gustav Johnson reichte mir ein kleines Kärtchen und während ich den Text überflog, sprang er auf und eilte aus dem Raum.

„Muss ich das wirklich schwören?“, fragte ich und hielt das Kärtchen hoch. „Das klingt, als ob ich mein Leben verpfänden muss.“ Bevor meine Großmutter antworten konnte, betrat der Senator wieder den Raum, in den Armen einen sichtlich schweren Karton.

„Fertig? Ich habe hier schon deinen Ausweis und dein Willkommenspaket.“ Schnaufend stellte er den Karton ab und sah misstrauisch zu der Asketenliane hinüber. Doch die Pflanze wiegte sich noch immer leise summend hin und her. Ich sah meine Großmutter an, die lächelnd nickte. Es gab keine Wahl, die Menschen, die ich liebte, waren Teil dieser Welt und ich konnte es nicht erwarten, ebenso dazuzugehören.

„Ja, ich bin bereit“, sagte ich mit fester Stimme.

„Sehr schön, dann erhebe dich! Selma Caspari, ich bitte dich jetzt, deinen Eid zum Beitritt in die Vereinte Magische Union zu leisten.“

Während ich aufstand, begann Gustav Johnson zu murmeln. Ich verstand nicht, was er sagte, die Worte waren mir fremd. Die Umgebung um mich herum veränderte sich plötzlich. Das Büro von Gustav Johnson verschwand in einem goldenen Wirbel, der sich um uns herum drehte. Erschrocken sah ich meine Großmutter an, die neben mir saß und mir aufmunternd zunickte. Sie schien plötzlich von innen heraus zu leuchten, wie eine überirdische, alterslose Lichtgestalt. Ich sah an mir herunter und bemerkte, dass ich ebenso leuchtete. Offenbar war dies Teil des Aufnahmerituales. Gustav Johnson forderte mich mit einer Handbewegung auf zu beginnen. Ich räusperte mich und las den Text auf der Karte vor, die ich noch immer in den Händen hielt: „Ich, Selma Caspari, Plebejer von Geburt, schwöre feierlich, mein Leben und meine Kräfte voller Stolz und Hingabe der Vereinigten Magischen Union zu widmen und mein Möglichstes zu ihrem Erhalt und ihrer Verbesserung beizutragen. Ich schwöre, mich an die Regeln, Vorschriften und Gesetze zu halten, die in der Vereinigten Magischen Union gelten.“ Das goldene Wirbeln verstärkte sich noch einmal und verebbte dann allmählich, bis das Büro von Gustav Johnson wieder stillstand.

„Wow!“, sagte ich begeistert.

„Ja, ganz schön beeindruckend, wenn man das das erste Mal erlebt, nicht wahr?“, pflichtete mir der Senator bei. „Ich mache das ja mehrmals im Monat, da ist es nicht mehr so spektakulär. Herzlichen Glückwunsch. Du bist jetzt ein magischer Bürger der Vereinten Magischen Union mit allen Rechten und Pflichten. Hier sind dein Ausweis und dein Willkommenspaket. Bitte mache dich ausführlich mit unseren Gesetzen und Verhaltensregeln vertraut! Ich wünsche dir noch einen schönen Geburtstag! Bis bald!“ Damit erhob sich Gustav Johnson schnell, schüttelte mir und auch meiner Großmutter eifrig die Hände und öffnete dann die Tür zu seinem Büro. Verdattert über die schnelle Abfertigung zögerte ich kurz, dann stand ich auf, steckte meinen neuen Ausweis ein und nahm den schweren Karton unter den Arm, während meine Großmutter schon voranging. Als ich an Gustav Johnson vorbeilief, sah er mir noch einmal ernst in die Augen.

„Ach, Selma, bitte tu mir einen Gefallen!“ Verwundert sah ich ihn an. Sein Schnauzer wippte, als er mit den Zähnen knirschte.

„Tritt nicht das Erbe deiner Mutter an!“ Bevor ich etwas antworten konnte, schloss Gustav Johnson die Tür und ließ mich sprachlos stehen. Verwirrt eilte ich in den Empfangsraum, wo meine Großmutter schon wartete.

„Alles klar?“, fragte sie bei meinem Anblick und runzelte die Stirn.

„Ja“, entgegnete ich kurz. Ich wollte nicht hier sprechen, wo die Gänge voller Magier waren, die geschäftig hin und her eilten und durch nummerierte Türen verschwanden. Wir traten durch Tür Nummer 75 hindurch und standen kurz darauf wieder in Frau Trudigs Reisebüro.

„Nanu, schon wieder da? Na, das ging ja blitzschnell! Herzlichen Glückwunsch, Selma! Willkommen in der magischen Gemeinschaft. Wenn du mal eine Reise machen möchtest, komm ruhig zu mir. Ich habe hier viele Reiseziele zur Auswahl! Die fliegenden Ginning Inseln oder die brennenden Hallern-Gletscher solltest du dir unbedingt mal ansehen! Und das Haus der Sybillen lege ich dir ganz besonders ans Herz!“ Frau Trudig packte mir noch einen Stapel Prospekte auf meinen Karton.

„Danke Dora, das ist sehr nett!“ Meine Großmutter zog mich zur Ladentür und ehe ich es mich versah, standen wir wieder vor dem Reisebüro.

„Das hat ja hervorragend geklappt! Wir sind sogar pünktlich zum Mittagessen wieder zurück.“ Meine Großmutter lächelte zufrieden.

„Bist du sicher, dass du nicht berühmt bist? Der Senator hat sich dir gegenüber sehr seltsam benommen.“

„Der Senator wollte uns nur schnell wieder loswerden. Er hat Angst, dass ich meine neugierige Nase in seine Angelegenheiten stecke. Sei lieber froh, dass alles so schnell ging. Die Mühlen der magischen Bürokratie malen sonst recht langsam. Manche warten den ganzen Tag auf ihr Aufnahmeritual.“

„Ich bin ja froh!“, ächzte ich unter meinem schweren Gepäck.

„Sag mal, der Senator hat mich beim Hinausgehen, um etwas Seltsames gebeten“, begann ich, als wir in die Steingasse bogen.

„Um was denn? Du sollst dir vermutlich niemals eine Asketenliane anschaffen?“ Meine Großmutter musterte mich schmunzelnd. „Obwohl das wirklich ganz reizende Pflanzen sind, wenn man sie pfleglich behandelt.“

„Nein, ich soll nicht das Erbe meiner Mutter antreten“, sagte ich und sah meiner Großmutter zu, wie sie langsam die Farbe wechselte.

„Dieser kleine, hinterlistige Schaffan!“, schimpfte sie. „Wie konnte er es wagen?“ Zornesröte stieg meiner sonst so sanftmütigen Großmutter in die Wangen.

„Was ist denn mit meiner Mutter, erklär es mir!“, bat ich und blieb stehen. Meine Großmutter sah mich durchdringend an.

„Das besprechen wir lieber drin“, murmelte sie schließlich und ging ins Haus. Ungeduldig folgte ich ihr in ihr Atelier. Meine Großmutter hatte mir von meiner Mutter erzählt, von ihrer Güte, ihrer Menschlichkeit und ihrem Gerechtigkeitssinn und die Worte des Senators passten nicht zu dem Bild, dass ich von ihr im Kopf hatte.

„Ich muss dir einiges über deine Mutter erzählen, was du noch nicht weißt, weil es zu eng mit der magischen Welt verknüpft war.“ Sie nahm in ihrem Ohrensessel Platz und atmete tief ein. „Catherina war ein Rebell, ein Querdenker. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, die magische Gesellschaft zu verändern. Um sie zu verstehen, musst du wissen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Eigentlich solltest du das alles selber lesen“, sagte meine Großmutter mit einem Blick auf mein Willkommenspaket, das ich achtlos abgestellt hatte. „Es ist eine starke Gesellschaft, mit eigenen Regeln und Gesetzen. Die Vereinte Magische Union unterscheidet ihre Bürger nach ihrer Ahnenlinie in Plebejer und Patrizier.“

„Unterschicht und Oberschicht?“

„Ja, genau und Verbindungen zwischen Patriziern und Plebejern sind nicht erlaubt. Deine Mutter war überhaupt nicht damit einverstanden, dass man ihr vorschreiben wollte, wen sie zu lieben hatte. Du erinnerst mich so oft an sie. Ihr habt beide diese Unruhe in euch und diese unbändige Kraft, euch gegen etwas aufzulehnen, das ihr als ungerecht empfindet. Sicher ist es das auch, aber manchmal muss man das eigene Lebensglück dem Wohl der magischen Gemeinschaft unterordnen. Dazu war deine Mutter nicht bereit, sie verliebte sich in deinen Vater, einen Plebejer, und heiratete ihn schließlich und weil ihr das noch nicht weit genug ging, nahm sie sogar den Namen deines Vaters an und legte den ehrenvollen Namen der von Nordenachs ab, der von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird. Mit ihrem Verhalten hat sie sich keine Freunde gemacht. Niemand wollte sich mit dem System anlegen. Der Zugang zu den lukrativen magischen Berufen war ihr verwehrt und sie wurde aus dem Stand der Patrizier enthoben. Das war eine schwere Zeit für uns. Deine Mutter hatte den Eid gebrochen und stand kurz vor der schwersten Strafe der Gemeinschaft.“

„Welcher Strafe?“, fragte ich mit schwacher Stimme.

„Magier, die gegen den Eid verstoßen, werden aus der Vereinten Magischen Union ausgeschlossen.“ Sie stockte und sah mich an, als ob sie überlegte, ob ich die Wahrheit ertrug. Ein Reflex aus alter Gewohnheit.

„Jetzt bin ich achtzehn. Erzähl mir alles!“, sagte ich streng. Sie wusste, dass es keine Entschuldigung mehr gab, mir etwas zu verschweigen.

„Der Ausschluss ist nicht die einzige Strafe. Magier, die den Eid gebrochen haben, kommen in den Haebram.“ Sie hatte die letzten Worte mit einem eisigen Ton in der Stimme geflüstert.

„Haebram?“ Ich wusste nicht, was dieses Wort bedeutete, doch die Reaktion meiner Großmutter ließ mich mit dem Schlimmsten rechnen.

„Der Haebram ist ein unterirdischer Raum. Die Körper der Magier, die gegen den Eid verstoßen haben, werden dort aufbewahrt.“

„Die Körper? Ist es ein Gefängnis?“ Ich verstand kein Wort.

„Es ist kein richtiges Gefängnis, es gibt keine Wächter und keine Schlösser. Das ist auch nicht nötig, denn die Körper werden ihres Geistes beraubt, nur noch die magische Kraft hält sie am Leben.“

„Wie kann man…?“ Ich stockte, seit heute musste ich alle noch so abwegigen Möglichkeiten als Realität akzeptieren. „Wo ist der Geist dieser Magier?“, fragte ich stattdessen.

„Der Haebram ist nicht nur ein reeller Raum. Er ist die Hölle.“ Meine Großmutter schwieg und mir gefror das Blut in den Adern. „Für ihre große Liebe riskierte deine Mutter alles. Bevor es jedoch so weit kam, hat sie dieses Unglück aus dem Leben gerissen.“ Sie versuchte, vage zu lächeln, doch das beruhigte mich nicht.

„Du gehörst zur Oberschicht, nicht wahr und ich gehöre wegen meiner Mutter zur Unterschicht?“ Ich wollte nicht noch mehr über den Haebram wissen. Das wenige, das ich gehört hatte reichte, um zu wissen, dass Adams Sorge zu Recht bestand. Der Eid war keine reine Formalität, ich hatte tatsächlich meine Seele verpfändet. „Was ist mit den Torrels?“, fragte ich möglichst beiläufig.

„Die Torrels sind eine der ältesten Familien unserer Gemeinschaft, ebenso wie die unsere. Sie sind Patrizier.“

Mit einem Mal offenbarte sich mir mit voller Wucht Adams Konflikt. Wir durften kein Paar sein, weil uns die Regeln der magischen Gesellschaft trennten und gegen die Regeln zu verstoßen, kam einem Todesurteil gleich. Es ging nicht nur um die Schwarze Garde, nein, unsere Standesunterschiede trennten uns. In meinem Herz wurde es kalt und meine Hände zitterten.

„Du hast dich in einen der Torrel-Jungs verliebt, nicht wahr?“, meinte meine Großmutter ernst, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Vielleicht ein bisschen in Adam“, murmelte ich.

„Er ist nicht der richtige Junge für dich.“ Ihr Blick wurde unnachgiebig. „Du weißt sicherlich, dass er bereits ein Mitglied der Schwarzen Garde ist. Das ist eine der höchsten Institutionen unserer Gesellschaft. Die Schwarze Garde ist direkt dem Senator für Landessicherheit unterstellt und ihren Mitgliedern ist es nicht gestattet, sich durch eine Beziehung von ihrer wesentlichen Aufgabe, dem Schutz unserer Gemeinschaft, ablenken zu lassen. Die Torrels sind außerdem eine der ältesten Patrizierfamilien. Eine Beziehung zwischen euch ist unmöglich. Halte dich von ihm fern!“ Meine Großmutter sah mich ernst an. Ich war so überrascht von ihrer heftigen Reaktion, dass ich einen Moment schwieg.

„Das weiß ich schon“, erwiderte ich schließlich trotzig. „Außerdem hat Adam kein Interesse, du brauchst dir also keine Sorgen machen“, sagte ich schnell, um das Thema zu beenden. Meine Großmutter nickte zufrieden.

„Du wirst viele nette Jungen kennen lernen, wenn du dein Studium beginnst“, sagte sie in versöhnlichem Ton. Ich nickte wieder und wich ihrem Blick aus. Ich glaubte nicht daran, dass ein anderer Junge dieselben Gefühle in mir auslösen konnte wie Adam. Ich wusste nicht warum, aber ich war mir sicher, dass wir zusammengehörten. Trotzdem ich anderer Meinung war, lächelte ich ihr freundlich zu. Was wusste sie schon von meiner Liebe zu Adam? Sie schien beruhigt und ging zu einem Schrank, aus dem sie einen Umschlag hervorzog.

„Deine Mutter hat mir einen Brief für dich hinterlassen und mich gebeten, ihn dir zu deinem achtzehnten Geburtstag zu geben. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, ihn unter keinen Umständen zu öffnen.“

„Gib ihn mir, bitte!“, fragte ich ungeduldig und war sofort an ihrer Seite. Schnell öffnete ich den Umschlag und zog einen eng beschriebenen Brief heraus.

Meine liebste Selma,

wie gern wäre ich heute bei dir und würde diesen besonderen Tag mit dir gemeinsam verbringen. Heute ist dein achtzehnter Geburtstag und du hast erfahren, was du bist. Du weißt nun, dass in dir Kräfte sind, die über das, was du bisher für normal gehalten hast, weit hinausgehen. Es ist nun an dir, deine Kräfte zu erforschen und zu entwickeln und Tennenbode ist der richtige Platz dafür. Eigentlich wäre es meine Aufgabe gewesen, jetzt bei dir zu sein, aber ich kann es leider nicht. Mein Herz ist bei dir und meine Liebe. Wenn du diesen Brief von deiner Großmutter erhalten hast, bedeutet es aber auch, dass sie es geschafft hat, dir eine friedliche und unbeschwerte Kindheit und Jugend zu schaffen, was mein letzter Wunsch an sie gewesen ist. Die vergangenen Jahre waren sicher schwer für dich, da du auf viele Fragen keine Antwort bekommen hast. Falls du mehr wissen möchtest, als du bis jetzt erfahren hast, dann öffne den zweiten Umschlag, wenn du allein bist. Wenn dir reicht, was du weißt, dann wirf den Umschlag ins Feuer. Es tut mir unendlich leid, dass ich dich verlassen muss, aber es gibt keinen anderen Weg, um dich zu schützen. Meine Liebe wird dich dein ganzes Leben begleiten. Mein Geschenk für dich findest du in diesem Briefumschlag. Trage es immer, bei Tag und bei Nacht!

Ich vermisse dich unendlich.

Deine dich liebende Mutter

Catherina

Ich hielt den Brief in meinem Schoß und Tränen liefen mir über die Wangen. Noch nie hatte ich mich meiner Mutter so nah gefühlt wie in diesem Moment. Nicht während der vielen Abende, an denen meine Großmutter mir von ihr erzählt hatte, noch in den vielen Tausend Momenten, in denen ich mir vorgestellt hatte, wie mein Leben mit ihr gewesen wäre. Ein ganz normales Leben mit Eltern und Geschwistern. Ich spürte die warmen Hände meiner Großmutter tröstend auf meinen Schultern.

„Sie hat dich über alles geliebt.“

„Ich weiß“, antwortete ich schniefend, während ich versuchte, meine Fassung wieder zu erlangen. Ich griff in den Briefumschlag und zog ein kleines Kettchen heraus, an dem ein goldener, sternförmiger Anhänger baumelte.

„Wie hübsch!“, flüsterte ich und legte sie an.

„Ich hatte gedacht, er wäre verschwunden.“ Meine Großmutter starrte wie gebannt den Anhänger an.

„Du kennst ihn?“, fragte ich erstaunt.

„Dein Großvater hat ihn mir geschenkt, bevor er gegangen ist und ich habe ihn deiner Mutter zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt. Es ist ein Familienerbstück und es ist gut, dass er wieder da ist.“

Während meine Großmutter aufstand, um neues Feuerholz zu holen, begann es in meinem Kopf zu rumoren. Was war in dem zweiten Umschlag? Wusste ich alles? Natürlich nicht, man wusste nie genug. Ich hatte die Wahl und ich ahnte schon, dass das, was ich in dem zweiten Umschlag finden würde, mich niemals wieder in Ruhe lassen würde. Sollte ich oder sollte ich nicht? Die Flammen im kleinen Kamin züngelten knisternd an den Holzscheiten hoch. Der Brief würde im Nu verbrannt sein. Erschrocken von meinen eigenen Gedanken lehnte ich mich zurück. Niemals!

Ich war einen Moment allein und riss den kleinen Umschlag auf. Ein einfaches Blatt Papier steckte darin und darauf stand nur ein einziges Wort: Parelsus. Ob das ein Name war? Wenn ja, dann war er sehr ungewöhnlich. Ich kannte niemanden, der so hieß. Ich drehte das Blatt um in der Hoffnung, einen weiteren Hinweis zu finden. Da war tatsächlich noch etwas. Meine Mutter hatte drei gepresste Blüten aufgeklebt, die durchsichtig blau schimmerten. Zeugen eines längst vergangenen Sommers in einem längst vergangenem Leben. In diesem Moment betrat meine Großmutter den Raum mit einem Arm voller Holzscheite. Erschrocken von ihrem plötzlichen Erscheinen machte ich eine ruckartige Bewegung und der kleine Zettel rutschte mir aus den Fingern. Er segelte zu Boden wie eine Feder und blieb auf dem Parkett liegen. Meine Großmutter starrte die Buchstaben an und die Holzscheite fielen polternd zu Boden.

„Halt dich fern von ihm“, sagte sie kalt. „Er hat deine Mutter angestachelt, diesen unseligen Kampf gegen die gesellschaftlichen Regeln zu führen. Einen aussichtslosen Kampf, der uns nur Ärger eingebracht hat.“ Erschrocken hob ich den Zettel auf und ließ ihn mitsamt dem Brief in meiner Hosentasche verschwinden.

„Erzähl mir etwas über Tennenbode!“, bat ich schnell. Es hatte keine Sinn mit meiner Großmutter zu diskutieren. Meine Mutter hatte genau gewusst, dass Georgette von Nordenach nicht gut auf Parelsus zu sprechen war. Zumindest wusste ich jetzt, dass es der Name eines Mannes war, den meine Mutter gekannt hatte. Ich würde meine Suche nach ihm anderenorts fortsetzen. Denn dass ich ihn sprechen wollte, stand außer Frage. Nichts würde mich davon abhalten, mich auf die Spuren meiner Vergangenheit zu machen, auch nicht meine wütende Großmutter. Im Gegenteil, ihre seltsame Reaktion hatte die ganze Sache noch interessanter gemacht. Sie schien froh, dass ich über Tennenbode sprechen wollte und nicht über Parelsus.

Sie nahm wieder Platz und begann zu erzählen: „Wir Magier haben einen starken Geist, er ist so stark, dass er über die Beherrschung unseres Körpers hinausgeht. Mit unserem Geist können wir auch unsere Umgebung beeinflussen. In den ersten vier Jahren auf Tennenbode wirst du die magische Welt kennen lernen, ihre Regeln und ihre Geschichte. Du wirst ihre Flora, ihre Fauna und die Grundelemente studieren.“ Während dieser Worte war meine Großmutter zum Kamin getreten. Aus ihrer Rocktasche nahm sie ein paar Kräuter und warf sie in die Flammen, die sich sofort grün verfärbten. Auf eine ihrer Handbewegungen hin strömte ein Luftzug durch den Raum und erfasste die grüne Flamme, die sich in die Mitte des Raumes bewegte und die Form eines Drachens annahm. Während ich noch fasziniert nach oben starrte, ließ meine Großmutter den Drachen eine riesige Flamme speien, die die Spitzen meiner Haare versengte. Ihre Stimme klang mächtig und stark, als sie sprach. „Du wirst das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde beherrschen und wenn du dich als würdig erweist, werden dich die Magier in die Weisheit des fünften Elementes einweihen, aber diese Ehre wird nur wenigen zuteil, nur die Begabtesten werden unterwiesen.“ Mit einer Handbewegung ließ meine Großmutter den Drachen verschwinden und das Feuer kehrte brav in den Kamin zurück. Außer dem leichten Züngeln von vereinzelten grünen Flämmchen und dem Geruch von verbranntem Haar deutete nichts mehr auf das soeben Geschehene hin. Ich war zutiefst beeindruckt von den Fähigkeiten meiner Großmutter, aber was mich noch mehr bewegte, war der Brief in meiner Hosentasche, der heiß unter dem Stoff zu brennen schien.

„Du solltest dir Zeit nehmen und deine Unterlagen studieren“, schlug meine Großmutter vor, nachdem sie die Hände, die so viel Macht hatten, im Schoss gefaltet hatte. „Dort wirst du genau erfahren, was dich erwartet.“

Ich nickte und stand bereitwillig auf. Etwas Zeit für mich allein, war jetzt genau das, was ich brauchte, um die vielen verwirrenden Eindrücke dieses Tages zu sortieren. Ich nahm den Karton und verschwand mit meinem Willkommenspaket in meinem Zimmer. Doch anstatt es auszupacken, stellte ich es achtlos in einer Ecke ab. Dann ließ ich mich auf mein Bett nieder und begann den Brief meiner Mutter wieder und wieder zu lesen, bis ich jedes Wort auswendig konnte.

Es war schon Nachmittag, als ich ein elektronisches Piepsen aus meiner Umhängetasche hörte. Kauend schlenderte ich in den Flur und kramte mein Handy hervor. Es war ein Geburtstagsgruß von Paul, den ich lächelnd las.

„Paul bleibt noch länger im Sommercamp“, rief ich Liana zu, die in meinem Zimmer saß und den Brief meiner Mutter las. „Er macht noch einen Workshop für junge Unternehmer.“ Mit einem neuen Schokoladenkeks in der Hand ließ ich mich wieder auf mein Bett fallen, während ich noch ein paar weitere Geburtstagsgrüße überflog, die angekommen waren.

„Das brauchst du bald nicht mehr“, sagte Liana und ließ den Brief sinken. Ich sah verwirrt von meinem Handy auf. Es war wie ein Teil von mir und ich hatte es eigentlich ständig in meiner Nähe.

„Wieso?“, fragte ich, doch in diesem Moment erinnerte ich mich an die Hexe im Senatorenhaus. „Stimmt, wie soll das eigentlich funktionieren?“ Erwartungsvoll sah ich Liana an.

„Ich weiß es auch nur theoretisch“, gab sie zu. „Ehrlich gesagt, ist es mir noch nicht gelungen. Es ist wohl eine Frage der Konzentration und natürlich der Übung, aber es ist verdammt schwer.“

„Die ganze Magie scheint verdammt schwer zu sein“, erwiderte ich und erinnerte mich an meine fruchtlosen Versuche, irgendetwas mit meinen Kräften zu bewirken.

„Ich weiß“, seufzte Liana. „Also, es funktionierte so: Du stellst dir den Empfänger deiner Nachricht vor deinem inneren Auge vor und formulierst deine Botschaft an ihn. Das war es eigentlich schon.“

Ich nickte und schloss die Augen. Das klang nicht schwer. Ich stellte mir Liana vor und versuchte ihr das Wort „Schokoladenkeks“ zu senden.

„Tut mir leid, ich hab nichts gehört“, erwiderte sie bedauernd, als ich die Augen nach einigen Minuten angestrengter Konzentration wieder öffnete. „Lass mich mal probieren!“ Sie schloss fest die Augen und biss angestrengt die Zähne zusammen. Sie sah ein bisschen aus wie ein Luftballon kurz vor dem Platzen. Doch dann ganz schwach hörte ich ein Wort in meinen Kopf. Es war Lianas Stimme, die ich vernahm, obwohl sie den Mund nicht geöffnet hatte.

„Wow!“, entfuhr es mir. Ich spürte Magie.

„Hat es geklappt?“ Lianas Locken hüpften vor Aufregung.

„Ja, der Käsekuchen ist bei mir angekommen“, bestätigte ich.

„Endlich, ich brauche mein Handy nicht mehr! Pass auf, man kann sogar Bilder schicken und Erinnerungen!“ Liana kniff wieder angestrengt die Augen zusammen und in meinen Kopf schossen sonnige Bilder aus unserem Eichenhain, in dem wir als Kinder ganze Tage verbracht hatten.

„Ich sehe es“, lächelte ich. „Und wie weit reicht deine Sendeentfernung?“

„Das ist ein Problem.“ Ihr Gesicht wurde ernst. „Im Moment wahrscheinlich nicht weiter als zwei Meter. Bis ich so weit komme wie meine Eltern, wird es wahrscheinlich Jahre dauern.“

„Bis das bei mir zuverlässig klappt, muss mein Handy noch seinen Dienst tun“, erwiderte ich.

„Das wird schon, nur Geduld! Jetzt lass mich den Brief deiner Mutter in Ruhe lesen. Hast du deine Unterlagen schon durchgesehen?“ Liana zeigte auf mein Begrüßungspaket, dass noch immer in der Ecke stand.

„Noch nicht!“, erwiderte ich und ging zu dem Karton. Die Abiturprüfungen hatten meine Begeisterung für Fachbücher komplett zerstört und vor der Menge an Gesetzen und Verhaltensrichtlinien, die ich alle noch lesen sollte, hatte ich mich bis jetzt erfolgreich gedrückt. Unmotiviert öffnete ich den Karton. Zuerst nahm ich mir das Begrüßungspaket der Vereinten Magischen Union vor. Es enthielt ein Begrüßungsschreiben des amtierenden Primus Willibald Werner, der sich, obwohl er mich nicht persönlich kannte, sehr über mein Hinzukommen zur magischen Gemeinschaft freute, mir viel Spaß wünschte und mich ermahnte, die magische Ausbildung an der Universität Tennenbode ernst zu nehmen. Außerdem enthielt das Paket einen dicken Wälzer mit dem Titel „Handbuch zum Umgang mit nichtmagischen Bürgern“ und einen weiteren Wälzer mit dem Titel „Regeln und Umgangsformen für den modernen Magier“. Ich blätterte die Bücher mit den vielen Paragraphen kurz durch.

„Hast du die alle gelesen?“, fragte ich Liana stirnrunzelnd.

„Nicht alles, aber so grob habe ich mal durchgeschaut. Solltest du übrigens auch machen, du hast schließlich einen Eid abgelegt, dich an diese Regeln zu halten.“ Ich legte die Wälzer beiseite mit dem guten Vorsatz, heute Abend noch einmal hineinzuschauen und zog dann die Unterlagen von Tennenbode hervor.

„Es geht schon am 1. September los?“, stellte ich erstaunt fest.

„Ja, der Orientierungskurs für die Erstsemester startet früher.“ Liana sah von dem Brief auf.

„Das heißt in nicht einmal zwei Wochen sind unsere Sommerferien zu Ende?“

„Sei doch froh, du hast dich eh gelangweilt.“

„Stimmt auch wieder.“ Ich zog einen Zettel heraus, auf dem der Hinweis stand, dass ich außer wetterfester Kleidung nichts mitzubringen brauchte. Gut, dass machte die Vorbereitung ziemlich unkompliziert. Ich studierte gerade ein Prospekt der „Umfangreichsten Sammlung magischen Wissens“, als meine Großmutter mit einem Paket in mein Zimmer kam. Schnell setzte sich Liana auf den Brief meiner Mutter.

„Ich habe dein Geburtstagsgeschenk ganz vergessen“, lächelte sie mich an und reichte mir das Paket. Ungeduldig öffnete ich es und zog eine schwarze, lederne Jacke hervor, die einen ungewöhnlichen Schnitt hatte. Ich drehte sie hin und her und überlegte, ob ich einen wichtigen Trend verpasst hatte und man den oberen Rückenbereich jetzt nackt trug, als ich mich an Adam und seine schwarzen Flügel erinnerte. Mir dämmerte, dass dies eine flügeltaugliche Jacke in genau meiner Größe war.

„Danke, das ist ja unglaublich. Ich darf fliegen“, jubelte ich, während ich mir die Jacke anzog. Sie passte perfekt. Das Leder fühlte sich weich an und schmiegte sich an mich wie eine zweite Haut.

„Was ist das für ein Material?“, fragte ich neugierig, während ich die Oberfläche befühlte.

„Das ist Wingtäubel-Leder“, sagte meine Großmutter.

„Wing Was?“, fragte ich verdutzt.

„Wingtäubel-Leder. Wingtäubel sind ziemlich dumme, schafgroße Landvögel, die nicht fliegen, aber hervorragend schwimmen können. Sie leben in großen Herden als Futter für die Drachen. Das Leder ist unglaublich. Es ist absolut wasserundurchlässig und windfest, temperaturausgleichend und…“

„Drachen?“, unterbrach ich mit hoher Stimme. Bei dem Gedanken an riesige, feuerspeiende Urzeitungeheuer überkam mich Angst.

„Ja“, sagte meine Großmutter ruhig. „Es sind sehr nette und intelligente Geschöpfe. Gut, ein wenig ungehobelt und ungestüm sind sie schon, aber du wirst sie ja schon bald kennenlernen.“

„Wie bitte? Nett? Wie kann ein riesiges, feuerspeiendes Ungetüm nett sein?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Es sind wunderbare Wesen mit einer unglaublichen Eleganz. Deine Mutter war vernarrt in Drachen“, schwärmte meine Großmutter.

„Na schön.“ Ich beschloss, mich heute über nichts mehr zu wundern. „Wie funktioniert das mit dem Fliegen?“, fragte ich ungeduldig, doch meine Großmutter lachte.

„Das ist etwas komplizierter.“

Ich seufzte. Gab es irgendetwas, das nicht kompliziert war? Langsam aber sicher reifte in mir die Erkenntnis, dass die Magie harte Arbeit bedeutete.

„Du wirst in Tennenbode deinen Flugschein machen, aber erst im zweiten Jahr, vorher wird es dir nicht gelingen, deine Flügel hervorzubringen, das ist ein gewaltiger Kraftakt. Aber die Jacke wirst du schon vorher gut brauchen können. Da oben kann es ganz schön kalt werden.“

„Danke.“ Ich gab meiner Großmutter einen Kuss und zog die Jacke wieder aus.

„Keine Ursache. Ihr könnt jetzt mit in den Garten kommen, ich glaube deine ersten Gäste sind da.“ Sie verließ mein Zimmer und ich hielt Liana zurück, die schon aufgesprungen war, um meiner Großmutter zu folgen.

„Und was sagst du zu dem Brief? Irgendetwas stimmt da nicht, oder?“, flüsterte ich, als meine Großmutter gegangen war. „Immer haben alle von einem Unfall erzählt, aber dieser Brief ist ein Beweis dafür, dass es nicht so war.“

„Ja, du hast Recht, es klingt, als ob sie wusste, dass sie nicht zurückkommt.“

„Genau, das ist eindeutig ein Abschiedsbrief. Sie schreibt sogar, sie würde mich verlassen, um mich zu beschützen. Aber wovor wollte sie mich beschützen? Ich wette Parelsus weiß Bescheid.“

„Und wo steckt dieser Parelsus?“ Liana sah mich erwartungsvoll an.

„Keine Ahnung, meine Großmutter ist schon an die Decke gegangen, als sie den Namen nur gelesen hat. Frag deine Eltern, vielleicht wissen die mehr!“

„Geht klar, aber jetzt habe ich erst einmal Hunger auf den Kuchen deiner Großmutter, da freu ich mich schon den ganzen Tag drauf.“ Liana drückte mir den Brief in die Hand und wandte sich der Tür zu. „Kommst du?“

„Geh schon mal vor, ich komme gleich nach!“ Ich verstaute den Brief sicher unter meinem Kopfkissen. Warum sollte mir meine Mutter diesen Brief hinterlassen, wenn sie nicht wollte, dass ich herausfand, was passiert war. Es war quasi eine Aufgabe, die sie mir gegeben hatte. Ich lächelte, als dieser Gedanke mich ganz ergriff. Natürlich, sonst hatte sie einfach schreiben können: Alles Gute zum Geburtstag und außerdem noch ein schönes Leben. Aber genau das hatte sie eben nicht getan. Sie wollte, dass ich mir Gedanken über ihre Worte machte. War das das Erbe, von dem Gustav Johnson gesprochen hatte?

Ich folgte Liana nachdenklich in den Garten. Ihre Eltern saßen bereits unter den Apfelbäumen an unserem großen Tisch. Unter den prüfenden Augen meiner Großmutter würde Liana keine Gelegenheit haben, nach Parelsus zu fragen.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“ Lianas Mutter umarmte mich und auch ihr Vater drückte mich fest an sich.

„Danke“, erwiderte ich. „Schön, dass ihr gekommen seid.“ Ich freute mich wirklich, dass sie da waren, einer Mutter und einem Vater kamen sie für mich schon ziemlich nahe. Lächelnd ließ ich mich auf meinen Stuhl sinken und verbannte die Fragen in den Hintergrund.

Wir aßen Pflaumenkuchen mit Schlagsahne und ich genoss den glücklichen Moment. Die Sonne hatte sich wieder hinter der dichten Wolkendecke hervorgewagt und tauchte den Garten in ein warmes Licht. Über der Wiese schwirrten Insekten, die im Sonnenschein golden funkelten.

Nach dem Essen saß ich mit Liana im Gras und wir versuchten, uns mit mäßigem Erfolg gegenseitig wortlose Botschaften zu schicken, während sich meine Großmutter mit Lianas Eltern unterhielt. Doch ich konnte mich einfach nicht mehr richtig konzentrieren. Der Tag war zu voll gewesen mit neuen Eindrücken. Tief in mir spürte ich das heiße Brennen meiner unerfüllten Sehnsucht, dass ich nicht länger ausblenden konnte. Die Ruhe brachte die Gedanken an Adam wieder zutage, so wie der Nachtwind die Erinnerung an meine Familie. Diese unglaublichen Augen, in denen ich versinken wollte, schienen mich anzusehen, sobald ich die Lider schloss. Ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzutreffen. Jetzt, wo ich genau verstand, was ihn quälte. „Wieso schickst du mir ein Bild von Adam?“, beschwerte sich Liana.

„Entschuldigung“, erwiderte ich.

„Hast du ihn dir noch immer nicht aus dem Kopf geschlagen. Das mit der Schwarzen Garde weißt du doch jetzt, oder?“, flüsterte mir Liana mit ernstem Blick zu.

„Ja, das weiß ich und dass nur Partner aus der eigenen Gesellschaftsschicht erlaubt sind, weiß ich auch schon.“, gab ich ebenso ernst zurück. „Was bist du eigentlich?“

„Plebejer, so wie die meisten, aber über ernste Beziehungen mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Vielleicht lerne ich während des Studiums jemanden kennen. Bis dahin vergeht sicher noch viel Zeit und das mit dem Heiraten kommt auch erst in ein paar Jahren“, sagte Liana, während sie ein paar Gänseblümchen pflückte und begann, ihnen die Blütenblätter auszurupfen.

„Das ändert doch nichts an der Tatsache, dass du vielleicht jemanden heiraten musst, den du gar nicht liebst, weil der Mann, den du liebst aus der falschen Schicht kommt“, bohrte ich weiter.

„Selma, ich lebe in der Gegenwart und was in ein paar Jahren ist, darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Vielleicht ist es dann soweit, dass ich heiraten möchte und eine Familie gründen will. Doch im Moment will ich es nicht. Ich will Erfahrungen sammeln und Neues ausprobieren, denn genau jetzt ist die Zeit dafür. Ich brauche noch nichts für die Ewigkeit.“

„Ich glaube, du warst noch nicht richtig verliebt“, erwiderte ich.

„Mag sein.“ Liana zuckte die Schultern. „Ich habe aber ganz ehrlich keine Lust auf Herzschmerz. Du dafür schon, das merke ich doch. Das mit Adam, das gibt nur Ärger.“ Liana schüttelte energisch die zerpflückten Gänseblümchen von ihrem Schoß und stand auf.

„Wahrscheinlich“, sagte ich traurig. „Adam hat ohnehin kein Interesse an mir.“ Denn wenn es so wäre, hätte er sich längst bei mir gemeldet.

„Du dafür umso mehr. Du bist echt verrückt, vergiss ihn endlich! In Tennenbode wirst du andere Jungs kennenlernen.“ Ich nickte brav, um das Thema zu beenden. Liana verstand mich einfach nicht. Ich wollte keinen anderen Jungen. Ich wollte Adam und ich konnte ihn mir auch nicht so einfach aus dem Kopf schlagen. Ich hatte es ja wirklich ernsthaft versucht, aber anstatt schwächer, wurden die Gefühle für ihn immer stärker. Immer noch löste allein der Klang seines Namens dieses berauschende Kribbeln in meinem Bauch aus. Dafür gab es keinen Schalter. Ich war unsterblich verliebt und dieses Gefühl in mir war so warm und so stark, dass ich es nicht unterdrücken konnte. Ich wusste ja selbst, dass es keine Entschuldigung für mein albernes Verhalten gab. Seufzend stand ich ebenfalls auf und gesellte mich wieder zu den anderen an die Geburtstagstafel.

Am Abend zog kühle Luft auf und wir zündeten ein kleines Feuer an. Meine Großmutter hatte ein fantastisches Abendessen gezaubert. Satt und zufrieden saßen wir rund um die Flammen und meine Großmutter erzählte Geschichten von ihrer Zeit auf Tennenbode. Doch es dauerte nicht lange und die Kälte kroch allen in die Glieder, der nahende Herbst kündigte sich mit kühleren Nächten an.

Liana brach mit ihren Eltern auf und kurz darauf verabschiedete sich auch meine Großmutter ins Bett. Ich blieb noch einen Moment vor dem Feuer sitzen, um den Tag Revue passieren zu lassen.

Es war kurz vor Mitternacht und ich genoss die Ruhe, die mich umgab. Außer dem Zirpen der Grillen, dem leichten Rauschen des Windes in den Apfelbäumen und dem Knistern des Feuers konnte ich nichts mehr hören. Ich ließ mich rücklings auf eine der Decken sinken und starrte in den Nachthimmel, der leicht verhangen war und nur ahnen ließ, dass er Tausende Sterne verbarg. Ich sog tief die nächtlichen Gerüche des Gartens ein und versuchte, die vielen Eindrücke des Tages zu sortieren.

„Schläfst du schon?“, hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Bevor ich vor Schreck losschreien konnte, hielt mir jemand den Mund zu.

„Ich bin es.“ Ich erkannte Adams tiefe Stimme ganz nah an meinem rechten Ohr und mein Herz machte vor Aufregung einen Sprung. Als er sicher war, dass ich ihn erkannt hatte, nahm er seine Hand wieder von meinen Lippen.

„Tu das nie wieder, ich hab mich zu Tode erschreckt“, schimpfte ich lächelnd und hielt ihm zum Beweis meine zitternden Finger hin. Zu meiner Überraschung ergriff er sie und zog sie an seine Lippen, während er sich so nah neben mich sinken ließ, sodass sich unsere Arme berührten. Er trug eine schwarze Lederhose und eine passende Jacke. Das musste Wingtäubelleder sein, dachte ich, denn es fühlte sich genauso weich an wie die Jacke, die ich heute bekommen hatte. Seine Berührung hinterließ ein Kribbeln auf meinem Arm, warm und unendlich schön.

„Alles Gute zum Geburtstag, Selma.“ Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, als er meinen Namen aussprach. Ich starrte seine Lippen an und versuchte noch zu begreifen, ob das hier wirklich passierte oder ob mir der Nachtwind wieder einen Traum zugeflüstert hatte. Doch seine Anwesenheit erfüllte mich augenblicklich mit der Wärme, die ich in den letzten Wochen so schmerzlich vermisst hatte.

„Danke, nett von dir, dass du vorbeikommst“, hauchte ich und suchte fieberhaft nach passenden Worten. Wochenlang hatte ich mich nach ihm gesehnt und jetzt, wo er da war, fiel mir nichts ein, was ich sagen konnte.

„Wie war dein Geburtstag?“, fragte Adam. War das vielleicht sein Geburtstagsgeschenk für mich? Nein, lieber nicht hoffen! Aber warum war er sonst hier?

„Aufregend“, erwiderte ich. „Ich habe mein Leben der Vereinten Magischen Union verpfändet und mich mit den gesellschaftlichen Benimm-Regeln der magischen Gemeinschaft vertraut gemacht. Muss ich eigentlich einen Knicks machen, wenn ich mich dir nähere? Falls ich das ausgelassen habe dann entschuldige bitte, aber ich habe den magischen Knigge noch nicht vollständig studiert.“ Adam grinste.

„Ein Knicks ist nicht nötig.“ Seine Stimme klang dunkel und warm und er war auf einmal noch näher bei mir, zu nah. Ich holte keuchend Luft, während ich genau die Wärme seines Oberschenkels an meinem spürte. „Wie geht es dir? Jetzt, wo du alles erfahren hast?“ Er sah mich neugierig an und ich war froh, dass mich heute zum ersten Mal jemand fragte, wie ich damit zurechtkam, dass die Welt für mich nicht mehr dieselbe war.

„Ich bin ziemlich durcheinander“, gestand ich.

„Das ging mir am Anfang auch so.“ Er nickte mir aufmunternd zu.

„Schlimmer war der Moment im Juli, du weißt schon der Tag der Party.“ Ich sah ihn an. Sein Blick verfinsterte sich.

„Dieser Tag hat meine ganze Welt mehr auf den Kopf gestellt als der heutige.“ Und das lag nicht nur daran, dass ich erfahren hatte, dass ich seit meiner Geburt mit Magiern zusammenlebte und selbst einer war. Die Erinnerung an Adams verzweifelte Umarmung gehörte zu den schönsten und zugleich schmerzvollsten Erinnerungen, die ich hatte.

„Mittlerweile“, fuhr ich fort, „habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, dass mein Leben einen ganz anderen Lauf nimmt, als ich noch vor wenigen Wochen dachte. Ich freue mich auf die magische Welt.“ Ich lächelte, als ich an die vielen aufregenden Dinge dachte, die in Tennenbode vor mir lagen.

„Das kannst du. Die Macht über die Elemente zu haben, ist eine beeindruckende Fähigkeit.“

„Wann hast du davon erfahren?“

„Ehrlich gesagt viel zu früh.“ Adam runzelte nachdenklich die Stirn, als er sich erinnerte. „Meine Eltern haben mich eingeweiht, als ich etwa zehn Jahre alt war. Da schon immer klar war, dass ich sehr zeitig zur Schwarzen Garde gehören würde, war es nötig, mich mit allen Gefahren zu konfrontieren. Ich bin im Prinzip mit diesem Wissen aufgewachsen, aber an den ersten Tag, an dem mein Weltbild auf den Kopf gestellt wurde, erinnere ich mich noch heute.“ Adam lächelte. „Meine Brüder haben allerdings schon vorher allerlei Unsinn veranstaltet. Ich war irgendwie schon darauf vorbereitet, dass es eine andere Erklärung dafür geben muss, dass es manchmal im Wohnzimmer schneite, außer der kaputten Klimaanlage.“

„Das war Torin, oder?“ Ich lachte.

„Genau.“ Adams Lächeln war so unbeschwert, dass ich ihn einfach nur fasziniert betrachtete. Er erwiderte meinen Blick und war mit einem Mal ernst.

„Du hast mir gefehlt.“ Er sprach leise und ich musste genau hinhören. Aber ich hatte mich nicht getäuscht. Er hatte mich vermisst, genauso wie ich ihn.

„Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein.“ Er sah zu Boden und einige Strähnen seines dunklen Haares rutschten nach vorn. Es musste sich weich anfühlen, ich sah den sanften Schimmer des Feuers auf den Wellen.

„Doch, es ist gut, dass du hier bist, denn du hast mir auch gefehlt.“ Schnell holte ich Luft. Sollte ich mehr sagen oder vertrieb ich ihn, wenn ich ihm gestand, wie stark meine Gefühle für ihn waren?

„Du solltest mich doch vergessen!“ Er sah mich mit einem gequälten Lächeln an und wandte sich mir mit seinem Oberkörper zu. Er war jetzt so nah, dass ich nur eine kleine Bewegung machen musste, um ihn in meine Arme zu ziehen. Sein Duft stieg mir in die Nase, es war ein Gemisch aus Leder und frischer Luft, eine betörende, männliche Mischung.

„Deswegen bist du hier, um mich daran zu erinnern?“, fragte ich und holte tief Luft. Der Geruch kam mir so vertraut vor. Wie konnte das sein?

„Nein, deswegen nicht. Ich weiß auch nicht, weswegen ich hier bin.“ Adam schloss die Augen. Doch dieses Mal, wollte ich nicht, dass er sich wieder zur Ordnung rief und sich verschloss.

„Ich kann dich nicht vergessen“, flüsterte ich ernst. „Warum bist du sonst hier, wenn es dir nicht genauso geht?“, fragte ich vorsichtig.

„Ich war jeden Abend hier.“ Er sah mich an. Dabei berührte seine Hand zufällig meine. Ein Schauer lief mir über den Arm. „Ich habe von oben nach dir geschaut, damit ich sicher sein konnte, dass du unversehrt bist.“ Ich riss die Augen auf. Er war der geheimnisvolle Flieger am nächtlichen Himmel gewesen? Tat er das, weil es seine Aufgabe war oder weil er mich mochte?

„Du weißt jetzt von der Bedeutung der Schwarzen Garde und auch von den Patriziern und den Plebejern?“ Sein Daumen strich über meinen Handrücken. Ich nickte und fragte mich, worauf er hinauswollte. „Du weißt also, dass es völlig aussichtslos ist, wenn wir uns ineinander verlieben.“

Verlieben? Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Nein, es ist nicht aussichtslos!“, flüsterte ich panisch und mit einem Male wurde mir etwas klar. Meine Mutter und ihr Kampf gegen diese verflixten Gesellschaftsregeln würde auch zu meinem Kampf werden müssen, ob ich wollte oder nicht und so Leid es mir tat, was das anging, musste ich Senator Gustav Johnson vor den Kopf stoßen, genauso wie meiner Großmutter. Ich würde mein Erbe antreten.

„Du kennst die Konsequenzen, die einem Magier drohen, wenn er gegen den Eid verstößt.“ Adams Stimme hatte wieder diesen verzweifelten Klang, der mich verrückt machte. Mit einem Mal drückte er meine Hand ganz fest.

„Ja, aber ich weiß, was ich möchte“, erwiderte ich, während ich in seine tiefblauen Augen sah, in denen ich die Sterne zu finden meinte, die ich am Himmel vermisst hatte.

„Gut, es ist besser, wenn wir uns an die Regeln halten“, sagte er entschlossen, doch er wandte sich immer noch nicht von mir ab. Ich versuchte, etwas in seinen angestrengten Gesichtszügen zu erkennen, was Hoffnung versprach.

„Nein“, sagte ich sanft. „Nicht wir müssen unsere Gefühle ändern, sondern diese Gesellschaft muss sich endlich ändern. Das einzige, das wichtig ist, ist das, was du spürst, wenn du vergisst, dass es die magische Gemeinschaft mit all ihren Vorschriften gibt?“ Ich sah ihn fragend an. Adam seufzte schwermütig, doch dieses Mal ließ ich nicht locker.

„Bitte, nur einen Moment. Vergiss alles! Stell dir vor, es würde nur mich und dich geben!“ Meine Stimme war nur ein sanftes Klingen. Adam zögerte lange, dann öffnete er die Augen. Dieses Mal hatte ich den Kampf für mich entschieden. Mein Blick verlor sich in dem dunklen Blau. Es war, als wenn ich ihm bis auf den Grund seiner Seele sehen konnte und ich sah darin mich und das warme Gefühl in meinem Bauch bestätigte mir, was ich schon seit einiger Zeit vermutet hatte.

„Ich liebe dich!“, flüsterte er. „Ich liebe dich schon so lange. Ich hatte gehofft, es vergeht, wenn ich mich mit anderen treffe oder mit meinen Eltern das Land verlasse, aber ich habe dich jeden Tag geliebt, selbst als ich nicht bei dir sein konnte.“ Er hob seine Hand und streichelte meine Wange. Bei seiner Berührung durchzuckte mich ein Begehren, wie ich es noch nie gespürt hatte. „Als ich wieder hier war, wurde es noch schlimmer. Ich wollte nur noch in deiner Nähe sein, obwohl ich genau wusste, dass es nicht richtig ist.“

„Wie soll etwas falsch sein, wenn es sich so richtig anfühlt?“, fragte ich.

„Wir dürfen nicht zusammen sein. Du bist einfach nicht für mich bestimmt und das müssen wir akzeptieren. Wir können nichts an dieser Situation ändern. Du bist Plebejer und ich bin Patrizier. Obwohl sich meine Gefühle für dich wahrscheinlich niemals ändern werden. Ich weiß zwar noch nicht, wie ich es schaffen soll, das zu ertragen, aber bisher musste es auch funktionieren. Tag für Tag, Stunde für Stunde.“ Adam sah ernst durch mich hindurch. „Obwohl es immer schwerer wird, je näher du mir kommst.“ Ein zartes Lächeln schlich sich in sein Gesicht und mir wurde warm. Wie ein Sonnenstrahl schien es in mich hinein.

„Was wäre, wenn dies die letzte Stunde wäre, die wir auf dieser Welt hätten?“, flüsterte ich. Adam sah mich überrascht an und überlegte. Seine Augenbrauen zogen sich ein wenig zusammen, dann glättete sich die kleine Falte auf seiner Stirn wieder. Er näherte sich mir, bis seine Lippen federleicht meine berührten. Ganz zart und sanft war sein Kuss. Ich spürte die Energie zwischen uns, warm, stark und richtig und ich genoss den Moment der Schwäche, den sich Adam erlaubt hatte mit jeder Faser meines Körpers. Er zog mich ganz in seine Arme und ich schlang meine Hände um seinen Nacken. Was gab es schöneres auf dieser Welt als diesen Moment? Eng umschlungen schien die Zeit für einen Moment stillzustehen. Adams Kuss wurde intensiver, er öffnete seine Lippen und seine Zunge liebkoste meinen Mund. Mir wurde schwindelig, als mich ein berauschendes Glücksgefühl erfasste. Verzweifelt drückte ich mich noch enger an ihn.

Doch dann löste sich Adam von mir, ich spürte die Wärme seiner Berührung auf meiner Haut brennen.

„Entschuldige!“

„Wofür?“, keuchte ich noch immer benommen.

„Das hier bringt dich in unglaubliche Gefahr.“

„Nein, das ist nicht wahr“, protestierte ich reflexartig.

„Ich will dich nicht ins Verderben stürzen. Es darf nicht meine Schuld sein. Entschuldige“, beeilte sich Adam zu sagen und ich wusste, dass der Moment endgültig vorbei war. Er sprang auf und brachte Abstand zwischen uns.

„Wie konnte das passieren?“, fragte er verzweifelt. „Vergib mir! Bitte vergiss mich! Ich muss gehen.“ Sein Gesicht hatte sich verschlossen. Eilig und ohne noch einmal zurückzusehen, breiteten sich scheinbar aus dem Nichts seine Flügel aus und er verschwand in der Nacht, noch ehe ich ein Wort sagen konnte. Ich blieb zurück mit Tränen in den Augen und dem Wissen, das mir das Unglaublichste in meinem Leben passiert war. Ich wusste endlich, dass Adam mich liebte und dieses Gefühl war durchdringend hell und warm. Aber er wollte unserer Liebe keine Chance geben und alles nur wegen der Schwarzen Garde und diesem verdammten System aus Oberschicht und Unterschicht. Waren das wirklich die einzigen Gründe für seine heftige Reaktion? Ich wusste es nicht, aber eines wusste ich mit Bestimmtheit. Ich würde ihn nicht aufgeben, niemals.

Koenigsblut - Die Akasha-Chronik
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